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Nr. 290

Beilage zur Fuldaer Zeitung

16. Dezember

Advent.

Und müssen wir mühsam gehen Mit schwerem Schritt, Und bleiben wir müde stehen. Eins wandert mit: Das ist das ferne Leuchten Am Ende der Fahrt, Das ist die Sehnsucht im Dunkel, Die Blüte, weiß und zart.

Wann wirst du uns erscheinen, Du Trost der kalten Welt?

Seele du unter den Steinen, Wann wird es aufgehellt, Das Tor, vor dem wir warten In Finsternis und Not?

Wann bist du, blühender Garten, Näher als Schlaf und Tod?

Weisheit aus Gottes Munde, Unsere Hände find leer.

Schenke uns bald die Stunbe, Die uns bedrängt so sehr.

O Sonne du, Licht und Fern«, Schlüssel der Ewigkeit, Spann über uns aus die Sterne, Und laß uns vergessen die Zeit.

Müssen wir mühsam gehen Mit schwerem Schritt, Bleiben wir müde stehen. Eins wandert mit: Das ist das ferne Leuchten Am Ende der Fahrt.

Das ist die Sehnsucht im Dunkel, Die Blüte weiß und zart.

Albertine Mäuser im „Sonnenland".

Die nationale Aufgabe.

Reichskanzler Brüning schreibt in dem soeben im Verlag Erich Lichtenstein, Weimar, erschienenen Buch „Krisis".

„. . . Das ist die Erkenntnis unserer Tage, daß im Tiefsten und Letzten seelische Kräfte das Geschick und die Zukunft eines Volkes bedingen. Eine Wahrheit, die die Geschichte der Völker immer aufs neue beweist. E i n V o l k, es mag durch tragische Schicksalsschläge äußerer Machtmittel und seiner Machtstellung beraubt sein, ist dann nicht verloren, wenn es von dem Willen zum Opfer für seine eigene Zu­kunft lebendig durchdrungen ist und die in Zeiten na­tionaler Gefährdung notwendige und für die meisten Völker' dann auch charakteristische innere Geschlossenheit aufbringt. Das deutsche Volk war in Gefahr, diese Er­kenntnis in den von einem falschen Glanz übertünchten Nachkriegsjahren zu verlieren. Die rauhe Wirklichkeit von heute zwingt uns, sie unter Schmerzen wieder neu zu gewinnen. Die Wahrheit, daß nicht ht er ft er Linie Aenderungen formaler Art die Bes­serung einer Epoche bringen, sondern S e l bst- erziehung und freiwillige Disziplin, Selbstlosig­keit und Opfer, ist jenen eingegangen, die den Krieg, seine großen und zugleich schrecklichen Ereignisse inner­lich erlebt haben und von ihnen nicht zerrüttet worden sind. Sie wieder zu einer das ganze Volk erfassenden Haltung zu steigern, ist die große national-pädagogische Aufgabe der Gegenwart."

„Zurück aufs Landl-

In Schottland hat eine Gruppe katholischer junger Männer eine mutige, nachahmenswerte Bewegung ins Werk gesetzt: sie wollen den Versuch machen, sich von dem gekünstelten und vielfach verdorbenen Großstadtleben los­lösen und auf einer schottischen Farm eine Kolonie zu gründen. Damit hoffen sie den Grundstein zu legen zu einer Bewegung „Zurück aufs Land!" Die Farm wird von katholischen Landwirten geleitet, denen ein Priester als geistiger Berater der Jugend zur Seite steht. Die jungen Leute sind 23 bis 28 Jahre alt. Die Farm ist 220 Hektar groß, liegt mitten in einem protestantischen Bezirk und wurde vom katholischen Landbund erworben. Die ganze Bewirtschaftung ist bis ins kleinste ausgearbeitet. Wenig Maschinen stehen zur Verfügung, alle Arbeiten werden von den jungen Leuten felbst ausgeführt, von denen einige eine theoretische Ausbildung auf der Land­wirtschafts-Hochschule in Schottland genossen haben. Lohn erhallen sie nicht, nur freie Kost und Station, und jeder hat sich für ein Jahr verpflichtet. Die Lebensführung ist durchaus katholifch, mit gemeinschaftlicher Messe, Kom­munion usw. Der Leiter der Farm trägt sich mit der Idee, das Land später unter die Kolonisten aufzuteilen, wenn sie Lust verspüren sollten, das Landleben fortzu­setzen. Für die Ausbildung weiterer Kolonisten soll dann eine andere Farm erworben werden. Denn es handelt sich bei diesem Unternehmen nicht um eine vorüber-

Was fallen wir spielen?

