Die Jungfernfahrt der „Christabelle." 14] Roman von Alfred Karl.
„Nach deiner Ansicht bin ich doch ein Mörder, Reta Kind?"
Sie fällt in Hilflosigkeit zurück — Röte fliegt über ihre Wangen — angelegentlich starrt sie aus dem Wa. gen auf dos Panorama von Therapia, das jetzt schon wieder zu ihren Füßen halb im Rücken liegt. . .
Al wendet ihr Gesicht mit sanfter Gewalt dem sei- nen zu.
„Ich bin dir ja nie böse gewesen, Reta — im Gegenteil, die Geschichte hat mir unbändigen Spaß gemacht — aber ich verspreche dir, ich nutze es nicht weiter aus und sage nichts mehr. Hier nimm erst mal eine Zigarette . . . na, was wolltest du wissen, Mädel?"
„Du bist also der Privatsekretär von Althaus — ich denke, du bist Ingenieur?"
„Warum soll ein mächtiger Konzernmann wie Llt- haus, der allerhand große Werke leitet, nicht einen In- genier zum Privatsekretär haben . . .?"
„Und dann fährst du in der Luxuskabine und er maskiert sich als Amerikaner — komische Gesellschaft müßt ihr sein!"
„Ra, ich will dich nicht länger auf die Folter spannen. Also sein Privatsekretär bin ich erst seit ein paar Minuten. Er geruhte mich vorher im Tokatlian dazu zu ernennen und vergaß zu fragen, ob mir diese Ernennung paßt — ich habe den Mann zuerst auf der „Christabelle" als Herrn Walker kennengelernt und ihn genau so für einen Jabkee gehalten wie du und die ganze übrige Gesellschaft."
Mit zorniger Bewegung wirft sie ihre Zigarette aus dem Wagen. „Wirst du mir jetzt endlich bald eine ver- nünftige Antwort geben?"
„Heiratest du mich sonst nicht, Reta?"
„Sollte mir einfallen — ich denke überhaupt nicht daran!"
„Aber bitte, Mädel, dann frag doch — ich weiß offen- gestanden nicht recht, worauf du hinaus willst!"
„So, das weißt du nicht. . .? Also bitte: Wer bist
du nun eigentlich — und was bist du vor allen Dingen?"
„Gestern glaubtest du das so genau zu wissen!"
„Ich steige jetzt mitten auf der Landstraße aus, verlaß dich darauf!"
„Aber, Mädel, ich bin der Ingenieur Al Fellnor aus ^agte b'r' glaube ich, am ersten Tage. Augen- blicklich habe ich keine Stellung, wollte mir nach meiner Rückkehr eine neue suchen — das scheint ja nun über- uusi'g zu werden, die Chance hat sich aus der „Christabelle gezeigt — du hast ja wohl inzwischen gemerkt, ich habe sie nicht ausgelassen . . ."
Reta geht es hier im Augenblick nur um Al Fellnor — mchr um die ungeklärten Geheimnisse, aus denen diese Chance bestand. „Dann muß ich dir sogen, lieber Al, daß du ein unerhört leichtsinniger Bursche bist: eine Stellung hast du also nicht — und trotzdem machst du es nrcht unter der Luxuskabine!"
„Die hat nichts gekostet, Reta . .
„Bitte keinen Schwindel!"
„Mein Ehrenwort: Keinen Pfennig hat sie mich gekostet!"
„Also hast du vorhin gelogen — dann kann dich nur Althaus hineingesetzt haben!"
„Hat er auch, Retachen!"
„Na bitte — ich denke, du kanntest ihn nicht. .
„Nie vorher gesehen, Mädel."
„Du ... ich steige glatt aus!"
„Wart noch eine Minute — vielleicht tust du's dann wirklich! Heiratet man überhaupt einen stellungslosen Ingenieur?"
„Frechheit — wenn man einen Hundescher-Salon aufgemacht hat, riskiert man wohl auch das!"
„Na, vielleicht hast du mich aber auch für Althaus gehalten, wie einige andere Leute auf der „Christabelle"!"
