Einzelbild herunterladen
 

Ar. T Beilage zur Fuldaer Zeitung 10. Januar

NIL

Stille Winternacht.

Von Franz Cingia.

Die dunklen Wolken treibt der Wind Wie eine Herde vor sich her.

Die Berge und die Hügel sind In tiefer Ruhe kalt und schwer.

Und jeder Stundenschlag verklingt Wie traumvevsonnen fern im Land. Und was das Leben noch durchschwingt Ist großer Einsamkeit verwandt.

Nur manchmal flimmert zart und sacht Ein Sternlein aus dem Wolkenzug.

Es grüßt dich freundlich in der Nacht So trostbereit und ohne Trug.

Das Schiffsbaromeler.

Von Verend de Vries.

Ich stehe vor dem Aneroid-Barometer, das an der Wand neben der Türe des Wohnzimmers hängt, und betrachte es. Es ist mir nicht darum zu tun, eine et­waige Veränderung des Luftdrucks festzustellen. Ich betrachte es mir nur, das kreisrunde Schiffsbarometer; aber ich besehe es mir gespannt, denn es kann Ge­schichten erzählen. Viele Geschichten. Von harten Rei­sen in der nahen Nord- und Ostsee, von orkanumdonner- ten Langfahrten auf fernen Meeren. Aber auch Schön­wettergeschichten kennt es. Es weiß von langen blauen Dünungen im Nordostpassat, es kennt die paradiesvogel- farbenen Meereshorizonte des Südost-Monfum. Doch nach unbeirrbarem Gesetz kündete es die eisigen Schrek- ken des Horn, wie die lähmende Gelbheit eines Taifuns im Chinesischen Meer und die furchtbare Gewalt des Hurricane in der Karaibischen See.

Das ist lange her. Es war noch um die Zeit der Segelschiffahrt.

Jetzt hängt es schon ein halbes Menschenalter tn Mutters Stube und hält seltsame Zwiesprache mit den

Albatroßbälgen, die den Fußboden bedecken, oder mit dem grauen Korallenast und den großen Konchylien, die auf dem rotbraunen Mahagonischrank liegen. Es hat ein blankes Messinggehäufe. Das Zisfernblatt sieht aus wie ein zuverlässiges Lotsengesicht. Vater hat das Baro­meter eines Tages in London gekauft. Ich meine, ich sehe ihn, das Instrument unter dem Arm, den Weg nach den Docks nehmen. Er geht rasch und voller Entschluß­kraft, ein deutscher Kapitän, der an Bord seines Schif­fes will ....

Ja", unterbricht meine alte Mutter, die im Lehn­stuhl am Fenster sitzt, diese Betrachtungen,du sollst es später haben".

Das sagt meine Mutter immer.

Ich gehe zu ihr und beschwichtige sie.

Nun", sage ich ihr Ins Ohr, denn sie ist fast taub und an die Achtzig,nun, das hat Zeit."

Und ich ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich neben sie.

Ja, ja", sagt Mutter,es geht mir auch wieder ganz gut".

Es ist eine Weile still in der Stube; nur die Strick­nadeln klappern in Mutters selten rastenden Händen, und die Uhr geht ihren Gang. Draußen, am Rande der Stadt, hat sich doch manches geändert. Neue Straßen­züge sind entstanden. Vom Deiche, drüben im Süd- westen, ist kein Stück mehr zu sehen. Die Aussicht ist verbaut. Vor dem Hause zieht sich, jenseits der Straße, ein breiter Streifen grauer Poldererde mit den schma­len Graskantenstrichen der Gräben entlang. Er liegt brach und ist wohl auch schon zu Bauplätzen bestimmt. Ja, die Stadt greift um sich.

Zuweilen sehen wir uns an, Mutter und ich, und dann nickt sie.

Die Dämmerung bricht herein.

Alle Gegenstände im Zimmer verlieren ihre festen Umrisse. Nur das Schifssbarometer guckt merkwürdig klug und hell von der Wand. Es sieht aus, als ob es etwas sagen wollte ....

