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A//LS

Verlage zur Fuldaer Zeitung

21. Februar

Abend in Venedig.

Auf dem Canal grande betten Tief in sich die Abendschatten, Hundert dunkle Gondeln gleiten Als ein flüsterndes Geheimnis.

Mer zwischen zwei Palästen Glüht herein die Abendsonne, Flammend wirft sie einen grellen Breiten Streifen auf die Gondeln. In dem purpurroten Lichte Laute Stimmen, hell Gelächter, Ueberredende Gebärden Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kleine kurze Strecke

Treibt das Leben leidenschaftlich.

Und erlischt im Schatten drüben Als ein unverständlich Murmeln.

Conrad Ferd. Meyer. .

Sie Zell steht still in Sardinien.

Von Annemarie S i b b e r s.

Stn Herzen der wildesten Berggegend liegt das Städt­chen Fonni. In Cagliari war es uns nur als schwarzes Pünktchen in dem Braun der Gebirgszeichnung erschienen. Reisende hatten uns erzählt, daß dort in diesen Tagen das Kirchweihfest stattfinde, eine Gelegenheit, die schönsten Trachten der Insel beisammen zu sehen und das sardinische Volksleben kennen zu lernen.

Der Morgen war kühl, als wir dahin aufbrachen. Wie eine dicke Hummel taumelte und brummte der Auto­bus durch die regenfrischen Kastanien und Korkeichen. Nebelschwaden zogen aus den Bachtälern, die Granit­felsen ringsum schmauchten. Aber schon leuchtete hie und da ein verschollenes, zartes Blau durch die Wolken­betten, immer tiefer wurde es, immer klarer, bis es, eine sonnendurchglühte Kuppel, den schönen Sommertag über­spannte.

Nach schwindelnder Bergfahrt hielt das Auto an einem alten Brückenbogen. Vor uns das Massiv des Monte Spada, von dessen Gipfelgrat Bergzng um Berg- Zug in schroffen Zacken und nackten Hängen herunter­strömte, sich in rote und violette Dunkelheit der Täler verlierend. Diesen Anblick immer vor uns, so stiegen wir einen Fußpfad hinan. Durch duftendes Korn ka­men mir über das bunte Geröll eines Baches, der lustig plaudernd den Fußpfad als Bett benutzte, stiegen über beblumte Wiesen auf einen Hang, der mit uralten Kastanien und Eichen bestanden war.

Bauern überholten uns, lässig und würdevoll auf den rassigen Pferdchen sitzend, die dicke, schwarze, phrygische Mütze auf dem Kopf, über dem bauschigen, weißen Hemd die geschlitzte, schwarze oder violette Aermelweste, unterm breiten Patronengürtel das dunkle, balletteusen- hafte Röckchen. Die weiten weißen Hosen hingen fast wie ein Rock über die filzbedeckten Beine.

Reisigen Landsknechten des Mittelalters gleich zogen sie dahin, das Gewehr über die Achsel, bereit, jederzeit ben Adler ober das Wildschwein, die vielen Schnepfen derMacchia" zu jagen, des unkultivierten, dusch« durchstandenen Landes, das den größten Teil der Insel deckt.

Endlich kühlte uns, auf der Höhe angelangt, Berg­wind den Sonnenbrand. Ringsum schwangen Gipfelzüge in blaue Weiten. Auf dem Plateau lagen, Felsblöcken gleich, dis Ziegeldächer der primitiven Häuser von Fonni. Wie wettergefressene Löcher wirkten die oft glaslosen Fensterhöhlen.

Zum ersten und letzten Male in Sardinien war unsere Unterkunft phantastisch schmutzig. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich dem erstaunten Bauernmädchen klorge- macht hatte, daß jeder von uns sein Handtuch, und noch dazu ein frisches, haben mußte. Auch daß wir neue Bet­ten die alten waren noch lange nicht schmutzig genug haben wollten, war schwer zu fassen. Mißmutig wurde ein schmieriges Plättuch durch ein wirkliches Tisch­tuch ersetzt wollten wir etwa vom Tuch direkt effen?

