Nr. 39 Beilage zur Fuldaer Zeitung 17. Februar
Die grotze Tat.
Vie große Ta« einer ehrlichen und wirklichen Zusammenarbeit der Menschen und Völker kann nur aus einem Geist geschehen, der die Eigensucht nieder- hal« und für da» Wohl des Nächsten arbeiten heißt.
Ich bin mir wohl bewußt, daß dieser neue Geist, der der Geist des Evangeliums sein muh, nicht so bald die Menschen in ihrer Mehrheit erfassen wird.
wehe Deutschland, wenn e» sein Schicksal der Demagogie der Straße anrliefertr Dona wäre sein Ende besiegelt.
Der Reichsarbeiksminister Dr. S l e g e g e r w a l d.
Das Vildungsrdeal der kalhol. Zagend.
Jugendbewegung.
Dor allem in dem sog. wilhelminischen Zeitalter hatte sich das geistige und gesellschaftliche Leben in Deutschland so ungünstig entwickelt, daß es zu einer Verkümmerung der Persönlichkeit kommen mußte. Z. B. die Auffassung von der Autorität war stark ver- äußerlicht (Feldwebelton), äußere gesellschaftliche For- wen auf Kosten des inneren Anstandes übertrieben worden, auf wissenschaftlichem Gebiete herrschte das einseitige Spezialistentum. Die Revolution erschütterte diese Welt und enthüllte sie in ihrer erschreckenden Hohlheit Gine Sitte der Jugend, die sich schon länger von dieser gehaltlosen Lebensnot mit Widerwillen abgewandt hatte, brach setzt auf, sich ein neues eignes Reich zu bauen.
Im „Kolpingsblatt" lesen wir:
In erschreckendem Umfange wird eine geistige Gleichgültigkeit im deutschen Volke sichtbar und in noch erschreckenderem Maße wächst die Zahl der Radikalen, die mit dem Faustschlag der Zerstörung dem „Spiel" ein Ende machen wollen. Ja, wenn'» nur ein „Spiel" wäre um diese oder jene politische oder wirtschaftliche oder parlamentarische Sondersrage, dann könnte ein Reinen- Tisch-Machen nützlich sein. Wenn es nur um das „S y st e m" ginge — worüber, nebenbei gesagt, die meisten Systembekämpser unter Sowjetstern und Hakenkreuz sich gar nichts rechtes vorstellen können —, dann brauchte jeder Radikalismus nicht so ernst genommen zu werden. Aber es geht um das Leben des Volkes bei diesem furchtbar ernsten Spiel auf dem Schachbrett Europas und der Welt: es geht schlechthin um unsere Existenz als deutsches Volk und Deutsches Reich. Wie eine schleichende Blutkrankheit dringt das Gift des Radikalismus in alle Lebensadern des deutschen Volkes. Und immer mehr, so scheint es, wird das Grundelement, der Ur st off gefunden, politischen Lebens vernichtet: das Vertrauen, der Glaube an die eigene Lebenskraft. Im gleichen Maße schwindet das Vertrauen in die politische Führung.
Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, wie es um uns bestellt ist, um unseren Lebenswillen als Bestandteil des Volkes, um unseren Glauben an uns und das Volk und um unseren Glauben an die Führung dieses Volkes. Das ist nicht einerlei, wie es in unseren Reihen aussieht. Unter der gewaltigen Belastungsprobe der Arbeitslosigkeit, des Lohnabbaues und der Leistungs- kürzungen, kurz, der Herabminderung der Lebenshaltung, hat auch das junge, werktätige Volk gelitten. Vielen mag scheinen, alles fei umsonst gewesen. Aber nein, er wird überall mehr und mehr erkannt, daß all diese Opfer nicht sinnlos waren, sondern die notwendige Voraussetzung schufen für die gigantische Arbeit, die 1932 fortgesetzt werden soll. Wir mußten in Deutschland eine Lebenshaltung im ganzen finden, die unserer tatsächlichen Notlage, die aus Krieg, Inflation, B e r m ö g e n s sch w u nd und Kriegsschulden herkam, angepaßt mir. Jetzt geht es darum, auf der Abrüstungskonferenz eine Bresche zu schlagen in den
Dies neue Wollen, das von Taufenden junger Menschen im ganzen Reich ausgenommen wurde, nannte man „Jugendbewegung". All dem Unwahren und Gekünstelten des seitherigen Lebensideals stellte man die Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit im Denken und Handeln und in der ganzen Lebensführung entgegen.
