Nr. 2
Fuldaer Zettung (Amtliches Kreisblatt)
Sonntag, den 3. Ianuar 1932
Ich habe am 1. Januar 1932 die Leitung der
übernommen.
soweit heute
Die besten und billigsten Sachen.
ein.
Preisliste.
Er schiebt dem Wirt die Preisliste hin. Der wirft
und
In zur i, die
Bei dem günstigen Wetter war gestern die .osterkirche auf dem Frauenberg das Ziel von eien Hunderten Gläubigen, die vor allem auch ;e herrliche Krippe besuchten.
wird aufmerfiam gemacht. Es spricht Reichsund Landtagsabg. Schmelzer. Alle Bundesbrüder und die Teilnehmer am politischen Schulungskursus sind herzlich cingeladen. Nach der Versammlung Treffpunkt im Zimmer 2.
Das neue Jahr hat schnell einen W e ch s e l i n Der Tendenz der Temperatur gebracht. Schon in der Nacht vom Neujahrstag zum Samstag wurde es milder. In den Morgenstunden setzte in Norddeutschland, namentlich in Berlin, ein starker Eisregen ein. der zu
Von den öffentlichen Gebäuden wehten gestern 1 us Anlaß des neuen Jahres die Fahnen.
Draußen auf der Straße verspürt er auf einmal Hunger. Er flucht. In einem Zigarettengeschäst kauft er fünf Zigaretten, das Stück zu vier Pfennigen. Dann geht er in ein Restauraut in der Hauptstraße. Hier
außerordentlich starker Glatteisbildung führte. Es traten auch starke Verkehrsstörungen durch Vereisung der Schienen ein. Bei uns in Fulda zeigte sich der Witterungsumschlag in ® rau- peln-Schnee. Die Entscheidung, ob Wintersportwetter bleibt, oder ob es Tauwetter gibt, scheint bei den „zuständigen Stellen" zur Zeit noch nicht gefallen zu sein.
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1932 fing für die Wintersport- l e r, welche die Rhön in Massen bevölkerten sehr verheißungsvoll an. In unberührtem Weiß lagen die Berge. Die Sonne zauberte ihnen tausend und abertausend blitzende Edelsteine auf ihr winterliches Festkleid. Während das Fulda- und Saaletal im Dunst und kalten Nebel lagen, herrschte auf den Höhen eine angenehme Wärme. Wenn der Schnee auch nicht ganz so hoch lag, wie die Schneeberichte angegeben hatten, so genügte er doch vollauf, um das Skilaufen zu einem wahren Genuß zu machen. Nur die Südhänge vereisten unter der Einwirkung der Sonne rasch.
Am zweiten Tage des Jahres 1932 scheint da- Wetter schon wieder umschlagen zu wollen. Das Radio meldet aus Norddeutschland, daß Tauwetter eingesetzt habe. Doch lauten die Nachrichten aus der Rhön noch sehr zuversichtlich.
personennachrichien.
Amtsgerichtsrat Strauch in Naumburg (Bezirk Kassel) wurde nach Kassel versetzt.
Neuiahrswünsche der Städte.
Der Vorsitzende des Reichsstädtebundes.Oberbür- germeister Dr. Belian-Eilenburg, erläßt eine Neu- I jahrskundgebung an die deutschen Gemeinden, in I der er für das Jahr 1932 wünscht: Verzichtleistunn I Amerikas auf die Schuldenrückzahlung in Verbin düng mit Verzichtleistung aller unserer Kriegsqea ner auf Tributzahlungen, allmähliche Bil- d u n g neuen Kapitals, Kreditgewährung zu billigem Zinsfuß, Herabsetzung der Mieten auf eine gesunde Grundlage und vor allen Dingen erwachende Erkenntnis bei der R»lck>sregierung, daß die Uebernahme der Erwerbslosen I einschl. der Wohlfahrtslasten durch das Reich die unbedingte Voraussetzung dafür ist, daß die Urzellen des Reiches, die Gemeinden, wieder neues Leben gern i n n e n und dem ganzen Volkskörper zuführen. Der Bundespräsident fordert die Zusammenfassung aller Volksgenossen zu einer einheitlichen Arbeitsgemeinschaft.