Unten in der Breughelschen Küche wurde gerade einem Lämmchen zur Feier des Festes das Fell abgezogen.

Zwischen schwarzen Steinen loderte auf dem fettigen Boden ein Eichenfeuer. Ein Spieß drehte darüber. Spä­ter, bei der Rückkunft schnitt ich mit eigenen Händen ein knusperiges Stück herunter. Es schmeckte, mit einem Stück des würzigen Brotes, wunderbar süß.

Nachdem wir also unsere Wirtsleute in Erstaunen ge­setzt hatten, zogen wir zur Kirche. Gerade läutete die blecherne, kleine Glocke zum Beginn der Messe. Durch ein Rundtor trat man in den Kirchenhof, der von einem primitiven Kreuzgang umzogen war. Er war nicht zum beschaulichen Wandeln der Franziskanermönche ge­baut dicke Steinbänke verbanden die einzelnen Pila­ster, darauf ausgebreitet lag, angefangen vom kupfernen Kessel bis zum Oeldruck alles, was ein primitiver Bauernhaushalt braucht, Buden und Wägelchen, bnntbe- zäumte und beflitterte Eselchen und Pferde füllten den Platz selbst.

Mit vollem Recht also besteht hier noch der alte Doppelsinn des WortesMesse", der sowohl die gottes­dienstliche Handlung wie die damit verbundene Markt­gelegenheit umfaßt.

Nach Beendigung des Amtes ergoß sich der Strom der Kirchenbesucher aus dem dunklen Portal. Die Au­gen, kaum gewöhnt an die blitzende Klarheit der Höhen­luft, wurden geblendet von nie gesehener Farbenpracht. Brennend scharlachrot wehten die steifen Faltenröcke der Bäuerinnen, nach oben zu dunkel in Violett verglühend, die Treppe herunter. Funkelnd schimmerte der blumige und goldsilberne Brokat der gezipfelten Leibchen, schneeig überbauscht von den faltigen Hemden. Als müßte diese betäubende Farbigkeit gedämpft wer­den, waren meistens die Kopftücher nonnenyaft streng, braun und violett, bis übers Kinn gebunden. Schwarze Augen, große, strenge Züge leuchteten dunkel heraus. Nur die Desulaneriunen prunkten in himmelblauen und scharlachnen Käppchen, gelb umstickt. Um doch Be­scheidenheit zu zeigen, erheischte es die Sitte, daß sie die buntfarbigen Mäntel verkehrtherum trugen; so kam die schöne Stickerei nicht zur Geltung. Schmal schnürten die fischbeingepanzerten Leibchen die Taillen ein. Schmal und zart waren auch oft die Hände und die Fesseln der kleine Füße, die meistens in zierlichen Stöckelschuhen staken wenn man dabei an die steinigen Wege und die schwere Arbeit dieser Frauen dachte! Dämpfend

Die SchaffarmCrimple Creei" am Eyre-See, un­weit der Bahnlinie Adelaide Ooduadatta, hatte im Verlauf eines Jahres von ihren 100 000 Tieren über 8000 Stück verloren, die fast ausschließlich den Dingnos. den Wildhunden, zum Opfer gefallen waren. Mr. Grin- der, der Besitzer, schickte seine berittenen Hirten aus, die benachbarten Squatter zu einer Treibjagd auf die Bestien einzuladen.

Es war eine bunte Gesellschaft, die bald daraus ein­zeln, ober in Trupps auf Crimple Creet eintraf. Robuste .Gestalten mit harten Gestchtszügen, langen Kopshaaren upd verwilderten Bärten. Jeder der Männer hatte ein Remingtongewehr quer über dem Sattel liegen, ein lan­ges Messer im Stieselschaft stecken. Unter ihnen fiel ein eiter Mann durch feinen riesenhaften Wuchs auf, der allgemein unter dem NamenJack, the furrier", Jack, der Pelzhändler, bekannt war. Nach Hunderten zählten die Felle der silbergrauen Wallabies der kleinsten Känguruhart, der Bären. Füchse, Wölfe, Eichhörnchen uni) Beutelratten, die dieser Jäger alljährlich auf den Markt brachte. Jocks Pelze waren sehr begehrt, weil er die Tiere nur durch meisterhafte Kopfschüsse tötete, die Vliese selbst also unverletzt blieben.

