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Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.

Nr. 296

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Äctiendruckerei 3151 und 3152. ::

Mittwoch, 23. Dezember 1931.

Monatlich 1.65 einschließl. Postgebühr <48 Pfg.) ohne Zustellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col) lokal 0.15 RM., auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckk. Frankfurt a. M 4051.

Wil. 58.

Für Rückgabe der deutschen Kolonien.

Ein neuer Vorschlag aus Amerika.

ivtb. Washington, 22. Dez. (Eig. Meld.) In der gestrigen Senatsdebatte über das Hoover--Mora- tmium brachte Senator Powell einen Zusatzantrag ein, das Moratorium erst dann in Kraft treten zu lassen, wenn die Alliierten Deutschland die Man- datskolonien zurückgegeben haben. Powell und Senator Johnson griffen Frankreich scharf an, das kein Entgegenkommen benötige oder verdiene.

Deutschland kann nicht zahlen!

Der Sonderausschuß der BIZ. in Basel hat sich, wie der Baseler Berichterstatter des „Daily Telegraph" erfährt, dahin geeinigt, daß D e u t s ch- land nicht in der Lage sei, die 1,3 Milliarden der aufschiebbaren Reparatio­nen in seinen Haushalt einmfchließen. und daß es ein viel längeres Moratorium er­halten müsse. Der Bericht werde sich eng an den Layton-Bericht anschließen, aber stärker be­tonen. daß Deutschland nicht bezahlen könne.

Der Baseler Berichterstatter der „Times" macht über den wahrscheinlichen Inhalt des Berichts fol­gende Angaben: Aus dem Zahlenmaterial werde nachgewiesen, daß Deutschland die geschützten Zah­lungen nicht leisten könne. Alles scheine dar­auf hinzudeuten, daß dasselbe auch für die unge­schützten Zahlungen gelte. Die Zurückführung deutschen Kapitals im Auslande als Mittel zur Begleichung sofortiger Berpflick>tungen erscheine nicht angängig. Sie Sachverständigen glaub­ten anscheinend, daß die Deutsche Reichsbahn in normalen Zeiten 1,32 Milliarden Mark anfbrin- gen könne. Der Bericht werde ferner einen Hin­weis auf die Bedingungen enthalten, unter denen der deutsche Kredit wieder hergestellt werden könne, was eine Voraussetzung für das Stillhalteabkom­men fei. Allem Anschein werde der Ausschuß in dieser Hinsicht feine bindenden Erklärungen ma­chen. Der Ausschuß werde schließlich die notwen­digen Schlüsse aus der ernsten Lage eingehend be­tonen. jedoch die Folgerungen den Regierungen überlassen. Das vorliegende Material zeige, daß eine Ausdehnung des Moratoriums f8r Deutschland über 1932 hinaus notwendig sei. Obgleich man zeitweilig im Ausschuß für eine vollständige Streichung der Tribute und Kriegsschulden gewesen sei, man habe mit Beaduern einsehen müssen, daß die ameri­kanischen und französischen Forderun-

Die kleine Notverordnung.

Monatliche sirafkfahrzeuasteuer. — Hilfsmaßnah­men für die Binnenschiffahrt.