Verwaltung und presse.
Der Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen hat an sämtliche Dienststellen der Stadtverwaltung eine Verfügung erlassen, in der u. a. ausgeführt wird: „Die kommunale Selbstverwaltung hat durch die Notverordnungen der letzten Monate die stärksten Einschränkungen erfahren, die einer völligen Aufhebung saft gleichkommen. Dieser Zustand kann, ganz abgesehen von anderen Auswirkungen, sehr leicht dazu führen, daß die notwendige Fühlungnahme zwischen der Verwaltung und der Bürgerschaft verloren geht. Der Verwaltung erwächst dadurch in erhöhtem Maße die Pflicht, die Oeffentlichkeit über alle Vorgänge, die von besonderem kommunalpolitischen Interesse sind, fortlaufend rechtzeitig und ausreichend zu unterrichten. Ich lege daher auf die Erhaltung des vertrauensvollen Zusammenarbeitens mit der Presse als der Vertreterin der DeffentH*feit ganz besonderen Wert." Bauernregeln im Januar.
Der Januar muß Charakter haben: er muß ein richtiger, strenger Wintermonat sein. Flausenmachen und Herumdrücken steht ihm schlecht an. Wir wissen es aus den Bauernregeln und wir werden es von Neuem inne, wenn wir uns eine Heine Auslele davon ins Gedächtnis rufen: I a - nuar kalt, das gefallt — Januar arm, daß Gott erbarm — Eiszapfen im Januar groß und dicht, dies eine gute Ernte verspricht. — Im Ja-
i hat ein schmieriges Hemd an mit aufgekrempelten Aer- metn.
Egger nennt seinen Namen absichtlich undeutlich und sagt weshalb er gekommen sei. Ob man nicht Likör brauche? Der Likör seiner Firma sei konkurrenzlos billig und ausgezeichnet. Man schätze ihn überall, und —
Der Wirt unterbricht ihn. Likör? Wer das Zeug heute noch trinke? Er habe keine Bar. Seine Gäste leien für schärfere Sachen Bier, Wein und Schnaps.
Der Kellner kommt mit der Speisekarte.
Egger bestellt nur ein Glas Bier und läßt sich eine Zeitung geben. Als gerade niemand hersieht, nimmt er ein Brötchen aus dem Korb Unterm Tisch zerbricht er es in kleine Stücke und die schiebt er, hinter seiner Zeitung verborgen, in den Mund. Nachher ißt er noch ein zweites und drittes.
Er bleibt noch eine gute Weile sitzen und lieft die Zeitung mit einer gedankenlosen Gemütlichkeit. Draußen hat es zu regnen begonnen.
Eben kommt der Wirt durchs Lokal. Er sieht gepflegt und wohlgenährt aus, eine überzeugende und ideale Empfehlung für die Güte von Küche und Keller Er geht durch das ganze Lokal und macht fedem Gast eine Verbeugung. Nicht zu tief, eher eine Idee zu lässig. Aber es wirkt gut und die Gäste nicken freundlich zurück
Vor Egger bleibt der Wirt stehen. Er grüßt auch ihn doch ist feine Verbeugung tiefer und in feinem Gesicht steht ein Lächeln, das bisher noch an keinem Tisch zu sehen war
„Nanu?" denkt Egger.
„Herr Oberleutnant Egger, nicht wahr?" fragt der Wirt. „Kennen mich der Herr Oberleutnant nicht wieder? In I . . . Unteroffizier Merkel . . . Einkäufer für das Fliegerkasino . .
