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Ilr. 300
Beilage zur Fuldaer Zeitung
30. Dezember
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Ein neuer Witte.
Im Sturmesstoßen unserer Zeit
Hört, wie ein neuer Wille schreit:
Was wir wollen!
Was wir wollen?
Unermüdlich hämmern,
Bis sie krachend stürzt und fällt in Trümmer, Uns're heutige gottesfremde Welk. —
Bis dem Götzen, dem sie Weihrauch streut, Ihren Dienst gekündigt uns're Zeit, Und der Gotteskönig Einzug hält.
Was wir wollen?
Jenes Reich auf Erden,
Wo sich alle Brüder nennen werden.
Wo der Haß, der Neid, der Streit entthront,
Wo die letzten Schatten dunkler Nacht
Untergehen und ein Tag erwacht.
Da die Liebe segenspendend wohnt.—
Was wir wollen?
Menschen, deren Streben
Christus ist, ihm würdig nachzuleben.
Die ein heil'ger Tatendrang beseelt.
Die das Opfer lieben froh bereit,
Kämpfer sind im heil'gen Gottesstreit,
Furchtlos, mutig gegen eine Welt.
Auch eine Taktik!
Nachwort zu einer Versammlung des windthorsibundes in Großentaft. — Unanständige Sampfesweife der
Nationalsozialisten.
In Großentaft fand vor kurzem eine nationalsozialistische Versammlung statt, in der die Nationalsozialisten die Ueberraschung erlebten, daß ihnen ein Ortseinwoh- ner, der dortige Bürgermeister, unerschrocken und nicht ungeschickt entgegentrat. Die Nationalsozialisten suchten sich dadurch zu rächen, daß sie den wackeren und tüchtigen Mann lächerlich zu machen suchten. Sie erreich
ten aber das Gegenteil. Der Windthorstbund hielt in Großentaft am darauffolgenden Sonntag eine Versammlung ab, die von dem Bürgermeister und tatkräftigen Vorkämpfer für unsere Sach« geleitet wurde. Obwohl den Nationalsozialisten freie Aussprache gewährt wurde, wagten sie nicht, für ihre seitherigen Behauptungen einzutreten. Ihr ganzer Haß entlädt sich jetzt aber auf den Bürgermeister, den sie in einer wahrhaft unanständigen Weise herunterzusetzen suchen. Diese Art, den „politischen" Kampf zu führen, kann nicht ost genug gebranntmarkt werden, weil sie unser ganzes öffentliches Leben vergiftet.
Hier wird wieder einmal die Taktik der „Erneuerer Deutschlands" so recht deutlich. Sie suchen die Menschen, die ihnen aus ehrlicher Ueberzeugung entgegentreten, mundtot zu machen, in dem sie in bekannter Virtuosität „mit Dreck werfen". Ihre Technik in dieser Tätigkeit haben sie schon so weit entwickelt, daß sie sich trotzdem noch als die „Unschuldsengel" hinstellen, die mit Haß verfolgt werden.
Zu der Angelegenheit können wir nur sagen, daß wir Leute, die solche Artikel verfassen und veröffentlichen, nicht hassen, sondern nur verachten. Sie haben einen ehrenwerten Mann, dem die Sympathie aller verständigen Menschen gehört und den auch wir schätzen und achten gelernt haben, in seiner Ehre zu kränken versucht! Hoffentlich werden die in solchen Fällen einzig richtigen Maßnahmen ergriffen.
Dem Bürgermeister von Großentaft und allen anderen tapferen Vorkämpfern draußen im Land rufen mir zu: Laßt Euch durch solche Methoden nicht einschüch- tern. Der Entscheidungskampf erfordert auch diese Opfer, fo schwer sie für den einzelnen sind. Im übrigen: Ran an den Feind! Gegner, die es nötig haben, anständige Menschen zu verleumden, geben schnell klein bei, wenn sie richtig angefaßt werden.
In diesem Zusammenhang sei auch der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß bald in jedem Dorfe unseres Fuldaer Landes ein so mannhafter und gerader, in der Heimat verwurzelter Bauer ober Arbeiter an der Spitze der Parteiorganisation steht, wie in Großentaft.
Windthorstbund Fulda.
Deutsche Jugend im Notjahr 1932 Eine Neujahrs-Amsrage.
