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Ar. 300.

Fuldaer Zeitung (Amtliches kreisblatt)

Mittwoch, den 30. Dezember

Der nationale Gedanke.

Stehen wir heute etwa schon an der Schwelle eines neuen glücklicheren Zeitalters, das aus dem Advent geboren werden will? Stehen wir etwa gar nicht in einem Advent des Aufstieges und der Erlösung, sondern mitten im Niedergang und vor dem Untergang?

Schier möchte es so scheinen bei einem Volke, dem ein Minimum von Weihnachtsfrieden dekre­tiert werden mußte. Und in der gleichen Zeit« stund« ruft unser Volk nach einem Messias, wie im 2ldvent der Jahrtausende vor Christus das Volk nach dem Erlöser rief.

Vielleicht sind wir im Werden einer nationalen Neugestaltung, in der Verwirklichung gesunder na­tionaler Neuideen. Wenigstens lassen sich die An­satzpunkte dessen, was werden will, schon deutlich erkennen.

Uns Katholiken fällt in dieser Zeitepoche eine entscheidende Rolle zu: uns aus einer tiefen, echt katholischen Liebe heraus, mit seelischer Spann­kraft tatkräftig mit Hand anzulegen, um diefe Zeit in diesem Volke, das seit Jahrhunderten von Leid bis in die tiefste Seele erschüttert ist, zum Advent werden zu lassen, an dessen Ende Weihnachtsglocken den Eingang einer neuen glückhaften Zukunft kün­den, Vorboten wecken für die Auferstehung, die Be­freiung.

In der gegenwärtigen weltpolitischen Lage ha­ben wir wohl keine militärische Macht mehr in die Wagschale zu werfen. Sie entscheidet aber auch nicht. Was uns die überlegene Macht bringt, das ist die Einigkeit unseres Volkes, das sich einsetzt mit stärkstem nationalen Selbstbehauptungswillen, das die Kräfte sammelt, die ihm der deutsche Boden verleiht. Und dieses Volk wiederum hat die Auf- gäbe, die weltgeschichtlich entscheidende Geistes­schlacht mit den Todfeinden wahrer christlicher Kul­tur auszufechten, die Wiedergeburt des nationalen gesunden Gedankens zu ermöglichen. Ungeheure Erschütterungen der Gegenwart gefährden noch dieses Werk. Die Spreu ist noch nicht vom Weizen gesondert. Die heilige Zeit ruft zur Besinnung, zur Einkehr.

Kommen wir uns doch endlich näher, im eige­nen Vaterlanüe, wie in der Well. Suchen wir doch unserer Kirche nachzuahmen, die so besorgt ist um ein fried-, freund-nachbarliches Verhältnis der ein­zelnen Völker zueinander, die allumfassend ist, ohne „international" genannt werden zu können. Denn nie steht unsere Kirche „zwischen den Nationen", nein, ihre Kraft verbindet sich mit der gesunden na­tionalen Gesamtkraft jedes Volkes; unsere Kirche ist nicht deutsch, italienisch, französisch oder englisch etwa. Nein, sie bleibt die eine und gleiche unter allen Völkern und für alle Völker, baut auf auf der nationalen Kraft jedes Volkes.

So sehr unsere Kirche wiederum der völkischen Kraft und Eigenart verbunden ist, so ist sie doch letztlich nicht von Völkern, sondern von Seelen auferbaut. Und für Seelen versagt das äußerlichen Formen nur Ausdruck gebende Band einer Inter­nationale. Seelen verknüpft einzig der für sie und die chnen zu bildende Gemeinschaft Gekreuzigte. Die Kirche ist deshalb die nicht nur übernationale, sondern übernatürliche geheimnisvolle Gemein­schaft des Corpus Christi. Darum kann sie allein jene Bande knüpfen von Volk zu Volk, die un­zerreißbar sind, weil nicht von Menschenhänden ge­knüpft, wie jene zu Wasser und zu Lande, in der Lust, die heute vertragsmäßig Völker verbinden, materiellen und geistigen Güteraustausch ermög­lichen.

Umso kraftvoller, umso segensreicher sind die in­nerlichsten Beziehungen unserer Kirche zum natio­nalen Gedanken. Nation ist der Familie verwandt.

Sie ist ja gewachsen auf dem Mutterboden des Va­terlandes. Und die gleiche Kirche, die für die Fa­milie sich unvergleichbare Verdienste erwarb, wird sich heute und in aller Zukunst als der stärkste Hort der Pflege des Volkstums erweisen.