Egger erinnert sich an gar nichts. Beim besten Willen nicht. Aber er wittert die Möglichkeit eines Geschäfts und deshalb schwindelt er ein klein wenig. Es werden gemeinsame Erinnerungen ausgetauscht. Egger laviert geschickt an allen Erinnerungen vorbei, der gute, rosige Wirt hat eine ehrliche Freude und gerät immer mehr in Begeisterung. Schließlich fragt er behutsam nach Eggers Schicksalen, und der erzählt wahrheitsgetreu, was ihm seither begegnet ist.
Und bann hat Egger plötzlich einen netten Auftrag in der Tasche. Nun wird er gesprächig und erzählt sogar ein paar Witze. Dabei denkt er immer daran, daß er jetzt für den nächsten Monat gesichert ist. Ein Monat ist eine lange Zeit. Da kann sich manches ereignen.
Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Egger verabschiedet sich herzlich, tritt auf die Straße hinaus, rückt unternehmungslustig den Hut aus der Stirn und geht leise pfeifend davon.
das gehe bei ihm Das heißt, es gehe, überhaupt ein Geschäft noch gehe.
> nuar recht hohen Schnee, heißt für den Sommer hohen Klee — Knarrt im Januar unter'm Fuß der Schnee, beschert's dem Bauern Korn und Klee. — Reichlich Schnee im Januar, macht Dung für das ganze Jahr. — Wenn Gras wächst im Januar, bleibt es schlecht das ganze Jahr. — Ist der Januar naß. bleibt leer das Faß. — Tanzen im Januar die Mucken, muß der Bauer nach Futter gucken. — Wenn der Winter im Januar nicht kommen will, dann kommt er im April. — Wächst das Korn im Januar, wird es auf dem Markte rar — Wenn der Januar naß und lau, wird es im Frühjahr sicher rauh. Sonderbar ist, daß nach den Bauernregeln am Neujahrstag kein Morgen rot herrschen soll, da es angeblich „Unwetter bringt und große Plag".
Wandelkonzert.
Das am Neujahrstag im Schloßgarten von der Städtischen Feuerwehrkapelle zu veranstaltende Wandelkonzert konnte wegen der eingetretenen kalten Witterung nicht stattfinden. Das nächste Wandelkonzert der Feuerwehrkapelle findet bei gelinderer Witterung am Mittwoch, 6. Januar (Hl 3 Könige) von 11 bis 12 Uhr im Schloßaarten statt. __________________
Polizei-Bericht übet die Silvesternacht. I Blutiger Kampf in der Sandhohle.
. Don der Polizei wird uns mitgeteilt: Die diesjährige Silvesternacht war entgegen der der Vorjahre äußerst lebhaft. Lange vor Mitternacht zogen Gruppen von angetrunkenen Per- s o n e n in den Straßen umher und bewiesen I ihren Mut durch lautes Eröhlen und Schreien. In verschiedenen Fällen kam es auch zu kleinen Schlägereien, die aber durch das Erscheinen der Polizei in ihrem weiteren Umfange verhindert wurden.
Nach dem Verklingen des Neu'ahrsrufes wurde die Polizei nach dem Hause Königstraße 2 gerufen, wo raduwütige junge Männer, insbesondere der erwerbslose Richard Barschel, die Türen und das I Mobiliar eines Mieters zu Kleinholz machten.
Um 1.45 Uhr wurden die Pol'»eiftreisen nach I der Sandhohle gerufen, wo ein Streit zwischen cem Händler und Zigeuner Friedrich Christ und anderen Bewohnern der Sandhohle entbrannt war. Als Ursache des Streites wird angegeben, I bafj Christ mit einer Schußwaffe geschossen und seine Nachbarn bedroht habe. Während die Polizeistreifen nach der Sandhohle eilten, erschien der I Zigeuner Christ in notbürftmer Kleidung, blutüberströmt und durch starken Blutverlust geschwächt auf der Polizeiwache. Seine Ueberführung in das Hiesige Landeskrankenhaus mußte sofort erfolgen. I Die von der Polizei beruhigten Bewohner der Sandhohle gerieten in der Zeit von 3—5 Uhr abermals in Streit. Von radauwütigen Personen I wurden an den Wohnwagen des Christ und des Händlers Duveneck fast sämtliche Fensterscheiben zertrümmert.
