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Beilage zur Fuldaer Aeituug

NILS

20 März

♦Sv.

Palm-Sonnlag.

(Eingangslieb (Pf. 21, 20 und 22.)

Herr, laß deine Hilfe nicht fern fein von mir; schau, mir ?,u helfen. Entreiße mich dem Rachen des Löwen, den Hörnern der Büffel mich Armen. (Pf. ebd. 2). Sott, mein Sott, sieh mich doch an; warum hast du mich verlassen? Meine Sün­den reden gar sehr wider mein Heil. Herr laß deine Hilfe

Epistel (phil. 2, 511).

Brüder! Seid so gesinnt wie Christus Jesus. Da ihm die Sottesgestalt eigen war, hielt er es für keine Anmaßung, auch Sott gleich zu sein. Aber er entäußerte sich selbst, nahm Knechtschaft an, wurde den Menschen gleich und im Aeußern wie ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode am Kreuze. Darum hat Sott ihn auch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit im Namen Jesu jedes Knie sich beuge derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind; und jede Zunge soll bekennen, daß der Herr Jesus Christus thront in der Herrlichkeit Sattes, des Vaters.

Jesu Einzug.

Pelrachlung für den Palmsonntag.

Es ist etwas Feierliches um die Palmsonntag- Prozession. Der Priester steht draußen und pocht mit dem Holz des Kreuzes gegen die Kirchentür. Innen und außen wechseln die Gesänge. Und dann wallt unter feierlichem Jubel die Prozession herein.

Aber das Klopfen an die Kirchentüre erhält erst seinen rechten Sinn, wenn du es ebenso an dei­nem Herzen klopfen hörst. Christus will herein. Es liegt bei dir, ihn einzulassen und dich ihm zu verschließen. Welcher Christus, der triumphierende oder der leidende?, könntest du fragen. Beide, sage ich dir, beide wollen zu dir ins Herz. Denn Freude und Leid gehören an diesem Tage zusam­men. Die Augen des Heilands, die über Jeru­salem weinten, sind noch umflort, sie haben Teil an der Freude des Einzugs. Und bei uns nicht minder.

Sicherlich hast du schon einmal darüber nach» gedacht, wie es wäre, wenn wir das wirkliche E h r i st e n t u m hätldii. Ich nehme an, daß du nicht zu denen gehörst, die sich gleich entrüsten, wenn ich einmal den Besitz unseres Christentums in Frage stelle. Nicht nur bei den anderen, son­dern auch bei dir und mir. Sieh einmal an: am Gründonnerstag begehen mir wieder das Gedächt- nis des sich für uns Menschen dahingehenden Chri­stus. War die Kreuzigung eine Hingabe an das

I ganze Menschengeschlecht aller Zeiten, so ist die heilige Communio, die Vereinigung, eine Hin» gäbe an jeden Einzelnen. Das ist die Größe der göttlichen Liebe. Nur unermeßliche Lieb« vermochte ein solches Einswerden mit dem Menschenherzen auszudenken. Durch die Vereinigung mit dem brot­brechenden Heiland haben wir teil an der gött­lichen Liebesgemeinschaft, die die Gemeinde um­fassen soll.

