Einzelbild herunterladen
 

Nr. 291.

Fuldaer Zeitung (Amtliches Sreisblatt)

Donnerstag, den 17. Dezember

Fulda, den 16 Dezember 1931.

Eine falsche Spekulation.

Der Weihnachtsburgfrieden, der zur Zeit in Deutschland angeordnet ist, hat es angesichts der hochpolitischen Borgänge und der Nervosität wei­ter Volkskreise nicht leicht, sich durchgusetzen Auf der Straße, in der Eisenbahn und wo sonst im­mer sich Gelegenheit dazu bietet, platzen die Mei­nungen aufeinander. Bei allen solchen Ausein­andersetzungen kann man feststellen, wie wenig die Wortführer radikaler Auffassungen an wirklich durchschlagenden Argumenten vorbringen können und wie oft sie nur deshalb Beifall finden, weil ihre Zuhörer der Politik ahnungslos gegen­über stehen.

Weiterhin hat man den Eindruck, daß ein ganz maßloser Haß gegen das Zentrum großgezogen worden ist. Seit Jahren wüten die radikalen Parteien gegen die Zentrums-Partei. Ebenso wie die S o z i a l i st e n aller Schattierun­gen es jahrelang versucht haben, das Zentrum durch Terror und gröblichste Beschimpfung ihren Wünschen gefügig zu machen, mit denselben Mit­teln versuchen jetzt die Rechtsradikalen, das gleiche Ziel zu erreichen. Alle Instinkte wer­den bearbeitet, um das Zentrum seiner Anhänger zu berauben. Man schimpft und hetzt, daß es dem gesunden Empfinden längst über sein müßte. Der „Fuldaer Beobachter" speit gerade jetzt wieder seine Verleumdungen gegen den Prä- latenKaas. Es will ihn in Verbindung brin­gen mit der separatistischen Bewegung, die gerade die Zentrumspartei in der erfolgreichsten Weise bekämpft hat. Es wirft diefe separatistischen Bestrebungen in einen Topf mit den durchaus be­rechtigten und in der Reichsverfassung sanktionier­ten Wünschen der Rheinländer aus dem Jahre 1919, sich nicht ungeschützt dem damals allmäch- Ligen linksradikalen Terror, der in Berlin vorübergehend zur Herrschaft zu kommen schien, ausgeliefert zu sehen. Damals entstand die Forderung nach Ländern mit Eigenoerwaltung im Verband des Deutschen Reiches, eine Forderung, die mit dem späteren Separatismus nicht das ge­ringste zu tun hat. Seit Jahr und Tag wird die Verdächtigung des Prälaten Kaas als Separatist von der nationalsozialistischen Presse getrieben. Immer wieder ist sie mit guten Gründen zurück­gewiesen worden, so daß die Wiederholung heute gegen besseres Wissen erfolgt Auch was sonst Führern der deutschen Katholiken von der nationalsozialistischen Presse nachgesagt wird, ist längst widerlegtes und richtiggestelltes Produkt nationalsozialistischer Kampfeswei'se. Die deutschen Katholiken, namentlich diejenigen, die hinter der Zentrumspartei stehen und unter unsag­bar schweren Opfern materieller und seelischer Na­tur an der Rettung des Vaterlandes Mitarbeiten aus den Schwierigkeiten, die durch einen ka­tastrophal verlorenen Krieg herbeige­führt sind, müßten eigentlich gegen diese Herab­setzungen in den Augen aller anständigen Menschen geschützt sein. Leider ist das bei den geistigen Zuständen in Deutschland und den auf unabänderlichen Grundlagen beruhenden Spaltun­gen in unserem Volk nicht zu erwarten. Auch wei­terhin werden in allen Kreisen, die nicht über die nötige politische Aufklärung verfügen, und diese Kreise sind erheblich, solche Schmähreden Eindruck machen und namentlich die konfessionellen Gegensätze verschärfen. Aber das eine möch­ten sich unsere Gegner, die zweifellos bei den kom­menden politischen Entscheidungen das Zentrum wieder zum Gegenstand eines Generalangriffs machen werden, gesagt sein lassen: Im Zen­trum stehen heute wie immer die glaubens» und kirchentreuen deutschen Katho­liken. Diese Katholiken wissen, daß die Zen­trumspartei nach besten Kräften die Gebote des christlichen Sittengesetzes sowohl im Hinblick auf die inneren, wirtschaftlichen, sozialen und kul­turellen Lebensformen Deutschlands als auch be­züglich der Regelung und Beziehung der Völker untereinander zu verwirklichen bestrebt ist. So ist es ihnen gleichgültig, mit welchem Nach­druck die Gegner das Zentrum verleumden und schmähen. Sie halten die Treue und sie werden in dieser Treue gerade durch die An­griffe der oben g ekennzeichnetenArt noch fester gemacht Je mehr Angriffe, je wüster die Form des Angriffes, um so entschlos­sener stehen sie zu ihrer Fahne und werden, wie es in den letzten Wochen und Monaten bei Wahl­