Das Kabinett hat die sogenannte „Kleine Not­verordnung" beraten mit der man bereits feit einer Reihe von Tagen rechnete. Ihr Zwck ist im wesentlichen die Verlängerung laufender Gesetze oder ihre Anpassung an die eRchtslage, die sich aus den letzten großen Notverordnungen ergeben hat. So muffen die Einkommen st euer- zuschläge verlängert werden, deren Gel­tungsdauer am 31 Dezember abläuft, ebenso das Lohnpfändungsgesetz, die bechndere Genehmigung für die Ausfuhr von Kunstschätzen, die Essigsteuer und das Besatzungsversonenschädengesetz All diese Gesetze laufen mit Jahresabschluß ab und müssen deshalb erneuert werden. Den Veränderungen, die sich bei den Gemeinden eingestellt haben trägt die Aenderung des Gerichtsverfassungsgeietzes Rechnung. Es berichtigt gewisse Bestimmungen, die nach der Zusammenlegung oder Aufhebung von Gerichten und ähnlichen Maßnahmen einer Revision bedurften. Für die Kraftfahrzeughalter ist von Interesse, daß die Kraftfahrzeug­st euer in Zukunft monatlich gezahlt werden kann. Ferner hat ein besonderer Abschnitt der Notverordnung den Zweck der schwer leiden­den Binnenschiffahrt eine gewisse Hilfe zu bringen. Die Maßnahmen die diesem Ziele dienen losten, sind vom Reichsverkehrsministerium schon feit eini­ger Zet vorbereitet worden Schließlich enthält die Notverordnung auch eine Verschärfung der Be­kämpfung des Schmuggels. Dabei handelt es fid, ja um ein recht aktuelles Problem In den Mel­dungen aus den Grenzgebieten hat der Schmuggel in der letzten Zeit bekanntlich eine erhebliche Rolle gespielt, sodaß ja auch der Reichsfinanzminister im hai'shaltsausschuk des Reichstags kürzlich zu diesen Dingen das Worta enommen hat.

Vreutzen vnö der KSn'esberger S andal

Die ostpreußische Landwirtschaftskammer aufgelöst.

wtb. Berlin, 22. Dez. (Eig. Meld.) Wie der amtliche preußische Preisedienst mitteilt, hat sich die Staatsrezierung wegen des bekannten Beschlus­ses der Landwirtschaftskammer vom 15. 12., der ?egen den Reichspräsidenten von Hin- enburg eine persönliche Attacke unter­nahm, genötigt gesehen, die ostpreußische Land­wirtschaftskammer aufzulösen und den Landes- kulturomtspräsidenten Pauly in Königsberg zum Staatskommissar für die zwischenzeitliche Verwaltung zu ernennen.

Innerhalb drei Monaten Neuwahl der ostpreußi­schen Landwirtschaftskammer.

cnb. Berlin, 22. Dezember. (Eig. Meld.) Wie wir von unterrichteter preußischer Seite erfahren, muß nach den gesetzlichen Bestimmungen die Neu­wahl der heute aufgelösten ostpreußischen Land- wirtschastskammer innerhalb von drei Monaten erfolgen.

gen nicht dem Wunsche nach Wiederherstellung des Vertrauens unvereinbar feien. Die französische Ansicht über die Notwendigkeit der Erhaltung des Poungplanes schließe in sich ein, daß die Ursachen der gegenwärtigen Unsicherheit weiterbestehen blieben. Wahrscheinlich werde der Ausschuß nicht zu dem Schluß kommen, daß die Tribute die Hauptursache der Weltkrise seien, aber er habe bereits deutlich darauf hingewiesen, daß sie als hauptsächlicher Faktor für ein weiteres Anhalten der Krise angesehen werden müßten.

Frankreichs zähe polifit

Ministerpräsident Laval hielt bei einem Fest­essen zu Ehren des französischen Luftfahrtministe- riums eine Rede, in der er die starre Haltung Frankreichs in der Iributfraae noch einmal bekräf­tigte. Er erklärte, daß eine Neuregelung nur für die Dauer der deutschen Wirtschaftskrise' getroffen werden könne. Frankreich werde nicht z"lassen, daß die Tribute den Privatschulden zum Opfer ge­bracht werden.

Der vom „Echo de Paris" in allen Artikeln und Zusätzen genau wiedergegebene russisck-fr anzösische Nichtangriffsvertrag wird von französischer amt­licher Seite als falsch bezeichnet. Die von dem Blatt dem Wortlaut des am 21. August am Quai d' d'Orsay paraphierten französisch-russischen Vorver­trages. Immerhin geht aus dieser Verlautbarung deutlich hervor, daß der Nichtangriffspakt tatsächlich schon im August paragraphiert wurde.

