Dle Jungfernfahrt
12] Roman von
„Sie haben's wirklich erraten, Reta-Kind. Als Ingenieur interessiert es mich natürlich, die Maschinen eines modernen Motorschiffes mal zu besichtigen — ich habe nun heute den letzten Moment wahrgenommen, bevor ich in Stambul als fluchwürdiger Mörder am türkischen Galgen aufgeknüpst werde."
„Geben Sie mir doch einmal eine klare Antwort — ich verlange es von Ihnen!" Eine Sekunde scheint ihn so etwas wie Erschütterung zu packen unter ihrem schwankenden, verzweifelnden Blick — aber schon bricht seine überlegene Heiterkeit . . . oder sein Zynismus wieder durch.
„Eine klare Antwort? Bitte — aber nicht böse sein, Reta-Kind. Du bist ein Schaf, aber trotzdem ein reizender Kerl — der „grünen Hexe" übrigens meine beste Empfehlung. Ja, in diesem Mörderaufzug kann ich mich natürlich nicht unter die respektable Gesellschaft der Nichtmörder beim Lunch setzen — ich halte es auch für unter meiner Würde, so in Cospoli die „Christabelle" zu vertreten. Ich muß mich also jetzt umziehen — dann bis nachher ... na ... der letzte Händedruck, bevor sich die vergitterte Pforte der Flohbude hinter mir schließt, die in Stambul als Gefängnis dienen dürfte . . ."
Nein, sie will es nicht — aber sie kann einfach nicht gegen ihn an, er zieht gleichsam ihre Hand mag- netisch in die seine. „Ihre Hand ist ja so kalt, Reta- Kind, Sie müssen sich etwas Bewegung verschaffen. Ich werde Ihnen Lud Chipswill zu einem Tennismatch schicken . . ."
Lud Chipswill ist der Sproß von Lord Herings- fischer. Reta kann chn nicht ausstehen.
„Das ist dle Broadway-Melodie . . .* * pfeift Al fee« lenruhig vor sich hin, während er sich der Treppe zuwendet — plötzlich dreht er sich noch einmal um. Ach so, richtig: wir wollten ja in Cospoli zusammen an Land — heute wird leider nichts werden, ich habe noch viel zu tun, um die Spuren meiner Schandtat zu verwischen,
der „EhristabeNe."
Alfred Karl.
aber morgen bestimmt — wenn ich bis dahin noch nicht eingelocht bin, natürlich."
„Mir würde es heute aber besser passen, Herr Fell- nor!"
„Allah möge mir noch lange Jahre Gelegenheit geben, Ihnen zu zeigen, daß mir jeder Ihrer Wünsche Befehl ist — heute muß ich's Ihnen abschlagen, es steht zu viel für mich auf dem Spiel! — Also dann bis zum Lunch — allerhöchste Zeit jetzt für mich."
Er geht und läßt sie allein . , .
Dicht bevor ist Reta Gareen eben gewesen, sich doch für souveräne Heiterkeit, nicht für erbärmlichen Zynismus zu entscheiden, ihm freimütig ihren Verdacht abzubitten und an Halluzinationen der Frau Lang-Muller zu glauben — aber warum reißt er sich so energisch von ihr los und will in Cospoli mit aller Gewalt ohne sie an Land . . .?
„Sie gehen nicht allein, Herr Fellnor — eins reden Sie mir nicht aus: Irgendwie haben Sie Ihre Finger in der Sache drin!" ruft sie laut über Deck — niemand kann es hören; die Promenade liegt menschenleer wie fast immer seit der Alarmnachricht am letzten Mittag..