entscheidungen sich ja schon deutlich gezeigt hat, die politische Schutzwehr für die Auswirkung der ho­hen Ideen unserer Religion zu erhalten wissen. Am wenigsten werden sie sich irre machen lassen durch Leute, die wohl einen katholischen Tauf­schein besitzen, aber durch ihr Verhalten gegen die kirchlichen Autoritäten und gegen die einfach­sten Wahrheiten des Katechismus, durch ihre Un­terstützung wütender Feinde der Kirche den deut­lichen Beweis erbringen, daß sie nicht in bet Tat zur katholischen Gemeinschaft gehören Es ist wahr: Wir müssen uns nach allen Sei- t e n wehren. Dafür ist aber auch unser Bollwerk der kampferprobte Zentrums-Turm.

Am die Kommunattarife.

Der Reichskommissar für Preisüberwachung, Dr. Goerdeler, nahm am Montag an einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses des Deutschen Städtetages teil, der die Aufgabe hat, die Arbeiten des Vorstandes vorzubereiten. In dieser Sitzung wurden die Möglichkeiten erörtert, zu einer Senku n g der kommunalen Tarife zu gelangen. Eine Senkung der Tarife wird ermöglicht durch den Rückgang der Gestehungskosten, Lohnsenkung, Zinssenkung und Kohlenpreisherabsetzung. Es wurde auch die Möglichkeit eines Eingriffes in den Bereich der indirekten Besteuerung der Kommunalbetriebe erörtert. Die Reichs- regierung steht jedoch auf dem Standpunkt, daß vor jeder Reichshilfe alle Steuermöglich­keiten ausgenutzt werden müssen und hat sogar bei der Umschuldung der kurzfristigen Kredite die Ge­meinden durch die Notverordnung vom 6. Okto­ber genötigt, die Tarife zu erhöhen. Es ist unter diesen Umständen im Augenblick noch nicht zu über sehen, in welchem Ausmaß eine Sen­kung der städtischen Tarife, die an sich außer Frage steht, erfolgen wird. Am Mittwochnachmittag findet eine Sitzung des Vorstandes des Deutschen Städte­tages statt, an der ebenfalls Dr. Goerdeler teil- nehmen wird. Es ist zu erwarten, daß in dieser Sitzung über das Ausmaß der Tarifsenkung Klar­heit gewonnen wird.

Bestandenes Examen.

Herr Franz Knips, Abiturient der hiesigen Oberrealschule, hat an der Techn. Hochschule in Darmstadt die Diplom-Hauptprüfung mit „sehr gut" bestanden. Herr Knips studierte Architektur.

Wichtig für Sozialrentner!

Am Freitag, den 18. ds. Mts., vorm. 9—12 Uhr, wird die Unterstützung für Dezember 1931 an die hilfsbedürftigen Sozialrentner der Stadt Fulda nur gegen Vorlage der roten Ausweisnummeq karte gezahlt. — Um pünktliche und restlose Ab­holung der Unterstützungen wird gebeten.

Handelskammer-Wahl.

Gestern fand hier die Wahl zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt/M.-Hanau sowie zu deren Geschäftsstelle Fulda statt. Es wurden ge­wählt für die Gesamtkammer: Herr Direktor Lud­wig B e l l i n g e r-Fulda, Herr Eduard Schmitt und Herr Joseph Zahner. Für die Geschäfts­stelle Fulda: Herr Magnus Keil, Herr Joseph Kircher und Herr Emil Kahn.

Todesfall.