Diese Bewegung durchflutete zuerst die nichtkatho- lifche Jugend, da wohl jener zersetzte Geist am stärksten in ihren Lagern zu finden war. Aber sie griff auch auf die kathol. Jugend über und hält diese, bis heute noch ansteigend, in Bewegung. Alles, was wir heute mit „neuer kathol. Jugend" bezeichnen, verdankt doch irgendwie jenem ersten Aufbruch deutscher Jugend seine Existenz. Freilich ist es heute nicht mehr so sehr der Protest, die Gegensatzstellung zur Umwelt, die wir betonen, als vielmehr das stille Aufbauen in uns und um uns aus jenem und aus dem katholischen Geist heraus. Dennoch ist das Erbe, das die heutige Jugend von jener ersten Jugendbewegung empfing, sehr reich. Die gezeigte wesentliche Einstellung teilt sie auch heute noch mit ihr. Gedanken wie: Natürlichkeit. Gemeinschaft, Führertum, Gefolgschaft usw. hat feine Generation sich heiß erkämpft. Wir haben sie meist einfachhin übernommen. Formen wie: Heimabende, Volkslied, Klampfe, Zeltlager usw. umfangen heute unser Arbeiten im Jugendreich als Selbstverständlichkeiten.
Da ist es wohl recht angebracht, daß wir einmal Einblick nehmen, wie in gärender Zeit diese Werte erkämpft wurden. Wohl am besten orientiert über all dies aufbrechende Leben der ganzen deutschen Jugend Fr. W. Förster In „Jugendfreie, Jugendbewegung, Iugendziel". Hier spricht er von der Wandervogelbewegung, von der freideutschen, der proletarischen, der kath. u. protestantisch. Jugendbewegung
Wahnwitz der Kanonenanbetung. Aber darüber hinaus steht auch jetzt schon vor uns die Aufgabe einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neuordnung in Deutschland. Sie große Aufgabe ist:
Die Rückbildung der zu abnormen, unwirtschaftlichen, größenwahnsinnigen Gebilden ausgewachsenen Konzerne und Truste in kleine und mittlere Unternehmungen in allen Gewerbezweigen, im handel und im Bankwesen!
Die Wirtschaft soll übersichtlicher, lenkbarer werden; viele schöpferische Kräfte sollen sich in einem gesunden Mittelstand — und dabei ist der Begriff Mit-
Schulungskursus
für Die Präsides der Zungmiinnervere'ne!
Der im Kirchl. Amtsblatt angesagte Ptäfibee- ftutfua, den Generalsekretär Siemens» Düsseldorf von Montag, den 22. Februar bis Mittwoch, den 24. Februar abhalten wird, findet nicht in Vad Soden, sondern in Fulda (Herz - Fesu - Heim) statt.
telstand sehr weit zu fassen — wieder regen können. Mehr Sauberkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen soll in einer so geformten Wirtschaft auch der Leistung des Arbeiters wieder Raum, Anerkennung und Verdienst geben.
Wenn wir uns einmal die Mühe machen, die Re- gierungsmaßnahmen und Notverordnungen des letzten Jahres zu prüfen auf diese Linienführung zur neuen Wirtschaftsgestaltung hin, bann müssen wir ehrlich feststellen, daß der Kanzler nicht nur, wie leichtfertiges Gerede ihm vorwirft, die Kleinen angepackt habe, sondern daß er durch Maßnahmen gegen die Kartelle, gegen d i e Banken (Bankenaufsicht,
Es geht ums Ganze
Was spielen wir?
Die Auswahl der Stücke für die Theaterabende unserer Vereine.
Von Joseph M. Wilhelm.
Sicherlich haben viele Spielleiter und Spieler beim Lesen der Aufsätze über das Theaterspiel unserer Vereine in den vergangenen Wochen zugleich zustimmend und dabei dach auch wieder mißbilligend ihre Kopfbewegun- aen gemacht. Das ist auch gar nicht anders zu erwarten. Kritik üben ist bekanntlich viel leichter als etwas besser machen. Und doch hat eine Kritik, die um eines Zieles mllen verfochten wird, dem Gewohnheitstrott gegenüber etwas voraus: sie sieht eine Aufgabe vor sich, der sie dient. Ost muß dabei eine derbe Sprache gesprochen werden, damit das Ohr überhaupt aufhorcht.
