Nr. 13
Es gibt auf Erden nirgendwo ein Ziel.
Von I. Endringer.
Es gibt auf Erden nirgendwo ein Ziel, magst du auch suchen, wandern;
wenn einen Weg du heut zu Ende gehst, stehst morgen du nur einen andern.
Die Welt ist rund und schwingt im Kreise; wo ist ein Punkt, der stillesteht?
Den Stern sogar am Himmel zwingt des Wanderns nimmermüde Weise.
Und deine Seele ist ein Stern in einer dunklen Zelle.
Dein ganzes Leben ist nur Weg;
Heimat wird dir erst Himmel oder — Hölle.
Attrömische Scherze.
Von Dr. Eduard Fuchs.
Wir alle haben die alten Römer auf der Schule wegen ihrer Tapferkeit, Vaterlandsliebe und als Rechtsschöpfer bewundern gelernt. Von ihren Scherzen hörten wir weniger, ja wir möchten kaum glauben, daß von den Lippen jener Menschen ein Scherzwort siel. Theodor Birt nennt sie „hartknochige Naturen, ohne Schönheitssinn, ohne alle Phantastik, auch ganz unmusikalisch, aber energisch, rasch zusahrend und das Gegenteil des Harmlosen". Rudolph von Jhering hebt hervor, daß ihre Selbstsucht sich in Habsucht, Geiz, Härte und Lieblosigkeit äußerte. Ihre Scherze sind denn auch ganz besonderer Art: nüchtern, mehr satirisch als humorvoll, zum Teil roh, mit dem Kopse, nicht vom Herzen geschaffen und im ganzen meist bissig. Immer liegt darin ein offener oder versteckter Angriff. Die Studenten bezeichnen solche Scherze als „Pflaumen".
Römischen Volkswitz spiegelt die zum Teil recht grobkörnige Legende vom Streik der Flötenbläser wider. Diese hatten seit alter Zeit einen Freitisch im Heiligtums des Jupiter. Eines Tages hoben die Zensoren diese Vergünstigung auf. Die Flötenbläser waren wegen der Verletzung ihrer Rechte höchlich empört. In geschlossenem Zuge rückten sie nach der benachbarten Stadt Ti- bur ab. Die Römer waren in größter Verlegenheit; denn jetzt hatten sie niemand, der bei den Opfern die Flöte spielte. Eine Opferhandlung ohne Flötenspiel aber war einfach unmöglich. So sandte denn der Senat Leute nach Tibur, die jene zurückholen sollten. Gütliche Vorstellungen halfen nichts. Da griffen die Beauftragten zu einer List, die den feuchten Lebensgewohnheiten der Musiker angepaßt war: Sie machten die Künstler betrunken. Als die Flötenspieler in bleiernen Schlas gesunken waren, warfen die Abgesandten eiligst die Weinlichen übereinander in Wagen und fuhren sie nach Röm ab. Dort ließen sie die Fuhrwerke aus dem Marktplatze stehen. Erst als die Morgensonne den Verkaterten auf den Pelz brannte, kamen sie langsam zum Bewußtsein. Für das römisch« Volk gab dieses Erwachen einen Riesenspaß. Es lief zusammen und erreichte nach langem Hin- und Herreden, daß die unwirschen Flötenspieler in Rom blieben. Diejenigen, die bei den Opfern aufspielten, dursten wieder im Heiligtume des Jupiter spielen.
Aus dem Jahre 108 vor unserer Zeitrechnung stammt folgende Anekdote: Der Unterfeldherr Gajus Marius, der damals in Afrika kämpfte, wollte sich in Rom um das Konsulat bewerben. Er bat deshalb feinen Vorgesetzten, den Konsul Quintus Metellus, um Urlaub. Dieser lehnte ab und versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er riet ihm, sich nicht über seinen Stand zu erheben; er solle mit seiner Lage zustieden sein; es müßte nicht jeder alles haben wollen. Als Marius das zweite Mal sein Gesuch vorbrachte, vertröstete ihn Metellus auf später. Der Unterfeldherr ließ aber nicht lotter und wiederholte seine Forderung öfter. Da soll der Konsul ihm schließlich gesagt haben: „Eile doch nicht gar so sehr mit der Abreise! Deine Wahl kommt noch zurecht, wenn Du Dich gleichzeitig mit meinem Sohne bewirbst." Dieser zählte damals etwa zwanzig Lenze. Frühestens mit 43 Jahren konnte ein Römer Konsul werden. Marius hätte also noch 23 Sommer und Winter warten müssen.
