Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

Nr. 20

I Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::

Dienstag, 26. Januar 1932.

Monatlich 1.65 einschließl. Postgebühr l48Pfg.,ohne ZufteUg Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col > lokal 0.15 RM., auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM.. auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckk Frankfurt a M 4051

lahrg. 59.

Bot der Besprechung Laval - Macdonald.

Die Besprechung zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Laval und dem englischen Pre­mierminister Macdonald findet voraussichtlich noch vor dem Wochen-Ende statt.

wtb. Paris, 25. Januar. (Eig. Meld.) Der Außenpolitiker desEcho de Paris" beschäftigt sich im. Hinblick auf die noch zu erwartende Begegnung zwischen Macdonald und Laval mit den Aus­sichten einer französisch-englischen Verständigung. Die Außenpolitik des aus den verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten englischen Kabinetts sei ziemlich schwankend, und so werde, meint der Verfasser, die englisch-franzö­sische Ministerbegegnung dazu beitragen, dieser Po­litik eine etwas stabilere Definierung zu geben. Die Periode der Ungewißheit nähere sich ihrem Ende. Die Vorzeichen seien nicht schlecht. Volkstümliche Zeitungen wieDaily Mail" undDaily Expreß" rieten dem englischen Volk, sich Frankreich zu nähern bezw. sich nur von seinen Interessen leiten zu lassen. Beide Ratschläge liefen auf dasselbe hinaus. Hier arbeitet der Verfasser mit einem neuerdings in der französischen Polemik wie auf Stichwort hin wieder aufgetauchten Argument. Er sagt, liege es etwa im englischen Inter­esse, für die englische Konkurrenz in bedeutsamer Weise Deutschland aus- zurüste n, daß man ihm die Reparationen ab­nehme, liege es im englischen Interesse, die Ver­letzung der internationalen Abkommen ustd die rasche Degradierung des Versailler Vertrages zu dulden? ImEconomist" finde sich fogar über­raschender Weise ein Artikel, der im Grunde ge­nommen die deutsche These in der Korridorfrage zurückweise. Sollte England endlich erkennen, daß nur die Entente cordiale den Frieden retten könne?

*

Die Engländer sollten es sich überlegen, was bei der Entente cordiale sür sie herausgekom­men ist. Ihre Weltmachtstellung sind sie los und ihremPfund" ist etwas passiert, was niemals ohne den Krieg dem englischen Währungszeichen hätte passieren können.

*

wtb. Paris, 25. Januar. (Eig. Meld.) Senator Caillaux schreibt in einem Zeitungsaufsatz über die Reparationsfrage, das Interesse Frankreichs lege ihm Kompromißformeln nahe.

Die deutschen Ausland-Schulden

Das neue Stillhalteabkommen abgeschlossen.

Das neue Stillhalteabkommen ist nach sechs­wöchigen intensiven und hartnäckigen Verhandlun­gen am Samstag abgeschlossen und van den Dele­gierten paraphiert worden.

Die Verhandlungen begannen am 12. Dezem­ber vorigen Jahres in der Rsichsbank und hatten die Erneuerung des in Basel abgeschlossenen Still­halteabkommens zum Gegenstand, das zum 29. Fe­bruar außer Kraft tritt. Das Abkommen ist ein umfassendes Schriftwerk, das auf mehr als 60 Sei­ten den Inhalt der neuen Abmachungen enthält. Der wichtigste Punkt ist die grundsätzliche Ver­längerung der durch das alte Stillhalteabkom­men erfaßten' deutschen kurzfristigen Auslands­schulden um ein Jahr, wobei für be­stimmte Kreditgruppen unter gewissen Vorausset­zungen eine Festschreibung auf fünf Jahre bzw. zehn Jahre vorgesehen ist.

Die Konsolidierung eines Teiles der deutschen Schulden soll ermöglicht werden

wtb. Genf. 25. Jan. (Gig. Meldg.). Die 66. Tagung des Völkerbundsrates begann heute vor­mittag 11 Uhr mit einer nicht-öffentlichen Sitzung, an die sich unmittelbar daran die erste öffent­liche Sitzung anschloß. Den Vorsitz der Ta­gung führt Frankreich. Die französische Regie­rung hat den Senator Paul Boncour mit ihrer Vertretung beauftragt. Auf der heutigen Tagung sind nur wenige Länder durch ihre Äu- ßenminister vertreten. Für Großbritannien ist Lord Robert Cecil, für Japan der Gesandte in Brüssel Sato, für Italien der aus den Flattenver- handlungen bekannte Delegierte Russe, für Deutsch­land vorläufig der Gesandte Frhr. von Weitzecker erschienen. Die heutige Tagesordnung weist nur Punkte von nebensächlicher Bedeutung auf. Das Interesse an der Tagung ist vorläufig nicht sehr groß. Unter den Anwesenden bemerkt man wie­derum eine Reihe von Vertretern der Minderhei­ten Danzigs und des Saargebiets. Bekanntlich enthält die Tagesordnung eine Reihe von Fragen, dis sie besonders interessieren.