„Im Ziele gehe ich mit Ihnen einig", wird mancher sagen, auch wir wissen, daß es um unser Vereinstheater nicht allzugut bestellt ist, aber wo sinddie besseren S t ü ck e? . . . — Es ist mir lieb, daß wir ini Ziel einig gehen, daß wir bei unserem Theaterspiel keine Zeit vertun wollen, die nicht lohnt. Und um die rechte Stückwahl wollen wir uns heute bemühen. Natürlich kann durch einen Zeitungsartikel nicht jeder persönliche Wunsch eines Spielleiters erfüllt werden. Das Dorf oder der Verein, der schon viel gespielt hat, kann sich technisch ein anderes stück ouswählen, als der Anfänger. Aber ich hoffe, daß meine Hinweise beiden nützen. Und wer Bescheid weiß, ist der Sache so wie so enthoben.
Wer Theater spielen will, läßt sich in der Regel von einem ober mehreren Theaterverlagen Kataloge oder eine Auswahlsendung von Stücken kommen. Bei dem Heber» angebot an minderwertigen Stücken kann es dabei Vorkommen, daß man gleichsam aus Verlegenheit ober falscher Höflichkeit bei einem solchen Stück bleibt, das einem nur halb zusagt. Es ist zwar nicht wertvoll, aber es wird gespielt, weil kein besseres zur Hand ist. Hier gilt es um des Zuschauers willen den ersten Mut aufzubringen, den Mut zur Rückgabe der gesamten Aus- wahlfendung. — Es ist bedauerlich, daß der Name eines Verlags uns nicht Gewißheit über den Werk eines Stückes geben kann. Mit ganz verschwindenden Ausnahmen ist es bei den meisten Verlagen und Vertriebsbuchhandlungen die Mischung von Wert und Unwert so groß, daß man sich durch sie "kaum praktisch beraten lassen kann. Ob nun der Titel eines solchen Ratgebers in schreienden Farben Masken und Gestalten, ober schlicht eine antike Büste mit Lorbeerkranz zeigt, ist gleich Der Zeitaufwand und die Aussicht auf guten Rai wäre zu gering, selbst wenn gute Stücke auf irgend einer Feste in Kleindruck angezeigt wären.
Die Fülle der Theaterstücke ist so groß, daß wir uns nach Ratgebern umsehen müssen, die die Vorarbeit für uns geleistet haben. Da ist zunächst
„die Volkskunstliste"
guter Spiele für die Laienbühne (Volkskunstbücherei Heft 14, Ausgabe 1926 (die frühere Ausgabe ist völlig überaltert) im Volksoereinsverlag zu M.Gladbach. Preis Mark 1.). Im Vorwort dieser Liste wird von Emil Ritter das Ziel genannt, dem sie dienen will: „Sie. will den katholischen Vereinen und Gemeinschaften ein Helfer sein, durch den sie wenigstens vor Mißgriffen bei der Wahl eines Bühnenspiels bewahrt werden; sie will die Wahl erleichtern und bet den Unkundigen die Geschmacksoerwirrung verhüten." Sie wird vor allem den Vereinen willkommen fein, die sich nur langsam von der Art der seitherigen Theaterabende und Stücke loslösen können. Wenn man die jetzige Ausgabe mit der früheren vergleicht, so sieht man zugleich den Aufschwung, den das Laienspiel genommen hat. Die L sie enthält mehrere hundert Spiele. Sie gliedert sie in: Biblische Spiele, Advents- unb Weihnachtsfpiele, Passions- und Osterspiele, Legen- denspiele. Andere geistliche Spiele, Märchen und Sagen, Festspiele, Geschichtliche Schauspiele, Volksftücke, Lustspiele und Schwänke. Bei jedem Abschnitt sind auch Stücke untergegliebert mit nur männlichen ober nur weiblichen ober Kinderrollen . Sie nimmt also starke Rücklicht auf Gepflogenheiten der Vergangenheit, aber sie erschöpft sich nicht darin. Auch Stücke wie sie das neuere Laienspiel pflegt, sind enthalten. „Die Liste spiegelt die Entwicklung von der Vereinsbühne über die Dolksfest- bühne zum Laienspiel, wie es die Jugendspiellcharen ausprägt". Die jedem Spiel beigegebene kurze Besprechung gibt Spieldauer, Zahl der männlichen und weiblichen Spieler, Ort und Szenenwechsel, Kostümhinweis und eine Charakteristik des Spieles an Auch die Musikvereine, die eine musikalische Aufführung veranstalten wallen, finden hier Rat .— Freilich wirb das eine ober andere Stück in der nächsten Auflage fallen, da Besseres an seine Stelle treten kann. Bis dahin können wir uns ja selbst durch eine offene und ernste Kritik im guten Geschmack weiterbilden. Lausend ergänzt wird die Liste durch Besprechung der süngsten Stücke in der Zeitschrift für „Volkstum und Volksbildung" (der neuen Folge der Volkskunst), die bei Bachem in Köln erscheint.