•
Unmittelbar vor dem Lunch — es wurde um eine halbe Stunde voroerlegt, weil man gleich darauf am Galata-Kai festmachen wird — bespricht der Kapitän mit Oelsmann die letzten wichtigen Maßnahmen. „Ich habe vorhin natürlich ausführlich an die Polizei in Cospoli gefunkt — und wenn wir jetzt etwa Cuxhaven anliefen, stände die Mordkommission schon an der Alten Liebe bereit. Aber wir kommen in einen türkischen Hafen — und da weiß ich nicht, wie die Sache aussehen wird. Ich sause also auf jeden Fall sofort auf die Präfektur und alarmiere die Brüder — möchte vorher aber gern niemand von Bord lassen. An die Mannschaft ergeht einfach ein Landverbot — aber ich habe kein Machtmittel, hundert Passagiere gegen ihren Willen zurückzuhalten. So weit reicht meine Polizeigewalt nicht
— durch eine solche Anordnung würde ich auch gleichsam hundert Leute des Mordes verdächtigen — selbstverständlich nicht zu machen!"
„Die Leute werden sich doch einem Appell an die Vernunft nicht verschließen, Kapitän!"
„Ich fürchte nicht. Bei der miserablen Stimmung auf dem Kasten ist natürlich alles möglich — Krakehler wie der alte Chipswill fühlen sich vielleicht noch verletzt und schlagen wieder Krach. Aber ich werde es nach dem Lunch versuchen — da habe ich wenigstens gleich alle beisammen."
Die Mahlzeit verläuft schweigsam und trostlos wie das Diner am vorigen Abend. Grauen und Mißtrauen lasten auf dem Schiff und zwischen den Passagieren. Wenn ihnen der Takt auch verbietet, Verdacht in irgendwelcher Richtung zu äußern, so trügt doch fast jeder eine bestimmte Unruhe mit sich herum — unter hundert zusammengewehten Menschen bleibt weitester Spielraum.
Kapitel 6.
Im gleichen Moment, als man vom Galata-Kai die Brücke in die Pforte der „Christabelle" schiebt, stürzt sich Kapitän Lebram mit zwei Sprüngen an Land. Er hat als erster an der Pforte gewartet — sein Weg zur Präfektur darf keine Sekunde Aufschub erleiden. Er kommt auch glücklich hinüber, bevor sich mit heillosem Gebrüll die wüste Horde der Hamals, Agenten und Dra- gomane auf die „Christabelle" wälzt.
Die Kerle pressen sich mit solcher Wucht über die schmale Brücke, daß es für jeden, der an Land will, aussichtslos erscheint, jetzt vom Schiff hinunterzukommen . . .
Sogar Al Fellnor hat den einen günstigen Moment verpaßt — die Hamals waren schneller als er. Aber er weiß, daß er nicht warten kann, und er vertraut seinen Fäusten. Er nimmt das Match mit den andrängenden Kerlen auf und bahnt sich mit rücksichtslosen Püffen seinen Weg durch den geballten Haufen über die Brücke.
„Jetzt, Frau Lang-Müller — sonst verlieren wir ihn aus den Augen!"
Reta hat mit der Schriftstellerin etwas im Hintergrund gewartet und paßt jetzt geistesgegenwärtig den Augenblick ab, sich in die schmale Lücke zu werfen, die
NIL
Nr. 55
Beilage zur Fuldaer Zeitung
6. März.
Frühlingsgrutz.
Mt geheimnisvollen Düften
Grüßt vom Hang der Wald mich schon, Ueber mir in hohen Lüften Schwebt der erste Lerchenton.
In den fiißen Laut versunken Wall' ich hin durchs Saatgeftto, Das noch hall» vom Schlummer trunken Sanft dem Licht entgegenfchwillt.
Welch ein Sehnen! Welch ein Träumen!
Ach, du möchtest norm Verglühn Mit den Blumen, mit den Bäumen, Altes Herz, noch einmal btühn.
Emanuel Geibel.
Man spricht von Goethe.
wie soll ei« Genie aussehen?
