Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda
Mrg. 59.
Samstag, 27. Februar 1932
Ar. 48
stab verloren.
MW
Der teure Krieg der Japaner.
Der japanische Feldzug in China kostet monatlich 10 Mill. Zen
nicht etwa Amerika allein, Opfer auferlegt habe. Auch die Zeitung Jiji nennt den Brief weinlich und drückt Besorgnis aus, daß sich Präsident Hoover möglicherweise von der öffentlichen Meinung in seiner Haltung beeinflussen lassen könnte.
Die Lage bei Kiangwan unverändert.
wtb. Schanghai, 26. Februar. (Reuter.) Die Lage hat sich an der Front von Kiangwan seit gestern abend nicht geändert. Der Artilleriekampf geht weiter. Die Stellung der Chinesen um Kiangwan ist unerschüttert, obwohl ihre Linie südlich von Kiangwan zurückgedrückt worden ist. j
Japanischer Luftangriff aus den Flugplatz 1 hangtschau.
wtb. Schanghai, 26. Febr. (Eig. Meldg.). Japanische Flieger bewarfen den chinesischen Flugplatz Hangtschau heute vormittag mit Bomben. Sie be, haupten. daß sie die Hallen und 5 Flugzeuge zer* stört und 2 Flugzeuge abgeschossen hätten.
Bei den letzten Kämpfen um Schanghai sind die Japaner unerwartet auf den heftigsten Widerstand der Chinesen gestoßen. Die schweren Verluste und die starke Belastung des Budget durch den Feldzug haben nun anscheinend die japanischen Politiker zur Besinnung 'gebrackst, so daß sie wahrscheinlich jetzt den Völkerbund als Vermittler anrufen werden.
Chor der japanischen Politiker: „Um Ehr' und Ruhm zu wahren. Nach Genf jetzt laßt uns fahrens'
wtb. Tokio, 26. Febr. (Reuter). Das Kabinett beschloß, einen neuen Kredit von 22 9ML Pen für die Operationen in Schanghai bereitzustellen. Wenn der Geheime Rat diesen Kredit billigt, dann wird sich die Gesamtheit der Kredite für die Ausgaben für die Unternehmungen in der Mandschurei und bei Schanghai bis. jetzt auf 98 Mill. Pen belaufen. Man nimmt an, daß bis zur Zurück-'e- hung der japanischen Truppen monatlich 10 Mill. Pen für die Operationen in China ansgegeben werden müssen. Die notwendigen Summen werden durch Ausgaben von Schatzanweisungen der Regierung aufgebracht werden, die u. a. von der Bank von Japan übernommen werden.
Japanische Prefseftimmen zu Stimsons Brief.
wtb. Tokio, 26. Februar. (Reuter.)) Der Stirn« sonbrisf an Bokah fand hier allgemein schroffe Ablehnung. Die Zeitung Asahi sagt, nicht dadurch, daß Amerika die japanischen Motive in Zweifel ziehe, sondern durch Zusammenarbeit mit, Japan werde es China ermöglicht, auf eigenen Füßen zu stehen. Hinsichtlich des Washingtoner Flottenabkommens erinnert das Blatt Amerika daran, daß die Washingtoner Konferenz allen Teilnehmeren,
zelne tut, kann man nicht kontrollieren (Hört, hört!) Rufe links: Feige verstecken sich die Hetzer!).
Abg. Eeschke (Komm.) ruft „Herr Groener, was sagen Sie zu Ihrem jüngsten Rekruten?,Ein Hundsfott, der diese Mörder nicht in die Reichswehr ausnimmt!" (Heiterkeit bei den Kommunisten. — Präsident Lobe ersucht um Ruhe.)
In der Dienstvorschrift der nationalsoziqlistischen Sturmabteilungen wird von „blutiger Wahlschlacht und vom Auseinanderjagen von Marxistenhaufen ' mit blutigem Schädel" gesprochen. In einem bekannten Sturmlied dieser Sturmabteilungen lauten die letzten Strophen:
Wenn's Iudenblut vom Messer spritzt, bann geht's.nochmal so gut. Die Juden und Marxisten, die bringen uns kein Heil, den Severing und Genossen zerschlagen wir mit dem Beil Blut muß fließen, • Knüppel hageln dünn und dick, wir pfeifen auf die Freiheit der Iudenrepublik."