Man schreibt uns: Nach längerem Leiden starb im Alter von 77 Jahren Herr Karl A r m b r ü st er. Der Verblichene diente von 1874 bis 1888 beim 4. Garde-Regiment zu Fuß und beim 3. Garde­regiment Königin Elisabeth. Dann war er in kom­munalen Stellen, u. a. auch In Fulda, tätig. Beim Ausbruche des Weltkrieges int Jahre 1914 trat der damals schon Bejahrte wieder in die Armee ein und machte den Krieg als Kompagnieführer und Adjutant mit. Nach dem Weltkriege war er Inspektor des russischen Kriegsgefangenenlagers in Kassel-Niederzwehren bis zu dessen Auslösung im Jahre 1922. Er war Ehrenvorsitzender der Kriegerkameradschaft Fulda und Ehrenmitglied des Gardevereins Fulda. An dem vorjährigen Kreis­kriegerverbandsfest des Kreiskriegerverbandes Fulda in Harmerz nahm der Verstorbene als Vertreter des Deutschen Offiziersbundes, Ortsgruppe Fulda, teil.

waffendiebskahl.

In der vergangenen Nacht wurde eine Erker­scheibe der Firma Ignaz Traut in der hiesi­gen Bahnhofstraße mittels eines großen Steines eingeworfen und aus der Auslage eine Schußwaffe (Walter-Pistole) entwendet.

tzSrk. hör«!

In dem Geschäftsbericht des Zentralverbandes des deutschen Bank- und Bankiergewer. des für das Jahr 1931 wird am Anfang Stellung genommen gegen die aus der Nowerordnungs- gefetzgebung folgenden Eingriffe in alte Rechte, in die Rechte der deutschen Kapital- und Anleihebesit­zer usw., dann aber bemerkt:

„Wir beugen uns indessen der Not­wendigkeit der Stunde; denn im Vorder- gründ aller unserer Erwägungen steht das Be­wußtsein, daß es jetzt um Leben und Ster­ben unseres Volkes geht. Die Regierung die in solchem Augenblick das Dafeinsrecht des Va­terlandes und feiner Wirtschaft dem Ausland ge­genüber verficht, hat Anspruch darauf, daß a l - les, was sich deutsch nennt, geschlos­sen hinter sie tritt. Sie kann verlangen, daß die Unvollkommenheit und Anfechtbarkeft ein­zelner ihrer Maßnahmen bis zur Beendigung des Kampfes hingenommen wird, wenn sich an deren Zusammenwirken die letzte Hoffnung eines Ausweges aus äußerster Not für alle Schichten und Stände unse­res Volkes knüpft."

Diese Bemerkung ist sehr gut und wird ihre Wirkung auf die Kreise, auf die sie berechnet ist, ganz sicher auch tun. Es wäre bei uns vieles bes­ser, wenn die Einsicht in die Notwendigkeit all der Maßnahmen, von denen wir schließlich alle ersaßt sind, wachsen würde, und wenn die lieber« zeugten, jeder an seiner Stelle, offen zur Einig­keit mahnen wollten. Es hat in Deutschland längst 12 Uhr , geschlagen.

Dor allem muß man die Einsicht, die aus der Erklärung der deutschen Bankmänner spricht, er­warten bei den übrigen Wiitschaftsmännern. Cs genügt nicht, daß sie im stillen Kämmerlein sich klar darüber sind, was Brünings mutige Tat bedeutet. Sie wären auch verpflichtet, ebenso wie die Bankiers es tun, dem Volke zu sagen, was sie erkannt haben. Wir wissen wohl, wie sehr par­teipolitische Hemmungen solcher entschlossenen und aufrichtigen Erklärung bei manchem maß- gebendenSachwalter der Wirtschaft ihr im Wege ste­

hen. Aber wenn es um das Schicksal Deutsch. Ians geht, sollten Männer, die sich für mehr als gute Deutsche halten, auch einmal über ihren parteipolitischen Schatten springen können.

Warnung vor spanischem Feuerwerk.

Die Ortsbehörde teilt mit: Es ist wiederholt beobachtet worden, daß spanisches Feuerwerk (Radauplätzchen, Teufelskracher und bergt) in der Zündmaffe gelben Phosphor enthielt. Bei einem

/---------------------------\

Heule abend

spricht in der „Vereinigung taff).