Als Begleiter des Herzogs Karl August von Sachsen- Weimar nahm Goeche an dem Feldzug gegen die Jakobiner teil, der mit der bekannten Kanonade von Balmy ein so unrühmliches Ende fand.
Bevor die Armee in Frankreich einrückte, hielt sich der Stab eine Weile in Mannheim auf. Während dieses Aufenthaltes fand unter anderen Veranstaltungen einst auch ein gemeinsames Mittagessen der Stabsoffiziere statt, an dem auch der Herzog und Goethe teilnahmen. Natürlich stand der damals schon berühmte Weimarer Dichter im Mittelpunkt des Interesses und auch der Gespräche. Man hatte ja damals nifct so oft wie heute Gelegenheit, einen berühmten Mann zu sehen. Besonders begeistert über Goethe äußerte sich ein Preuße, der Kämmerer des Königs Friedrich II., namens Rietz, der sich gern als Schöngeist und Verse- schmied gab und am preußischen Hof den genialen Mann spielte, in allerdings höchst fragroürbiger Nachahmung von Weimar.
Als es nun des Lobes gar kein Ende fand, fragte man ihn endlich, wieso er berat an Goethe einen solchen Narren geftessen habe, zumal biefer doch für ihn, Rietz, ein unangenehmer Konkurrent hinsichtlich Genialität sei.
Rietz erklärte sich. Es gäbe Leute, sagte er, die behaupteten, Leute von Genie müßten klein, hager und häßlich ausschen. Das habe ihn immer sehr verdrossen, sintemalen er selber, der doch als Geist auch etwas vorstelle, ein wahrer Hüne von Gestalt, wohlgebaut, stark, gesund und von tüchtigen Gliedmaßen sei. Solle er sich da nicht freuen, daß Goethe, das anerkannte Genie, so rach nichts anders aussehe? Goethe reiche zwar an chn, Rietz, hinsichtlich Körperbau und Gestalt nicht heran, sei aber nichtsdestoweniger hochansehnlich im Wuchs, gesund und wohlgestaltet und strafe mithin jene Leute Lügen, die sich ein Genie nicht in einem starken, robusten Körper vorstellen könnten. Seine körperliche Beschaffenheit habe ihn immer ein wenig verdrossen, nun aber sei er durchaus beruhigt.
Es dauerte keine fünf Minuten, da war Goethe über den Tratsch des „dummen Rietz" unterrichtet, und er versäumte nicht, ihm in seinem Werk „Campagne in Frankreich" ein Denkmal zu fetzen.
Goethe und die Einkommensteuer.
Auch große Männer sind am Geldbeutel empfindlich und zahlen nicht gern Steuern. Als Goethe schon lange Jahre in Weimar weilte, besaß er immer noch das Frankfurter Bürgerrecht, mußte dafür aber auch in Frankfurt Gemeindesteuern bezahlen. Schließlich wurde ihm das zu viel und er beantragte, daß er aus der Liste der Bürger gestrichen wurde. Natürlich wurde ihm das in Frankfurt übel vermerkt, zumal er damals schon ein berühmter Mann war, und es gab im Magistrat eine hitzige Debatte über das Thema „Goethe", wobei über ihn nicht schlecht hergezogen wurde. Zwar stellte man den Antrag, ihm das Ehrenbürgerrecht zu verleihen, und ihn damit als „Sohn Frankfurts" der Stabt zu erhalten, ohne daß er Abgaben dafür zu zahlen brauchte. Aber der Antrag fiel durch. So wurde Goethe — es war im Jahre 1809 — aus den Büchern feiner Vaterstadt gestrichen. Der wachsende Ruhm Goethes nötigte den Frankfurter Rat, im Laufe der Zeit allerdings doch zu
allerlei Ehrungen. So fand im Jahre 1829, als Goethe feinen 80. Geburtstag feierte, auch in Frankfurt ein Bankett statt. Es wurde eine Rede auf Goethe gehalten. Der Trinkfpruch, der dabei auf ihn ausgebracht wurde, verabsäumte jedoch näht, einen kleinen Seitenhieb auf Goethes Zahlungsunwilligkeit zu bringen. Er lautete:
„Uns bleibt der Frankfurter Goethe teuer, zahlt er auch keine Einkommensteuer."