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wtb. Paris, 22. Dez. (Eig. Meld.) Die fran­zösische Kammer nahm ein Gesetz an, das die Zahl der auswärtigen Arbeiterin Frankreichbeschränkt.

Die Konferenzen.

wtb. London, 22. Dez. (Eig. Meld.) Die britische Delegation für die Repara­tionskonferenz (die angeblich in Lausanne stattfinden wird), wird vom Staatssekretär des Aeußern und dem Schatzkanzler geführt werden.

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Washington, 22. Dez. (Eig. Meld.) Präsident Hoover forderte vom Kongreß 450 000 Dollar als erste Unkostenrate für die Abrüstungs­konferenz. Sie soll angeblich 8 Monate dauern.

Reichsrat.

vdz. Berlin, 22. Dezember. (Eig. Meld.) Der Reichsrat genehmigte am Dienstagmittag die Ver­ordnung der vorstädtischen Kleinsiedlung und Be­reitstellung von Kleingärten für Erwerbslose bei Stimmenthaltung Bayerns. Die bayerische Regie­rung hatte Vertagung gewünscht, weil sie sich mit dem Entwurf noch nicht hatte beschäftigen können. Der Plan für die Verteilung der 80 Millionen RM. Reichshilfe für Erleichterung der Wohlfahrts­lasten der Gemeinden, der gleichfalls auf der Tagesordnung stand, wurde nicht beraten,, weil sich herausgestellt hatte, daß diese Vorlage nicht der formellen Zustimmung des Reichsrats bedarf.

Die Erde bebt.

Registrierung eines Nachbebens in Stuttgart.

wtb. Stuttgart, 22. Dez. (Eig. Meld.) Die Erd­bebenwarten Stuttgart, Hohenheim und Ra­vensberg registrierten heute früh um 3.48 Uhr ein Nahbeben, dessen Herd auf der Schwäbischen Alp in der Gegend von Ebingen liegen dürfte. Scha­den ist kaum entstanden.

Drohbriefe an einen Pfarrer.

Der Pfarrer der kacholischen Gemeinde in Grötzingen (Baden) erhielt in den letzten Ta­gen zwei Drohbriefe, in denen mitgeteilt wurde, daß am 24. Dezember die neu erbaute Hei­ligkreuzkirche in die Lust gesprengt werden solle. Die behördlichen Ermittlun­gen sind im Gange. Das Pfarrhaus wird von Gendarmerie bewacht.

Privatdiskont 7 Prozent Tägliches Geld 7-4 Pro­zent aufwärts. Monatsgeld 8—9 Prozent

Tarifwesen.

— Gehallsstreit im Bankgewerbe. Im Reichsarbeits- Ministerium wurde am Dienstag über die Gehaltsrege­lung im Bankgewerbe ab 1. Januar verhandelt Nach längerer, sehr bewegter Aussprache erklärte der Reichs­verband der Bankleitenden, daß er eine freie Verein­barung ablehne und sich streng an die Notverordnung halte. Die Entscheidung des Schlichters wird Mittwoch erfolgen.

Von den Hochschulen.

= Würzburg. Im 78. Lebensjahre ist der auch in Fulda nicht unbekannte Prof. Georg Schanz, der lange Jahre in Würzburg Volkswirtschaft gelesen hat an einer Lungenembolie gestorben. Er war in Groß­bardorf in Unterfranken als Lehrerssohn geboren und wirkte nach einer außerordentlich schnellen wissenschaft­lichen Laufbahn feit 1882 als Ordinarius in Würzburg. Er war ein einfacher, schlichter Mann, gläubiger Katho­lik, unermüdlich in der Arbeit für die Wissenschaft, die Universität und für die bayerische Verwaltung.

Arnaldo Mussolini f.

Arnaldo Mussolini, der um zwei Jahre jüngere Bruder des italienischen Regierungschefs, ist am Montagmittag an einem Herzschlag gestorben. Arnaldo Mussolini ist seit 1922 verantwortlicher Leiter des von feinem Bruder gegründeten „Po- polo d'Italia". 1929 war ihm ein Abgeordneten­mandat angeboten worden, das er jedoch ablehnte.

