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Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

Ar. 286

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Freitag, 11. Dezember 1931.

Monatlich 1.80 einjchliehl Pollgebühr <48 Psg., oljne .5uiiellg Anzeigen-Preise: Kleinzeile <Äol.) lokal 0.15 RM., auswärts 0.20 RM Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt Postlcheckk Frankl o M 4051

3al)tg. 58.

Geistiger Ausbruch.

Don Dr. Jos. Albert, Dresden.

Wer das Vordringen des Bolschewismus in Deutschland verfolgt, der macht eine bemerkens­werte Beobachtung. Rußland sucht sich mit Vor­liebe jene deutschen Gebiete aus, in denen der deutsche Geist jahrzehntelang von liberalen,auf­klärenden" Strömungen weitgehend angekränkelt worden ist, und wo dieBildung" allmählich höher als das echte Wissen und der echte Glaube bewer­tet wurden Vor dieser Art Bildung, die es in Rußland, soweit die Volksmassen in Betracht kom­men, nicht gab, hat der Bolschewismus weniger Furcht als vor dem tieferen Glauben seines eige­nen Volkes. Ja, auf diesen Unterschied im Geisti­gen baut er seine hochfliegend« Hoffnung auf, die bolschewistische Idee in einer verhältnismäßig kur­zen Zeit durch ganz Deutschland und Mitteleuropa tragen zu können.

Im Gegensatz zu den Faktoren der Wirtschaft und der Politik regen sich seit Wochen in Deutsch­land geistig-kulturelle Kräfte, die den Kampf ge­gen den russischen Feind aufnehmen wollen. Sie tragen bereits Früchte in mächtigen Kundgebun­gen an manchen Stellen des Reiches. Diese geisti­gen Kräfte sind die ersten Vorläufer einer welt­geschichtlichen Sendung, vor die sich Deutschland augenblicklich gestellt sieht, derart, daß es seine Geistesgeschichte korrigieren muß, um daraus den Mut gegen den anstürmenden Feind zu finden. Cs gilt nämlich, dem dreihundertjährigen Zeitalter der vermeintlichen Aufklärung nun endlich eine eigene Periode der wirklichen Aufklärung entgegenzusetzen. Hier liegt eine der größten Auf­gaben unserer Zeit. DieAufklärung" hat uns all­mählich ein Höchstmaß an geistiger Oberflächlichkeit und Unerheblichkeit gebracht. Wenn man das frü­her nur von bestimmten Vertretern der Wissen­schaft sagen konnte, so sind heute die breiten Mas­sen in diese Kreise tief mit hineingerissen worden. Mancher, der nur zu wenigem fähig ist oder es zum Dilettanten brachte, glaubt schon alles zu wissen; der nur leien und schreiben lernte, glaubt sich zum Propheten berufen. So hat sich eine un­geheure Krankheit ausgebreitet, große Massen sind voll Unruhe und voll Angst: was ihnen der Glaube sagt, das scheint ihnen der V e r - stand zu nehmen. Sie übersehen, daß, je unge­stümer der erstere bekämpft wird, der zweite zu­gleich von den Kämpfenden preisgegeben wird.

An diese europäische Krankheit knüpft der Bol­schewismus, insofern er Wegbereiter einer neuen Geisteskultur sein will, an. Wir wissen zur Ge­nüge, welcher Methoden er sich bedient, um die Irreführung des menschlichen Geistes zu be­treiben. Er verspricht dem Arbeiter nicht nur et­was: ein besseres, wirtschaftliches Dasein und seine Diktatur über die anderen, sondern er verlangt von ihm die Preisgabe jener Gedankengüter, die in je­dem normalen Menschen Anfang und Ende seiner Ueberlegungen sind: der Religion und der Moral. Es ist wesentlich, zu erkennen, daß hier der normale Mensch aufgegeben und das Anormale zur Tatsache wird. EuropäischeAufklärung" und östlicher Bolschewisums kommen sich entgegen, weil sie beide vermeinen, all das aus der Welt­geschichte verwischen oder doch verkleinern zu kön­nen, was höchste Verstandeskraft und höchster Glaubensmut, im gleichen Menschen vereint, ge­schaffen haben. Man hat vergeßen oder möchte es vergessen machen, daß die Welt schon bedeutend klüger und bedeutend reicher an kulturellen Schöp­fungen war als heute, und daß sie es gerade zu der Zeit am meisten gewesen ist, wo sie am gläu­bigsten war.