Grundsätzliches zu den Theaterabenden in unseren Vereinen

der Streb

eine gute, angepaßte

gehende Beschäftigung auf dem Land, sondern um eine allgemeine und dauerhafte Rückbewegung aufs Land. Auch eine Kolonie für junge Mädchen wird geplant, auf der Katholikinnen alles lernen sollen, was für die Frau eines Landwirts notwendig ist.

Line ähnliche Einrichtung hat der katholische Iung- männer-Verband in der Siedlerschule Matgen­dors in Mecklenburg geschaffen.

und Willen erfaßt! . . . Die Jugend, die in Frühlings­tagen ihres Lebens ihre Heimat sich erwandert hat, die verliert die Sehnsucht nach dem Boden nie mehr!" — Die „Kath. Jugend Deutschlands" hat auch offiziell einen Ver­treter in den Vorstand des Bundes der Bodenreformer entsandt und empfiehlt allen ihr angeschlossenen Verbän­den, sich mit diesen Fragen eingehend zu befassen.

Gut orientiert über „Deutscher Bodenreform Wille und Weg" ist die Broschüre von Dr. Jos. W a g e n b a ch, der selbst aus der jungen Generation kommt (Volksvereins-Verlag 1,80 Mk). Er hat die we­sentlichen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen der Bodenreformer zusammengestellt. Im 1. Teil spricht er von der Grundhaltung der Bodenreformbewegung, ihrer Stellung zur Grundrente, zur Bodenspekulation, zum Eigentum, zur Reform des Hypothekenwesens und über das Verhältnis zwischen Bodenreform und Land­wirtschaft. Im 2. Teil werden vor allem die Fragen der Sicherung des Eigentums für möglichst weite Volksschich­ten dargelegt, dann der Bodenreform-Artikel der Reichs­verfassung. Der Schlußartikel handelt über den Entwurf eines Wohnheimstätten-Gesetzes.

Wer sich eingehend damit befassen möchte, nehme das Werk von Adolf Damaschke, des Hauptführers der Bewegung, „Die Bodenreform".

-sinnvoll in seinem Thema, lebenswahr in der Darstellung, straff in der Handlung und natürlich in der Sprache fft. Diese Forde­rungen gelten in erster Linie von Stücken ernsten Cha­rakters. Ernster Kitsch ist noch weniger zu er­tragen als luftiger.

Dem Sinn eines Stückes darf nicht die Lebens- Wahrheit geopfert werden. Das sind sonst die Stücke, in denen der Held oder die Heldin von Großmut triefen, ober die rührseligen Schlager vom Mütterlein, die vor

einem minderwertigen Stück kann mit Hilfe chungen nach ein ganz leidliches werden.

Zu einem wertvollen Stück gehört auch natürliche, dem Charakter der Personen

allem a u f Hörerinnen

Und nun zu der Hauptfrage: was sollen wir spielen? Es gibt viel mehr minderwertige Stücke auf dem Gebiet der Laienbühne als brauchbare. Von einem Stoß von Ansichtsexemplaren, der 50—60 Nummern und mehr zählt, legt man 90 Prozent als unbrauchbar beiseite. Man kommt sich vor wie der Mann im Märchen, der aus einem Sack voll Schlangen den einzigen Aal heraus­fischen sollte. Kitsch oder Schmarren! Das gilt von den meisten Stücken.