Liebe ohne Matz

Es war von der Liebe die Rede, von deren Kraft und Begrenzung. Der alte Mustkprofessor folgte schwei­gend dem Gespräch zwischen der jungen, schönen Haus­frau, seiner früheren Schülerin, und dem blonden, sympathischen Bildhauer mit dem alten Friesennamen.

Sie wollen also, gnädige Frau, die Größe eines Opfers zum Wertmesser der Liebe nehmen. In jedem Falle?"

Ja ... in jedem Falle," kam es nach kurzem Zögern bestimmt.

Dann läge der Verzicht am höchsten!" warf der Bildhauer ein.Doch die Jugend ist fordernd!"

Gute Jugend ist hochherzig!" schwärmte die Frau

Eine Hochherzigkeit, die allzu billig ist, weil sie sich damit schmückt, noch ehe sie gelebt hat!" beharrte der andere.

Nach einer Pause:Opfer . . . Verzichten . . . denkt man da nicht an die Liebe der Mutter?" stagte der Professor leise.

Vielleicht noch an zarte, blasse Geschöpfe mit einem Herzleiden oder irgendeinem sichtbaren Gebrechen . . ."

Der alte Herr streifte mit einem forschenden Blick das junge, ernste Gesicht des Künstlers, unb nickte sin­nend.Und doch weiß ich von einer Liebe, von einer Mutter, die bei diesem Maßstab weit hintan zu stehen käme, gnädige Frau. Und die dennoch eine große, wunderbare Liebe trug . . ."

Ich weiß nicht, ob Sie sich der beiden kleinen Ou- vergants entsinnen, die vor einigen Jahren die ganze Musikwell in Aufruhr brachten. Ein Knabe und ein Mädchen, Zwillingskinder, zwei kleine, ganz große Wunder . . ."

Im vergangenen Jahr verlebte ich ein paar stille Sommertage in einem kleinen Dörfchen an der Mosel Dort treffe ich eines Tages ein kleines, blondes Kerlchen, so sieben, acht Jahre all, das sich über eine Geige her-

von Douglas Vervoorl.

gemacht hatte und spielte. Gebannt stehe ich in der Türe es war da etwas in dem Ton . . . Plötzlich dreht sich das kleine Kerlchen um und lackst mich an. Herr Gott, der kleine Ouvergant! Hundertmal habe ich dieses Gesicht gesehen, dieses Lachen, die Augen. Aber die beiden Wunderkinder weilten zur Zeit in Ame­rika! Das Bübchen schwärmt von Geigen und Musik, doch die Mutter erlaubt es nicht, so stiehlt er sich heimlich in das alte Gasthaus und leiht sich so ein Zauberding! Ganz aufgeregt gehe ich mit ihm zur Mutter, eine kleine, blasse Frau. Sie hebt verängstigt die Hände, preßt den Kleinen in ihre Arme und sieht mich an wie ein gehetztes, wundes Tier . . ."

Sie versündigen sich, liebe Frau, bedenken Sie doch, was Sie tun! In dem Kinde steckt mehr als Talent . . das ist Gnade . . . Haben Sie denn das Recht, es zu verschütten, die Hand Gottes fortzustoßen? sagte ich Und dann erzählte ich von den Ouvergants. Aber ich werde den Blick der Frau nie vergeffen. Ja, sagte sie bleich, Sie haben recht gesehen, das ist auch ein Ouver­gant ... ich bin die Mutter . . . Sehen Sie, weinte sie nun, vor drei Jahren wohnten wir in der großen Stadt, arm, in einer elenden Dachkammer. Mein Mann verunglückte, ich konnte meine drei Kinder kaum mehr satt bekommen. Die beiden Zwillinge trugen Zeitungen aus und verdienten mir. Heimlich sparten sie sich Geld, zu Weihnachten muhte ich beiden eine Geige kaufen. Ihre ganze Seligkeit hing ja daran. Mir war das Herz schwer aber ich gönnte ihnen ihr Sviel, sie hatten ja so wenig Freude. Ich wußte ja nicht, daß sie damit auf die Höfe gingen und bettelten, während ich putzen ging. Eines Tages kam ein feiner Herr zu uns: er habe die Kinder gehört und wolle ihnen Unterricht geben. Es koste nichts, unser aller Glück würde es sein. Ja, wenn Geld und Ruhe glücklich machen können, bann hatte ber Mann recht. Kaum ein halbes Jahr bauerte