Der berühmte Redner Markus Tullius Cicero konnte
NIL
17. Januar
Anscheinend war der neue Kunde gewillt, eine ganze Menge für seinen äußeren Menschen auszugeben, und im Geist sah sich Herr Budd schon von ihm empfohlen und eine stattliche Anzahl gutzahlender Kunden in seinem Laden.
„Der Schnurrbart kann bleiben", meinte der Herr, und Herr Budd fragte wieder: „Der Herr hat schon öfter färben lassen, wie ich sehe, könnten Sie mir vielleicht sagen . . ."
Beim Färben konnte man nicht vorsichtig genug sein. Manche Farben mischten sich nicht mit den andern, es hatte erst neulich ein Fall in der Zeitung gestanden. Und diese Bedienung muhte ein voller Erfolg werden.
„Wie?" sagte der Mann. „Unsere Familie wird so früh grau, wie Sie sehen, und meine Braut ist so viel jünger als ich, wie ich schon sagte ... ihr zu Liebe habe ich es färben lassen, aber nun gefällt es ihr nicht."
Die Hauptsache für Herrn Budd war, ■ daß er im Lause des Gespräches erfuhr, was für eine Farbe verwendet worden war, damit er sich danach richten konnte. Und das gelang ihm auch. Er berührte alle möglichen Gesprächsthemen, Tennisturniere, die neuen Steuern, und kam schließlich auch auf den Strickland-Mord zu sprechen. Da der Kunde noch nicht gehört hatte, daß eine Belohnung ausgesetzt worden war, holte Herr Budd die Zeitung, die der Herr sorgfältig las.
Herr Budd, der ihn im Spiegel beobachtete, sah, wie er seine linke Hand, die bis dahin auf der Stuhllehne gelegen hatte, plötzlich unter den Frisiermantel steckte, je- doch nicht, ohne daß Herr Budd sie gesehen und einen mißgestalteten Baumennagel bemerkt hätte. Freilich, viele Leute hatten solche verkrüppelten Nägel, z. B. einer seiner Freunde, Bert Webber.
Die Augen des Mannes blickten forschend, drohend auf Herrn Budds Spiegelbild, der ruhig fortfuhr, zu plaudern.
„Er ist sicher längst aus dem Lande. Sie hätten bte Belohnung viel früher aussetzen müssen."
Der Mann lachte. „Da haben Sie recht." Und Herr Budd überlegte, ob es wohl viele Menschen mit miß-- gestalteten linken Daumennägeln und einer Goldplombe im linken Augenzahn geben mochte. Wahrscheinlich gab es Hunderte solcher Menschen. Auch Hunderte von Leuten mit silbergrauem Haar, das sie vielleicht färben, und die dreiundvierzig Jahre alt sind. Dann dachte er wieder an die alte Frau, die das Opfer des Mörders geworben war, an bie grausamen Wunden, die er ihr beigebracht hatte.
„Machen Sie so schnell sie können", sagte der Kunde. „Es sst eigentlch schon Geschäftsschluß, ich werde Ihnen die Ueberstunden bezahlen."
„Oh, das macht nichts," meinte Herr Budd. Nein, wenn er versuchte, hinauszulaufen, würde der Kunde auffpringen und ihn erdrosseln. Ein entschlossener Friseur hätte seinem Klienten vielleicht Schaum in die Au- gen gerieben und wäre bann hinausgeeilt und hätte Lärm geschlagen. Aber dazu war es jetzt zu spät, das Haar war gespült, und das Färben sollte beginnen. Während er mit seinen Flaschen hantierte und der Kunde schon ungeduldig nach ihm rief, hatte er plötzlich eine Eingebung.