Ich will im folgenden Grundsätze für die Auswahl Herausstellen. Zunächst: wir spielen nur, was einwand frei ist, d. h. was nicht gegen unsere sitt­lichen und religiösen Anschauungen verstößt. Im all­gemeinen ist dieser Grundsatz noch am leichtesten zu be­folgen, da die Verlage zumeist selbst Wert darauf legen, ganz abgesehen von den rein katholischen Theaterverla­gen. Indessen gibt es auch Werke, die sich bedenklich auf der Grenzlinie bewegen. Theaterstücke, die der freien Siebe das Wort reden, oder eheliche Seitensprünge zum Gegenstand haben, oder Duell und „Freitod" verherr­lichen sind für uns unannehmbar. Die Weltanschauung, die wir im Leben vertreten, muß auch auf der Bühne ihre Geltung haben. Dies gilt von der Vereinsbühne noch umsomehr, als sie mit einem viel schlichteren, leichter zu verwirrenden Publikum zu rechnen hat. Ein Aergernis muß auf alle Fälle vermieden werden.

Schwerer zu befolgen ist der zweite Grundsatz: wir spielen nur, was wertvoll ist. Wertvoll ist hier nicht im Sinn von „klassisch" zu verstehen. Unsere Klassiker haben nicht für die Vereinsbühne geschrieben. Die wenigen Bearbeitungen, die noch zumeist hart an Verballhornungen streifen, sind für Laiendarstellungen selten brauchbar. Aber es soll in dem, was wir dem Volke bieten, doch wenigstens ein gewisser menschlicher und literarischer Wert liegen. E s fa n n uns das Beste nur gerade gut genug für das Volk fein. In diesem Sinne ist die Arbeit des Bühnen- Dolksbundes zu begrüßen, der die Laienbühne mit wert­vollen Stücken bereichern will. Seine Werke werden aber nicht jedem Verein, zumal auf dem Lande, liegen, da sie meistens eine gut geschulte Spielschar im Sinne der Jugendbewegung voraussetzen und dem Spielleiter die Mehrarbeit erwächst, die Spieler zuerst in den Sinn des Stückes einzuführen. Es wird noch eine geraume Zett dauern, bis die Werke des B. V. B. sich bei Spie­lern und Volk durchgesetzt haben. Auch sind sie nicht alle von gleichem Wert. — Es finden sich indessen auch unter den Stücken älterer Richtung solche, die durchaus spie­lenswert sind. Wertvoll ist ein Stück, das

Sprache. Ein biederer Handwerker darf nicht wie ein Studienrat sprechen. Und ein Bauer nicht wie der Land- I wirtschastsminifter. Manches Stück gewinnt wesentlich, ' wenn man cs im Dialekt sprechen läßt und zwar nicht nur humoristische Szenen. Das Volk soll seine Mundart als reich genug erkennen, um damit alle Stimmungen und Gefühle zum Ausdruck bringen zu können. — Fremde Mundarten zu verwenden ist im­mer schwierig. Meist erschwert sie das Verständnis bei den Zuschauern. Ganz vermeiden läßt sie sich oft nicht zur Darstellung einer bestimmten Umwelt.

Ein dritter Grundsatz, der mehr vom praktischen

Weihnachtsstücke, in denen ausgerechnet am Heiligen Abend ein Onkel aus Amerika kommt mit einem Beutel voll Dollars und einem weichen Herzen, der alles so schön ins Lot bringt. Fort mit den rührseligen Schmarren! Goethe sagt:

Das Leben ist nicht aus Brei und Mus geschaffen, Drum haltet euch nicht für Schlaraffen, Harte Brocken gibt es zu kauen. Wir müssen erwürgen — ober verdauen.

Und bann bie Frömmigkeit auf ber Bühne! „Die Frömmigkeit ist zwar zu allem nutze" nach ben Warten ber Schrift; aber auf ber Bühne ist sie n u r mit Vorsicht zu verwenden. (Es. gehört wahre KüNstlerschast bazu, ausgesprochene Frömmigkeit lebens­wahr zur Darstellung zu bringen. Man bars ben Zu­schauern nicht zumuten, etwas zu glauben, was nicht bas Leben auch zeigt, unb fei es auch nur in seltenen Fällen.