Für die moderne Zeit ist es charakteristisch, daß der einzige Bruder des Führers des neuen Ita­liens nicht als Minister oder in ingenbeiner hohen Regierungsstelle tätig war, sondern daß er a u f dem Redaktio n sstah l als Direktor des von Benito Mussolini gegründeten Mailänder Popolo d'Jtalia arbeitete. Hier war er oft der Dolmetsch des Duce zur öffentlichen Meinung des Landes und manchmal auch zur Welt.

Der Duce hatte mit klarem Blick erkannt, daß neben dem offiziösen römischen Giornale d'Jtalia, in dessen Leitartikelfpalte eine mehrfach gesiebte politische und diplomatische Weisheit ihren Nieder­schlag finden oder Vorfühlung mit den Inter­essen anderer Nationen gesucht werden sollte, noch ein h a l b o f f i zi ö s e s Ovgan in der lombardi­schen Hauptstadt weiterbestehen müßte. Dort war Arnaldo auf seinem Posten, um in der einfachen und lapidaren Sprache des gesunden Menschenver­standes zum Lande und zur AuÄandspresse zu reden.

Benito Mussolini, der selbst ein Journalist von kühnen Ideen und hinreißender Sprache ge­wesen war, hielt, obwohl er das Steuer des Staatsschiffes in der Hand hatte, doch in ent­scheidenden Augenblicken den Dirigentenstab un­sichtbar fest, nach dem die Innen- und Außen­politik Italiens durch die Presse erläutert oder vorwärtsgesührt werden sollte. Der Bruder spielte dabei sein Instrument fast stets verständnisvoll und in fehlerlosen Tönen.

Es soll ihm unvevgessen bleiben, daß er int Sommer dieses Jahres auf der Höhe des k i r ch e n p o k i t i s ch e n Konflikts zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl wohl der maß­vollste und verständigste Publizist auf der Regie­rung sseite war. Der Osservatore Romano nennt ihn einen „kraftvollen Mann der Feder" und einen „vornehmen Polemiker" und drückt zu seinem Hin­scheiden dem italienischen Regierungschef sein tief­stes Beileid aus.

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Arnaldo Mussolini, der Bruder des Duce.

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Arnaldo Mussolini wurde am 11. Januar 1885 zu Predappio als zweiter Sohn des Alessandro Mussolini und der Rosa Maltoni geboren. Wäh­rend einiger Jahre war et als Gemeindesekretär in der Provinz Venedig tätig. Als sein Bruder Benito 1920 in Mailand das Blatt II Popolo d'Jtalia gründete, übertrug dieser die technische Leitung der Zeitung seinem Bruder Arnaldo, und nachdem der Duce 1922 seinen Wohnsitz nach Rom verlegt hatte, rückte Arnaldo zum politischen Direk­tor des Blattes auf, das er seitdem leitete. Erst nach Ernennung Benitos zum italienischen Mini­sterpräsidenten trat auch Arnaldo mehr in den. Vordergrund des politischen Lebens.

Religion und Volkstum.

Gründung einer zweiten deutschen katholischen Gemeinde in Porto Alegre (Brasilien).