„Für einen stellungslosen Ingenieur sicher nicht — erinnere dich bitte nur, wie du mit dem Kapitän umgesprungen bist!"
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 67
NILS
20, März.
Karwoche.
Eine Trauer langsam schreitet, hemmet alle frohen Dinge.
Wenn ich bang ein Liedchen singe, es mir stille Pein bereitet.
Eine Trauer leise weinet von den Kreuzen und Altären. Muß ich sie in mir vermehren, bis mein Herz vor Leid versteinet?
Eine Trauer endlos klaget laut in letzter Leidenswoche. Großes Herz der Kirche poche, daß mein kleines nicht verzage.
Margaret Hohmann.
Gethsemane-Seelen.
Den Tabor möchte jeder gerne erklimmen. Es sonnt sich so schön in den Strahlen der Gottesnahe. Und wäre es auch nur dis Menschenferne! Die Welt ist ja vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual ...
Wo ihn aber die Qual hinsührt, da ist GethseiMne. Es liegt abseits vom Strome des Alltags. Der Bach Cedron murmelt verschwiegen vorbei, verrät nicht, daß schon große Sünder den Weg dahin gegangen sind: denn „Gethsemane" ist nicht der rasende Berg des Leidens, des offenen Duldens und Siegens in den Augen einer Welt. Gethsemane ist noch nicht Golgatha.
Nach Gethsemane gehen alle, die an einer Schuld in der Tiefe der Seele leiden, die mit sich selbst verfeindeten, zerrissenen Seelen, die müden, verzweifelten. Alle, die ihr besseres Ich gegen sich s^kst aufstehen sehen, alle, die den faden Geschmack der Sünde noch auf den Lippen haben.
Gethsemane-Seelen gibt es mehr unter uns, als man glauben möchte. Nur fürchten sich viele vor diesem Gang. Das Schweigen ist so laut. Das Dunkel der Nacht so hell, die Einsamkeit so unerträglich drückend.
So klammern sie sich an den schäumenden, rauschenden, berauschenden Alltag, an die Menschen, an das Gequirl ringsum. Nur sich selbst wollen sie los fein, nur nicht denken, nur nicht zur Besinnung kommen! —
Gethsemane liegt indes in stiller Einsamkeit. Die alten Oelbäume stehen geduldig und warten. Sie wissen, daß man ihren Balsam braucht für brennende Wunden, — ein Häuflein ernster Männer naht dem offenen Gartentor.
Einer tritt herein und läßt seine Freunde draußen.
Da geht ein Raunen und Tuscheln durch die Kronen der Bäume : „Das ist ja . . ."
Sie hören das Seufzen und Klagen. Da liegt er zu ihren Füßen, ein Wurm und kein Mensch. Ein Gott, der unter der Sündenlast seiner Geschöpfe zusammenbricht. Und die wenigen Freunde — sind eingeschlafen!
Aber seine Feinde wachen.
Es ist das Schicksal des Verfolgten, daß die Freunde schlafen.
Selbst die Nacht, seine Nacht verbündet sich gegen ihn, damit die Feinde leichtes Spiel haben, sich ungehindert zusammenrotten können, um ihn zu verderben.
Einer naht sich mit grinsender Freude in den Augen: Der Tod. Die Angst vor ihm treibt blutigen Schweiß aus seiner Stirn. Ein Seufzer entringt sich seiner gequälten Seele. „Herr, wenn es möglich ist, . . . doch nicht wie ich will!"
Das ist der Sieg des Ueberwinders: Die Befreiung vom Ich in der Hingabe an das Du, die Ergebung in den Willen des anderen, die Erlösung von sich selbst. Der Vater nimmt das Opfer des Sohnes für die Menschheit und schickt ihm seinen Engel . . .
Gethsemane, wer Tränen in dir sät, findet die Kraft zum Wege nach Golgatha. Dr. Keulers.
Ns die Glocke von Sl.peler wieder lönl...