Briand optimistisch.

Briand erklärte dem Pariser Korrespondenten desDaily Expreß", es bestehe keine Gefahr, daß Frankreich in der Reparationsfrage mit seinen Freunden zu keiner Uebereinstimmung komme. Eine andersgeartete Politik könne nur zur Isolie­rung Frankreichs führen. Er glaube nicht, daß die Lausanner Konferenz völlig aufgegeben sei. Sie sei nur verschoben worden, bis ein vorläufiges Einverständnis der betreffenden Rationen erreicht sei. Die Erklärung Brünings habe eine gerechte Lösung der Reparationsfrage nicht unmöglich ge­macht, Briand meinte ferner, daß die Abrüstungs­konferenz die wichtigste Konferenz der Neuzeit und

durch die Ausstellung von Trust-Zertifikaten mit einer Laufzeit von zehn Jahren, deren Begebung die Gläubiger verlangen können, bzw. durch Kün­digung der Valutakredite, die sodann in Reichs­mark zahlbar find, jedoch in Deutschland auf die Dauer von fünf Jahren vorgelegt werden müssen. Die Konsolidierungsmöglichkeit auf die Dauer von zehn Jahren ist nur für ungesicherte Barkredite in bestimmtem Umfange gegeben. Die Reichsbank wird in diesem Außmaß auf Wunsch an den aus­ländischen Kreditgeber, d. h. an die ausländische Bank, Trust-Zertifikate, ausgeben, die mit 6 Pro­zent verzinslich und 4 Prozent zu amortisieren sind. In den bei der Reichsbank zu bildenden Trustfonds werden 15 Prozent der den deutschen Banken übergebenen Sicherheiten ihrer Schuldner eingebracht. In der Z i n s f r a g e konnten Maximalsätze nicht festgesetzt werden.

Das neue Abkommen untersteht besonderen außerordentlichen Künd ig ungs be- stimmungen, z. B. für den Fall,'daß die Re­diskontkredite der ausländischen Notenbanken an die Reichsbank nicht verlängert werden, sowie für den Fall, daß Deutschland ein Moratorium erklärt. Aber auch eine allgemeine Klausel er­mächtigt die ausländischen Gläubiger zur Kündi­gung, wenn durch internationale Veränderungen in finanzieller oder wirtschaftlicher Hinsicht, eine Lage geschahen wird, die das Abkommen ernstlich gefährden könne. Daß hierunter in erster Linie Reparationsentscheidungen zu ver­stehen sind, braucht kaum besonders betont zu wer­den, wenn man sich der französischen Theke von der Priorität der Reparationsforderungen vor den pri­vaten Auslandsforderungen erinnert.

Allgemein bleibt zu sagen, daß viele berechtigte deutsche Forderungen in dem neuen Abkommen eine Berücksichtigung nicht gefunden haben, daß jedoch das jetzt paraphierte Stillhalteabkommen nach der Genehmigung durch die ausländischen Banken die Möglichkeiten eines besseren Schutzes von Reichsbank und Wirtschaft in sich trägt, sofern das Abkommen dem Sinne nach durchge­führt wird. Jedoch bleibt auch hier abzuwarten, ob die Praxis nicht wieder das Vorhandensein von Lücken und schweren Mängeln zeigen wird, welche bekanntlich das alte Stillhalteabkommen für Deutschland zu einer äußerst problematischen Ange­legenheit haben werden lassen.

Die Meinungs-Berfchledenhelken.

Eine knappe Zusammensetzung der verschiede­nen Anschauungen über die Endkösung der Repa­rationsfrage gibt die Wochenschrift 'Das Tage­buch":

1. die französische: die europäischen Salden müssen unberührt bleiben; soweit Amerika verzichten will, werden wir folgen;

2. die englische: ein Saldo zu Deutschlands Lasten muß bleiben; über dessen Verteilung müssen die Gläu­biger sich verständigen;

3. die italienische: zunächst müssen alle Euro­päer auf ihren Saldo voll verzichten; dann wird man auch Amerika zum Voll-Verzicht bewegen;

4. die deutsche: vereinbart, was Ihr wollt, ich werde nie mehr zahlen;

5. di: amerikanische: vereinbart, was Ihr wollt, ich werde nicht verzichten.

