Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ilr. 282
NILS
v. Dezember
i
Advents-Sehnsucht.
Die Glocken zur Rorate rufen. Ich knie zu des Altars Stufen und schaue nach dem Opfer hin. Nur Sehnsucht füllet meinen Sinn. Nur Sehnsucht nach dem Einzig Einen.
Daß er erhöre unser Weinen und uns ein Retter endlich werde. Ein Stück, o Herr, von deiner Herde, neig ich mich still beim Wandlungssingen... Ahn ich der Engel Gloriasingen?
Margaret Hohmannn.
Reue Fabeln.
Von E. A. Stein.
1. Der Skandal.
Einst vernahm der König der Tiere, daß einer der Mächtigsten seines Reiches, der angesehene und einflußreiche Bär, sich eines schweren Vergehens gegen das Wohl der Gesamtheit schuldig gemacht haben sollte. Das Gerücht ging wie ein Lauffeuer im Tierreich um, und bald erschien eine Deputation bei ihm, um strenge Untersuchung und Bestrafung zu fordern.
Der Löwe war in keiner geringen Verlegenheit; denn er hatte den Bären seinem Throne nahestehen lassen und hatte manchen fetten Schinken mit chm zusammen verzehrt.
So ließ er heimlich den Fuchs kommen, der ihm schon aus so mancher verzwickten Lage geholfen hatte, und trug ihm in einer geheimen Besprechung den Fall vor.
Der Fuchs lachte, als er den König gehört hatte. „O Herr König," sagte er, „ich war nicht darauf gefaßt, daß Ihr mich um einer so einfachen Sache willen die lange Reise unternehmen ließet. Es bedarf hier keines langen Usberlegens. Gleich auf der Stelle kann ich Euch Rat und Trost geben."
„So sprich", sagte der König. „Aber vergiß nicht, daß das ganze Volk bereits von dem Vergehen unterrichtet ist."
„Pah", sagte der Fuchs, „das hat nicht viel zu bedeuten. Bestellt den Bären hierher, befehlt strenges Gericht, versprecht, daß gegen jedermann, wer es auch sei, unnachsichtig die Strafe verhängt werde, die nach dem Gesetzbuch der Tiere verwirkt sei."
„Dann bringe ich den Bären um seinen Kopf", fiel der König düster ein.
„Keineswegs", lächelte der Fuchs. „Ihr müßt die Untersuchung nur lange genug hinzuziehen wissen. Es gibt da so manches Für und Wider, es entstehen Zweifelsfragen, Schwierigkeiten, es müssen viele Zeugen vernommen werden, und Ihr müßt den Fall durch alle Instanzen gehen lassen. So lange, bis irgendwo eine neue große Missetat von sich reden macht. Ihr wißt ja, daß wir Tiere — wie beklage ich es! — ein kurzes Gedächtnis haben. In jedem Frühjahr vergessen wir. daß im vergangenen Herbst der Mensch auf uns Jagd gemacht hat. Immer wieder fallen wir in Schlingen, in denen wir unfern Bruder zappeln sahen."
„Du hast Recht", sagte der König, „wahrlich, du hast Recht!"
„Groß ist eine Missetat im Augenblick, da sie genannt wird. Sie wird kleiner, je mehr sie in die Ferne rückt. Es wird sich ein Weg finden, den Bären schließlich mit einem Klaps aus seine ungeschickten Pfoten zu entlassen. Alle werden begreifen, daß nach so langer Zeit die Sache wirklich nicht mehr der Rede wert ist."
„Ausgezeichnet, lieber Fuchs, ganz ausgezeichnet! Ich folge deinem klugen Rat!"
Huldvoll streckte ihm der Löwe die Tatze entgegen. Der Fuchs ergriff sie mit feiner Vorderpfote und sagte: „So empfehle ich mich deiner Gnade und sage nur: Es lebe der nächste und neueste Skandal!"
2. Die Fabel von der Solibarifäf.
Einst kamen die Tiere des Waldes zusammen, um zu beraten, wie sie sich vor den Verfolgungen der Menschen schützen könnten.
„Selbst der kunstvollste und tiefste Bau ist nicht
mehr sicher", sagte der Dachs, „sie züichen Feuer an und räuchern mich aus."