Im allgemeinen fallen die Karwoche und das Osterfest in Rom mit der Hauptfremdenfaifon zusarn- men. In diesem Jahre kann man allerdings jetzt schon sagen, daß der Fremdenbesuch einen bisher unerreichten Tiefstand hat und haben wird. Nach den zahlreichen Pilgerfahrten im Heiligen Jahr und anläßlich des Fran- ziskus-Iubiläums, die einen Höhepunkt im Fremdenverkehr brachten, wie ihn Rom noch kaum erlebt hat, versiegte der Pilgerstrom fast unvermittell, und heute gehören Pilgerzüge zu den Seltenheiten, oder sie bestehen doch nur aus wenigen Personen. Und auch der sonstige Reiseverkehr ist fast gleich Null. Die Hotels klagen, die Fremdenführer klagen, die Bettler klagen, soweit sie dem strengen Regiment Mussolinis nicht zum Opfer gefallen sind, und die Straßenhändler jammern jedem, der es hören will, ihr „banctrotta, bancarotta" vor.
Erfahrungsgemäß allerdings verzögern bei so frühem Ostertermin die Fremden ihre Reise bis nach dem Fest: denn es hat sich die Meinung herausgebildet, daß die Zeit vor Ostern für Rom eine „stille Zeit" fei, in der „nichts los sei". Etwas Wahres ist daran. In der Passionszest sind die vatikanischen Museen und Galerien geschlossen, die Bilder in den Kirchen sind ver- hängt, die Glocken schweigen, etwas Gedämpftes liegt über der Stadt, das in einem seltsamen Widerspruch zu dem Prangen und Leuchten des Frühlings steht. Wer aber nicht nur das Rom sucht, wie es im Bädecker steht, wer das kirchliche und das Volksleben Roms kennen lernen will, der hat gerade in der Fastenzeit, zu- mal in der Karwoche, die beste Gelegenheit dazu.
Einer der wundervollsten römischen Frühlingstage geht seinem Ende zu. Die letzten Sonnenstrahlen liegen rot auf der alten düsteren Engelsburg und suchen ihren Weg über die Trümmerfelder der römischen Ruinen. wo zwischen Schutt und halbgeborstenen Säulen Lorbeerbüsche stehen und Myrrhen den verwitterten Stein umschlingen. Auf einem kaum noch erkennbaren Pfad zieht über diese Ruinen eine Prozession dahin. Ein kahles Kruzifix wird vorangetragen, Priester m allen möglichen Ornaten folgen, Fratres schreiten da
hin in Ordensgewändern, die verschiedenen Nationalkollegs haben ihre Vertreter entsandt, darunter auch die des germanischen Kollegs, die durch ihre grellroten Ta- Ve auffallen, und dahinter folgen große Menschenmengen in all der Buntheit und Verschiedenheit der römischen und italienischen Trachten. Man tritt in einen Raum ein, der ehemals eine Kirche gewesen ist, jetzt aber diesen Charakter nur noch durch die mit einigen Oelflämmchen und Kerzen besetzte Martyrergrust verrät, unter dem ehemaligen Hochaltar. ' Die Psalmen der Komplet werden im Wechselgesang vorgetragen, das Salve Regina ertönt, und die Prozession verläßt die Stätte, die nun vielleicht ein ganzes Jahr lang keine liturgische Handlung mehr sieht, bis sich im nächsten Jahre am selben Tag der Fastenzeit der nämliche Vorgang wiederholt. Unter dem Gesang der Allerheiligenlitanei kehrt sie in die Kirche zurück, von der sie ihren Ausgang genommen hat.
Dies sind die uralten „Stationen", die heute noch im römischen Meßbuch verzeichnet sind. Ad S. Scannern in Laterano, ab S. Priscam, ab S. Mariam maiorem — bie letztere die bekannteste unb wohl älteste Kirche Roms — sind einige dieser „Stationen", zu denen in uralter Zeit der Papst und die Kardinäle in Buß- kleidung an jedem Tag der Fastenzeit hinzogen. Und wenn die hohen kirchlichen Würdenträger heute auch nicht mehr daran teilnehmen, das Volk beteiligt sich roch eifrig daran; für viele sind diese Prozessionen untrennbar mit dem Begriff der Fastenzeit verbunden. Inbrünstig klingt bie Anrufung der Heiligen über bie Ruinen hin — ba, wo ber Fuß ber Vetenben unb Sin- genben hintritt, ist der Boben ja von ihrem Blute getränkt worben ober haben ihre irbischen Ueberrefte ihre Ruhestätte gefunden.