Akademiker Fuldas- Herr Rektor Zentgraf über

„Heue Kirchenmusik.-

Eingeladen sind die katholischen Akademiker und ihre Angehörigen. Interessierte Gäste können eingeführt werden. Der vorkrag findet statt im Saal der „Harmonie-, abends S Ahr h. c. t.

Der Arbeitsausschuß.

zehnjährigen Knaben, der 2 Radauplätzchen zum Lutschen in den Mund genommen und bann ver­zehrt hatte, traten Uebelkeit, Erbrechen und schließ­lich ber Tob ein. Gelber Phosphor ist ein starkes Gift. Es wirb daher dringend davor ge­warnt. derartiges Feuerwerk Kindern zugänglich zu machen.

Vie wird das Wetter?

Der Sturmwirbel über der Ostsee fuhrt jetzt einen breiten Strom kälterer Luft gegen das Festland heran. Bei lebhafterer und zeitweise aufhetternber Bewölkung kommt es dabei noch zu oereinzellen schauerartigen Nie­derschlägen. Die Temperaturen gehen wieder zurück und es kann wieder zu leichten Frösten kommen.

Witterungsaussichten für Donnerstag: Nach ziemlich kalter Nacht zunächst im wesentlichen trocken, aber wieder bewölktes Wetter ivahrscheinlich.

Mrd der Hausbefltz durch die neue Notverordnung enllastet?

Es ist unverkennbar, daß die schlechte Wirt­schaftslage zum Teil in den ungünstigen Verhält­nissen des Hausbesitzes ihren Grund hat. Die hohe steuerliche Belastung der Gebäude durch die Haus­zinssteuer und die hohen Hypothekenzinsen ließen bisher dem Grundstückseigentümer vielfach über­haupt keine, regelmäßig jedoch nur eine sehr dürftige Rente. Instandsetzungen gab es seit geraumer Zeit nur soweit es die Not erforderte. Steuer und Zinsen drückten auch erheblich auf den Wert der Grundstücke und schmälerten die Kredit­unterlage. Im Range hinter der ersten Hy­pothek wagte in der letzten Zeit der Geldgeber kaum noch ein Grundstück zu beleihen. Es ist da­rum erklärlich und enffpricht dem Gebot drin­gendster Notwendigkeit, das die Notverordnung ihre besondere Aufmerksamkeit dem Hausbesitz widmet. Trotzdem ist der Hausbesitzer versucht, anzunehmen, baß er bei der Notverordnung schlecht abschneide. Er empfindet nur die Herab- letznn-i ber Mieten und den Weiterbestand der Hauszinssteuer bei nur langsamem Abbau. Er hat aber doch alle Ursache, die Notverordnung als er­hebliche Verbesserung zu begrüßen.

Die H-ra' feh’mg ber Mi-ten wird in etwa aus­geglichen durch die Zinssenkung und die gleich­falls in der Notverordnung angeordnete minde­stens zweijährige St u n b u n g der von der Zins­senkung betroffenen Forderungen.

Aber auch die Anordnung über die Hauszins­steuer enthält eine wesentliche Entlastung. Zunächst bedeutet der Umstand, daß die Hauszins­steuer am 31. März 1940 zum letzten Male er­hoben werden soll, schon eine Erhöhung des ge­rade in der letzten Zeit allzu sehr gefallenen Haus- wertes, zumal die Steuer vom 1. April 1932 an nur noch zu 80 Prozent, vom 1. April 1935 an zu 75 Prozent und vom 1. April 1937 an nur noch zu 50 Prozent erhoben werden soll. Eine nicht zu unterschätzende Erleichterung enthält wei­terhin die Bestimmung daß bis zum 31. März 1934 die gesamte auf die Zeit vom 1. April 1932 big zum 31 März 1940 entfallende Steuer durch Zahlung eines einmaligen Betrages abgelöst wer­den kann. Wer die Ablösung bis Ende März 1932 vornimmt, braucht nur den dreifachen Jahres­betrag zu zahlen, und wer nach dem 31. März

1932 die Ablösungssumme zahlt, den dreieinhalb­fachen Jahresbetrag, wobei allerdings zu beach­ten ist, daß die bis zur Zahlung erfallenen Steu­ern zusätzlich zu entrichten sind. Den größten Vorteil hat derjenige, der bis Ende März 1932 die Steuer ablöst.

