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Aus der Thüringischen Rhön.

Aus Geisa und Umgebung.

von jeder hemmenden Bevormundung und rechtlichen Ausnahmestellung, mündig erklärt zur Selbstverwaltung, seiner eigenen staatsbürgerlichen Interessen und sozia­len Interessen, ebenbürtig an die Seite gestellt den ältesten Erwerbsständen, aufgerufen zur freien freudigen Mitarbeit mit allen übrigen Ständen des Volkes.

Damit war ein gewaltiger Wandel der sozialen un­politischen Stellung des deutschen Arbeiters in seinem Volke herbeigeführt, zwar vorerst nur ein ä u ß e- rer Wandel, nämlich die Befreiung von den bisherigen Fesseln eines Herrschaftsoerhältnisses. Diese Befreiung des Arbeiterstandes hat die katho­lische Werkjugend von ihren Vätern als Erbe bekommen. Das Ziel der Arbeiterbewegung ist nach außen in der Staats- und Gesellschaftsordnung erreicht. Was die Frucht eines organischen Fortschritts sein sollte, wurde in einem gewaltsamen Sprunge erstrebt. Das innere Leben kennt aber keine gewalt­samen Sprünge, sondern nur organisch en Fortschritt. Letzterer muß nun von der katholischen Werkjugend nachgeholt werden. Das ist ihre Aufgabe und Sendung, zu der sie das Erbe verpflichtet.

Aeußerlich sind alle Fesseln und Hemmungen der Durchführung der vollen Gleichberechtigung der deutschen Arbeiter auf immer beseitigt. Die organische Einglie­derung aber, das seelische Verwachsen der Ar­beiter als vollbürtiges Glied der Volksgemeinschaft bleibt erst noch zu leisten. Die innere Befreiung, diese organische lebendige Eingliederung der Arbeiter in das Dolksganze, sein seelisches Verwachsen mit den übrigen Gliedern und mit der Gesamtheit ist nämlich nicht das Werk einer Revolution, einer Verfassung, oder sonst einer Gesetzgebung, auch nicht allein des Ausbaues ge­waltiger Arbeiterorganisationen. Diese Eingliederung muß das Werk der Selbstbetätigung der Arbeiter in der Entfaltung der in ihnen ruhenden g e i st i g en und seelischen Kräften und Anlagen, ins­besondere in Weckung und Pflege ihrer standesbildenden und staatsfördernden Kräfte sein. Erst diese Arbeit der sozialen, staatsbürgerlichen und kulturellen Bildung und Schulung an sich selbst bringt den Arbeitern

die innere Befreiung und Erhebung aus der Unmündigkeit.

Durch diese Bildung«-, Erziehungs- und Schulungs­arbeit soll erreicht werden, daß die Arbeiter sowie die älteren Stände ein sich selbst genügendes, ständisches Eigenleben entfalten und zugleich

als Glied der Volksgemeinschaft sich freiwillig in deren Dienst stellen.

Erst wenn jedes Mied des Körpers gesundes Leben in sich selbst entwickelt, kann es auch dem Gesamtorganis­mus etwas leisten; es muß sich aber auch ganz in den Dienst der Lebensgemeinschaft stellen, will es selbst ge­deihen. Sobald es sich dem Gesamtleben entfremdet, nur auf sein eigenes Wachstum bedacht ist, schnürt es sich selbst vom Blutkreislauf ab. Das gilt auch vom neuen Arbeiterstand als vollberechtigt gewordenem Glied der Volksgemeinschaft.

Mit der Aufrichtung des sozialen Volksstaates sind die Arbeiter von allen früheren sozial und politisch nie­derhaltenden äußeren Fesieln befreit und allen übrigen Ständen gleich gesetzt worden. Das war die äußere Tat. Nun gilt es, auch ein ebenbürtiger vollgültiger Stand mit eigenem, innerlich befriedigendem, das Volks- gemeinschaftsleben befruchtendem Standesleben zu wer­den. Diese innere Tat der Umwandlung der emporrin­genden Arbeiterbewegung, der kämpfenden Arbeiterklasse in den Arbeiterstand muß das aufbauende

werk der jungen Arbeiterbewegung,

wie sie in der kath. Werkjugend verkörpert ist, fein. Sie hat ein Arbeiter standesleben aufzubauen, so­dann aus diesen heraus mit Staat und Gesellschaft zu verwachsen. Das ist ihre Aufgabe und damit ihre ge­schichtliche Mission.