Je größer die geistige, politische und wirtschaftliche Krise und Haltlosigkeit wird, umso häufiger wird gegenwärtig die Frage nach der Haltung der jungen Generation gestellt. Die Schristleitung der Jugendkorrespondenz „Wille und Weg" hat daher an eine Reihe von Jugendführern verschiedenster Richtung die Bitte gerichtet, ihre Ansicht über die Lage und die Aussichten der deutschen Jugend an der Jahreswende 1931-32 mitzuteilen. Wir greifen aus der Fülle der Zuschriften einige heraus. Beachtlich scheint uns vor allem die Stellungnahme von Werner Kindt zu fein, der der Reichsführung der Staatspolitischen Reichsgruppe
Lündifcher Jugend
angehört, zu fein. Kindt ist aus der deutschen Jugendbewegung hervorgegangen und beurteilt die Sage am meisten vom Standpunkt der Jugend. Seine Mahnung, sich nicht mißbrauchen zu lassen, sollte von jedem deutschen Jungen, ganz gleich, welcher weltanschaulichen bezw. politischen Gruppe er zuneigt, beachtet werden. Kindt schreibt:
„Die Aussicht en der jungen Generation Im Jahre 1932 können nicht anders als trostlos bezeichnet werden: wirtschaftlich wird der für sie zur Verfügung stehende Lebensraum noch enger und unzureichender werden; geistig werden ihr die letzten Chancen, ihren Lebens- und Kulturhunger durch schulische oder beruflich« Weiterbildung zu stillen, noch mehr als bisher abgeschnitten werden, körperlich hat eine Unzahl von jungen Menschen vom neuen Jahr nur fortschreitende Unterernährung zu erwarten, sittlich wird die Verelendung des Mittelstandes und der Arbeiterschaft ihre verheerende Wirkung nicht verfehlen, und
politisch ist sie mehr denn je dem Mißbrauch von Kräften ausgesetzt, die an ihrer Begeisterung und Einsatzbereitschaft im Grunde nur ihre Parteisuppe kochen.
Gewiß, Arbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit des beruflichen Aufstiegs, Unmöglichkeit der Familiengründung und Sorge für seine Angehörigen, Abgeschnittensein von den kulturellen Quellen des Volkes in Buch, Theater und geselligem Verkehr, sind schlimme Dinge. Aber die deutsche Jugend teilt diese Leiden mit dem gesamten Volke,
und nur durch eine Beseitigung feiner Not kann auch sie hier auf eine Besserung ihrer Sage hoffen. Ihre politische Not aber — und sie erscheint uns als die schlimmste von allen — könnte die junge Generation aus eigener Kraft wenden, wenn sie sich nicht mehr wie bisher von Ideologien der alten Generation einfangen ließe, die sie int Grunde überhaupt nichts mehr angehen.
Daß uns das Jahr 1932 die Möglichkeit bringt, daß junge Menschen aus ehrlicher Ueberzeugung und gläubiger Hingabe gegeneinander auf die Barrikaden steigen werden, obwohl sie auf beiden Seiten für Arbeit. Freiheit und Menschenwürde ein- skehen wollen, das ist seine trübste Seite. Denn die Nutznießer dieses Bruderkampfes werden — hat es die Geschichte nicht immer wieder gelehrt? — jene sein, die die Jungen ins Gefecht schicken, aber selbst im Sicheren bleiben. Es kann im Jahre 1932 keine größere Pflicht für einen verantwortungsbewußten Jugendführer geben, als den versuch, in zwölfter Stunde verhüten zu helfen, daß Verblendung und Fanatismus sinnlose und frevle Opfer unter der deutschen Jugend fordern. Und der einzige Wunsch für die junge Generation Deutschlands an der Jahreswende kann nur sein: Augen auf, deutsche Jugend!"
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Hoffnungsvoll stimmt eine Zuschrift von D. Erich Stange, Reichswart der evangelischen Jungmänner- bünbe Deutschlands. Wenn man weiß, daß gerade die evangelische Jugend dem Rechtsradikalismus zuneigt, wenn man erfahren hat, daß besonders die evangelischen Theologiestudenten sich als Nazi-Agitatoren betätigt haben, muß es auffallen, wenn
ein Führer der evangelischen Jugend eine wachsende kritische Neigung gegenüber radikalen Schlagworten feststellt. Er schreibt:
In den Massenverbänden der werktätigen Jugend, auf die sich meine Beobachtung und mein Urteil im wesentlichen beschränkt, vollzieht sich seit etwa sechs Monaten in steigendem Maße
eine so überraschende Wandlung der Gesamthaltung, daß man über deren Tragweite nur erst tastend und anbeutenb reben kann. Die Radikalisierung, die sich in den Kreisen der werktätigen Jugend im vorhergehenden Jahre in rapidem Tempo durchgesetzt hatte, schien zunächst wesentlich negativen Charakter zu tragen und sehr stark gefühlsmäßig bestimmt zu fein. Sie trug die typischen Kennzeichen einer Reaktionsbewegung, gleichviel nach welchen Richtungen sie sich im einzelnen auswirkte.
