Nr. 294
Vellage zur Fuldaer Aettung
20. Dezember
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Vierter Adventssonntag.
Eingangslied: 2s. 45, S.
Tauet ihn, ihr Himmel, von oben; Watten regnet den Gerechten. Erde, tu dich auf und laß den Erlöser sprießen. (Pf. 18, 2.) Die Himmel erzählen Gottes Ehre; was seine Hände vollbracht, verkündet die Himmelsfeste.
Epistel: 1. Kor. 4. 1—5.
Brüder! So betrachte man uns denn als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Von Verwaltern verlangt man aber, daß sie treu erfunden werden. Ich mache mir nichts daraus, von euch gerichtet zu werden oder von einem menschlichen Gericht; ich richte mich auch nicht selbst. Ich bin mir zwar nichts bewußt, aber deshalb noch nicht gerechtfertigt; wer mich richtet, ist der Herr. Richtet daher nicht vor der Zeit, ehe der Herr kommt. Der wird auch das im Finstern Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbaren. Dann wird jedem sein Lob von Gott zuteil werden.
Evangelium: Luk. 3, 1—6.
Die Stimme des Rufenden in der Wüste.
Bereifet -en Weg des Herrn!
Betrachtung zum Sonnkagsevangelium.
Die Tage eilen. Graue Dezembernebel fchleiern um die Berge, und es ist als ob sie di« heilige Nacht verbergen wollten, die dann aufbricht im Sternenlicht. Der Herr ist nahe. Die heilige Mutter trägt ihn bereits im Schoße und harrt der Stunde der Geburt.
Du wunderst dich vielleicht mit mir darüber, wie das Jahr zu Ende eilt, und die klagenden Melodien der Adventslieder haben dich aufgelcheucht. Ja. es ist Zeit, aus dem Schlafe zu erwachen. Das , Taudt, Himmel, den Gerechten" schallt durch das Schiff der Kirche und die ganze Gemeinde stimmt ein. Die Erde dürstet nach der Wolke, die sich herniederneigt, und die Bäume strecken ihre kahlen Zweige empor, damit der Rauhreif sie überkleide und das Antlitz der nebelgrauen Erde erneuere. Und hinter diesen Tagen steht immer wieder die Botschaft, daß sie Boten sind; denn der Herr ist nahe.
Das mag sein, entgegnest du, aber mir ist noch
gar nicht weihnachtlich zu Mute. Das Fest kommt mir schier zu früh, noch ehe ich mich recht darauf besinnen kann. — Aber dann hörst du eines jener wehmütigen Lieder, es ist dir, als müsse auch der Heiland die grauen Wolken deiner Brust aufreißen, als sei auch hier durch Tür und Tor der Zugang verschlossen. All deine Berufsarbeit lastet auf dir, die Gewohnheit des Alltags hat dich flügellahm gemacht. Aber tief darunter in deiner Brust, gleichsam wie ein Feuer unter der Asche, glimmt eine stille Sehnsucht, die nach Leben dürstet, das den ganzen Menschen erfaßt. Sie, diese stille Sehnsucht wallt dann auf in dir und deshalb kommen dir die alten Adventslieder so traut vor, weil sie deine geheime Sehnsucht in Wort und Sangesart fassen.
Eine solche Sehnsucht wohnt in jedem von uns. Meist übertönen wir sie durch unsere geschäftige Arbeit, durch unsere Sorge für den Augenblick. Aber sie läßt sich nicht immer übertönen. Es ist ein Heimweh, das nach dem Vaterhaus und dem Vater ruft. Einst, im Paradies, war dieses Heimweh gestillt, als noch das Ebenbild sich als Abglanz in seinem Gegenüber, in Gott, spiegelte. Aber die Sünde kam, das Versinken im Zeitlichen. Und doch blieb der Gottesfunken in uns am Glimmen, er war Sehnsucht geworden, die voller Heimweh ist. Das sind die Stimmen, die in dir aufbrechen. Selbst der Traum der Ungläubigen nach einer besseren Zukunft, wenn auch nur für das Diesseits, kündet davon.
So ruft die Sehnsucht, so ruft der Vater nach seinem Kind, der Schöpfer nach der Rückkehr des Geschöpfes. Du fragst aber, wie du den Weg zu ihm finden sollst. Schon im Heimweh bist du auf dem Weg zu ihm Denn er mag nicht auf dich warten, er kommt dir selbst entgegen, um dich zu führen. Als die Menschen vier Jahrtausende auf den Erlöser gewartet hatten, erbarmte sich Gott des Menschen. Er sandte seinen Sohn in die Krippe, daß ihnen der Reichtum göttlicher Liebe aufgehe. Das war die Sendung des Vaters an die gefallene Menschheit.