Die Formulierung insbesondere des deutschen Standpunktes ist zweifellos stark überspitzt. Im­merhin zeigt dis Gegenüberstellung der Thesen die große Schwierigkeit, zu einer klaren Entscheidung zu kommen.

sogar noch wichtiger als die Versailler Konferenz fei,, da sie einen wichtigen Schritt zur Aechtunq des Krieges in der ganzen Welt bedeute. Er fei über­zeugt, daß zur Zeit in Europa ein Krieg unmöglich sei. Auch von S o w j et- rußland sei nichts zu befürchten, da es ebenfalls den Frieden wünsche. .

*

In der nicht-öffentlichen Sitzung am Montag vormittag wurde in Genf auf Antrag des chine­sischen Vertreters beschlossen, daß der chinesisch- japanischee Konflikt Montag nachmittag in öf­fentlicher Sitzung behandelt wird.

Nach Schluß der öffentlichen Sitzung wird sich der Rat in einer geheimen Besprechung mit dem Rücktrittsgesuch Sir Eric Drum- tnonös beschäftigen.

Die den Krieg erlitten haben.

Die pazifistischen Frontkämpfer Frankreichs fordern Revision der Verträge.

Aus Paris wird gemeldet:

Die Liga pazifistischer ehemaliger Frontkämpfer hielt in Paris ihren Jahreskongreß ab. Em- ftimmig wurde eine Entschließung angenommen, in der es heißt: Die Liga ist überzeugt, daß die Rüftungseinschränkung allein nicht den Frieden in einem Europa sichern kann, in dem die Verträge alle möglichen Konfliktsstoffe angeführt haben. Sie fordert deshalb energisch die Revision dieser Verträge, die allein die Schaffung der europäischen Föderation und die Sicherung aufgrund der restlosen Abrüstung er­möglicht.

Leider werden dieH e i m k r i e g e r" in Frankreich txr vernünftigen Forderung der auf

Frieden bedachten französischen Frontkämpfer we­nig Gehör schenken. Und dieHeimkrieger" haben die lautesten Stimmen. Deshalb laufen ihnen al­lenthalben die Massen nach.

China und die Mkerlmudslagung.

wtb. Nanking, 25. Januar. (Eig. Meld.) Außen Minister Tsch en hat der Regierung sein Porte­feuille zur Verfügung gestellt. Wie in amtlichen Kreisen verlautet, erfolgte dieser Schritt, weil die chinesische Regierung die von Tschen ver­folgte Politik a b l e h n t e. Im übrigen glaubt man zu wissen, daß der chinesische Vertreter auf der Völkerbundstagung in Genf, Pen, telegraphisch neue Weisungen erhalten hat, demzufolge China auf der Tagung, im Gegensatz zu der bisher verfolgten Politik, eine äußerst gemäßigte Hal­tung einnehmen wird.

Drummond scheidet?

Sir Eric Drummond,

der Generalsekretär des Völkerbundes, soll die Absicht haben, Ende dieses Jahres sein Amt nie­derzulegen. Man rechnet damit, daß er bereits auf der nächsten Rotstacpmg sei» Rücktrittsgesuch einreichen wird.

* Der Preußische Landtag führte, am Samstag die politische Debatte über die beiden preußischen Sparverordnungen und die dazu gestellten Anträge zu Ende, wobei.auch die zustimmende Haltung der Staatsregierung zur Notverordnungspolitik des Reiches mit erörtert wurde. Die Abstimmungen über die Anträge werden erst nach Schluß der Ausschußberatung, in die die Wünsche der Frak­tionen überwiesen wurden, erfolgen. Am Sams­tag wurden von den Sprechern der Fraktionen hauptsächlich die Einzelheiten der Sparverordnung behandelt. Der Landtag vertagte sich nach einer längeren Aussprache auf Donnerstag, den 11. Februar. Die Tagesordnung wird der Prä­sident später festsetzen.

Die spanischen Zesuiten ausgewiesen.