Wegen schwerer Sachbeschädigung sowie Haus- I und Landfriedensbruch wurden neun an dem Steit beteiligte Personen feftge» n o m m e n und der Kriminalpolizei vorgeführt. I Bei den Feststellungen gelang es noch, einzelne Schuß- und Hiebwaffen zu beschlagnahmen.
Einbrecher am Werk.
In der Neujahrsnacht wurde in das Geschäft des Elektrotechnikers H. Backes, Lindenstraße i ein Einbruchsdiebstahl verübt. Der Dieb zertrüm- I merte das Oberlicht zu einem Fenster und entwendete nach Einsteigen von den in der Auslage befindlichen Radio-Apparaten einen Dreiröhren- I Netzempfänger Marke Siemens 31. Für die Herbeischaffung des Apparates hat die Fa. Backes eine Belohnung von 20 Mk. ausgefetzt. I
In der vergangenen Nacht wurde in das Zi- garrengeschäst Noll in der Löherstraße ein Einbruchsdiebstahl verübt. Hier sind die Diebe mit- I tels eines Nachschlüssels in den Laden eingebrun« I gen unb haben eine größere Menge Zigarren unb Zigaretten entwenbet. I
WittMhotpbtitifr <ss« x«i-s)
Auf die Montag, den 4. Januar, nachmittags 2 Uhr in der Harmonie zu Fulda stattfindende
Versammlung
Egger nicht versteht. Der Wirt knurrt irgend etwas Dann schlurft er davon, ohne Gruß.
Egger legt das Geld für sein Bier auf den Tiich und geht hinaus. Die Kellnerin öffnet ihm die Tür
Am Kai herrscht reges Leben. Krane rasseln, füllen und leeren die Bäuche der Schiffe. Matrosen schreien. Schwere Lastwagen rattern übers Pflaster. Egger geht cm Hafenzollamt vorbei, dem Rhein zu. In den Anlagen setzt er sich auf eine Bank und steckt seine letzte Zigarette an Er hat einen schalen Geschmack im Mund und sein Kopf ist dumpf.
An acht Stellen vergebens, denkt er, und zählt seine Barschaft. Eine Mark und fünfundzwanzig Pfennige ist alles, was er herauskramt. Er behält das Geld in der Hand und sieht gedankenlos ein paar Kindern zu. die einen Reigen fingen und tanzen.
Später steht er auf und geht schlendernd nach der Stadt. Er blickt in die Schaufenster, ohne etwas zu sehen Vor jedem verweilt er kurze Zeit, und dann geht er weiter.
einen kurzen Blick auf sie. Er sei eingedeckt brauche nichts.
Ob er vielleicht doch nicht einen Bedarf habe?
„Nein!" Der Wirt steht auf und streckt sich, diesem Augenblick öffnet sich das Schiebefenster Küche. Die Wirtin schreit ein paar Worte hinaus,
Er könne auch mit Schnaps dienen, wirft Egger Hier sei die
Fulda, den 2 Januar 1932.
* 1932.
Nun stehen wir schon wieder im Alltag des neuen Jahres. Der Jahreswechsel hat sich diesmal, soweit die Oeffentlichkeit davon berührt wurde, in unverhältnismäßig ruhiger Weise abgespielt. Diese Feststellung wurde auch in den Großstädten gemacht. Es wurde viel weniger geknallt, gar nicht geb.asen und die Rufe blieben den meisten infolge der starken Kälte, die um 15 Grad herum war, in der Kehle stecken. In einzelnen Bezirken und gewissen Kreisen scheint allerdings bas Bild abwei- chend gewesen zu sein. Darüber ist Näheres dem Polizei-Bericht zu entnehmen.-
Engelapotheke in Fulda
Dr. phil. nat. Josef Kiesgen
Approb. Apotheker und staatlich geprüfter Nahrungsmittelchemiker.
