NIL
28 Februar
Beilage zur Fuldaer Zeitung
L b
Mürz.
Don Rudolf Rittersdorf.
Die Winds finden keinen Schlaf in dieser Märzennacht.
Der heimgekehrte Vogel bleibt so lange wach, sx möchte singen und schweigt doch in herben Peinen. Die Wiesen, in Nebel säst ertrinkend, weinen.
So ist das Herz der jungen Mutter immer wach und lauscht auf seines Pulses unruhoolles Schlagen, ist froh zum Sang gestimmt und will das Lied dennoch nicht wagen.
Denn tief im Schoße dieser Märzennacht ringt neues Leben bitter um sein heilig Recht. Die junge Mutter ruht und träumt so schwer — Klingt's durch des Windes mitternächt'ge Wacht nicht wie ein Kindesweinen her?
Goelhe-Rummel oder Goethe-Feier?
Don Dr. Wilhelm Schulte.
Sdjon steht die „Goethe-Sammeltasse" im Schaufenster, und der Goathekops prangt auf den Plakatwänden unserer Reisebüros. Keine Woche vergeht mehr ohne Meldung einer neu geplanten „Goethe-Ehrung": All unsere Vereine und Städte bereiten „Goethe-Feiern" vor, und zu den „prominentesten" unter ihnen haben die Länder Europas schon ihre Vertreter zugesagt. Der Staat Hessen bringt eine „Welt-Goethe-Ausgabe" heraus, iibcr dis der Reichspräsident das Ehrenprotektorat annahm, wie denn — selbstverständlich — jeder deutsche Buchverleger, der etwas auf sich hält, wenigstens ein neues Eoethe-Vunch auf den Markt bringt oder großenteils schon brachte. Und doch — bereits vor dem Kriege rief einer der besten Literaturkenner Europas, der Däne Georg Brandes, um Hilfe vor dem Ertrinken in dieser Goethe-Papierflut: „Nichts dürfte," so meinte er, „überflüssiger sein als ein neues Buch über Goethe. Ist doch längst viel mehr über ihn geschrieben worden, als er selbst bei all seinem Fleiße geschaffen hat!" In der Tat, als Alois Stockmann 1911 die 1885 in 2. Auflage erschienene Goethebiographie Alexander Baumgartners neu herausgab, da waren für diese 25 Jahre nicht weniger als 4000 Neuerscheinungen über Goethe durchzuarbeiten gewesen. Diese Flut ist seitdem nicht verebbt — auch der Fachmann steht heute ratlos vor ihr, wo schon 1883, als man sich über die naturwissenschaftliche Bedeutung Goethes stritt, der große Berliner Biologe Du Bois-Reymond jammerte: Goethe und kein Ende!
Nach diesen . . .zig tausend Goethebücher zu rechnen, müßte aber nun kein Dichter volkstümlicher sein als dieser „Große von Weimar". Wie aber, als 1922 der Notruf erging, das Goethe-Haus in Frankfurt zu retten! Das „Volk Goeches" kümmerte sich nicht darum. Auf diese Blamage folgte die Tragikomödie der Frankfurter „Goethe-Woche": Wegen der morschen Balken des Hauses am Großen Hirschgraben mußten die erlauchtesten Männer Deutschlands zusammenkommen, weil — so glossierte damals Alfons Paquet — „sich in der Handelsstadt mit den steinernen Palästen niemand fand, der die Rettung des alten Hauses stillschweigend und selbstverständlich unternommen hätte und sich die Rechnung hätte senden lassen. Fritz von Unruh hatte recht, wenn er damals vor der Festaufführung des „Tasso" im Frankfurter Schauspielhause in den Saal rief: „Ihr festlich geschmückten Damen und Herren, in unserer Zeit, die Vergnügungspaläste aus der Erde schießen läßt wie giftige Pilze, fehlt es an Geld, um ein Heiligtum unserer Nation zu erhalten!" Wer wollte behaupten, wir hätten heute ein tieferes Verhältnis zu Goethe? Nein, Unruhs Urteil trifft auch heute noch zu:„Warum duldet ihr es, daß die heilige Erbschaft seines Werkes verstaubt in den Bibliotheken steht, während die Namen von Götzen auf allen Schiffen und Bildsäulen prangen? Der erste deutsche Ueberfeedampfer nach dem Kriege fuhr unter dem Namen „Seydlitz" ins Weltmeer — warum nicht unter dem Namen Goethe oder Bach, Mozart oder Beethoven, Hölderlin, Schiller und Kleist? Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist!"
