NIL
31. Januar
VeNage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 25
genau —
einem gro-
unb
die Töne
lung Soldaten aus der Gouvernementsstadt holt war und den singenden Alten regelrecht hatte. Er lang in den Lautsprecher hinein, im Wipfel einer Buche sitzend, die mit ihrer sie rings umgebenden Tannen überragte.
die der das
herbeige- umzingelt hoch oben Krone die
mir
Ihr
sich eine
Pjotr Wassilewitsch wurde nach Moskau gebracht und wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt auf ein
Sie sangen den Waldvögeln gleich, die dem Käfig entronnen waren.
Wo das Kloster mit seinen stillen grünen Türmen einst stand, da ragten nun die Dampfkessel und Schlote der Fabrik. Doch die Singenden hörten aus dem Lied heraus die fromme Glocke und sahen die Rosen an der Klostermauer blühen.
Immer wieder sangen ste es. Immer inbrünstiger. Die nahen Waldberge des Urals fingen den Sang auf und warfen ihn mit einem leise klagenden Echo zurück, wenn er endete; dies Echo verlockte, immer noch einmal zu beginnen:
Niemals lausche ich dem Glockenklange . 6 -
drang.
Sieben Tage erscholl jeden Abend um die gleiche Stunde Pjotr Wafsilewitschs Stimme und sandte dem Heimatdorf das verbotene Lied. Er wurde verfolgt, man sand ihn nicht; bald näher, bald ferner erklang der Sang.
Endlich haschten sie ihn, nachdem eine ganze Abtei-
Beim Abendschoppen im „Bären" saßen die drei Jugendfreunde: Ruedi Weber, Karl Müller und Fritz Schmidt. Sie waren alle drei in trüber Stimmung, und das war auch begreiflich, wenn man wußte, wie das Schicksal rücksichtslos mit ihnen umsprang. Alle drei waren noch jugendliche Gesellen mit hübschen, intelligenten Gesichtern, denen man wohl ansah, daß sie guter Leute Kind waren. Sie hatten eine gute Schulbildung genossen, die Schulbank als talentierte, hoffnungsvolle Jünglinge verlassen, waren mit großen Plänen ins Leben hinausgetreten, aber da wartete ih-
dem nun der Eigentümer gesucht wird. Liesel, gib Me Zeitung da drüben her, du kannst die Sache selbst hören."
Die Kellnerin reichte ihm das Blatt und er las: „Ein Millionenerbe wird gesucht. Aus Amerika kommt die Nachricht, daß in Denver (Colorado) ein Deutscher ver- storben ist, welcher, in den fünfziger Jahren eingewandert, sich ein kolossales Vermögen, man spricht von 3 bis 4 Millionen Dollars, erworben hat. Der Gestorbene war ein menschenscheuer, sondererbarer Kauz, der es sorglich vermied, von seiner Vergangenheit und seiner Verwandtschaft in der alten Heimat zu sprechen. So kam es auch, daß keine Erben bekannt sind und solche erst durch die Behörden gesucht werden müssen. Für Erblustige bemerken wir, daß der Name des Millio- nen-Onkel Chs. Schmidt ist und daß er aus Baden Wammen soll."
„Ehs. Schmidt hieß er."
„Alle Wetter, unser Fritz heißt ja auch Schmidt!"
„Richtig — Schmidt, Schmidt! — wo blieben nur meine Gedanken? Aber was — Schmidt gibt es viele, so viele wie Müller."
„Den Schmidt können wir gebrauchen. Ich habe einen ganz kapitalen Einfall. Komm, wir wollen noch um den Wall gehen, um unfern Abendschoppen zu verdauen. Ich werde dir meine Idee mitteilen; also — gehen wir!"
Die leichten Brüder zogen miteinander ab.
Lied eines Armen.
Von Eichendorfs.
Stände noch das Feld im Flore Wie in warmer Sommerszeit, Ging ich aus dem dunkeln Tore In die Waldeseinsamkeit.
Legt' im tiefften Wald mich nieder, Wo der Vöglein Nachtqartier.
Und es sängen ihre Lieder Nachtigallen über mir.
Doch verschneiet Markt und Gassen Nun der böse Winter hat, Und ich wandre arm, verlassen Durch die fremde stille Stadt.
Späte Gäste, gleich Gespenstern, Schlüpfen da und dort ins Haus, Und der Nachtwind an den Fenstern Löscht die letzten Lampen aus.