Nation hat weiterhin sehr viel mit dem Urwuchs der Persönlichkeit gemein, mit ihrer Individualität, ihrer Schöpferkraft, ihrem Kämpfen und Erleiden, ihren Schicksalen.

Woher könnte aber der Persönlichkeit tieferes Verständnis und stärkere Kraft zuströmen, als aus jener Weltanschauung des Höchstmaßes persönlichen Einsatzes, das unsere Kirche in ihren Forderungen und Leistungen verkörpert!

Ist es wahr, daß das deutsche Volk sich unter­scheidet in die Männer und Frauen des Besitzes des nationalen Ethos und die an ihm Besitzlosen, wie nationale Kapitalisten und nationale Proletarier? Das ist eine ungewöhnlich entscheidende Frage.

Wir verneinen sie aus unserer christlichen Ile« berzeugung. Denn wir wissen aus unserer gottes­gläubigen Auffassung vom Menschen, daß in jeder Menschenseele die nationale Anlage steckt, weil Seele und Nation dem gleichen Schöpferwillen ent­sprungen sind.

Es ist die gleiche Konsequenz, mit der wir jede einzelne Seele und das Gottesreich auf Erden auf­einander angelegt schauen nach der tiefen Einsicht Tertullians von der „Anima naturaliter christi- ana."

Deshalb besteht für uns die Mission des natio­nalen Gedankens in nationaler Mrsfionsarbeit.

Wir freuen uns mit denen, die ob ihrer Tra­dition und Erziehung keine Einbuße am nationa­len @Ion erlitten haben. Aber wir kennen auch die anderen, die Schiffbruch litten ohne ihre eigene Schuld. Und wir sprechen nicht mit dem Pharisäer: ,Hch danke dir, o Gott, daß ich nicht bin, wie die anderen!", sondern mit Christus: „Misereor super

turbam" — „Mich erbarmet des Volkes" —, das wie..eine Herde ohne Hirten", ja wie eine Masse in der Hand von Demagogen war.

So, und nicht anders, werden wir unseren Weg gehen, unbekümmert um die Konstellation des Au­genblickes, aber mit heißem Wollen und im Lichte unseres Weihnachtsglaubens, um das Werden des nationalen Gedankens mit dem Erbgute christlicher Weishett und katholisch-apostolischem Ethos zu ver­schmelzen, auf daß beide keine getrennten Wege ge­hen, sondern sich finden in ihrer von Gott prästa- lierten Harmonie.___________________

Vier Kinder verbrannt.

Tragödie in einem Wohnwagen.

In einem Wohnwagen in der Nähe von Kol- mar brach infolge Ueberheizung des Ofens Feuer aus. In dem Wagen schliefen fünf Kinder, von denen sich nur eines retten konnte, während seine vier Geschwister im Alter von 8, 7 und 5 Jahren in den Flammen den Tod fanden. Auch ein fünf Monate altes Baby verbrannte. Das gerettete Kind hat so schwere Brandwunden davon­getragen, daß an seinem Aufkommen ge­zweifelt wird.

* Iagdpiichter erschießt versehentlich den eige- nett Förster. Der Pächter der Gemeindejagd von Syckadel bei Kottbus, Dr. Herbert Kann aus Bersin, erschoß durch ein bedanersiches Versehen seinen Förster Erich Kiehle, mit dem er sich auf den Anstand begeben hatte. Kann hatte gegen Mitternacht einen Schuß auf ein Stück Wild abge- geben. Ungefähr 40 Minuten später näherte sich der Förster seinem Hochsitz, ohne irgendein Zeichen zu geben. In der Meinung, er habe wieder ein Stück Wild vor sich, schoß Kann aus etwa 30 Meter Entfernung auf Kiehle und verletzte chn

durch einen Bauchschuß tödlich. Der Unfall ist um so tragischer, als Kiehle kurz vor seiner Hoch­zeit stand. ,

Gruben-Tragödie in England.

Fünf Grubenauffeher bei einem Rundgang durch giftige Gase getötet.

In der Frickley Kohlengrube bei D o n c a st e r in Porkshire (England) wurden am Montag fünf Aufseher durch Kohlenoxydgase vergiftet und ge­tötet. Die Aufseher befanden sich bei einer größe­ren Gruppe, die einen Jnspektionsrundgang durch eine Grube machte, die wieder eröffnet werden sollte. Als einer der Aufseher, der voranging, plötzlich bewußtlos zusammenbrach, eilten ihm vier andere zu Hilfe. Auch diese wurden jedoch sofort durch die an der Unfallstelle angesammelten Gase getötet.