(Die Verlesung dieses Liedes wird von der Linken mit stürmischen Pfuirufen begleitet.) Der Redner erklärt.zum Schluß, gegen diese Mordhetze einer Partei, die sich „national" nennt, müsse mit den schärfsten Mitteln voraegangen werden.
Äbg. Schulze-Skapen (Dtnl.): Das log. Hinden. bürg - Kabinett hat die Landwirtschaft bitter .enttäuscht. Das Kabinett Brüning hat trotz Schiele und Schlange die deutsche Landwirtschaft in den Abgrund geführt.. Die vordringlichste Aufgabe der kommenden Regierung muß sein, den Osten 3» besiedeln. In der Binnenwirtschaft, im Binnenmarkt liegt die Hoifnung der Zukunft. Das Kabinett Brüning muß abtreten.
Abg. Erifpien (Soz. Dem.) wendet sich, gegen nationalsozialistische Angriffe und erklärt, kein anständiger Mensch könne" seine so oft zitierte Aeu- ßerung dahin auslegen, daß er dem Arbeiter die Liebe am Vaterlande abspreche. Er stehe auf dem Standpunkt des ermordeten IaurLs, daß jede Nation ein Schatzhaus der Kultur fei, daß aber alle Völker sich zu einem großen Menfch- heitsreich zusammenschließen müßten.
Abg^ Dr. Rosenfeld (Soz.-Arb.-Partei) macht der Regierung den Vorwurf, daß sie planmäßig die Errungenschaften der Arbeiterschaft abbaue. I Von einzelnen Nationalsozialisten wird während dieser Rede „Mähähä"! gerufen. Von links wird darauf nach rechts gerufen: „Sie können den Ziegenstall nicht verleugnen!"
Präsident Lobe erklärt, wenn er die Störer feststellen könnte, würde er sie trotz der bevorstehenden Abstimmung-von der Sitzung aüsschlie- ßen. Abg. Dr. Rosenfeld erklärt, ihm und seinen
Der drille Tag der Reichslagsdebatle.
Die Rundfunk-Aebertragung der Reichskanzlerrede hak in weite Dolkskreise, zu denen sonst nur oppositionelle Zeitungen mit gefärbten Berichten dringen, einmal Klarheit gebracht, wie sich die Opposition im Reichstag aufführt. — Run werden alle, die «och eine Spur von Menschenwürde sich erhalten haben und denen nationale Ehre keine Agitations- Phrase ist, eine Gewissenserforschung anstellen. — Am Freitag abend wird abgestimmt. Der dritte Volksparteiler nimmt Arlaub.
Freunden stehe Thälmann tausendmal näher alsHindenburg.
Abg. Dr. Föhr-Baden (Zentrum) weist national, sozialistische Angriffe auf die nationale Zuverlässigkeit des badischen Zentrums zurück. In allen deutschen Ländern stehe das Zentrum auf dem Standpunkt, daß ein Ost - Loearno unan- nehmbar fein würde. Eine frühere Aeuße. rung des „Badischen Beobachters", die anders ausgelegt wurde, fei längst durch die Feststellung derselben Zeitung widerlegt worden, daß auf eine Revision der Ostgrenzen nicht verzichtet werden könne.
Auf laute Zurufe der Nai.-Saz. ruft der Präsident die nat.-soz. Abg. Ley und Florian zweimal zur Ordnung.. . .
Unter lauten Hört hörl-Rufen der Mehrheit zitiert Abg. Dr. Föhr die Aeußerunqen Adolf Hitlers zu aus- ländischen Pressevertretern, daß die Nationalsozialisten keineswegs die Wiederherstellung der alten deutschen Grenzen oder die Rückgabe aller Kolonien verlangten. Hitler habe auch d i e b e ut» scheu Südtiroler preisgegeben und sich für ein Süblocarno ausgesprochen.
