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NILS
20. Dezember
Verlage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 294
niederen
Da werden die Türmatten hastig beiseite geschoben.
die Stube
sich in
Man wird sie mit den eigenen
M betritt als erster ein Gastzimmer — oder wenig-
'211 betritt als erster em ecrrminfiMv
stens einen Raum, den man in einer Borstadtkneipe eines !°gar recht abgeschlifsenem F nz V\d). @ i
griechischen Provinznestes unverschämterweise so benennt, „Bitte, enhchuldigen «>e vorallem diesenEn g weil er außer unverputzten Wänden und einem gebirgi- aufwand, verehrter Herr — und seien sie versichert, daß gen Boden aus sestgestampstem Lehm ein paar Tische wir es weder aus Ähre Wertgegenstände noch gar aus
und einem durch die
mit ge» Schwall Stimme
still und kühl Bald kommt die allein die wo der Haß dräuend aus
Ein fremdes, verzerrtes Gesicht bückt herein, ein Schrei gellt auf.
und Bänke enchäll, an denen man sich zollange Splitter einreihen kann.
Zwei Zigaretten qualmende Kerle — sie haben defekte Anzüge, mitgenommene Strohhüte und schmierige Wäsche wie Chatzigregorakes — sitzen an einem Tisch. Dorthin wird Al, nach wie vor mit überaus höflichen Gesten, von seinem Begleiter bugsiert. Dann verläßt der Korfiote den Raum. Die beiden anderen Kerle haben ihre Sttohhüte geschwenkt, wieder auf die öligen, schwarzen Köpfe gestültp und starren Al setzt mit einer Art indifferenten Jnteresies an. Er versucht in diversen Kullur- sprachen mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie zucken zu allem die Achseln und verstehen ihn offenbar nicht.
Chatzigregorakes erscheint wieder mit einem Tablett mit vier Kupferschälchen, deren Inhalt aus heißem, breiigem und wahrscheinlich sehr süßem Kaffee besteht. Nach dem Beispiel der anderen nimmt Al sich eine Tasse und leert sie. Er entdeckt, daß die drei Brüder dies mit einer feierlichen Grandezza tun und macht es ihnen nach, vielleicht ist es em Brauch, den er nicht kennt.
Man bemüht sich hier offenbar um kultiviertere Formen — sollte etwa der mysteriöse Ruf Reuf Pascha doch noch in Erscheinung treten?
Al vermutet nämlich nicht mit Unrecht, daß er von den beiden Kerlen, die ihn hier offenbar erwartet haben, keiner ist. . . Immerhin bald halb sechs — er muß sehen, daß er zu Rande kommt.
Er wendet sich mit einem freundlichen Lächeln an Chatzigregorakes : „Also, mein Lieber, was wird hier gefpieÜ?"
Der hat den Sinn der Frage offenbar genau verstau- den. Er stellt sich vor die Tür, zieht einen Revolver aus der Tasche und richtet ihn auf Al.
Dann erklärt er zu Al's Verblüffung in fließendem,
in Winterruh!
jene Frühlingswende,
Liebe weckt, umsonst die Hände dem Grabe streckt.
Gottfried Keller.
fenen Hütte. Stumm und resigniert lauscht er neigtem Kopf dem immer näher kommenden der Waffer und singt mit eintönig murmelnder fein Sterbelied:
Wir lebten den zehntausend Ahnen nach.
Erster Schnee.
Wie nun alles stirbt und endet und das letzte Lindenblatt müde sich zur Erde wendet in die warme Ruhestatt;
auch unser Tun und Lassen, was uns zügellos erregt, unser Lieben, unser Hassen sei zum welken Laub gelegt.