Die Notverordnung bietet auch die Möglichkeit zur Beschaffung der zur Ablösung erforderlichen Mittel. Will der Hausbesitzer zum Zwecke der Ablösung bet einer Sparkasse, Hypotheken­bank, einer Versicherungsgesellschaft oder einem ähnlichen öffentlichen oder unter Staatsaufsicht stehenden Unternehmen ein hypothekarisch gefütter­tes Darlehen aufnehmen, so kann die Hypothek auf Antrag des Grundstückseigentümers mit dem Rang vor allen andern Rechten an dem Grundstück im Grundbuch eingetragen wer­den. Die kommunalen Sparkassen dürften beson­ders leicht geneigt sein, die Mittel zur Ablösung zur Verfügung zu stellen, weil der Ablösungs­betrag den Ländern und Gemeinden zufließt und zu deren Entschuldung dient. Der Grundstücks­eigentümer wird daher nicht mehr so leicht vergeb­lich an den Türen der Sparkassen anklopfen, als er es in den letzten Jahren mußte.

Die Ablösung der Hauszinssteuer kann in mehr­facher Richtung eine Erleichterung bringen. Der Ablösungsbetrag fft so gehalten, daß der Haus­besitzer einen größeren Teil der Steuer einsparen kann. Eine Hauszinssteuer von zur Zett jährlich 1000 RM. kann bis Ende März 1932 durch Zah­lung von 3000 RM. abgelöst werden. Die Steuer, die ohne Ablösung vom 1. April 1932 bis zum 31. März 1940 zu entrichten wäre, würde 5400 RM. betragen. Die Ersparnis beläuft sich also auf 2400 RM., wovon allerdings noch der Zwi- fchenzins abzuziehen ist. Immerhin ist mit einer Ersparnis von fast 40 Prozent zu rechnen. Vor allem aber kann der Hausbesitzer sich dadurch Ent­lastung verschaffen, daß er mit Hilfe eines Dar- lehns den Ablösungsbetrag aufbringt. Er kann die Steuerlast, die ihn in der Krisenzeit be- sonders hart drückt, auf bessere Zeiten ver- schieben. Durch Aufnahme eines Tilgungsdarlehns kann er die Last sogar auf viele Jahre verteilen. Die Ablösungsmöglichkeit kommt namentlich Haus, besitzem zugute, die auf die Erträgnisse ihres Hau-

Die große Chance.

Roman von Marttn S t i e b i n g.

Eopyright 1930 by Carl Bunter, Verlag, Berlin.

18] ---------

Mühlenkamp zog aus dem alten Umschlag eine Reihe von Briefen . . . „Auskünfte über Eberhard Blanke," stotterte er, las Brief für Brief sorgfältig. „Ankel Theo­dor hat in Sachsen und in Amerika in den Jahren von 1880 bis zu seinem Tode Auskünfte einziehen lassen, ob Eberhard Blanke Verwandte hinterlassen hat. Warum hat er das getan?"

„Was fft denn das?" Andrea zeigte einen Brief der Preußischen Seehandlung, der aus den Auskunftsfor­mularen hervorsah. Ihr Vater schwieg und stierte auf den Brief, der ihm die entsetzliche Gewißheit brachte. Seine Veränderung im Gesichtsausdruck war so sicht­bar, datz Andrea sofort wußte: es war Wahrheit, was fie gefürchtet hatte. Vorsichtig nahm sie dem Vater das Schreiben aus den Händen und las eine nüchterne Mit­teilung: „Daß man dem Bankhaus Theodor Mühlen­kamp den Eingang von drei Millionen 800 000 Dollar in Wechseln auf Loeb u. Co., Newyork, Aussteller Eber­hard Blanke, abzüglich von Zinsen und Sporteln auf Separatkonto gutschreibe."

Schwerfällig schloß Mühlenkamp Mappen und Kuvert in den Geldschrank und ging wortlos mit Andrea in fein Arbeitszimmer zurück. Als er in das Zimmer trat, schlug die alte, von Onkel Theodor geerbte Uhr langsam und dumpf — wie sie es seit zwei Menschenaltern tat. Justus Mühlenkamp hörte mit gequältem Ausdruck auf das Schlagen der Uhr: „Andrea," sagte er leise.