es, ba kam wieder ein Herr, mit langen Locken, ein Professor. Der wollte die Kinder in seine Schule neh­men, unentgeltlich! Ich sagte immer nur ja und dachte an bas Glück ber Kleinen, an ihre Freude. Später kam ein dritter Herr, ein Impresario, drückte mir viel, viel Geld in die Hand ... In der Stadt hingen überall große Plakate: Wunderkinder Ouvergants! Ihre Bil­der waren darauf. Alle Nachbarn kamen und staunten und beneideten mich. Als sie ihr erstes Konzert gaben, saß ich heimlich in einer Ecke. Wie das Publikum vor Begeisterung tobte! Man riß meine Kinder von der Bühne, küßte sie, beschüttete sie mit Blumen! Ich weinte vor Glück . . . aber die Saaldiener wollten mich nicht zu timen lassen. Dann zogen wir um, in eine helle, schöne Wohnung, mit ganz neuen Möbeln, mit ei­nem Balkon, sogar ein Dienstmädchen hatten wir nun. Ich ließ meinem Mann einen großen Stein auf das Grab setzen. Aber ich konnte es immer noch nicht fassen und wurde die geheime Angst nicht los. Meine beiden Aeltesten gehörten mir nun nicht mehr! Kunst und Publikum hatten sie mir genommen. Zuweilen sah ich sie auf der Bühne. Doch stets hieß es: die Kinder dür­fen nicht gestört werden, sie üben, sie kleiden sich um, es ist Besuch da, Professor I, sie fahren zum Grafen N . . . Sie müssen eben Opfer bringen . . . wir alle müssen es ja . . . die Kunst steht am höchsten. So viel habe ich noch niemals zur Mutter Gottes gebetet .... Nachts, wenn die Kinder schliefen, dann durfte ich zuweilen an ihrem Bettchen knien und sie heimlich sehen. Aber nicht meinen durste ich, sie nicht einmal küssen . . . um sie nicht zu stören. Da saß ich nun in der neuen, schönen Wohnung, in den neuen, teuren Klei­dern und dachte an die müden, blassen Gesichtchen mei­ner Kinder, an die dunklen Ringe unter ihren lieben Augen und meinte. Auch den Kleinsten molllen sie mir wegholen, ich litt es nicht. Ich log und wandte List an . . . Die beiden anderen hatten mich säst ver­gessen. Als sie nach Amerika abreiften, da durfte ich nicht mit nach Bremen fahren . . . Fast ver­gaßen sie, mir einen Kuß zu geben. Es schnitt mir das Herz blutig ... Da hab ich alles liegen und stehen gelassen, habe mein einziges Kind genommen und bin geflohen. Nun wohnen wir hier schon über ein Jahr, ich halte mich verborgen, habe eine Stellung angenom­men, um den Kleinen zu bewahren: seine Mutter zu verlieren, seine Jugend, sein Herz. Bitte, lassen Sie es mir, es darf kein Wunderkind werden . . . Sagen Sie, kam es bang und schluchzend, bin ich egoistisch, habe ich mich wirttich so versündigt, wie Sie sagten? Und sie sah mich an, so bang, so weh, sank dann hilflos, ganz klein in sich zusammen, von einem heftigen Weinen geschüttelt. Ich stand bei ihr, hielt ihre Hand, suchte nach guten Worten, ich war tief erschüttert. Glauben Sie, daß diese gequälte, blasse Frau nicht tapfer trug?"