Liebe verpflichtet. Und der durch Christi Liebe also genährte Christi ist durch Christi Ein» z u g eigentlich m i t o e r ro a n i> e 11. Ans dem gehetzten Mensch der Erde ist ein befriedeter ge­worden. Und alle, die mit an der Tafel Christi gesessen haben, sind als Tischgenosten Brüder ge­worden. Wir verstehen, weshalb ehedem die Chri­sten alle in der Messe zum Tisch des Herrn gingen. Das Opfer des Priesters sollte jeden körperlich und seelisch mitumschließen. Dieser Einzug Jesu in die Herzen aller hat and) seine menschliche Auswirkung. Das gemeinsam« Opfer führt zum gemeinsamen Schicksal der Gemeinde. Wie Brot und Wein auf dem Altar, so soll auch jedes Herz durch Christus gewandelt werden Wo vorher (Streit und Ent­zweiung herrschte, soll jetzt Friede sein. Der Weg in die Kirche kommt der Gewissenserforschung und Beichte gleich. Deshalb das Sündenbekenntnis am Eingang der Messe. Mit den Einzelnen ist auch nachher die Familie gewandelt. Das ungezogen« Kind wie der sündhafte Erwachsene begegnen sich nachher neu. Das ist Christi ewiger Palmsonntag, sein ewiger Einzug. Und du siehst, daß wir gar nicht am Opfer Christi wirklich teilgenommen ha­ben, wenn wir unverwandelt wieder in den All­tag treten. Wir haben uns dann gar nicht auf- geopfert. Verstehst du nun auch, warum die Au­gen des Heilands beim Einzug in Jerusalem von Tränen umflort waren? Glaubst du, daß es ihm bei uns nicht oft ebenso ergeht, wie damals in Jerusalem wenige Tage später? Das ist Tra- g i k der Siebe: sie gibt sich dahin und wird verschmäht Wie empfindlich sind wir Menschen doch oft! Wie empfindlich für Unbantbarfett! Und doch ist unser Leben meist ein Wechsel zwischen Palmsonntag und Karfreitag ein Hin und Her zwischen Christus und der Welt, zwischen Fried- losigteit und Friede. Und dann wundern wir uns über die Mitmenschen. Auch das ist ein Stück Hei- landsweg, daß man Siebe gibt selbst dann, wenn der Undank desKreuzige ihn" zurückschallt. Chri­stus adelt durch seinen Einzug in Jerusalem auch die Enttäuschung des Alltags. Auch du im Beruf geplagter Mensch sollst darum roiffen, wenn dir dein Beben Fehlschläge bringt. Armes Mütter­lein, meine nicht über deinen Sohn, der dir Kum­mer macht, gehe deinen Weg weiter, wie ihn der Herr selber stets wieder in der Siebe geht . . .

Eine protestantische Stimme

Aber katholischen Gottesdienst.

Die Karwoche bringt uns die Tage der großen 8 i tu r g i e. Der glaubensfrohe und kirchentreue Katholik fühlt sich gedrängt, wenn nickt verpflichtet, daran nach bestem Können Anteil zu nehmen, um sich als lebendiges Glied am Leibe Christi, der Kirche auch nach außen zu erweisen und teilzuhaben am göttlichen Leben, das die Kirche in inniger Verbindung mit ihrem Haupte, dem Gottmenschen Christus Jesus, in gottesdienstlicher Betätigung ihren Kindern vermittelt. Liturgie besagt im religiösen Sprachgebrauche öffentli» chen Gottesdienst, an dem sich dasVolk beteiligt. Liturgie hat demnach auf Seiten der Teilnehmer Gemeinschaftsgeist zur Vor­aussetzung, besagt ein trauliches Zusammengehen des Einzelnen mit seinen Brüdern und Schwestern in Christus, seien diese vornehm oder gering, reich oder arm, gelehrt oder ungebildet, heimisch oder fremdländisch.

Liturgie ist öffentlicher Gottesdienst, den die Kirche gestaltet und veranstaltet. Darum foroert sie bei den Teilnehmern unterwürfige und ver­trauensvolle Hingabe an die Kirche als die weife, große Anbeterin des Allerhöchsten und beauftragte Stellvertreterin des Hohenpriesters Christus. Li­turgie ist nämlich amtlicher Gottesdienst der Kirche. Die Zugehörigkeit zu ihr verpflichtet auch mehr ober weniger zur Anteilnahme an ihren Gottes­diensten. Gegenstanb der Liturgie sind die hei­ligen Geheimnisse, die Heilstätten des göttlichen Erlösers, die sich als solche durch die Amtsharidlun- gen der priesterlichen Kirche immerfort erneuern. Daher hat Teilnahme an kirchlichem Gottesdienste lebendigen, bekenntnisfreudigen Glauben zur Vor­aussetzung.