Reiner, weißer Schnee, so schneie, decke beide Gräber zu, daß die Seele uns gedeihe
Hankau uns gesagt hat. Sein Tao ist ein anderer als der, vor dem unsere erhabenen Väter uns die Rücken beugen lehrten. Aber der Taotai ist ein guter Mann und ein kluger Mann. Seine Lehre ist mild wie das Licht des Mondes und weise wie die Stimme der Geister vom heiligen Berge. Wißt ihr noch, was er uns erzählt hat? Vor vielen tausend Jahren haben die Menschen einen Turm bauen wollen, dessen Zinnen bis in die Wolken ragten. Auf ihm wollten sie den Himmel erklimmen und aller Geister und Dämone spotten. Aber der große Tao verwirrte ihre Zungen, so daß keiner mehr den anderen verstand und sie alle zerstreut wurden in ferne, fremde Länder. Ist es nicht so mit der neuen Zeit in Chung-kuos Land? Wir verstehen einander nicht mehr. Die von Nanking und die von Schanghai sprechen verschiedene Sprachen. Die Jungen in den Schulen und Hörsälen von Hankau reden anders als die Weisen der Hanlin-Akademie. Die neuen Arbeiter in den Fabriken sprechen eine andere Sprache als die Reisbauern Honans und Hupehs. Wir sind einander stemd geworden und wohnen unter Fremden. Wer kennt und versteht noch den anderen, wer von den Hun- derttausenden, die hier am gelben Fluß zuströmen? Rur der Jangtse versteht sie. Achtet, o Söhne, auf tue Sprache des Flusses. Hört Ihr nicht, wie er seit einiger Zett rauscht und murmelt? Alle bösen Dämonen jagen auf ihm dahin, seitdem die junge Welt nicht mehr die heiligen Drachenaugen an den Bug der Dschonke malt, sondern in den neuen Donnerbvoten aufreizend durch die stillen Fluten rast. Der Jangtse kennt alle Sprachen und warnt jeden der Hunderttausende, die wie ein Heuschreckenschwarm sich an seinen Ufern niedergelassen haben."
Die jungen Leute schweigen. Ehrfurcht vor dem Alter lehrt auch die neue Zeit. Wer wollte dem ehrwürdigen alten Mann widersprechen? Die Teeschalen werden rundgereicht in der kleinen Hülle. Man macht sich bereit, für die Nacht seine Matte zu legen.
Nur der alte Wang bleibt sitzen und lauscht dem Quirlen und Klatschen des vorbeirauschenden Stromes.
Trübe schaukelt die Papierlaterne an der Decke.
Ihr Leben abgesehen haben. Wir wünschen nur eine kleine Bitte an Sie zu richten: haben Sie die Freundlichkeit, sich bis gegen sieben hier aufzuhalten — also so lange, bis die „Christabelle" Korfu bestimmt verlassen hat. Dann ... das heißt, nachdem wir" — er weist auf sich und die beiden anderen Kerle — abgefahren sind, können Sie selbstverständlich gehen, wohin Sie belieben. Was das Restaurant des Herrn Maraulis Ihnen an Annehmlichkeiten bieten kann, steht Ihnen selbstverständlich völlig kostenlos übrigens — zur Verfügung. Sie brauchen nur zu befehlen."
Al Fellnor vergißt den listenreichen Odysseus nicht. Er fährt also weder entrüstet auf, noch verschwendet er zwecklos Energie in einer Schimpfkanonade. Im Gegenteil, er lächelt freundlich, bleibt in gelöster Haltung, mit übereinandergeschlagenen Beinen an dem Brettertisch sitzen und fragt nur ganz harmlos: „Wollen Sie mir nicht wenigstens verraten, warum Sie sich um meine bescheidene Persönlichkeit diese Mühe machen? Sie haben doch, wie ich sehe, große Umstände dadurch, verehrter Herr Chatzigregorakes.
„Oh, mein Herr, wir wisien genau, daß Sie keine bescheidene Persönlichkeit sind — im übrigen erstreckt sich mein Auftrag leider nur auf das, was ich mir bereits vorhin schon mitzuteilen erlaubte."
„Sie handeln also nach Direktiven von Herrn Reuf Pascha " fragt Al und denkt mit dieser Erkundung in den Spuren des vielgewandten Odysseus zu wandeln.
Aber Herr Chatzigregorakes lächelt überheblich.
„Jetzt müssen Sie doch wirklich schon darauf gekommen sein, verehller Herr, daß uns gerade diesen Auftrag unmöglich Reuf Pascha erteilt haben kann — nicht wahr?"
Wüßte nicht, warum ich darauf kommen sollte, schießt es Al durch den Kopf „ . mir auch ziemlich schnuppe — es war riesig interessant für mich, aber meine Zeit ist leider abgelaufen . . . fünf Uhr vierzig, also höchste Eisenbahn!
Mit jähem, überraschendem Tigersprung wirft er sich auf Chatzigregorakes, krallt ihm die Nägel der Rechten ins Handgelenk, bevor der Gauner hätte abdrücken können — das Schießeisen fällt zu Boden, Al's linker Fuß
Friede und Freude.
