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Fuldaer Zeitung (Amtliches kreisblatt)

Nicht verzagen!

Don Reichskanzler a. D. Dr. Marx.

Auf ein ereignisvolles und schicksalschweres Jahr blicken wir zurück. Der Regierung Brüning ist das große Werk gelungen, angesichts der gro* ßen wirtschaftlichen Not, die Preissenkung in wei­tem Umfange zu erreichen: andererseits aber hat sie auch allen Bevölkerungsteilen Lasten und Be­schränkungen auferlegt, die geradezu bis an die Grenze des Erträglichen Herangehen. Das deutsche Volk hat sie mit heroischer Geduld ertragen, das zeugt mehr von echt nationler Gesinnung und Treue als das bramabasierende Wichtigtun mancher Kreise. Der Erfolg konnte nicht ausblei­ben. Wir brauchen nicht mehr zu beweisen, daß die Reparationen unhaltbar geworden sind, daß wir alles, aber auch wirklich das Aeußerste getan haben, um unseren Verpflichtungen nachzukom­men: die ganze vernünftig« Welt weiß jetzt, daß die unsinnigen, von Deutschland erpreßten unge­heueren Zahlungen den Hauptgrund bilden für Sie unerhörte Weltkrise, die alle Kulturstaaten be­drängt. Alle Welt ist jetzt dvon überzeugt, daß sie nicht mehr weiter geleistet werden dürfen, wenn nicht die ganze Weltwirtschaft 311 Grunde gehen soll. Nur ein Staat verharrt in kleinlicher, kurzsichtiger Hartnäckigkeit: Frankreich verdient wirklich nicht mehr den Ehrentitel der „großen Na­tion"! In kleinlichem Krämergeist zeigt es immer und immer wieder seinen Schein vor: „Young- Vertrag" und „Sicherheit"! Ob die Welt dabei zu Grunde geht: es ist ihm gleichgültig. Die Folgen zeigen sich bereits: Frankreich gilt jetzt als der Feind der ganzen Welt und der Schädiger aller Nationen. Auch in seinem Innern nagt schon der Wurm wirtschaftlichen Niederganges: steigende Ar­beitslosigkeit und beginnender BankenkraH!

Der Sonderausschuß der Sachverständigen in Basel hat sein Votum kurz vor den Feiertagen mit knapper Not und nach scharfen Auseinandersetzun­gen fertiggestellt. Nicht nur Deutschland, nein, alle

Staaten, selbst das stolze England rufen nach einer internationalen Konferenz. Man hätte sie schon längst zusammenrufen sollen! Denn jeder Tag ist von Wichtigkeit. Sie wird allerdings von aus­schlaggebender Bedeutung für das Schicksal der Welt sein.

Auf Seiten Deutschlands kämpft die politische und wirtschaftliche Vernunft, aber auch — die Not! Da auch die Siegerstaaten in schwerer finanzieller Bedrängnis stehen, werden sie bemüht fein müssen, dem Uebel bis auf die Wurzel abzuhelfen. Das heißt: der Youngplan kann nicht unverändert be­stehen bleiben!

Die Reparationen müssen und werden fallen!

Damit wäre der Hauptgrund zur Weltkrisis be- hoben: mit dem kommenden Frühling können wir dann eine Wende auch in der wirtschaftlichen Ent­wicklung mst Sicherheit erwarten!

Unter einer Voraussetzung: daß wir nicht selbst den Kopf verlieren und radikalen Störenfrieden Gehör schenken! Dann ist allerdings alles ver­loren!

Bleibt aber das deutsche Volk, wie bis jetzt, sich selbst treu, folgt es in unerschütterlicher Treue sei­nem klugen und tapferen Führer Brüning, dann wird der Ausstieg, wenn auch langsam, so doch un­verkennbar sich vollziehen. Das Ausland vertraut dem bewährten Sinn des deutschen Volkes.

Ist es nicht bewundernswert, daß die deutsche Währung die deutsche Mark immer noch die festeste Währung der Welt ist?

Wir wollen also auch selbst unser Vertrauen in unsere Kraft und unser Leistungsvermögen nicht verlieren! Dann wird das neue Jahr auch eine Wendung unseres Schicksals werden.

Nicht verzagen ist deutsche Art!

Gott wird uns nicht verlassen!

Jtr. 1.