Der Gebildete, derIntellektuelle", der Aka­demiker, der Mann von Stand und Ruf überlegt in diesen Tagen, ob er sich am öffentlichen Gottes­dienste der Karwoche und der Osterzeit, an der Prozession des Karfreitags, an den Anbetungsstun- ben, an ben Metten, im Kommunionempfang be­teiligen soll ober nickt, vielleicht nickst ohne Furcht, sein Ruf der Aufklärung und feinen Bildung könnte durch solches Zusammengehen mit dem Volke, durch solche Unterordnung seines persönlichen, religiösen Empfindens unter den Sinn und die Autorität der Kirche Einbuße erleiden. Da mag sein Be- fennermut, wenn er schwach ist, belebt werden durch die Tatsache, daß viele aufrichtige Gott- suchende unter den Protestanten von heute laute Klage führen über die Oe de und Leere, ja Lang- weile ihres Gottesdienstes, über die Armut ihrer

Kirche an sinnreichen und weihevollen Formen des religiösen Erlebens.

Die Freunde und Anhänger der sogenannten hochkirchlichen Bewegung blicken voll Bewunde­rung und heiligem Neid auf die alte Mutterkirche und den Reichtum ihrer Frömmigkeitsformen. Da­bei kommt ihnen wie dem verlorenen Sohn in der Fremde der Verlust des väterlichen Erbe schmerzlich zum Bewußtsein. Sie wünschen und ersehnen eine Erneuerung des frühchristlichen reli­giösen Lebens inmitten ihrer Kirchengerneinde, die Zurückbringung des kultischen, katholischen Ge- heirnnisses in den evangelischen Gottesdienst. Eine Stimme aus dem bereits großen Kreis« pro­testantischer Liturgiefreunde läßt sich in einem Sonderhefte der Hochkirche (März-April 1931) vernehmen: Exz. E. v. Igel, die, wie es fckeint, an der Schriftleitung der genannten Zeit­schrift beteiligt ist. Ihr Beitrag ist überschrieben: Warum? Liturgische Gedanken un- ter der Sonne Roms." Darin übt sie frei» mütra Kritik an dem Raub, den Luther inmitten der Christenheit getrieben, indem er viele heilige, altehrwürdige Gebräuche der Kirche verächtlich, als dummen Aberglauben behandelte und in seiner Kirchengemeinschaft als abgetan erklärte. Als Leitsatz dient der Schreiberin der Vers des Pfal- m«s 78, 2:Ich will meinen Mund auftun zu ei­nem Gleichnis, will Verschlungenes hervorströmen lassen aus der Vorzeit."

Wiederholt weilte genannte Vertreterin des evangelischen Adels vor und nach dem Weltkrieg in der Ewigen Stadt. Dort sieht sie an einem sonnigen Sonntagnachmittag auf einem einsamen Sang zwischen den beiden Hügeln des Aventin und des Monte Salto eine Prozession aus dem Kirch­lein Santa Balbina kommen, von Priestern, in Albe" gekleidet, zwischen den Feldern dahinziehen, einsonnenbeglänztes, freundliches Bild". Die Bittprozession gilt dem vom Himmel zu erflehen- den Segen für di« bevorstehende Ernte. Da stellt sie sich die Frage:Ist etwas Unchristlickes in sol- cher Bittprozession? Worin bestände es? Warum nahm Luther dem schlichten Volke diesen schönen Brauch, zwischen wogenden Halmen für ihr gutes Reifen und Bergen zu beten?"

In der Sixtinischen Kapelle wohnt sie der To­tenmesse für Papst Benedikt XV. am Jahres­tage seines Todes bei. An der Hand des verdeutsch­ten Messetextes versolgt sie voll Ergriffenheit die Zeremonie und stimmtüber die Schranken der protestantischen Konfession hinaus" diesen Gebeten

zu. Dann gibt sie dem Leser zu bedenken:Man betet in der Kirche Luthers nicht für die Seelen der Toten, obwohl man ewiges Leben im evan­gelischen Credo auch bekennt. Steht aber nicht in der Bibel (H Makk. 12, 44 f.), also in Gottes Wort daß, wenn man an die Auferstehung glaubt, man Freude und Seligkeit für die im rechten Glauben Entschlafenen erhofft und das tun die Prote­stanten doch auch, es sei gute und heilsame Mei­nung, für die Toten zu beten?" Sie verweist alsdann auf den uralten Meßkanon der Kirche, wo sich die Fürbitte findet:Allen, die in Christus schlummern, schenke, wir bitten dich, Herr, das Land der Erquickung, des Lichtes und des Frie­dens".