Es gibt auf Erden kein endgültig Erreichtes, auf dem du ausruhen könntest. Der Strom der Zeit treibt dich unaufhaltsam vorwärts. In der Well der Arbeit, im Reiche des schaffenden Lichtes, ist gärendes, drängendes Leben; müßige Ruhe ist Erstarrung und Tod. Ader du bist müde und sehnst dich nach Frieden und Feiern. Du hast ohne Aushören in Selbstvergessenheit gearbeitet und fühlst die Kräfte deines Geistes und Körpers schwinden und sterben.
Ach, verzage nicht, liebe Seele! Werde nicht dumpi und bitter, weil du keinen Frieden im Alltag finden kannst, kein Ruheziel für deine hastenden und sorgenden Gedanken, keinen Lichtblick für deine staub- und trä- nenblinden Augen. Sei getreu und kämpfe für den Frieden und halte ihn in dir selber fest als dein kostbarstes Kleinod. Und wenn du zu müde bist, um weiter zu kämpfen, so laß deinen guten Engel für dich streiten, der dir immer hilft, wenn deine Sache und Gottes Sach- eins find. Habe keine Furcht! Es kann dir nichts geschehen. Frieden haben heißt: furchtlos fein und Vertrauen haben. Frieden haben heißt: das Gleichgewicht
Wuchang die chinesischen Stahlwerke.
Aber vergebens versuchen die lebensheißen, hoft- nungssrohen Jungen den alten Wang zu überzeugen.
„Denkt daran, Söhne, was der weiße Taotai von
blassen Frau Wohlfahrtskohlen. Als er mit den teeren Säcken zurückkommt, sieht er das kleine Mädchen bei dem müden Pferdchen stehen, das seinen schmalen Kopi tief geneigt hält, die Aermchen um den Hals des Tieres geschlungen. „Riesele, arm, klein Riesele . . ." In d' m Kinderherzen lebt ein süßer Traum vom Pserdchen, von den müden Eseln und sanften Rehen, von all den innigschönen ©attestieren, die so voller Demut sind und die sanfte Himmelsbläue lieben. Aus farbigen Bilder- büchern, deren duftige Legenden von den demütigen Tieren des armen hl. Franziskus wußten, ist dieser Traum vom Riesele in das kleine Kinderherz gezogen . . .
Einige Tage vor Weihnachten sah der große Mann das Kind vor einer Kirchentüre stehen und sich vergeblich mühen, den schweren' Drücker zu erreichen. „Was wlllst du in der Kirche?" Das Mädchen nahm seine Hand: „St . . . till . . . beten für ein Riesele . . ." flüsterte das Kind. „Hier muß du warten, nich gucken, nein?" Und die flinken Kinderfühchen tappten durch die stille Kirche.
Der Mann setzte sich in die letzte Bank und sah. wie das Kind auf die Armlehne einer Betbank kletterte und ein weißes Papier in einen Holzriß unter die geschnitzte Madonnenfigur steckte; dann wieder herunterkletterte und eine kleine Kinderweite lang kniete und betete.
In der letzten Bank der dämmerigen Kirche saß der große Mann, das Kind auf seinen Knien, im Ohr das flüsternde Stirnmchen und die Augen müde und hung- rig auf die alte, f-'xn? ""-i""°t. Beter Hin
terer, der seinen Namen im Gesicht trug. Beten können, wie dieses blonde Seelchen auf feinen Knien . . - aber Gott war so unendlich fern . . . Und nun sitzt der Mann und träumt zurück: sieht das kleine Haus an der Inster, feinen Acker, aus dessen Wärme der Glaube in fein Herz drang, sieht fein junges, schönes Werb, hält wieder fein kleines Mädchen auf den Knien . . . Warum kam dieser Krieg? Warum litt es Gott, daß die Russen sein Häuschen in Brand steckten, daß sie fein gutes, sanftes Weib zerstachen, und er ihren stummen
Der Flutz kommt
Bilder aus China.
Riefele.
Von Marguerite Vervoort.
Mit einem kleinen, müden Pferdchen
der Welt in sich tragen durch die welterlösende Liebe; heißt: alle dunklen und verworrenen Rätsel des Lebens in sich gelöst haben durch die erhabene Einfachheit des unwandelbaren Rechttums und Wahrhaftigseins, der unverwirrbaren Einhell des Gefühls und des Zuhaufe- feins im eigenen Innern. Nur die reine, aufrichtige Treue gegen sich selbst vermag solchen seligen Reichtum, der nicht von dieser Welt ist, zu schenken. Der Friede ist dem reinen Willen aller Guten erreichbar. Er ist der Adel der Seele, die in maßvollem Wechsel von Schaffen und Feiern, von Leid und Freude, von Sturm und Stille zum schicksalsmächtigen Charakter gereift ist und ihren Willen von ererbten Fesseln des Blutes frei gemacht hat durch die Gewalt des Geistes, der sich selbst erkannt hat und nicht länger Knecht sein will.