Nach einer Weile hob der Frise sein Gesicht:Mir begegnete vor einiger Zeit eine Frau, deren Liebe mahl gleich groß mar . . . und doch einen anderen Klang trug. In dem kleinen alten Städtchen B. stellte ich ein Gesallenen-Denkmal auf. Ich hatte einen jungen Krieger gezeichnet, den guten, stillen Kameraden, mie er müde, traurig, etroas hilflos und Heimwehmund dasitzt, im langen, schweren Mantel und Stahlhelm. Mit Fah­nen und Musik wurde das Denkmal eingeweiht. Abends schritt ich über den dunklen Domplatz, wo das Denkmal stand, am anderen Morgen wollte ich abreisen. Da sah ich eine kleine, schmale Frauengestalt, die an einem Stock hinkte, vor dem armen, steinernen Soldaten ste­hen, in der Hand einen bunten Gartenstrauß, den sie auf den Sockel legte. Und die schmale, kleine Frauen­hand suhr gütig über den Fuß des guten Kameraden. Beschämung und Schrecken lagen auf dem Altmädchen­gesicht, als sie mich plötzlich gewahrte. Man kannte mich in dem kleinen Städtchen. Ich nickte ihr lächelnd zu und schritt dann mit ihr im Kreise um das Denkmal.

Ich weiß nicht mehr, wie es kam, daß ich diesem ar­men, hinkenden Mädchen davon sprach, warum ich den guten Kameraden gerade so gezeichnet hatte. Wäh­rend des Krieges, erzählte sie mir, tat sie Eisenbahner­dienste, fuhr auch wohl bis zur Grenze, um einen Ver­wundetentransport zu holen. Eines Tages ist Flieger­alarm; der Zug hält auf offener Strecke, alles stürzt in

die Unterstände, die links ber Böschung gebaut finb. Ein halbes Dutzend Flieger kreisen oben, werfen Bomben. Plötzlich stürzt eine Frau schreiend über das Feld, sucht ihr Kind, das umher tapst und nach ber Mutter weint. Da, ein Krachen unb Aufschreien, die junge Mutter liegt blutend, tot. Und das Bübchen, kaum drei Jahre alt, läuft umher unb wimmert. Die Eisenbahnerin faßt sich ein Herz, läuft hinaus, aus das Bübchen zu, fällt über das Kind ... ein Splitter reißt ihr den linken Fuß weg. Im Lazarett findet sie sich wieder, das Kind spie­lend und lachend auf ihrem Bette, unversehrt. Bald stirbt ihre alte Mutter. Die Brüder kommen nicht wie­der heim . . . nun ist sie mit ihrem Kinde allein. Nach dem Kriege will man ihr das Kind fortholen, sie könne es nicht erziehen. Man nimmt es ihr fort und gibt es an kinderlose, reiche Leute . . . Man will ihr Geld ge­ben, sie weist es von sich. Da spricht man von der Zukunft, von dem Glück des Kindes . . . und nun beugt sie stumm ihren Kopf. Heimlich verläßt sie ihren Jugendort und reift in die kleine alte Stadt, wo bas Kinb lebt. Nun sieht sie es tagtäglich, wenn es zur Schule geht. Zuweilen spotten die Kinder: Hinksmarie! Und der Junge ist dabei. Das tut so weh . . . Aber es sind ja die Kinder . . . und er kennt sie nicht wieder. So lebt sie still als Näherin, steht still und lächelnd in der Nähe der Realschule nud wartet auf den Jungen, für dessen Glück sie so vieles geopfert . . . Erzählte das blaffe, hinkende Mädchen und lächelte still vor sich hin.

Ich glaube, gnädige Frau, die Liebe ist unermeß­bar . . ."

Anekdoten.

Von Ludwig Fischborn.