Auf Tour.
Don Robert Huber.
Gert^ Egger öffnet die Tür mit verbindlichem Lä ojeln. Sie quietscht hell auf und knallt unter dem Druck öes Selbstschliehers laut wieder zu.
Was ihm zuerst ins Auge fällt, ist das Loch im «trumpf der Kellnerin. Sie steht mit dem Rucken zur t m"? orbeitet Über den Tisch gebeugt. Auf sein sreundliches „Guten Morgen" dreht sie sich um und mtgt ihn vorn Kops bis zum Fuß. Dann nimmt sie °CnV< mten TÜch die Stühle herunter. „Ich möchte ein Glas Bier," Jagte Egger und setzt sich an den Tisch ben ein schmieriges Tischtuch bedeckt.
Die Kellnerin verschwindet. Nach kurzer Zeit ommt sie frisiert und in Schuhen wieder Sie stellt bas Glas auf den Tisch und sagt: „Zum Wohl."
Egger dankt und trinkt. Dann nimmt er aus feinem Etui eine Zigarette, zu der sie ihm Feuer gibt.
„Danke, sagte er, und bläst den Miuch von sich
Es ist die erste Zigarette heute. ®i& Renommier igarette, denkt er und lächelt.
Das Etui - es ist ein Prachtstück, stammt aus feilen besten Tagen und trägt im Innern die Namen vieler Kameraden aus der Zeit des Krieges eingraviert - steckt er mit liebevoller Sorgfalt in die Tasche
Natürlich hat die Kellnerin das pompöse Ding genau gesehen. Während sie eifrig weiterpoliert, streift sie Egger mit abschätzenden Blicken. Sie hat Menschenkenntnis genug um ihn richtig zu tarieren Auch sie bat bessere Zeiten gehabt, da es großzügige Trinkgelder gab und andere Gäste als hier. Sie hat ihnen manchmal sogar gepumpt und auch das war einträglich Sie seufzt.
Eggers Frage, ob er den Wirt sprechen könne, hat sie erwartet Sie wolle nachsehen, antwortete sie freundlich und geht
Es dauert eine gute Weile, bis der Wirt kommt Er ist ein breiter, behäbiger und dicker Mann. Aui seinem runden Schädel sträuben sich ein paar kurze Borsten Das Gesicht hat verschwommene Züge, die Augen sind rot geädert. Er trägt feinen Kragen unb
der Wilhelmstraße wohnt. Vielleicht würde die etwas kaufen und dann märe der Tag nicht ganz ergebnislos
Ein rundliches Dienstmädchen öffnet. Egger nickt ganz von obenher und gibt seine Karte ab. Das Mädchen lieft Oberleutnant a D. unter dem Namen, und beeilt sich, ihn in den Salon zu führen.
Dann kommt die Frau Geheimrat. Geräuschvoll und wohlgenährt. Sie begrüßt ihn mit überströmender Freundlichkeit, nötigt ihn auf den Stuhl und hat tausend Fragen. Er beantwortet sie geduldig und mit der Ausführlichkeit, die sie wünscht. Als eine Pause eintritt, kommt er mit feinem Anliegen. Die Frau ®e- Heimrat nimmt feine Hand.
„Es ist ja schrecklich, lieber Herr Oberleutnant! Es ist ja so traurig! Wie bedauere ich Ihre arme Frau Mutter! Wozu haben Sie etwas gelernt! (Ihre Stimme Zitterte vor betontem Mitgefühl.) Wozu sind Sie mal etwas gewesen! Unb nun gehen Sie von Haus zu Haus, und .... Nein, Ihre arme Mutter, meine liebe alte Freundin!"
Egger zieht feine Hand aus der ihren und kramt in feiner Aktentasche.
„Was ist da zu tun, gnädige Frau!" sagte er.