Der Gegner kennt in den meisten Fällen we­der dir Inhalte des Glaubens noch die wirklichen Ergebnisse der Wissenschaft und der Geschichte. Das setzt eine um so größere Kenntnis dieser Dinge im europäischen Christen voraus, denn je geringer das Wissen des Gegners ist, um so Hartnäckiger ope­riert dieser mit einer scheinbaren wissenschaftlichen und moralischen Ueberlegenheit. Er verwirrt seine Zuhörergroßzügig" und entlehnt dieBeweise" aus allen möglichen Gebieten. So sind z. B. Dar­win und Häckel, die beiden Vertreter der Abstam- inungslehre des Menschen vom Tiere, immer noch seine Kronzeugen. Wüßte doch das Volk (würde es darüber aufgeklärt), daß keiner von beiden von der ernsten Wissenschaft noch ernst genommen wird; daß Häckel beim Beweise der Gleichartigkeit gewisser tierischer und menschlicher Entwicklungs­stufen nicht vor Fälschungen zurückschreckte, indem er ein und das gleich« Bild für Mensch und Tier verwendete; daß er seine Kenntnisse über die Ent­stehung des Christentums zwei Schmähschriften ent­nahm, deren kein Wissenschaftler sich bedienen würde; ja, daß er nicht nur unwissend auf dem Gebiete der Theologie und Philosophie war, son­dern ihn einer der ersten Physiker auch der Un­kenntnis in den einfachsten, physischen Grund­begriffen be'chuldigte. Oder: wie oft wird das Mit­telalter geschmäht. Wüßte man, daß in diestm Mittelalter ein Handwerker nur 45 Tage in der Woche zu arbeiten brauchte, um genug für 7 Tage zu verdienen; daß die bedeutendsten Gelehr­ten des Abendlandes in den Klöstern saßen (wer kennt sich unter den Gegnern überhaupt noch aus in der Geschichte der Philosophie weiter als hun­dert Jahre zurück, d. h. bis auf Kant), daß bis ins 18. Jahrhundert hinein allein die Kirche für Schu­len sorgte und den Aermeren ohne Entgeld ihren Unterricht gab. Man wird von diesen und an­deren Dingen wohl sprechen und schreiben müssen, wenn die Erkenntnis ihren Siegeszug antreten soll. Man wird neben den großen Grundwahr­heiten, die natürlich immer zuerst der Klärung wert sind, wohl von tausenderlei kleineren Dingen oder Geschehnissen reden müssen, die der Gegner immer wieder fälscht. Auch der geistig Arme wird, wenn

Die Finanzlage Deutschlands.

Rede des Reichsfinanzminifters im Haushaltsausfchutz des Reichs- kages. Seil 1928 ist ein volles Drittel des Reichsaufwands für Verwaltung eingefpart worden.

Der Haushaktsausschuß des Reichs­tags trat Donnerstag vormittag unter außerordent­lich starker Beteiligung der Parteien zusammen, um die Ausführungen des Reichsfinanzmini­sters Dietrich über die Finanzlage und die neue Notverordnung entgegen; um hm en. Die Sitzung hatte wegen des starken Andranges Aehnlich - leit mit einer Plenarsitzung des Reichstages. Alle übrigen Ausschüsse, die für Donnerstagvormittag Sitzungen anberaumt hatten, wurden abgesagt und auf später vertagt, damit alle im Hause anwesenden Abgeordneten den Darlegun­gen des Finanzmimsters zuhören konnten.