Straffe Hanblung! Nichts ermübet mehr als enblofe Monologe unb Zwiegespräche. Aus biefem Grunbe fft oft ein ober zwei Einaktern ber Vorzug zu geben vor einem Mehrakter, bei bem bas Publikum schon im ersten Akt ben ganzen Verlauf ber Handlung errät und bann bis zum glücklichen Ende nur gelang­weilt wirb. Allerdings machen zwei Einakter meist mehr Arbeit unb Umftänbe. — Ein schlimmes Sing ist es oft um ben Schluß ber Stücke, wenn ber letzte Akt bloß angehängt ist, um bie übliche Fünfzahl ber Akte herauszubekommen, ober wenn ber Verfasser nicht eher zum Schluß kommen kann, als bis am Weihnachtsbaum bie Lichter brennen unb bas ewig-schöne unb ewig-miß- brauchte „Stille Nacht" gesungen ist. Ein gut Teil ber Regiekunst beruht in ber Führung bes Rotstiftes um ben überflüssigen Ballast hinwegzu st rei­ch en. Es ist bamit oft schon viel gewonnen unb aus

bie Trönenbrüsen ber Zu­wirk e n wollen. Ober bie

Gin Jugendfilm.

Morgen Aufführung des Neudeulschlanbsilmes im Gesellenhaus.

Wir machen bie Fulbaer Jugend auf ben Neudeut­schen Bundesfilm aufmerksam:

1. Teil: Neudeutsche Jungen in Tirol.

2. Teil Neudeutsches Bundeszeltlager Oranienstcin.

Aufführung fft morgen, Mittwoch, um 4 Uhr unb um 8 Uhr im kath. Gesellenhaus.

Die Stabtjugendpfleger.

Dasvildungsideal der katholischen Jugend

Bodenreform.

Sie hängt eng mit der vorigen Frag« zusammen. Wenn bie vielen Entwurzelten der Großstadt wieder festen Boden unter den Füßen hätten, ein Stück Land zu eigen besäßen, das sie bebauen könnten, darauf sie ihr Heim hätten, wären sie wohl meistens gerettet. Wie sehr bie Jugend hierfür kämpft, sagen die Worte des General­präses Wolker anläßlich einer Tagung ber Bodenrefor­mer in Würzburg 1930: „Das dürfen Sie glauben, daß keiner wirkt in den führenden Schichten kath. Jugend, der nicht in feinen volkspolitifchen und religiösen Gedanken­gängen auch das Bodenreformproblem mit Mut, Wissen

Standpunkt an die Frage herantritt, muß lauten: mir spielen nur, was mir spielen können. Das geht bie Bühnenoerhältnisse, Kostümfrage unb bie Spie­lerauswahl an. — Man kann eben auf einer kleinen Dorfbühne mit bem üblichen banalen Kulissenwechsel: freie Szene, gewöhnliches Zimmer unb gute Stube, nicht alles zur Aufführung.bringen. Mit einer Vor­hangbühne ist man schon besser bran. Durch allzu­große Beschränkung kann man einem Stück ben Geist auspressen. In einer Aufführung von „Zar unb Zim­mermann" auf einer Sorfbüfjne, blieb von dem prä ti- gen Schluhbild am Hafen von Amsterdam mit feinen Masten und Wimpeln nichts übrig als der Zar allein, der fein Schlußlied in die Kulissen fang. Für eine kleine Bühne kommen eben nicht alle Stücke in Frage.

Die Kostümfrage ist eine Geldfrage. Darum ist sie schwierig. Trotzdem: entweder richtig kostümieren — oder von dem Stück die Finger lassen! Vornehme Patrizier und Nobili der prachtliebenden Renaissance­zeit dürfen nicht wie Vagabunden aussehen. Nicht not­dürftig zusammenstoppeln, sonst kommt es zu Entglei­sungen wie da, wo ein Hauptmann des 7jährigen Krieges in Feldgrau mit dem E. K. auftrat. Kostümstücke er­freuen wegen der Lust am Verkleiden und am farbigen Bühnenbild, aber es darf keine schäbige Eleganz sein. Lieber verzichten auf ein Kostümstück als es schlecht und unhistorisch inszenieren! — Auch Kleinigkeiten dürfen nicht lächerlich wirken. Bei einer „Freischütz"-Auffüh- rung wurde bei dem großen Scheibenschießen das echte Bier in Jnflationsgeldscheinen bezahlt!