Die Unterkunftsräume der Farm reichten bei weitem nicht aus, alle Gäste zu beherbergen. So loderten bald hier, bald da Reisigfeuer innerhalb der Creet auf, an denen sich Freunde und Bekannte zusammenfanden. Na­türlich bezogen sich die Gespräche in der Hauptsache auf die kommende Dingojagd. Ein jeder gab seine mehr

wirkte dagegen die dunkle Masse ber Männer, die ge­messen plaudernd in Gruppen zusammen standen. Nur die Heiteren waren noch in voller Tracht. Das weiße ornamentbestickte Hemd schmückten schöne Filigranknöpfe, einige trugen über der blauen, violetten und schwarzen Sannntjacke statt ber schwarzen Fell- bie weise Leber­seite ihrer Weste nach außen, bestickt mit orientalisch bunten Ornamenten. Seltsam. wirkte bei einigen wür- bigen, eisbrätigen Alten das kokette Schaukeln ber stangengespannten Röckchen.

Auch ber Prozessionszug burch ben Ort am Nach­mittag war reinstes Mittelalter. Auf feurigen Pf erben ritten Jünglinge mit einer Marienstandarte voran, bie Sonne ließ bas Scharlach, Schwarz unb Weih ihrer Klei­dung leuchten. Langsam folgten bie Männer, bie barocke Heiligenstatuen trugen. Endlich kam bie Menge ber Bäuerinnen zu zweit, trotz ber Buntheit nun burchaus nonnenhaft wirkenb, bie Hände unter ber Schürze ge­faltet.

Ich kam mit einem Bauern nebe nmir ins Gespräch Er hatte ein kluges, gütiges Gesicht trotz feiner harten, burchfurchten Züge. Als er hörte, baß ich Deutscher sei, würbe er gesprächig; er lese geschichtliche Bücher im Win­ter, er habe Bismarcks Leben studiert was ber wohl zum Weltkrieg gesagt hätte. Der Mönch, ber uns freund­lich bie Kirche zeigte, naives, buntes Bauernbarock, die Deckengemälde erst jetzt von einem österreichischen Kriegsgefangenen gemalt, erklärte mir seine Sym­pathie fürAllemannia" (auch sonst sind viele spanisch« Worte im Sardischen enthalten), es hieße hier: Was der Deutsche beginnt, das führt er auch zu Ende, er geht den Dingen auf den Grund. Wie alle Primüiven, so bewun­dern die sardilchen Bauern Deutschlands Maschinen, fein technisches Können.

Gen Abend fliegen wir durch die Berggassen hinauf zu einer schrankenlosen Rund schau des Gebirges Immer seliger wurde das Licht. Thymian und Wermut bufteten, von den Wiesen herauf klang bas Läuten ber Kuhglocken. Schnell fiel bie Nacht ein, kühl und stern- burchorannt. Vom Kirchplatz her brummte bie Musik bas kleinen Zirkus Auf einer Feldmauer unten schimmerten rote Röcke. Eine Launeddu, eine ber breipfeifigen, ur­alten Hirtenflöten klang auf. Käuzchenschrei begrüßte ben Monb, ber honiggolden über den schwarzen Gipfel­zacken aufftieg.

Die Zeit steht still in Sardinien ....

oder minder üblen Erfahrungen mit den Wildhunden zum besten. Jeder venrat seine eigene Fanginethode. Der alte Jäger lauschte schweigend den Erzählungen, schüttelle nur hin und wieder den Kopf.

Now, Jack, was ist denn nun so Ihre Meinung?"