Reichsfinanzminister Dr. Dietrich

wies zunächst darauf hin, daß der parlamentarisch im März verabschiedete Etat für 1931 um 1,4 Milliarden auf 9,3 Milliarden gesenkt worden sei; gegenüber der Gesamtausgabe für 1930 liegt sogar eine Senkung um 2,6 Milliarden vor. Die Grenze von 10 Milliarden, über die seit 1927 der Etat ständig hinausgegangen war, sei nunmehr wieder stark unterschritten. Die Vorgänge im deut­schen Bankwesen hätten zu einer Störung auch der öffentlichen Finanzen geführt. Das Reich habe im öffentlichen Interesse nicht nur mit seinen Mitteln einspringen müssen, sondern es habe auch gelit­ten unter dem Steuerausfall, der im Juli 1931 etwa 200 Mill, erreichte. Dadurch seien die rigorosen Maßnahmen der Finanzverwaltung erforderlich geworden, die jetzt z. T. wieder auf­gehoben seien. In dem von der Regierung berichtigten Etat sei das Aufkommen aus Zöllen und Steuern um 1,14 Milliarden niedriger ge­schätzt worden. Aus diesen und aus Mehraus­gaben für Fürsorge-Maßnahmen fehlten rund 21/3 Milliarden. Sie wurden durch Reparationser­leichterungen in Höhe von 784 Mill., durch Rück­gang der Steuerüberweisungen an die Länder und der Rest durch Ausgabestreichungen ge­deckt. Die Hoffnung, daß die deutschen Finanzen durch die Nichtzahlung der Reparationen saniert werden könnten, habe sich nicht erfüllt, weil die durch die furchtbare Wirtschaftsnot verursachten Steuerausfälle weit höher sind als die Ersparnis. Die Zolleinnahme hängt heute nicht mehr ab von der Entwicklung der deutschen Wirtschaft allein, sondern von der Entwicklung der Währungs- und Wirtschaftsverhältnisse des Aus­landes. Nach dem heutigen Stand der Dinge muß damit gerechnet werden, daß die Steuer» und Zolleinnahmen um weitere 200 Millionen Mark sinken. Es steht ferner fest, daß es nicht möglich ist, die nach dem Etat für den Verkauf vorgesehenen 150 Millionen Mk. Reichsbahnvorzugsaktien unterzubringen; dazu tre­ten etwa 50 Mill. Mark Etatsüberschreitungen für Winterhilfe, so daß ein erneutes Loch von etwa 400 bis 450 Mill. Mark eintritt. Ein Teil dieses Fehlbetrages wird aus dem Münzgewinn mit 170 Mill .gedeckt, 60 Mill. Mk. durch Sparmaß­nahmen, 50 Mill. Mk. durch neue Gehaltskür­zung und 120 Mill. Mk. durch erhöhte Umsatz­steuer für die Monate Januar und Februar, wei­tere 50 Mill .Mk. werden aus der Vorverlegung der Einkommensteuervorauszahlungen um einen Monat gewonnen. Durch die getroffenen Maßnah­men würde es möglich sein, durchzukommen, vorausgesetzt, daß die Entwicklung der Wirtschaft sich im Winter nicht noch mehr als bisher vera­sch lechtert. Die Zahl der Empfänger der allge­meinen Arbeitslosenversicherung übersteigt zur Zeit nur unwesentlich die Schätzung, dagegen ist die Zahl der Bezieher der Krisen Unterstützung überraschenderweise um 200000 hinter her errech­neten Ziffer zurückgeblieben.

Der Minister wies bann zahlenmäßig nach, daß seit 1928 sich der Behördenaufwand des Reiches einschließlich der Gehälter und Pensionen ohne die Wehrmacht um fast ein Drittel verringert habe, nämlich von 940 auf 680, um 260, Millionen Mark. Ein Vergleich mit den Auf­wendungen des Jahres 1913 zeigt, daß die Be­schuldigung unzutreffend ist, daß das Reich heute verschwenderischer wirtschafte als früher. Rechnet man die Ausgaben ab, die auf bie Kriegsfolgen, ben burch ben_Krieg erhöhten Schuldendienst, die Erwerbslosenfürsorge und die Steuerüberweisung an bie ßänber fallen, Ausgaben, die erst nach dem Krieg dem Reich erwachsen sind so haben wir jetzt eine Reichs­ausgabe von etwa 214 Milliarben, während sie 1913 2,4 Milliarben betragen hat. Dabei barf nicht übersetzen werben, baß bie Aufwendungen für soziale Zwecke jetzt 440 Mill, höher liegen als 1913, und daß wir eine eigene Finanzverwaltung Versorgungsverwaltung, Verkehrsverwaltung ha­ben. Diese Neuausgaben gleichen sich mit Minber-

ausgaben, bie gegenüber 1913 entstanden sind, aus. Im eigentlichen Reichsaufwand stehen wir g e n au wieder da, wo wir 1913 standen, wenn man Mark gleich Mark fetzt.