Geschickt legte er die dunkelbraune Farbe aus, wahrend er ruhig weiter mit dem Kunden plauderte.
Als er ihn dann zur Tür begleitete, war es schon viel leerer in den Straßen. Herr Budd beobachtete den Mann, der in den Autobus Nr. 24 stieg.
,Hn Wirklichkeit fährt er ja doch ganz woanders hin", dachte Herr Budd, schloß sorgfältig die Ladentür zu und bestieg seinerseits einen Bus.
Der Polizist war ein wenig herablassend, als aber der kleine Friseur daraus bestand, irgend jemanden ganz Hohes zu sprechen, er hätte Angaben über den Strickland-Mörder zu machen, und es dürfte keine Zeit verloren werden, willigte er ein und führte ihn zu einem imposant aussehenden Inspektor, der sehr höflich feine Geschichte von dem Daumennagel, dem linken Augenzahn und dem Haar mit anhörte, das grau gewesen war, rot gefärbt wurde und jetzt braun war.
,Hch glaube, Sir Andrew wird mit dem Herrn selber sprechen wollen, Perkins," sagte der Inspektor, und Herr Budd wurde in ein anderes Zimmer geführt, in dem ein freundlich und klug aussehender Herr in Zivil saß, der ihn mit noch größerer Aufmerksamkeit zuhörte und einen anderen Inspektor hereinrief, der die Beschreibung des
um
Beilage zur Fuldaer Zeitung
sehr bissig sein. Drei Aeußerungen von ihm mögen zeigen, daß auch seine spitze Zunge echt römisch war, wenngleich schon etwas verfeinert.
Ciceros politischer Gegner Gajus Julius Cäsar trug seine Kleidung sehr unordentlich. Als er Pompejus besiegt hatte und Alleinherrscher war, fragte jemand Cicero, der sich Pompejus' Partei angeschlossen hatte: „Wie kam es nur, daß Du Dich in der Wahl der Partei irrtest: Er antwortete: „Der Anzug hat mich getäuscht."
Während seiner Herrschaft vermehrte Cäsar die Zahl der Senatoren derartig, daß sie bei ihren Sitzungen zusammenrücken mußte. Eines Tages verlieh Cäsar im Theater einem Mann, der seiner Ritterwürde verlustig gegangen war, diese wieder. Laberius, so hieß der Neugeadelte, suchte sofort einen Platz unter den Rittern. Diese versagten ihm eine Sitzgelegenheit und wiesen ihn ins Gesicht ab. Als Laberius an Cicero vorbeiging, sagte dieser, indem er auf die Vermehrung der Senatssitze anspielte: „Ich hätte Dir gern Platz gemacht, wenn ich nicht zu eng säße." Laberius war jedoch auch nicht auf den Mund gefallen und erwiderte schlagfertig, indem er die mitunter zweideutige politische Haltung des Redners angriff: „Es ist ja seltsam, daß D u so eng sitzt, der Du auf zwei Sesseln zu sitzen pflegst."
Als Cäsar ermordet war, bemühte sich Oktavian, der spätere Kaiser Augustus, um die Gunst Ciceros. Er sand jedoch bei diesem wenig Gegenliebe. Der Redner äußerte einmal, man müsse den ehrgeizigen jungen Mann loben, ehren und erhöhen. Das Wort, das Cicero dabei für „erhöhen" brauchte, bedeutet im Lateinischen ,LU Ehren erheben", aber auch „aus dem Wege räumen". Dieses Wortspiel tarn Oktavian zu Ohren und kostete den scharfzüngigen Mann das Leben. Als nämlich Antonius seinen erbitterten Gegner Cicero auf die Liste der Geächteten fetzte, widersprach der gekränkte
Oktavian nicht. Am 7. Dezember 43 ermordeten bie Häscher Markus Tullius Cicero bei Cajeta.