Sehr wichtig für die Wahl des Stückes sind bie Spie­ler. Wie unecht wirken meist bie Grafen, Freiherrn und Fürsten auf ber kleinen Bühne. Wenn ba so ein vor­nehmer Herr mit ben Fäusten eines Schmiebes auf ber Bühne herumfuchtelt unb bie Ausdrucksweife ber vor­nehmen Welt ihm nicht zu Gesicht unb Haltung passen wollen, bann kann leicht aus einem ernstgemeinten Stück eine Groteske werden. In Lustspielen ist es nicht so schlimm. Im allgemeinen empfiehlt sich bas Volksstück, weil es keine allzugroße Umstellung der Spieler verlangt unb Haltung unb Gebärde eher im Rahmen des Na­türlichen bleiben.

Der 4. Grundsatz, — ber nicht von geringerer Be­deutung ist, muß betonen: W i r spielen nur, was zusammen paßt. Das Programm manches Thea­terabends ist eine Humoreske. Es war lange Zeit üblich, zuerst eine toternste Sache zu bringen, bei der, wenn es nach den Absichten ber Spielleitung ging, fein Auge trocken bleiben bürste. Unb dann folgte ein Schwank, bei dem alles sich vor Lachen krümmte. Manch schöne Ausführung ist durch das leidige angehängte kitschige Lustspiel um ihre Wirkung betrogen worden. Entweder ist der Abend ganz einem ernsten Gedanken gewidmet, oder ganz der heiteren Muse. Aber nicht das übliche Kudelmuttel! — Bei ber Verwendung von Couplets und heiteren Vorträgen muß man vorsich­tig sein, da sie meist inhaltlich minderwertig unb dürftig sind.

Noch eine Bemerkung zum Schluß: In ber Winter- zxit finb die Zeitungsspalten des lokalen Teiles meistens angefüllt mit von „langjährigen Lesern" eingesandten Berichten über die verschiedensten Feste und Dar­bietungen. Wenn man sie liest, sollte man meinen, es sei eine neue Aera der Schauspielkunst her­eingebrochen. Alles wird nur im Ueberschwang er­wähnt, von dem Prolog des Frl. Meier und ber Fest­rede bes Herrn Gewichtig angefangen bis zur fabelhaf­ten Bühnenleistung der Vereinsmitglieder und ber Mu- fterriege bes Sportvereins. Wozu bas? — Es soll uns genügen, anbern eine Stunbe ber Erholung unb bes Frohsinns geboten zu haben. Waren unsere Leistungen gut, so mag uns bie Anerkennung ber Zuschauer genü­gen, waren sie es nicht, so werben sie nicht dadurch bes­ser, daß sie in der Zeitung „hervorragend" genannt werden. Goethe schreibt im Faust:

Setz dir Perücken auf von tausend Locken, Setz deinen Fuß auf ellenhohen Socken, Du bleibst doch immer wer du bist.

Das politisierte Hemd.

Das populärste politisierte Bekleidungsstück ist das Hemd geworden. Der Ausgangspunkt dieser Symbolik ollen die R o t h e rn d en der Garibaldianer sein. Ihr nationales Gegenstück sind die Schwarz Hemden Mussolinis, die sich in Deutschland zu den B r a u n h e m- den ber Hitlerleute entfärbt haben. Ein Teil der fran­zösischen Faschisten trägt blaue Hemden, in Afghani- stau und im indischen Pendschab tragen die Nationalisten rote Hemden. Warum gerade das Hemd zu solcher poli­tischen Bedeutsamkeit emporgestiegen ist, bleibt dahinge­stellt. Es gibt übrigens allenthalben eine Menge politi­scher Partisane, denen gegebenenfalls die Haut näher ist als das bestgefärbte Hemd und die dieses Toilettestück mit großer Leichtigkeit wechseln.

Gin Held des Alltags.

Don David Gathen.

Entnommen der katholischen Iungmänner- schrist „Die Wacht".