Aeliestenrak des Reichstages am 16. Dezember.

DDZ. Berlin, 10. Dez. (Eig. Meld.) Der Ael- teftenrot des Reichstages ist nunmehr für M i t t- w o ch, ben 16. Dezember, einberufen worben. Ein früherer Zeitpunkt wurde nicht gewählt mtt Rück­sicht auf bie am 15. Dezember ftattfinbenbe Sitzung ber Reichstagsfraktion bes Zentrums. Auf ber Tagesorbnung ber Aeltestenratsfitzung, bie gegen Mittag stattfindet, stehen die Anträge der Kom­munisten und der Deutschnationalen auf Einberufung des Reichstages zwecks Stellung­nahme zur neuen Notverordnung des Reichspräsi­denten.

Die Gesundung der Sozialversicherung.

Zu einzelnen Abschnitten der neuen Notverord­nung werden von unterrichteter Seite noch eine Reihe von Erläuterungen gegeben. Bei dem Kapi­tal der Sozialversicherung und Für­sorge wird darauf hingewiefen, daß die Schwie­rigkeiten der gesamten Sozialversicherung sich am besten dadurch kennzeichnen, daß die Zahl der Beitragswochen von 770 Millionen auf rund 600 Mill, im Jahre gesunken ist. Durch die Notverordnung soll nun eine gewisse Erleichterung für die einzelnen Versicherungsträger geschaffen werden. Besonders schwierig ist die Lage der So­zialversicherung im Steinkohlenbergbau, in der H o lz i n d u st r ie und im B au g e w e r b e. Diese Industrien tragen gegenwärtig eine Umlage, die weit über der Umlage der Vorkriegszeit liegt. Um hierbei einen Ausgleich zu schaffen, ist beab­sichtigt, durch Höherbelastung des Staun» kohlenbergbaues, der sich versicherungs­mäßig günstiger stellt, den Steinkohlenbergbau zu entlasten. Für die Holzindustrie und das Bau­gewerbe soll diese Entlastung durch einen örtlichen Ausgleich mit den anderen Industriezweigen erfol­gen. Insgesamt werden in der Unfall-Versicherung für ein Jahr 50 Millionen und in bet Invaliden­versicherung 100 Mill, eingespart werden. Die Notverordnung sieht in keinem Punkte eine Kür­zung der einzelnen Sozialrenten vor. Sie gibt lediglich unhaltbare Renten preis, um dadurch bie Versicherung zu entlasten.

Zu den Bestimmungen über die

Erhöhung ber Umsatzsteuer

erfahren wir weitet, daß die ursprüngliche Schät­zung des Aufkommens der Umsatzsteuer für das laufende Etatsjahr sich auf 1095 Millionen belief. Auf Grund der bisherigen Eingänge ist diese Vor­schätzung auf 980 Millionen herabgesetzt worden. Das Mehraufkommen der Umsatzsteuer auf Grund der Erhöhung wird, wie bereits in der amtlichen Verlautbarung gesagt, mit 900 Mllionen beziffert. Wesentlich bei diesem Abschnitt über die Umsatz­steuer ist die Einführung ber sogenannten Phasen- Pauschalierung. Diese Phasen-Pauschalierung bedeutet, daß die Steuer auf einer Ware im Produkttons- und Verteilungsgang nur an einer Stelle erhoben wird. Das würde also beispielsweise in der Textilwirtschaft bedeuten, daß nur die Weber, nicht aber die anderen an Herstellung und Vertrieb der Ware Beteiligten die Umsatzsteuer bezahlen. Diese Phasenpauschalie­rung stellt in der Endwirkung keine Aenderung der Gesamtbelastung durch die Umsatzsteuer dar, son­dern nur eine Aenderung in der Form der Erhebung.

Stimmen aus dem neutralen Holland.

Aus Amsterdam wird gemeldet:

Die hollänbische Presse beschäftigt sich in aus­giebiger Weise mit dem Inhalt der neuen deutschen Notverordnung.