Well, Mr. Grinber. der Dingo kann erfolgreich nur mit dem Dingo gejagb werden. That's a fach"

Ein brüllendes Gelächter ber Squatter belohnte ben vermeintlichen Witz. Besonbers ein rothaariger Farmer mit brutalen Gesichtszügen, namens Sharper, ben man heimlich im Verbacht hatte, mehr Vieh-räuber, als -Züch­ter zu fein, konnte es nicht unterlassen, den Alten immer roieber mit giftigen Worten zu verhöhnen. Da aber niemanb auf seinen Ton einging, Jack überhaupt keine Notiz von ihm nahm, zog er sich mit einem tückischen Bück auf letzteren grolleub zurück. Die beiben schienen schon früher eine Fehde miteinanber gehabt zu haben

Mr. Grinber hatte zwar auch herzlich mitgelacht, doch fragte er:Jack, old frienö, wollten Sie uns nicht er­klären, was Sie damit meinen: ben Dingo mit dem Dingo zu jagen?"

Statt jeder Antwort stieß ber Alte einen schrillen Pfiff aus. Fünf, sechs Sekunden verstrichen, da sah man einen gelblichen Körper mit gewaltigem Satze über bie drei Meter hohe Palisade der Creek schnellen. Mit fiinkelnden Augen, die Lefzen hochgezogen, so daß sein furchtbares Gebiß sichtbar mar. stand ein riesiges Tier inmitten der in der Erregung aufgesprungenen Männer. Auf einen Wink des Jägers hin kauerte es sich zu dessen

Füßen nieder. Sprungbereit Die Gesellschaft mit feind» lichen Blicken musternd

Well, Mr. Grinder, das ist meinLion" Kreuzung zwischen Dingohündin und Neufundländer. Selbst auf­gezogen. Hat die Stärke eines Löwen, daher sein Name.Lion" wird uns bie Dingos ans Messer liefern. That's a fact."

Jedes Gespräch war verstummt. Alle staunten bie gelbe Bestie an, ber bie Morblust aus ben Augen leuch­tete. Ihr rotgelbes Fell war an ben Seiten tiefschwarz gefärbt. Die bicfaufliegenben Beinmuskeln, ber kurze, stämmige Hals verrieten bie ungeheure Kraft bes Tie­res. An ben Lagerfeuern würbe noch bis in bie Nacht hinein über bie Verwendbarkeit Lions für die Dingo« jagb heftig gestritten.

Die Jagdgesellschaft war nun so ziemlich beisammen.

In ber Frühe bes nächsten Morgen rückte bie Kaval­kade aus. Man hatte Jack bie Führung überlassen. Am Ende des Trupps ritt, von ben Farmern sichtbar ge- mieben, ber rothaarige Sharper. Stundenlang ging es durch ben typisch abwechselten mit nieberem Buschwerk unb sumpfigen, mit Salzpflanzen überwucherten Mooren. Enblich erreichte man ausgebehnte Eukalyptuswalbun» gen, bie riesige Oasen umschlossen, auf benen saftiges Känguruhgras üppig emporschoß. Hier mar bie Heimat bes Wilbes, aber auch bie des Dingo, seines Tobfeindes. Noch eine Stunde weit führte Jack bie Jäger, dann ließ er halten unb verteilte bie Schützen entlang eines halb» monbförmigen Walbsaumes, von bem aus man einen weiten Blick auf eine baumlose Grassteppe hatte. Je zehn Mann an beiden Ausläufern bes Waldes hatten bie Aufgabe, später ben Kreis vollstänbig zu schließen. Jetzt zog Jack aus seiner Satteltasche ein frisches Dingofell.

Lion, roait sor. Cateh the bamneb rascals. Go on!" Kaum, bah bas Tier sich bie Zeit nahm, an ber ihm vorgehaltenen Trophäe Witterung zu nehmen, als er ichon lautlos bavonstürmte.

Ein, zwei Stunben vergingen in gespannter Erwar­tung, ba sah man in ber Ferne gelbe Tierleiber burch bas hohe Gras fließen. An ber Spitze bes RubelsLion."