Aber Gott liebte nicht nur die Menschheit, er sucht jeden Einzelnen, aufdaß er sich ihm öffne. Und die Hostie wurde zur Krippe für einen jeden von uns Gott harrt immer wieder der Menschwerdung, damit er in uns Fleisch und Blut annehme, auf daß seine Liebe auch von uns in unsere Umgebung ausstrahle. Er wartet, daß unsere Sehnsucht ihm den Weg bereite . . ,
Weg mit -er Demagogie!
Die Lage nach der jüngsten Notverordnung.
Von Friedrich Muckermann S. J.
Welch' eine Unsumme von Arbeit steckt in der letzten Notverordnung! Betrachtet man sie wir t- s ch a f t l i ch, so konnte sie nur von Menschen gemacht werden, die gleichermaßen mit dem Finanzwesen wie mit der Industrie, mit den wirtschaftlichen Notwendigeiten wie mit den sozialen Erfordernissen vertraut waren. Es mußte sicher hingesteuert werden durch das klippenreiche Gebiet der Währungskrisen, es mußten einbezogen werden die politischen Einflüsse im wirtschaftlichen Leben, die Forderungen eines gesunden Binnenmarktes wie die des unumgänglich notwendigen Exportes. Alles dieses mußte in einem einzigen Blick überschaut werden, da das eine das andere bedingt. Mag man nun zu den Einzelheiten stehen wie man will, eines wird jeder Vernünftige sich sagen müssen: daß in solch verzweifelten Fragen mit Demagogen nicht weiter zu kommen ist. Wie klein wurden all die Schwätzer, die in lärmoollen Ver- sammlungen über alle möglichen Teilfragen der
Wirtschaft um den Beifall der Interessierten buhlen, dem schlichten Manneswort gegenüber, wie wir es ans des Kanzlers Munde hörten.
Auch die politische Seite der Sache wollte überdacht sein. Es galt innenpolitisch dem Volke klar zu machen, daß es um die Existenz selber gehe. Der ganze Wahnsinn, der darin liegt, daß man in den Staat der Verfassung andere staatliche Gebilde einbaut, einen Staat im Staate mit organisiertem Militär und mit dem Versuch von Auslandsvertretungen sogar, dieser Wahnsinn, der geeignet ist, die Welt an uns irre zu machen, als wären wir nicht ein Deutschland, sondern als wären da zwei oder drei, eine in sich zerfallende Ration, mußte einmal mit aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wir waren ja daran, Zuständen zuzutret- ben, wie sie zur Zeit des Dreißigjäh. r igen Krieges waren, wo nicht mehr der Kaiser mit den Feinden Deutschlands verhandelte, sondern jeder Landesfiirst auf eigene Faust. Bei
all dem war jedes Wort abzuwägen nach seinem Gewicht im internationalen Raum. Das Echo der Brüningrede in den führenden Zeitungen Frankreichs, Englands und Amerikas beweist, wie taktvoll unser Reichskanzler gesprochen hat. Auch hier wird jeder Besinnliche einräumen, daß mit demagogischen Phrasen nichts zu machen ist.
Es sagte vor kurzem jemand, durch die ganze Art des jetzigen Reichskanzlers entwickelten sich unwillkürlich, eben aus der Kraft des Beispiels heraus, die besten Eigenschaften unseres Volkes, nämlich die Sparsamkeit, die Arbeitsamkeit, die Sachlichkeit, die Nüchternheit. Das war sehr fein beobachtet, und man kann schon, wenn man nur will, an vielen Stellen merken, wie die Haltung der Men- fchm anders geworden ist. Man hat seine Ansprüche herabgesetzt, man ist sich über die besondere Lage des Augenblicks klar geworden, man klagt nicht mehr fo laut, wenn man nur das Notwendige noch hat, man ist aufgeschlossener der Not des Nächsten gegenüber. Daß die Zahl der ruhigen Menschen bei uns gewachsen ist, zeigt schon die Aufnahme dieser an sich so harten Notverordnung. Wir empfinden wohl alle, daß gerade die arbeitenden Schichten und unter ihnen wieder die Bergarbeiter wieder Opfer zu bringen haben. Man schwört es sich hn stillen, in dem Augenblick, in dem es eben möglich ist, ihr Los wieder zu verbessern, alles einzusetzen, um gerade ihnen zu helfen. Dennoch hat das Volk Besonnenheit gezeigt. Vertrauen und Geduld. Don neuem ist der Beweis erbracht, daß das deutsche Volk aus harrt, wenn man es nur nicht verhetzt.