(Ein Besuch beim Altmeister.
Goethe lebte gegen Ende feines Lebens sehr zurückgezogen, und es war schwer, ihn zu Gesicht zu bekommen, noch schwerer, ihn zu sprechen. Nur Engländer fanden merkwürdigerweise bei ihm stets Zulaß, was man durch feine Vorliebe für den früh verstorbenen englischen Dichter Byron erklärte, dem er ja auch in der Gestalt des Knaben Euphorion im „Faust" ein Denkmal gesetzt hat. Deutsche mußten zu allerlei Listen greifen, wenn sie sich rühmen wollten, den Altmeister gesprochen zu haben. Nun lebte in Berlin damals eine originelle Persönlichkeit, die Madame du Titre, die Frau eines reichen Seidenkaufmannes, der französischer Emigrant war.
Sie war durch ihren Witz, ihr ungekünsteltes Wesen und nicht zuletzt durch ihre Eulenspiegeleien stadtbekannt geworden, und eine große Zahl von Schwänken war über sie im Umlauf. Besonderen Beifall fand sie stets, wenn sie in ihrer damals auch innerhalb der höheren Kreise üblichen Berliner Mundart von ihrem Besuch bei Goethe erzählte. Dieser Bericht lautete folgendermaßen: „Also ick hatte mir vorgenommen, Goethen ooch mal zu besuchen, und wie ick denn mal durch Weimar suhr, ging ick nach sein' Garten und drückt' dem Gärtner ’nen harten Thaler in die Pfote, daß er mir in einer Laube verstecken und einen Wink geben sollte, wann Goethe käme. Und wie er nun die Allee runtertam und der Gärtner mir gewunken hatte, da trat ick raus und sachte: „Angebeteter Mann!" Da stand er stille, legte die Hände uff den Rücken, sah mir groß an und sachte: „Kennen Sie mir?" Ick sachte: „Großer Mann, wer sollte Ihnen nicht kennen?" Und fing an zu deklamieren:
„Festgemauert in der Erden
Steht die Form, aus Jips jebraraü.. .*
Darauf sah er mir groß an, machte einen Bückling, drehte sick um und ging weiter. Ick aber hatte meinen Willen gehabt und den großen Goethe gesehen."
Außer dem--Kommandanten." Msjor Foresdale
beißt sich auf die Lippen. Beinahe hätte er gesagt: „Außer diesem bamneb jap!"
Kwan-Sen verneigt sich feierlich. Das Fremde, da» in Sprache und Haltung durch den langjährigen Verkehr mit Europäern Angenommene, fällt von ihm ab. Er ist wieder ganz ein Sohn des gelben Reiches. Seine Rede kehrt zurück zu den blumenreichen Wendungen der Väter.
„Mein armseliger, verdunkelter Verstand vermag nicht den Strahlen deiner Weisheit zu folgen, hoher Herr. Aber grenzenlos ist mein Vertrauen zu der leuchtenden Gerechtigkeit der mächtigen und erhabenen Herren, vor die Du mich führst."
Major Foresdale geht schweigend. Er hat lange genug in China gelebt, um zu wissen, daß diese schwulstige Redewendung nicht wehr und nicht weniger bedeutet als ein entschiedenes, unwiderrufliches Nein. Dieser starrköpfige Chinese will nicht durch eine Lüge sein Leben erkaufen.
„Da sagt man, die Chinesen seien lügnerisch und hinterhältig", brummt Foresdale, während er draußen in seinen Wagen steigt und der Wache Befehl gibt, den Gefangenen zum Gerichtsgefängnis zu führen", habet benimmt sich dieser Kwan-Sen wie — hol mich der Teufel — wie ein ©entfernen!"
