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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.

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Hindenburg gewährleistet dieVolksrechte

Brüning spricht.

Vor vielen Tausend Menschen hielt am Mon­tag abend Reichskanzler Dr. Brüning in einer Hindenburg-Kundgebung der Zentrumspartei in der großen Ausstellungshalle in Essen seine erste Wahlrede. Der Andrang war außerordent­lich stark, so daß mehrere Tausend Menschen die Ausführungen des Kanzlers nur in der Laut­sprecherübertragung in der Nachbarhalle hören konnten.

Brüning gab zunächst seinem Bedauern darü­ber Ausdruck, daß die Agitation von den gegne­rischen Präsidentschaftsanhängern in einer Weise getrieben werde, als ob Deutschland sich im tiefsten Frieden und im besten Auf­stieg befinde und nicht in schwersten außenpoli­tischen Kämpfen. Er ging dann auf bie Be­mühungen um eine parlamentarische Verlängerung Ler Amtszeit des Reichspräsidenten ein, die er damit begründete, daß in diesen Wochen i n G e n f und anderswo um Fragen gerungen würde, die von größter Bedeutung für die Entwick­lung Europas und Deutschlands seien. Er habe geglaubt, dem Vaterland einen großen Dienst zu erweisen, wenn er das deutsche Volt unter dem Namen Hindenburg als dem Sym­bol der Einheit und der Kraft in diesen Kampf hineinführe. Wenn man behaupte, daß man mit der parlamentarischen Verlängerung der Amtszeit nur das System Brüning weiter habe retten wol­len, so müsse er das als eine Kühnheit bezeichnen. Im Sommer 1930 habe Hugenberg die Möglichkeit gehabt, die Regierung zu stürzen und damit auto­matisch diese oder eine andere Regierung nach rechts zu drehen. Diese Möglichkeit habe Hugen­berg ausgelassen. Ich neige nicht dazu, aus taktischen oder anderen Gründen eine Mehrheit im Reichstag aufzugeben, wenn arrf der anderen Seite nicht die g e r i n g st e Eini­gung selbst in entscheidenden Fragen der Politik herbeigesührt werden kann. Ich habe nicht nur dem Reichspräsidenten wiederholt meinen Rück­tritt angeboten, sondern ich habe mich innerlich wenigstens in meiner Eigenschaft als Reichskanz­ler gar nicht mehr an den Verhandlungen «rs Reichskanzler beteiligt. Ich habe getan, als ob meine Regierung gar nicht bestehe, um Klarheit vor aller Welt zu schaffen. Es hat sich gezeigt, daß sich die beiden Parteien der Na­tionalen Opposition über keine Frage einigen konnten, nicht über die Person oes Reichspräsidenten, nicht über den Reichskanzler, nicht über den Wehrminister und nicht über den Innenminister. In den Auseinandersetzungen zwi­schen dem Stahlhelm und der NSDAP, werden

Es war nicht das erste Mal in der Geschichte der vergangenen zehn Jahre, daß man zwar die Regierung beschimpfte bis zum äußersten, daß man redete aber immer nur redete, als ob das deutsche Volk nichts gelernt habe in dieser Zeit. Brüning wies bann auf die Haltung der Rechten während ihrer Regierungs­beteiligungen hin, 1925 hätten sich die Deutfchna- kionalen auf Befehl Hugenbergs aus der Verant­wortung gezogen. Brüning wandte sich dann der NSDAP/ zu', die die nationale Gesinnung an­scheinend für sich allein in Anspruch genom­men habe. Wenn der Brief Hitlers an den Reichs­präsidenten erst der ausländischen Presse mitgeteilt werde, wo bleibe die nationale Gesin­nung? Wenn es je einen Dolchstoß gegeben habe, dann sei es die Verweigerung der parlamentarischen Verlängerung der Amtsdauer des Reichspräsiden- t e n und die Tatsache, daß man den Führern oer Regierung, die im schärf st en Kampfe steht, in den Rücken gefallen sei und ihr die Verhandlungsmöglichkeft abgesprochen habe. Ich habe bewußt in eineinhalb Jahren kein schar­fes Wort gegen die NSDAP, gebraucht, um das Volk in dieser schweren Zeit nicht zu trennen, son­dern mit allen möglichen Mitteln zusammenzu­führen.

