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Nr. 2kS.

Fuldaer Zeilung (Amtliches kreisblalt)

Dienstag, den 22. Dezember.

Fulda, Den 21 Dezembei 1931.

Hilfe für Gemeinden.

Der Reichsrat ist zu einer Vollsitzung nochmals für morgen mittag in das Reichstagsgebäude ein­berufen morden. Auf der Tagesordnung steht die Verordnung zur oorftädtifchen Kleinsiedlung und Bereitstellung von Kleingärten für Erwerbslose. Weiter wird der Reichsrat den Plan für eine Ver­teilung von 80 Mill Reichsmark Reichs- beihilfe z u r E r le i cht e r u n g de r W o h I- fahrtslaften der Gemeinden zu ver­abschieden haben. Dieser Plan besieht sich au* die Notverordnung vom 6. Oktober, in der der Reise­zuschuß für die Wohlfahrtslasten auf 80 Mill, er höht worden war. Der Verteilungsplan versucht bis ins einzelne nach Einwohnerzahl und Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen den Interessen der Kom­munen gerecht zu werden. Wie das Nachrichten­büro des V D.Z weiter erfährt entfallen auf die preußischen Kommunen rund 50 Millionen von dieser Reichsbeihilfe.

Der „Goldene Sonntag**

war in diesem Jahre ein prachtvoller Wmtertag. Die Natur hatte schon ihr weißes, weihnachtliches Festkleid angelegt. Die „goldenen" Strahlen der Sonne reichten zwar nicht aus, um frierende Menschen zu erwärmen, sie verwandelten aber Wald und Feld in ein Märchenland, in dem es gleiste und glänzte, wie von tausend und aber­tausend Diamanten. Wer es möglich machen konnte, blieb drum auch nicht zu Hause hinter dem mehr oder minder warmen Ofen. Die meisten strömten zur Stadt, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu machen. Der Verkehr in den Hauptgeschäfts­straßen war aus diesem Grunde sehr lebhaft und blieb kaum hinter dem der früheren Jahre zurück. Auch in vielen Geschäften drängten sich die Käw- fer. Die Nachfrage konzentrierte sich freilich in der Hauptsache auf billige Artikel des täglichen Gebrauches. Auch für kleinere Geschenkartikel herrschte großes Interesse. Manche Geschäftsleute versichern, daß hier der Umsatz größer gewesen sei als im Vorjahre. Im großen und ganzen scheint überhaupt der Geschäftsgang gestern den „Um­ständen entsprechend gut" gewesen zu sein. Die Geldknappheit macht sich freilich immer stär­ker bemerkbar, insofern, als teuere Geschenke nicht mehr gekauft werden. Die Nachfrage nach Radioapparaten z. B. war auch gestern groß, es kam aber oft zu keinen Geschäftsabschlüssen, da in den kommenden Monaten jedenfalls auch das Geld zu Ratenzahlungen für Luxusartikel fehlen wird.

Den Geschäftsleuten ist es zu gönnen, daß die meisten mit dem Ergebnis des gestrigen letzten Verkaufssonntages zu frieden sein können. Auch auS Hanau, Friedberg, Gießen, Limburg wird ähnliches berichtet. In Frankfurt wurde der Verkehr des Silbernen Sonntags gestern nicht mehr erreicht.

Die Fuldaer Skiläufer waren in hellen Scharen in die Rhön gezogen. Sie erlebten einen Skisonntag, wie man ihn sich schöner nicht denken kann. Diesmal gehörte ihnen die Unberührtheit der Winterlandschaft noch allein, da die Groß­städter noch nicht gekommen waren.

Die Reichsbahndireklion Frankfurt rüstet für den Weihnachtsverkehr.

