Itr. 9 Beilage zur Fuldaer Zeitung 13. Januar
NILS
Ich weitz ... .
Noch grünt kein Blättchen am ganzen Baum und doch sah ich ihn schon im Traum voll leuchtend weißer Blüten stehn--
Ich wurde wach — ja doch — ich weiß noch wird er tragen Schnee und Eis Und Sturm und Regen wird er sich neigen, um lachend dann seine Pracht zu zeigen —. Und seine Kraft wird es erringen, daß allem zum Trotz [eine Blüten springen.
Marianne Dieckmann.
Am Deutschlands Freiheit
kämpft Brüning mit der Aufbietung seiner ganzen Kraft. Statt ihm seine schwere Aufgabe zu erleichtern und ihn gegen die Gegner Deutschlands zu stärken, haben die Radikalen nach Beendigung des Weih- nachtsfriedens mit einer verstärkten Propaganda gegen ihn eingesetzt. Wieder geht eine Welle besonders von nationalsozialistischen Versammlungen über das Land. Die bezahlten Agitatoren betreiben wieder die alte Hetze und scheuen vor keinem Mitte! zurück. Es ist merkwürdig; man will die Volksgemeinschaft und hetzt die Massen aufeinander; Man will die Freiheit Deutschlands und tut nur das, was den „Freiheitskampf" erschweren könnte: (es wird aufgetrumpft und „mit dem Säbel gerasselt", den man nicht hat. Man liefert den Franzosen nur neue Argumente für ihre Behauptung, daß Deutschland eine ständige Bedrohung der Sicherheit wäre.) Man will angeblich den Bolschewismus bekämpfen, radikalisiert aber auch die Kreise, die bisher noch nicht an das
Schlagwort glaubten. Man will die Massen vom Wahn des „Marxismus" befreien, gaukelt ihnen aber „Das dritte Reich" vor, statt ihnen den klaren Blick in die Gegenwart zu geben.
Unser Ziel ist es, der jungen Generation den Blick für die Wirklichkeit, das Verständnis für das Wesen des Politischen zu vermitteln und sie davor zu bewahren, an Illusionen zu glauben und dann von einer Enttäuschung in die andere zu fallen. Wir wollen selbst- lose, mutige Kämpfer für Deutschland gewinnen, die ihre ganze Kraft zur Rettung ihres Volkes aus materieller und seelischer Not einsetzen. Diesem Ziele dient auch die Aussprache am kommenden Samstag im kath. Gesellenhaus. Uns geht es nicht um parteipolitische Auseinandersetzungen. Das können natürlich diejenigen nicht verstehen, die dazu erzogen sind, die Sache des Vaterlandes durch die Parteibrille zu sehen, und die der Haß gegen andersdenkende Volksgenossen blind gemacht hat.
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In der letzten Zeit ist es vorgekommen, daß allein- gehende Windthorstbündler abends auf dem Nachhausewege von Hitler-Anhängern angepöbelt wurden. Was soll das? Das Merkwürdige dabei ist nur, daß es sich bei den Jünglingen mit der „schlechten Kinderstube" nicht etwa um junge Leute aus den „unteren Schichten" handelt, sondern um Söhne „besserer Familien" (wie man so zu sagen pflegt). Wir sind darüber keineswegs erstaunt, bedauern nur, wie verhetzte Fuldaer Jungen das Gefühl dafür verlieren konnten, daß man auch Menschen gegenüber, deren Tun man nicht versteht, ritterlich zu fein hat.
Windthor st bund Fulda.
Jahrgang 1902 macht Bilanz.
Das Recht der Jugend auf Lebensraum.
von Hans Ilm breit.