Am Palmsonntag wohnt sie in Rom in der Kirche der Benediktiner-Abtei San Anselmo auf dem Aventin dem formenschönen Ritus der Palmenweihe der Palmenprozession und demauf Ernst und Trauer der Karwoche schon eingestellten Hochamte" bei. Die dabei von drei Patres ge­sungene Leidensgeschickte des Herrn steigert sich für sie an einzelnen Stellenbis zur erschütternden dramatischen Wucht". Daran knüpft sie die foi« genbe Erwägung: Die Palmenprozession stammt aus Jerusalem. Dort wandelten die Christen schon vor dem Jahre 400 am Sonntag der Palmen, Oelbaum- oder Palmenzweige tragend, auf jenen Pfaden, über die hinweg, wie man annimmt, einst der Einzug Jesu in Jerusalem erfolgte. Diese Prozession in derUna Santa Ecclesia" (in der ei­nen heiligen Ksrche) ist somit das Hochhalten und der Vollzug einer ehrwürdigen, altchristlichen Tra­dition aus Zeiten, in denen es den Begriff katho­lisch als einen Gegensatz zu protestantisch noch nickt gab. In nördlichen Ländern pflegt man die Palmen und Oelbaumzweige durch anderes Grün, besonders durch das der Weide zu ersetzen, da de­ren schmales Blatt ein wenig dem der grausilber- lichen Olive ähnelt.

Was wäre Unchristliches an dieser Prozession, das die Kirche der Reformation bestimmen konnte, auch diese Kulthandlung mit ihrer tiefen Symbolik auszufchließen? Oder aalt ein altchristlicher Brauch Luther und seinen Nachgeborenen schon deshalb als verfemt, weil die Mutterkirche, von der man sich Zürnend losgeriffen hatte, treu daran festhielt?

Die Palmenweihe bedeutet gerade dem from­men Teile des einfachen Volkes viel. Wie froh und zugleich ehrfurchtsvoll sah ich alle die Men­schen in San Anselmo, darunter manche Deutsche (ckie z. Zt. auch dorten der Abt-Primas und die Patres) die Hand nach den geweihten Olivenzwei­gen ausstrecken. Wie dankerfüllt nahmen stets die Dienstleute der kleinen Pension, wo ich wohnte, die Zweiglein entgegen, die ich ihnen immer aus­teilte, seit sie mir geklagt, bei der Arbeits- und Fremdenfiille der Osterzeit könnten sie nicht fort, um sich selbst aus der Kirche die Palmen zu holen. Und der Tiroler Facchino (Hausknecht) sagte mir einmal: Es ist so schön, etwas Geweihtes auch in Romain feiner Kammer zu haben, wie früher da­heim". Warum ließ man dem protestantischen Kirchenvolke nicht einmal diese durch tausendjäh­rige Tradition verehrungswürdige Prozession der Jerusalemer Christen, dies gläubige Gedenken an dem Auftakt zu Jesu Leidensweg? Warum?"

Am Karsamstagnachmittag geht sie durch be­engen und dunklen Straßen des alten Rom mit ihren ärmlichen Läden, oft genug fensterlos und schmal und nur durch eine eingeengte Tür erhellt, hier zu ebener Erde gelegen, dort in düsteren Kellergelassen, in die eine steile Treppe hinunter» führt. Da sieht sie wiederholt Priester im Rochetto von einem Ministranten begleitet, in diese engen und dumpfen Räume hinuntersteigen, um, wie sie von einem Gemüsehändler erfährt, den erwünsch­ten Ostersegen zu spenden, damit dieser auf Haus, Geschäft und Arbeit ruhe. Mit Bedauern muß sie gestehen, daß man solch schönen Brauch in der Kirche Luthers nicht kennt.