Ratternd fährt der Major davon. Stumm und starr folgen chm die Augen der Chinesin und der wartenden Kinder, ruhig, vertrauensvoll. Der Vater wird wiederkehren. Die weißen Herren sind gut und gerecht.
*
Morgen früh soll das Urteil vollstreckt werden. Selbstverständlich werden die Offiziere des Kriegsgerichts ein Gnadengesuch einreichen an — ja, an wen? Es gibt keinen Herrscher, keine höhere Instanz hier in der Konzession. Die einzige Möglichkeit ist, die Konsulate und Gesandtschaften zu veranlassen, aus diplomatischem Wege einen Schritt in Tokio zu unternehmen, sodaß möglicherweise von dort aus ein Druck ausgeübt wird auf den Admiral Nagakranaika. Aber wie lange dauert das. Und niemand vermag zu sagen, ob Naga- kumaika sich bestimmen läßt, die Exekution aufzuschieben.
Im Offizierklub werden erbitterte Debatten geführt. Major Boresdale betrinkt sich und kann nur mit Mühe davon abgehalten werden, einen der ewig lächelnden japanischen Offiziere zu ohrfeigen.
Am Abend aber, als die englische Wache vor dem Gerichtsgesängnis von japanischen Soldaten abgelöst wird, klopft es leise an Kwan-Sens Tür. Ein japanischer Marinesoldat steht da. feldmäßig ausgerüstet, mit Gewehr und Patronentaschen. Lächelnd winkt er dem Chinesen, lächelnd führt er ihn durch die stillen Setten«« straßen. lieber Schapei steht eine rote Brandwolke. Maschinengewehre knattern in der Ferne.
Da, wo die Straßen der Konzession in die Chinesenstadt münden, stehen als schußbereite Wächter hinter Stacheldraht und Sandsäcken schottische Füsiliere und amerikanische Matrosen. Ilm die macht der Japaner einen vorsichtigen Bogen, führt seinen Gefangenen an eine dunkle Stelle, wo zwischen zwei Vorgärten ein schmaler, unbewachter Durchlaß durch den Drahtverhau ist. Erstaunt blickt Kwan-Sen feinem Wächter ins Gesicht. Hier ist doch kein Hinrichtungsplatz, kein Exekutionsplatz. Soll er nicht erschaffen werden?
Sekundenlang ruhen die Augen der beiden ineinander, vier asiatffche Augen. Dann sagt der Japaner leise: „Lauf!" Und fügt den Wahlspruch seines Volkes hin»
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Rote Flammen über Schapei.
Ein östliches Sittenbild von Axel Rudolph.
Vor dem kleinen Backsteinhaus in der Szeschuan Rbad, das als Militärgefängnis dient, steht eine chinesische Familie. Eine Frau und vier Kinder im Alter von fünf bis vierzehn Jahren. Major Foresdale kennt sie wohl. Es ist die Familie des Kaufmanns Kwan-Sen.
Stumm und bescheiden stehen sie da. Sie grüßen ihn nicht. Sie klagen und jammern nicht. Sie machen keinen Versuch, den britffchen Offizier anzuflehen, ihnen den Gatten und Vater wiederzugeben. Stumm und ruhig warten sie vor dem Gefängnis.
Ein Sinnbild des chinesischen Volkes, das jahrhundertelang geduldig, resigniert Hungersnot, Ueberschwem- ntung, Krieg, Plünderung und Gewaltherrschaft über sich hat ergehen lassen, muß Major Foresdale denken.
Drinnen in dem Zimmer, das ihm als Arrestlokal angewiesen ist, erhebt sich bei Foresdales Eintritt höflich der Kaufmann und Milizsoldat Kwan-Sen und salutiert, nicht mit der Maschinenmäßigkeit des Untergebenen, der eine militärische Pflicht erfüllt, sondern zutraulich und freund- ttch.