Der Kanzler fuhr fort: Ich konnte aber nicht mehr schweigen, nachdem Hitler vor der ausländi­schen Presse Aeußerungen tat, als ob er übermor­gen die Macht in Deutschland antreten werde. Man täuscht sich in meinem westfälischen Charakter. Bei uns ist Schweigen und Ruhe, nicht gerade ein Zeichen von Nervosität. Ich bin fest entschlossen, wenn es nötig und ge­rechtfertigt ist, energisch durchzugreifen.

Brüning wandte sich gegen Währungs­experimente und Patentlösungen Wenn in Deutschland auch nur bas geringste getan werde, was nach Inflation schmecke, sei es aus mit dem deutschen Volke. Es treffe auch nicht zu, daß die Regierung eine Politik der Defla­tion mache. Wer an die Tributfrage herangehe, ohne die Wirtschaft genügend vorzubereiten, werde Enttäuschungen und Mißerfolge er­leben. Brüning warnte davor, das Volk durch Phrasen zu vernebeln und es dadurch in eine sichere Katastrophe zu füh­ren.

Wenn man dem Reichspräsidenten Bedingungen stelle, wie es geschehen sei, was sei denn das an­ders als ein Pa r t e i fy st e m? Gesetzt der Fall, Hitler würde Reichspräsident ich spreche rein theoretisch was würde er bann verwirkli­chen: Sie Versprechungen, bie er ben Arbeitern gegeben hat ober bie Versprechungen, bie er ben Wirtschaftsführern gegeben hat, bie Ver­sprechungen, bie seine Freunbe im Osten den Landarbeitern gemacht haben oder das, wo­mit man den Großgrundbesitz des Ostens einfangen will? Will er außenpolitisch durchfüh­ren, was er Frankreich und der ausländi'chen Presse gesagt hat ober was er in früheren Kundge­bungen gesprochen hat: Wir Nationalsozialisten

sind außenpolitisch nur halb so schlimm. Energisch müsse in aller Oeffentlichkeit gegen die Agitation der Nationalsozialisten ausgetreten werden, die i ns Unglück führe.

Brüning zog zum Schluß einen Vergleich zwi­schen George Washington und dem Reichspräsiden­ten von Hindenburg und gab der Hoffnung Aus­druck, daß die Anerkennung und Würdigung Hin­denburgs nicht solange aus sich warten lasse, wie bei Washington, sondern daß schon der 13. März die Entscheidung bringe. Das ist meine feste Ueberzeu- gung. Ich kann auf Grund meiner Beobachtun­gen aussprechen: Das deutsche Volk muß Hin­denburg wählen, es muß sich selbst retten, muß für bie Festigkeit nach innen unb nach außen für bie nächsten Jahre sorgen. Dann werden wir aus der Not im Innern und aus dem Kampf um die äußere Freiheit siegreich hervorgehen.

Zum Schluß seiner Ausführungen, die wieder- holt von lebhaftem Beifall unterbrochen wurden, brachte bie Menge bem Reichskanzler stürmi- s ch e Kundgebungen dar.

Ein wichtiges Programm.

Beschäftigung für 600 000 Arbeitslose.

Wie bieDAZ." meldet, wirb die Reichsregie- rung nach bem 13. März ihre Beratungen über bie Arbeitsbefchafsungspläne wieder aufnehmen, bie schon seit längerer Zeit Gegenstand eingehender Besprechungen gewesen sind. Wie das Blatt er­fährt, handelt es sich um folgende Objekte: Reichs­bahn 300 Millionen, Reichspost 100 Millionen, Straßenbau 300400 Millionen, landwirtschaft­liche Miliorationen 200300 Millionen, Wasser­bauten 50 Millionen Mark.

Der Reichsarbeitsminister hat eine Verkürzung der Arbeitszeit im Bergbau unb eine Erweite­rung bes freiwilligen Arbeitsdienstes vorgeschlagen. Er empfiehlt ferner, ben Bau von Kleinwohnungen mit etwa 200 Millionen Mark zu fordern. Schlleß- lich sollen der Gesellschaft für öffentliche Arbeiten 50 Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden.

An unterrichteter Stelle rechnet man mit einem Programm an zusätzlichen Arbeiten in einem finan­ziellen Umfang von etwa 1,21,4 Milliarden Mark. Heber die Finanzierung sind noch Evwä- gungen im Gange.