Im Winter 1914 weilt sie in Rom und hält wochenlang bei Tag und Nacht Wache an der ©eite ihres schwerkranken Gemahls. Nachdem di« Todesgefahr überwunden und die Kraft der Krankheit gebrochen ist. geht sie an einem Sonn­tagnachmittag, eine Stunde vor dem Aoeläuten in eine Klosterkirche und wohnt dort einer üblichen Segensandacht bei. Darüber schreibt sie:Sehr zeitig betrat ich die Kirche. Ich suchte mir hart vor dem hohen Güter, das den Altar und Vorraum von dem daranstoßenden Teil des Schiffes für die Nonnen von dem übrigen Kirchenraum für die Weltleute trennte. Ob noch mehr Men­schen tarnen und die dämmerige Kirche hinter mir füllten, ich achtete dessen nicht. Anderes fesselte mich. Ich blickte auf den Altar, mit den vielen Kerzen, auf die ihm zur Seite flirrenden zwei ewi­gen Lampen, auf die schlanken Säulen dahinter mit dem goldenen und weißen Oberbau. Sinn für Stil und Schönheit hatte alles gestaltet, Ruhe und Feierlichkeit strahlte davon aus. Mir war es, als sei ich in einer Sphäre des Friedens und der Welt- entrücktheit. Die Stille rings und das gedämpfte Licht taten mir wohl. Am Altar flammte ein Licht nach dem andern auf und warf feinen Schein auf das weiße Linnen der (Altar) Platte und einen verhüllten, mir damals unbekannten Gegen­stand: die Monstranz.

Leiser Orgelton setzte ein. Langsam und laut­los, wie die Schatten abgeschiedener Seelen, schrit­ten die schwarzverschleierten Klosterfrauen in den Raum vor mir und nahmen, dem Altar zugewandt, ihre Sitze ein. Ein Priester in der spitzenbesetz- ten Albe trat vor den Tisch des Herrn. Gesang Hub an. Weiche, zarte Stimmen, in glockenheller Reinheit, schwebten wie körperlos durch die Kir­chenhallen: alte Hymnen in Melodien von Klang-

reicktum und Harmonie, die mein Herz gefangen» nahmen. So muß das Gloria in excelfis der Engel über Bethlehems Fluren geklungen habens Die Worte, die diese Frauenlippen fangen, ich verstand sie nicht Ich empfand nur, daß sie Lob. Dank, Bitten in sich schloffen. Und meine Seele schwang darin mit. Kurze Refponsorien zwi­schen Chor und Priester fügten sich ein. Dann, während die Klosterfrauen weiterfangen, enthüllte der Geistliche die Monstranz und hob sie in eine Nische über dem Altar. Weihrauchwolken quol­len auf. Sie umgaben den knienden Zelebrant und überzogen Altar und Kerzen wie mit einem durchsichtigen Schleier.

Eine unbekannte liturgische Welt der Gottes­anbetung offenbarte sich mir hier. Alles wirkte zu­sammen und ineinander, wie eine untrennbare heilige Einheit, die Andacht auslöste. Ich lauschte ich schaute. Stiller und stiller wurde es in mir Eine linde Hand nahm alles von meiner Seele was auf ihr lastete, hinweg: Unrast und Sorge. Das Gefühl der Gottesnähe überkam mich. Hier war er und ließ sich von getrennten Seelen finden. Und damit kehrte mir auch Samm­lung, Geistesruhe wieder. Sie fand ihren Ausdruck in einem Dankgebet für die Besserung und in der Bitte um völlige Genesung des Kranken.

Der Priester, jetzt in einem golddurchwirkten langen Mantel, nahm die Monstranz aus der Nische und hob den flimmernden Stern mit der Hostie segnend über di« gesenkten Häupter der knienden Klosterfrauen und die in der Kirche An­wesenden. Orgelweisen schlossen die Feier.« Lautlos, wie sie gekommen, entschwebten die ver­hüllten Frauengestalten.