Der Präsident der spanischen Republik unter­zeichnete ein Dekret, durch das die Ausweisung des Jesuitenordens verfügt wird. Nach Mel­dungen aus Barcelona hat die Auflösung der Ge- sellschast Jesu in Katalonien große Er­regung ausgelöst. In Katalonien werden unge­fähr 450 Ordensmitglieder betroffen. Der päpst­liche Nuntius in Madrid erklärte dem dortigen 'Havasvertreter, daß der durch das Dekret ange­richtete Sachschaden größer sei, als man glauben möchte. In einer Aussprache empfahl der Papst die Jesuiten in Spanien als Märtyrer der christlichen Kirche der allgemeinen Fürbitte.

Von den Hochschulen.

Das Ergebnis der Studentenausschuß-Wahlen an der Berliner Universität.

Die Wahlen zum Allgemeinen Studentenausschuß an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin sind am Samstag abgeschlossen worden. Es wurden insgesamt 5 8 3 4 Stimmen abgegeben gegen etwa 7000 bei den letzten Wahlen im Jahre 1928; das entspricht einer Be­teiligung von nur 46.4 v. S) (!), bei einer Zahl von 12 587 Wahlberechtigten. Auf die Nationalsozia­listen entfielen 3795 Stimmen, auf die Deutsch- nationalen und Stahlhelmer 1155, auf die Korporationsliste 850 Stimmen. 37 Stimm­zettel waren ungültig. Da die gewählte Studentenver­tretung aus 100 Sitzen besteht, entfallen demnach auf die Nationalsozialisten 65, auf Stahlhelmer und Deutsch­nationale 20 und auf die Korporatio nsstudenten 15 Sitze Der Wahl ist mehr als die Hälfte der Stu- denten ferngeblieben. Es handelt sich mehr um eineÄereinsangelegenheit".

Vollkommene Ruhe an der Berliner Universität.

wtb. Berlin, 25. Ian. (Eig. Meld.) An der Berliner Universität, die am Freitag und Samstag wegen politi­scher Reibereien innerhalb des Gebäudekomplexes ge­schloffen war. wurde heute früh der volle Lehrbetrieb wieder ausgenommen. Die große Pause um 11 Uhr, in der gewöhnlich die Stehconvente der Korporationen abgehallen werden und die besonders den Anlaß zu den Schlägereien ergeben haben, ist vollkommen rubig ver­laufen. Zu der ruhigen Haltung hat ein allgemein be­achteter Aufruf des Rektors, Geheimrat Lüders, beige­tragen, der die Studenten eindringlich zur Ruhe er­mahnt und aukündigt, daß gegen die Störenfriede mit unnachsichtlicher Strenge vorgegangen werden soll.

Eröffnung der 66. Bölkerbundslagung.

Paul Bontour Präsident.

polittk ist Schicksal".

Von Geh. Finanzrat R. B ü r g e r s, M. d. R.

Die Wahrheit dieses Wortes mußte, sein Autor, der große Napoleon, mit seinem eigenen Schicksal büßen. Denn wenn Politik die Kunst des Mög­lichen ist, so muß sie sich auch in den Grenzen des Erreichbaren bewegen. Der Vorstoß in da? Un­endliche und Maßlose brachte den Zusammenbruch des Korsen; denn auch das Zusammenleben der' Menschen auf der Erde ist beherrscht von einer Dynamik nicht nur der Naturkräfte, sondern auch des Naturrechtes.

Sollte Maßlosigkeit nicht nur ein Fehler Na­poleons, sondern eine allgemeine Charaktereigen­schaft des in seinen einzelnen Gliedern io. sparsam, ja spießbürgerlich veranlagten französischen Vol­kes sein? Wenn Flandin Deutschland eine einsei­tige Kündigung der. Tribute und eineZerstörung des geheiligten Rechtes auf Reparationen" vor­wirft, und wenn Laval dieser Tage , von Proble­men sprach,die eher auf doktrinärer Einbildungs­kraft als auf der Realität der Tatsachen begründet sind", bann kann man fragen, ob diese Maßlosig­keiten auch zu dengeheiligten Rechten" des fran­zösischen Volkes gehören.

Wo ist doktrinäre Einbildungskraft und wie liegen die Tatsachen?

Wir haben Reparationsleistungen nicht aus freien Stücken oder aus subjektiver Böswilligkeit gekündigt, sondern von autoritiver neutraler Stelle, wie in dem Baseler Bericht, ist die Zah­lungsunfähigkeit Deutschlands festgestellt. Und die andere Tatsache:' ;,

Worauf beruht das Recht der Reparationen?