Nur aus einem noch spricht Glänzen Weithin in den bleichen Schnee, Spielen auf da drin zu Tänzen, Klingt hier draußen fast wie Weh.
Und im mitternächt'gen Sturme, Der am Himmel brausend zieht, Singt das Glockenspiel vom Turme lieber mir ein frommes Lied.
An dem Kirchhof die Kapelle Ladet nVh zur müden Ruh, Und ich leg mich auf die Schwelle, Und die Nacht, die deckt mich zu.
Wolle Gott die Stadt bewahren. Mild behüten Hof und Haus.
Die da tanzen, die da fahren — Hier doch ruhn einst alle aus.
Also mit Herrn Möbius, auf welchen Fritzens größte Hoffnung geruht hatte, war nichts und ebenso resultatlos verliefen verschiedene andere Pumpversuche. Ueberall wurde er, teils mit höflichen, teils mit groben Worten abgewiesen. Jetzt blieb ihm nur nach eine Aussicht — sein Hausherr.
Er wohnte bei Herrn Scheerer, einem reichen Bäckermeister, der sich zur Ruhe gesetzt und ein behagliches Sein als Hausbesitzer und Rentier führte. Herr Schee- rcr stand zwar im Gerüche eines Geizhalses, aber er kannte seinen Mieter als einen soliden Mann und prompten Zinszahler, und die Aussicht auf einen ordentlichen Profit — wer weiß?
Da war es aber auch nichts und somit die letzte Pa-
Das Volkslied.
Skizze aus Sowjekrußlaud von Alsted Hein.
Nadina sang. Alle fielen ein:
Niemals lausche ich dem Glockenklange, Der erschallt bei meinem Grabesgange. Aber heute hör' ich ste noch lange.
Abendglocken aus dem Klostergarten.
Niemals fasten meine welken Hände
Rosen meines Grabes durch die Erdenwärche, Doch noch blühen sie für mich ahn' End«
Rot und weiß dort in dem Klostergarten.
Das Lied umwogte ihre Herzen. Zum ersten Mal, seit das alte Dorf, das Kloster, zerstört und die neue Fabriksiedlung errichtet ward, in der die flach bedachten, kasernenweiß getünchten Häuser gerade ausgerichtet eines wie das andere numeriert und registriert dastanden, als wollten sie stets zu einer Parade vor Stalin ausgerichtet sein; zum ersten Mal, seit auch in diesem Dorf die neue Arbeitswoche eingeführt, die Bewohner, die gestern noch Bauern waren, in das Heer der Fabrikarbeiter eingereiht wurden, weil es in den Fünfjahresplan so paßte, hier Industrie und keinen Ackerbau zu treiben; zum ersten Mal seit Monaten, in denen ihnen das bis dahin frei und froh trotz aller Armut sich fühlende Herz zertrümmert wurde und ihre Hände an die Maschinen wuchsen, deren Hebelgriffe sie bedienten; ach, zum ersten Mal, feit diese furchtbare Zeit begann, hatte Nadina wieder leise zu singen an- gefangen.
Das Lied quoll dünn und zart aus des Mädchens Kehle und wuchs sofort zu einem alle mitreißenden Strom. Cs war wie ein erlösendes Bad der Seele.
Fritz Schmidt, der Chemische, führt keine so zigeunerhafte Existenz wie seine künstlerischen Freunde. Er war wohlbestallter Chemiker in der großen Kattunfabrik Möbius u. Co. und hatte ein, wenn auch bescheidenes, doch sicheres Stücklein Brot. Der gute Doktor wäre auch wohl in der Hoffnung auf Besseres mit seinem Schicksale zufrieden gewesen, wenn zwei gewaltige Lei- denschaften ihn nicht fortwährend aufgestachelt und seine Ruhe untergraben hätten; der Ehrgeiz und die Liebe. Fritz glaubte, eine Entdeckung gemacht zu haben, welche eine förmliche Umwälzung in der Bereitung der Druck- fachen hervorzurufen geeignet war. Er glaubte seiner Sache sicher zu sein, aber es bedurfte noch umfassender Versuche, und dazu brauchte er Geld, viel Geld, ’™s an diesem fehlte es dem guten Jungen. Er hatte an Herrn Johann Peter Möbius gewandt, aber sehr kühle Aufnahme gefunden.