Das katholische Hauptorgan, berRotter- damerMaasbode", hebt hervor, baß bie Not­verordnung tief in bas gesamte Leben des beut- scheu Volkes eingreife. Die ihm jetzt auferlegten neuen Opfer seien so schwer, baß sie nur bamit zu rechtfertigen seien, daß auf diese Weise b e rU n- tergang des Abenblanbes" v erhl n- bert werden könne. Es habe stark ben Anschein, baß bie Reichsregierung sich eine Verhanb- lungsgrunblage für bie bevorstehen­den wichtigen Konferenzen habe schaf­fen wollen. Dies fei ihr sicherlich gelungen. Denn niemand werde ihr jetzt noch ben Vorwurf machen können, baß sie nicht zu den ä u ß ersten

er einmal bauen gehört, sich im gegebenen Mo­ment wenigstens dunkel erinnern und fo viel besser standhalten können. Was soll aus ben Jugend­lichen werben, bie nur noch 4 bzw. 2 Religions- ftunben in der Woche haben (wie in Sachsen) und im übrigen nichts von weltanschaulichen Dingen hören. Die Presse, bie mobernste Macht ber Welt findet hier ein reiches Gebiet. Zum Kampf um Politik und Wirtschaft, ber eine erhöhte Bedeutung erhält, weil über ben Umweg üebr diese 2 Faktoren der Gegner seine Masten auch im Geistigen irre führt, tritt nun in besonderer Weise bie Aufklä­rung über eben bieses Geistige. Auch ber Theo­loge, ber Jugenb- unb Arbeiterführer, wirb feine Zeit verstehen. Schon werben tausenbe von Auf­klärungsschriften in deutschen Großstädten unter bas Volk geworfen.

Es gibt im Bolschewismus gewisse Gruppen von Agitatoren, eigens geschulte Kräfte, die ent­weder in den Zirkeln und Lefegemeinschaften ber Jugend, an ber antireligiösen Kinderuniversität in Leningrab, an ben 73 atheistischen Arbeiteruniver­sitäten ober im Bund der kämpfenden Gottlosen vorgebildet werden. Sie tauchen überall auf, wo man sie nicht vermutet, bei allen kleineren unb größeren Gelegenheiten, und wäre es nur bei ei­ner Zusammenrottung auf ber Straße. Ohne Zweifel wird es nötig fein, diese Vorgänge ge­nau zu betrachten und aus ihnen zu lernen, was zu lernen ist. Es drängt sich bereits die Frage auf, ob für die Aufklärungsoffensive, d. h. für den direkten Angriff auf ben Feinb (ber neben berDe- j fenfroe, ber Verteidigung, einhergehen muß) nicht im ganzen Lands ganz bestimmte Kräfte oder

Mitteln gegriffen habe, um Ordnung im eigenen Hause zu schaffen. Tatsächlich sei jetzt das äußerste vom deutschen Volke verlangt worden. Wer noch mehr fordern wolle, müsse mutwillig e i n C h a o s entfesseln. Es sei zu hoffen, daß die Dar. legungen, die Dr. Brüning in seiner Rundfunkrede gemacht habe, überall in Deutschland ebenso ivie im Ausland gut verstanden worden seien. Denn nur bann werbe sich bie größte Katastrophe, bie bie Welt treffen könne, ber Zusammenbruch Deutschlands, vermeiben lassen.

Algemeen Hanbelsblab" weiht der Notverord­nung sogar drei größere redaktionelle Betrachtun­gen gleichzeitig. In politischer Hinsicht wird aus» geführt, daß Dr. Brüning jetzt wohl sehr deut, lich bewiesen habe, daß er nicht bereit sei, die Macht preiszugeben, sondern daß er der Staats» autoritäf mit den schärfsten Mit­teln zum Siege verhelfen wolle. Es sei eine große Beruhigung, daß an ber Spitze bes Reiches Männer wie Dr. Brüning unb Dr. Grve- ner ständen, bie f ich ihrer Kraft be­wußt seien unb nicht vor ber e x t r e m i st i» fd>en Propaganda kapitulieren roür. ben. In wirtschaftlicher Hinsicht betont das Blatt, daß man ber Frage, ob Brünings Rezept dem kranken Deutschland helfen werbe, skeptisch gegen­überfteben könne, da ein gewaltsames Eingreifen in ben normalen Wirtschaftsprozeß sehr unange­nehme Folgen haben könne. Man bürfe jeboch nicht übersehen, daß die Deutsche Regierung vor ber Notwenbigkeit geftanben habe, etwas Durch - greifenbes zu tun, ja geradezu zu Maßnahmen sen­sationellen ober revolutionären Charakters zu grei­fen. Man könne gespannt fein, wie bieses Experi. ment sich auswirken werde. Das Blatt zieht schließ, lich aus ben beutschen Vorgängen noch die Nutz­anwendung auf Holland. In der schnellen Anpassung des deutschen Lebens­standards an veränderte Verhält­nisse gebe Deutschland unzweifelhaft Holland ein gutes Vorbild.