Ferdinand Göbel, Köln.

Advenksfeler

der katholischen Iugendvereine von Großauheim a. M.

Die kath. Jugendvereine hatten ihre Eltern und ihre Mitglieder, sowie die Angehörigen der Gemeinde zu einer gemeinsamen Adoentsfeier in den Sternsaal eingeladen. Der mit Adventskränzen stllvoll ausgeschmückte Saal war bei Beginn des Abends überfüllt. Eine weihevolle Stille lag über dem Saale, als der Gongschlag den Beginn der Feier ankündigte. Das Orchester der Sturmschar setzte ein zu einer „Festouvertüre". Ein Adventsgedicht, fein vorgetragen von einem Mitglied der Mar. Iungfrauen- Kongregation, vertiefte die Adventssehnsucht. Als der Vorhang sich wieder teilt, steht die Singschar der beiden Jugendvereine um den Adventskranz. Das Gitarren- und Mandolinenorchester der Jungfrauen begleitet zwei alte Adventslieder: „Ave Maria, zart" und „Morgenstern der finsteren Nacht" aus dem 17. Jahrhundert. Der neue Präses, Kaplan Knauf, gab m feiner Ansprache der Freude Ausdruck, so viel Freunde begrüßen zu dürfen, er sprach vom Sinn und Zweck der Adventsfeier. Ju­gend will durch neue Form und neuen Stil dem Alter und den Eltern zeigen, wie man in großer Gemeinschaft Advent feiert und sich einstimmt in den Festgedanken der kommenden Weihnachtszeit.

Den Abschluß der Vorfeier bildete ein dramatischer Adoentsprolog, der für diese Feier der Großauheimer Jugend eigens von Studienassessor Dr. Murawski- Heiligenstadt, verfaßt worden war. Mit Spannung er­wartet man das angekündigte Adventsspiel des verstorbe­nen Dichters Franz Herwig „Wachet auf", so hebt der Chor hinter dem Vorhänge an. Es treten die einzelnen Personen auf, im Vorspruch die anmutige Frau Welt, in der ärmlichen Mansarde Menschen verschiedener Gei­steshaltung. die nach (Erfüllung ihres Sehnens harren und Frau Welt folgen. Dazwischen die Adventsglocken und die rauschende Musik der Welt. Johannes wird im lärmenden (Betriebe der Großstadt berufen, der moder­nen Welt die Erlösung zu verkünden. Er kämpft gegen Welt, Tod und die von Gott abgekehrte Menschheit. Man ermordet ihn, doch sterbend zwingt er einen Teil der Menschen durch feine Adventsdotschast, feine Pfade zu gehen.

Die etwas schwer zu versteheiche gehobene Sprache des Dichters wurde durch Darstellung und gute Sprach­technik der Spieler allen verständlich gemacht. Stilles Mitdenken begleitete die Handlung von Bild zu Bild. Ge­waltig war der Schlußakkord, erschreckend und erschüt­ternd die Erscheinung des Todes. Gewaltige Volksszenen und Massenansammlungen wurden darstellerisch glücklich gelöst. Anerkennung verdient die bühnentechnische Ab­teilung, vor allem der Kulisienmaler des Vereins. Chor, Musik und Spielschar haben nach Tagen schwerer Arbeit das Adventsfpiel den Zuschauern lebensnahe gebracht.

Das Verkehrshindernis.

Skizze von Bernhard F r e d e r i ch - Insterburg.