Die Reichsbahndirektion Frankfurt hat für die kommenden Festtage ebenso wie in den Vorjahren besondere Vorbereitungen getroffen, um dem er­hofften starken Verkehr auf alle Fälle gerecht wer­den zu können. In den Tagen zwischen dem 17. Dezember und dem 3. Januar werden im Frank­furter Hauptbahnhof 43 Züge mehr ankommen und 39 mehr abfahren, als fahrplanmäßig vorgesehen sind. Die größte Zahl davon entfällt auf Mittwoch, den 23. und Donnerstag, den 24. Dezember. Die Züge laufen auf den Hauptstrecken, so nach Basel— Konstanz, Berlin, Leipzig. Nürnberg—München. Heber diese bestimmt vorgesehenen Züge hinaus werden auf denjenigen Strecken, auf denen erfah­rungsgemäß ein sehr starker Verkehr herrscht, so­

genannte Bedarfszüge vorbereitet, die fahrbereit im Außenbahnhof stehen und jederzeit eingesetzt werden können, sobald sicb die Notwendigkeit dazu ergibt. Wie wir hören, wird der Expreß-Gü­terverkehr seit dem 15. 12. sehr stark in An­spruch genommen, so daß am Freitag, den 18 12. fast die Verkehrs st ärke des vorigen Jahres erreicht worden ist.

vom städkischen Wohlfahrtsamt

wird uns geschrieben- In den Steifen der Ful­daer Erwerbslosen herrscht die irrige Auffassung, daß bei dem diesjährigen Weihnachtshilfs- w e r k sämtliche Unterstützungsempfänger bedacht seien. Es haben jedoch nur Spenden aus dem Weihnachtshilfswerk die Verheirateten und die alleinstehenden Ledigen erhalten Ledige, die im Haushalte ihrer Eltern oder Angehörigen wohnen, könnten bei dem diesjährigen Weihnachis- Hilfswerk nur in sehr wenigen Ausnahmen berück­sichtigt werden. Da die Mittel, die zur Verfügung standen, bereits verbraucht sind, können weitere Spenden Ledigen im Haushalte ihrer Eltern nickt mehr gegeben werden. Es ist daher zwecklos, beim städtfchen Woh""brts- amt einen Antrag auf Gewährung einer Weih­nachtsbeihilfe zu stellen.

Ausgabe von Fleischkarten.

Stadtarme. Kleinrentner, sowie Zusatzrenten­empfänger (Kriegsbeschädigte und Kriegerhinter- bliebene) nach dem R.V.G., welche nur auf ihre Renten, bzw. Unterstützung angewiesen sind, erhalten die Fleischkarten am Dienstag, den 22. Dezember dieses Jahres, vormittags 9—11 Uhr, Rathaus Zimmer 13, städt Wohlfahrtsamt — Die Ausweisnvmmerkarte ist vorzulegen. —

Die Fuldaer Banken und Sparkassen

schließen am 24. Dezember (Heiligabend) bereits um 1 Uhr mittags ihre Schalter.

Winkers Anfang.

Schon einige Tage vor dem kalendermäßigen Beginn des Winters, am 21. Dezember, hat sich bei uns der Winter mit seinen charakteristischen Trabanten Schnee und Frost eingestellt. Am Datum des Kalenderwinteranfangs verzeichnen wir die längste Nacht und den kürzesten Tag. Es ist Wintersonnenwende, denn von nun ab verkürzt sich die Tagesdauer nicht mehr, Me Sonnenbahn stellt sich mehr und mehr und schon im Januar merken wir, daß die Tage länger wer­den.

Stadtpfarrkirche.