Nun kam er heim. Unter feinem müden Schritte ächzte bie Stiege auf. Als er bie Türe aufklinkte, kroch ein dunkles Gemurmel als Abenbgruß über blutblasse Lippen. Mit befreienbem Atem stellte er ben Henkel- mann auf die Anrichte unb zog gleich hinterdrein ben Rock aus, den er lässig an ben Mantelstock hing.

Es war ber Vater, ber heimkam.

Noch zogen bie Falten ber Bitternis durch fein ölig- glänzendes Gesicht. — Was war tagsüber wiederum ge­schehen, was lag als Krampf auf feiner Seele? — Wer fragt? Alle — doch nur mit ben Augen, nicht mit bem Munde. Ein jeder wußte es. Vielleicht wehrt er mit ber Hanb ab unb setzt sich wortlos in bie Herbecke, mit ber Zeitung in ber Hand. Die bringt ihm selten Ruhe, sondern jagt oft bittere Worte, bie von Not unb Haß klingen, über seine Sippen.

Unb doch, tonnten wir jetzt hineinschauen in seine Seele, vor uns ftänbe sie bittenb, fragend, schreiend: „Hilf mir doch. — So hilf mir doch in meinem Elend, in meiner Einsamkeit! Gebt mir von eurer Jugend- fröhlichketi nur ein kleines Fünkchen mit."

Aber mir sehen es nicht unb wissen es kaum, wie wir rntt dem Vater recht sprechen unb umgehen sollen.

Um Gottes willen eins nicht. Fragt nicht barsch unb grob: „Was ist schon wieder los?"

Fragt auch nicht: „Was machst du wieder für em Gesicht? Hier hat dir doch keiner etwas getan."

Das weiß er schon selber. Nein, gerade nach Feier­abend, wenn er Zeit hat, mit sich selbst allein zu fein, wenn er sich besinnen kann, bann kommts in ihm hoch.

bie Bitternis, bas Unrecht, welches er am Tage in sich hineinfressen mußte, ist gleich zuerst ba. Das kann man mit einer Frage nicht wegreden, das geht fangfam, so wie ein großer Staufee nur langsam durch ein Abfluß­rohr leerläuft. Aber darauf kommt es an, ein solch see­lisches Abflußrohr zu finden.

Wir Jungen haben so vielerlei. Wenns uns dreckig in ber Arbeit geht, nach acht Stunben ists vergessen. Beim Vater nicht. Aus seiner Arbeit kann sehr oft bie Freube nicht wachsen, aber wir, seine Kinber, könnten sie ihm geben. Der Vater leibet ja zutiefst barunter, daß er oft so menschenunwürdig, ja wie ein dummer Junge im Betrieb behandelt wird. — Er möchte Verantwortung tragen, aber man will sie nicht von ihm. Wir wissen so vieles und mancherlei aus der Stabt, ber Politik, dem Werk, ber Kirche unb Gemeinbe. — Fragt ben Vater um Rat. Ja, fragt ihn auch, wenn ihr glaubt, daß ihr es bester wißt. Vielleicht wffsen wir vieles besser, aber ber Vater hat die Lebenserfahrung des All- ters, und die kann uns oft von größtem Nutzen fein.

Eins aber gebt bem Vater zu fühlen: baß er hier auf ber Well noch etwas wert fft unb noch etwas gilt.

Ists nicht fo, daß unsere meisten Väter alle etwas Unzufriedenes in sich tragen unb gar keine rechte ßebensfreube mehr haben? — Viele wissen gar nicht, woher bas kommt. — Aber bann schaut einmal in unsere Fabriken hinein. Wen achtet man am höchsten, unb wem gibt man den größten Lohn? Sinbs unsere Vä­ter zwischen 50 und 60 Jahren? Keineswegs. Wir sind es und jene bis zu 40 Jahren. Die „Allen", wie man unsere Väter nennt, die sind überall zuviel. Ihr Lohn fft kleiner, und wenn sie nicht ganz fein aufpassen, bann „fliegen" sie. — Wieviel unb wie lange sie ihre Arbeitskraft dem Werke geopfert haben, danach fragte kaum einer. Sie haben ihre Schuldigkeit getan, und eines Tages können sie gehen.