Niemand konnte eigentlich sagen, wie sich das alles zugetragen hatte; vor allem konnte keine Menschenfeele zuverlässig Auskunft darüber geben, woher der Hahn, dieser leibhaftige, lebendige, echte Minorka-Hahn, der in dieser Hauptverkehrsstraße der Großstadt mit Recht ein olches Aussehen erregte, und, was noch ärger war, eine gefährliche Verkehrsstockung herbeigeführt hatte, eigent­lich gekommen war. Die dicke Gemüsefrau aus dem Keller im Haufe 114 a behauptete, gesehen zu haben, daß der Hahn von dem Dachgarten des gegenüber gelegenen echsftöckigen Hauses herunter flog. Möglicherweise de­ll nd sich dort oben ein Hühnerhof. Dagegen wollte ein Laufbursche deutlich beobachtet haben, daß der Hahn van dem Lastauto einer Speditionsfirma herabsprang, mit dem Kisten und Weidenkörbe offenbar von einer Güterabfertigung abgefahren wurden. Schon möglich, daß einer der Körbe Federvieh enthielt. Allerdings wurde dieser Darstellung von einem Dienstmädchen widerspro-

— Eisenach. (Reichswehroffizier auf der Straße überfallen.) Nachts würbe hier ein Offizier des Reichswehrinfanterie»Regi­ments 15 bei seiner Rückkehr in die Kaserne auf der Straße von mehreren Zivilisten tätlich ange­griffen. Als er sich zur Wehr setzte, bekam er mit einem harten Gegenstand einen Schlag in das Ge­sicht und brach bewußtlos und blutüberströmt zu- sammen. Von den unbekannten Tätern hat man bisher noch keine Spur.

Der Prozeß des Alleuburger Herzogs.

In einem vielstündigen Prozeß wurde vordem Oberlandesgericht die Armenstreitsache (’) des ehemaligen Herzogs von Sachsen-Altenburg geaen das Land Thüringen um die Ungültigkeitserklä­rung des Abfindungsvertrages verhandelt. Wie der Vorsitzende betonte, ist der Herzog bei der Aus­einandersetzung über die Abfindung nicht durch Drohungen zur Dertragsunterzeichnung gezwun­gen worden. Auf Verlangen des Her­zogs habe damals der Altenburger Landtag (24 Sozialdemokraten, zehn Demokraten und sechs Deutschnaitonale) den Auseinanderfet- zungsvertrag einstimmig geneh- migt. Die Klage stützt sich auf formal-rechtliche Mängel, die bei der Vertragsschließunq oorgekom- men feien, und die Thüringen nicht anerkennt. Au­ßer der vertraglichen Abfindungssumme von 5,2

djen, das angeblich gesehen hatte, daß sich der Hahn be- reits auf dem Asphalt befand, ehe das ftagliche Lastauto kam; nach dieser Lesart war der Lastwagen über den Hahn hinweggefahren, allerdings nicht mit den Rädern, und das Tier kam unter Verlust einiger Schwanzfedern mit dem bloßen Schrecken davon.

Tatsache aber war jedenfalls, daß dieser Minorka- Hahn einem Deus ex machina gleich im Straßenbild auftauchte und nun eine Tatfache bildete, an der man — im wahrsten Sinne des Wortes — „nicht vorbei konnte"; denn der ganze Verkehr auf dieser Straße ge­riet ins Stocken. In langen Reihen stauten sich die Sttaßenbahnwagen, Autos und andere Fahrzeuge, und eine Hundertschaft der Schupo mußte angefordert wer­den, um den Abschnitt der Straße abzuriegeln und den Durchgangsverkehr über die Nebenstraßen umzuleiten.

Und an all dem war dieser arme Hahn schuld, der sich in feiner Haut keineswegs besonders wohl fühlte, sondern eine Todesangst ausstand und einen Mord­spektakel vollführte. Die temperamentvollen Rappen einer auf Gummirädern in schlankem Trab den Fahr­damm entlang fahrenden Equipage hatten gescheut, als der erschreckte Hahn unmittelbar vor ihren Füßen zur Seite sprang. Der Kutscher hatte die Herrschaft über die Tiere verloren, und der Wagen landete auf dem Bür­gersteig, mit der Deichsel das Schaufenster eines Iuwe- lierlabens zertrümmernd. Von den beiden Insassen der Kutsche fiel eine ältere Dame vor Schreck in Ohnmacht. Ein Herr auf dem Bürgersteig wurde umgeriffen und klagte nun über Schmerzen. Man benachrichtigte die Un­fallstation, und ein Sanitätsauto war bald darauf zur Stelle. In der allgemeinen Aufregung gelang es zwei verdächtigen Leuten, einige wertvolle Schmuckfachen an­dern Schaufenster des Juweliers zu entwenden und unbe­merkt in dem Menschengewühl zu entkommen, während die beiden Schupowachtmeister, die gerade zur Stelle waren, alle Hände voll zu tun hatten, die Namen der verletzten Personen, des Kutschers und einiger Umstehen- der festzustellen und in ihren Notizbüchern zu vermerken, sowie die vor Aufregung zitternden Pferde zu beruhigen und den Wagen wieder auf den Fahrdamm zu schieben. Der Inhaber des Juwellergeschäftes wandte sich sofort