Im deutschen katholischen Leben von Porto Alegre ist erfreulicherweise ein großer Fortschritt zu verzeichnen Für die zahlreichen Einwanderer in den Außenbezirken der Stadt ist soeben ein eigener deutscher Geistlicher angestellt und vom Erzbischof Dr. Becker ernannt wor­den. Diese Ernennung ist sehr zu begrüßen, denn die deutsche katholische St.-Josephs-Psarrgemeinde im Zen­trum der ausgedehnten Stadtgemeinde Porto Alegre konnte seelsorglich die draußen Wohnenden nicht richtig erfassen. Durch Vermittlung des deutschen Generalkon­suls wurde die neu errichtete Stelle dem aus Berlin stammenden Kaplan Johannes Beil übertragen. Dieser hat mit großem Realismus und der ihm eigenen Tatkraft die Pastorierung in Angriff genommen. Er konnte bereits an hundert deutsche Familien ausiuchen was nicht so einfach ist, wenn man bedenkt, daß es in Porto Alegre kein Einwohnermeldeamt gibt. Um allen Gelegenheit zu deutschem Gottesdienst zu geben, wird an drei verschiedenen Stellen des äußeren Stadtgebie­tes Gottesdienst gehalten. Die vor kurzem in einer Dorstadt gegründete deutsche katholische Schule hat zur Zell zwei Klassen mit 75 Kindern. Eine Abend­schule für die Heranwachsende Jugend ist ebenfalls ins Leben gerufen worden und erfreut sich reger Beteiligung Jede Woche findet ein Leseabend für die Erwachsenen statt: an den Sonntag-Nachmittagen versammeln sich die deutschen Kinder, um deutsche Lieder zu erlernen und sich an einem kürzlich gestifteten Puppentbeater in beimatlicher Weise zu erfreuen. Seiber herrscht auch hier große Arbeitslosigkeit, so daß eine Lebensmittel- Beschaffungs- und Verteilungsstelle eingerichtet worden ist. Alle diese Einrichtungen haben unsere deutschen Stammesbrüder zu einer festen Gemeinschaft zusam- menwachsen lassen, so daß zu hoffen ist, daß die neue Gemeinde, die den Namen St. - Bonifatius-Ge- meinde erhalten soll, sich bald ein eigenes Gotteshaus und Vereinshaus erwerben kann.

Am unseres Volkes Schicksal.

Von Staatssekretär Dr Hermann Pünder.

Die vierte Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen fällt trotz äußerer Aehn- lichkeit mit den drei vorangegangenen großen Not­verordnungen sehr aus dem bisherigen Rahmen heraus. Sie ist geradezu ein, oder besser gesagt, das Sckicksalsbiich der deutschen Wirtschaft, und rwar gesehen sowohl vom Staatshaushalt aus wie von der Privatwirtschaft. In dieser Notverord­nung sind Fragen geregelt, für die es in der gan­zen Geschichte der zioilifierten Menschheit kaum Musterbeispiele gegeben hat. selbst wenn das Auge des Historikers bis in das Altertum zurück- schaut. Wer mit in der Schmiede dieser Arbeit von Anfang bis zuletzt stehen durfte, den konnte gar manchmal ein Gefühl des Zagens und des Zau­derns leicht Überfällen. Aber der Satz der alten preußischen Felddienstordnung^ der das Geheimnis vieler militärischer Erfolge unserer preußisch- deutschen Kriegsgeschichte gewesen ist, daß das Fehlareisen in der Wahl der Mittel besser sei als das Unterlassen, gilt auch heute noch. Damit will ich keineswegs sagen, daß die neue Notverordnung unrichtige Bestimmungen enthält: Aber selbst wenn es der Fall märe, märe es weniger schlimm als wenn nichts geschehen wäre, und es wäre auch entschuldbar, weil kein Musterbeispiel und kein Sachverständiger auf der ganzen Erde vorhanden ist, der für solche Krise ohnegleichen eine Patent­lösung zur Hand hätte.

Wer das neue Gesetzgebungswerk erstmalig in die Hand nimmt und nur flüchtig durchlieft, möchte leicht des Glaubens werden, daß es sich hier um einen willkürlich zusammen gestellten Strauß ver­schiedenartiger Blumen, vielleicht auch, von Disteln und häßlichen Kräutern, handle. Dieses Urteil wäre aber nur äußerlich und jedenfalls grund­falsch. Die Mannigfaltigkeft der zu behandelnden Probleme bedingte gesetzgeberisch betrachtet, einen Eingriff der verschiedensten Arten. Allen äußerlich so verschiedenartigen Bestimmungen liegt aber eine große gemeinfame Tenden» zugrunde. Worin be­steht diese Tendenz? Die Weltwirtschaftskrise, an» fangend mit der Verlagerung und Fehlleitung der Kapital- und Zinsströme, nichit zuletzt durch die Reparationen, sowie mit der ungeheuren Entwer­tung der Grundrohstoffe in der ganzen Welt, hatte durch das Absinken des englischen Pfundes starke neue Impulse erfahren. Die Auswirkungen die­ser Abhängung des Pfundes vom Golde waren un­geheuerliche. Nicht zuletzt deshalb, weil rund zwei Dutzend anderer Währungen sich der Bewegung des englischen Pfundes inzwischen angeschlossen ha­ben bzw. anschließen mußten. Konnte man bisher vielleicht noch die Absicht haben, zur Vermeidung zu schrosier Eingriffe in den deutschen Wirtschasts- apparat behutsam Schritt für Schritt auf der ein­mal erkannten Linie voranzugehen, so war dies durch das englische Ereignis unmöglich geworden.