Einen ergötzlichen Zwischenfall in bem Badehause zu Rom erzählt der Redelehrer Seneka. In den Bädern befanden sich Vortragsräume. Einen solchen hatte der überhebliche Vortragskünstler Lucius Cestius Pius gemietet. Gerade trug er seinen Schülern vor, was er an Ciceros Rede gegen Milo auszusetzen habe, ba erschien sein Fachgenosse Cassius Severus als ungebetener Gast. In biesem Augenblick sagte Cestius: „Wenn ich ein Fechter wäre, bann wär« ich ber berühmte Fusius; wenn ein Tänzer bann ber umschwärmte Bathyllus; wenn ich ein Rennpferd wäre, bann wäre ich ber sieghafte Melis- ’fio." Cassius Severus konnte seinen Unmut über so viel Anmaßung nicht bezwingen. Er rief: „Wenn Du eine Kloake wärest, so wärest Du gewiß bie größte." Stürmische Heiterkeit erhob sich unter ben Zuhörern. Cestius, ber eben Cicero abkanzeln wollte, sand, obgleich es ihm sonst an Schlagfertigkeit nicht mangelte, kein Wort, womit er Cassius hätte übertrumpfen können. Er erklärte vielmehr, er werbe nicht eher forffahren, als bis fein vorlauter Gegner bas Haus verlassen habe. Dieser er* roiberte, er werde nicht eher aus bem öffentlichen Bade gehen, als bis er sich gereinigt habe.
Einen guten Witz bes Kaisers Augustus erzählt Ma- krobius im zweiten Buche feiner „Saturnalien". Ein leichffinniger Mann mit Namen Herennius erregte bas Mißfallen bes Kaisers, ba er im Feldlager ben Soldaten durch seinen Lebenswanbel ein schlechtes Beispiel gab. Augustus schickte ihn beshalb nach Hause. Herennius bat ben Kaiser fußfällig, ben Befehl zurück,zunehmen. „Was werben bie Leute in meiner Heimat reben?" jammerte er. „Was soll ich meinem Vater sagen?" — Au- j guftus antwortete rasch: „Sag ihm, i ch hätte D i r nicht 1 gefallen!"
Ein Friseur langweilt sich.
Eine Detektiv-Geschichte.
Von Dorothy L. Sayer».
Herr Budb langweilte sich. Langweilte sich sträflich. Seitbem sein Kollege brühen ben Schlächterlaben dazugemietet und alles aufs prächtigste ausgeftattet hatte, dachte kein Mensch mehr daran, seinen kleinen unmodernen Laden zu betreten. Höchstens ein paar Studenten und Leute, die auch nicht gut bei Kasse waren, kamen.
Warum nun konnte Herr Budd nicht auch einen Salon ganz in Marmor und mit den neuesten Apparaten eröffnen? Warum mußte er sich mit dem unmodernen kleinen Laden begnügen trotz all seiner Kunst? Der Grund hierfür war ein jüngerer Bruder, der Dummheiten gemacht hatte, für den bezahlt werden mußte, und dem er den Rest seiner Ersparnisse mitgegeben hatte, um ein neues Leben in Australien zu beginnen. So las Herr Budd denn vor lauter Langeweile eifrig Zeitungen. Las jede Zeitung zwei-, dreimal, bis er sie nahezu auswendig konnte. Las unter anderem auch Steckbriefe und ähnliche Sächelchen, besonders solche, die mit der Ankündigung einer Belohnung ausgeftattet waren. Alle Derdienstmöglichkeiten größeren Stiles fesselten Herrn Budd. Da zum Beispiel wieder:
„Fünfhundert Pfund Belohnung. Der „Abendbote" hat, um die Bemühungen der Justiz tatkräftig zu unterstützen, beschlossen, obige Belohnung demjenigen auszuzahlen, dessen Angaben zur Verhaftung von William Strickland alias Bolton führen, der von der Polizei wegen der Ermordung der Emma Strickland in der Akazienstraße 50 gesucht wird. Beschreibung des Gesuchten: Alter: 43; Große: 6 Fuß 1 Zoll; Haar: üppig, silbergrau, vielleicht gefärbt; dichter grauer Schnurrbart und Bart, jetzt vielleicht rasiert; hellgraue Äugen, Hakennase, starke weiße Zähne, ber linke obere Augenzahn hat eine Goldplombe, ber linke Daumennagel ist burch einen kürzlich erhaltenen Schlag verunstaltet. Trägt grauen ober dunkelblauen Anzug mit Stehkragen und weichem Filzhut. Verbirgt sich seit bem fünften, versucht vermutlich zu entfliehen." —
Herr Budd las bie Beschreibung sehr sorgfältig zweimal unb seufzte. Es wahr nicht sehr wahrscheinlich, daß i William Strickland seinen kleinen, unbekannten Salon zum Haarschneiden ober Färben aufsuchen würde, selbst |
wenn er noch in der Hauptstadt war, was Herr Budd sehr bezweifelte.