Die folgenden Ausführungen sind für jung alt sehr lesenswert. So oder ganz ähnlich denken heute Tausende der besten Jungen im Alter bis zu 30 Jahren, auch die jungen Katholiken. Es sind gerade vielleicht diejenigen, die eine gewaltsame Auseinandersetzung ablehnen, weil sie unserem Vaterland nur schadet und kaum zu einem Sieg der Uneigennützigen führen wird Wir waren gerade noch zu jung, um in den Krieg zu gehen. Aber dafür mußten wir daheim mit unseren Müttern zusammen selbständig handeln, trotz unserer Jugend. Wir waren sogar stolz, daß wir — während der Vater im Felde war — mit unseren jungen Jahren Verantwortung zu tragen hatten für die Familie, für die Geschwister, daß wir mit 15 Jahren Kartoffeln Hamstern mußten, wobei diebesähnlich der Gen-
Wir machen noch einmal auf die
öffentliche
Versammlung
am kommenden Samstag, den 16. 3anuat, abends 8 Uhr Im kakhoMchen GeseNenhaus aufmerksam. Es sprechen Bundesbrüder über das Thema:
5er Kamps um veulschlauds Freiheit.
Alle christlich und deutsch fühlenden Fuldaer, insbesondere die Zentrumsleute, sind herzlich willkommen. tzerr Etzel aas Hilders ist zur Aussprache eingeladen worden.
Windthorskbirn- Fulda.
Unkostenbeitrag 20 Pfg.
barm zu umschleichen war. Und mit all diesen Aufgaben wuchsen unsere Kräfte — wuchs unsere Selbständigkeit.
Wenn der Vater dann wiederkam, gab es gewöhnlich Krach in der Familie. Die Mutter war froh, daß ihr die Last wieder von den Schultern genommen wurde, aber uns wollte es nicht in den Kopf, daß wir wieder nicht mehr mucken dürfen sollten, daß wir wieder Kinder sein sollten, als ob wir nie neben unseren Müttern unseren Monn gestanden hätten. Wir wollten — mit gutem Recht — weiterhin beteiligt sein am Geschehen in der Familie. Aber der Vater verlangte wie früher nervös geworden durch den Krieg — Gehorsam ohne Widerrede. -
Und damals begann das Auseinanderleben der Generationen. Wir konnten uns nicht mehr der bedingungslosen „Autorität" fügen, die aus Macht gegründet war. Wir wollten aufsehen dürfen und ernst genommen werden, aber nicht uns gegen bessere Ueber« zeugung beugen müssen und Halbheiten anerkennen. Ein anderes kam hinzu: bislang waren wir die ersten neben der Mutter gewesen, und jetzt nahm der Vater wieder die alte — von uns längst vergessene Stellung ein. Da begehrten wir auf. Warum haben unsere Eltern das nicht verstanden?
Wir suchten den älteren Freund, der uns Verstehen entgegenbrachte. Warum konnten unsere Väter bas nicht sein? Damals resignierten mir zum ersten Mal unb flüchteten enttäuscht aus ber Famislie. Unb wer von uns bas Glück hatte, im ®anher» vogel ober sonst einem Iugendbunb zu sein, wo er auch eine größere Verantwortung zu tragen hatte, ber arbeitete bort eifriger mit beim je. Und als bann bie Wanbervogelsoldaten — selten genug! — zurück- kamen, ba waren auch sie wie bie Väter. Auch sie wollten roieber in ihre alte Stellung mit alten Rechten unb Ordnungen Da muckten wir wieder auf und gingen unserer Wege. Nur ganz wenige Haden unsere Entwicklung gesehen und anerkannt, unb mit ihnen finb wir weiterhin treu oerbunben geblieben.