Andrea sah chn fragen!) an.

„Andrea — es hilft nichts, wie ich auch hin- und herdenke, immer komme ich nur zu einem Schluß, Eber­hard Blank kam mit seinem ganzen Vermögen von Amerika hierher gurütf. Als er in Berlin eintraf, de­ponierte er fein ganzes Hab und Gut bei Theodor Mühlenkamps angesehener Bank." Ganz unmotiviert lachte der Banker.

Und Andrea erschrak.

„Bei einer angesehenen Bank, sagte ich! Auf der Weiterreise wurde Eberhard Blanke ermordet. Man glaubt, sein Vermögen hätten die Mörder gestohlen. Wer wußte genau, was Eberhard Blanke bei sich trug, und wie vermögend er war? Die Braut starb, Ver­wandte waren nicht da, und niemand kümmerte sich um die eventuelle Hinterlassenschaft. Nur Theodor Mühlen­kamp. — Er verschwieg das Depot und nahm alles zum Eigentum. Hat er es später bereut, weil er Auskünfte einzog, ob Verwandte von Blanke noch existierten? Oder hat er uns in feiner Verbitterung einen Streich spielen wvllen, daß wir plötzlich an die Verwandten Riesen- funtmen auszahlen sollten? Er hat ja ost genug ge­giftet, daß er uns jeden Augenblick ruinieren könnte..."

Mühlenkamp machte einige Schritte auf das Gemälde von Theodor Mühlenkamp zu, sah in das Konterfei sei­nes toten Onkels, zitterte und sagte tonlos: „Du Lump!"

Ganz sinnlos wiederholte er mehrmals dieses „Du Lump!", als ob er dadurch eine Befreiung erhoffte.

„Vater," bat Andrea hilflos.

„Warum gehst Du der Wahrheit aus dem Wege, Andrea? Ein Verbrecher war Theodor Mühlenkamp, der hochangefehene Bankier und Gründer dieses Hau­ses. Ein gemeiner Verbrecher war er, sage ich . . .

„Ich bitte Dich, bleib ruhig und rege Dich nicht auf. Morgen siehst Du alles in milderem Licht."

.^Verbrechen bleibt Verbrechen. Auf eine Unterschla­gung gründet sich die Größe meines Hauses," beharrte Mühlenkamp eigensinnig mit fast weinerlicher Stimme.

„Du Lump," wiederholte er plötzlich. Auf dem Heim­weg brachte er kein Wort heraus, als ein plötzlich her- oorgestoßenes: „Du Lump!", versank in Brüten, fuhr auf, sah feine Tochter entgeistert an, als wäre sie ein fremder Mensch.

Als er fast gefühllos in fein Bett fiel, kämpfte er mit zitternden Händen gegen etwas Unsichtbares im Zimmer und schluchzte: „Mit gestohlenem Geld sind wir groß geworden! Was nützt es nun, daß man sich immer ehr­lich durchgeschlagen hat?" Sein Denken verwirrte sich. Denn Mühlenkamp erkannte plötzlich, daß sich die Müh­lenkampbank im Gesetz verfangen hatte. Das erfüöte chn mit Abscheu, Wut und Verweiflung. Mag es auch

merkwürdig erscheinen bei einem Manne, von dem man auf der Börse zu sagen pflegte, daß er über Leichen ginge.

Sein Grundsatz: niemals etwas gegep das geschrie­bene Gesetz zu tun, war heftig und empfindlich verletzt worden.

Mühlenkamp war kein empfindsamer Mensch. Er war Bankier, um Geld zu erwerben, kein Bankier im volkswirtschaftlichen Sinne. Er sammelle Gelder, um neue Gelder damit anzuhäufen, aber nicht, um „neue Werte" zu schaffen. Er gab Geld, um Zins und Zinses­zinsen, Provision und Gewinn zu erhalten. Er gab nicht Geld, um im volkswirtschaftlichen Sinne befruch­tend zu wirken. Er kannte keine Echik des Geldes, hätte sie lachend geleugnet.

Zielbewußt, schlau, nüchtern, rechnend kaufte er die wirtschaftlich Schwachen und Stürzenden aus, wenn er sich nur einen Verdienst, eine Gewinnchance ausrechnen konnte. Er stützte nie — er nahm die letzten Stützen zu einem Kaufpreis, der ihm Gewinn verbürgte.