Telegraaf" hebt hervor, daß der energische Ton, der jetzt in Berlin angeschlagen werde, den festen Willen erkennen lasse, daß man von jetzt ab allen politischen Freibeutereien ein Ende bereiten wolle.

Nieuwe Rotterdamsche Courant" faßt seine Betrachtungen dahin zusammen, es sei zu hoffen, daß die jetzt in Deutschland entfaltete Kraft nicht zu spät komme.

Das man in Frankreich sagt.

Zur Rundfunkrede des Reichskanzlers Brü­ning schreibt die ZeitungParis Midi", die neuerlichen Maßnahmen der Reichsregierung stell­ten eine energische Geste dar. Allgemein müsse man sich fragen,, welche Rückwirkungen sie haben werde. Stünden die lebendigen Kräfte Deutschlands hinter Brüning ober hinter Hitler? Reichs kanzler Dr. Brüning kämpfe fürbasHeilberbeutschenVerfaffung unb wolle bie Mark retten. Wenn er politisch bie Nationalsozialisten gegen sich hübe, so habe er währungspolitisch die Schwer- industrie unb bie Lanbwirtschaft (die ostelbischen Grundbesitzer. D. Schriftl. gegen sich, bie lieber eine Inflation woll - t e n. Neue Steuern in Deutschland unb in Ame­rika, Bubgetkrise in Amerika, Währungskrise in Deutschland, Währungsschwäche in Großbritan­nien, bas sei bie internationale Lage nach dreizehn Jahren bes Friedens. Gebe es wirklich in Deutschland Männer, die glaubten, nur ein neuer Krieg könne bie Uebef hei­len, die ber Krieg verursacht habe? Reichskanzler Brüning habe Recht, wenn er er­kläre, baß Gesamtlösungen notwenbig seien. Aber müßten solche Gesamtlösungen nicht zum Minde» sten politisch auf festem Grunb unb Boden aufge­baut sein? Man baue aber nur auf dem auf, was bestehe. Daraus ergäben sich bie Schwierigkeiten, in Zusammenarbeit mit bem gegenwärtigen Deutschland etwas aufzubauen. Die Ergebnisse der neuen Notverordnung und ihre folgenden Reaktionen könnten den Regierungen bei der R eg i e r un g s k on f er e n z in ihren Ent­scheidungen helfen.

Amerikas Urteil.

totb. Washington, 10. Dezember. (Eig. Meld.) Die Rebe des Reichskanzlers und die neue Not­verordnung wurden hier überall ausführlich abgie- druckt. Der politische Leitartikler desEvening Star" faßt bie amerikanische Ansicht über die neuesten scharfen Maßnahmen zusammen als ben letzten verzweifelten Versuch ber Reichsregierung, ben Gläubigerlän- bern zu zeigen, daß Deutschland ge­willt sei, zur Sanierung feiner Fi­nanzen die Deflation bis aufs Aeu» ßerste durchzufiih r en. Die Welt glaube an die Aufrichtigkeit der Brüning-Regierung und

Gruppen oorgebUbet werben sollen. Zahlreiche Gelegenheiten gehen vorbei, in benen ein paar auf. klärende Worte ganze Scharen von Menschen vor der Irreführung bewahren könnten. Der Mut, die paar Worte zu sagen, genügt nicht, es muß das innere Wissen hinzukommen. Solche Kräste hätten einen großen Vorzug. Selbst eine bolschewistische Hochflut könnte sie nicht vernichten. Wenn alles andere unter das Joch des Bolschewismus käme, I der von seiner Idee durchdrungene Vorkämpfer würde nicht unterjocht werden können. Er würde weiter wirken.

Die Zeit ist ernster als wir glauben. Jede Lin­derung leiblicher Armut ist höchstes Gebot der Stunde. Jedoch sie ist es nicht allein. Die Ret­tung des Geistigen im Menschen ruft uns ebenso unwiderstehlich und gebieterisch auf den Plan, .....