Und wenn ber Vater gar nicht mehr wieberkehrte, wenn wir mit unserer Mutter alle Enttäuschungen und
Erschwernisse, denen — warum nur? — ein vaterloser Haushalt ausgesetzt ist, zusammen ertrugen, dann wurden mir noch eigenmilliger, noch mißtrauischer und noch selbständiger. Der Kampf gegen die Umwelt wurde uns ja ausgezwungen. Handelten wir irgendwie — weil mir mußten — selbständig und paßte dies jemanden nicht, so „fehlte uns der Vater". Ohnmächtig gegen solche Ungerechtigkeit ballten wir die Faust in der Tasche. War das Eure Waffe, Ihr Alten? Eure Entgegnung, Eure Hilfe? Wie selten haben wir jemanden gesunden, der es ehrlich mit uns meinte, dem wir vertrauen konnten
Hatte unsere Mutter bann Vertrauen zu uns unb fürchtete sie nichts für die Ehrlichkeit ihres Wollens, dann war es leichter. Auf eine solche „große" Mutter durste man stolz sein. Aber zumeist erschien auch ihr die junge eigenwillige unb felbftänbige Kraft, bes Jungen unheimlich. Erzogen zu sichernber Vorsichtigkeit, hielt sie bie freie Kritik an anberen Menschen unb Einrichtungen für gefährlich unb schädlich: „Man kann doch nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen!" nannte sie es. — Wir waren aber doch unfreiwillig so mißtrauisch unb kritisch geworben, weil wir bie bittere Erfahrung hatten machen müssen, baß verbächtig viele Leute in ber vaterlosen Kriegs- unb Nachkriegszeit nur „Gutes" mit uns im Sinne hatten. Unb wenn uns jetzt selbst unsere eigene Mutter noch für anmaßend hielt, weil wir, gestützt auf diese fast zwangsmäßig erworbene Menschenkenntnis, Menschen zu beurteilen wagten, bann waren mir freilich ganz einsam auf unserem Wege. Das war bie zweite große und tiefe Enttäuschung für uns junge Menschen.
Dennoch haben wir nicht aufgehört, überall nach Menschen zu suchen, die uns Vorbild sein konnten, denen mir erzählen konnten, ohne uns bloßzustellen, die uns ernst nahmen und auf unsere Zweifel und Fragen nicht lächelnd mit ungeheurer Wichtigkeit Phrisen sagten. Manchmal glaubten mir, es müsse eine edle Frau fein. Warum fanden wir nicht?--
Man nannte uns frü (»gereift unb faft ge■ jährlich aufgeweckt, aber es mangelte uns noch an Ausgeglichenheit (bas war es ja, was wir suchten!), an Erfahrungen. Wo wir Vorbilber gezeigt haben wollten, gab man uns nur schöne Worte: bie Beispiele hielten einer ehrlichen Kritik nie stand.
Durften mir aber unsere Kräfte einmal rühren, konnten wir zeigen, baß mir beroältigten, was mir uns vornahmen, bann lobte man vielleicht. Aber man verstaub nicht, baß wir daraufhin den Anspruch erhoben, „mit"zuarbeiten, zusammenzuarbeiten und mitdenken zu dürfen. Wir wollten nicht nur unfrei und abhängig ausführen dürfen, sondern selbst mitgestalten helfen, wollten unbelüftet durch traditionelle Erbe — mir kannten doch die Zeit vor dem Kriege nicht mehr — neue Lösungen suchen. Das wurde uns wieder als Anmaßung ausgelegt. Das mar unheimlich, bas war ja „gerabeju revolutionär"! Ja, konnten mir beim anbers fein, ba mir in Krieg unb Umwälzung ausgewachsen waren, mutzten wir nickst unsere Blicke nach vorwärts richten?
(Schluß folgt.)
„Schaffende Juxend"
Ausstellung des Gesellenvereins Großenlüder vom
3.—17. Januar.
Von Gewerbe Oberlehrer Feldmann wird uns mit- geteilt:
Es ist in dieser, an Lichtblicken so armen Zeit erhebend, wenn man so viele unserer jungen Leute sieht, die sich gegen das Gespenst der Arbeitslosigkeit mit allen Mitteln wehren. Sie wollen einfach nicht „versacken".