„Wenn Sie was Gescheites gefunden haben und den"Beweis liefern, daß es was taugt, da bin ich Mann. £>abe die Nase schon so oft angerannt, Doktor- chen, viel zu ost, und gehe nicht mehr auf den Leim. Haben Sie also was Brauchbares gesunden, dann kommen Sie wieder, bis dahin — schönen guten Morgen!
Februar.
Im Winde wehn die Lindenzweige,
Von roten Knospen übersäumt;
Die Wiegen sind's, worin der Frühling
Die schlimme Winterzeit verträumt.
Theodor Storm.
„Ihr wißt doch, daß es keine Glocken mehr gibt!“ fuhr's mit scharfer Stimme dazwischen. Petujew, der Auffeher, der so gern Kommissar werden möchte und Stalins Programme besser auswendig wußte als die zehn Gebote, stand vor ihnen.
„So'n bißchen fingen — wem schadet das? Es ist wirklich bloß so'n bißchen dahergesungen — so zum Abend", sagte Pjotr Wassilewitsch, der Vater Nadinas.
„Ah, Du verteidigst wohl Deine Tochter! Die hat angefangen, nicht wahr? Alter, ich sage Dir: Wir verstehen keinen Spaß. Wenn Nadina — ich hab« ihre Stimme wohl erkannt, jetzt weiß ich's ganz C"*"*" ~ noch einmal nach den Glocken und Rosen im Klostergarten solche Sehnsucht hat, dann muß sie sowas in Moskau vergessen lernen — in der Frauenschule."
„Lieber sterb' ich", flüsterte Nadina ihrer Nachbarin ins Ohr, die ihr erschrocken den Mund zuhielt, der
sie bas Singen verlernen und nützlichere Dinge sich aneignen."
„Ach, was brauchen wir nützliche Dinge! Waren wir nicht glücklich mit einer Handvoll Mais, ein paar Rüben und einem kleinen Lied? Ich verstehe die Welt nicht mehr."
In Sibirien war Pjotr Wassilewitsch der Fröhlichste von allen. Immer sang er sein Lied von den Glocken und den Rosen im Klostergarten.
Ehe das Jahr der Verbannung herum war, starb, er.
„Gott holt mich ihnen zum Trotz", flüsterte er selig in der Todesstunde. „Bleib standhaft, Nadina! Singe, Nadina, finge--finge--"
Lied aufzusteigen:
Niemals lausche ich dem Glockenklange . . .
Alle legten den Löffel hin, ließen den Brei kalt werden und lauschten.
Doch am Abend wurde es allen klar, wo Pjotr Wassilewitsch weilte. Als sie in dem gemeinsamen Speisesaal beim Essen saßen und die Abendsonne Höhen des Urals vergoldete, da begann plötzlich aus Tiefe der Bergwälder mächtig und herzerschütternd
rer gar manche Enttäuschung.
Der Ruedi Weber glaubte bas Zeug zu ßen Poeten in sich zu haben, er hatte sich literarischen Studien gewidmet. Als nach dem Todes des Vaters die Moneten zum Studium nicht mehr ausreichten, war er zum Theater gegangen und fristete nun fein kümmerliches Dasein als Schauspieler bei einem kleinen
noch „diese Satansschule!" zischte.
„Sagtest Du was, Nadina?" fragte Petujew bissig und lauernd.
„Wir werden nicht mehr fingen, und, damit ist es wohl gut", mischte sich jetzt Tschitschikow, der junge Vorarbeiter, dazwischen, der das Wohlwollen Petujews besaß, weil er sofort in die Partei eingetreten war und offensichtlich mit Freude das Neue in sich aufnahm.
„Es soll noch einmal gut sein. Es ist aus mit solch weinerlichem Zeug. Volkslieder sind verboten. Stimmt das Kampflied an!"
Tschitschikow begann: „Vorwärts, Brüder, laßt die Zeit nicht warten! Mutig kommen wir ihr schon zuvor —"
Wie Maschinen sangen sie mit. Und spürten in den Händen die ewig gleichen Hebelgriffe, die sie in der Fabrik machen mußten.
Die Sirene erscholl.
„Sos, in den Radiosaal! Heute abend ist ein Vortrag über das „Erwachen des russischen Dorfes". Das hört Euch an!" —
Am andern Tag war die Lautsprecheranlage im Radiosaal gestohlen und der alte Pjotr Wassilewitsch aus dem Dorfe verschwunden. Nadina wurde in ein scharfes Verhör genommen, aber ste wußte nicht, wann ihr Vater das Haus verlassen und wohin er sich gewendet hatte.