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Ss« pttl-s.
Alle Windtkorstbündler und die Teilnehmer an dem politischen Schulungskursus weiden zu der Montag, den 4. Januar, nachmittags 2 Ahr in der „Harmonie" zu Fulda ftattfinbenben
Da ist das völlig Ueberraschende der jüngsten Situation dies, daß in weitestem Umfange eine kritische Haltung gegenüber den radikalen Schlagworten aufbricht.
Das zeigt sich am stärksten in einer weltanschau- lichen Besinnung, die gerade auch in sonst weitabstehenden Kreisen den Charakter eines religiösen Fragens annimmt. Was man etwa in intellektuellen politischen Schichten heute als eine gesteigerte Auseinandersetzung über bas Primat der Religion in der Politik findet, das prägt sich in der werktätigen Jugend der von mir beobachteten Kreise in einem neuen 33er ft änbn is für ben Rabika- lismus ber religiösen Botschaft und in einer vielfach schöpferischen Ablehnung jeder „Ver- bürgerlickmng" oder ./enfimenfofen Verzuckerung" der christlichen Verkündigung aus.
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Fritz Glatzel, Vorsitzender der Reichsgemeinschaft junger Volksparteiler, schreibt u. a.:
„Nach meiner Meinung sind schon ganz deutliche Anzeichen, vor allen Dingen innerhalb der Jugendbewegung, aber auch innerhalb der Stube ntenschaft dafür vorhanden, baß man nicht mehr glaubt, mit äußerlichen revolutionären Gebärben das Schicksal des deutschen Volkes erfüllen zu können. Aus den Kreisen der Bünde, der Korporationen und aller Gemeinschaften, die auf Wer- ten der Erziehung und des Charakters beruhen, macht sich
Gegenwehr wider den Terror oberflächlicher Phrasenhelden
bemerkbar, und die jungen Menschen, die verständlicherweise geglaubt haben, aus der Unsicherheit ihres künftigen Berufsschicksals heraus sich gegen alles wenden zu müssen, was heute ist, empfinden mehr und mehr, daß ohne kristallklares Denken, ohne saubere Arbeit nichts gewonnen wird als blauer Dunst und fein Beruf geschaffen wird außer dem eines Abenteurerbaseins.
Wer daher verantwortlich denkt, und wer da will, daß es mit Deutschland wieder vorwärts geht, wer da will, daß für die deutsche junge Generation wieder Raum geschaffen werden kann, der muß wünschen, daß diese Generation es wieder begreifen lernt, daß es mehr auf die Taten ankommt als auf bie Worte, und mehr auf die Leistung von Persönlichkeiten, die sich ihres Könnens bewußt sind, als aus das Nörgeln aufgepeitschter Massen. Vom Massenwahn^ zu gehaltener Kraft, vom Geschrei zur" Disziplin, vom Wort zur Leistung, das ist die Parole für 193 2!"
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In dem „Blatt der Jugend" ist die Haltung der katholischen Jugend schon so oft zum Ausdruck gekommen, daß wir es uns heute wegen Raummangels ersparen, die Aeußerungen aus ihrem Lager wiederzugeben.
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Bedauerlich und bezeichnend ist es, daß sich unter den Zuschriften keine aus dem Lager der Kommunisten und der Nationalsozialisten befinden. Die Kommunisten wollen die „Bürgerlichen" ja auch nicht überzeugen, sondern terrorisieren. Und
die Nationalsozialisten
sprechen einfach denjenigen, die nicht ihrer Meinung sind, das Recht ab, sich „deutsche Jugend" zu nennen. Deutsche Jugend sind nur sie; sich mit Volksdeutschen Kräften grundsätzlich auseinanderzusetzen, in eine fruchtbare Aussprache über das Schicksal und die Zukunft unserer Heimat und unseres Volkes einzutreten, ist ihnen unmöglich. Meistens verbietet es die Parteileitung; gewöhnlich fehlt es ihren „Sprechern" auch an der systematischen geistigen Durchbildung. Die Führer der Nationalsozialisten sind nichts als Agitatoren, die ohnmächtig sind, wenn sie nicht mehr die Stimmung derMas- sen durch Schlagworte zur Siedehitze bringen können. Das kann man immer wieder beobachten.