Blindlings folgten bie Dingos ihrem Halbbruder, ber sie noch an Wilbheit übertraf. Ein scharfer Pfiff bes alten Jack. Wie ber Blitz schwenkteLion" seitwärts ein, währenb bie Meute geradeaus raste, dem nahen Walde zu. Mit dem Augenblick setzte das Schnellfeuer der Schützen ein. Ueberall wälzten sich die Überlisteten Wild- hitnde in ihrem Blute. Nur wenige Tiere entkamen, lieber hundert Kadaver wurden gezählt. Als jetzt bie Squatter den alten Pelzjäger jubelnd umringten, fiel plötzlich noch ein einzelner Schuß.

Damned, ba ist ja noch so eine Bestie!"

Mit bem Rufe war Sharper auf bie Waldblöße hinausgetreten und hatte mit einer wohlgezielten Kugel Lion niebergeftretft---.

Eine ungeheure (Erregung bemächtigte sich ber Jä­ger. Viel fehlte nicht, so hätten sie den Rothaarigen ge­lyncht.

Stumm kniete ber alle Jack nieber. Strich noch ein­mal über ben Kopf seines verendeten, treuen Iagdgefähr» ten, dann bestieg er sein Pferd und ritt, ohne sich noch weiter um die Gesellschaft zu kümmern, davon.

Schweigend wurde ber Heimweg angetreten.

(Eine Woche später fanden Schafhirten Sharper im tiefen Busch. Tot. Durch ben Kopf geschossen, lieber ihm lag das Fell Lions ausgebreitet. Von Jack, the furrier, hörte man nie etwas wieder.

3n der Galerie.

Häuser haben ganz gewiß ebenso ihre persönliche Eigenart wie Menschen. Und genau wie diese besitzen sie auch Familienkennzeichen. Seltsamerweise äußert sich bie Familie ber Häuser meist in einem ganz be­stimmten Geruch. Wenn z. B. jemand mit geschlosse­nen Augen in ein Krankenhaus geführt wird, so wird er das zweifellos inerten (sofern er feinen Stockschnup­fen hat) unb keinesfalls in einer Zigarrenfadrik zu sein glauben. Unb umgekehrt.

Auch die Häuser, bie ber Kunst dienen, vermitteln zunächst ein Geruchserlebnis. Z. B. das Theater! Man sagt, das mache ba ber Kulissenleim, aber bas scheint mir eine würdelose Erklärung für eine so wichtige

Eine Tragödie im Australischen Vusch.

Von Theo Pöppelmann, Paderborn.

Die Jungfernfahrt

11] Roman von

Die Promenade derChristabelle" bleibt menschen­leer an diesem Nachmittag kaum einer der Passagiere verläßt die Sabine. Frau Müller-Lang steigt einmal gegen sechs für ein paar Minuten aufs Gartendeck. Der furchtbare Fund, den gerade ihr der Zufall in die Hände spielte, hat ihr Nervensystem bis in bie feinsten Fasern erschüttert. Harte Eisenreifen scheinen ihren Kops zusammenzupressen. Obwohl sie beide Fen­sterflügel in ihrer Sabine geöffnet hat, erfrischt sie die eirrftrömenbe laue Lüft nicht mehr der Mai bringt schon hohe Temperaturen im Aegäischen Meer mir fünf Minuten will sie sich die Prise oben auf bem Deck um bie schmerzenden Schläfen knattern lassen. Dann kehrt sie in ihre Sabine zurück es ist Zeit, sich umzukleiden. Zum Diner überlegt sie, muß man schließ­lich gehen...

Aus der Freitreppe Zwischen Salon- unb Hauptdeck hört sie Grabesstille herrscht in ben Fluren, bas kleinste Geräusch springt, bie Nerven in Schwingung versetzend, bösartig auf wie sich bie Glastür, welche die Diele vor bem Luxuszimmer vom Vestibül trennt, ganz leise, ganz langsam in ben Angeln dreht . . .

So öffnet man doch keine Tür . . . !

Ein Verdacht blitzt in der gesteigerten (Erregung die­ser Stunden in ihr auf mit zwei Sprüngen jagt sie ein paar Stufen hinauf unb preßt sich hinter einen Pfeiler: Sie sieht einen Mann, bie Glastür behutsam wieder schließet! . . . jetzt sicht er sich um es ist Fellnor!

