Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda
I Mittwoch, 16. Dezember 1931
Mrg. 58.
Reparations-Konferenz am 15. Januar?
zurückzuführen, während die anderen % die erste Auswirkung der Absatzerschwerungen für den deutschen Export dar st eilen. Die Einfuhr hat sich wertmäßig mit 482 Mill. RM. auf dem Stande von Oktober gehalten. Mengenmäßig ist sie um 4 Proz. gestiegen, da die Durchschnittswerte erneut zurückgegangen sind. Der Ausfuhrüberschuß ist von 383 Mill. RM. im Oktober auf 256 Mill. RM. im Nove m b e r gesunken. Unter Berücksichtigung der Reparationssachlieferungen übersteigt der Wert der Ausfuhr denjenigen der Einfuhr um 276 Mill. RM.
es in alter Kurzsichtigkeit das Fortbestehen mindestens einer Tributdrohung gegen Deutschland als nützlich betrachten. Was gegen den Tributplan vom Haag geschehen kann, muß allein von Deutschland ausgeführt werden.
• Der indische Führer Mahatma Gandhi weilte auf der Rückreise von der Londoner Indien-Konferenz in Rom. Dem Papst hat er keinen Besuch abgestattet, wie es von der Sensations- Presse angekündigt worden war. Er ist, wie gewöhnlich, um 4 Uhr morgens aufgestanden und hat noch Verrichtung des Gebetes sein Frühstück eingenommen, das aus rohen Früchten, rohem Gemüse und Ziegenmilch bestand. Letztere war von seinem Gastgeber, dem italienischen General Mols, unter großen Schwierigkeiten aus den Sabinerbergen herbergeschasst worden.
Wsidenl von Chma zurütkgetteken.
Nach einer Meldung aus Schanghai hat Präsident Tschiangkaischek der chinesischen Regierung am Sonntag sein Rücktrittsgesuch eingereicht. Zur Begründung erklärt er, die Unzufriedenheit über seine Tätigkeit sei in der letzten Zeit so stark gewachsen, daß er nach seiner Auffassung nicht mehr das Vertrauen der Partei und der Kuomintang besitze. Das Rücktrittsgesuch ist bisher noch nicht genehmigt worden. Im Falle der Genehmigung soll General H u h a n m i n zum vorläufigen Präsidenten ernannt werden.
* Das Abkommen über die kriegsvorbeugenden Maßnahmen von Deutschland unkerzeichnet. Die Deutsche Reichsregierung hat durch den Generalkonsul Dr. Völcker dem Generalsekretär des Völkerbundes mitteilen lassen, daß Deutschland das Abkommen über den Ausbau der kriegsvorbeugenden Maßnahmen des Völkerbundsrates unterzeichnet habe. Deutschland hat das Abkommen als erfte der europäischen Großmächte unterzeichnet.
Gandhi besuchte u. a. auch die faschistischen Jugendorganisationen und die Montessori-Schule. Trotz der großen Winterkälte wanderte er mit Sandalen, mit bloßen Füßen und bloßen Beinen und blieb seinem üblichen Gewände treu.
Die englische Regierung hat nunmehr zu verstehen gegeben, daß sie die A u s n a h m e vonZ o l l- verhandlungen mit Deutschland nicht ablehnen wolle, aber an den Dumpingabwehrzöllen festhalten müsse. *
Der amerikanische Abgeordnete Collins forderte im Repräsentantenhaus den Präsidenten Hoover auf, Reichspräsident v. Hindenburg sofort zu einem Besuch in Washington einzuladen. Deutschland sei bisher von den Vereinigten Staaten „nebensächlich" behandelt worden.