Auch Rom bat feine Passionsaufsührungen. In Zwei Theatern, dem Teatro Manzoni für das Volk, unb bem Teatro Metastasio für bie künsterlisch an- Ipruchsvolleren Kreise, wirb bie Passion aufgeführt. Segen ein ganz geringes Entgelt von wenigen Cente- simi finben hier alle Einlaß, unb bie Theater finb zu teber Dorstelluna fnft r»Fu»i4ürft s»u„, fl'tnrt
stellung verläuft anbers als etwa ein Pafsionsspiel in Oberammergau. Nicht in Schweigen unb tiefer Ergriffenheit, in bem Bewußtsein, einem bloßen Schauspiel beizuwohnen, lassen bie Zuschauer bie Hanblung an sich vorüberziehen. Nein, für bas lebhafte italienische Volk ist bas alles Leben, Wirklichkeit. Sie halten es mit Petrus unb möchten am liebsten breinhauen, wenn ihrem Christus ein Unheil wiberfährt. „Recht so, recht so!" schreien sie, wenn Petrus bas Schwort zieht. Sie erheben sich in Heller Entrüstung, sie brohen mit ben Fäusten, wenn Herodes ben Heilanb verspottet, unb schwören ihm Rache. Unb bie stark vertretene Polizei hat mitunter Mühe, einen besonbers Eifrigen bavor zurückzuhalten, baß er auf die Bühne stürzt, um der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. An einem Punkt ber Hanblung aber kann keine Polizei es ihnen verbieten, ihre Meinung zu sagen: „Wen wollt Ihr, baß ich Euch losgebe, Barrabas ober Christum?" Dann braust ein einziger Schrei burch bas Theater, „Christum! Christum gib uns las!" unb ber Ruf „Den Barrabas!", den ber Chor auf ber Bühne programmäßig auszu- stoßen hat, geht unter in bem Geschrei ber Menge.
Der größte Teil ber Bewohner Roms aber erlebt bie Passion in ben Kingtheatern, bie die ganze Karwoche hindurch kaum etwas anderes als Szenen aus bem Serben Christi bringen, ober doch andere ernste unb verwandte Sujets. Auch hier bie leidenschaftliche Anteilnahme unb Tränen bes Schmerzes unb ber Rührung.
Etwas für Rom Eigenartiges finb die Lichtspiele im Freien, die von einer städtisch und staatlich unterstützten Gesellschaft veranstaltet werden. Besondere Kinowagen ziehen von Stadtteil zu Stadtteil und lassen an Wänden und Mauern ihre Bilder aufleuchten. Meist wird zunächst ein Kinostück gegeben, — nicht selten sentimentale, romantische, auch kitschige Kost, aber immer moralisch einwandfrei und in gewisser Weise auf Erziehung berechnet, unb bann eine Wochenschau, die politische Wirkungen erstrebt, freilich nicht in plumper unb aufbringlicher .sondern in unauffälliger Form. Sehr oft erscheint bas Bild des Duce, das die Menge dann immer stürmisch begrüßt. Die Kinos im Freien vermeiden natürlich Passionsdarstellungen.
Zu keiner anderen Zeit sieht man die Massen der römischen Bevölkerung so in Bewegung, wie in der Karwoche, entwickelt sich fo deutlich das römische Volksleben. Wenn wir von der „stillen Woche" sprechen, so ist diese Bezeichnung für Rom eigentlich unangebracht. Aber man darf daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Diese Unruhe ist ja nur durch die starke äußere Beteiligung an dem kirchlichen Leben unb seinen Ausstrahlungen bebingt, wie sie besonders auch ber Karsamstag, ber ben Abschluß ber Fastenzeit bringt, sehen läßt.