Gelingt es, die Mittel für ein Programm von

etwa 1,2 Milliarden Mark bereitzustellen, so kön­nen etwa 200 000 Arbeitslose für bie Dauer eines Jahres bireft unb noch etwa 400 000 weitere Arbeitslose mittelbar beschäftigt werben. Um ben Nutzeffekt recht groß zu machen, sind auch lohnpolitische Reformmaßnahmen ins Auge gefaßt

Der offenherzige Stephany.

Der Berliner Stahlhelm-Major wundert sich über dieArbeiterpartei" der Exzellenzen und desalten Adels". Sie wollen durch Hitler eine Rolle spielen.

Bei einer Wahlkundgebung des Kampfblockes Schwarzweißrot in Magdeburg sprach am Sonntag abend der Landesführer bes Stahlhelms, Großberlin, Major v. S t e p h a n y, der zunächst bie Gründe erläuterte, bie es bem Stahlhelm unmöglich gemacht hätten, sich für bie Wiederwahl Hindenburgs einzusetzen. Die nationale Front sei zusammengetreten, um zu prüfen, ob es nicht möglich wäre, mit einem g e - meinfamcn Kandidaten herauszukommen. Adolf Hitler habe jedoch unerfüllbare For­derungen gestellt. Er habe den Posten des Reichspräsidenten, des Reichskanz­lers, bes Reichswehrministers unb bes Reichsinnenmini st ers verlangt. Außerbem sollte später über das Weiterbestehen bes Stahl­helms verhandelt werden. Diese Forderungen seien gegen bie Selbstachtung unb gegen bas Verantwor­tungsgefühl des Stahlhelms gewesen. Er habe sich daraus zur Kandidatur Düsterbergs entschlos­sen. Auch Hugenberg sei sofort bereit gewesen, von einer Sonderkandidatur abzusehen.

Man müsse sich wundern, daß in einer A r - beiterpartei Exzellenzen und der alte Adel sich befinden, bie hofften, wieder eine Führer st ellung zu erringen. Letzten Endes werde wieder alles auf den Schul­tern der Arbeiter ausgetragen wer­den. Es entspreche nicht unterem nordisch-preußi­schen Wesen, Menschen zu Göttern zu ma­chen, wenn sie noch lebten. Diese Staatsidee des Zentralismus fei nicht nordisch. Wir brauchten keine Anleihen im Auslände aufzunehmen, auch nicht in Rom.

Die Mitteleuropa-Projekte.

Die in verschiedenen europäischen Hauptstädten erfolgten Besprechungen über die Schaffung eines mitteleuropäischen Wirtschaftssystems scheinen ihren Schwerpunkt immer mehr nach Genf verlegen zu wollen. Da die Außenminister der Kleinen Entente und die maßgebenden Staatsmänner der anderen interessierten Staaten in Genf anwesend sind unb insbesondere auch der französische Ministerpräsibenl erwartet wird, liegt es nahe, baß wieder einmal Berhandlungeenam Rande" einer vom Völker­bund veranstalteten Tagung erwartet werden.

Man spricht in diesem Zusammenhang bereits von einer Vorkonferenz, die diese Woche ftattfinben und bie im Mai, also vor der Lausanner Konfe­renz, noch tu treffenden endgültigen Beschlüsse der beteiligten Staaten vorbereiten soll. In diese Beschlüsse soll nach hier umlaufenden Informa­tionen, die mit allem Vorbehalt wiedergegeben werden nicht nur bie Regelung bes Güter­austausches in Mitteleuropa unb bie Auflegung einer Sanierungsanleihe, fon- bern auch bie Reparationsfrage einbezo­gen werde.

Alle derartigen Pläne sind freilich als wenig wertvoll anzusehen, solange nicht eine deutsche Beteiligung an ben Verhandlungen gesichert ist, nachdem es sich ergeben hat, daß auch bie be­teiligten Nachfolgestaaten zu einem erheblichen Test einer bloßen Vereinigung ihrer eigenen Gruppe verständigerweise Widerstand leisten.

Die russische Delegation hat beim Völkerbunbs- fetretariat dis Fortsetzung der Arbeiten bes vom Europa-Ausschuß eingesetzten Komitees zur Behandlung des russischen Vorschlags eines Nicht­angriffspaktes beantragt und die Zusage erhalten, daß dieses Komitee Anfang April wieder zusam- mentreten wird Ob der Europa-Ausschuß selbst in absehbarer Zeit eine neue Tagung abhalten wird, ist noch ganz unbestimmt-, es gilt jedoch nicht als ausgeschlossen, daß er durch die jetzt erörterten mitteleuropäischen Pläne neuen Arbeitsstoff er­halten wird.