In einer Zuschrift an das faschistische Hauptor- aan Italiens habe Gregor Straßer im Auftrage Adolf Hitlers als offizielle Parteimeinung der deutschen Nationallozialisten mitgeteilt, daß die'-.soge- nannte" Südtirolsrage nicht einmal einen Diskussionspunkt mit einem faschistischen Italien bilden würde. (Lebhaftes Hört, Hört!) So spricht Die Hitlerpartei zum Ausland, während sie hier die Parteien verdächtigt, die ihre ganze Kraft für Deutschland einsetzen. Die ganze Zentrumspartei stehe : in unverbrüchlicher Treue zum Kanzler, zu seiner Politik und zum Reichspräsidenten. Abg. Frank II (Not- Soz.) ruft: „Was ist denn Deutschland dem Zentrum?" Abg. Frank wird zur Ordnung gerufen.
Abg. Lucke (WP.) wendet sich gegen die Behauptung, der Kanzler hätte die Stimmen der WP. am 16. Oktober 1931 nur bekommen, als er in fefcter, entscheidender Stunde einen Scheck über 500 000 RM. für die deutsche Mittelstands- bank ausgehändigt hätte. Auf die Bitte der Wirtschaftspartei habe der Kanzler schriftlich bestätigt, daß an dieser von dem Abg. Feder aufgestellten Behauptung kein wahres Wort sei und daß sie in allen Teilen frei erfunden sei. Wer nochmals außerhalb oder innerhalb des Reichstages behaupte, die Wirtschastspartei hätte ihre Abstim- mitna zugunsten des Kabinetts von finanziellen Zugeständnissen direkt oder indirekt in irgend, einer Art anhängig gemacht, sei ein "erb.8r.mkicher Ehrabschneider und -gewissenloser Verleumder. 4
■■ - ' ' " (Die Sitzung bauert'fort.)' '
und verläßt den Saal wieder, während die Mehr- I heit in stürmische Heiterkeit ausbricht.
- Der nationalsozialistische Abg. Reinhart, ■ der inanzpolitische Anfragen an die Regierung richten wollte, verzichtete nunmehr aufs Wort.
Abg. Bausch (Christi. Soz. Volksdienst) führt aus feine Freunde seien immer die schärfsten Gegner' des Systems gewesen, das den Einfluß der Parteien dem Wohl des Volkes voranstellen will. Gerade
weil die Christlich-Sozialen das Baierland über die Partei stellen, wendeten sie sich gegen das System Hitler-Goebbels, das die unbedingte nationalsozialistische Parteiherrschaft aufrichten wolle.
Der Redner erkennt die Bemühungen der Regierung zur Belebung der Wirtschaft an, äußert aber Bedenken gegen manche Einzelheiten der Notverordnung Der notleidenden Landwirtschaft könne nicht mit den Methoden der Landbundagitation allein geholfen werden. Der Bauer leide am meisten unter den hohen Zinsen. Das Problem der Entschuldung der Landwirtschaft müsse gründlicher angepackt werden als bisher. Als der Redner sich gegen die außenpolitischen An- grifssreden der Rechtsopposition wendet und betont,
Bismarck habe feine Außenpolitik niemals mit Rücksicht auf die Straße gemacht
kommen von der Rechten fortwährend höhnische Zurufe. Der Abg. Dr. Kleiner (Dntl.) wird wegen eines solchen Zurufes zur Ordnung, gerufen. Sie, so fährt der Redner fort, betrachten, den, Young- plan-Unter,Zeichner Schacht als außenpolitische Autorität: Sie können es nicht ertragen, daß Dr. Brüning außenpolitische Erfolge erzielt.
Mit positivem Christentum hat der Nationalsozialismus nichts zu tun.
Abg. Frau Juchacz (Soz.) betont die Notwendigkeit, in einer Schicksalsstunde des deutschen Volkes
auch die Stimmen der deutschen Frauen zu hören. Wir Frauen wollen keinen Bürgerkrieg, wir wollen keinen Volke r t r i e g, wir durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich hält, die aber
nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Keno- miersucht
diktiert ist. Gegen diese nationalsozialistische Politik wenden sich die Frauen, die für Freiheit und Frieden sind.
Abg. Dr. Neubauer (Komm.) wirst den N a - t i o n a ls o z ia I i st e n vor, daß sie nur bezahlte Gefolgsleute des Jndu st rietru st -Königs Fritz Tyssen seien. Der andere Trust- könig Krupp stütze dagegen den Reichskanzler. In dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden Gruppen des deutschen 'Kapitalismus stehe nur der Kommunismus als der Bund der werktätigen Massen, gegen das Ausbeutertum.