Die Baseler Besprechungen.
wtb. Basel, 15. Dezember. (Eig. Meld.) In -den privaten Besprechungen der Hauptmitglieder des beratenden Sonderausschusses, die sich gestern bis in die späten Nachtstunden hinzogen, hat man sich, wie verlautet, darauf geeinigt, die Anfertigung des Ausschußberichtes einem Komitee zu übertragen, das sich folgendermaßen züsam- mensetzt: Melchior (Deutschland), Rist (Frankreich), Layton (England). Die endgültige Entscheidung über die Zusammensetzung trifft der Ausschuß, der heute zu einer Vollsitzung zusammengetreten ist und voraussichtlich schon heute vormittag dieses Redaktionskomitee ernennen wird. Der Ausschuß Wird vermutlich heute seine Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzlage Deutschlands abschließen und zwar, wie bereits gemeldet,
Der französische BIZ,-Sondermitarbeiter der „Neuen Züricher Zeitung" meldet, daß die Reparationkonserenz der Regierungen zum 15. Januar einberufen werde. Der Ort der Konferenz sei aber noch unbestimmt.
Eine Bestätigung dieser Nachricht war bisher nicht zu erreichen. Voraussetzung für die Abhaltung der Regierungskonferenz ist auch, daß der Bericht des Sonderausschusses rechtzeitig fertig wird und genügend Zeit zur Verwendung der Einladungen übrig bleibt.
wtb. Berlin, 15. Dez. (Elg. Meld.) Die deutsche Außenhandelsstatistik für November, in der sich bereits die schwere -Beeinträchtigung spiegelt, die der internationale Warenaustausch durch währungs- und handelspolitische Maßnahmen in der letzten Zeit erfahren hat, weist die Ausfuhr mit rund 738 Mill. RM. auf, wozu noch Reparationsfachlieferungen im Werte von 11 Mill. RM. (im Bormonat 13 Mill. RM.), kommen. Dieses Ergebnis bedeutet gegenüber Oktober einen Rückgang der Ausfuhr um fast 13 Mill. RM. oder beinahe 15 Proz. Davon ist rund Vä auf saisonmäßige Einflüsse
Der deutsche Autzenhandel im November.
Die erste Auswirkung der Absatzerfchweruug für den deutsche« Export. — Rückgang der Ausfuhr um fast 130 Millionen RM. — Trotzdem noch eine« Export überschätz von 226 Millionen RM.
wtb. Tokio, 15. Dez. (Eig. Meldg.). Der sapanische Botschafter in Paris, P os h i s a w a, hat den Auftrag erhalten, nach Japan zurück- z u k e h r e n, um das Außenministerium im neuen Kabinett zu übernehmen.
Große Sludentenuuruhen in Nanking
wtb. Nanking, 15. Dez. (Eig. Meldg.). 600 Studenten, die aus Peking kamen, gaben heute ihrer Unzufriedenheit mit der Haltung der chinesischen Vertreter in den Verhandlungen über die mandschurische Frage dadurch Ausdruck, daß sie das hiesige Außenministerium stürmten und demolierten. Sie wandten sich hierauf zum Sitze der Parteizentral«, wo sie die F e n st e r s ch e i - den einschlugen. Die zum Schutze herbei- kommende Polizei wurde von ihnen entwaffnet. Danach gingen sie zu einem Angriff gegen den Präsidenten der Provinzialregierung über, der provisorisch die Geschäfte führt. Bis zur Stunde belagern sie immer noch das Regierungsgebäude, in dem die Führer der Partei versammelt sind.
mit einer Prüfung der Lag« der deutschen Reichsbahn. Für den Nachmittag ist keine Sitzung vorgesehen. Es ist wahrscheinlich, daß die mit der Anfertigung des Berichtes beauftragten Persönlichkeiten bereits am Nachmittag ihre Arbeiten aufnehmen. Damit gehen die Arbeiten des Baseler Ausschusses ihrem Ende entgegen. Es werden aber bestimmt noch mehrere Tage vergehen, bis der Bericht der Vollversammlung des Ausschusses zur Genehmigung vorgelegt werden kann.
Hitlers Ansicherheit.