Polen unb bet Plan ber Donauföberaliou.

wtb. Warschau, 8. März. (Eig. Meldg.). Der französische Botschafter Laroche hat gestern im pol­nischen Außenministerium ben französischen Plan über bie Organisierung ber Donaustaaten barge­legt. Der Krakauer Kurier veröffentlicht hierzu eine offenbar inspirierte Warschauer Meldung, worin es heißt, daß bie Schaffung dieses Blocks in Mitteleuropa ben polnischen Interessen nur bann entspräche, wenn Polen daran beteiligt sei. Polen von dieser Donauföderation auszuschrießen ent­spreche weder ben Interessen Frankreichs noch den ber Staaten, bie durch dieses Präferenzsystem zu- iammengeschlossen werben sollten.

wtb. Rom, 8. März. (Eig. Meld.) Die ita­lienische Regierung hat heute das Donau-Memo­

randum ber französischen Regierung beantwortet und gleichzeitig bie Regierungen von Groß-Britan- nien und Deutschland über ben italienischen Stand­punkt in Kenntnis gesetzt.

Die Abrüstungs-Konferenz.

Das Präsidium der Abrüstungskonferenz hat in einer mehrstündigen Sitzung, in der der stellvertre­tende Führer der deutschen Abordnung von Rhein- baben bie deutschen Forderungen mit großem Nach­druck vertrat, einen Arbeitsplan für bie Aus­sprache im Hauptausschuß ausgearbeitet.

*

wtb. (Senf, 8. März. (Eig. Melb.) Die gestrigen Beschlüsse bes Büros der Abrüstungskonferenz wurden dem Hauptausschuß heute vormittag von dem Berichterstatter Dr. Benesch vorgelegt und begründet. Dr. Benesch wies ausdrücklich darauf hin, daß die Delegationen nach wie vor bas Recht haben, jederzeit vor dem Ausschuß Adände- rungsanträge oder neue Vorschläge vorzu­bringen.

Der deutsche Vertreter Nadolny stellte in diesem Zusammenhang fest, daß die Frage der Abschaf­fung der militärischen Lustfahrt, die in der Tages­ordnung für den Luftfahrtausschuß vorgesehen ist, mit ihrer grundsätzlichen Seite im Hauptauskcbuß bei der Aussprache über das Verbot gewisser Waf­fen ober Rüstungskategorien erörtert werben könne. Dieser Feststellung stimmte ber Bericht­erstatter im Einvernehmen mit dem Ausschuß zu. Durch das Eingreifen des Vorsitzenden des Luft­fahrtausschusses, De Madariga, kam es zu einer längeren Aussprache über Art unb Umfang ber Erörterung der Suftfahrtfrage in ben ein­zelnen Kommissionen, eine Aussprache, bie nach bem Eingreifen von Nadolny, Paul Boncour und Benesch zur Bestätigung ber beutschen Auf­fassung führte. Der Bericht unb bie Tagesord­nung wurden angenommen. Die technischen Aus­schüsse beginnen ab morgen mit ihrer Arbeit.

* Das endgültige Wahlergebnis in Irland. Das endgültige Wahlergebnis in Irland ist wle folgt: Fianna Fall (Republikaner) 72, Cosgrave- Partei 56, Unabhängige 11, Farmer 4, Unabhän­gige Arbeiter 2, Arbeiter 7.

* Landtagswahlen in Liechtenstein. Aus V a duz wird gemeldet: Nach dem Liechtensteinischen Landtagswahlrecht hatten am Sonntag zehn Ge­meinden mit über 300 Einwohnern je einen Ab­geordneten zu wählen. Die Regierungspariei er­rang von zehn Sitzen acht, darunter nicht weniger als ^echs Gemeindevorsteher. Die Opposition unter Führung des ehemaligen Regierungschefs Schäd- ler verlor überall Stimmen. Am Kommenden Sonntag werden die Liechtensteiner tm ganzen Lande fünf Abgeordnete zu wählen haben. Die Regierung Dr. Hoop, die schon jetzt die Mehrheit im Landtag hat, erhofft eine weitere Stärkung ihrer Stellung und dadurch eine Milderung des sehr heftigen Parteienstreites.