Auch die Ausstellung des Gesellenvereins Großenlüder „Schaffende Jugend" ist ein Lichtblick, da die meisten der Aussteller arbeitslos finb. Mit etwa 50 ausgestellten Arbeitsstücken ist sie eine der reichst beschickten Ausstellungen, welche die Gesellenvereine in der letzten Zeit veranstalteten. Und was da gezeigt wird, ist Qualitätsarbeit
Da Großenlüder die Hochburg der Stut» kateure ist, ist auch in der Ausstellung dieser Berufszweig stark vertreten. Wir sehen kunstvoll ausgeführte Baluster, Vasen, Säulen, Kapitäle, ja ganze Fassaden in Edelputz und Fenstereinfassung, welche teils in Gips,
teils in Kunststein ausgeführt, alle den jungen Ausstellern zur höchsten Ehre gereichen. Manche kniffelige Ecke war in schwierigem Steinschnitt zu lösen. Die Gesimse und Kröpfungen sind höchst sauber und in guter Proportion ausgeführt.
Es sind weiter gute Schreinerarbeiten, wie Küchenschränke, Schreibtisch, Büffet, Kleinmöbel u. a. zu sehen, welche die scharf kontrollierenden Augen der Prü» fungsmeister voll und ganz zufrieden gestellt haben. Einer der jungen Schreiner stellt außerdem noch ein Bild, eine Intarsie, unterschrieben „Das Gewerbe", aus. Es stellt einen Schreiner an der Hobelbank dar, mit dem Blick durch das Werkstattfenster nach der Dorfstraße. Natürlicher hätte ein Maler mit dem Pinsel nicht treffen können, was hier die Hand des jungen Mannes mit dem Schneidemesser und einigen helleren und dunkleren Holzarten geschaffen hat. Man kann sagen, daß dies das beste Stück der Ausstellung ist.
Das Nahrungsmittelgewerbe, Bäcker und Metzger, ist mit 2 Ausstellern vertreten, von denen besonders ber Blumenkorb, ganz in Fett und Speck aus- geführt, Erwähnung verdient. Der Korb, in Rindertalg gegossen, nimmt Blüten auf, die ebenfalls mit dünnen Speckscheibchen kunstvoll und naturgetreu hergestellt sind. Auch die ausgestellten Würste zeugen von dem Ernst, mü dem sich der junge Fleischergeselle seiner Ausbildung gewidmet hat.
Mit sehr netten Arbeiten ist auch die Ma 1er- gruppe vertreten. Einige Porträtstudien und Bilder aus der Natur lassen bie werbenden Künstler erkennen. Mit viel Liebe ist das Kolpingswappen ausgeführt, das wahrscheinlich das Vereinslokal schmücken soll.
Auch im Bekleidungsgewerbe ist man im Bezirk Großenlüder auf der Höhe, das beweisen ine ausgestellten Stücke dieser Berufsgruppen. Ferner zeigt ein Schlosser ein zweitouriges Schloß mit Drücker. Es ist dies um so anerkennenswerter, weil ja das handgearbeitete Schloß fast von dem Fabrikschloß verdrängt worden ist, so daß der Schlosser seinen Namen fast nicht mehr verdient, denn er hat ihn vom „Schloß".
Im Buchgewerbe wird eine Reihe Leder- und Halbledereinbände gezeigt, die alle beweisen, daß die Verfertiger samt und sonders ihre Lehrzeit gut benutzt haben und auch nachher nicht müßig gewesen sind.
Ein Sattler stellt ein gut gearbeitetes Sofa aus, auf dem er aber nun wahrscheinlich nicht ausruhen will, vielmehr in steter Weiterbildung der zweiten Etappe, der Meisterprüfung, zusteuern wird.
Eine Reihe von Bauzeichnungen läßt erkennen, daß Kolpingssöhne nicht nur in der Praxis auf der Baustelle zu Hause sind, sondern daß sie auch auf dem Reißbrett die graue Theorie beherrschen.
Zwei, mit viel Geduld allerliebst angefertigte Marien- grotten dürfen nicht unerwähnt bleiben, da in sie eine Marienverehrung mit hineingebastelt und »gearbeitet wurde, die wohltuend ist.