* Schußwaffen gehören nicht in Linderhände! In Damsendorf (Kr. Gardelegen) ereignete sich am 3. Feiertage ein tragischer Unglücksfall. Ein Gutspächter hatte feinem 11jährigen Jungen einen Tefching zu Weihnachten geschenkt. Der 3jährige Sohns!) des Gutsarbeiters Bösche spielte mit dem Tesching und legte auf den SjLh- rigen Bruder an. Die Waffe entlud sich und die Kugel traf den Knaben ins Herz. Er brach tot zusammen.

Hoffnungsvolle Primaner ...!

Nächtlicher Raubüberfall auf einen Studienassessor.

Im Restaurant des Naumburger Bahn­hofes wurden zwei Primaner festgenommen, die in der Nacht einen Studienassessor ü b e r f al« len hatten, um ihn zu berauben, aber durch Passanten vertrieben worden waren. Die beiden Verhafteten trugen Schußwaffen bei sich. Ihnen werden noch ähnliche Vergehen zur Last gelegt; einer der Schüler hat bereits ein umfassendes Ge­ständnis abgelegt.

Ariisten-Schickfal.

Trapezkünstler Barbette tödlich verunglückt, '

Der bekannte Verwandlungs- und Trapezkünst­ler Barbette ist nach einer Bkättermeldung aus Paris in Barcelona vom Trapez tödlich abgestürzt. Vor etwa einem halben Jahr war Barbette das letzte Mal in Berlin im Winter­gatten. Barbette war einer der besten Verwand­lungsnummern, die das internationale Variete gehabt hat. >

Reue Bücher.

Albertus Magnus, der neue deutsche Heilige aus dem Geschlecht der schwäbischen Grafen von Ballstädt, lehrte in den Dominikanerklöstern Straßburg, Freiburg, Re­gensburg, Köln und Hildesheim, verwaltete von 1254 bis 1256 als Provinzial die deutsche Ordensprovinz und war in den Jahren 1260=62 Bischof von Regensburg. Eine grohangelegte Einführung in sein Leben und Werk —■ ,hex Gelehrte ragte besonders durch seine Kenntnis der aristotelischen Philosophie und auf dem Gebiet der Na­turwissenschaft hervor — bietet das von P. Hieronymus Wilms, O. P. im Verlag Josef Kösel u. Friedrich Pustet, München, herausgegebene Buch „Albert der Große" (237 Seiten. Ganzleinenband Mk. 5.80).

Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer. Verantwortlich für die Anzeigen: Direktor der Fuldaer ActieNdruckerei I. Par zell er.

Zwischen zwei Konferenzen.

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Nach langen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen hat die Finanzsachverständigen- Konserenz in Basel ihr Gutachten über die deutsche Wirtschaftslage abgegeben und da- mit ihre Arbeit beendet. Demnächst soll nun in Genf die Abrüstungskonferenz beginnen.

Hier bedeutet Reden — Stahl. Hier bedeutet Schweigen Gold.

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Die große Chance.

Roman von Mattin S t i e b i n g.

Copyright 1930 by Carl Dunker, Verlag, Berlin.

27] ---------

Kolshorn verbarg seinen Aerger nicht: „Alles Leute, die mit unserem Weide groß geworden sind!"

Andrea wehtte ab: „Schließlich kann man es doch den Leuten nicht verdenken."

Kolshorn ärgerte sich weiter: „Ich werde in den Arten überall Vermerke machen lassen, wer heute bei uns abgesprungen ist. Wenn sie uns mal wieder brauchen, sollen sie den heutigen Tag mitbezahlen."

„Wir wollen sioh sein, wenn sich unsere Kunden wie­der zu uns zurückfinden," verwies ihn Behrend.

Bis halbvier Uhr nachmittags plünderten Schecks, telegraphische 216rufe, Depotauslieferungen und Ab­hebungen das Bankhaus Mühlenkamp aus. Kein Kunde brauchte länger zu warten als ein paar Minuten. Die Mühlenkamp-Bank zahlle prompt und ohne Stocken.

Tauscher arbeitete wie eine Maschine. Als er sein Kassabuch prüfte, fand er, daß er an diesem Tage kernen Eingang zu verbuchen hatte.