Der Vergessenheit entrissen ist ein Gemälde unseres Fuldaer Malers Herr lein. Es stammt aus dem Jahre 1796 und stellt die Heiligen Joachim und Anna mit der heiligen Jungfrau Maria dar. Mit bekannter Meisterschaft ist es Herrlein gelungen, alle Staffage in Form und Farbe so dezent zu behandeln, daß der Beschauer unwillkürlich von den durchgeistigten Köpfen der Davgestellten angezogen wird: Maria, die be­scheidene, der Mutter Hut sich anvertrauende, fromme Jungfrau, Joachim, der für das Wohl der Seinen besorgte Vater, Anng, die besonders fein, und treffend charakterisiert ist als die erfah- rene, weitschauende, pflichtbewußte Mutter. Ihre mit Milde und Güte gepaarte Energie diene be­sonders heute den christlichen Müttern als Vor-' bild. — Das Gemälde hat in einem stilvoll ge­schnitzten Rahmen nach gut geglückter Renovation durch Herrn Kunstmaler Pfister an der Westwand des nördlichen Seitenschiffes in der Stadtpfarr- kirche einen würdigen Platz bekommen. Dank den Bemühungen des Herrn Stadtpfarrers Gramm ist es vor dem Verfall bewahr geblieben. — Bei dieser Gelegenheit hat das Miffionskreuz in der Stadtpfarrkirche eine seinen Zweck als stummer Bußprediger besser entsprechende Aufstellung im südlichen Seitenschiff gefunden. Be.

Die Erhebung von Realsteuern durch die Gemeinden.

Der Reichsfinanzminister hat in einem Rund­schreiben das dringende Ersuchen an die Länder gerichtet, bei Entscheidung über Anträge von Ge­meinden auf Erhöhung der Realsteuern bis zum Landesdurch schnitt einen besonders strengen Maß­stab anzulegen und die Zulassung von Steuerer­

höhungen auf das unbedingt gebotene Maß zu be­schränken. Bei Gemeinden, die schon Realsteuern von nicht unerheblicher Höhe erheben, müssen ins­besondere geprüft werden, ob der Erhöhung der Realsteuern nicht die Einführung noch nicht aus­genutzter Steuern oder Erhöhung anderer vor­handener Steuern vorzuziehen sei. Ganz beson­ders gelte dies in den Ländern, in denen nach Landesrecht die Gemeindegrundsteuer auf die Mie­ter umzulegen sei und daher wie eine Mieter­höhung wirke. In solchen Fällen könne die Ge­nehmigung der Grundsteuererhöhung nur in ganz besonderen Ausnahmefällen in Betracht kommen.

Eltern, achtet auf eure ßinber!

Nach dem gestrigen Schneefall konnte man die Beobachtung machen, daß die liebe Jugend mit al­len möglichen Rntfchwerkzeugen die abschüssigen Straßen der Stadt bevölkerte und Rodelbahnen und Gleiten (Rutschbahnen) anlegte. Hierbei wurde auf die Straßenvassanten und den Fuhrwerksverkehr keine Rücksicht genommen. In einigen Fällen wurde die Wahrnehmung gemacht, daß Straßen­passanten überrannt wurden und rodelnde Kinder in Gefahr riefen non Kraftfahrzeugen überfahren zu werden. Die Eltern werden erneut darauf hin- geroiefen, ihre Kinder vom Rodeln auf abschüssigen Stadtstraßen fernzuhalten.

Es darf kein Salz gestreut werden.

Von der Ortspolizeibehörde Fulda wird uns folgendes mitgeteilt: An den beiden Tagen an denen das Fuldaer Straßenpflaster mit starkem Glatteis überzogen war. und an den Tagen nach dem letzten Schneefall, find lebhafte Klagen von Straßenpassanten über das Bestre u e n der Bürgersteige mit Viehsalz geführt wor­den. Wenn auch das Salz Schnee und Glatteis als­bald beseitigt, so hat es insofern die unangenehme Eigenschaft, daß es in das Schuhleder einbringt und für Schneewasser durchlässig macht Nach 8 3 der Straßenpolizei-Verordnung der Stadt Fulda vom 5. 12. 1930 ist angeordnet, daß bei eintreten­der Winterglätte durch Schnee und Eis die Bür­gersteige und Uebergänge nur mit einem die Glätte abstumpfenden Stoff, Sand, Sägemehl. Asche und bergt bestreut werben dürfen. Netzende Mittel, wie Salz usw. dürfen nicht verwandt werden.

Tagung der kurhess. Landkreise.