Am StammtischFidelitas" herrscht wieder jene ge­hobene Stimmung, die selbst alte Herren quitschver- gnügt lachen und schwatzen macht. Apotheker Doll hat Namenstag und ein FäßchenMünchener Märzen" auf­fahren lassen. Er erzählt soeben den zehnten Witz. Die Pointe löst wie immer schallendes Gelächter aus und bringt die Lachmuskeln so plötzlich in Tätigkeit, daß dem wohlbeleibten Schulinspektor Kuntze dieHavanna mit Leibbinde" auf die Erde rollt.

Apocheker Doll beobachtet schmunzelnd die Wirkung feiner Erzählung, lacht mit unb erzählt nach einer Pause mieber:

Jetzt will ich Euch eine Anekbote erzählen, bie sich wirklich zugetragen hat. Ich bin selbst dabei beteiligt."

Als Wilhelm II. noch Deutscher Kaiser und König von Preußen war, besuchte er eines Tages meine Kaserne. Um nun den Soldaten seine Leutseligkell zu zeigen, unterhielt er sich mit einigen von ihnen und fragte plötzlich einen aus ihrer Mitte.

Was würdest Du tun, mein Sohn, wenn Dein Hauptmann Dir befehlen würde, auf mich zu schießen?"

Ich würde den Befehl sofort ausführen, Majestät!" erwiderte er.

lieber diese Freimütigkeit erstaunt, wandte sich der König an den nächsten.

Und du, mein Sohn?"

Ich würde dasselbe tun, Majestät!"

Bestürzt fragte der König noch einen dritten, vierten, fünften und sechsten, aber alle erwiderten sie dasselbe. Der siebente gab endlich die ersehnte Antwort:

Ich würde mich weigern, Majestät, den Befehl aus­zuführen!"

Sehr gut mein Sohn! Du bist ein Soldat, ber bas Leben seines Königs höher einschätzt als den Befehl des Vorgesetzten! Brav mein Sohn! Aber sage mir doch, weshalb du den Befehl nicht ausführen würdest?"

Majestät, weil ich nicht könnte! Ich bin Musiker!"

Der StammtischFidelitas" quittiert wieder mit ei­nem vergnügten, vielsagenden Lächeln.

Dr. Krämer meldet sich jetzt zu Wort. Mit geheim»

Wenn Radio

versagt, rufe 2 412

Funkhaus Leibold an.

Die Jungfernfahrt

6] Roman von

Wieder kann sich Iannulatos nicht versagen, etwas überheblich zu lächeln.

Das haben Sie von Reportagen über Zeppelinfahr­ten, lieber Freund bas kann man im Luftschiff ma­chen, aber nicht auf dem Meer. Ein Schlechtwetter- Gebiet ist bestimmt schneller als jedes Schiff. Außer­dem"

Er beutet mit der Hand zum bläulichen Sternenhim­mel hinauf:Wo ist hier schlechtes Wetter? Kein Wölk­chen weit und breit, auch nicht das geringste Anzeichen für einen Umschlag wir haben morgen und über­morgen wieder strahlenden Sonnenschein wie heute, ver­lassen Sie sich darauf, ich bin schließlich in diesen Gegen­den zu Hause und kenne das Klima. Nein, nein, Ver- ehrtester da ist etwas nicht in Ordnung mit der Christabelle"!

Aber was denn nur, mein Bester eine Betriebs­störung, meinen Sie? Dann würde der Kapitän dach den nächsten Hafen ansteuern und nicht den Kurs vorn Land weg nehmen."

Selbstverständlich nicht um so mysteriöser ist die Sache. Uebrigens . . . sehen Sie denn die Unruhe unb den Betrieb vorn auf der Brücke nicht? Kommen Sie, wir gehen mal etwas näher heran!"

Sie durchqueren den Tennisplatz und bleiben dann beobachtend in dem breiten Schlagschatten stehen, den das Kartenhaus auf bas matt erhellte Bootsdeck wirft. Sämt­liche Offiziere berChristabelle" sind auf der Kommando­brücke versammelt, auch ber Kapitän fehlt nicht nicht einmal Oelsmann, dessen eigentliches Feld jetzt der Ball­saal wäre. Von ihrem Beobachtungsposten aus können die beiden Passagiere jetzt auch entdecken, daß der Schein- werfer berChristabelle" in Tätigkeit ist er hat keinen allzu starken Strahl, unb es ist ihnen achtern auf dem Bootsdeck nicht einmal aufgefallen.