Versammlung
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herzlich eingeladen. Es spricht Landtagsabgeordneter Schmelzer.
Be;on»Bte fdirf|tHdie Einladungen ergehen nidit.
Einlaßkarten können vor der Versammlung bet Dr. Sauer, Redaktion der Fuldaer Zeitung, in Empfang genommen werden. Noch der Versammlung treffen sich die Windthorstbündler im Zimmer 2.
tional sozialistischen Parteifunktionär en diese Aussprache herbeiführen zu wollen, ist, wie sich in den vergangenen 14 Tagen wieder einmal an einem praktischen Beispiel gezeigt, ein unnützes Bemühen. Sie sind es ja gerade, die immer noch die Einsatzbereitschaft der Jugend mißbrauchen. Diesem Mißbrauch gilt unser Kampf, nicht aus Haß gegen die armen Agitatoren, die ja nicht aus ihrer Haut können, sondern aus Liebe zu unseren Altersgenosfen, denen wir mit dem Führer der hündischen Jugend zurufen:
„Deutsche Jugend, aufgesaßt!
Laß Dich nicht mißbrauchen — von keiner Partei — von den Nationalsozialisten so wenig wie von einer anderen Partei. Wir müssen das Alte umbauen, ohne es zu zerstören!"
Bon unteren Volksdeutschen Brüdern.
Einweihung des neuen deutschen Schülerheims bei den Salhmarer Schwaben (Rumänien).
Eine langersehnte Freude wurde unseren Stammesbrüdern im Siedlungsgebiet von Sathmar durch die Einweihung des soeben vollendeten Schülerheims in der deutschen Gemeinde Groß-Karol zuteil. Das Sath- marer Deutschtum, das etwa 50000 Seelen zählt, die sich fast alle zum Katholizismus bekennen, entbehrte bis vor kurzem eines deutschen Gymnasiums wie auch eines Schülerinternates, das die Söhne der schwäbischen Landwirte aufnehmen konnte. Man schickte die Söhne in das weit entlegene Temesvar oder nach Siebenbürgen; das konnten sich aber nur die Wohlhabenden leisten, infolgedessen blieb vielen jungen Leuten, die studieren wollten, der Weg zum Studium verschlossen, oder aber, sie gingen dem Deutschtum verloren. Denn die Lage Sathmars im äußersten Nordwestzipfel Rumäniens birgt infolge der völligen Abgeschlossenheit vom übrigen Deutschtum in Rumänien schwere Gefahren in sich, auch in religiöser Hinsicht; die große Mehrheit ihrer Umgebung gehört anderen Religionen an; die Ungarn sind zumeist Kaloiner, die Rumänen sind griechisch-orthodox, außerdem bilden die Juden einen starken Prozentsatz der Bevölkerung. Aus älterer Zeit her sind die katholischen Geistlichen und Lehrer, die die katholischen Schwaben zu betreuen haben, fast ausnahmslos Magyaren. So ist es eine Hauptaufgabe des neuen Gymnasiums und des soeben eingeweihten Schülerheims, deutschen Nachwuchs für den Geistlichen- und Lehrer st and und eine deutsche Intelligenz heranzubilden. Mit welcher Zähigkeit und Treue die Sathmarer Schwaben an ihrem Glauben und ihrem Volkstum hängen, bas bewies die allgemeine Freude und Anteilnahme, mit der man im ganzen Siedlungsgebiete die Einweihungsfeier begleitete. Hatten ja die Bau- und Einrichtungsarbeiten der schwäbischen Bevölkerung die größten finanziellen Opfer auferlegt. Nicht weniger als 600 Festgaste hatten sich an diesem Festtage des Deutschtums eingefunden. Domherr Professor Dr. Nischbach, der verdiente Leiter der katholischen deutschen Lehrerbildungsanstalt „Bana- tia" in Temesvar, vollzog im Auftrage des Diözesanbi- jchofs Dr. Stephan Fiedler die kirchliche Weihe.