Eines stand allerdings für alle Maßgeblichen alsbald unerschütterlich fest, daß zwar eine mög­lichst sofortige Anpassung an den nunmehr noch tiefer gesunkenen Standard aller Weltpreise not­wendig geworden, aber ein Nachfolgen auf dem von England hierzu beschrittenen Wege für Deutschland vollkommen ausgeschlossen war. Jede Maßnahme, die auch nur halbwegs nach Inflation gerochen hätte, hätte sofort zu ganz katastrophalen Folgen für die Gefamtwirtschaft geführt. Wär also dieser Weg für Deutschland völlig verbaut, so blieb nur ein anderer, sehr viel schwieriger be­schreitbarer Weg übrig: was England durch die Abwertung seines Pfundes realiter erreicht hatte, mußten wir nominalster tun. Es mußte erreicht werden, daß möglichst alle Aufwendungen in der gesamten Wirtschaft sowohl der öffentlichen Hand wie in dem Einzelhaushalt um sehr wesentliche Prozentsätze herabgesetzt wurden. Nur wenn dies gelang, konnte auch das endgültig Entscheidende gelingen, nämlich die Steigerung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit und damit ein Absinken her deutschen Arbeitslosigkeit. Dies ist Sinn und Ziel der vierten Notverordnung.

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Bei Betrachtung der Notverordnung muß eines an die Spitze gestellt werden: Ausgangspunkt al­ler Arbeit mußte die Schaffung eines ausgegliche­nen Haushalts der öffentlichen Hand fein. Wenn auch die Durchführung dieses Grundsatzes Maß­nahmen verlangte, die in gewissem oder schein­barem Gegensatz zu dem anderen grundlegenden Gesichtspunkt der Nowerordnung, nämlich der Entlastung imd Erleichterung der Gelamtprkchuk- tion, zu stehen schienen konnte an solchen etats- rechtlicken Notmäßnahmen nicht vorbeigegangen werden. Daß die Erhöhung der Umsatzsteuer die den Mittelpunkt dieser Bestimmunaen darstellt im Gesamtprogramm einen Schönheitsfehler darstellt, bestreitet auch die Reichsregierung nicht, aber ein anders Mittel stand n ch wehlerwogener Auffaf- fung nicht zur Verfügung. Durch die besondere Gestaltung der Umsatzsteuer ist übrigens sicherge­stellt, daß eine ungünstige Auswirkung auf die bringenften Bedürfnisse der Einzelhaushalte der breiten Massen vermieden wird.

In erster Linie kam in Betracht, die Grundstoffe der Wirtschaft in ihren Preisen herunterzubringen. Es sind dies vornehmlich die kartellmäßig gebun­denen Preise vor allem für Kohle Baustoffe ieg- kicher Art. Düngemittel und viele andere Alle diele Taufende von Grundstoffen werden schlag­artig um mindestens 10 v H heruntergefetzt Ein gleiches gilt für die sogenannten Markenartikel, die im Konsumentenverkehr bekanntlich eine sehr große Rolle spielen. Ein weiteres erhebliches Ab­sinken der Preise wurde bann über die Gütertarife ter Reichsbahn erreicht, die um nicht weniger als