In Kassel fand die Tagung des Kurhessischen Landkreistages unter dem Vorsitz des Landrats Frhr. von Eagern, Fulda, statt. Der Präsident des Preußischen Landkreistages, Dr. von Stern« p eil, sprach in längeren Ausführungen über die Lage der Landkreise. Er betonte, daß die kommu- nalpolitische Situation im Augenblick deswegen eine ganz besondere sei, weil infolge der Ausschaltung des Parlamentes durch die Notverordnungspraxis et gern ti;e Auswir'ung zu verz ich en wären. Seine Hauptausführungen galten der Umgestaltung bet Arbeitslosenbetreuung unter Beibehaltung der Ar­beitslosenversicherung sowie der Aufbringung der Wohlfahrtserwerbslvfenlasten. Neben diesen Haupt­aufgaben kommen für die Landkreise in allernächster Zeit die Frage der Derwaltungsreform und der Neuorganisation des Sparkassen und Giro­wesens in Betracht. Der Erfolg der Umschuldung der Gemeinden und Gemeindeverbände sei so lange problematisch, als es nicht gelinge, weitere Defizite unmöglich zu machen. Die Finanzlage der Land­kreise werde durch die Rückgänge an Ueberweisungs- steuern und Ausfällen bei der Kreisumlage, Schrumpfung der Wirtschaft und S eigen der Wohl­fahrtslasten immer bedenklicher. Sparmaßnah­men, deren Erträgnisse wesentlich zu Buche schla­gen, seien in den Landkreisen nach Ansicht des Berichterstatters schon deshalb nicht mehr möglich, weil der Verwalt ungsapparatder Land­kreise ohnehin außerordentlich beschei den sei, wie überhaupt die bisherige sinanzwirtschaftliche Tätigkeit der Landkreise eine außerordentlich vor­sichtige gewesen sei. In seinen Ausführungen ging Präsident Dr. von Stempel auf die Auswirkungen der letzten Notverordnung für die Landkreise, be­sonders hinsichtlich der Wohlfahrtserwerbslosenlasten ein. Zum Schluß streifte der Vortragende Fragen der Hauszinssteuer, der ländlichen Siedlungs- und Wohnungswirtschaft sowie die Ausbietung von Hauszinssteuerhypotheken.

Eine Weihnachts-Mahnung.

Die Bischöfe der Kölner Kirchenprvvinz und zwar der Erzbischof von Köln, die Bischöfe von Münster, Osnabrück, Trier, Limburg uno Aachen, wenden sich anläßlich des Weihnachtsfestes in einem Hirten schreiben mit einer oberhirt- kichen Mahnung an die Diözesanen. Die Diözesa­nen werden aufgefordert, nach besten Kräften alles zu tun, damit di e furchtbare Not nicht durch inneren Zwist und Kamps erst recht noch ins Unerträgliche ge­steigert werde. Das Gebot der christlichen Näch­stenliebe gelte auch gegenüber dem politi­schen Gegner: Auch seine Ehre, sein guter Name, sein Leben and sein Eigentum müßten dem Christen stets heilig und unverletzlich sein. Das Hirtenwort richte sich an alle Gläubigen. Sie alle seien erwähnt in der Liebe Christi, sich selbst zu prüfen, ob sie ihre Rechte gegenüber den An­gehörigen anderer politischer Richtung vor unse­rem Herrn und Heiland verantworten können. Sie alle seien beschworen, stets eingedenk zu bleiben der Worte Jesu Christi: „Ob ihr meine Jün­ger seid, wird man daran erkennen, daß ihr einander liebt."