Alle Offiziere haben Gläser in der Hand und benutzen sie oft, obwohl diese Instrumente mitten in der Nacht fast zwecklos sind.

derChristabelle."

Alfred Karl.

Iannulatos und Grenzdörffer sehen auch den Funker mit einer Meldung auf die Brücke spritzen beobachten bann, wie ßebram mit dem Navigationsoffizier ins Kar­tenhaus eilt . . .

Vielleicht vergleicht er die Meldung, bie eben ein­ging, mit bem Standort," erklärt der Grieche.

Trotz ber beherrschten Bewegungen unb der ge­dämpften Unterhaltung der Offiziere spürt man die dumpfe, fremdartige Erregung auf ber Kommandobrücke berChristabelle".

Kommen Sie, wir passen den Funker ab!"

Damit zerrt Iannulatos seinen Begleiter über bie schmalen Eisentreppen vom Bootsdeck aufs Oberdeck hin­unter, wo vorn die Funkerbude liegt. Sie stellen den Mann vor der Tür Iannulatos zieht feine Zigaretten­schachtel heraus unb fragt, was es eigentlich gäbe.

Der Funker wendet sich ihnen überrascht zu unb greift mechanisch in den Karton.Danke sehr wie meinen Sie bitte? Ach so nein gar nichts, nichts Besonderes, wirklich nicht entschuldigen Sie mich bitte, meine Herren, der Dienst . . ."

Der Grieche mißt den Oesterreicher mit einem trium­phierenden Blick ein Kind hätte geradezu bemerken müssen, wieviel Erregung in bem Manne zitterte.

Ja, Sie haben schon recht, Herr Iannulatos, irgenb etwas ist nicht in Ordnung aber Sie sehen ja, man sagt es uns nicht! Ich glaube, wir gehen jetzt am besten in den Tanzsaal zurück unb lassen uns von attebem nichts anmerken Sie sind hoffentlich ber einzige auf der Christabelle", der sich in dieser Gegend so genau aus­kennt und morgen früh haben wir vielleicht längst wieder den richtigen Kurs . . ."

Alsa Haltung, mein lieber Iannulatos nichts geht über ein helleres Gesicht in jeder Sage!" raunt Grenz­dörffer bem Griechen noch einmal zu, als sie mieber in ben lichtburchsprühten Tanzsaal treten.

Von einer Minute zur andern holt er fein scharman­tes Conferencier-Gesicht hervor und kurz darauf

schleift er Frau Lang Müller nach dem Rhythmus eines Slow-Fox über das Parkett; sie hat ihn am Eingang mit einem heischenden Lächeln abgesaßt.

Nichts wäre an und für sich gegen bas Heiterkeits­rezept bes Herrn Josef Grenzdörffer zu sagen man­ches aber vielleicht gegen feine Menschenkenntnis.

Wenn er Herrn Leonidas Iannulatos aus Saloniki wirksam zu Schweigsamkeit und darüber hinaus noch zu einer scharmanten Maske hätte veranlassen wollen, wäre er ihm besser auf den Fersen geblieben.

So bringt der Grieche, der die Gelegenheit, sich in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken, natürlich nicht vorbereiten lassen kann, brühwarm seine Beobachtungen beim nächsten Tanz bei Dorrst unb beim solgenben bei Daisy d' Heribert an was zur Folge hat, daß die ohnehin etwas wehleidige Frau d'Heribert schon in der Pause zwischen diesen beiden Tänzen einen Riesenschreck bekommt unb nichts weniger als den sicheren Untergang derChristabelle" vor Augen sieht. . .