Nicht nur ift durch diese Notverordnung und durch die Kanzlerrebe die Mark neu befestigt worden, sondern vor allem auch das Vertrauen. Selbst Blätter, die sonst mehr auf die rein wirtschaftliche oder finanzielle Seite einer Sache sehen, haben zugegeben, daß eine neue Kräftigung d-r deutschen Seele vor sich gegangen sei. Während die sinnlose Demagogie allenthalben die Furcht vor Unruhen hervorgerufen hat und damit die Flucht de- Geldes ins Ausland und aus dem Geschäft heraus, winkt die männliche Kraft Brünings sie wieder zurück. Du brauchst nicht zu fürchten, daß eine Katastrophe droht, mag uns auch noch Schlimmes bevorstehen. . Die Machtmittel des Staates reichen vollkommen aus, um jeden Versuch demagogischen Kraftmeistertums, die Ordnung zu stören, im Keime zu ersticken. Ein Mann steht auf der Kommandobrücke, der auch im Sturme die Ruhe nicht verliert. Er redet nicht viel, während die Schwätzer am Werke sind, aber wenn er redet, dann verstummen für eine Weile die Schwätzer, denn hier ist ein Mann ein Wort.
Tag für Tag lesen wir von allen möglichen Skandalen, und man möchte manchmal glauben, es sei mit Treue und Redlichkeit in der Welt vor. bei. Auch hier hat die Demagogie die Lage ausgenutzt und maßlose Dinge übertrieben, die wir alle bedauern. In Brüning ist uns nun eine Persönlichkeit geschenkt, die auch hier bahnbrechend wirkt. Hätten alle Führer der Wirtschaft und der Finanz jenes Verantwortungsbewußt- fein, jene Unantastbarkeit, jene echt deutsche Redlichkeit, wie wir sie in ihm verkörpert sehen, wir brauchten um die Zukunft unserer Wirtschaft und unseres Volkes nicht besorgt zu fein. Es will mir manchmal scheinen, als träten seine Freunde noch immer nicht genug für den Kanzler ein. Vergleiche ich etwa das, was in der Hitlerbewegung dem Führer an lauten Anerkennungen dargebracht wird, so sind wir zweifellos Brüning gegenüber sehr bescheiden. Gewiß, es liegt uns der Personenkult nicht, und ich möchte gewiß nicht für einen solchen eintreten. Aber es geht hier um etwas ganz Objektives, um einen fachlichen Wert, um ein Symbol echten christlichen und na
tionalen Wesens. Gerade jetzt werden die näheren Freunde Brünings zeigen müssen, wa» Treue ist. Treue ist kein Bekenntnis zur Unfehlbarkeit eines Führers, wohl aber eine auch in schwerster Stunde nicht versagende Anhäng, l i ch k e i t.
Mit einem neuen Zuwachs an Autorität steht Brüning heute da, obwohl er seinem Volke so viel hat zumuten müssen. Wollte man auch einen andern suchen, der ihn ersetzen könnte, niemand wüßte einen zu nennen. Selbst im Gespräch mit den wildesten Demagogen muß man immer wieder feststellen, daß sie das selber ganz genau wissen. Es dürfte kaum eine Partei geben, die nicht im geheimen genau so dächte. Schon das mußte genügen, um uns vor Experimenten zu bewahren. Brüning ist nun einmal der Mann des Schicksals geworden. Er oder keiner, das fühlt jeder. Brüning oder das Chaos, das wittert tieffter Instinkt. So schenken wir dem Manne der seine Arbeit, wie wir alle wissen, als einenheiligen Beruf und als eine verantwortungsvolle Sendung auffaßt, denn unser ganzes Vertrauen, damit es in ihm zu neuer Kraft werde und ihn beschwinge zu Leistungen, wie sie im übermenschlichen Ausmaße von dem jetzigen Reichskanssser gefordert werden.
Christlich denken!