Das aber muß der kämpfenden, durch Leid sich läuternden, uns aufwärts entwickelnden Menschheit erhalten bleiben: daß sie die Feste des Jahres und der Seele zu feiern weiß, empfänglich für die Wunder des Lichts, und bereit, den empfangenen Segen weiterzuleiten au: lichthungrige, erkenntnisarme Brüder, die ohne sie im Schatten schmachten müßten.
Seele, erkenne den Sinn deiner Sendung: du sollst ein Lichtbote fein, sollst Freude und Trost spenden, sollst in gesegneter Arbeit und Heiligung dir selbst Helsen und gesund werden von Müdigkeit, Verzagtheit, Spaltung und Schwäche. Ach, die ganze Welt schreit unaufhörlich um Hilfe. Wer Ohren hat zu hören, der erkennt, wie ihre leibliche, seelische und geistige Not immerwährend herzzerreißend den Himmel bestürmt. Wolle ein Helfer sein, so wllst du ein Erlöser werden und wirst das lebenstiefe Wort verstehen, das dem Erlöser Erlösung verheißt. Verzage nicht ob deiner Schwachhell und Armut. Schwester Armut, die göttliche, hindert dich nicht, Liebe zu geben; sie wird, wenn du sie recht erkannt hast, die unerschöpfliche Quelle deines Reichtums fein. Dein leiderfahrenes Herz wird fremdes Leid auch im Erzpanzer des Stolzes begreifen. Durch Mitleid wirst du wissend und weise sein und in mütterlicher Barmherzigem helfen können, wo immer nach Hilfe verlangt wird. Die Kette der gegenseitigen Hilse, die die Menschhell zu einer lebendigen Einheit verbindet, zum unvergänglichen Leibe Christi, wird durch dich Krastströme empfangen. Ilse Franke.
Geld zu verdienen.
Waffen schlagen. Schon ist so manche Fabrik am Jangtse in chinesische Hände überaeaanaen. Schon dröhnen bei
tritt darauf. Seine Rechte schnellt zurück und prallt wieder vor und gegen die Kinnspitze des Halunken, daß der schon liegt, ehe die beiden anderen Kerle, die sich erst hinter dem Holztisch hervorwinden müssen, in Reichweite gekommen sind . . .
Jetzt geht Al für einen Moment in die Kniebeuge. . . seine Linke gleitet über den Boden, fischt den Revolver auf und bugsiert ihn in die Hosentasche.
Eine halbe Sekunde später fährt die Spitze seines Schuhes dem ersten herankommenden Kerl zwzischen die Beine — der zweite, ein stabiles Schwergewicht, stürzt jetzt mit erhobenen Fäusten heran — aber er hat feinen Leib nicht gedeckt und von Al einen trockenen Leberhaken weg, bevor er zum Schlage kommt.
Natürlich läßt Al den kurzen Augenblick, in dem sich alle drei auf dem Lehmboden herumwälzen, nicht ungenützt vorüberstreichen.
Während er durch den dunklen Gang stürmt, reißt er seinen eigenen Browning heraus — aber es ist nicht mehr nötig, niemand hält ihn auf — und wenige Sekunden später fegt er in einer auf wirbelnden Staubwolke über die Landstraße in Richtung der Stadt. Nach zweihundert Meter nimmt er das Gas einen Moment weg und sieht sich um.
Richtig, die drei Kerle stehen mitten auf der Straße und schreien sich die Lungen aus dem Halse. Das Bitterste an der ganzen Sache ist wahrscheinlich für sie, daß sie auf diese Weise erst einmal ihren alten Kasten los sind. Mit allem, was drin ist, hetzt Al das klapprige Gefährt jetzt in östlicher Richtung bis zurr Küste und dann geradewegs nach Süden zu, der Stadt Korfu entgegen.
Punkt sechs prescht er in die ersten Straßen der Vorstadt Mandukion hinein, ist also unmittelbar vor dem Hafen — wenn der Auspuff des alten Wagens nicht einen so irrsinnigen Radau machte, könnte ihn hier schon das mahnende Heulen der Sirene der „Christabelle" erreichen . . .