In ber nächsten halben Stunde versorgt Iannulatos noch andere Tische mit ber Sensation auch Reta unb Al werden nicht von ihm verschont, schon um ber gün­stigen Gelegenheit willen, Retas Interesse, und sei es auch mit einer Tatarennachricht, einmal fesseln zu kön­nen . . .

Ungefähr um zehn Uhr weiß die ganze Schiffsgesell- schaft bis auf ben Spanier unb feine drei Partner im Spielzimmer daß dieChristabelle" von ihrem vorgezeichneten Kurs abgewichen ist . . .

Selbstverständlich schwirren sofort die irrsinnigsten Gerüchte auf. Sie laben die Atmosphäre bes Ballsaales mtt einer derart überhitzten Spannung, daß die Musik auf ber Estrade um halb elf ein leeres Parkett zu Füßen sieht und ihre Instrumente einpackt sämtliche Passa­giere haben Beobachtungsposten auf dem Bootsdeck be­zogen und ballen sich dort zu erregt debattierenden Grup­pen zusammen. Auch die Pokerpartie Voldez ist bereits alarmiert, hat die Karten hingeworfen und das Bvots- deck gestürmt die Gerüchte haben mit rätselhafter Sicherheit den Weg auch in die isolierte Atmosphäre der Pokerfanatiker gefunden . . .

Dabei sind wenig Anzeichen von irgend etwas Be­sonderem, Aufwühlendem zu entdecken . . ,

Ungetrübt und mild spannt sich der ferne Sternen­himmel über derChristabelle" aus, biamantschwarz und spiegelglatt ruht bie See nur bie brodelnben Schaum» wirbel am Heck unb ein leises Zittern des riesigen Stahl­körpers, daß man bisher nie spürte, verraten, daß bie Christabelle" mit voller Kraft das Meer durchschneidet.

Unb vorne zittert schwankend und suchend das un- heimliche Lichtbanb des weißen Scheinwerfers über die matt aufglänjenbe See . . .

An diesem Abend fällt es keinem von den Offizieren auf der Brücke ein, bie paar Schritte bis hinter bas Kartenhaus zu tun, um eine Erklärung zu bringen trotzbem bie Unruhe auf dem Bootsdeck natürlich drängt sich alles vorne nahe der Brücke zusammen keinem von ihnen entgangen sein kann.

Die einzelnen Gruppen sind mittlerweile zusammen­gerückt. Man ballt sich in kompakten Hausen um Jan- nulators, der immer wieder erklären muß, aus welchen sicheren Anzeichen sich die Kursänderung schließen lasse..

Abe damit kommt man natürlich nicht weiter baß der Kurs nicht stimmt, weiß man nun schon unb immer bohrender unb drängender treiben Unruhe und Besorgnis die Frage nach der Ursache auf.

Gehen Sie doch einmal nach vorne, Herr Fellnor und fragen Sie!" entlädt sich fast gleichzeitig die auf die Spitze getriebene Spannung von mehreren Seiten; sämtliche hundert Passagiere sind einhellig ber Heber- zeugung, daß Al Fellnor zu dieser Mission der nächste ist, und daß er auch Auskunft erhalten wird.

Sofort löst sich Al bereitwillig von Reta unb Frau Lang-Müller, mit denen er bis dahin zusammenstand.

Er betritt die Brücke unb wendet sich an Sebram: Wir halten den Kurs nicht, Herr Kapitän bie Pas­sagiere sind in Unruhe bürsten wir Sie vielleicht um eine Auskunft bitten etwas Ernstliches liegt doch hoffentlich nicht vor?"

Lebrarns Hand fährt an die weiße Mütze.

Jedem andern Passagier gegenüber hätte er jetzt viel­leicht mit knappster, energischer Höflichkeit von seinem Hausrecht auf der Brücke Gebrauch gemacht Al Fell­nor aber steht er auch in dieser Situation zur Verfügung. Für dieChristabelle" besteht natürlich feine Gefahr, Herr Fellnor, das könnten sich die Passagiere schließlich