Sine Feststellung.

lieber den Präsidenten der spanischen Republik Aamora, lesen wir im „Neuen Reich": Niceto Alcala Zamora, dem mächtigen revolutionären Führer, dem Katholiken trotz allem, ist diese höchste Staatsehre zuteil geworden. Zamora ist es gewesen, der sich unerschrocken gegen die reliaions- feindlich tobenden Cortes gestellt und jene Gesetze ausdrücklich mißbilligt hat, welche Freiheit und Stellung der Kirche bedrohten. Er ist damals als Ministerpräsident zurückgetreten, um so öffent­lich zu bezeugen: diese pöbelhafte Art Christenoer- folgung kann ich nicht verantworten. Das war groß und charaktervoll gehandelt und — wir sehen es nun — das spanische Volk dankt es ihm. Es ahnt in ihm den staatsmännischen Führer, der vonderPolitikderGasseunabhängig bleibt, der keiner Dolksstimmung unterliegt und. wenn nötig, persönliche Opfer zu bringen weiß, wenn die Sache es fordert. Wie er unter Primos Diktatur seine Laufbahn verspielte, weil feine poli­tische Ueberjeugung ihm höher stand als Orden, Ehren und Bequemlichkeit, so klebte er auch nicht ehrgeizbesessen an dem Posten des Regierungs­chefs, als die Kirchenstürmer den Verfassungsent­wurf wider seinen Willen gestalteten. Die Prä­sidentschaft Zamoras macht es wieder weithin sicht­bar: auch in der Politik, von der es fälschlich heißt sie v e r d er b e den Charakter, setzt sich zuletzt und auf die Dauer doch nur der unerschüt­terliche Charakter durch. Konstitutionelle Monarchie ober demokratisch-parlamentarische Re­publik: beide sind von hier aus gesehen gleich gute oder schlechte Systeme der Führerauslese. Die Hauptsache ist: Männer müssen da fein, öie führen können, herrscherliche und ge- schichtshaltige Menschen, in denen der Staat sich le­bendig verkörpert. Das Schicksal wird sie so oder so und in Staaten welcher Form immer eines Ta­ges an die Spitze der Geschäfte führen.

* Die Disziplin an den preußischen Hochschulen. Aus dem neuen Disziplinargesetz für die preußischen Hochschulen, das in diesen Tagen vom Preußischen Staatsrat verabschiedet worden ist und in nächster Zeit in Kraft treten wird, ist befonbers hervorzu­heben, daß dem Disziplinarrecht außer der Erhal­tung von Ordnung. Sitte und Ehrenhaftigkeit un­ter den Studenten in Zukunft auch der Schutz der Lehr- und Lernfreiheit unterstellt wird. Eine weitere wesentliche Neuerung stellt die Bestimmung dar, nach der in Zukunft auch der für die Universität zuständige Minister die Befug­nis erhält, die Einleitung eines Disziplinarverfah­rens anzuordnen, Berufung gegen ein Disziplinar- urteil einzulegen, nach Anhören des Senats aus besonderen Gründen die Strafe im Gnadenwege zu mildern, aufzuheben ober bem Verurteilten Be­währungsfrist zu bewilligen. Aufgehoben werben die Karzerstrafe, die Geldstrafe sowie die Drohung mit der Entfernung von der Universität. Di« zu­künftigen fünf Disziplinarstrafmittel sind: Verwar­nung durch den Rektor, Verweis, Nichtanrechnung des laufenden Semesters^ Entfernung von der Hoch­

schule und Ausschluß vom Hochschulstudium über­haupt. Für die Berufung wird eine besondere Berufungskammer geschaffen.

* Während eines Weihnachtsbesuches tödlich ver­unglückt. Im Stuttgarter Vorort Rintheim fuhr ein Personenauto in eine Personengruppe hinein. Dabei erlitt der 45 Jahre alte Malermeister Fischer aus Zürich, der hier zu Besuch weilte, so schwere Verletzungen, baß er im Krankenhaus v e r- st ar b. Ein 66 Jahre alter Rentner wurde eben­falls schwer verletzt. Der Autoführer entzog sich durch schnelle Flucht der Feststellung feiner Perso­nalien.

* Zum Stuttgarter Schloßbrand. Im Auf­trage des Vorstandes des Reichsvereins deutscher Feuerwehringenieure hat Branddirektor Wagner- Berlin die Brandstelle des alten Schlosses besichtigt

und sich im Gegensatz zu der Kritik an den Maß­nahmen der Leitung der Stuttgarter Berufsfeuer­wehr dahin geäußert, es habe sich an keiner Stelle der Eindruck gewinnen lassen, daß die taktischen Maßnahmen unzweckmäßig gewesen wären. Auch die Mannschaften der Berufsfeuerwehr nahmen in einer Erklärung die Maßnahmen ihrer Lestung in Schutz.