Letzten. Endes doch nur auf den vierzehn Punk­ten Wilsons und der Lansingnote vom 5. Novem­ber 1918, welche die Basis unseres Waffenstill­standsangebotes gewesen ist. Das ist die Rechts­lage und das ist dieRealität der Tatsachen". Nach Wilson und Lansing waren aber lediglich dieWiederaufbaukosten" zu zahlen, die nach eige­ner französischer Schätzung zwischen 17 und 23 Milliarden Mark lagen und die durch unsere bis­herigen Zahlungen, von denen Frankreich 52 Pro­zent erhalten hat, auch nach objektiven Berechnun­gen, wie derjenigen des amerikanischen Instituts für Economy gedeckt sind.

Wenn man heute wieder hört, daß der Belgier Jaspar meint, daß Deutschlands Zahlungsunfähig- feit nur eine vorübergehende sei und er ausrech- net, daß Deutschland in normalen Zeiten 2 050 Millionen an Reparationen aufbringenkönne", so muß endlich einmal darauf hingewiesen werden, daß dies eine vollkommen falsche Fragestellung ist.

Es handelt sich gar nicht darum,was Deutsch­land aufbringen kann", sondern darum,was nach der Rechtsgrundlage des Waffenstillstandes Deutschland auf bringen muß".

Diese Leistung dürfte erfüllt sein. Es bestände auch kaum ein Bedenken, den Umfang der bisheri­gen Leistungen noch einmal von einem unpartei­ischen Schiedsgericht feststellen zu lassen.

Verfehlt aber ist die Einstellung, als wenn Deutschland auf Jahrzehnte hinaus alles das zu zahlen hätte, was in etwa aus der deutschen Volks­wirtschaft herausgepreßt werden könnte.

Wenn Politik Schicksal ist, bann ist bte'em Schicksal das Diktat von Verfailles auch verfallen, denn über diesem Dokument steht der alte Rechts­satz:quob ab initio vitiosum est, tractu temporis convalescere neguit".

Der ganze Wirrwar, der aus dem Versailler Diktat, dem Dawesplan, dem Doungplan und dem Haager Abkommen usw. allmählich entstanden ist, hat den Kern der Sache so verschleiert, daß man allmählich den Wald vor Bäumen nicht mehr sieht und umso notwendiger ist es, sich wieder auf die einfache und klare Rechtslage zurückzubesinnen, die zur Wasfenniederlegung im November 1918 ge­führt hat.

Diese Ueberkompliziertheit, welche das Zusam­menleben der Völker heute fo überaus erschwert, scheint eine Krankheit der Zeit zu sein, die schein­bar den Mut zu einfachen und klaren Grundsätzen nicht mehr aufbringt; denn auch das Zusammen­leben der Menschen im eigenen Volke ist durch ein Spinnetz von papiernen Paragraphen überdeckt, in deren Maschen die Menschen sich allmählich der. art verfangen, daß sie nicht mehr aus und ein wis. sen, so daß allmählich ein wilder Kamps Aller gegen Alle eintritt Tausende Einzelheiten wer­den reguliert und die einfachsten Gesetze des Na­turrechts, auf denen auch der lebende Organismus eines Volkes beruht, werden nicht mehr gesehen. Der Rocher de bronze einer festen Autorität scheint sowohl auf staatsrechtlichem wie auf wirtschastli- chem Gebiete verschleiert zu sein.

Die tiefe wirtschaftliche Notlage der weitesten Teile des Volkes macht die Gemüter für allerlei Lehren, wahre und falsche, empfänglich. Man predigt das Ende des kapitalistischen Wirtschafts­systems, weil Mißerfolge da sind, die teils auf charakterlichen Verfehlungen einzelner Menschen beruhen, teils auf einer Umbiegung des Systems durch allerhand Eingriffe sowohl staatlicher wie eigener der Wirtschaft, die mit dem Wesen des Systems nichts zu tun haben. Joos hatte Recht, als er im Oktober im Reichstag sagte:

nicht bas System ist falsch, sonbern man hat das System verfälsch', man hat die Risiken kol­lektiviert und verfuchfe, die Gewinne zu priva­tisieren".

Es kann doch schließlich nicht vergessen werden, daß vor dem Kriege ein selbstverständlich mit menschlichen Unvollkommenheiten versehenes, aber doch einigermaßen erfolgreich arbeitendes Wirt­schaftssystem bestanden hat, jedenfalls mit de« Er­folgen, daß in den 30 Jahren von 1880 bis 1910