Jede halbe Stunde ging eine Aufstellung der ge­zahlten Betröge zu Andrea, die leidenschaftslos die Zif­fern eintrug und schweigend mit ihren beiden Proku­risten zusah, wie die Bank ausgeraubt wurde.

„Wieviel Depositen haben wir, Herr Kolshorn?"

„Zirka achtzehn Millionen."

Andrea nahm den Enübericht der Kaffe entgegen, den Tauscher persönlich überbrachte.

„Wir haben heute knapp fünfzehn Millionen aus­gezahlt, meine Herren, bleiben noch drei Millionen täg­liche Einleger, die nicht abgeholl haben. Soviel müssen wir also morgen noch vorrätig haben. Außerdem achten Sie darauf, daß wir an den Kündigungstagen der lang« ftistigen Depositen immer sofort regulieren können."

Kolshorn nickte nur: „Ob man in der Oeffentlichkeit weiß, wieviel wir ausgezahlt haben? Da wird es ja phantastische Gerüchte geben."

Andrea sann nach: „Sollte man nicht die Ziffern nennen, damit die Leute wissen, wir regulieren jede, noch so große Summe sofort?"

„Eine glänzende Idee," fuhr Behrend hoch. „Es ist doch besser, wir geben einen Bericht, als daß irgend ein Neidhammel böswillig erlogene und schadende Behaup­tungen ausstreut."

So kam es, daß Hollgarten zu seinem grenzenlosen Erstaunen im Abendblatt folgende Notiz las: Heute kam es auf allerlei böswillig verbreitete Gerüchte hin zu einem Run auf das Bankhaus Mühlenkamp. In we­nigen Stunden hat die Mühlenkamp-Bank reibungslos zirka fünfzehn Millionen Depositen ausgezahlt und für fast vierzig Millionen Wertpapiere ausgeliefert. Schon nachmittags waren die Einleger wesentlich beruhigt, als sie sahen, daß ihre Gelder ohne Stockung disponibel waren. Gegen die Verbreitung der sinnlosen Gerüchte wird das Bankhaus Schritte unternchmen, die recht emp- findliche Folgen für die Ausstreuer dieser Nachrichten nach sich ziehen werden.

Hollgarten stürzte zu Wollweber: „Haben Sie das gelesen, Herr Kommerzienrat?"

„Was geht das uns an?"

Hollgarten ereiferte sich: „Denken Sie doch an das arme Mädel, was mag es durchgemacht haben?"

Wollweber schmunzelte: „Sieh mal einer an!"

Hollgarten suchte verlegen nach Worten: „Sehen Sie, Herr Kommerzienrat, wenn ich auch heute zu Ihnen ge­höre, so war ich doch jahrelang bei Mühlenkamp, es tut mir doch leid, daß ein Bankhaus, an dem ich ge­hangen habe, so etwas durchmachen muß. Und die armen Kollegen — das war doch ein entsetzlicher Tag für sie. Und kein Mensch, der alles in einer Hand mei­stert. Der Alte rft doch krank."

„Wenn Ihnen das Mädel so leid tut, so helfen Sie ihm doch, lieber Hollarten. Sie waren doch der erste, der am liebsten Mühlenkamp als Bettler gesehen hätte."

Hollgarten wehrte ab: „Das sagt man so hin, Herr Kommerzienrat, wenn man gerade voller Wut ist. Ernst­lich war das nicht gemeint."

Wollweber lachte über das ganze Gesicht: „So höre ich sie erst reden, seitdem Fräulein Mühlenkamp als Stellvertreterin aufgetaucht ist."

„Ich kenne sie gar nicht näher. Sie hat auch mtt meinen Gefühlen für Justus Mühlenkamp nichts zu tun."

„Kann ich mir denken," scherzte Wollweber doppel­sinnig. „Sie hat sehr schöne ■ Augen," fuhr er fort — und beobachtete Hollgarten. „Im übrigen sollten Sie wirklich bei ihr anrufen und fragen, ob Sie irgendwie behilflich sein könnten."

„Der Alte wirst mich auf der Stelle hinaus. Außer­dem verdient er es ja gar nicht, daß man sich um sein Geld kümmert."