Beim Lesen des Titels wird sich mancher des trefflichen Hilfsl "chleins zur geschlechtlichen Erziehung „Christlich denken" von P. E. K u r z O. F. M. (113 Seiten. 2.— M. Kösel- Pustet, München) erinnern, das leider in den letzten Jahren vergriffen war. Das Büchlein fand seinerzeit viel freudige Anerkennung; denn die Grundhaltung des Verfassers wurde von vielen aus vollem Herzen bejaht. Für die, die das Werklein noch nicht kennen, möchten wir hier nur eine Seite der Neuauflage zum Abdruck bringen, die den Geist des Ganzen klar widerspiegelt.
Das Geschlechtliche selbst muß bleiben. Unsere Reinheit ist nicht Reinheit vom Geschlechtlichen, sondern Reinheit des Geschlechtlichen. Es ergibt einen hellen freien Blick in bte Welt, den eigentlich christlichen Blick, wenn man sich das klar macht. Das Geschlechtliche hat sein gottgegebenes Recht, und das soll ihm nicht verkümmert werden. Es hat seine gottgegebene Aufgabe und die soll es unter uns Menschen erfüllen. Hier sst der Ausgangspunkt für die Beurteilung. Keuschheit ist Reinhaltung der Ehe und des Geschlechtlichen; das 6. Gebot ist nicht ein verbietendes Gebot, sondern ein Schutzgebot. Genau wie das 5. Gebot nicht das Leben verbiete^ sondern das Leben schützt. Wer vom Negativen nicht loskommt, wer Keuschheit also in der Reinhaltung vom Geschlechtlichen sieht (bas dann identisch ist mit -dem „Unkeuschen"), für ben steht immer am Schluß feiner Ueberlegungen das Unbegreifliche und Bedauerliche, daß Gott ausnahmsweise und inkonsequent in der Ehe dieses sonst Verbotene erlaubt hat. Und es ergibt sich der pädagogisch irre- leitende seufzende Blick auf die herrliche Unschuld des Kindes, das von diesen Dingen noch unberührt ist und am besten sein ganzes Leben so bliebe. Wir hoben Gott nicht zu korrigieren, sondern wir korrigieren uns und unsere Anschauungen an Gott und seinem Willen und Schaffen.
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In alten Preislagen
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Emmericter Frledrhchsmarkt 2
Kirche und Muttersprache.
Don Dr. K. B. Wäsch.
Im Hinblick aus die anhaltenden Angriffe .nationaler" Kreise gegen die katho- lische Kirche, als ob diese eine Feindin des Volkstums sei, verdient folgender Aufsatz besonderes Interesse:
Der erst vor einigen Jahren verstorben« ungarische Bischof von Stuhlweißenburg, Dr. Ottokar Prohaszka dessen zeitgemäße und soziale Schriften sich auch außerhalb seines Vaterlandes großen Ansehens erfreuen, hat sich des öfteren als ein Freund der nationalen Minderheiten bekannt. Er hat einmal in einfachen, schlichten Worten die Antwort auf die Frage gegeben, wie sich die Kirche zum Recht der Minderheiten auf die Muttersprache stellt. Seine viel beachteten Worte lauten: „Lieben wir das Reich Gottes! Völker, Raffen, Sprachen sind darin; ehren wir auch diese. Predigen wir in jener Sprache, in welcher wir verstanden werden. Stellen wir uns auf die Höhe der apostolischen Kirche!" Diese knappen Worte geben den Grundton der kirchlichen Lehre und Praxis von ihren ersten Anfängen bis zum heutigen Tage wieder.
Die Kirche hat während ihrer ganzen Ehristianisie- rungsarbeit in Europa und Amerika, ebenso wie in der Missionierung unkultivierter Völker von jeher weiteste Rücksicht auf die Muttersprache genommen. Berührt ja doch J)ie Religion das Zarteste und Feinste, was sich in der Seele regt, ist und will sie ja auch nichts anderes als die höchste Erhebung zu Gott. Da ist es naheliegend, daß die Kirche einen Ausdruck verlangt, der dem Menschen möglichst zu eigen geworden ist. Da ist es nur ganz natürlich und entspricht den einfachsten Grundsätzen des Naturrechts, überall für die Muttersprache eines jeden Volkes einzutreten, des eigenen sowohl, wie des fremden. Die Kirch« benötigt die Muttersprache als notwendiges Mittel zur Missionierung des einzelnen Menschen. Nur durch die Muttersprache kann sie ihre erhabenen Lehren den einzelnen Seelen zugute kommen lassen. Mag auch die Kirche im Interesse der liturgischen Einheit bei den sakral-objektiven Handlungen des Meßopfers und der Sakramente die lateinische Sprache vorziehen, so verwendet sie doch überall dort, wo in kirchlichen Handlungen das Hauptgewicht auf der sub- iektiv-persönlichen Einwirkung liegt, in der Predigt, im
Unterricht, in der privaten Seelsorge, bei den gemeinsamen Gebeten, beim Kirchengesang, einzig und allein die Volkssprache. Das Eindringen der religiösen Lehre in die Menschenseele, ihr Einswerden mit Herz und Verstand erfordert die denkbar feinste Anpassung an den persönlichen Charakter des einzelnen. Nur hierdurch kann die Religion dem Menschen zum wirklich inneren Erlebnis, zur Freude seines Herzens und zur Norm seiner Lebensführung werden.