In den außenpolitischen Erklärungen Hitlers, die der „Völkische Beobachter" vom 12. ds. Mts. wiedergibt, findet sich u. a. folgender Passus: „Ebensowenig wie gegen Frankreich hegen wir die uns immer wieder angedichteten kriegerischen Absichten gegen die französischen Vasallenstaaten im Südosten. Ein Krieg europäischer Staaten untereinander hieße heute soviel wie dem Bolschewismus Tür und Tor öffnen." Wenn Hitler meint, daß die einzigen Nutznießer eines europäi- schen Krieges die Bolschewisten wären, so ist er gewiß vollkommen im Recht. Seine Feststellung enthält aber nicht nur ein vernichtendes Urteil über jede bewußt auf einen Krieg hinsteuernde Politik, sondern sie beleuchtet auch die Sinnlosigkeit jenes Spielens mit dem Kri«gsge- danken, den man gerade in nationalsozialistischen Aeußerungen oft begegnet. Man gefällt sich anscheinend darin, die Oeffentlichkeit abwechselnd durch Friedensbeteuerungen und Kriegsdrohungen zu verblüffen.
Hitler ist in letzter Zeit besonders eifrig bemüht, durch die verschiedensten Kundgebungen die öffentliche Meinung des Auslandes für sich zu gewinnen; um so mehr muß es befremden, daß er sich offenbar gar kein« Rechenschaft darüber gibt, welch« verheerenden Wirkungen sein Hin- und Hertaumeln zwischen Friedenspolitik und Kriegsspielerei außerhalb Deutschlands zeitigen muß.
Vollere Erkenulmsie für Hessen.
Das „Mainzer Journal" zur Frage der Regierungsbildung in Hessen. —Die hessischen Nationalsozialisten beziehen ihre Direktiven aus München.
Im „Mainzer Journal" wird von „besonderer Seite" u. a. geschrieben:
Ob es in der nächsten Zeit zu weiteren Koalitionsbesprechungen mit den Nationalsozialisten in Hessen kommen dürfte, hängt, abgesehen von der Entwicklung im Reich, von der geistigen Haltung oder richtiger dem geistigen Hochmut oder der Selbstbesinnung der NSDAP, ab. Man darf nicht vergessen, daß die Landtagsfraktion der Nationalsozialisten in den einzelnen Ländern nur abhängige Filialen des Braunen Hauses in München sind. Selbständige Politik haben sie nicht zu treiben. Sie empfangen ihre Befehle von Adolf Hilter und den anderen Führern in der Brienner Straß« in München. Das ist das Eigenartige der NSDAP. Die hessischen Zentrumsführer haben mit den nationalsozialistischen Abgeordneten Lenz, Ritter und Gen. nur als den Briefträgern der Münchener Partei zentrale zu tun gehabt. Eine sehr merkwürdige Situation! Einzelne der zwölf Punkte, wie z. B. die Punkte 1 bis 5, verraten eine auffallende Unkenntnis der b et« fischen Verfassung und der Reichsverfw- fung. Das kommt aber, wie gesagt, daher, weil die zwölf Punkte von der landfremden Zentrale in München diktiert worden sind.
Velsetzunqsfeier in Freiburg.
wtb. Freiburg, 15. Dez. (Eig. Meldg.). Unter großer öffentlicher Teilnahme in Anwesenheit der gesamten badischen Staatsregie« r u n g, von Vertretern des Reiches und Preu. ß«ns und zahlreicher Bischöfe und Siebte wurde heute vormittag der verstorbene Freiburger Erzbischof D r. Carl Fritz vor dem Sakraments- altar im Liebfrauenmünster b e i g e s e tz t. Die Einsegnung wurde vom Mainzer Bischof vorgenommen. —
• Der frühere Direktor der österreichische« Kreditanstalt in Portugal verhaftet. (Eig. Meld.) Nach einer Meldung aus Lissabon wurde dort der frühere Direttor der Kreditanstalt, Fritz Ehr en fest, auf Grund eines österreichischen Steckbriefes von der Hafenpolizei verhaftet, als er sich an Bord eines Ueberseedarnpfers begeben wollte. Eine Auslieferung Ehrenfests dürfte kaum in Frage kommen, da er nur wegen fahrlässigen Bankerotts verfolgt wird, auf das sich das portugiesisch-österreichisch« Auslieferungsabkommen nicht erstreckt. ________________________________
Preußens Finanznot.