Später als sonst kommt am Karsamstag bas Leben in Fluß. Die Straßenhänbler zögern, die Geschäfte werden sorgsam hergerichtet, die Waren sauber geschichtet, auf einem Tischchen, bas mit weißen Linnen belegt ist, wird oft ein besonbers ausgesuchter Teil ber Waren zurückgelegt, in ihrer Mitte immer bie „Pizza", ber Osterkuchen, dazu eine Menge Eier unb wohl auch bas Osterlamm. Auch in den Privathaushaltungen geschieht bas gleiche.
Dann wartet man, bis gegen 10 Uhr nach langem Schweigen zum ersten Male mieber bie große Glocke von Sankt Peter ertönt. Dunkel unb tief hallt ber Ton über die Stabt. Nicht lange bleibt er allein. Wie mit einem Schlage fetzen alle Glocken ber ewigen Stabt, Taufende an Zahl, ein, ganz Rom schwingt unb tönt im Rhythmus seiner Glocken. Sie fingen bie Auferstehung bes Herrn! Und bann öffnen sich die Tore ber Kirchen, unzählige Priester in ihren Ornaten gehen hervor, treten in bie Geschäfte, bie Häuser, segnen im Vorübergehen bie Stänbe ber Straßenhänbler unb rufen überall Gottes Segen auf bie Oftergaben herab unb besprengen sie mit bem neugeweihten Dfterroaffer. Eine frohe Bewegung geht durch das Volk, und man nimmt einen Teil des herkömmlichen reichlichen römischen Ostermahles jetzt schon lang vorweg, denn mit bem Glockenfchlag zwölf Uhr ist bie Fastenzeit zu Enbe.
Zum letzten Male kommt bas römische Volk am Ostersonntag in Bewegung. Tausenbe und aber Tausende strömen bann nach ber Peterskirche hin, um bie „Suminara" zu sehen, die Illuminierung der Kuppel
ber Peterskirche. Als wären bie Sterne des Himmel» auf bie Kuppel niebergeregnet, fo erstrahlt sie in unzähligen funtelnben Pünktlein. Von welcher Seite man sie auch sehen mag, überall sankest unb glitzert es an ihr. Es ist licht geworben in ber Welt durch die Auferstehung Christi — diese Wahrheit will sie verkünden, und sie trägt sie im Osten bis zu den Sabinerbergen, von wo aus man sie noch wahrnehmen tenn, unb im Westen bis an bas Meer, wo sie bem Schiffer auf hoher See erscheint. Dies ist ber Augenblick, ba ber Römer mit feinem ganzen Bewußtsein unb in geradezu trunkener Begeisterung bie meltumfpannenbe Bedeutung feiner Stabt erfaßt, bes „ewigen Rom". Auf allen Plätzen unb in allen Gassen ber Umgebung stehen bie Massen bichtgerlsängt unb können sich am granbiofen Bilb nicht sattsehen. Unb erst wenn bie Lichter broben erlöschen unb bie Kuppel ihre Umrisse in bem bunflen Nachthimmel verschwinden läßt, dann verlieren sich die Menschenmassen, bann ist bie „große Woche" wieder einmal zu Ende.
Am nächsten Tage — der Ostermontag ist in Rom kein gebotener Feiertag mehr — ist Rom wieder zum Alltag zurückgekehrt. Die Museen öffnen sich, bie Straßenhänbler jammern ihr „bancarotta, bancarotta" — ber Frühling aber grünt unb blüht ohne Unterlaß, als wäre immer noch Feiertag. P. Waßner.
Die Beweinung Christi.
Von Theodor Vogel.
Die Leinwand ist gespannt, die Kohle ^hat in sicherer Linie die Umrisse aufgezeichnet, ber ^Lehrling hat die Farbe gerieben, unb nun wartet bas Werk ber Hanb des Meisters.