Während der Ausführungen des kommunistischen Redners nimmt Vizepräsident Graef (Thü- ringen) den Präsidentensitz ein, eine Tatsache. die im Hause deswegen viel beachtet wird, weil seit dem ersten Auszug der Nationalsozialisten und Dev^'chnationalen der deutschnationale Vizepräsident sich nicht mehr an der Verhandlungsleitung bei den Reichstagssitzungen beteiligt hatte.
Als Präsident Löbe das Präsidium wieder übernimmt und dem Abg. Weber (Staatsp.) das Wort erteilt, verlassen die meisten Deutschnationalen und Nationalsozialisten den Saal.
Der politische Mord.
Abg. Dr. Weber-Potsdam erklärt, er wolle feine Behauptung beweisen, daß die Nationalsozialisten auf dem Wege des politischen Mordes vorangegangen seien. Die ersten großen politischen Morde in Deutschland,
die Morde gegen Erzberger und Rathenau seien von rechtsradikaler Seite begangen und von den Nationalisten verherrlicht worden.
Nach der Feststellung eines deutschen Gerichts sei ein Landarbeiter, der fälschlich des Verrates an die Polizei beschuldigt wurde, im Jahre 1920 durch zwei Pistolenschüsse hingernordet worden.
Am 1. Juli 1931 schrieb der „Angriff": „Man sollte bas rote Mardpack mit Hanbgranaten unb Maschinengewehren vertreiben". Am 2. 10. 1929 führte ber nationalsozialistische Führer Dr. Telschow in emer Versamm- (unq in Neuhaus aus: „Wir werben den Kampf mit allen Mitteln führen. Wenn es gegen ben indischen Janhagel geht, schreiten wir auch über Gräber. Goebbels hat am 16. Januar 1931 im Kriegervereinshaus tn Berlin gesagt: „Die Spannung und Empörung m unseren Reihen ist bis zur Siedehitze gestiegen. Vielleicht finbet sich einmal einer, ber seine persönliche Ehre identifiziert und in der Weise handelt, wie cs seine Ehre befiehlt. Ich fordere nicht dazu auf, aber was der cm»
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Well im Bild" unb „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Aetiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift. :: (eitung 3153. Fuldaer Aetiendruckerei 3151 und 3182. ::
Reichstagspräsident Löbe teilte bei Eröffnung der Sitzung am Freitagvormittag mit, daß der Abgeordnete Dr. El atzet (DVP.) sich wegen Krankheit auf zwei Tage hat be ir- tauben lassen. (Hört, hört und Heiterkeit.) — (Die Heiterkeit ist darauf zurückzuführen, daß schon zwei deutschvolksparteiliche Abgeordnete, Dr. Kahl. und Dr. Schneider, Urlaub genommen hasten. Sie brauchen infolgedessen nicht gegen die Regierung zu stimmen, wie es ihr kurzsichtiger Führer Dingeldep, unter Druck des schwerind u st r i eilen Flügels, von ihnen verlangt. D. Schriftl.)
Abg. G o 11 h e i n e r (Dntl.) protestiert unter dem Gelächter der Linken dagegen, daß trotz ent« gegenstehender Erklärungen der Regierung doch rnn Donnerstagabend der Rundfunk die gestrige Reichskanzlerrede nach der Schallplattenaiifnahme verbreitet hat. (Rufe links: „Das mar Ihnen wohl sehr unangenehm!") — (Das Gebrüll, mit der die Opposition die Rede des Reichskanzlers begleitete, und das im Rundfunk deutlich zu hören war, übertraf die tierischen Laute, die in einem Zoologischen Garten zu den Ohren der Besucher bringen. Jeder Unvoreingenommene bewundert ben Opfergeist des Reichskanzlers Brüning, der es über sich bringt, um des Vaterlandes willen sich solchen Radaubrüdern gegenüberzuste":-.)
, Präsident Löbe erklärt, für die Genehmigung dieser Uebertragung sei er allein verantwortlich. (Beifall bei der Mehrheit.) Der Präsident stellt bann einen Antrag der Deutsch- ti a t i o n a l e n zur Beratung, ber ihn auffordert, sein.Amt nied er zulegen.