Was also ist in diesem Goethe-Jahr unsere Aufgabe? Wir sehen — und jedes Magistrats-, Landtags- und
Reichstagsmitglied, jeder Schul- und Bürgermeister lasse es sich gesagt sein: Alle Goethe-Veranstaltungen, -Feiern und -Ehrungen sind ein — in unserer Zeit schon mal gar nicht mehr zu verantwortender — Unfug, wenn sie nicht bewußten Ernstes darauf angelegt sind, unser goethe-fernes Volk (mit und ohne Abitur!) dem Geiste von Weimar irgendwie nahezubringen. Man wähne nicht, das wäre, wie fonft, mit dem üblichen „Ehrenausschuß zu „tätigen". Es sei denn, dieser verkröche sich nicht vor der Tatsache, daß der größere Teil unseres notgehetzten Volkes überhaupt kein Ohr mehr hat für Dinge, die nicht greifbar dazu beitragen, uns aus dem Elend dieser Tage zu retten. Wer aber nicht trotzdem ehrlich glaubt und klar sieht, daß und weshalb lebenswichtiger denn alle Geldmarkt-, Reparations- und Ab- rüstungsstagen die seelische Rettung unseres Volkes ist, der spare sich den Luxus einer Goethe-Feier. Sie wäre Getue, Schein, Lüge! Wer indes den Sinn des Napoleon-Wortes erkannt hat: „Ich war genötigt, Europa durch Waffen zu bändigen; der nach mir kommt, wird es zu überzeugen haben, denn immer wird der Geist den Degen besiegen" — wer also daran glaubt, daß wie 1648 und 1806 auch heute noch unserem Volke eine Zukunft gesichert ist, so daß es seelisch wieder gesundet — der weiß auch den Weg zu dem W i e einer Goethe-Feier.
Sie kann nichts anderes sein als Wegbereitung und Sehnsuchtserweckung zu einem Menschen, dessen Leben und Werk nach Irrungen und Wirrungen gipfelt in der Ur-Erkenntnis: Mensch-fein heißt, bewußt das zu tun,
was Pflanze und Tier unbewußt erfüllen: sich gliedhast einordnen der Schöpfung. Wie Goethe es im „Tasso" meint: „Der Mensch ist nicht geboren, frei zu fein." Eben darin ruht die unvergleichliche Schönheit in den klassischen seiner Dichtungen: in dem Maß des Gesetzes, das allein uns Feinheit geben kann. Das heißt aber, mit Fritz v. Unruhs Frankfurter Worten 1923 auf unser Loben angewandt: Wir sind nicht geboren „zu jener Freiheit, die da mit Handgranaten die Daseinsformen erhalten oder stürzen will. Ehe der Mensch frei ward in sich selber! Frei von dem Getier des Ehrgeizes, der Geldgier, des Hasses, der Rache, des Triebes, der da sich ausleben will . . . ." Wenn mir also, den Alltag unterbrechend, uns feierlich im Namen Goethes versammeln, dann im Glauben und Bekenntnis an sein Wort zu Eckermann: „Ehrfurcht ist das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei". Denn „nicht das macht uns frei, daß mir nichts über uns anerkennen mollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, heben wir uns zu ihm hinauf und legen durch unsere Anerkennung an den Tag, daß wir selbst das Höhere in uns tragen und wert sind, seinesgleichen zu sein." Jede Goetheseier also, die kein Rummel sein will, muß in den Versen schwingen:
„Und so lang du das nicht hast, Dieses Stirb und Werde, Bist du nur ein trüber Gast Aus der dunklen Erde . . ."
Geschichte der bekannleslenFaskenlleder.
Vikar
Neben den Advents- und den Weihnachtsliedern erfreuen sich die Lieder der hl. Fastenzeit der besonderen Gunst der Kirchensänger. Der Grund ist leicht einzu- fehen. Sind doch die Butz- und Passionslieder fast ausnahmslos erschütternd in ihrem Inhalt und ergreifend in ihrer Melodie. Hinzukommt bei vielen die Ehrwürdigkeit ihres Alters, die ihnen noch einen besonderen Wert verleiht.