Major Foresdale nickt ihm zu und klopft mit dem Spazierstöckchen seine Stiefelschäfte.
„3d, habe Sie dem Kriegsgericht vorzuführen, Kwan- See. Vettachten Sie es als ein Zeichen meines besonderen Wohlwollens, daß ich Sie selber auffuche, um vorher noch ein Wort mit Ihnen zu reden."
Kwan-Sen verneigt sich stumm und der Major setzt sich breitbeinig auf das kleine Taburet, die einzige Sitzgelegenheit.
„S)ören Sie zu, Kwan-Sen. Sie sind ein kluger und vernünftiger Mann. Niemand von uns verurteilt Sie. Die Mitglieder des Kriegsgerichts haben Verständnis für Ihr Handeln."
Kwan-Sen lächelte mild. „Wie sollten sie nicht, hoher Herr. Es kann doch kein Unrecht sein, daß ich nicht gegen meine Brüder kämpfen will."
„Herr", fährt der Chinese mit halblauter, bescheidener Stimme fort, als der Engländer unbehaglich schweigt, „ich lebe seit fünfzehn Jahren in der Konzession. Jedermann kennt mich als einen ehrlichen Mann. Unsere Väter haben einmal diese Konzession und die weißen Teufel" — vergib, Herr — gehaßt. Wir aber wissen längst, daß ihr Menschen seid, wie wir und daß ihr uns nichts Böses wollt. Darum stelle ich mich auch vertrauensvoll vor die hohen Herren, die jetzt meine Richter sind."
Major Fordesdale räuspert sich ein paarmal und nimmt dann einen entschlossenen Anlauf.
„Wie gesagt, Kwan-Sen, niemand will Ihnen Ueb» les. Nur Ihre eigene hm — Unvorsichtigkeit trägt die Schuld daran, daß wir heute über Sie urteilen müssen Es liegt bei Ihnen, uns die Möglichkeit zu geben, Sie freizusprechen. Sie werden, wenn man Sie fragt, er
klären, daß Sie nicht die Absicht haben, zu den Kantontruppen zu gehen und daß die Aeußerungen, die Sie Ihrem Leutnant gegenüber getan haben und um deretwillen Sie angeklagt sind, auf einem Mißverständnis beruhen. Dann wird — dafür garantiere ich — das Kriegsgericht Sie freisprechen und Sie werden nach Hause gehen können. Zu Ihrer Frau und Ihren Kindern, die draußen auf Sie warten."
Major Foresdale ist sich ganz klar darüber, daß er hier etwas tut, was nicht mit seiner Pflicht als 'Offizier und fchn gar nicht mit feinen Pflichten als Beisitzer des Kriegsgerichts vereinbarlich ist. Aber zum Henker! Dieser Chinamann ist dämlich genug, möglicherweise vor Gericht die Wahrheit der Anklage zu bestätigen. Auf Meuterei und Verrat aber steht nach dem Kriegsgesetz der Tod. Man kann doch den armen Kerl nicht erschießen lassen!
Eine Weile ist es stil lzwischen den beiden Männern. Kwan-Sen hat den Kopf gesenkt und nachdenkliche Furchen zeichnen sich auf seiner Stirn.
„Sie verstehen doch, Kwan-Sen?" fährt der Major fort, als keine Antwort kommt, „Aus der Miliz treten Sie natürlich aus. Sie bleiben vorläufig ruhig in der Konzession und gehen Ihren Geschäften nach. Später, wenn Gras über diese Sache gewachsen ist, können Sie immer noch fortgehen und — tun, was Sie wollen."
Kwan-Sen hebt langsam den Kopf. Seine Stimme ist gedämpft und bescheiden wie immer.