*

Das Wort der Bi schüft ist sehr zeitgemäß. Es wird auf die, die eine Bischöfliche Autorität an­erkennen, sicherlich Eindruck machen. Viel­fach besteht auch in treu katholischen Kreisen die Neigung, angesichts der oft infamen persönlichen Angriffe aus den radikalen politischen Lagern, die Forderung nach einer gleichartigen Ab­wehr zu erheben. Gerade wir Redakteure einer katholischen Zeitung werden oft getadelt, daß wir den Angriffen, die heute von den Radikalen mit so hemmungsloser Leidenschaft und Bedenkenlosig­keit geführt werden, nur sachlichen und in der Form gemäßigten Widerspruch entgegensetzen und den politischen Gegner nicht als has­senswerten Feind betrachten. Wenn das Fuldaer Nationalsozialistische Wochenblatt uns als „Schweinemarkts • Gehirne" herabzusetzen sucht

Der Ilol-Vierer.

Der Entwurf zu dem neuen Vierpfennigstück, das jetzt ausgeprägt wird und als Scheidemünze an die Stelle des Fünfpfennigstückes treten soll. Der Ent­wurf stammt von Tobias Schwab.

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Der Reichsrat stimmte in seiner Vollsitzung am Samstag, der letzten in diesem Jahre, der in der Notverordnung vorgesehenen Ausprägung von Reichskupfermünzen im Nennbeträge von vier Pfennig in einer Gesamthöhe von 2 Millionen RM. zu. Die Aufnahme der neuen Münzen,, so heißt es in der Mitteilung des Reichsfmanzmmi- sters an den Reichsrat, wird zeigen, in welchem Ausmaße weitere Prägungen vorzunehmen sind. Die Reichsregierung hat auf die Ausprägung dieser Münzen großen Wert gelegt, da sie sich davon eine Unterstützung einer Preissenkungsaktion ver­spricht. Die im glatten Ringe geprägten Münzen bestehen aus einer Legierung von 95 Teilen Kupfer, 4 Teilen Zinn und einem Teil Zink. Sie erhalten einen Durchmefser von 24 Millimeter und ein Gewicht von 5 Gramm.

Die Absichten der Reichsregierung gehen weiter dahin, alsbald die Fünfpfennigftiicke einzuziehen und dafür Vierpfennigmünzen auszugeben, so daß bann neue Ausprägungen für etwa 28 Millionen RM. erfolgen würden. Mit dieser Frage wird sich der Reichsrat im Januar noch beschäftigen.

Sodbrennen

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Weihnachtsschnee.

Im Paradiese ist es Maienzeit, wenn Weihnacht selig in die Lande schneit, dieweil Maria nun den Heiland wiegt den Lächler, der die Schlangenlist besiegt. Sein Stern umfunkelt alle Kreatur und schwebt im Pastorale durch die Flur, indes der Schnee so weiß und schimmernd fällt wie Frühling-blüten einer andern Welt.

Kurt Erich Meurer.

Der Hornist.

Erzählung von Pedro de Alarcön.

(Berechttgte Uebertragung von Ines E. Konz.) .Hier unter den schattigen Bäumen könnten wir groß- attig tanzen, Kinder. Der alte Basil spielt uns auf. Geht, seid nett, Basil! Wir holen Euer Horn."

„Unmöglich. Ich kann nicht mehr spielen" „So ein Heuchler! Der berühmteste Regimentshor­nist!"

„Gewiß, Kinder. Aber ich habe das Instrument längst einem armen Musiker geschenkt, und wenn ich heute spie­len wollte, wäre ich ein Stümper. Ihr müßtet wissen, wie ich das Horn erlernt habe, dann würdet Ihr mich nicht mehr bitten. . ."

„Erzähll, Basil, wenn wir schon nicht tanzen sollen." „Ja, Kinder, Ihr könnt froh sein, daß Ihr den Bür­gerkrieg vor 35 Jahren nicht erlebt habt. Damals, als Kö­nigin Isabella und Don Carlos um die Krone stritten und das spanische Volk in zwei Parteien gespalten war, die im Bruderkampf ihr Blut vergossen.