Geht die „Volkskunstliste" mehr in die Breite, um allen theaterspielenden Vereinigungen Stofs zu bieten, so zielt der
„Ratgeber für Jugendfpielscharen"
(Teil I: „Die Auswahl von Spielen", kart. Mark 1,80 und Teil II: „Die Arbeit am Spiel" von Reinhard Leibrandt, kart Mark 3,30. Im Verlag des Landesver-
Aufsichtsröte), gestaffelte Umsatzsteuer und manche andere Maßnahmen der Umbildung der deutschen Wirtschaft in Mittel- und Kleinbetriebe den Weg geebnet hat. Allerdings ist es ein harter und sehr langer Weg, der gegangen werden muß. Aber im Ernst kann niemand glauben, der noch zu denken versteht, daß durch ein bolschewistisches Experiment in dem komplizierten Industrieland Deutschland, wo von 63 Millionen Menschen 40 Millionen in Handel und Industrie leben, eine bessere Wirtschaftsform geschaffen werden könnte. Es ist der Vorzug der Jugend, daß sie noch in eine Zukunft gläubig schauen kann. Wir müssen diese vom Kanzler vorbereitete neue Wirtschaftsentwicklung anerkennend und dankbar sehen.
Eine andere Erkenntnis, ein anderer Weg aus der Wirtschaftsnot unserer Tage ist sichtbar geworden:
Erweiterung der landwirtschaftlichen Nuhungsfläche in Deutschland und Neuschaffung bäuerl. Existenzen.
Auch für den jungen Handwerker und Industriearbeiter ist das eine Zukunftsaufgabe, die Binnensiedlung, in welchen Formen sie immer sich durchführen läßt, anzupacken. (Eine kräftige Eigenbewegung für die Siedlung wird in der Jungarbeiterschasi in den nächsten Jahren erstehen. Kolonisatorischer Mut, Wille zum harten Tagwerk auf der Scholle ist dazu erste Voraussetzung. Der Weg in die Siedlung ist ein Weg in Deutschlands Zukunft. Das müssen wir sehen, über all« großen und kleinen Tagesnöten hinweg. Darum gilt es, im Katholischen Gesellenverein die Kraft zu- sammenzuhalten. Eine uneinnehmbare Feste des Glaubens an uns, weil wir noch jung sind und die Zukunft erobern und gestalten können, wird der Gesellenverein sein müssen. Mögen die Aelteren müde den Kopf schütteln nud die Hände sinken lassen, wir Jungen haben den Mut zum Glauben.
Allerdings, der einzelne muß Halthabenan der Gemeinschaft, heute mehr denn je. In der Gesinnungs- und Arbeitsgemeinschaft der Kolpingsfamilie soll auch der politische Glaube und der politische Lebenswille seinen festen Stützpunkt Haden. Wir wissen, daß wir uns um die Gestaltung von Volk und Wirtschaft und Staat mühen müssen: und das ist Politik. Zeiten, wie wir sie heute erleben, sind nicht angetan zum politischen Problematisieren. Demokratie heißt nicht nur, über alles und bei allem mitreden wollen, sondern heißt auch Anerkennung und Respekt vor der Leistung des Führers und Hingabe und Gefolgschaft an ihn. Diese Seite der Demokratie, bisher in Deutschland zu wenig beachtet und gepflegt, muß bei uns in erster Linie anerkannt und es muß entsprechend gehandelt werden. Ein größerer Adolf als jener politischer Abenteurer Adolf Hitler hat schon zu seiner Zeit die Phraseur« nicht leiden können. Allerdings besteht die Gefahr, daß der Nebel nationaler Phrasen und wirtschftlicher Phantasien notleidende Menschen verwirrt und zu waghalsigen Umsturzversuchen hinreißt. Hinter Sowjetstern und Hakenkreuz haben sich Landsknechtgruppen gesammelt, die darauf warten, loszuschlagen. Die staatliche Autorität ist stark genug* ihnen zü begegnen. Diese Zuversicht dürfen wir haben. Wenn aber Bolschewisten und Nationalsozialisten Umsturzpläne hegen, dann sollen sie auch wissen, daß noch genug Vernunft und Besonnenheit im deutschen Volke ist, um alle jene Versuche der Errichtung eines Schreckensregimentes in einem Sowjetdeutschland oder in einem Dritten Reich mit aller Kraft zu begegnen.