Neue preußische Notverordnung in Aussicht.
Das preußische Staatsministerium bereitet eine Notverordnung vor, durch die das Defizit im Staatshaushalt gedeckt werden soll. Zu diesem Zweck wird die Verordnung eine Reche Ersparnisse im Haushaltsplan durchführen. Eine Anzahl Amtsstellen wird aufgehoben oder mit anderen verschmolzen. So werden die zwölf Gestüte, die jetzt in Preußen bestehen, aus vier oder fünf vermindert werden. Ebenso dürften mehrere Amtsgerichte und auf dem Gebiet des Schulwesens eine Anzahl ' Schulratsstellen wegfallen. Die Ersparnismaßnahmen beziehen sich auch auf die Landeskulturämter. Dagegen bleibt es bei der vor einigen Tagen von uns veröffentlichten Mitteilung des Führers der preußischen Zentrurnssraktion, daß die Frage der Aushebung von Landkreisen nicht akut ist. Die Notverordnung wird auch Bestimmungen enr- halten, durch die den jüngeren Beamten, vor allen Dingen auch den Junglehrern, eine Beschäftigung im Staatsdienst wieder ermöglicht wird. Sie bringt also nicht nur Einsparungen, sondern für weitere Bevölkerungskreise auch Erleichterungen. Die S ch l ach tft e uer, von der in der letzten Zeit vielfach di« Rede war, wird die Notverordnung nicht einführen. Es kann damit gerechnet werden, daß die neue Verordnung Preußens noch in dieser Woche erscheint.
Die S t a a t s t h e a t e r i n K a s s e l und Wies- baden werden von den Sparmaßnahmen zweifellos auch erheblich getroffen werden. Es entspricht das auch einer Forderung der landwi rtschaft- lich en Kreise, wie diese sich ja auch in Hessen - «egen das Darm st ä dter Landestheater gewandt haben. Die rechtsradikale Agitation hat ein übrigens getan, um der Forderung der landwirtschaftlichen Vertreter, die Sparsamkeit auf die Theater auszudehnen, den nötigen Nachdruck zu verschaffen. Jetzt jammert die „Kasseler Post" über die dem Kasseler Theater drohende Einschränkung. Sie sollte sich einmal umhören, was man unter den L a n dv o lkkr «i s« n, die ihr nahe stehen, zu den Theater-Subventionen heute sagt. Es ist nicht so einfach, sich politischer Radikalisierung anzuvertrauen, wenn man verschiedenartige Güter zu wahren hat.
Die Spar-Aktion in Preußen.
DDZ Berlin, 15. Dez. (Eig. Meldg.). Heber tU Notverordnung, die die preußische Staatsregi«- rung voraussichtlich Ende dieser Woche erlassen wird, erfährt das Nachrichtenbüro des VDZ.: Sie wird aussprechen, daß bis zum 15. Oktober 1932 50 bis 60 Amtsbezirke und Landkreis« in Preußen ans Sparsamkeitsgründen z u f a m- mengelegt werden so IIen, doch wird ft« dagegen nicht b i e Namen der in Frage kommenden Kreise und Gerichtsbezirke enthalten. Es dürfte nicht damit zu rechnen sein, daß vor den Wahlen zum preußischen Landtag noch eine derartige Zusammenlegung akut wird. Auch wird an unterrichteter Stelle bestritten, daß di« preußische Notverordnung Vorschriften über die Herabsetzung der Alte rs grenze für Beamte oder Lehrer enthalten soll.