„Warum soll ich lügen, Herr? Ich bin doch im Recht! Dein strahlender Verstand hat bas längst erkannt, sonst hätte ich nicht das Glück, in Deiner Gegenwart hier atmen zu dürfen. Ihr oerurteilt ja selber den Raubzug der Söhne Nippons, die unsere Häuser niederbrennen und meine Brüder und Schwestern mit ihren Granaten und Fliegerbomben zerreißen. Eure Zeitungen schreiben es, eure Soldaten und Matrosen sagen es, in allen Klubs spricht man davon. Und ihr sagt auch, daß jedes Land das Recht hat, sich gegen Räuber zu wehren. Wenn Dein eigenes, erhabenes Land angegriffen würde . . ."
„Davon ist hier nicht die Rede" unterbricht Major Foresdale aufftefjenb, „es handelt sich hier nur um Sie, Kwan-Sen. Denken Sie an Ihre Familie! Der japanische Oberbefehlshaber besteht auf der Verurteilung und Sie wissen, was das bedeutet. Sie werden erschossen werden! Niemand kann Sie davor retten als nur Sie selbst. Indem Sie tun, was ich Ihnen sage."
Der Major tritt dicht vor den Chinesen hin und legt ihm die Hand auf die Schulter.
„Seien Sie vernünftig, Kwan-Sen. Verstehen Sie doch: Wir wollen Sie ja freisprechen. Wir warten ja darauf, daß Sie uns die Möglichkeit dazu geben! Alle!
Al mit seinen Fäusten schafft. Sie zerrt die Autorin der „grünen Hexe" dabei mit sich und erreicht glücklich mit ihr unmittelbar hinter Al den Kai.
In dem Augenblick, als er stehen bleibt, um sich von dem harten Match etwas zu verschnaufen, muß fein Blick natürlich auf die beiden fallen ... Es gibt nicht» auf der Wett, was 211 länger als eine Sekunde verblüffen könnte — die Frage feiner Augen prallt belustigt gegen Reta an . . .
„Sie wollten mir doch Cospoli zeigen!" stößt sie verwirrt heraus.
„Gewiß — morgen wollte ich!"
„Mir paßt es aber besser heute — Frau Lang-Müller möchte sich auch anschtteßen!" Oh, nein, Al Fellnor ist einfach nicht über den Haufen zu werfen. Mit einem charmanten Lächeln, das Grenzdörffer vor Neid erblaf« fen lassen würde, wendet er sich der Schriftstellerin zu. Aber gewiß, es würde ihm ein Vergnügen fein — habet streckt er ihr breit unb demonstratio feine Rechte entgegen. Was bleibt ihr übrig — sie nimmt sie mit sauersüßem Lächeln . . .
Das wüste Gebrüll auf her „Christabelle" schwillt plötzlich an. Al Fellnor läßt seine scharfen Augen zum Schiff zurückgleiten ■— aha, die Mannschaft hat dort eine Kette gebildet und drängt die widerspenstigen, erbost johlenden Hamals systematisch über die Brücke zurück.
„Worauf warten wir hier?" fragte Reta Gareen —
es drängt sie, die zerrende Spannung dieser Stunde in Bewegung umzusetzen .
„Ja doch ..." er sieht an ihr vorbei — . wir
gehen sofort!"
„Na, dann bitte Herr Fellnor!"
Plötzlich tritt Al hart auf sie zu und packt eins ihrer Handgelenke.
„Wir gehen, wenn ich es bestimme — verstehen Sie mich. Bis jetzt habe ich mir alles von Ihnen bieten lassen — vielleicht werde ich es auch später wieder tun, hoffentlich recht lange" — für einen Sekunden-Bruchteil hat ein hellerer Schein den Ausdruck harter Entschlossen- heit in seinen Augen abgelöst — „aber hier geht's jetzt nach meinem Kops — es steht zu viel auf dem Spiel!"
Die herausgeworfenen Hamals fluten jetzt um sie herum auf den Kai zurück. Eine erstickende Wolke von