Warum späht bieser Mann, ber sonst immer so frei unb unbekümmert auftritt, jetzt lauernd, geduckt nach allen Seiten . . .?

Vorsichüg schleicht er durch das Vestibül man müßte in ber Totenstille doch wenigstens seine Schritte bümpf auf bem Teppich hären . . . ?

Jetzt entdeckt sie, daß er keine Stiefel trägt sondern absatzlose Pumps also man soll ihn nicht hären um Gotteswillen, was bedeutet das . . .?

Ein eisiger schreck überrieselt sie: Fellnor bleibt vor der verschlossenen Kabinentür Walkers stehenbeugt

der Chriskabelle."

Alfred Karl.

sich zum Schloß hinunter, macht sich an ihm zu schassen die Tür gibt nach vorsichtig windet er sich in die Sabine hinein . . . Ein Nachschlüssel, nein, woher sollte er ben benn haben ein Dietrich also . . .? Die Schrift« stellen« weiß nachher nicht, daß sie über eine halbe Stunbe an ben Pfeiler gedrückt gewartet Hai, bis sich iZellnor ebenso vorsichtig scheu unb lauernd wieder aus der Kabine schob, die Tür verschloß und bann in ber Diele von bem Luxuszimmer verschwand sie weih nichts, die niederschmetternde Viertelstunde hat ihr Ge­hirn völlig gelähmt . . .

Dann peitschte die Reaktion sie auf sie fliegt den Treppenabsatz empor, stürzt in bie Diele zwischen ben Luxuskabinen unb zu Rcta ins Zimmer hinein.

Um Gottes willen, Reta" in ber Aufregung nennt sie das Mädchen beim Vornamenich habe eben Fellnor in Althaus Sabine schleichen sehen, vor­sichtig, damit es niemand merke er hat sie mit bem Dietrich geöffnet!"

Reta will gerade bas Abendkleid zum Diner zurecht- legen.Nein, das ist nicht wahr!" schreit sie bestürzt auffahrend ber Sdjrifffttilerin entgegen, bie in einen Seidensesfel zusammengesunken ist. Das kostbare Kleid flattert zu Boden...

Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!"

Erschüttert erkennt Reta, daß die Frau mit Ge­walt die aufsteigenden Tränen unterdrückt.Wissen Sie, was das bedeutet . . . ? Ja, wissen Sie es . .?"

Nein, nein, gar nichts bedeutet das!"

Cs soll nichts bedeuten . . es darf nichts bedeuten . . drängt gleichsam ihr gepeinigter Blick.

Oh, ich weiß es, Reta, das ist immer so es zieht den Mörder stets zurück nach dem Ort seiner Tat! Was suchte er in der Sabine warum soll ihn niemand sehen, wenn er nichts zu verbergen hat . . .?

Jetzt bleibt Retas Antwort aus -r-

Mit hängenden Armen und geschlossenen Augen steht sie vor der Schriftstellerin im letzten Moment reifst sich Frau Lang-Miiller'hach, fängt bie Taumelnde am und läßt sie in den Sessel glcsten sie hat zivauz'c

Jahre mehr vorüberziehen lassen und glaubt sich stärker als sie . . . Zärtlich, behutsam streichelt sie über Retas HaarSie müssen die Zähne zusammenbeißen, Sind Sie müssen es. Ich ... ich es bleibt mir ja nichts anderes übrig, ich muß zum Kapitän . . ."

Mit wildem Sprung fährt Reta wieder auf unb klammert ihre Arme um ben Hals ber anderen.Um Himmelswillen nicht nein das dürfen Sie nicht ich bitte Sie, ich flehe Sie an . . . nein . . . bitte, wenigstens heute noch nicht . . ."

Auch Frau Lang-Miiller schlingt ihre Arme um den Hals unb flüstert ganz dicht an ihrem Ohr:Ich ver­stehe ja, o gewiß, ich verstehe Sie gut aber bas bars ich doch nicht fast zweihundert Menschen auf bem Schift sind jetzt von Mißtrauen gegeneinander zerris­sen . . ."