* Die gefährdeten Mauern der vattkanbiblio- lhek werden abgestüht. Seit Samstag wird an der Einsturzstelle des sixtinischen Flügels der Vati- kan-Bchliothek in Rom an der Errichtung eines schweren Holzgerüstes gearbeitet, das zum Abstüt­zen der gefährdeten Mauern dienen soll. Außer­dem wird mit Hilfe dieses Gerüstes ein Notdach errichtet werden, das die stehengebliebenen Wand- fresken, Bücherschränke und auch die noch unter den Triimmern liegenden Bestände vor den Un-

Frelkag, den 1. Ianuar 1932

bilden der Witterung schützen soll. Das Dach muß etwa 700 Quadratmeter bedecken. In einer Woche soll diese Arbeit vollendet fein. Leider hat aber schon am Sonntag ein heftiger Regen eingesetzt. Die Risse in den noch stehenden Mauern sind mit Papierstreifen überklebt worden, die stündlich g«. prüft werden, um festzustellen, ob die Risse sich verändern.

* Zur Verhaftung eines Deutschen im Korridor- zuge. Der von den Polen aus dem D-Zuge Kö­nigsberg-Breslau verhaftete deutsche Staatsange­hörige Erich B o n s o n ist Königsberger, ein 36- jähriger kaufmännischer Angestellter, der seit eini­ger Zeit stellenlos ist. Da Bonson herzkrank ist, hat ihn auf seinen Antrag die Reichsversicherung zur Erholung nach Obernick in Schlesien geschickt. Er war ein großer Liebhaberphotograph und hat sich zu Weihnachten einen kleinen Apparat gekauft. Am Tage vor feiner Abreise hat er mit einem Be- kannten, einem aus Thorn vertriebenen Deutschen über seine Vaterstadt gesprochen. Man nimmt da­her an, daß Bonson, falls er wirklich aus dem fahrenden Zug eine Aufnahme gemacht hat, dies getan hat, um seinen Angehörigen ein Andenken zu schicken. Seit feiner Verhaftung aus dem visum­freien Zuge ist saft eine Woche verstrichen, ohne daß den Angehörigen eine Nachricht zugegangen ist. Sie haben erst durch die Zeitung von der Der. Haftung erfahren. Heber das Schicksal des Ver­hafteten ist bisher nichts zu erfahren gewesen.

Einbruch in einFuweliergefchSfi

Für 40 000 RM. Gold und Juwelen erbeutet.

Das Harburger Juwelier- und Uhrenge­schäft von Helmut Balhorn wurde nachts von Ein­brechern heimgefucht, die aus den Gold- und Ju- welenbeständen Werte in Höhe von 40 000 RM. aussuchten und mit der Beute verschwanden, ohne Spuren zurück,zulasten. Der Diebstahl wurde ent­deckt, als Helmut Balhorn jun. morgens das Ge­schäft eröffnen wallte. Gestohlen wurden 680 goL bene Ringe, ferner etwa 75 wertvolle Brillant­kolliers sowie eine große Anzahl goldener Ringe mit kleinen Brillanten und vieles andere mehr. Es handelt sich bei den Dieben zweifellos um „Fach­leute". Die Polizei hat bis jetzt von den Tätern noch keine Spur.

Flammentod einer Familie.

In Tilburg (Holland) ist das CafeRoelen durch einen Brand größtenteils zerstört worden. Der Eigentümer Roelen sowie seine Frau und die beiden Kinder kamen in den Flam­men um. Ein Dienstmädchen wurde mst schweren Brandwunden in hoffnungslosem Zustand im Kran- kenhaus ausgenommen. Die Flammen hatten so schnell um sich gegriffen, daß es der Feuerwehr unmöglich gewefen war, den im Schlafe von dem Brande überraschten Einwohnern von außen her Hilfe zu bringen.

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„Wie", fuhr Mühlenkamp empor, „was sagen Sie da?"

Hollgarten stotterte: ,Lch dachte nur . . . wenn Sie sich absolut von dem Geld trennen wollen, so geben Sie es doch den Bauern, Sie haben doch sonst nichts für die Landwirtschaft getan. Stiften Sie das Geld der Allge­meinheit!"