„Man muß sich hineinfinden. Ich habe einen Strich unter das Vorher gemacht."
„Schrecklich", protestiert die Frau Geheimrat.
„Darf ich etwas notieren?" fragt er tn steifer Haltung.
„Ach. lieber Herr Egger wir selbst trinken niemals etwas. Vielleicht zu Geschenkzwecken ... es konnte sein, gewiß . . ."
„Wenn gnädige Frau dann an mich denken wollen," sagt Egger, steht auf, legt feine Geschäftskarte auf den Tisch unb verabschiedet sich kurz. Er lächelt und denkt dabei an seine vertretenen Absätze. Ganz zu- 'ällig fällt fein Blick auf das Bild des verstorbenen Herrn Geheimrats. Es zeigt einen dicken, gemütlichen Herrn, mit einem glatten, runden Gesicht unb einer Reihe Orden auf dem Bratenrock.
Der Neuiahrstag war ein schöner kalter Winter- M-..Die Menschen wünschten sich in herkömmlicher 2ßet|e Glück zum neuen Jahr. Im allgemeinen konnte man bei dieser Gelegenheit feststellen, daß der deutsche Mensch trotz der schweren Prüfungen und Heimsuchungen nicht verzweifelt, sondern hofft. Symbolisch für unsere Lage war am Silvesterabend der Vorgang am deutschen Rundfunk. Der greise Eeneralfeldmarschall und Reichspräsident von Hindenburg richtete das Wart an alle Volksgenossen, die deutschen Männer und Frauen. Er wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland bis nach Amenla mit goßem Interesse gehört. Jeder normal empfindende Mensch mußte von den wenigen, aber wirklich aus einem treuen Herzen kommenden Worten des Reichspräsidenten ergriffen sein. Wo auch nur eine Spur von Achtung der Menschenwürde übrig geblieben ist, wird man einen hochbetagten Mann von so hervorragenden Charaktereigenschaften und einer so einzigartigen Vergangenheit, wie sie mit dem Namen von Hindenburg verknüpft ist, auch dann mit Ehrfurcht hören, wenn man anderer Ansicht ist wie er. Und so ist das zweifellos auch am Silvesterabend bei den meisten Hörern der Fall gewesen. Es ist aber bezeichnend für die Schwierigkeiten, mit denen sich heute das normale und gesunde Empfinden auseinanderzusetzen hat für die krankhafte Gier, alle Autorität zu verneinen, für die Nörgelsucht der Verantwortungslosen, für die Anmaßung der hilflosen Dilletanten, daß man sogar den Reichspräsidenten in feiner Ansprache zu stören wagte. Es sind die Links - radikalen gewesen, die diese Störung unternahmen. Man darf sich nicht im Unklaren fein, daß der Boden für derartige Rücksichtslosigkeit der Radikalismus überhaupt ist. Auf die Richtung kommt es dabei im Grundsätzlichen wenig I an. Aber wie sich im Rundfunk trotz des raffinierten Störungsversuches die herzensgute uno doch kräftige und energische Stimme des Herrn Reichspräsidenten durch gesetzt hat, so soll auch in Deutschland trotz des wilden Geschreis einer von Gott verlassenen Hysterie sich die moralisch hochstehende Denkweise, wie sie sich int Reichspräsidenten von Hindenburg verkörpert, durchsetzen. An der Schwelle des neuen Jahres stehen wir in dieser Hoffnung auf den Sieg der Vernunft und diese Hoffnung soll uns nichts rauben, was auch an Törichtem in Deutschland immer noch vorgehen mag.
i JJ. Bruno Katterbach 0.Hl.-Hom t.