wenn man einen Nationalsozialisten, der angeblich etwas „zu sagen" hat, einmal zu einer geistigen Auseinandersetzung auffordert, bei der es auf das Aufzeigen des Wesentlichen ankommt. Vorläufig scheinen die Nation a l sozialisten für die notwendige Aussprache unter den gesunden Kräften der jungen deutschen Generation noch nicht reif zu fein. Mit na-
Derantwortlich für „Das Blatt der Jugend": Dr oec. publ Ioleph Sauer- Fulda
Bei schlechtem Mundgeruch tüchtig gurgeln mit dem guten Chlorodont-Mundwasser. Flasche 1 Mk. Versuch überzeugt. SMIten Nch rnr mtnhrw'HM-n, bUTirten Nachahmungen.
Die Gestaltung der Theakerabende.
Anregungen und Vorschläge für die praktische Volksbildungs-Arbeit der Vereine.
Von Joseph W. Wilhelm.
Auch die diesjährige Weihnacht mit ihren Folgetagen erweist, wie notwendig eine — Auseinandersetzung über die Frage: „Was sollen wir spielen" ist. Wieder krachen die Schüsse der Wilderer auf der Bühne und die Darsteller mühen sich, die Unmöglichkeiten der Schreiber in der Handlung wiederzugeben. Gegen die „Frömmelei" mancher Stücke müßte der Staatsanwalt einschreiten, damit er die Verfasser wegen Mißbrauch religiöser Formen zur Anklage bringe. — Daß bei dem Unsinn im Aufbau derartiger Stücke die Spieler wie verkrampfte Puppen auf der Bühne herumwursteln, ist nur allzuleicht verständlich: die Rollen haben keinen Gehalt in sich und aus diesen blutleeren Gebilden läßt sich nichts Ueberzeugendes machen. Aber wir wollen uns in diesen Schlingen nicht weiter festwühlen. Ich möchte heute den Versuch machen, Wege zu zeigen, die aus diesen Schlingen herausführen. Da ist zunächst die Frage nach dem
Sinn eines Theaterabends.
Wenn die Mutter Eflen kocht, so fragt sie sich erst, was sie kochen will. Sie schält keine Kartoffeln, wenn si« einen Mehlbrei kochen will. Sie macht auch keinen Schweinebraten dazu; denn der würde nicht zu dem Mehlbrei mit den eingerührten Aepfeln schmecken. Jedes Gericht hat seinen Sinn und die verschiedenen Speisen sind aufeinander abgestimmt. — Nur in geistigen Dingen fehlt uns das Gespür, für solches Zusammengehören. Ein echter Theaterabend muß seinen Sinn haben, so gut
wie das leibliche Gericht der Mutter. Wir dürfen uns nicht den geiftigen Magen verstauchen.
Wenn ein Abend unter dem Zeichen der Fremdenlegion steht und ein derartiges Stück bringt, so ist das ein guter Gedanke. Käme noch ein kurzes Vorlesestück aus einem Fremdenlegionärs-Buch hinzu, das im Erlebnis eine andere Seite der afrikanischen Söldlinge in ihrem martervollen Dasein zeigte, der Abend wäre in sich wohl geschlossen. Durch das angehängte Lusffpiel wird aber seine Wirkung wieder zerrissen.
Oder ein Redner spricht über die Not unseres Volkes und dem Vortrag folgen drei luftige Stücke. Der Redner müßte schon den Zug zum Heiteren als eine Grundkraft zur Befreiung unserer Not dargestellt haben, um ein solches Programm zu rechtfertigen. Aber das hat er sicherlich nicht getan. Zu einem solchen Vortrag gehört ein ernstes Stück — oder wir warten mit den Luststücken bis zu einem anderen Abend. —
Solche Entgleisungen müssen aus unseren Spielfogen verschwinden. Cs gibt genug gute Gedanken für eine Abendveranstaltung, ohne daß eine Mißgeburt daraus wird. Machten sie doch einmal irgendwo aus einer Weihnachtsfeier eine üble Dingelbangei- Vorstellung, indem sie Weihnachtslieder mit Schauturnen, Christbaum-Derlosung, Kuplets (zu deuffch Blechgesang) und einem Weihnachtsspiel zusammen- manschten. Hätten das die Gottlosen getan, wir hätten sicherlich wegen Beleidigung Widerspruch erhoben. Es scheint manchmal, als ob über dem Theatergeschäft aller Verstand verloren würde. Wird aber ein einheitlicher
Gedanke zugrunde gelegt, dann ist dem Abend von vornherein eine bestimmte Wirkung zu eigen.