Er legte bie Zeitung hin und blickte bäbei zufällig in ben Spiegel. Er lächelte, benn er sah wirklich nicht so aus, als ob er ber Mann fei, einen rohen Mörder allein zu fangen. Er war Mitte vierzig, ein wenig korpulent, ziemlich klein unb hatte weiche, fanfte Hände. Selbst mit bem Rasiermesser in ber Hand würde er William Strickland, ber feine alte Tante so brutal ermordet hatte, nicht gewachsen fein. Mit traurigem Kopffchütteln sah Herr Budd sodann auf bas gutgehende Geschäft drüben unb stieß babei fast mit einem stattlichen Kunden zusammen, ber ziemlich eilig eingetreten war.
„Können Sie mich färben?" fragte er, während er feinen Ueberzieher auszog.
„Ja, gewiß, mein Herr", sagte Herr Budd erfreut
Welch Glückszufall, er würde mindestens sieben Schilling sechs Pence dafür nehmen können.
„Gut", sagte ber Mann und lieh sich von Herrn Budd ben Frisiermantel umlegen. „Die Sache ist bie", fuhr er fort, „baß meine Braut rotes Haar nicht leiben kann. Sie finbet es so ausfallend. Die anderen jungen Damen im Geschäft machen Witze darüber. Und da sie ziemlich viel jünger ist als ich, mochte ich natürlch alles tun, was sie will. Vielleicht können wir eine ruhigere Farbe nehmen, vielleicht dunkelbraun. Das möchte sie gern. Was meinen Sie?"
Herr Budd dachte, daß bie jungen Damen ben plötzlichen Farbenwechsel wahrscheinlich noch viel witziger finden würden, aber im Geschäftsinteresse stimmte er zu, daß Dunkelbraun ihm sehr gut stehen würde. Vermutlich existierte gar keine Braut. Herr Budd wußte, daß Frauen es ganz offen sagen, wenn sie eine andere Haarfarbe haben wollen, aber Männer schieben gern anderen bie Schulb in bie Schuhe, wenn sie eine Dummheit machen.
„Gut", sagte ber Kunde, „also los. Der Bart wirb auch baran glauben müssen. Der gefällt meiner Braut auch nicht."
„Bärte sind auch unrnobern", stimmte Herr Budd zu, „wie ist es mit dem Schnurrbart?"
Die Jungfernfahrt
7] Roman von
Die Schiffe rücken zusammen, bis man Flaggensignale austauschen kann — überall hat man bie schwachen Rufe ber „Pasadena" mit ihren wechselnden Positions-Angaben aufgefangen, überall hat man in angestrengtem Wachtdienst gesucht — keiner ber anberen sand bisher eine Spur von biesem rätselhaften Schiff.
Auch jetzt geben bie Passagiere den Tennisplatz auf bem Bootsbeck nicht frei.
Die Stewards müssen Klapptische heraufbringen, Tee und Kaffee werden von allen Seiten verlangt, um bie Nachtkühle, bie noch in ben Gliedern steckt, hinauszu- treiben.
Auch auf die Kommandobrücke wird Tee geschleppt. Keiner der Offiziere hat sie bie ganze Nacht verlassen — keiner verläßt sie auch jetzt, alle schütten das heiße Getränk im Stehen hinunter.
In gesteigerter Erregung geht bie Suche jetzt weiter, tn vollem Tageslicht, bas klare Sicht weithin nach allen Seiten gestattet — aber noch immer will es nicht gelingen, bie „Pasadena" zu finden.