Unb zu Haufe? Prüfen mir uns ehrlich, gehts ba nicht oft wie in ber Farbik? Der Vater bringt viel­leicht ben wenigsten Lohn heim. Wir kennen sein Schaf­fen unb Schuften nicht. So kommt es, baß er vielen lästig, ja überflüssig wirb. — Unb boch ist er ein stiller Kämpfer im Alltag, ber fein Herzblut burch ber Hände Arbeit hingibt, nicht für sich, sondern für uns.

In uns lebt eine große Selbstverständlichkeit, und diese heißt: der Vater ist verpflichtet, für uns zu sorgen und mit uns anständig umzugehen.

Ich glaube, wenn eins ein starkes Kampfmittel gegen den Sozialismus und gegen den Liberalismus ist, bann wirb es bas Streben fein, daß mir Christen un- fere Familie stark unb rein halten von ber Gelb- unb Ichsucht. Dazu gehört auch, baß wir ben Vater in seiner ganzen Not ber Einsamkeit, in seinem Berufe nicht nur verstehen lernen, sondern baß wir zu ihm stehen. Unb wenn er an feiner Arbeit fast zerbrechen sollte, baß er roieber stark wirb an seinen Umbern. Es ist eine unserer größten und feinsten Auf­gaben, baß von unseren Vätern ber furchtbare Druck ber Einsamkeit ber Betriebe hinweggenom­men wirb unb sie in unserer Familie trotz ber Bitter­nisse bes Lebens wirklich eine Heimstatt haben und finben.

Hellere Gcke.

Redakteure haben nicht sehr viele Freunde, wenn sie Charatter haben und nicht jedem zu Gefallen sind. Jeder hat an ihnen etwas auszusetzen und hält sie für Menschen, bie ständig mit ber Absicht auf ber Lauer lie­gen, ihrem lieben Nächsten im paffenben Augenblick eins auszuwischen. Unter biefen Umftänben gehört schon etwas Jbealismus unb eine gewisse Berufsleibenlchaft dazu, um bas, was man „Berufsethos" nennt, Nicht zu

verlieren unb Pessimist zu werben. Gott sei dank, pflegt ber Rebakteur auch bas als Schutzmittel sehr brauchbare „bicke Fell" zu bekommen unb einen geübten Blick für bas Komische im Leben. Ist es z. B. nicht komisch, wenn jemanb einen eigenhändig geschriebenen Bericht einsendet, in dem die Leistungen bes Einsenders in ben höchsten Himmel gehoben werben und dann sehr entrüstet darüber ist, daß der Redakteur die Anzahl der schmückenden Beiwörter auf ein einigermaßen erträg­liches Maß heruntergesetzt? Jntereffant wird die Sache erst, wenn man um ungekürzte Aufnahme von Artikeln gebeten wird, in denen die unglaublichsten Behauptun­gen ausgestellt werden.

Schreibt da ein Sportbegeisterter aus bem Fuldaer Land in einem Bericht über ein Fußballspiel:

„Ein Alleingang bes Halblinken scheiterte an ei­nem unabsichtlich unfairen Hinkern eines einheimischen Verteidigers."

Ohne Mühe wird man hier herausfinden, baß die Komik nur baher kommt, daß anstatt eines „b" ein „t" geschrieben würbe.

Schaurig unb blutrünstig klingt ein Bericht über eine Festlichkeit. In ihm hieß es:

»Der junge, jetzige Besitzer ließ es an nichts fehlen, er hatte bie Küche burch eine Schlachtung ber Frau festlich hergerichtet. Das Schwein hatte bas schöne Gewicht von 535 Pfund unb da konnte die ftöhliche Stimmung nicht fernbleiben."

Ist das nicht eine furchtbare Mordgefchichte? Dabei war bas Ganze nur eine gemütvolle Familienfeier. Der Berichterstatter wollte sagen, baß der Gastgeber ein fettes Schwein geschlachtet hatte, und bas bei dem reich­haltigen Mahl eine fröhliche Stimmung herrschte.

(Fortsetzung folgt.)