Mühlenkamp sah mit fiebrigen Augen auf Andrea und hollgarten: „Für die Allgemeinheit? Ja! , . . Glänzend . . .," flüsterte er, brach ab und sagte nach lan­gem Schweigen: „Dieser Lump!"

Hollgarten zuckte zusammen. Andrea legte beschwich­tigend den Finger an den Mund, was Hollgarten nicht nut als oelorative Geste wertete: Er fand Andrea in diesem Moment „bezaubernd".

Irgendwie empfand er ihr Beisammensein im Zim­mer Mühlenkamps vertraulich, er war zugehörig, wie ausgenommen in einem Kreis, zu dem er Bindung sand. Daß Andrea auf dem Bettrand saß, ganz weiblich — zärtlich zum Vater — verwirrte ihn. Er musterte sie ver­stohlen. Fand ihr strenges Gesicht von großem Reiz, da es beim Sprechen belebt wurde.

Er hörte gleichmäßiae tiefe Atemzüge. Mühlenkamp Mief und fein Gesicht entspannte sich.

Andrea erhob sich, ging leise auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, und Hollgarten folgte ihr behutsam. Als er sich von Andrea verabschiedete, reichte sie ihm herzlich ihre Hand: ,Zch hab mich sehr gefreut. Herr Hollgatten, daß Sie gekommen sind, trotzdem Sie mit meinem Vater Differenzen hatten. Sie haben ihm heute auch mit Ihrem Rot wie mit einem kleinen Wunder geholfen. Er schläft seit langem zum erstenmal wieder fest. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Wenn Sie Zeit und Lust haben, mel­den Sie sich ruhig an. Wir werden uns immer freuen, Sie bei uns zu sehen."

Verwirtt beugte er sich wieder über ihre Hand und küßte sie. Vielleicht um ein Winziges länger als zuvor.

Ein netter Junge — dachte Andrea — und sah ihm nach.

*

Justus Mühlenkamp schlief bis Sonnenuntergang des folgenden Tages.

Da erwachte er, sah sich verwundett um, erinnerte sich plötzlich und fand, daß alles in bester Ordnung sei.

So klar erschien ihm die Regelung des „Gemein­schaftskontos" Theodor Mühlenkamp und Eberhard Blanke.

Zu gleicher Zeit empfand er eine gewisse Genugtuung, wie sauber und klar und doch für jeden Fremden unver­ständlich Hollgarten dieses dubiose Konto zum Ausgleich gebracht hatte.

Der Junge hat doch was bei mir gelernt — schmun­zelte er — wundert« sich, daß er wieder schmunzeln konnte, freute sich über die Anerkennung von Hollgattens Fähigkeiten, die doch nur bei ihm, Justus Mühlenkamp, entwickelt worden waren. Eine unendliche Zufriedenheit hüllte ihn ein. Er fühlte stark körperlich die Gesundung. Die nur gekommen war, well er der Sauberkeit, der Un­antastbarkeit seiner Bank gewiß geworden war.

Doch vermied er es, sich weitere Klarheit über seine Empfindungen zu verschaffen. Die „Schuld", das heißt im kommerziellen Sinne: Das, was die Bank schuldete, war er los.

Nicht Edelmut trieb ihn zur Entlastung. Nur die Verzweiflung, daß er eine solche Sache nicht zu tragen vermochte.

Er tat es, nicht nur, um wieder gutzumachen, son­dern weil er keine Kraft hatte. Gesetzwidriges zu tun oder zu dulden.

Mühlenkamp enüedigte sich des Geldes — er gab es nicht. War es ihm immer gleichgültig gewesen, daß der Staat in der Inflation die Preußischen Konfols entwertet hatte, so erschien ihm das heute als eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Staates: Denn so nahm er ihm diese Last ab.

Mühlenkamp wollte reingewaschen sein. Das war alles. Er mußte sein Firmenschild und seinen Charak­ter sauber putzen.

Dieses „Großreinemachen", dieses Sauberputzen, war ein wenig heftig. Denn Mühlenkamp putzte und putzte Sekunde um Sekunde während seiner Krankheit.

Und putzte manches weg. Trug Kruste für Kruste ab. Und der Mühlenkamp von einst kam ein wenig heraus, als er sich blankscheuerte. Furcht, Angst vor dem Absturz, vor der Entthronung. Enffetzen über die Schuld Theodor Mühlenkamps, plötzliche Sorge um Andrea, Blick in eine droherche Zukunft, heimliche Furcht, die Krankheit könne zum Tode führen, ein plötzliches Grübeln, ob es ein Jenseits, eine Richfftätte über Gut und Böse gäbe, stille, verlassene Stunden, in denen das Fieber selffame Bilder widerspiegelte — alles das ging nicht ganz sputtos an Mühlenkamp vor­über. Wenn er auch Erinnerungen abzuschütteln ver­mochte.