wenn sich bas sogenannte „Bürgertum“ heute wie einstmals 1918 verkriecht vor den Tyrannen der Straße, dann müssen die gesunden, konservativen Volkskräfte, die wirklich bürgerlichen, d. h. Gesellschaft und Staat tragenden Kräfte, gerade im katholischen Volksleil um so deutlicher zeigen, daß sie auf der Hut sind.
Aeußeres Sraftmeiertum war nie unsere Art. Aber die inneren, gesunden Widerstandskräfte, in den Kämpfen von 1848, und In der Kulturkampfzeit, im Weltkrieg und in den stürmischen Nachkriegsjahren vielfach erprobt, werden auch heut« wieder unter Beweis gestellt werden, wenn es gilt. —® —
eins für freie Volksbildung und Wohlfahrtspflege in Ostpreußen «. V„ Königsberg Pr., Paulstraße 2) bereits auf eine bestimmte Richtung des Laienspiels hin: das Spiel ist hier ein Ausdrucksmittel der Jugend, „die ihre Freude, ihr Wollen, ihr Sehnen und Hoffen gemeinsam im darstellenden Spiel zu gestalten sucht, das ihrem We- sen entspricht". Das Spiel drängt zum gemeinsamen (Erlebnis und di« Zuschauer werden nicht als außen stehende Gemeinde empfunden, sondern ein Lebensgebiet wie es Musiktreiben, Bücherlesen und Wandern auch sind. Wenn auch ein jugendlicher Zug durch diese beiden Hefte geht, so dürste doch selbst der nicht enttäuscht sein, der allen neueren Bestrebungen gegenüber zunächst die Achseln zuckt, weil er für sich ein Mehr von Arbeit fürchtet. Die Auswahl der Stücke ist sehr sorgfältig, die Charakteristik ausführlich, und die Hinweise auf die Art des Spieles, ob es für einfache Verhältnisse und Zuschauer eignet ober nicht, sind für die Praxis sehr genau gegeben. Die übrigen Angaben über Verlag, Preis und Spieldauer sind — wie auch in den übrigen Verzeichnissen — angegeben. Die ländlichen Verhältnisse sind dabei gut berücksichtigt. Die Auswahl der Spiele fügt sich in den Kreis des Jahres, weil das Jahr in seinem Kreislauf als natürliche Grundlage des Feierns gedacht ist. Der zweite Teil ivricht über Wesen und Bedeutung des Laienspiels, über Spieler, Spielraum, Spielzucht, Spie! im Fest und bringt noch einen Nachtrag zur Spielauswahl des ersten Heftes.
Als einen Ausdruck der Lebensgestaltung betrachtet das Laienspiel auch der
„Münchener Laienspiel-Führer"
von Rudolf Wirbt (Verlag Christian Kaiser in München, fort. Mark 1,30). „Ich betrachte", heißt es in der Vorbemerkung, das Laienspiel als einen notwendigen Beitrag zur Erwachsenenbildung und habe diesen dienenden (£Iwafter des Laienspiels seit jeher immer erneut betont. Die Arbeit war mir erwünschter Anlaß, den Glauben an eine Eigengesetzlickkeit des Laienspiels zu zerschlagen und gleichzeitig die Gesetzmäßigkeit aufzuweisen, die es mit allen bildnerischen Bemühungen gemein hat." Bildung bemüht sich um die Sinnhaftigkeit des Lebens, um den Lebensbereich des Volkes, der Familie, der Religion, um Alltag und Fest. Das Verzeichnis gibt daher Spiele deutscher Volkheit, Sagen- und Märchenspiele, Advents-, Weihnachts- und Passionsspiele, Legenden- und Biblische Spiele, heitere, derbe und groteske Spiele. — Hier ist das Spiel, dem mir zustreben müssen. Aber mir müssen erst Spieler und Zuschauer langsam dazu erziehen. Versteht doch das Volk kaum den tiefen Sinn der Märchen mehr. Unser seitheriges Theater hat die Zuschauer nur allzu denksatt, zu bewegungslos gemacht; was sage ich?, es ist nicht nur unser Theaterspiel, es ist unsere gesamte
Der Hausattar.