Er ist sehr alt geworden und müde, ber Meister. Er fühlt sich wohl, unb ber Medikus, ben er neulich um Rat gefragt hat, wirb ihm sicher nicht bie volle Wahrheit gesagt haben. Die Brust atmet so schwer unb bie Luft brückt, und wenn bas Werk nicht märe, bas er noch vollenben muß, — er wollte Frieben begehren.
Schwer unb breit legt sich fein Pinsel auf bie Sein» wanb. Noch ist nichts zu erkennen, noch steht bie Form nur vor feinem Auge. Ader fein Gebaute wirb Gestalt werben, er muß Gestalt werben, unb jeber neue Tag vor ber Arbeit ist neue Lust am Werk.
Freilich auch neue Qual. Die Brust schmerzt, oft wird es ihm dunkel vor ben Augen. Ader er muß sich aufrecht halten. Noch einmal finbet er ben Weg zum Mebikus. Unb hart unb streng begehrt er Antwort. Aber schon bevor er sie hort, weiß er um das Urteil, das über fein Leben gesprochen ist.
Nur Tage noch unb Wochen gibt ihm ber Heilrnei- fter. Verbraucht ist bie Kraft ber atmenben Brust, sorgsamste Pflege unb geruhiges Leben bedeuten kurze Frist, nicht aber mehr.
Der Meister hort es unb nickt. Er bankt bem Mebikus, geht langsam unb versonnen heimwärts. In ben Gassen lacht der Sonnenschein, auf ben Wällen grüßt ber Frühling. Vogelfang ist in ben Zweigen, unb wenn ber Winb durch das Gebüsch zieht, bringt er herbe Kraft des Wachsens unb Werdens mit. Der Der Meister spürt nichts davon, er schreitet tief in Gedanken und unberührt dahin. Nicht Abschied, nicht Sehnsucht nach Leben, nicht Leid und Trauer bewegen ihn: eines nur erfüllt ihn: fein Werk.
Das weih er, daß Farbe unb Gewalt unb Leiben- schaft noch auf bie Leinwanb gebannt werben müssen, unb baß sein armselig Nestchen Leben ihm gegeben ist zur Vollenbung.
Christi Verneinung — stark muß er ben Tob malen unb ber Menschen Ohnmacht vor ihm. Stark aber muß er auch zeigen, baß ber Tod nichts anberes ist denn bas Tor ber Unsterblichkeit: Christus hat sterben müssen, damit die Welt genese unb bie Erlösung sich vollende. Auch er, ber Meister Matthes, muß sterben unb fterbenb noch vollenben.
So sitzt unb steht er vor bem farbigen Sinnen, Tage zuerst, bann sind es nur noch Stunben, zuletzt nur noch schmerzhafte Augenblicke. Seine Gesellen müssen ihn halten, müssen seinem Weib wehren, wenn es ihn hindern will. Pein und Not bes eigenen Leidens wirb ihm 3um Bilb. Grausiger unb glutvoller hat er nie zu
„Umgcfprungen? Wieso?"
„Erlaube mal — finb vielleicht bie anberen Passagiere auf bie Kornmanbobrücke geklettert, roenn’s ihnen in ben Kopf kam?"
„Der Mann hat sich an mich herangemacht, nicht ich an ihn — außerbem werbe ich mir wohl leisten können, mir mal bie Kommanbobrücke anzusehen, wenn ich eine Luxuskabine bewohne!"
„Ich bente, bie hat nichts gekostet!"
„Das wußte Herr Lebram boch nicht!"
„Wie bitte — bas wußte er nicht . . .? Willst bu endlich Farbe bekennen oder nicht — sonst bringst du mich noch auf die Idee, daß du das Schiffsbillet auf irgendwelchen bedenklichen Wegen ergattert hast!"
„Bedenklich weniger, Reta-Kind — aber immerhin ungewöhnlich: Ich habe es nämlich durch ein Preisausschreiben gewonnen!"
Mit einem Ruck fährt Reta zu ihm herum — jäh aufflammende Hitze sprüht aus ihren Augen — ihre Hand zuckt durch die Luft feinem Gesicht entgegen und schnellt erst im letzten Moment wieder zurück.