Abg. Rosenberg (Rat. Soz.) wendet sich gegen' die gestrigen Ausführungen des Reichskanzlers. Mit seiner Bemerkung, Rosenberg (da- mals Student in Rußland) habe 1918 noch nicht gewußt, welches fein Vaterland sei, habe Dr. Brüning das tragische Schicksal von 10 Millionen Ausländsdeutschen verspottet. Die nun folgenden Sätze werden von den Nationalsozialisten mit jo lauten Beifallskundgebungen unterstrichen, daß sie auf der Tribüne unverständlich bleiben.
Abg. Dr. Frick (Nat. Soz.) beantragt die Herbeirufunz des Reichsfinanzministers Dr. Dietrich.
Abg. Tor gier (Komm.) erklärt, die Kommunisten würden für diesen Antrag stimmen unter bet Voraussetzung, daß auch ber kommunistisch e Redner vom Minister angehört wird.
Das Ergebnis der ersten Abstimmung bleibt zweifelhaft.
Im Hammelsprung wird der national- ! ozialistisch eA n t r a g mit 180 gegen 210 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen abgelehnt.
Vor der Beendigung des Hammelsprunges war Reichsfinanzminister Dietrich an seinem Platz erschienen. Er wurde mit Heiterkeit begrüßt. Als ber Präsident die Ablehnung des nationalsozialisti. scheu Antrages verkündet, erhebt sich der Minister
Monatlich 1.65 einschlleßt. Postgebühr (43 Pfg.) ohne ^julteUg. Anzeigen-Preife: Kleinzeile (Col) lokal 0.15 RM., auswärts 0 20 NM Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM. Bei Wiederholungen Rabatt Poftfcheckk. Frankfurt a M 4051
FuldaerZertung
Unreiner für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches kreisblalk.
„ Die Kanzlerrede hat im Reichstag einen ganz außerordentlich starken Eindruck gemacht. Als Dr. Brüning geendet hatte, war sie lange Zeit der Gesprächsstoff in der Wandelhalle. Man bezeichnete sie allgemein als d i e beste Rede, die der Kanzler je gehalten hat. Viel bemerkt wird, daß trotz allem Widerspruch und allem Tumult, womit die Nationalsozialisten die Kanzlerrede im ganzen begleiteten, sogar aus ihren Reihen zu einzelnen Stellen B ei fall kam. Dies gilt z. B. für den Passus, in dem Dr. Brüning feststellte, daß nicht alle Schuld erst seit dem 9. November 1918 datiere, sondern man auch die Fehler der Vork riegs- $ eit in die Betrachtungen einbeziehen müsse.
' Aus dem außenpolitischen Teil der Kanzlerrede wird in politischen Kreisen besonders das Wort hervorgehoben, in dem Dr. Brüning von ber Möglichkeit von Repressiv maß nahmen gegen Litauen sprach. So vorsichtig es for- muiiert war, dürste es in Litauen doch verstanden werden. Die stärkste Wirkung hatte der Kanzler aber mit den innerpolitischen Ausführungen, in denen er mit seinen Gegnern abrechnete. Die Art, wie er z. B. die Angriffe des Abg. Rosenberg mit dem Hinweis erledigte, daß Rosenberg (ein Balte, der erst nach dem Krieg nach Deuv'ch- land kam) sich noch nicht darüber im klaren gewesen sei, welches Vaterland er wählen solle, als Dr. Brüning bereits jahrelang seine ganze Person für Deutschland eingesetzt hatte, war außerordentlich wirkungsvoll. Daß der Kanzler damit nur diese anmaßenden Kritiken zurück- weisen, nicht aber die Tragik der Grenzbewohner verhöhnen wollte, ist für jeden objektiv denkenden Staatsbürger klar. Nachdem- der H e i m k r i e g e r Gchebbels andere Leute, die jahrelang im Feld standen, von der Tribüne des Reichstags beleidigen durfte, ist es wahrhaftig an ber Zeit, daß einmal die maßlose lieber* Hebung gewisser Kreise an den Pranger gestellt wird. Geschieht das nicht, jo geht namentlich der jungen Generation jeder Maß-
n * £.