Nehmen mir nur einmal das Sieb, das in meiner Jugend in fast allen Kirchen Münsters den Beginn der hl. Fastenzeit ankündigte (Nr. 49: „Strenger Rich- t er aller Sünder". Wie eine Butzposaune des Propheten wirkte schon gleich der Anfang dieses Liedes und versetzte sofort in die rechte Bußstimmung. Diesem Siebe biente offenbar als Vorlage ber Text, ben wir einer späteren Ausgabe bes im Jahre 1774 zuerst erschienenen Gesangbuches „Geistliche Sieber zum Gebrauche ber hohen Metropolitankirche bey St. Stephan in Wien und bes ganzen wienerischen Erzbistums, gebrückt unb zu finben bey Ignaz Grund, k. k. priv. Buchdrucker und bürgl. Buchbinder, im Gewölbe in der Singerstraße im Domprobsten Haus, Nr. 947" entnehmen allwo es heißt:
„Strenger Richter aller Sünder, treuer Vater deiner Kinder, ber du in dem Himmel wohnst, drohest, strafest unb verschonst!"
Als Verfasser biefes Siebes, bas bey ber Proeeßion an ben Bettagen" gesungen würbe, bekennt sich ber geistliche Rektor bes Alumnats in Breslau, Ignaz Franz (geb. 1719, geft. 1790) .
Noch älter unb zwar gleich um fast VA Jahrhundert ist das Sieb (Nr. 43): „Ehrt st spricht zur Men-, s ch e n s e e l' v e r t r a u t". Cs ftanb bereits im Paderborner Gesangbuch vom Jahre 1609 (ist mithin über 300 Jahre alt); 1677 führte es auch das Münsterische Gesangbuch auf. Das Interessante dabei ist, daß damals schon dieselbe Melodie gesungen wurde wie heute, und zwar ohne jede Abweichung; der Text aber hieß:
„Christ spricht zur menscheuseel vertrawt, Heb au ff dein Creutz mein liebste Braut, Folg mir ein gang durchs bitter traut, Dann ichs getragen hab vor dir, Hast du mich lieb so folg du mir!"
Das Sieb (Nr. 38): „Tu auf, tu auf, betörtes Herz" geht zurück auf ben Buß- unb Trostruf Fried-
Fr.
richs von Spee, ben ber gottbegnabete Sänger in feiner „Trutznachtigall" (1649) anhub:
„Tu auff, thu auff, bu schönes Blut, Sich Gott zu bir roil kehren.
O Sünber greift nun Hertz unb mut, Hör auf bie fünb zu mehren.
Wer Buß zu rechter Zeit verricht. Der soll in warheit leben, Gott will ben tobt bes fünbers nicht, Wann will-tu bich ergeben?"
Der Dichter war 1591 zu Kaiserswerth geboren, trat in ben Jefuitenorben ein unb starb 1635, also in ben besten Jahren, zu Trier an ben Folgen seiner unermüb- lichen, aufreibenben Tätigkeit im Dienste ber Pestkranken. Er lebt in ber Siteraturgeschichte fort als Dichter, in ber Welt- unb Kirchengeschichte als „Hexenseelsorger", ber an bie 200 bieser bedauernswerten Opfer in Würzburg auf den Tod vorbereitete und zum Scheiterhaufen führte, trotzdem er keinen von den Verurteilten für schuldig hielt. Nach seinem Weggänge von Würzburg erhob er in seiner Schrift „Cautio criminalis" glühenden Protest gegen die lodernden Feuerflammen.
Die heute gefangene Melodie finden wir schon (mit einer kleinen Abweichung) in dem Münsterischen Gesangbuche des Jahres 1677, hier allerdings auf ben Text: „Steht auf ihr Tobten allzumahl".
Ebenfalls haben wir Friedrich von Spee zu danken das Sieb (Nr. 52): „B e i st i 11 e r N a ch t".
„Bey finster nacht zur ersten wacht, Ein stimm sich gunb zu klagen.
Nam halb in acht, was sie da sagt, Thät hin mit äugen schlagen!"
beginnt sein löstrophiges „Klaglieb Christi im Garten", bas auch damals schon in Musik gesetzt war, die sich aber mit unserer Singweife nicht deckte. Die jetzige Melodie lehnt sich eng an bie bes Cölner Psalters aus bem Jahre 1638.
Auch bas Sieb (Nr. 44): OSeelinallerAngst unb N o t" batiert feinen Ursprung aus bem Anfang bes 17. Jahrhunberts. So lesen wir im Cölner Gesangbuch vom Jahre 1623 sogar schon fast wortwörtlich ben jetzigen Text:
'„O Seel! in aller Angst unb Noch, Flieg hin zu Christi Wunden roth.
Dich schließ in Christi Wunden ein, Da wir-stu mol und sicher seyi!"