Wollweber wurde ernst: „Wissen Sie was, Hollgar- ten? Was ich von der Tochter Mühlenkamps sagte, war nur ein Scherz. Well es mir Spaß macht, zu sehen, daß Sie noch verlegen werden können. Im übrigen ist es natürlich nicht üblich, daß die Konkurrenz, in diesem Falle wir, dem anderen hilft. Ader sehen Sie an. Der alte Mühlenkamp hat eine Sauwut auf Sie. Es ist wirklich nicht nötig, daß Sie chn zum Feinde haben. Er hat sich redliche Mühe um Sie gegeben, wenn er sich auch einen Nutzen davon versprochen hat. Sie ha­ben viel bei ihm gelernt Sie kennen auch sein Geschäft am besten. Rufen Sie ruhig an, fragen Sie, ob Sie irgendwie behilflich sein können. Er ist krank — ein alter Mann. Reichen Sie ihm als Jüngerer versöhnend die Hand. Wenn er es abschlagen sollte, so haben Sie alles getan, was Sie tun konnten. Mühlenkamp wird es Ihnen doch nicht vergessen, daß Sie zu chm gekom­men, als ihm keiner mehr vertraute. Und den Anlaß zu Eurer Feindschaft haben Sie ja gegeben. Sie hätten den Auftrag von vornherein ablehnen müssen. Wenn Sie ihn aber übernahmen, dann mußten Sie ihn auch ausführen."

Hollgarten überlegte: „Es kam so plötzlich über mich Sehen Sie, wenn man handelt und Börsengeschäfte macht so sieht man nur die Abrechnung und vielleicht die Ware. Nie aber den Menschen. Man überlegt gar nicht, ob ein Mensch von dem Geschäft betroffen wird. Man kaust und verkauft, hat Gewinn oder Verlust. Be­kommt die Schlußnoten und sieht nur Ziffern. Man stumpft gegen Geld und Werte ab. Es geht zuviel Geld durch die Hände. Man zerbricht sich gar nicht den Kopf, ob ein Mensch von diesem Gell» dirigiert wird.

Und, als ich plötzlich zu Mickendecker kam, da sah ich, nicht, wie in der Bank, nur Wechsel, Klageschrift, Grund­bucheintragungen und Zwangsversteigerungs-Anttäge. Ich sah einen sorgenvollen Menschen, der mit der Erd« verwachsen war. Genau wie ein Saum. Ich wußte, wenn Mickendecker entwurzelt würde, so würde er ver­dorren und absterben. Da konnte ich nicht anders."

Wollweber hob den Telephonhörer ab: „Da, mein Junge, telephonieren Sie mit Mühlenkamp und sagen Sie sich an, für heute abend noch. Er macht heute das durch, was Mickenbecker durchmachen sollte."

*

Als Andrea den Hörer niederlegte, verharrte sie we­nige Sekunden in Gedanken verloren: Ein netter Junge, der Hollgarten. Er wäre doch der letzte, der sich um Vater zu kümmern brauchte. Ein Jammer, daß sie sich beide so in die Haare gefahren sind.

Langsam ging sie zum Schlafzimmer ihres Dakers zurück: „Hollgarten hat angerufen, er möchte Dich gern ein paar Minuten sprechen und sich nach Deinem Be­finden erkundigen. Ich habe ihm gesagt, er solle ruhig kommen. Ob Du ihn empfangen könntest, wüßte ich nicht. Sonst könnte er ja auch mit mir sprechen."

„Hollgarten," dehnte Mühlenkamp, ,chas ist ja merk­würdig!"

„Ist doch sehr nett von ihm, nachdem Ihr Euch so verfeindet habt."

Ich möchte nur wissen, ob er damals schon genau gewußt hat, daß bei Mickendecker Kaolin zu finden war!"

Andrea ergriff Hollgartens Partei: „Ich habe ihn danach gefragt — und — er war furchtbar wütend, daß wir so etwas von ihm glauben könnten. Und ich denk«, er lügt nicht!"

„Du nimmst ihn ja sehr in Schutz, Andrea!" wun­derte sich Mühlenkamp plötzlich. „Ich glaube aber, Du hast recht — lügen kann Hollgarten nicht."

„Ich finde es jedenfalls nett von ihm, daß er sich nach Dir erkundigt. Gerade jetzt, wo Du krank bist und außerdem die Bank ihre schwerste Zeit durchmacht. Er ist doch einer unter den Wenigen, die sich jetzt nicht von uns zurückziehen. Vergiß den alten Streit nnd sage ein paar gute Worte zu ihm." (For zt.)