Das Kirchenjahr gibt reichlich Anlaß zu solch harmonischer Feier. Da ist das Weihnachtssest mit den Krippenspielen, die Fastenzeit mit der Leidensgeschichte. Und daneben ist das bürgerliche Jahr. Es muß durchaus nicht unbedingt ein religiöser Abend sein, der den Grundgedanken hergibt. Fa st nacht lockt zu ausgelassenen Spielen. Wir haben vaterländi- s ch e- und M ä r ch e n s p i e l e, die gehaltvoll sind. Wenn ein Abend etwa nur Märchenspiele gibt, so ist sein Gesicht ohne weiteres gerettet. Und nur solche, die keine Versuche damit gemacht haben, sagen, das Volk wolle keine Märchen. Das Volk liebt die Muttermilch der Märchenweisheit allzusehr, als daß es sich nicht daran satt tränte.
Nur ein wurmstichiches Lebensgefühl kann die Entartung im Theaterspiel erklären. Und gerade um einen vertieften Lebenssinn sollte es gehen. Zum Glück sind neben den Entgleisungen auch Ansätze zu einer guten Gestaltung der Theaterabende bei uns zu Land gegeben. Da wurden das „A d v e n t s s p i e l" nub das „Weihnachtsfpiel" von Franz Herwig aufgeführt, je an einem Abend. An einem anderen Ort einigte man bie Vereine ebenfalls zu einer Adventsfeier in einem mit Tannengrün stilvoll ausgeschmückten Saal. Und der Adventsruf „Wachet auf!" bleibt Mittelpunkt des Abends. — Dann wieder steht ein großes Lusffpiel im Mittelpunkt des Abends. — Dann wieder steht e i n großes Lustspiel im Mittelpunkt einer Gesellenvereins- Veranstaltung mehr, als sich von außen überblicken läßt. Denn die stillen und abgerundeten Feiern, die nicht des Geschäftes wegen wiederholt wurden, kommen leider nicht in die Berichtsspalten der Zeitung.
Der Zuschauer will ergriffen, mitgerissen, einbezogen fein. Deshalb ist eine (
Lockerung der starren Theaterabende
mitunter die beste Vertiefung der Abendidee. Bei einer Advents- ober Weihnachtsfeier sollten gemeinsame Lieder gesungen werden Es muß nicht immer und bloß Theater gespielt werden. Eine Feier am Totensonntag kann des Theaters durchaus entbehren. Wenn die Veranstaltungsfolge gut abgewogen ist, wird ein solcher Abend durchaus wirken. Da wechseln etwa Gesangsvorträge des Männergesangvereins mit einer Gedenkansprache Auch ein Totengedicht und ein Abschnitt aus einem Kriegsbuch kann dabei zum Vor- tiag kommen. — Ueberhaupt sollten wir immer mehr von der Eigenbrödelei der einzelnen Vereine loskommen und uns zu gemeinsamer Veranstaltung des Dorfes oder der Pfarrei zusammenfinden. Freilich muß der Gedanke eines solchen Abends bann gut burchgeführt sein, foflft enden wir auf einem Acker, auf dem Kraut und Rüben durcheinandergepflanzt sind. Auch die Singgruppen unserer Iugendvereine fehlen noch allzu oft bei den Veranstaltungen. Durch sie könnte die Verbindung von der Bühne zum Saal leicht geschaffen werden. Schattenspiele können hinzukommen, ober das Bühnenspiel ersetzen, besonders bei einem heiteren Abend. Dadurch wirb mehr Raum geschaffen für das Miteinander der Gemeinschaft.
Alle diese Gedanken sind an sich nicht neu. Sie sind in Büchern ausführlich niedergelegt, und zwar von Leuten der Praxis. Natürlich kann nur ein Mensch mit Stumpfheit ein restlos fertiges Programm verlangen, das er nur nachmacht. Freilich ist es leicht, ein Stück im Nachbardorf zu borgen und es kurzerhand nachzu- fpielen. Aus dieser geistigen Bequemlichkeit und Faul- hest müssen wir heraus, die Verantwortlichen müssen ihre Verantwortung übernehmen.
(Schluß folgt.)