Doch es zeigt sich, wieviel elastische Kraft Reta Gar­ren zu Hilfe holen kann. Sie [oft sich von ber Schrift­stellerin, brängt ihre bohrenbe Verzweiflung zurück unb darauf mit erzwungener Ruhe in ihr:Ich muß glau­ben, was Sie gesehen haben ich kann auch Ihre Er­klärung nicht widerlegen es scheint keine artbere zu geben . . . Aber bis setzt ist auch mein Gefühl nicht wiberlegt, und bas spricht noch für Fellnor! Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Frau Lang-Müller: schweigen ®ie bis Konstantinopel ich werde versuchen, hinter dies Geheimnis zu kommen ich kenne ihn wohl schon am besten auf diesem Schift, und mir gelingt es. vielleicht! Bitte versprechen Sie mir es bis Cos- poli!"

Gut, Reta!" erwiderte Frau Long-Müller einfach unb preßte ihre Hand.

Ihre Verbundenheit mit diesem mutigen Mädchen hat gesiegt sie gibt nichts auf bie Chance, an die sich Reta hier klammert, aber sie will sie ihr lassen bis Cospoli kann Fellnor ja nicht herunter von berChri- stabelle" . . .

Fünf Minuten vor sieden verläßt Reto ihr Zim­mer, um zum Diner zu gehen. Niemand, der sie in * ! m Augenblick sähe, könnte bemerken, wieviel lieber« gen sie die mechanischen Bewegungen der letzten en stunde kosteten, welche unerhörte Anstren- .. . j es war, die Aufmerksamkeit auf die kleinen Hilfs­

mittel zu lenken, bie der Frau von 1930 zu ihrer Er­scheinung unentbehrlich sind bie auch Reta sonst so wichtig fein müssen, unb bie ihr jetzt so sinnlos schie­nen ....

Am Treppenabsatz stoßt sie auf ben Kapitän, ber aus einem ber unteren Decks kommt.Gut, baß ich Sie treffe, gnäbiges Fräulein ich hätte Sie schon ge­stern gern etwas gefragt . . ."

Ja, bitte Herr Kapitän . . ."

Sie bringt die Kraft wirklich zu einem verbinblichen Lächeln auf.Sie waren doch immer viel mit Herrn Fellnor zusammen, gnädiges Fräulein, von Anfang an verzeihen Sie bitte diese Erkundigungen aber ich hätte gern gewußt, ob Sie ihn schon von früher kennen?"

,Lch habe ihn erst bei der Abfahrt kenneh gelernt.." gibt Reta automatisch Auskunft was bedeutet die­ser UeberfaU, sollte auch Sebram schon . . .

Sie muh sich mit äußerster Kraft halten, während sie jetzt neben dem Kapitän langsam die Freitreppe hin- aussteigt.

Also war er Ihnen nicht von früher bekannt ... ja, was ich noch sagen wollte: Herr Fellnor stammt aus Köln, nicht wahr aber ber Name klingt mir boch eigentlich mehr englisch . . .?"

Ich habe ihn auch einmal banach gefragt. Der Name sei selten, aber deutsch nur ber Klang täuscht etwas. Unb Al ist bie bloße Abkürzung von Alfred bas sei ihm zu lang unb zu umständlich."

Wieder hat Reta mechanisch geantwortet.Hm . . ja, gnädiges Fräulein . . ." Jetzt drängt sich ihr Wi­derspruch hervor ist sie verpflichtet, sich hier einfach so ungeschminkt ausjragen zu lassen?

Warum interessiert Sie das, Herr Kapitän?" fragte sie frostig, fast drohend.

0, es hat eigentlich nichts zu bedeuten, gnädiges Fräulein der eigenartige Name fiel mir nur auf . . ."

Kapitän Sebram ist Seemann, ein ausgezeichneter Seemann, mit langen Jahren großer Fahrt erprobt Diplomat ist er nicht . . .

Hundert Menschen sitzen in dem großen Speifefaal derChristabelle", ber ein Feentraum aus bunt er­leuchtetem Glase, oerschwenberischem Licht und blühen­den Blumen ist. hundert Menschen haben sich mit