So enffchloß er sich, möglichst Ordnung in manche Dinge zu bringen, die als plötzliche Mahner während seiner Krankhell aufgetaucht waren.

Der Posten Hollgarten war erledigt: Ein Hände­druck, ein freundliches Wort, gegenseitiges Zugeständnis, daß sie wohl beide schuldig waren. Am Jahresfchluß Abbuchung von vier Millionen für das Hollgartensche Holzhandel-Geschäft, Bilanz und erledigt.

Andrea: Verständnis suchen. Anerkennung für ihre geschäftliche Tätigkeit. Einverstännis mit Studium. Freie Hand, Selbständigkeit lassen. Außerdem ein biß­chen Anschluß suchen, quasi Familienanschluß. Ver­dammt tüchtige kleine Kröte. . . .

Dann die Bank: Ein wenig sorgenloseres Geschäft suchen. Nicht mehr Geschäfte, über die einen Andrea jo merkwürdig ausfragt. Wie über Mickenbecker.

Richtig! Der Posten Mickenbecker. Der muß auch geklärt werden.

Mitten in diese kleine Rohbilanz fiel es Mühlen­kamp ein, wie nett es sein müsse mit Andrea öfters zu plaudern und in ihr kleines, abgeschlossenes Leben hin­einzusehen. Mll ihr wegzufahren vielleicht auf Weekend — und so tausend Dinge mehr. Gleich, wenn sie kam, wollte er mit ihr über alles sprechen.

Als Andrea aber spät aus der Bank kam, fand sie ihren Vater friedlich schlafend, während das Mädchen ein Tablett Geschirr hinaustrug. So erfuhr sie nichts

von der seelischen Wandlung, nur von der leiblichen. Daß der alte Herr fast eine Stunde lang ununterbro­chen gegessen hätte, alles durcheinander. Dann hätte er auch eine halbe Flasche Rotwein getrunken, sich hin­gelegt und weiter geschlafen.

Am nächsten Morgen fand Andrea chren Vater beim Frühstückstisch beim Zeitungsleisen: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Jetzt wollen wir 'mal ordentlich früh­stücken. Dann gehts zur Bank!" Andrea half kein Drängen, kein Sitten.

„Ich bin kerngesund. Jetzt wird gearbeitet Und Du kommst täglich ein, zwei Stunden mit Wenn Du Deinen Doktor gemacht hast, wirst Du regelmäßig Mit­arbeiten, aber nur einen Halbtag. Wenn ich erst mal tot bin, kannst Du Dich immer noch totarbeiten."

Andrea strahlte glücklich: Sie, ihre Wünsche, ihr Wollen waren anerkannt. Zwar nur in der knappen Form, die ihr Vater bei allen Entscheidungen oft so drakonisch anwandte. Damit aber auch bestimmt, un­verrückbar und unwiderruflich.

Eine seltene Zärtlichkeit überwellte sie, so daß sie sich hinabbeugte und ihren Vater küßte. Der wurde richtig rot vor Ueberraschung und vor stiller Freude, daß sich die langersehnte Brücke auftat: „Mädel, Mä­del," sagte er, „hast Du denn überhaupt schon mal einen Mann geküßt?"

Woraus Andrea verblüfft war und heftig ihr Ge­dächtnis anzustrengen schien.

Der Alte lächelte ein wenig melancholisch, wie es Väter bei dieser uralten Phrase zu tun pflegen: „Es wird ja auch bald Zeit, Andrea."

Dann gab sich Mühlenkamp dieser süßsauren Trau­rigkeit und seinem Frühstück mit viel Eifer hin, seufzte nur ab und zu ein: Man wird ja alt — möchte nur noch wissen, wer mal als Schwiegersohn in Frage kommt — und, wenn sich erst mal die Kinder von ihren Eltern lösen — und, so einen kleinen Enkel möchte ich ja mal für mein Geben gern haben — und, ob er mir wohl ähnlich ist?

Mit diesem süßen Unsinn, mit dem die Väter so gern ihre Töchter in Verlegenheit bringen, verttieb er sich die Zeit.

(Fortsetzung folgt.)