Die nationalsozialistische „Preußische Zeitung" ' "in Königsberg i. Pr. hat, wie das „Berliner Tageblatt" (Nr. 58) berichtet, am 29. Januar unter der Ueberjdjrift „D er Hausaltar der Nationalsozialisten" folgenden Appell an die Parteigenossen veröffentlicht:
„Hitler ist das A und O unserer Welt« sch a u u n g, ist der unverrückbare Mittelpunkt unseres politischen Denkens und tuns. Jedes national- sozialistische Haus muß eine Stätte, einen Platz haben, w o der Führer uns greifbar nahe ist und unsere Gedanken ihn merkbar umkreisen können. An solcher Stätte müssen ihm auch gebefreudige Hände und Herzen täglich kleine Ehrungen in Form von Blumen und Ranken barbringen, wie wir es ja mit Bildern unterer Sieben auch tun, um zu zeigen, wie lieb und wert sie uns sind."
„Einen solchen Altar", heißt es bann weiter, „errichten wir uns nicht etwa in einem abgelegenen Zimmer, fonbern in ben von uns am meisten benutzten Räumen, die auch fremden Menschen jederzeit zugänglich finb* Unb bamtt jeher wisse, rote diese KuMätte auszusehen hat, wird die Anregung durch ein Bild illustriert bas auf einem Altar bie Photographie Hitlers, von Blumen umringt, zeigt'
Eine „furchtbare- Entdeckung.
Heiteres und Ernstes aus dem „politischen" Tageskampf.
Die überschlauen Fuldaer Nationalsozialisten sind einer gefährlichen Verschwörung auf die Spur gekommen: Der Fuldaer Windthorstbund ist — man hör« unb staune — eine verkappte Rotfront-Organisation. Sie schreiben wenigstens allen Ernstes, der Ortsgruppenführer bes Windhorstbundes bekenne sich schon offen zu „Heil Moskau". Das muß ihnen die Gelegenheit geben, wieder die gewohnte Walze von der schwarz-roten Front und dem Zusammengehen von Zentrum und Kommunisten ablaufen zu lassen. (Dabei zeigt die Wirk, lichkeit, daß bei ben entscheidenben Abstimmungen im Reichstag Hitleranbeter unb Sorojetjünger stets Arm in Arm gegen Brüning gehen).
Wenn bie Nazi-Helden die Verbrüderung des Windt» horstbundes mit den Kommunisten in einer Fastnachtszig. angekündigt hätten, würden wir ihnen zu einem guten Witz gratuliert haben. Daß sie ober solche Lächerlichkeiten als ernste Argumente im politischen Kampf gegen den Windthorstbund anmenben, läßt doch allerlei Schlüsse aus ihre Geistesverfassung zu. (Der Windthorstbund scheint manchen Leuten etwas auf die Nerven zu gehen, was man auch daran erkennen kann, daß verhetzte, mit dem Hitler-Abzeichen geschmückte junge Leute sich neuerdings zu Anrempeleien der Windthorstbündler hin» reißen lassen. Früher begnügte man sich noch mit Zurusen.)
Die Sache ist eine Fastnachtsgeschichte. Es war so:
Ein Windthorstbündler begegnet am Fastnachtsmontag nach Mitternacht in der Borgiasstraße einem jungejt Mann, den er von früher her kennt — sie spielten einmal zusammen in einer Mannschaft —, der sich aber jetzt als S. A.-Mann aufspielt. Den Zuruf des Hitlerjüng- lings „Heil Hitler" beantwortet er im Scherz mit „Heil Moskau" und fügt noch hinzu „Heil dem Gendarm von Hildburghausen." Aus diesem Faschingsruf machen nun bie Nazis eine hochpolitische Angelegenheit. Für sie ist offenbar bie Politik eine große „Kinberei"; Kinder, Kinder, was würdet Ihr alles anstellen, wenn man Euch den gewünschten freien Lauf ließe.