Daß auch die Weihnachtskrippe nicht fehlte, ist eigentlich selbstverständlich bei dem Bestreben, bie Krippe wieder in die Weihnachtstage der Familie mitten hinein zu stellen. Es sind zwei Krippen ausgestellt, die beide wohl- gelungen finb. Die eine größere davon nennt übrigens als Aussteller den Verfertiger des vorerwähnten Jntar- sienbildes.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Gesellenverein Großenlüder stolz auf die Ausstellung sein kann. Sie wird sicher Ansporn sein zu weiterem Schaffen, getreue dem Wahlspruch „Rast ich, fo rost ich".
Es ist auch erfreulich, daß sich Meister gefunden haben, und zwar zum größten Teil Fuldaer Meister, welche die Bewertung der Arbeiten vorgenommen haben und damit zum Gelingen der ganzen Veranstaltung beitrugen.
Daß gerade in den Tagen, da politische Wirrnisse jeglichen Blick auf die Gegenwart trübt und wirtschaft- liche Bedrängnis das Bild der Zukunft voll schwerster Sorgen erscheinen läßt, die Ausstellung in dieser Vollendung zustande kam, ist besonders wertvoll.
Es lohnt sich schon, die Ausstellung zu besuchen, di« an Sonntagen von 9 bis 20 Uhr und an Werktagen von 9 bis 12 unb von 3 bis 20 Uhr geöffnet ist.
zjk Kn flieh empfohlen
y PAsnucH yrippe
„Bon Stromern nnb Bagabunöen“.
Ton Duisburg bis Metz.
lieber eine halbe Million Walzbrüder bevölkern Deutschlands Landstraßen. Wer kennt Schicksal und Seele dieser Stromer und Vagabunden? Stephan Berghosf läßt sie selber in seinem soeben erschienenen Buche: „Von Stromern und Vagabunden" (Verlag Herder, Freiburg int Breisgau; geheftet und beschnitten 2.20 Mk.; in Leinwand 2.80 Mk.) von ihren Erlebnissen, ihrer äußeren und inneren Not, aber auch von ihren frohen Stunden erzählen. Das Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Zeile. Wir geben aus dem ersten Kapitel eine kurze Probe.
Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, nach Paris zu wandern. Warum? Well in Deutschland für mich ber Boden zu heiß war. Man denke aber nicht gleich, ich fei ein Schwerverbrecher. Als ich kein Hemd mehr am Leibe hatte, und der Hunger mein ständiger Gast war, da stieg ich durchs Kellerloch und holte mir Wäsche, Brot unb Wurst. Ein „guter Freund" verriet mich, und ich wanderte für acht Monate ins Gefängnis. Nach fünf Monaten Strafhaft, gerade vor Weihnachten, schickte man mich aufs Arbeitskommando. Schwer war die Arbeit nicht, aber naß.
Vor Weihnachten soll man einen Gemiitsathleten wie mich eingesperrt halten. Zwei Tage vor Weihnachten lief ich n>cg. Mich zog es wie mit Tausend Armen fort. Kommt bie Stimmung über mich, dann kann ich mir nicht helfen. Bei nüchternem Verstände hätte ich mir gesagt: Wenn du bei einem fo kleinen Straftest laufen gehst, dann gehörst du glatt ins Irrenhaus. Durch eine Baracke geschützt, glückte es mir, den nahen Wald zu erreichen. Ich kannte die Gegend nicht, hielt mich darum in der Richtung, in ber ich den Rhein vermutete. Ein tüchtiges Paket Butterbrote hatte ich bei mir. Bis Duisburg würde es wohl reichen, dachte ich mir.
Der Kleidung wegen konnte ich mich auf der Straße nicht sehen lassen. So lief ich denn einsam über Berg und Tal immer geradeaus. Die Geschichte tarn mir sehr lang vor. Da, am Heiligen Abend, stand ich, aus dem Walde tretend, vor einem größeren Orte. Die Nacht zog herauf. Ich setze mich in eine Schonung und stärkte mich mit dem
letzten Butterbrot, beugte mich über einen Wassertümpel unb trank wie ein Vierfüßler.