Ein schlichter, kurzer Kult. Aber für mich, bie Protestantin, ein Blinkfeuer aus Gefilden einer tiefen Gottesverehrung.N um ine afflatur* (von der Gottheit angeweht"), das Julius II. einst unter das Bild der Dichtkunst im Vatikan fet­zen ließ, galt auch für die heilige Kunst einer Li­turgie, der die Dynamik innewohnte, bedrückte Ge­müter zu erheben. Leuchtete über diesem Got­tesdienste nicht das Herrenwart:Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid?" Ich gebe zu, meine Stimmung kam dieser Feier entgegen. Zu anderer Zeit hätte sie vielleicht nicht so stark auf mich gewirkt.

Ein innerlich freier, ausgeglichener Mensch, trat ich aus der Kirche in die klare Abendlust, und stand noch einen Augenblick in Sinnen an der Brustwehr über der Spanischen Treppe. Das Tageslicht verdämmerte mit südlicher Schnelle. Dis Ewige Stadt zu meinen Füßen versank in violst--. ten Schatten. Nachdenklich scch ich auf das Kuppel- massiv des Pctersdomes, das als Silhouette vor dem Abendglühen des westlichen Himmels stand. Könnte die Kirche Luthers von der des galiläi­schen Fischers nicht doch noch im Punkte der Litur­gie allerhand lernen?

Warum gab uns Luther allein die für intellek­tuelle oder doch seelisch gelassene Menschen zuge- schnittene Gottesdienste, deren Hauptstücke das subjektive, dem Hörer leicht zur an« dachtslosen Kritik reizende Men« schenwort einer oft allzulangen Predigt bildet? Sie taugen für manche Au­genblicke im Leden nicht. Warum behielt er nicht die erhebende Kulte der Weihe, Anbetung und der formenschönen Feierlichkeit solcher Vesper und jene, die das objektive Gotteswort geflüstert ober gesungen durchzieht, vor dem jedes Analysieren in Ehrfurcht und Andacht schweigt? Warum? Der Pfade der Menschen zur Gottheit sind un- ersorschlich viele. Rein verstandesmäßig auf einen Generalnenner läßt sich das Finden Gottes nicht stellen. Jesus, der Menschenkun­dige und Allerbarmer, der die Mühseligen und Beladenen zu sich rief, tat es ohne Einschränkung, ohne von den seelisch wunden und beschwerten Menschenkindern zu fordern, daß sie nüchtern«, vollgeistige Klarheit mit unerbittlichem Wahr» heitsfmn und den Vollbesitz der Urteilstraft auf» bringen müßten, um ihm nahen zu dürfen, daß er sie erquicke.

Und Geist von Jesu Geist atmen auch diese für» Zen, bie Seelen erhebenden und befriedenden Got­tesdienste der Andacht, Anbetung und Weihe."

Eine bündige Antwort auf die hier wiederholt gestellte Frage unserer Liturgiefreundin, Exzellenz E. v. Igel,Warum?" gibt die Tatsache, baß die Kirche Luthers mit ihrer unevangelischen Lehre Dom allgemeinen Priestertum bas eigentliche, von Christus gewollte und eingesetzte sakramentale Priestertum in apostolischer Amtsnachfolge ent­schieden und beharrlich leugnet, den im Altar» sakrament gegenwärtigen Christus, den Brenn­punkt und die Erfüllung alles gottesdienstlichen Gnadenlebens preisgibt und das Uebernatiirlidje und Geheimnisreiche in Lehre, Glauben und Le­ben des Christen dem Empfinden und Urteile des Einzelnen überläßt in Anwendung des Satzes von der freien Forschung. Daher ist sie auch nicht im­stande, allgemein gültig« Formen und Ausdrucks­weisen der Frömmigkeit und öffentlichen Gottes­verehrung zu fckaffen und eine für die Gesamt­kirche maßgebende Liturgie vorzuschreiben. Soll altchristliche Liturgie, katholische Frömmigkeit und Gottesanbetung in bet evangelischen Kirch« wie­derum lebendig werden, so heißt es zurück,zukehren zum unversehrten Dogma und Glaubensbesitz, zur Hierarchie, zum sakramentalen, gottgesetzten Prie­stertum der «inen heiligen, katholischen und apo­stolischen Kircke.

So urteilt die auch theologisch gebildete Pro­testantin über unseren katholischen Gottesdienst und seine mannigsache Erscheinungswe"

P. C. Rom «is.

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