Wie der „Vorwärts" meldet, wurden die Spitzenorganisationen der Gewerkschaften aller Richtungen am Montagnachmittag von dem Reichskanzler zu einer Besprechung über den Inhalt der neuen Notverordnung empfangen. Die Gewerkschaften äußerten im Verlaus der Besprechung gegen zahlreiche Bestimmungen der Verordnung starke Bedenken und ersuchten den Reichskanzler um Maßnahmen zur Abhilfe. Der Reichskanzler sagte entsprechende Erwägungen zu.
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hielt am Montagnachmittag eine Sitzung ab, in der zur neuen Nowerordnung Stellung genommen wurde. Dabei wurde u. a. beschlossen, der Einberufung des Reichstages nicht zuzustimmen.
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FuldaerZeitung
Ofmpinpr für die Stadt Fulda und denOandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Gefährliche 3llufion.
Frontbildung gegen Frankreich, aber nicht für Deutschland.
Bon Fr. Unger-Hartung, z. Z. Paris.
Die nachfolgenden Ausführungen zeigen, welchen Illusionen sich diejenigen Deutschen hingeben die es so erscheinen lassen, als ob England heute Deutschlands uneigennütziger Sachwalter in der Reparationsangelegenheit sei. Die von den Nationalsozialisten genährte Auffassung, als ob Deutschland zurzeit nur auf Amerika und E n g- land bauen müsse, um in der Reparationsfrage einen Erfolg $u erringen, ist ein Wahn.
Mit einiger Genugtuung dürften wir den schweren Zusammenstoß des englischen Handelsministers Runciman mit Frankreich in der Zollfrage verzeichnen. Es besteht sogar die große Wahrscheinlichkeit, daß Frankreich sich in einen Handelskrieg mit England verwickeln wird. Die Regierung Laval braucht unablässig eine nationalistische Auf- putschung des Parlamentes, um es sich geneigt zu erhalten. Laval regiert schon so lange, daß sein Gesicht den Mitglieder der französischen Kammer auf die Nerven zu fallen beginnt. Die Kammer stürzte schon mehrfach Regierungen ganz einfach auf der Flucht vor der Langeweile. Ein französischer Ministerpräsident muß entweder so kraftvoll austreten oder jedenfalls so unentbehrlich sein wie Poincar« oder so geschmeidig und so „stark im Nehmen" wie Bricmd, um vor einem plötzlichen Sturz sicher zu sein.
Gewiß bekam Laval kürzlich eine sehr starke Mehrheit für die Fortsetzung der Knebelungspoli- tif gegen Deutschland. Dabei handelte es sich aber um eine große Frage. Davor bleiben die französischen Kabinette allenfalls stehen wie der Kampfstier vor der Bretterwand, hinter dem sein Gegner plötzlich verschwunden ist, so daß er nur noch den Kopf von ihm wahrnehmen kann. Sie stolpern und stürzen meist über die geschickt gelegten Fallstricke und Schlingen kleiner Fragen, die im Gegensatz zu dem Tributproblem das Volk nicht aus- regen und Minister, die ihretwegen purzeln, sogar lächerlich erscheinen lassen. Laval weiß, daß er im Parlament nicht lauter gute Freunde hat und daß ihm nicht einmal die förderlichen Wünsche derer zur Seite stehen, die ihm mit süßlichem Bal- leteusenlächeln ihren Stimmzettel zuwenden. Er weiß weiter, daß er in seinem eigenen Kabinett drei, vier Mann hat, die sich ein neues allgemeines Durcheinanderschütteln der politischen. Kapazitäten wünschen, um dabei vielleicht durch irgend einen Zufall auf den Sitz des Ministerpräsidenten zu tru. dein.