„Wir sind fast schon ausgestorben", klagte die Schlange, „eine Prämie steht auf meinem Kopf."
„Was soll ich erst sagen", jammerte das Reh. „Wir haben zwar jetzt gerade Schonzeit, aber nur, um ein desto fetterer Bissen zu werden."
„Wo sollen wir horsten, wenn uns die ältesten und größten Bäume weggeschlagen werden?" Die Krcche sagte dies.
„Wir trogen uns schon lange mit dem Gedanken, ouszuwandern", erklärten die Wölse, „wenn etwas unternommen werden soll, dann tut Eile not."
So klagten sie alle und suchten nach Mitteln, um ihren Feind, den Menschen, abzuwehren. Wer sie fanden keines. Wohl wurde dieser und jener Vorschlag gemacht, aber keiner war darunter, der nicht nur einzelne, sondern die Gesamtheit schützte.
Da meldete sich das Käuzchen zu Wort. Mit seiner unheimlichen Stimme krächzte es, daß es selbst den Tieren durch Mark und Bein ging. „Die Menschen stick» abergläubisch", sagte es. „Darauf müssen wir unfern Plan bauen. Wir müssen sie glauben lassen, daß der Wald verzaubert und verhext sei, und daß ein unheimliches Ding dort sein Wesen treibe. Dann, nur dann werden wir alle Ruhe haben."
Das leuchtete den andern ein. „Bravo, bravo", riesen sie. „Der Kauz hat recht. Aber wie fangen wir das an?"
Ja, wie fangen wir das an? Alle ließen die Köpfe hängen und sannen nach.
„Hall, ich hab's!" sagte plötzlich der Auerhahn. „Kennt chr nicht das Märchen von den Bremer Stabt« Musikanten? Wir machen es wie sie. Des Wends, wenn die Sonne untergegangen, und die Dämmerung hereingebrochen ist, dann erheben wir, jeder da, wo er gerade ist, einen Schrei, wie ihn nur die Kehle hergibt. Einmal, zweimal, dreimal, und aus allen Kräften. Seid gewiß, der Mensch wird dann glauben, ein Unhold habe von dem Wald Besitz genommen. Und wenn ihr bcharrlich seid und den Schrei Abend für Abend wiederholt, dann wird er den Wald meiden und wir haben Ruhe für immer."
„Was?" kreischten die Krähen, „Abend für Abend sollen wir uns heiser schreien?"
„Als ob chr nicht längst schon heiser wäret!" stieß der Auerhahn giftig hervor.
„Keinen Streit, nur keinen Streit!" Mit diesen Sorten trat majestätisch der Hirsch hervor. „Der Auerhahn hat recht, dies ist der einzige Weg, um uns $u reiten. Und ein kleines Opfer muß ein jeder bringen. Schließlich ist das Leben mehr wert als die Stimme." Er wandte sich zu den Krähen. „Und gerade auf euch, meine Freunde, rechnen wir besonders. Ihr habt eine helle durchdringende Stimme. Ihr seck» der Diskant in unserem Konzert. Wenn die Wölfe heulen, die Füchse bellen, die Schlangen zischen, die Uhus krächzen, wir Hirsche schreien, und chr, die ihr in Scharen da seid, hoch in den Wipfeln kreischt, dann wird dieser Lärm bis zu den fernsten Hütten dringen, und die Menschen werden erschreckt von dem Zauber- wakd sprechen, aus dem Nacht für Nacht so fürchterliche Stimmen dringen."
Geschmeichell sagten die Krähen ihre Mitwirkung zu, und es wurde beschlossen, daß das Unternehmen am folgenden Wend vonstatten gehen füllte, sobald der Mond voll Wer den Horizont emporgestiegen sei.
So gingen sie auseinander.
Der Wend des nächsten Tages kam heran. Schon hob sich der Mond über der fernen Hügelkette. Nun war er darüber, nun hätte der Schrei ertönen sollen.
Aber was war das? Kein Schrei erscholl. Alles schwieg. Ja, es herrschte eine so unheimliche Stille im Walde wie nie zuvor. Kein Rascheln irgendwo, kein verschlafenes Piepen eines Vögleins, kein Flügelschlag eines Nachtvogels. Nichts.