Petujew befahl das Kampflied. Aber wirbelten durcheinander, und plötzlch fangen alle das alte Volkslied mit, das immer noch aus dem Bergwald
Theater.
Der Karl Müller hatte sich der Kunst zugewendet, war Maler geworden, aber leider auch einer von denen, die die Kunst nicht ernährt. Er arbeitete nun zeitweise als Maler, nebenbei noch als. Kunstkritiker und Berichterstatter und brachte sich damit bei äußerster Einschränkung durch.
Der dritte, Fritz Schmidt, hatte Chemie studiert, seine Studien glücklich mit dem „Doktor" beendet und eine bescheidene Anstellung in einer chemischen Fabrik gefunden. Er war somit von den drei Freunden derjenige, welcher bisher die beneidenswertste Karriere gemacht hatte, wenn sein Auskommen auch nur ein knappes war. Mit Recht beneideten ihn seine Freunde um seine „sichere Existenz".
Nachdem wir nun das Kleeblatt kennen gelernt, wollen wir auch ihrer Unterhaltung unsere Aufmerksamkeit schenken.
„Nun Fritz," sagte Weber, „erleichtere dein Herz, das kostet dich nichts! Du hast es immer noch am besten als chemisches Subjekt — gellt, wenn nur die Siebe nicht wäre — Herz und Schmerz —"
„Ach, laß mich mit deinen Spässen!" sagte der An- gerebete, „mir ist weiß Gott nicht darum. Mir kann nur eines helfen, Geld und wieder Geld."
„Ja, das hülse uns auch, meinst du nicht auch, Müller?"
„Ob und wie, — wenn ich nur irgendeine Aussicht hätte; __aber so! — Uebrigens hat der Doktor am we
nigsten zu klagen, er ist was in der Welt und hat doch ein sicheres Stückchen Brot. Stoß an, Doktor, auf die Zukunft, unverhofft kommt oft, wer weiß, was dir noch alles bevorsteht, du hast ja viele Eisen im Feuer. Deine Erfindung und der Onkel in Amerika! — Stoßt an!"
Aber der Doktor sprang auf, ließ sein Glas unge» leert stehen, nahm seinen Hut und trollte sich von dannen. Der Spott seiner Gefährten hatte ihn gekränkt.
„Schade um den Fritz", meinte Müller, „der hat das Zeug zu etwas Tüchtigem, er ist aus andern» Holz als wir beide. Ich fürchte nur, die Federn werden bei ihm lahm, er träumt zu viel."
„Ja," meinte der andere, „von dem Onkel in Amerika! Ach Gott, solche Burschen kommen nur auf den Brettern vor und da ziehen sie nicht mehr. Und doch," fuhr er fort, „las ich heute von einem solchen Erbtier, bas eine Unmasse schnöben Gelbes hinterlassen hat, zu
Jahr nach Sibirien geschickt. „Darf man bort bie alten Lieber singen?" fragte er ben Richter.
„Dort hört's keiner, ben wir für unseren Aufbauplan brauchen. Dort können bie Wölfe mit Dir heulen."
„Darf ich dann immer in Sibirien bleiben?" fragte Pjotr.
„Nein. In einem Jahr wirst Du im übrigen gern in das neue Dors und in bie Fabrik zurückkehren, wenn Du erst Sibirien kennen gelernt hast."
„Kann ich Nabina mitnehmen?" — „Nein."
„Es ist boch meine Tochter."
„Sie ist Rußlands Tochter, sonst nichts, verstanden? Wir haben sie in die Frauenschule gebracht. Da wird
Die Wett will belogen sein
Von Fritz M ö l l e n h o s s.
Die Jungfernfahrt der „Christadelle."
9] Roman von Alfred Karl.
„Bloß nicht, Herr Kapitän . . .*
... . . och so, ja richtig — also meinetwegen an Paralyse! Dann los jetzt, Oelsmann — lotsen Sie den Halunken her, ohne daß er etwas merkt, Sie, sind ja auch nicht von gestern . .
Oelsmann trabt ins Salondeck hinunter. Walkers Kabine liegt am Vestibül, die erste neben den Luxus- zimmern; das Schlafzimmer stößt an das Bad Al Fell- nors.