Sieben ist es geworden . . .
Es wird acht und neun. Um diese Zeit ungefähr kommt ein SOS-Ruf durch, der als Position 34,27 Grad nördlicher Breite unb 23,17 Grab östlicher Länge angibt.
Fast genau an derselben Stelle befindet sich die „Christabelle" jetzt —.
In höchster Spannung gibt Kapitän Sebram seine Befehle — jetzt, jetzt muß, in ben nächsten Minuten fast, die „Pasadena" vor ihnen in der Fahrtrichtung auftauchen . . .
Aber es wird halb zehn — die gefunkte Position ist erreicht und in großem Kreis umfahren — nichts, nichts, nicht das Geringste von der „Pasadena" — da, der Funker stürzt auf die Brücke . . . eine neue Meldung:
34,19 Grad nördlicher Breite und 22,98 Grab östlicher Länge.
Mit voller Maschinenkraft wirb die „Christabelle" her- umgeworfen unb rast zurück — wieder wirb bie burchge-
der. Lhristabelle."
Mfreb Karl.
tommene Position erreicht, bas Meer mit Ferngläsern abgesucht, ein großer Kreis geschlagen — unb wieder nichts!
Zehn Uhr ist es mittlerweile geworden. . .
Ratlos setzen die Männer auf der Brücke bie Gläser ab, sehen einander achselzuckend an — ba: ber graue, englische Kreuzer, ber sich bisher mit ben anderen Schiffen an der Suche beteiligte, wendet seinen Bug nach Westen unb dampft in voller Fahrt davon, seiner Heimatstation Malta zu . . .
Von der Brücke aus verfolgt man ihn durch bie Gläser, bis bie Spitzen seiner Gefechtsmasten unter bie Kimme tauchen. Schweigend nehmen die Offiziere die Instrumente wieder von den Augen.
Alle richten forschende Blicke auf den Kapitän — wird er jetzt nicht zum Äusdruck bringen, was sie schon alle seit längerer Zeit erregt . . .? Sie fahren ja schließlich nicht seit gestern zur See — wie erklären sich diese Funk-, rufe von wechselnden Positionen ... wo verbirgt sich dieses Schiff, das man längst gefunden haben müßte.
Statt einer Antwort weist Sebram bedrückt voraus in Fahrtrichtung:
Der große Steamer wendet unb nimmt feine Fahrt nach Osten wieder auf — er befindet sich auf ber fahrplanmäßigen Reife zwischen Marseille unb Alexandrien und war, wie er am Morgen durch Flaggensignale meldete, in der Nacht auf bie SOS-Rufe hin umgekehrt. . .
„Ich fahre feit dreißig Jahren zur See", sagt Sebram jetzt schleppend, fast vÄstört, „aber ich muß gestehen, meine Herren: ich weiß nicht mehr, was ich aus dieser Geschichte machen soll. Wir müßten die „Pasadena" schon gefunden haben, wenn sie zu finden wäre — bitte, hat einer von Ihnen eine Erklärung für diese geheimnisvollen Ruse — ich jedenfalls weiß mir keine!"
Schweigendes Achselzucken der Offiziere. Schließlich weist Oelsmann darauf hin, daß die griechischen Küstenfrachter auch noch hier in der Nähe wären . . .
„Das sind kleine Kästen — ihre Kapitäne haben unsere nautischen Hilfsmittel nicht, vielleicht auch nicht die
Erfahrung, und wissen jetzt wohl erst recht nicht, was los ist . Sie sehen ja, Oelsmann, bie beiden großen Kästen suchen nicht länger . . ." widerspricht ber Kapitän — aber es liegt noch nicht bie Energie ber Entscheidung darin . . .
„Wenn wir jetzt abdrehen, haben mir schon einen ganzen Tag verloren, bis wir wieder auf unserer Route sind . . ." gibt der Navigationsoffizier zu bedenken.
Kapitän Sebram wirst einen Blick auf die Uhr, als konnte er durch bie Zeiffesffetzung über das Für unb Wider hinaus zu einem Entschluß kommen.