Millionen Mark und Wertpapieren, Hypotheken und Schuldverschreibungen in Höhe von 4,8 Mil­lionen Mark hat der Herzog 6 Millionen Mark aus Ersparnissen und außerdem 2,7 Millionen Mark erhalten. Er hatte also 18,7 Millionen Mk. in den Händen, die er mit Hilfe wenig glücklicher Ratgeber in kurzer Zeit verlor.

Bei der Schwierigkeit der Rechtslage konnte das Gericht nicht sofort ein Urteil fällen. Cs «i. nigte sich daher mit den Parteien dahin, daß das Urteil am 18. Januar verkündet wird.

kleine Nachrichten.

Eine Möbelfabrik in Schleiz wurde durch ein Großfeuer völlig zerstört. Die ganze Fabrik mit einem großen Lager fertiger Möbel, sowie das Wohnhaus wurden vernichtet. Der Sachschaden ist sehr groß.

Beim Dreschen mit der elektrischen Dreschanlage verunglückte in Remptendorf ein 63 Jahre alter Landwirt so schwer, daß er ins Krankenhaus ge­bracht werden mußte. Dort ist er seinen Verlet­zungen erlegen.

Das Thüringer Ministerium hat den Direktor der inneren Abteilung des Gothaer Landkran, kenhaufes, Obermedizinalrat Dr. Fürbringer, in Anerkennung feiner Verdienste zum Professor ernannt.

an das Ueberfallfommanbo der Schupo, bas sich jedoch bei feinem Eintreffen nur auf die Feststellung des Tat- beftanbes beschränken konnte. Während Kriminal­beamte in die Wohnung des sechsten Stockwerkes, das von der Gemüsefrau bezeichnet war, hinaufftiegen und ermittelten, daß sich dort oben auf dem Dach zwar einige Blumenkästen, aber kein Hühnerhof befand, und daß der Wohnungsinhaber jedenfalls nichts mit diesem Hahn zu tun hatte, unternahm es ein Teil des Publikums ver­dienstvollerweife, das liebel an der Wurzel zu fassen und des Urhebers dieser Aergernis erregenden Vor­fälle, des Hahnes selbst, habhaft zu werden. Eine wilde Jagd auf das unglückliche Tier begann, an der sich alt und jung, Männlein und Weiblein beteiligten. Aber so leicht war dies nicht. Die Angst verlieh unserem Hahn nie geahnte Kräfte. Jedesmal, wenn man ihn gerade fassen rooltie, schwang er sich mit wildem Geschrei in die Höhe, um unter dem Gekreisch der Weiber haar­scharf über die Köpfe der Menge hinweg an einer an­deren Stelle nieder zu gehen, wobei so mancher unlieb- fame Bekanntschaft mit seinen Krallen machte. Und schtießlich riß er sich zu einer letzten gewaltigen An­strengung zusammen und flog in hohem Bogen auf einen Mast der elektrischen Stromleitung, wo er auf der Stelle tot hängen blieb. Die Folge war Kurzschluß im ganzen Stadtviertel. Nun mußte auch noch die Feuerwehr alarmiert werden, die mit einer Leiter die Störungsquelle beseitigte.

Aus dem Artikel, der unter der Ueberschrlst „Kleine Ursachen — große Wirkungen" in der Abendausgabe des Stadtblattes über diese Begebenheit zu lesen war, und der eine Reihe aufregender Schilderungen von Augenzeugen sowie einen umständlichen amtlichen Poli­zeibericht brachte, ging hervor, daß der Verkehr durch die Rücksichtslosigkeit eines Hahnes auf die Dauer von nicht weniger als zwei Stunden lahmgelegt worden war. Das Stadtblatt selbst erschien mit starker Verspätung, da auch der Kurzschluß seinen Betrieb in Mitleidenschaft gezogen hatte.

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