Gewiß — er ,chreht nie Krawatten", wie man bei ähnlichen Geschäften zu sagen pflegt. Er brachte nie­manden in Notlage, weil er das Urteil der Zuschauer scheute. Weil ihm nichts verhaßter gewesen wäre, als wenn man ihm dunkle Geschäfte nachgesagt hätte. Aber er verstand zu kaufen, wenn einer verkaufen mußte. Er verstand, Bedingungen zu machen, wenn einer Geld brauchte. Aber immer im Rahmen der Gesetze, die ihm ein unverrückbarer Maßstab waren.

Das Gesetz war für ihn ein Handwerkszeug seines Geschäftes. Es war für ihn kein Richter, sondern ein Richtmittel. Er sah im Gesetz nicht das Recht, sondern das Recht-Bekommen. Weil es alle seine Handlungen funktionierte. Es märe ihm nie eingefallen, einen „gött­lichen Funken" im Gesetz zu suchen. Das Gesetz war für ihn einfach nur ein Wegweiser und Grenzpfahl: da geht es zur Achtung deiner Mitmenschen, zum Ansehen, zur konsolidierten, geruhsamen Weltanschauung deiner Mitbürger! Ein Schritt daneben, und es geht zur Verdammung, zum Ausgestoßenwerden aus der ehrbaren Gilde.

Deshalb erschien ihm die Schuld, die Theodor Müh­lenkamp chm, seinem Erben, aufgebürdet hatte, so un­

geheuerlich. Well er keine Befreiung von einer Tat sah, von der er unbewußt Nutzen gezogen — einen Nutzen, der außer ilb der Gesetze lag.

Er konnte in der Primitivität und Engherzigkeit sei­ner Gedanken keinen Unterschied zwischen Theodor Müh­lenkamp und dem Bankhaus Mühlenkamp ziehen. Auch weil der Erfolg der Tat als Erfolg des Bankhauses in dem Wohlstand der Bank verwurzelt war.

Darüber zerbrach er: über dem ungesetzmäßigen Be- sitz der Bank. Und daß ihn Onkel Theodor in diese Schuld verstrickt hatte.

Es fiel ihm nicht ein, darüber nachzudenken, ob Theodor Mühlenkamp vielleicht nur in einer fast be­greiflichen Schwäche das Vermögen an sich brachte, das ja herrenlos war und nur dem Staat zugefallen wäre. Wahrscheinlich war er sich gar nicht des Begriffes Staat bewußt. Sicher wvßt- er nicht: Du betrügst jeden Men­schen, dem du begegnest, denn er gehört zum Staat. Sicherlich hatte sich Theodor Mühlenkamp selbst beruhigt: ich schädige ja niemand, da keine Erben da sind.

Darüber dachte Justus Mühlenkamp nicht nach, denn er konnte außergewöhnlichen Gedankengängen nicht fol­gen. Er kannte nur Ziffern, Zivilrecht und etwas Wahr­scheinlichkeitsrechnung. Vorübergehend erlosch sein Denk­vermögen. Er hatte Angst, er würde plötzlich verrückt. So sehr er sich sträubte, wurde er dieser Furcht nicht Herr. Dann glaubte er, das Denken als einen körper­lichen, stofflich wahrnehmbaren Vorgang in feinem Hirn verfolgen zu können, so als ob eine leichtbewegliche Masse in seinem Schädel fühlbar würde.

Dabei überrannte ihn niegefannte Furcht, und er schrie auf. Als Andrea in sein Schlafzimmer stürzte, fand sie ihren Vater schwer atmend und schlafend in sei­nem Bett. Er muß schwer geträumt haben, dachte sie erleichtert — und rüttelte ihn. Er schlug die glanzlosen Augen auf, doch war es, als wenn fein Blick in eine Ferne glitt, die alles verschluckte.

„Vater," sagte Andrea, „wach auf. Du träumst!"

Sie faßte nach seiner Hand.

Die Hand war glutheiß.

Das schwere Fieber nahm Mühlenkamp die Mühe ab, sich sein Hirn über Dinge zu zerina'-tern, t e ihm fremd und feiMich waren. (Forts. folgt.)