Im Leben eines jeden Volkes zeigt es sich immer wieder, daß die Worte der Muttersprache in religiöser Hinsicht eine eigene tiefgreifende Bedeutung haben. So kommt es, auf ganz natürliche Weile, daß wir in den schweren Stunden der Krankheit und des Leides uns am besten in unserer Muttersprache aussprechen können. Es wird berichtet, daß die besten Sprachforscher und Sprachkenner aus dem Todesbette zu den Lauten der Kindheit, zur Muttersprache, ihre Zuflucht genommen haben, sogar zu den einfachsten Ausdrücken der gewohnten Mundart zurückgriffen, um zu ihren Angehörigen die letzten Worte des verschwindenden Lebens zu sprechen, um sich dem Beichtvater zum letzten Male mitzuteilen und mit Gott und der Kirche in Frieden zu sterben.
An seinem umfassenden Handbuche „Auslands- deutschtum und Kirche" (Band 19—22 der von Professor Dr. Georg Schreiber herausgegebenen Sammlung „Deutschtum und Ausland", Verlag Aschendorff, Münster, Wests.) gibt der bekannte Dolkstums- forscher Professor Dr. Beda Kleinschmidt O. F. M. geradezu eine Werraschende Apologie für das Eintreten der Kirche zum Schutze der Muttersprache auch Heiner Volkssplitter.
Die Geschichte des Christentums hat von den ersten Tagen seines Enfftehens überzeugende Beweise dafür gebracht, daß es der Kirche auch in der Praxis wahrhaft ernst ist mit der Erhaltung der Muttersprache.
Schon mit dem wunderbaren Pfingsterlebnis wurde die Muttersprache gewissermaßen zum Grundrecht der weltumspannenden kath. Religion erklärt. So berichtet der heilige Text über die Wirkung der Pfingstpredigt: „Jeder verstand sie in seiner Sprache!" Das wirkte sich auch für alle Zeiten in der Weltmission der katholischen Kirche aus Für die Missionare ist die Kenntnis der Sprachen der verschiedenen Länder das unerläßliche Mittel ihrer Wirksamkeit. Je gewandter ein Missionar im Gebrauch« der Sprache des Landes ist, wo er seine Tätigkeit ausüben will, um so mehr kann er auf Erfolge rechnen. Viele dieser Sprachen erhielten erst durch die Missionare eine
wissenschaftliche Pflege, ebenso ihre ersten Literaturwerke. Das trifft auch bei verschiedenen europäischen Sprachen zu, deren erste Literaturwerke dem Fleiße der christlichen Glaubensboten enffprossen sind. Eine der markantesten Beispiele ist ohne Zweifel die ehrwürdige Bibelübersetzung des Gotenbischofs Ulf i» las, die geradezu als ein Eckstein unter den germani- n Literaturdenkmälern anzusprechen ist. Diese goti-
Urtunbe spricht für alle Zeiten laut von der
mütterlichen Liebe, mit der die Kirche über die Sprache der Völker wacht, mit der sie dem einfachen Volke die religiösen Wahrheiten nahebringt.