Aber er hört nichts und konzentriert seine ganze Energie auf die Hände, die den Volant umklammern und auf die Augen, die die Straße starr im Blickfeld behalten. Den entsetzt zur Seite stiebenden Kindern, die aus dem
Wir bauten unseren Reis nach Urväter Brauch. Aus dem Backofen stieg abends der Rauch.
Da war Geburt, Hochzeit und Sterben.
Das Leben rann still wie ein Bach.
Die Geister fangen, die Götter, die mll uns lebten und goldenen Glanz in unsere Träume webten.
Nun sind wir wach.
Schifte kamen den Jangtse hinaufgefahren.
Dampfer erhüben ihr Trompetenmaul im Haien und Fabriksirenen ließen uns nicht mehr schlafen. Die Götter sind fort. Der Traum ist vorbei.
So Hu.
Dingdangdong, bingbangbang fingen die Porzellanglöckchen in den kleinen zierlichen Pagoden und Sifin- Häusern am oberen Jangtse. Von den sanftgewellten Feldern trägt der Abendwind den Duft der Teeblume herüber. Die Suft ist klar. Nur drüben im Süden steht eine dunstige Nebelwolke über dem Fluß. Aber das ist kein Wetterzeichen. Dort verschwindet der Dunst nie, dort liegt immer ein Schleier über dem Horizont. Denn dort fiebert, rast, schuftet Hankau, die Millionenstadt. Meilen sind es bis dorthin, aber die in wahnwitz'gem Tempo emporstrebende Stadt frißt diese Meilen in sich. Sie streckt ihre Fühler über die Reisfelder und Teegiir- ten, frist immer neue Heimstätten, die sich scheu am Flußuser bergen. Das Gewirr der Barken, Hausboote und Dschonken dehnt sich schon weit über Sachang hinaus gen Westen. Und immer neue Hunderttausende kommen aus dem Lande, magnetisch angezogen von dem wirbelnden Strudel der großen Stadt. Sie suchen Unterschlupf in den Höhlen des Flußufers, zimmern sich Flöße, auf denen sie Bambuszelte errichten, bauen Hütten an den Uferböschungen.
„Es endet nicht gut", murmelt der alte Wang und schüttelt bedachtsam den kahlen Schädel. Früher ist man geblieben, wo man geboren war. Jeder kannte den andern. Chung-kuos Land war groß. In den achtzehn Provinzen war ein Plätzchen für jeden Sohn Han's. Und der Mensch soll bleiben auf der Scholle seiner Vorfahren, um die die guten Geister der Väter segnend schweben. So hatten Menciurns und Kungtse gelehrt, und so war es gewesen Jahrtausende lang. Und jeder hatte seinen Reis dabei gefunden.
Jetzt aber ziehen die Menschen von Ort zu Ort. Unten am Fluß leben Leute aus fernen Provinzen, deren Laute man kaum versteht. Und in das trauliche Ding-
Nach ein paar Minuten erreichen sie eine Kleinstadt am Fuß der Bergkette; das muß nach Al's geistigem Kartenbild Scripero fein.
Das Kaff wird durchfahren, ebenso die elende Vorstadt, die sich dahinter ausdehnt — da stoppt der Korfiote plötz- < lich vor einer erbärmlichen Baracke. Gut drechundert Meter trennen sie noch von den letzten Häusern der Dorstadt. Mit überaus höflicher, einladender Handbewegung weist er auf die baufällige Bruchsteinbude.
Al bemertt über ihrer Tür ein verwittertes Holzschild, das verrät, daß sich hier das Kaphenion des Herrn Maraulis befindet — also eine griechische Sandkneipe allerletzten Ranges, die Paschas kaum täglich zu chren Gästen zählen dürfen.
Die Umgebung der Baracke weist neben wunderbaren Exemplaren von Zypreften- und Oelbäumen diverse Ziegen und noch mehr struppige Hühner auf; ein großer, keineswegs vertrauenerweckender Köter schleicht sich schnuppernd heran — Menschen sind nirgends zu sehen.
Al greift verstohlen nach dem Browning in der Hosentasche, bleibt bann zunächst neben dem Korfioten stehen, zieht [ein Etui und bietet dem Beauftragten eine Zigarette an. „Reuf Pascha?" forscht er dabei noch einmal eindringlich und weist auf die Kneipe.
„Reuf Pascha", versichert Chatzigregorakes mit energischem Kopfnicken und versucht, seinem schwammigen Gesicht den Stempel der Biederkeit aufzudrücken.