Brianb t«

Der langsä', ige franzopichc ..c.nisterpräsident und Außenminister Aristide Briand ist am Montag um 13.30 Uhr in feiner Pariser Wohnung, Avenue Kleber, gestorben. Der Tod hat überraichend den greifen Staatsmann ereilt. Er ist zwar seit mehreren Monaten leidend gewesen, hat sich aber einer strengen Kur unterzogen, die zur Besserung feines Zustandes beigetragen hatte. Vor etwa zehn Tagen ist er von seinem Landgut Cocherel nach Paris zurückgekehrt, um größere Bequemlichkeiten für die ärztliche Behandlung zu haben. Seit zwei Tagen fühlte sich Briand schwach, und die letzte Nacht fall besonders schlecht gewesen sein. Schon in den Morgenstunden hat Aristide Briand das Bewußtsein verloren. Das Herz versagte. Der robuste Körper schien der langen Krankheit zu erliegen. Den Aerzten ist es nicht gelungen, Briand wieder zum Bewußtsein zu bringen, und er erlosch still im Kreise seiner Familienangehöri­gen und engsten Mitarbeiter.

Briand stand kurz vor der Vollendung seines 70. Lebensjahres er war am 28. März 1862 in St. Nazaire geboren. Elfmal hatte er die Bürde des Ministerpräsidenten getragen, 25mal ein Mini­sterportefeuille verwaltet, feit er im März 1906, in den Tagen des Kampfes um die Trennung von Staat und Kirche, von Sarrien zum ersten Mal als Unterrichtsminister in ein Kabinett be­rufen worden war. 1909 war er als Nachfolger Clemenceaus Ministerpräsident geworden. In der Folge amtierte er unter Poincare, Viviani und nach dem Kriege unter Leygues, Painleve und anderen. Bei Kriegsausbruch war er Justizmini- fter, vom 29. Oktober 1915 bis 7. März 1917 selbst Ministerpräsident. Damals betrieb er die

Saloniki-Expedition gegen den Willen Clemen­ceaus. Auf der Konferenz von Cannes, wo er zum ersten Mal nach dem Krieg international in den Vordergrund trat und von Poincare gestürzt wurde, zog er sich drei Jahre lang vom politischen Leben zurück auf sein Mustergut Cocherel in der Normandie, das er bis zu seinem Tode zärtlich liebte. Denn seine Tierliebhaberei und der Angel­sport waren die einzigen Vergnügungen, die sich der alternde Junggeselle gönnte, und aus denen er, neben geistreichen Unterhaltungen, immer von neuem die Kraft für seine Arbeit zog.

Diese Arbeit galt seit den Oktobertagen von 1925, in denen der Vertrag von Locarno geboren wurde, der Befriedung Europas und vor allem der deutsch-französischen Zus a inmen« arbeit. Wenn auch Fehler und Mißgriffe, Rück­fälle in die Kriegsmentalität, Zurückweichen vor der Opposition der französischen nationalistischen Rechten, die sich bet den komplizierten Mehrheilsverhältnissen der fran­zösischen Kammer immer wieder geltend machen konnte, die Verwirklichung dieser Pläne gehemmt haben, so sind doch alle die, die mit Briand per­sönlich in Berührung gekommen sind, die die sug- gestive Kraft feiner Beredlsamkeit und feiner Kunst der Menschenbehandlung empfunden haben, stets davon überzeugt gewesen, daß ihm das Ziel einer Verständigung der beiden großen Nachbar­völker mindestens seit 1925 als Lebensaufgabe vor Augen stand. Der verunglückte Versuch einer Gesamtbereinigung in der Umerrebung von Thoiry, die gemeinsame Verleihung des Friedens-Nobel-Preises an ihn und seinen Mitstreiter Strefemann, waren Höhepunkte dieses Bemühens. Mit schwindender Ge­sundheit trat sein politischer Einfluß i n den Hintergrund. Sein mißlungener Kampf um die Präsidentschaft im Vorjahre war sein letztes markantes Hervortreten, aber auch in Deutschland wird man dem großen Vorkämpfer der deutsch - französischen Verständigung ein dankbares und ehrendes Angedenken bewahren.

Die Berliner Morgenblätter widmen Briand, über dessen Tod alle in größter Aufmachung und mit allen Einzelheiten berichten, eingehende Nachrufe, in denen sie die Persön.ich.eit des Toten und seine politische Tätigkeit würdigen.

DieVoss. Ztg." erinnert an den Tod Strese-