Ein Blick in die Kirchengeschichte beweist, daß die Kirche sich und ihrer Lehre stets treu geblieben ift. So wurde das Recht auf die Muttersprache offiziell im Laterankonzil vom Jahre 1215 gefordert; eine Verordnung des Bischofs von Trier aus dem Jahre 1217 macht es den Priestern zur Pflicht, sich den örtlichen Verhältnissen anzupasfen und sich diesen entsprechend der deutschen, bezw. der französischen Sprache zu bedienen. Die Synoden vom Ermland (1497) und von Kulm (1583) drohen sogar die Strafe des Amtsverlustes an, wenn der Priester nicht in der Sprache des Volkes predigt. Am nachdrücklichsten wird der Standpunkt der Kirch« in einer Bestimmung des Prooinzialskonzils von Lima (Peru) aus dem Jahre 1582 vertreten, wo es im 6. Hauptstück des 2. Abschnittes heißt: „Das maßgebende Ziel des christlichen Unterrichts ober der Katechese ist Crfassnug der Glaubenslehre; der Glaube im Herzen führt zur Rechtfertigung und das Bekenntnis im Munde zum heile. Deshalb soll jeder so unterrichtet werden, daß er geistig begreife, der Spanier in der spanischen und der Indianer in der indianischen Sprache usw. Kein Indianer darf übrigens gezwungen werden, die Gebote ober den Katechismus lateinisch zu lernen, da es genügt, ja sogar besser ist, wenn er sie in seiner Sprache rezitiert; oder wenn jemand von ihnen will, kann er das Spanische, das schon viele sprechen, hinzufügen." Das dritte mexikanische Provinzialkonzil vom Jahre 1585 verlangt daß „der Bischof die Seelsorger der Eingeborenen examiniere, ob sie auch die Landessprache beherrschen".
Die allerjüngste Zeit hat uns besonders in den infolge der Friedensschlüsse von Versailles. St. Germain und Triana neu entstandenen Staaten eine Verschärfung des Minderheitenpro- b l e m s gebracht. Auch in anderen Ländern führte das Minderheitenproblem Staat und Kirche zur Schaffung von Gesetzen und Verordnungen zum Schutze der Muttersprache auch kleiner Minderheiten, So brachte die
Provinzialsynode von Tarragona im Jahre 1928 der in Spanien lebenden Minderheit der Katalanen eine günstige Entscheidung und dekretierte, daß im Katechismus- unterricht und in der Predigt die katalanische Sprache anzuwenden sei; sie griff somit auf die Bestimmungen des katalanischen Provinzialkonzils vom Jahre 1591 zurück, das bereits eindeutig das Recht auf die Muttersprache anerkannt hatte. In ben letzten Jahren hat Oesterreich in Schule und Verwaltung seiner ungari- schen sowie seiner slowenischen Minberheit den Gebrauch der Muttersprache rechtlich gesichert. Preußen hat in mustergültigen Verordnungen für die Minderheitenschulen der Polen und Dänen eine großzügige und allgemein anerkannte Regelung durchgeführt.
Alle diese Verordnungen treffen den Kern jeglichen Minderheitenrechts so vortrefflich, daß man sie als vorbildliche Leitsätze auch jetzt in allen sprachlich gemischten Gegenden verkünden könnte. Um so mehr ist das Verhalten mancher Völker gegenüber einzelnen Minderheiten verwunderlich, die ihnen nicht einmal das Recht zugestehen wollen, welches die Kirche in der Mission den nichtkultivierten und farbigen Völkern zuerkennt. Es ist sicherlich nicht immer leicht für den einzelnen Priester, sich gegenüber anders eingestellten staatlichen und kirchlichen Behörden durch,zusetzen, vielleicht fehlt es ihm ober auch an der Kenntnis der einschlägigen Gesetze und Verordnungen, was bei der großen Mannigfaltigkeit und Unübersichtlichkeit der Gesetzgebung nur zu verständlich ift Diesem Notstände sst jedoch in letzter Zeit dankenswerter Weise abgeholfen worden. Es ist ein großes Verdienst, das sich Pater Dr. Grentrup SDD. durch eine Zusammenstellung der kirchlichen Rechtsvorschriften in seiner Schrift „Nationale Minderheiten und katholische Kirche" (Verlag Ferdinand Hirt, Breslau 1927) und durch seine Materialiensamm- lung über „Die kirchliche Rechtslage der deut- schen Minderheiten katholischer Konfession in Europa" (Verlag „Deutsche Rundschau", Berlin 1928) erworben hat. Diese Werke werden jed--m Geistlichen wertvolle Dienste in der Seelsorae für die Minderheiten erweisen Denn überall, wo diese Fragen akut werden, ist es Pflicht der Geistlichen, im Sinne der kirchlichen Vorschriften das Recht der Mutterlprachs bei den Minderheiten zu achten und auch dem D-lke. dem man seine Muttersprache rauben will, treu zur Seite zu stehen. Die Muttersprache sst her Kirche eine hohe und heilige Sache, für deren Schutz sie stets ihre ganze Autorität eingesetzt hat. W.