Der Offizier tritt ein und bringt die Bitte des Kapitäns in einem Ton vor, der darauf schließen läßt, daß Sebram etwa die Absicht hat, Herrn Walker einen Orden zu verleihen.
Der „Amerikaner" geht auch ohne alle Umstände bereitwilligst mit — feiner schweigsamen Art folgend, fragt er unterwegs nicht einmal, was man von ihm wolle. Oelsmann ist versucht, dies Benehmen als Ahnungslosigkeit anzusprechen — dieser Grad von Unverschämtheit ist schließlich nicht denkbar . . .
Oben auf Deck stößt er ihm noch zuvorkommend die Tür zum Kapitänssalon auf — der „Amerikaner" tritt ein, und die Tür schließt sich hinter ihm . . .
Oelsmann winkt draußen einen Matrosen in die Nähe — er möge sich hier aufhalten, sagte er dem Mann, vorläufig nur . . .
Dann wartet er.
Es vergehen zehn Minuten, aus ihnen werden zwanzig — unwillkürlich neigt Oelsmann das Ohr lauschend etwas der Tür zu: Wer bie Unterhaltung beim Kapitän muß leise geführt werden, es ist nichts zu vernehmen . . . Eine halbe Stunde vergeht — zählt der Gauner dort drinnen fein Sündenregister auf . . .? Erst nach fünfunddreißig Minuten öffnet sich die Tür. Oelsmann springt zu und versetzt die Muskeln seines Körpers in Alarmzustand.
Doch im Rahmen erscheint keineswegs der Kapitän, um ihn heranzuwinken. Sondern — Herr „Jack Walker aus Rewyork“. Schweigsam übrigens und gemessen wie
stets. Er tritt heraus und schließt die Tür hinter sich. Dann will er sich zum Gehen wenden —
Der Offizier da vor dem Kapitänssalon geht ihn offenbar nicht das geringste an . . .
Mechanisch vertritt ihm Oelsmann den Weg: „Verzeihen Sie bitte . . ."
„Sie wünschen, Herr Oelsmann?"
Walker bleibt stehen und streift den Offizier mit einem derart energischen und fernen, abweisenden Blick, daß Oelsmann unwillkürlich — es ist eine Reaktion, die nicht vom Verstand diktiert wird — die Hand an die Mütze schnellt und beiseite tritt.
Dann spring tbie Spannung, diesen mysteriösen Vorfall aufgeklärt zu wissen, so elementar in Oelsmann auf, daß er Walker jetzt machen läßt, ivas er will und zu Sebram in den Salon hineinplatzt. Er panzert sich dabei gegen einen neuen Wutanfall — aber der Kapitän tritt ihm mit verblüffender Beherrschung entgegen und wartet keine Frage von ihm ab. „Ein Irrtum, Oelsmann — Herr Walker hat sich ganz einwandfrei aus- weisen können."
Der Offizier beschreibt mit den Armen eine flatternde Bewegung völliger Verständnislosigkeit und läßt sie dann schlaff hinunterhängen — fein Kornbikiationsvermögen setzt in niederschmetternder Weise aus.
„Ganz besondere Umstände zwingen mich, lieber Oelsmann, selbst Ihnen die Aufklärung dieser Schweinerei vorzuenthalten — und eine Riesenschweinerei ist es auf jeden Fall, das sehen Sie ja selbst. Wer es kann jedenfalls nicht die Rede davon sein, däß Herr Walker steckbrieflich gesucht wird — ich bitte Sie auch, das im Verkehr ihm gegenüber nicht zu vergessen!"
Oelsmann kennt den Kapitän gut genug, um zu wissen, daß er Erklärungen, die er nicht geben will, auch nicht aus ihm herauspressen kann. Nur um seine Ratlosigkeit abzureagieren, wiederholt er die fragende Bewegung seiner hängenden Arme.
Sebram fährt sich mit der Hand über die braune Stirn — es fällt Oelsmann jetzt auf, daß er einen fast hilflosen Enidruck macht und um zehn Jahre älter wirkt.
„Natürlich kein Wort von diesem neuen Skandal zu den Passagieren, Oelsmann — die Beute werden auch so schon dahinter gekommen sein, daß wir den Teufel auf dieser Jungfernfahrt zu Gast haben."
„Jedenfalls weiß ich nicht mehr, was hier gespielt wird, Kapitän . . . diese Geschichte heute, gestern der Falschspieler, die Nacht davor diese verdammte „Pasa- bcna“ — und vorher der Uebersall in Korfu, und ausgerechnet noch auf Herrn Fellnor . . .