Ich hatte einen Freund beim gleichen Iägerbataillon. Ramon war Leutnant, der beste Mensch, den ich je ge­kannt habe. Wir waren zusammen ausgewachsen, hatten miteinander gerauft und schwärmten für die Freiheit, für die wir sterben wollten. Da bekam Ramon Mißhelligkei­ten schwerster Art mit einem ungerechten Vorgesetzten. Er nahm es sich so zu Herzen, daß er beschloß, zur geg­

nerischen Partei überzugehen. Alle meine Vorstellungen I waren umsonst. Er wollte sich noch in der gleichen Nacht | zum Feinde schlagen, der drei Meilen entfernt lag.

Nachts weckte er mich. „Leb wohl, Basil. Sollten wir uns morgen schlagen müssen, reichen wir uns vorher noch einmal die Hand. Ich weiß, daß ich fallen werde, denn ich ruhe nicht eher, als bis ich mit dem Oberst ab­gerechnet habe. Du aber sollst Dich nicht unnötig der Ge­fahr aussetzen. Ruhm ist Schall und Rauch".

„Denk nicht gleich das Schlimmste! Wir werden beide morgen abend noch am Leben sein. Könnten wir uns nicht treffen?"

„Schlag Dich zur Einsiedelei durch. Wer nicht kommt, ist tot."

„Einverstanden. Leb wohl!"

Am nächsten Tag griffen die Karlisten an. Es war ein heißes Gefecht. Ramön führte in der weißen Kar- liftenmütze das Kommando: fein und mein Bataillon kämpften Mann gegen Mann. Wir blieben Sieger, Ra­mon mußte mit feiner Abteilung fliehen, aber unser Oberst hatte sich vor der Wut des bisherigen Untergebe­nen nicht retten können, er blieb mit durchschossener Brust auf dem Kampfplatz. Gegen Abend nahm das Ge­fecht eine für uns ungünstige Wendung, ich wurde mit neunzehn Leuten abgefchnitten und zum nächsten Dorf gebracht, um erschaffen zu werden; denn damals gab es keinen Pardon.

Nachts, als es ein Uhr schlug, die Stunde meiner Verabredung mit Ramön, lag ich im Amtsgefängnis. Ich fragte nach meinem Freunde.

„Ja, das ist ein fabelhafter Kerl! Hat sich geschla­gen wie eine Furie. Später hat chn niemand mehr ge­sehen, wahrscheinlich ist er gefallen."

Mir blieb nur der Trost, daß er vielleicht nicht zu­rückgekommen war, um mich unauffällig in der Einsie­delei zu treffen. Wie furchtbar wäre das Warten ge­wesen! Er würde mich sicher für tot halten. Und wie nah war jetzt auch mein Ende!

Als der Morgen hämmerte, erschien ein Kaplan im Gefängnis. Die Kameraden schliefen noch.

„Der Tod!" schrie ich, als ich den Geistlichen sah.

„Ja," sagte er sonst. „Drei Stunden noch."

Alle Gefährten waren plötzlich wach geworden. Schluchzen, Schreie, Verwünschungen. Die Offiziersuni­form wurde mir abgenommen, statt dessen bekam ich einen allen Soldatenrock. So ging ich mit 19 Kame­raden zum Tode. Nur einen hatte man begnadigt, weil er Musiker war. Denn Musiker fehlten damals bei den Regimentern."

„War das Eure Rettung, Basil? Ihr wäret doch Musiker?"

„Nein, Kinder, hört nur zu . . . Eine Schützenabtei­lung nahm uns in die Mitte, verband uns die Augen, stellte uns an die Wand und zählle uns ab. Ich war der elfte ... Die Erschießung nahm ihren Anfang. Ich glaubte bei den Detonationen verrückt zu werden. Dachte krampfhaft an Frau und Kind. Zählte, verzählte mich, wußte nicht mehr, wann ich dran kam . . . Jetzt, dachte ich. Der Schuß fiel, aber ich lebte noch. Dies­mal. Ich fühlte, daß mich jemand packte, schüttelte, schrie. Ich fiel, wußte nichts mehr. Nur ein Traum- bewußtsein war noch in mir. Ich träumte, daß ich erschossen fei. Dann, daß ich auf einem Bette lag. Ich sah nichts. Wollte nur die Binde abnehmen, aber ich hatte ferne mehr. War ich blind? Nein . . . Ein Schatten, dunkler noch als die Finsternis, beugte sich über mich. „Basil! Ich bin es: Ramön."