Genau so alt ist bas Sieb (Nr. 39): „Jesus ruft bir, o Sünder mein" und zwar in doppelter Hin» sicht, nach Text und Melodie. Fast alle Kirchengesangbücher Deutschlands kennen es, vorab das Würzburger (1628) unb das Mainzer (1628). Das Münsterische singt (1677):
„Jesus rufst dir o Sünder mein, mit außgespannten Armen, wann du schon werft aus Marmelstein, es sott dich doch erbarmen, mein ad) mein mein frommer Christ, denk daß diß dein Heiland ist, dein höchster Schatz auff erben!"
Vielleicht ber wundervollste Pafsionschoral aber ist bas Sieb (Nr. 51): „O Haupt voll Blut unb Wunde n". Der Text ist zwar nur eine Ueberfetzung des lateinischen Hymnus „Salve caput cruentatum" de» hl. Bernhard von Clairvaux, doch bie Uebertragung in» Deutsche ist mustergültig. Sie wurde uns unb bem ganzen beutschen Volke geschenkt von bem protestantischen Kirchenliebdichter Paul Gerhardt (geb. 1607, geft. 1676). Der ergreifenden Melodie begegnen wir fchon in ben Gesangbüchern aus bem Beginn bes 17. Jahrhunderts. Zwar sind ihr andere Worte untergMegt, so im Würz- burger Gesangbuch (1649):
„Ein G'schicht hat uns beschrieben Sucas mit treroer Hand, wie Gabriel, der Engel, von Gott herabgesand, er kam gschwind unverdrossen, wol in das Jüdisch Sand, gen Nazareth verschlossen, da er Mariam sand".
Ursprünglich galt die Vertonung einem Stebesliebe: „Mein G'müth ist mir verwirret, Das macht ein Jungfrau zart;
Bin ganz unb gar verirret, Mein Herz bas krenkt sich hart. Hab Tag unb Nacht kein Ruh, Führ allzeit große Klag, Thu seufzen stets unb meinen. In Trauer schier verzag."
Es märe töricht, durch diese Feststellung das Passionslied irgendwie sich verleiden zu lassen. Die keusche Klagemelodie, wie sie hier dem weltlichen Siebe eigen ist, wirb burch ben geistlichen Text in eine höhere Sphäre erhoben, sie wirb idealisiert zu einer Klagcmelv- bie über ben gekreuzigten Heilanb. Uebrigens wirb jeder meiner Meinung beipflichten, daß die Melodie auch nicht bas geringste Profanierenbe hat. Bei Unkenntnis bes Textes würben wir sie ohne weiteres in einen Betraum ober in eine Kirche verlegen. Es ist aber für bie Den» tungsmeife jener Zeit ungemein charakteristisch, bah bie Volkslieber Melobien hatten von einer Herzlichkeit unb Innigkeit, von einem Ernste unb einer liefe, ja von einer sakralen Würbe, die ihnen den Eintritt in das Gotteshaus anstandslos freigab. Die musikalische Aus- brurfsmeife beim weltlichen Volksliede bildete zu dem in der Kirche gepflegten Siebe keineswegs ben gewaltigen Gegensatz, den mir heute etwa zwischen bem Gregorianischen Choral unb bem Dolksliede feststellen können. Das Volk schuf seine Sieber ben Weisen entsprechend, bie es in ber Kirche vernahm, unb in denselben alten Kirchentonarten, innerhalb deren sich die Kirchengesänge bewegten. Andererseits jedoch wurden auch zu schönen Melodien weltlicher Bieber, bie wegen ihres anstößigen Textes zu beanstanden waren, garnicht selten religiöse Verse unb Strophen gebichtet unb ihnen somit bie Pforte zum Allerheiligsten geöffnet. Diese Sitte mag zunächst etwas befremden, sachlich aber ist sie wohl kaum zu verwerfen.
Daß aber gerade diese Melodie dem Volke allgemein zusagte, beweist am besten bie Tatsache, daß noch eine
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Die Jungfernfahrt
11] Roman von
„Was haben Sie heute nachmittag an der verschlvf- senen Kabine gesucht?"
M Fellnors Lippen spitzen sich zu einem Pfiff, der sehr grell unb eigentlich unerhört gezogen ist — aber er fängt sich sofort ab unb geht über in einen kecken Rhythmus: „There 's a rainboro rounb my schoulder
Nur ein paar Takte natürlich — bann blicken seine Augen wieder scharf, aber ohne jede Spur von Erregung aus dem großen, braunen Gesicht.