Kaum hat Oelsmann diesen Namen ausgesprochen, als er unwillkürlich zurück prallt. Ohne jeden Uebergang bricht Sebrams Zorn wieder aus: „Sassen Sie mich mit diesem Bengel zufrieden, mein Sieber — der hat mir noch gefehlt hier auf der „Christabelle!"
„Wer verzeihen Sie, Herr Kapitän . . ."
„Quatsch, ich verzeihe gar nichts — fragen Sie nicht so viel . . ."
Plötzlich schlägt die Stimmung des Kapitäns von neuem um. Er tritt an Oelsmann heran und legt ihm die Hand fest auf die Schulter.
„Vielleicht halten Sie mich jetzt für anstaltsreif, mein lieber Oelsmann — aber es tut mir furchtbar leid, ich kann Ihnen keine weiteren Aufklärungen geben — glauben Sie mir, ich habe sie selbst nur zum Teil. Eine Mordsschweinerei ist auf diesem verteufelten Schiff mindestens im Gange — ich will meinem Schöpfer danken, wenn es nur eine ist. Paffen Sie auf, was ich Ihnen fage — das Affentheater ist noch nicht zu Ende — der Klabautermann steckt hier irgendwo auf dem Kasten und wird uns noch zu schaffen machen."
Unwillkürlich huscht ein Lächeln um Delsmanns Lippen auf, und beschwichtigend und ungeheuer vernünftig entgegnet er: „Nun, es ist doch zu hoffen, Kapitän, daß eben die mysteriöse Steckbrief-Affäre die letzte Schweinerei auf dieser Jungfernfahrt war . .
Sebram stößt sich nicht an dem vernünftigen Sächeln und erwidert— unwillkürlich sogar mit etwas gedämpfter Stimme: „Hoffen Sie, lieber Oelsmann — aber wir
wollen abwarten, wer recht behält. Ich 'hab's in den Knochen und auf meine Knochen gebe ich was!"
*
Beta und Al haben sich zu der inneren Freiheit aufgerafft, während des knappen Athener Ausenthalts auf einen Hetzbesuch der Akropolis zu verzichten. Seit Tagen sehen sie stets dieselben Gesichter an Bord, wären gezwungen, sich wieder von der gleichen Gesellschaft von Jannulatos geführt, zwischen den Ruinen umherjagen zu lassen — niemals könnte ihnen die noch so ehrwürdige Vergangenheit, zumal in einer lärmenden Menge genossen, soviel geben, wie die Gegenwart mit ajret starken Spannung, ihrer drängenden Erwartung dieser Absonderung zu zweien . . .
Al hat ihnen den vordersten Platz an der Pforte gesichert, als die „Christabelle" im Piräus an den Kai her- anmanöoriert wird — alles, was an Land will, ballt sich hinter ihnen sprungbereit zusammen, um keine Sekunde der drei Stunden zu verlieren.
Während sie auf den Moment der Flucht warten, flüstert Reta dicht neben Al: „Sagen Sie, lieber Freund — was hatte der Kapitän heut beim Lunch ? Sonst zerfloß er vor Liebenswürdigkeit gegen Sie — heute war er wie eingefroren, er hat ja kein Wort mit Ihnen gesprochen!"
„Hat er das nicht?"
Al hebt leichthin die breiten Schultern, sein Gesicht ist Gleichmut in Vollendung.
„Haben Sie denn noch nicht heraus, daß die„Christa- beUe" ein heillos verrückter Kasten ist? Man rotrö von ihr durch blöde Telegramme hinuntergeblufft — man wird auf ihr sinnlos im Mittelmeer herumgehetzt — dagegen ist die jeweilige Stimmung, in der sich Herr Leb- ram zu befinden beliebt, wirkich keine Sensation. — Hallo, es geht schon los — die Flagge fällt!"
Ungefähr achtzig Personen starten hinter ihnen gletrf). zeitig zu der Hetzjagd von drei Stunden — aber an Al kommt niemand vorbei, er bugsiert Reta an der spitze über die Brücke auf den Kai, wendet sich dort sofort scharf nach links und läßt die von Herrn Jannulatos geführte Horde erst einmal norbeiftürmen.
Wer sie kommen vom Regen in die Traufe.
Der Piräus stürzt sich nicht nur mit dem südlich wil-