Also muß er für Unterhaltung und Ablenkung sorgen. So ein Handelskrieg mit England käme ihm gelegen, da für Frankreich in diesem Jahre dabei nicht sehr viel auf dem Spiel steht. Erstens finanzieren di« vergnügungssüchtigen Engländer auch in diesem Winterhalbjahr die „Folies Ber- geres" und andere Unterhaltungsstätten der französischen Hauvtstadt durch ihren Besuch mit kostspieligem weiblichen Anhang, jener Lokale, die der Pariser, selbst wenn er wohlhabend ist, ängstlich meidet, weil sie seine Renten allzu stark abknabbern. Zweitens ist der englische Rivieraboykott längst in Fluß auch ohne Zollkrieg, so daß die Fremdenindustrie durch ihn keine Sprunggelegenheit zum Angriff auf die Regierungspolitik gewinnen kann. Drittens taugt das englische Pfund nichts, kann jedenfalls die teuren Erzeugnisse der französischen Luxus- und kosmetischen Industrie doch nicht bezahlen, und viertens wäre der Zollkrieg gegen England ein herrliches Druckmittel für die Erzielung neuer englischer Nachgiebigkeiten auf außenpolitischem Gebiet. Den Handelskrieg an und für sich gewinnt England, weil es die stärkeren Bataillone, den größeren Verbrauch auf feiner Seite hat und zwar an Waren, die von den Franzosen sonst nirgends auf der Welt verkauft werden können, während die englischen Waren in Frankreich nicht so ganz unentbehrlich sind. Man kann sie durch deutsche und tschechische Einfuhr ersetzen. Daraus erwächst für Frankreich ein neuer Trumpf in seinem wirtschaftspolitischem und außenpolitischem Spiel.
Gefährliche Illusionen schweifen in einem Teil der deutschen Oeffentlichkeit um die Möglichkeit einer Schwächung der außenpolitischen Stellung Frankreichs als Folge eines französisch-englischen Zollkrieges, der Mißstimmung in Amerika feit dem Besuche Lavals und ihrer neuen Nabrungsnffubr durch den Troeadero-Skondal und der offenbaren Neigung Italiens, in einer antifranzösischen Front stärker hervorzutreten. Diese ist zweifellos in Bildung begriffen. Daraus dürfen aber keinesfalls Rückschlüsse auf eine Besserung der Lage Deutschlands gezogen werden. Auch die antifranzösische Front in der Weltpolitik würde gleichzeitig immer noch gegen Deutschland gerichtet bleiben. Und bei dieser Doppelfront eines antifranwstschen Blocks bestünde in jedem Augenblick die Gefahr eines Waffenstillstandes mit Frankreich auf Kosten Deutschlands.
Wir werden das in Basel und bei anderen Gelegenheiten sehr deutlich zu spüren bekommen Es wäre jedenfalls eine überragende Meisterlelstung, wenn es uns gelänge, auf dem Sandgrunde des französisch-alliierten Gegensatzes Häuser zu bauen. Auch in einer antifranzösischen Front will Amerika möglichst weitgehende Abrüstung, um den Ausfall deutscher Tribute nicht den eigenen Steuerzahlern auflegen zu müssen, ist also völlig auf grantreta) angewiesen, um zum Ziel zu kommen. England spürt bei jeder selbständigen Regung unverzüglich die Schläge des französischen Zitteraales an ferner Währung und hat überhaupt nur den einen Wunsch, daß seine Privatforderungen an Deutsch- land nicht unter den Tffch fallen Was aus der Tributfrage wird, ist ihm gleichgültig. Zur Niederhaltung des deutschen Wirtschaftsbewerbs wird
Eine „Gedächlsnisfeier".
wtb. Lissabon, 15. Dezember. (Eig. Meld.) In der Stadt Evora kam es gestern bei einer Gedächtnisfeier zu heftigen Zusammen« st ö ß e n zwischen Regierungsanhängern und Regierungsgegnern. Drei Personen rourben getötet. Der Zivilgouverneur und bet Polizeikommissar der Stadt wurden ab gesetzt und Lissaboner Polizei zur Aufrechterhaltung der Ordnung abgesandt.
Eine nette Art, ein „Gedächtnis" zu feiern.