„Deswegen hab ich mir schon die Zigarette angesteckt — wahrscheinlich stinkt es barbarisch da drinnen, also dann komm, mein Junge!" Sie durchschreiten einen halb- dunklen Gang. An seinem Ende stößt der Korfiote eine Tür auf.
Die Jungfernfahrt der „Chrifkavelle."
4j Roman von Alfred Karl.
rumpelnden Wagen fuhr der große Mann Stadt, und eines Tages trug er auch zu der kleinen,
„Der Fluß kommt."
Wie ein Spuk ist der Fremde wieder verschwunden. Nur die Türmatten schaukeln noch leise. Aber das Wort hängt schwer in der Stube. Die jungen Beute sind aus dem Halbschlummer aufgefahren, lauschen mit geneigten Köpfen. Fernher durch die Nacht kommt ein dumpfes Brausen. Alle hören es jetzt. Und vom Ufer her tönen Schreie, Angstgekreisch. Die jungen Beute springen auf und stürzen hinaus. Die Nacht ist plötzlich ein Hexenkessel geworden. Mit Fackeln und ßaternen wimmelt und kribbelt es unten am Flußufer wie in einem Ameisenhaufen. Durch die Felder ziehen gehetzte Menschen aus den Dörfern oberhalb Sachangs, Karren mit Hausrat beladen, keuchende Männer, jammernde Frauen, weinende Kinder. Zertreten die Reisfelder. Wer kümmert sich darum? Der Jangtse wird sie doch verschlingen. Nur fort, nur fort aus der großen Krümmung, über die sich die Wasser des über seine Ufer getretenen Flusses ergießen.
In Hankau, Wuchang und Hanyang heulen alle Sirenen, vereinigen sich mit den Schreien der Uferbewohner, dem Brausen des Wassers zu einem höllischen Geisterchor. Flußabwärts jagt ein Regierungs-Motorboot und schickt den bleichen Finger seines Scheinwerfers tastend über das Chaos aufgescheuchter Menschen. Eine Stimme brüllt durch ein Megaphon immer wieder die gleichen Worte zum Ufer hin:
„Der Fluß kommt! Der Fluß kommt!"
Die jungen Beute sind zum Ufer gerannt, haben sich auf ein Hausboot geworfen mitten in einem rasend kämpfenden Menschenknäuel und stangen sich jetzt in Todesangst den Fluß hinunter. Hinter ihnen rast der Strom, bricht Flöße auseinander und mit ihnen die Heimstätten tausender Menschen, wirft Dschonken und Barken auf den Strand, ergießt sich rauschend über die Felder, kreiselt um die Lehmhütten, schwemmt Dächer, Hausrat und Vieh mit hinweg.
Von den dreitausend Geboten der Höflichkell, die ßaotfe lehrt, ist wenig übrig geblieben. Jeder sucht nur sich selbst zu retten. Auch an den alten Wang hat niemand gedacht. Er sitzt noch immer in feiner verlas-
dangodong der Porzellanglöckchen mischen sich schon allabendlich die schrillen Sirenen ber Fabriken und Werke um Wuchang und Hanyjang.
„Die neue Zeit", sagen die jungen Leute der Familie und zeigen lächelnd die Zähne. „Unser Land industrialisiert sich Der erhabene alte Mann wird sehen: es ist zu unserem Besten. In den Fabriken verdient man in einem Monat mehr Taels, als man früher in zehn Jahren zu sehen bekam."
Der alte Wang greint. Wohl wahr. Die jungen Männer bringen Geldscheine mit für den Schweiß den sie in der Stadt lassen. Aber kann man die S eine essen? Und der Reis auf den Feldern wird immer schlechter, seitdem sich von Hankau her der Rauchschleier der chemischen Fabriken über die Fluren legt.
„Fortschritt", sagen die jungen Männer, „neues Leben." Aber der alle Wang will nichts davon wissen Neues Leben entspringt einzig aus den sieben Quellen wenn es der Himmel will. Die Menschen können es nicht bringen. Erst haben die Söhne Han's die weißen Fanyens verflucht, als sie ins Land kamen und Fabriken anlegten, eiserne Bänder durch die Reisfelder zogen und feste Häuser bauten auf fremder Erde. Nun machen sie es selbst den weißen Fremden nach. Wo soll da Glück Herkommen?
Die Jungen sehen sich an und lächeln. Ja, man hat es den Fanyens abgelauscht, wie sie es machen,
Klipp’s
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Lassen Sie sich, bitte, bei Ihrem Kaufmann Dosen-Gutsdieine geben.
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