Eigentlich hättest du ja Prügel verdient — also nein, das ist die größte Unverschämtheit, die mir jemals vorgekommen ist. Durch ein Preisausschreiben hast du es gewonnen — tatsächlich, durch ein Preisausschreiben . .?" Die Hitze ist aus ihren Augen verflogen, unb Lachen bricht aus ihnen hervor. „Ja, weißt bu denn, daß das überhaupt das Allerbeste an dir ist . . .?"
Ihre Arme fliegen um feinen Hals — on Küsse in diesem Moment hätte Al wirklich nicht gedacht . ..
„Hier kann ich eben nicht ganz mit dir mit, Reta — ist bas nun eine Unverschämtheit ober bas Allerbeste an mir . . .?"
Sie schwankt jetzt zwischen Lachen unb Weinen und muß sich erst eine Sekunde sammeln. „Beides, Al, wirklich beides — ich habe die Luxuskabine ja ebenfalls durch ein Preisausschreiben gewonnen!"
„Aber das ist doch entzückend, Mädel — warum hast du mir das nicht gleich gesagt?"
„Unverschämtheit Nummer zwei — warum hast du es verschwiegen?"
„Du hast recht, Retachen — Eitelkeit ist Trumpf, und die Rechnung ist glatt. Also damit du genau Be
scheid weißt. In Köln gibt es ein Magazin — der Verlag gehört Althaus — da habe ich in einem Wettbewerb den ersten Preis, eben eine Luxuskabine gewonnen — ergo, habe ich sie durch Althaus, den ich nicht kannte!"
„Unb ich habe sie durch ein Berliner Magazin — bas gehört ihm übrigens auch — baher meine Luxuskabine auf ber „Christabelle". Ich wollte es bir nicht sagen, Al — ich wußte nicht, wer bu bist — einmal war ich fast soweit, bamals auf bem Areoapag in Athen, unb vorher auch schon mal . . . Aber bu brauchtest boch nicht Versteck zu spielen — bu wußtest boch von allem, vom Hunbescher-Salon . . . nicht wahr . . ."
.Versteck vor bir persönlich, Reta-Kinb — sehe ich so ängstlich aus? Es ist nur im allgemeinen eine kitzlige Sache, vor hunbert Mann auf einen Nimbus zu verzichten, ber nun einmal feinen Reiz hat — weißt bu was, Mäbeft ich glaube, wir schließen bies Kapitel für uns beibe — ich sagte schon, bie Rechnung geht ja auf. Also Schluß bamit — nicht . . .?"
Ihr ist es selbstverstänblich nicht weniger recht, als ihm. Der Taxi hat mittlerweile bie Vororte Cospolis burchrast, sie haben, miteinanber beschäftigt, nicht herauf geachtet, daß sie bas Verkehrsgewühl ber großen Galaka Straße schon mieber umbranbet. Der Chauffeur fährt bis zum Karakoi-Platz, biegt bann links ein unb hält es an ber neuen Brücke, von ber sie zuletzt gekommen finb. Jetzt reißt sie der tolle Lärm des Verkehrs, ber sich über biefe Brücke zwischen Galata unb Stambul wälzt, boch aus ihrer Versunkenheit. Mit ihren Kuppeln unb Minaretts grüßt bie Jeni Walibe vom jenfeUigen Ufer bes Golbenen Horns herüber, als unzerstörbares Sinndilb bes orientalischen Märchenzaubers der uralten Stadt, ben ihr alle energischen Reform-Diktate bes Ghafi wohl niemals werben rauben können . .
Sie lassen kurze Zeit verstreichen, bevor sie aus bem Taxi klettern, unb geben sich bem fremben Reiz des packenden Bildes hin . . .
„Jetzt kann ich dir Cospoli doch noch heute zeigen, Reta, wenn du magst — lassen wir jetzt Althaus und Reus Pascha — morgen werden wir ja alles erfahren — und lassen mir auch die „Christabelle" ruhig am ©a- lata-Kai liegen — bis zum Abend können wir noch in