„Ich in der verschlossenen Kabine? Nanu?"
„Ich habe es selbst gesehen — was wollten Sie da?" Donnerwetter, mußt bu mich gern haben, Mädel, schießt es ihm durch ben Kopf — aber was bist du für ein Schaf — na warte, Kind . . .!
„Gut, ich will Ihnen sagen, was ich da wollte: Ich hatte Herrn Althaus ein wichtiges Buch geborgt — nur für einen Abend, ich lese sonst täglich darin. Das habe ich mir wiedergeholt!"
„Unb bas hatte nicht bis Cospoli Zeit?"
„In Scotland Mrd gibt es kein weibliches Polizeikorps — aber bu würdest schon bei der Aufnahmeprüfung glatt durchfallen, süße Reto!"
„Leider nicht — es ist nämlich ein Führer durch Cospoli und ben brauche ich jetzt unbedingt — wir wollen doch morgen einen ausgedehnten Landausflug zusammen machen." Reta kann jetzt einfach nicht weiter — o, wie unerhört schwer ftt es manchmal, denken zu müssen . .. Kann sich ein Mörder diesen Zynismus bewahren — ja, bringt ein Mörder denn nicht alles fertig — kann ein Mörder fo unbekümmert, so hoch über einem Menschen lächeln, von dem er sehen muß, wie er sich quält — von dem er fühlen muß, warum er sich quält , . .?
Aber kann man denn, kann man einen Mörder lieben — nein, sie hat keine Kraft mehr, es ist ihr olles egal — sie will jetzt den Schiffsarzt rufen, Veronal will sie haben unb bann schlafen, zwölf Stunden schlafen
der „Christabelle."
2Ufreb Karl.
Iunb um Himmels willen an nichts benten — morgen vormittag bleibt ihr noch Ze" um eins soll man ja erst in Cospoli fein . .. Aufrecht geht sie zur Tür, mit letzter Energie — er darf jetzt nicht erkennen, wie furchtbar elend ihr zumute ist . . .
„Gute Nacht, Herr Fellnor — ich bin furchtbar müde, ich möchte schlafen gehen . . ."
Er bringt sie bis zur Türe bes Salons — bort bleibt sie noch einen Augenblick stehen — sie spürt, er wartet auf ihre Hand — eine Sefunbe läßt sie sie ihm, bann reißt sie sich zurück und stürzt hinaus.
In der Diele klopft sie an der Tür der Office die Stewardeß heraus: sie soll ihr den Schiffsarzt rufen...
*
Al Fellnor ist, die Hände tief in die Taschen versenkt, hinter seiner Salontür stehen geblieben.
„There ’s rainboro rounb my shoulber . . ." pfeift er jetzt ganz unbekümmert vor sich hin — ein versteckter Beobachter müßte zu ber Ansicht kommen, baß er einen Morbverbacht, ber auf ihm lastet, unter bie amüsanten Sachen auf bieser Welt zu zählen beliebt . . .
Er geht ins Schlafzimmer zurück unb schafft dort Ordnung, klappt die Koffer zu unb schließt ben Schrank — vorher hat er jeboch aus einem Fach seine Smokingkragen herausgenommen unb mit einem so liebevollen Interesse betrachtet, sie sogar so versunken mit sanften Fingern gestrichelt, baß ber verborgene Beobachter im Moment sogar an ber Unversehrtheit seines Gehirns zweifeln könnte . . . Dann schaltete er bas Licht überall aus unb steigt in bie Bar hinauf — er ist an allzu frühes Schlafengehen nicht gewöhnt unb will noch einen Drink nehmen. Dort haben sich trotz ber elenben Stimmung doch ein paar Leute zusammengesunden. Er sieht bie b'Heriberts, Frau Lang-Müller, Jannulatos, selbstverständlich Grenzdösser — auch Delsmann, dessen Amt es ja ist, sich den Passagieren zu widmen — und noch ein paar andere. Sie haben einige der kleinen Tische zu- jammengefchoben und rufen ihn natürlich heran.
Er begrüßt alle — nanu, bie Autorin der „grünen Hexe" starrt ihn ja wie eine Erscheinung aus der vierten Dimension an unb hat tatsächlich einen Moment überlegt, ob sie ihm ihre eiskalte Hanb geben soll . . . Der Abenb bringt ja eine Auslese von Ueberrafdjungen warum jetzt dieser Cyankali-Blick? — Richtig, bie Reta steckt ja viel mit ber Roman-Fabrikantin zusammen — Donnerwetter, bie also auch — nur gut, baß man morgen in Cospoli ist, sonst roirb’s brenzlig für ihn — bie paar Stunden bes nächsten Vormittags muß er noch nützen . . .