Wer er wagt die endgültige Entscheidung noch nicht und erklärt endlich: „Es kommt auf diesen einen Tag nicht an — es kommt auch auf ein paar Stunden mehr nicht an: ich will nichts versäumen, den nächsten Ruf noch ab warten und bann noch einmal suchen — haben wir ben Kasten bis Mittag nicht, trage ich bte Verantwortung unb nehme wieder Kurs auf Athen."
*
Auch unter ben Passagieren auf bem Tennisplatz gibt es den einen oder anderen, der schon viel zur See gefahren ist, und im Saufe des Vormittags darauf kommt, daß man bas Schiff, bas in Seenot fein soll, eigentlich längst erreicht haben müßte . . .
Jannulatos, der sich in diesen Gewässern immerhin auskennt, macht ungefähr um neun die Andeutung — sie wird von allen Seiten ungläubig und unwillig zurückgewiesen.
Nicht viel später bekennt sich bann ein anderer Passagier energisch zu bissen Bedenken. Unb zwar einer, ber sich bisher stets abgesondert hielt: Herr Phileas Chipswill aus Siverpool.
Er erklärt sachlich:
„Wir sind hier doch nicht tm Pazifik, sondern im viel- befahrenen Mittelmeer. Wir ober ein anderes Schiff hätten bie „Pasadena" längst finden müssen. Nach meiner Meinung hat es keinen Zweck, länger zu suchen!"
(Empörter Widerspruch prallte von allen Seiten gegen ihn an — aber Phileas Chipswill verzieht keine Muskel feines länglichen Pferdegesichts und entgegnet trocken: „Ich rede nicht ins Blaue hinein — ich bin selbst Seemann!"
Reta wendet sich überrascht zu W Fellnor: „Seemann ist er? Oelsmann meinte einmal, er wäre vielleicht der Sohn eines Sortis."
„Keine Spur — ich habe gelegentlich ben Zahlmeister gefragt, weil mir auch auffiel, daß er so etwas wie einen Lord markierte. — Er besitzt eine Flottille von Herings- bampfern in Liverpool."
„SoPb Heringsfischer!" lachte Reta hell auf. Ihrs sprühende Heiterkeit bricht auch jetzt für Sekunden bie Fesseln der unruhigen Besorgnis.
„Glänzend, der Name paßt zu ihm — so werde ich ihn in Zukunft nennen!"
Obwohl er wissen muß, baß er fast die ganze Schiffs- gesellschast gegen sich hat, erklärt ber alte Chipswill einige Zeit darauf, als man ben englischen Kreuzer davon- bampfen sieht, mit verstärkter Energie: „Diese „Pasa- bena" ist nicht zu finden — auf einem britischen Kriegsschiff kennt man sich eben besser aus, als hier auf bet „Christabelle"!"
Grenzdörfer schwingt sich zum Wortfiihrer des Widerspruchs auf — fein rosiges Conferencier-Gesichr zeigt auf einmal überraschende Straffheit: „Was man auf einem englischen Kriegsschiff für richtig hält, geht uns schließlich nichts an, Herr Chipswill — ich glaube mich einig mit allen anderen, wenn ich es als einfachstes Gebot ber Menschlichkeit betrachte, daß Kapitän Sebram wei- tersucht!"
„Ich bin nicht gegen bie Menschlichkeit, durchaus nicht," erklärte ber Engländer, ohne nach wie vor eine Miene zu verziehen. „Wer ich sage einfach, daß es Unsinn ist — diese Funksprüche sind Mystifikation oder ein Schurkenstreich — sonst müßten wir bie „Pasadena" doch schon längst erreicht haben!"
Fellnor greift jetzt an Grenzdörffers Seite ein: „Glauben Sie wirklich, Herr Chipswill, baß Herr Kapitän Sebram sich durch irgendeine Mystifikation bluffen ließe?"
Alles hatte sich mittlerweile um ben Mittelpunkt zu- fammengebrängt, den jetzt Chipswill, Grenzdörffer unb Fellnor bilden. Es tritt klar zutage, daß ber Brite kaum Unterstützung findet. Auf allen Gesichtem ma' " h ent-