Ob ich es nicht doch schließlich wagen durfte, mich den Menschen zu zeigen? Ach was, wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Ich zog die Hose aus den Stiefeln nahm die Mütze vom Kopf, legte den Rockkragen um und trat auf die Landstraße. Mächtig schritt ich aus, trotzdem ich, weiß Gott, einen langen Weg zurückgelegt und sechsunddreihig Stunden nicht mehr geschlafen hatte. Ich wünschte mir ein Lastauto herbei, um die Strecke abzufahren. Aber es zeigte sich kein Auto. Ich hatte ein heißes Verlangen nach einer Tasse Kaffee. Kurz entschlossen trat ich ins nächste Haus, um mir von den Leuten eine Tasse Kaffee zu erbitten.
Gleich erste Türe rechts klopfe ich an. Keine Antwort. Gehe bis an den Treppenaufstieg und höre im Wohnzimmer Stimmen. Ich horche. Eltern feiern mit ihren Kindern Weihnachten. Eine laute, fröhliche Unterhaltung hat eingesetzt. Es kommt mir eigentlich als Niederträchtigkeit vor, durch Bettelei die Festesfreude zu stören. Doch ich bin nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu bleiben. Ich stampfe fest an die Türe heran und klopfe so laut, daß man es hören muß. Eine Mädchenstimme ruft: „Das ist der Ohm!" Schöner Ohm, denke ich bei mir.
Die Türe geht auf. Die freudigen Züge bes Herrn verschwinden plötzlich. Erstaunt, verständnislos schaut er mich an. Aus mein „Bitte, ein persönliches Wort", tritt er zu mir in den Hausflur. Ich sage ihm klar und frei, wie es um mich steht. „Das ist offen gesprochen, so lieb’ ich es", gibt er mir zur Antwort unb sein Gesicht erhellt sich. Dann ruft er seine Frau auf den Flur unb klärt sie über mich auf. Liebenswürdig dirigieren mich beide ins Wohnzimmer. Drei paar Kinderaugen umfangen mich fremd, staunend. Mutter hat aber schon eine Geschichte zurechtgelegt. Der arme Onkel komme erst jetzt aus dem Krieg zurück; das Christkind habe ihn zur rechten Zeit geschickt, daß er an ber Freube des Heiligen Abends teilnehmen könne. Gleich ist die Scheu gewichen. Munter Hüpfen die Kleinen an mich heran, geben mir ihre Händchen und wünschen mir fröhliche Weihnachten. Vater hat inzwischen die Lichter am Weihnachtsbaum an- gesteckt, unb nun tanzen auf Mutters Wunsch und unter ihrem Geleit die drei Mägdlein um Krippe unb Baum
einen allerliebsten Tanz. Dabei fingen sie andächtig fromm: „Ihr Kinderlein, kommet." Der Vater sitzt am Harmonium und begleitet das Lied. Mir altem Kunden rollen die Tränen über die Wangen. Nach dieser kurzen Feier wird mir nicht nur eine Tasse Kaffee, sondern ein regelrechtes Nachtessen aufgetischt. In einem Regenmantel, der meine Gefangenenkleidung versteckt, einen ordentlichen Filz auf dem Kopfe und etwas Geld in ber Tasche, verlasse ich bas gastliche Haus.
Das war echte deutsche christliche Weihnacht. Die Siebe schritt über Stand und Abgrund hinweg und vereinte bie Herzen. Ich habe es den guten Menschen nicht vergessen. Wie ich im Zuge saß, fühlte ich mich zum Gutteil mit der Menschheit versöhnt.
Gegen Morgen setzte mich bie Eisenbahn in Duisburg ab. Hier kam ich zu Gelb unb Kleibern unb Arbeit. Ein Tiefbauunternehmer stellte mich ein.
Als das Frühjahr kam, wurde ich unruhig. Einige Mitgefangene waren aus der Anstalt entlassen worden. Ich traf sie auf ber Straße. Sie wußten um meine Entweichung. Irgendein Lump konnte mich verraten. Daher schüttelte ich den Staub Duisburgs von den Füßen unb bippelte tos. Wohin? Wollte ich ganz sicher fein, so mußte ich ins Ausland. In Paris wohnte ein guter Freund, altgedienter Legionär wie ich. Ich zweifelte nicht daran, daß er mir Arbeit unb Unterkunft verschaffen würbe.