Die Autorin ber „grünen Hexe" schneibet ihn glatt, als sie geht — kein Grund jeboch für ihn, nicht noch in lässiger Ruhe auf seinem Hocker ein paar Zigaretten zu rauchen.
Er hat ber Schriftstellerin sogar belustigt uachge- rointt, als sie gemeinsam mit Grenzbörsser bie Bar verließ . . . Mit bem Mörder in der „grünen Hexe" sind sie sicher leichter fertig geworden, Verehrteste — die Praxis sieht doch etwas anders aus — wollen mal sehen, wer Ihnen im Endspurt um ein paar Längen voraus ist — unb bir auch, süße Reta — ich sehe bich noch vor mir da in meiner Kabine — unb ich sehe bich auch schon wieder morgen angreifen, mißglückt« Detektivin, unb entzückender Kerl — bann starten mir morgen beibe zum Finish — was glaubst du wohl, wer bie Nase zum Schluß vorn behält. . .?
*
Die Bar ist nicht ber einzige Raum in bem oberen Deck ber „Christabelle", ber gegen Mitternacht noch erleuchtet ist — im Kapitänssalon sitzen ßebram unb Delsmann zusammen vor bem Bericht über bie Suche am Nachmittag unb über bas so sensationelle Ergebnis .. .
Lebrams verzweifelter Zorn ist mittlerweile verstat- tert — er hat sich abgefunben, auf ber „Christabelle" ist wohl nichts mehr zu retten. — „Die Vergnügungsreise" ist endgültig zum Teufel, bevor sie noch eigentlich begonnen hat.
„Die Aufklärung all dieser Schwierigkeiten müssen wir eben ber Polizei überlassen," erklärte ber Kapitän ‘ matt. „2er einzige, ber sie uns hier auf ber „Christa
belle" vielleicht hätte geben können, liegt irgendwo auf bem Meeresgrunb . . Er weist mit einer flatternben Handbewegung rückwärts zum Seitenfenfter hinaus. „Natürlich' ist da ein dunkler Zusammenhang — der Mörder hier auf bem Schiff war zweifellos auch ir» genbroie ber Regisseur ber anberen Affären . . .
„Unb bie Telegramme, bie von außen tarnend 3er Steckbrief zuletzt — bann müßte während ber Fabrt eine Funkverbinbung biefes Regisseurs mit bem Laub bestauben haben ... ein Austausch von Direktiven viel- leicht . . ."
„Nicht unbebingt nötig, Delsmann — das Programm von Skandalen, mit denen man uns hier verrückt gemacht hat, konnte ebensogut vorher festgelegt fein. Das ist genau so möglich — aber gewiß, wir können uns ja mal erkundigen, ob etwas Verdächtiges von Bord gefunkt mürbe."
Die beiden Offiziere klettern aufs Oberdeck hinunter unb betreten die Funkerbube.
Sie ist jetzt nur von einem Mann besetzt, ber bie Kopfhörer umgeschnallt, vor bem Empfänger sitzt, neben sich bie Schreibmaschine, auf bie er ankommende Funk- spräche gleich nach bem Gehör überträgt.
Der Funker kann seinen Posten nicht verlassen — ßebram tritt mit Delsmann bicht an ihn heran unb fragt, währenb ber Mann einen ber Hörer etwas beiseite schiebt, ob ihm am Verkehr ber Passagiere mit bem Laube irgenb etwas ausgefallen sei. Chiffrierte Telegramme ober solche mit verbächtigem Text . . .?
Ohne sich zu besinnen, erklärt ber Funker, baß einer ber Passagiere, unb zwar Herr Grenzbörsser, fast täglich Code-Telegramme nach Cospoli aufgegeben hätte.
„So . . .?"
Sebram unb Delsmanns Blicke kreuzen sich alarmiert.
„Erinnern Sie sich an ben (Empfänger?*
„Sie waren alle an ben Ministerialdirektor Dwahib Bai, zur Zeit Cospoli, gerichtet!" Die Augen ber bei» ben Offiziere entspannen sich roieber — ein beutlidjer Ausbruck von Enttäuschung spricht aus ihnen . . .
„Danke — gut!"
Der Funker schiebt feinen Hörer roieber über das Ohr, die Offiziere verlassen den Raum. Draußen blei-