„Himmel!" rief ich. „Bin ich im Jenseits?"

„Nein. Du lebst, und ich lebe."

„Wo bin ich denn? In der Einsiedelei? Oder ge­fangen? Habe ich alles gettäumt"

„Nein, Basi, Du hast nicht geträumt Hör zu! Nach dem Gefecht hielt ich mich der Truppe fern, um Dich in der Einsiedelei zu treffen. Stell' Dir vor, was ich durch­machte, als Du nicht kamst! Ich hielt Dich für tot. Es wurde Morgen, ich ging zum Lager. Alle hatten ge­glaubt. ich wäre gefallen, sie umarmten mich, der Ge­neral zeichnete mich aus. Dann erfuhr ich, daß neun­zehn Gefangene erschossen werden sollten. Eine Ahnung überkam mich Die ersten Schüße fielen, ich sah vor Aufregung nichts. Endlich entdeckte ich Dich. Nur zwei Opfer hattest Du noch vor Dir . . . Ich war halb ver­rückt. Schrie, umarmte Dich, flehte den General, der

mich eben ausgezeichnet hatte, an: „Diesen nicht, Herr General!"

„Ist er Musiker?" fragte der General

Die Frage war eine Erleuchtung für mich. „Ja, ein großer Musiker, er spielt ... bas Horn."

„Brauchen wir einen Hornisten?"

„Ja, wir können schon einen brauchen," sagte der Bataillonstambour. Du warst ohnmächtig. Ich nahm Dich und trug Dich hierher ins Gefängnis. Aber was nun? Es ist ja nur ein Aufschub. Alles wird heraus« kommen, und wir beide: sind verloren. In vierzehn Ta­gen soll die Kapelle zusammengestellt werden, für die Du bestimmt bist. Vierzehn Tage, nicht mehr, nicht weniger. Es gibt kein Wunder, sie werden uns beide füsilieren."

„Dich meinetwegen füsilieren!" schrie ich. „Nein. In vierzehn Tagen kann ich spielen."

Ramön lachte nur.

Was soll ich Euch sagen, Kinder? Vierzehn Tagei Was vermag der Wille! In vierzehn Tagen und vier­zehn Nächte, denn ich schlief kaum mehr, lernte ich das Horn blasen. Was für eine Zeit! Ramön und ich ver­brachten den ganzen Tag auf dem Felde mit einem Mu­siker. der mich unterrichtete. Ihr dentt, wir hätten flie­hen können. Unmöglich. Ich war Gefangener, für mich gab es kein Entkommen. Und Ramön wollte nicht ohne mich fliehen. Ich sprach nicht, ich dachte nicht, ich aß nicht. Ich war verrückt, es gab für mich nur das un­selige Horn. Ich wollte, wollte. Wenn ich stumm ge­wesen wäre, hätte ich gesprochen. Wär' ich blind, hätte ich gesehen. Denn ich wollte. Das ist ein großes Wort. Ich kam zum Ziel. Rettete Ramöns Leben. Aber ich hatte den Verstand verloren. Mein Ich war mein In­strument, mein Wahnsinn meine Kunst. Drei Jahre ließ ich das Horn nicht aus den Händen. Do—re mi— fa—sol, darin bestand mein Leben. Ramön war immer bei mir Ich wurde berühmt, galt als ein Wunder. Da starb mein Freund. Als er tot vor mir lag, war es wie ein Erwachen, ich kam wieder zu Verstand . . . Und als ich mein Horn wieder nahm, konnte ich nicht mehr spielen. Möchtet Ihr nun wirklich noch, daß ich zum Tanz aufspiele?"