Den Rucksack auf dem Rücken, den Stab in der Hand, wandere ich über die Landstraße, Richtung Düsseldorf. Ich bin noch nicht weit gegangen, da stoße ich auf zwei Walzbrüder, die im Ehausseegraben sitzen und eben einen Angriff auf ihren Frühstücksvorrat machen. Der alte Speckjäger, von seinem jüngeren Weggenossen August genannt, zieht eine Schnapsflache aus der Tasche und legt sie zu den Eßwaren.
„Servus! Seid gut verproviantiert," rede ich die beiden an.
„Das will ich meinen. Wer auf der Landstraße verreckt, verdient es nicht bester", gibt mir August zurück.
„Ja, ja, August, so ist es, zu effen gibt es genug. Bloß an den Fusel ist schwer zu kommen. Der kostet Geld." So Grieß, der junge Kunde.
Tabak haben die beiden nicht. Sehnsüchtig äugen sie nach meinem Päckchen. Ich rolle mir eine Zigarette zurecht.
„Wohin machst du denn?" fragt mich August.
„Vorläufig nach Düsseldorf."
„Dann können wir ja zusammen gehen. Uebrigen», hast du Kohldampf?
„Das gerade nicht, aber Dürft.“ Ich fühle wirklich Verlangen nach einem Schnäpschen.
„Dann mal ran." Mit diesen Worten entkorkt August die Flasche, hält sie an den Mund, und glucksend läuft der Schnaps aus dem Flaschenhals in den Menschenhais.
„Da, nimm, aber sei verständig", mahnt August unb> reicht bie Flasche seinem Kollegen. Als Grieß ansetzt, schaut August streng wie ein Schulmeister zu ihm herüber. Der Kerl hat aber auch einen gewaltigen Schlund. Nun soll ich meinen Brand löschen. Wie ich die Flasche absetze, prüft August den Rest. Augenzwinkernd raunt er mir zu: „Du hast ’ne gladde Rinne."
Ich setze mich zu den beiden, hole meinen Vorrat aus dem Rucksack und lege ihn zu dem ihrigen. Sardinen, Wurst, Brot und Schnaps finden den Weg ihrer Bestimmung. Jeder rollt sich eine Zigarette, unb dampfend gehen wir auf der Straße weiter.
August ist ein alter Speckjäger. In seinem dreißigjährigen Erbenbummel hat er einen Reichtum an Erfahrungen unb Erlebnissen gesammelt. Er weiß um jeden Weg und Steg, um jedes Kloster und Haus, um jede Scheune und Platte. August kennt auch noch andere Häuser, Gefängnisse und Arbeitsanstalten, in denen er wegen Bettelei ein dutzendmal Aufnahme fand. Darum ist er klug geworden. Er ging unter die „Kaufleute". Augenblicklich hausiert er mit Klebpflaster und billiger Seife. Das Geschäft bringt allerhand ein, zumal der Geschäftsinhaber ein gerissener Junge ist. Zuerst steigt er zu den Dachwohnungen empor unb arbeitet bann von oben herab. Wer von ihm kauft, zahlt zuviel. Wer nicht kaust, muß sich gefallen taffen, daß er angebettelt wird. Findet er auf dem Flur der Häuser etwas zum Mitneh- men, dann zögert er nicht lange. Schuhe, Kleider unb Wäsche üben auf ihn einen unwiderstehlichen Reiz aus. Kollege Grieß verstaut das Diebesgut im Rucksack.
Ihr Geschäft ist mir zuwider. In Kaiserswerth ver- lasse ich sie und ziehe am Ufer des Rheines entlang nach Düsseldorf. Dort treffe ich sie am Abend in einer wilden Penne wieder.
Von Stephan B e r g h o f s.