Das Bedauerliche an der Episode ist nur, daß «in früher ganz netter junger Mann — wir wollen seinen Namen nicht nennen, da wir bei dem Austragen von Meinungsverschiedenheiten nach Möglichkeit das Persönliche vermeiden — den Schreibern des Naztblättchens Stoff zu einer unsachlichen, um nicht zu sagen, niederträchtigen persönlichen Hetze liefert. Wir fragen: Wo soll es hinführen, wenn junge Menschen sich gegen em- ander aufftacheln lassen Wir Jungen wollen doch alle nichts anderes, als Deutschlands Wiederaufstieg er- möglichen. Es ist schade, daß wir dabei nicht ben gleichen Weg finben unb g e g e n e i n a n b e r arbeiten. Wer ist schuld daran? Unb wer hat ben Schaben?
laufte «Übungsarbeit? »iUn Geist gelähmt, statt urteile- reif gemacht hat. Ergänzt wird der Münchener Laienspielführer durch die Zeitschrift:
volkstümliche Feste unb Feiern,
ein praktischer Laienspielberater (Verlag Ehr. Kaiser, München, jährlich Mk. 2.—).
Zum Ziel und der Art der Stücke des Münchener Laienspiel-Führers müssen wir uns erst langsam hinauf- arbeiten. Immerhin sollten mir Mut haben, bas eine ober andere Spiel zu wagen. Schließlich bienen wir dem Volk auch gar nicht, wenn mir ihm nur unterhaltungsartige Stücke bieten, weil es solche aus dem geistigen Trägheitsgesetz heraus verlangt, Uebergangsstücke lagen sich finden. Wenn nur die Spieler jugendfrisch und unverbildet sind. Das wochgeküßte Dornröschen wird dann schon seine Lebenskraft spüren. Als ob dies Märchen nur seine Geltung für die Kinderroelt hätte! Ist nicht jede Begegnung mit einem Freund, ist nicht jede Liebe ein solches Aufwachen des Menschen nach langem Schlaf zu neuen Lebenskräften? — Der Münchener Laienspielführer bringt die Besprechung von 66 Stücken, umfangreicher, wenn auch in der Zseirichtung ähnlich ist das
„Taschenbuch für Laienspieler"
von Richard Beiil (Verlag bes Bühnenvolksbundes, Berlin). Auch hier sind die Angaben muftergiltig. Die meisten Spiele empfehlen sich für Laienspielscharen, aber einzelne können den Weg auf unsere Vereinsbühne gehen unb bem besinnlichen Spiel bie Tore öffnen.
Der Ueberblick über die angeführten Laienspiel-Ratgeber zeigte, baß bas Theaterspiel nicht eine bloße Unterhaltung, sondern ein Stück Lebensausdruck fein soll. Das rechte Laienspiel ist Teil der Volksbilbunasarbeit. Alle Volksbilbungsarbeit müht sich um das Mündigmachen bes Einzelnen. Wir stehen am Beginn einer neuen Welle. Das tägliche Leben zeigt bie große Unmündigkeit unseres Volkes, bas in Zwiespalt sich selbst zerreißt. Gedankenarmut, Unselbständigkeit sind die traurigen Grundlagen dieser Erscheinungen, lieber diesen Zustand müssen wir hinaus Aus der Masse muß Volk werden. Das heißt aber nichts anderes, als daß der Einzelne wieder sinnvoll zum Leben, zu Volk und Weltanschauung stehen muß. Er muß gelockert werden. Auch das Spiel hat hier seinen Sinn. Im Rahmen der Bildungsarbeit ist die Aufgabe zwar eine bescheidene, aber es ist doch eine Aufgabe, die ernst genommen werden sollte. Auch andere Weltanschauungsgruppen nehmen sie ernst. Sollen mir allein gleichgültig fein? Freilich, die Klatscher stehen noch auf der anderen Seite. Aber es fragt sich, ob wir uns von ihnen betören ober ob wir sie für Höheres ju gewinnen suchen wollen.