P: Bruno Katterbach, Archivar am vatikanischen Geheimarchiv und Professor der Paläographie, von dessen Tod wir schon kurz berichteten, war erst 48 Jahre alt. Geboren am 16. September 1883 in Düsseldorf, absolvierte der Verstorbene seine humanistischen Studien im Franziskanerkolleg Waters» leyde bei Sittard und trat 1901 in die Thüringische Franziskanerprovinz (Fulda) ein. Es folgten die philosophischen Studien in Sigmari-ngen-Gorheim und die cheologischen int Fuldaer Priesterseminar, das die Ordenskleriker damals noch besuchten. Am 22. Juli 1909 zum Priester geweiht, kam P. Bruno bald darauf nach Rom, um sich an der Ordenshochschule St. Antonio in einem dreijährigen Kursus für das Lektorat ht der Kirchengeschichte vorzubereiten. Während dieser Zeit nahm er an den im vatikanischen Archiv veranstalteten Kursen über Paläographie und Urkundenlehre teil und arbeitete sich so gründlich in dieses Spezialfach ein, daß er nach kurzer Lehrtätigkeit als Lektor der Kirchen- geschichte auf dem Frauenberg schon Ostern 1913 von Professor Melampo, dem Archivar am vatikanischen Archiv, als Hilfskraft int Unterricht der Paläographie und Urkundenlehre an der vatikanischen Schule herangezogen wurde. Sehr bald erhielt er vom Heiligen Vater den Auftrag, selbständig, als Professor der Paläographie, zu dozieren.
Infolge des Eintritts Italiens in den Weltkrieg mußte P. Bruno Rom verlassen, und er benutzte diese Zeit, um in Freiburg als Schüler von Geheimrat Finke sich den Doktorgrad in der Philosophie zu erwerben mit der Dissertation: „Der zweite literarische Kampf auf dem Konstanzer Konzil im ! Januar und Februar 1415". Von 1917—18 nahm P. Bruno als Feldgeistlicher am Kriege teil und war meist auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz, an der bulgarischen Front, tätig. Nach Schluß des Krieges dozierte er zunächst wieder Kirchen- gefchichte auf dem Frauenberg, bis er im Jahre 1920 wiederum nach Rom berufen wurde als Archivar am vati'anischen Geheimarchiv, wo er bis zu seinem Tode den Unterricht in den paläagra- phischen und diplomatischen Fächern und in Archivkunde geleitet hat.
In diesen Jahren entfaltete er auch eine rege literarische Tätigkeit mit weitgesteckten Zielen, die jetzt leider viel zu früh jäh unterbrochen wurde. Die Arbeiten betreffen alle sein Spezialgebiet.
Nicht weniger als sechs größere bedeutsame wissenschaftliche Werke sind in den letzten sieben Jahren aus der Vorlesungstätigkeit und der regen Forscherarbeit des Verstorbenen herausgewachsen neben mannigfachen kleineren Arbeiten, die in Zeitschriften veröffentlicht wurden. Gerade den im vatikanischen Archiv Tätigen wurde hierdurch manch wertvolles Hilfsmittel dargeboten, so daß es verständlich ist, daß auch der Heilige Vater mit Interesse von P. Brunos Arbeiten Kenntnis nahm. Zu den letzten Arbeiten gehörten die zwei ersten Bände einer großangelegten Sammlung von Handschriftenproben aus den ersten IVe Jahrtausenden der christlichen Zeitrechnung, die P. Bruno nun leider weit entfernt von der Vollendung zurück- faffen mußte.
So hätte von dem Verstorbenen, der zu den besten Kennern seines Fachs gehörte, noch vieles erwartet werden können aus dem immer reicher werdenden Schatz seines Wissens heraus, wenn ihm der Tod nun nicht allzu früh die Feder aus der Hand genommen hätte.
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit benutzte P. Bruno gerne die Gelegenheit, sich seelsorglich
Eine Stunde später schellt er an einer TÜr. Frau
Geheimrat Schönherr, steht auf dem Messingschild. Es Htl/1 » ... Jlc|luutuui m uer yaupt,trage, tft thm eingefallen, daß eine Freundin seiner Mutter in | ist es bürgerlich unb riecht angenehm nach Küche.