Der Fuchs saß aufmerksam vor seinem Bau. Spöttisch Mnzelten seine Lichter in den finsteren Wald. Er hatte es sich ja gedacht; er kannte doch seine Artgenossen! Erstens will natürlich niemand den Anfang machen, zweckens will jeder lieber zuhören als mitwir- ken, und drittens denkt sich natürlich ein jeder, auf feine Stimme komme es nicht an.
„Hoffnungslos!" brummte er vor sich hin. Und vergaß ganz, daß er in feiner Rolle als stiller Beobachter sich keineswegs vor den anderen auszeichnete.
Aeberraschung zu Nikolaus.
Von Gustav Halm, Köln.
Einsamkeit ist eine böse Sache; immer. Das empfand auch die Bäckerswitwe in Oberniederschönhausen. Und deshalb nahm sie einen Gesellen ins Haus.
Gesell; wie das nach Geselligkeck klingt, nach Gesellschaft, — nach Trautgesell . . .! Aber so einer war der Tobias Lämmle nicht, im Gegenteil: Er hielt sich mehr für sich, als es der Frau Meisterin lieb war. Dabei war er ein Riese von Gestaü, recht ein Mann für ein Frauenherz, und die Meisterin konnte sich nicht sack scheu an seinen nervigen Armen und kraftvollen Händen, wenn er in der Backstube dem zähen, pappigen Teig die kunstreichen Figuren der Brötchen, Wecken, Brezeln und Hörnchen abrang; mancher stille Seufzer erzählte von den Wunschträumen einer einsamen Frau, die um ihr Leben gern selber der Mürbeteig unter so kundiger Hand gewesen wäre. Aber alle Seufzer schienen in den Wind verhaucht; Tobias Lämmle hörte sie nicht, verstand sie nicht, mit einem Wort: Tobias Lämmle war ein Depp.
So wenigstens dachte die Meisterin, nachdem sie tausend kleine Schliche vergebens angewandt, die ein Tauber hätte hören, ein Blinder sehen müssen. Warum brachte er ihr nicht einen Sonnenschirm an die Kirchtür, als es nach der Frühmesse einmal nicht regnete? Freilich: sie hatte nur um einen Regenschirm gebeten, wenn es regnen sollte; aber schloß denn das eine das andere aus? — Warum mußte er schon zur Kegelbahn verabredet fein, als sie ihn zum Sonntagsnachmck- tagsfpaziergang einlud. Und was sagte er, als sie ihm zum Namenstage die Anfangsbuchstaben seines Namens, ein „T" und ein „L", in knusperigem Zuckerteig backte. „Ich kann einmal das labbrige Gelecks und Geschlecks nicht ausstchn", hatte er gesagt, und dann trug er das duftende Gebäck aus dem Haufe und verschenkte es an eine arme Frau!
So sollte ihr eigener Geburtstag Klarheit zwischen chnen bringen. Tobias, dessen war sie im voraus gewiß, würde weder Backwerk noch Blumen für sie haben; ihr blieb nur übrig, sich selbst mit einem Kuchenherzen zu bedenken. Und sie setzte dreißig brennende Lichter drum herum, obschon es nut Fug und Recht sechsunddreißig hätten sein sollen; doch diese kleine Korrektur nahm sie nur dem Tobias zuliebe vor: Denn er zählte erst neunundzwanzig Lenze. Wer das leuchtende Feuerwerk versprühte wirkungslos; nicht einmal gezählt hatte er die Kerzen, der vernagelte Stockfisch! — „Ei zum Henker", platzte sie schließlich heraus, „so tu doch deine Zähne voneinander, du langer Laban, und sag, was du denkst!" — „Ha, ja", meinte er, erschrocken die Kinnlade emporklappend, „kolossale Lichtverschwendung, wie?" „Das ist alles?" rief die erboste Frau, „das überlaß ruhig mir, ich hab es dazu, und es dürften der Kerzen nach ein paar mehr fein, wenns nicht grab des Geburtstags wegen fo viel fein müßten." Da er schwieg, setzte sie nach einer Weile hinzu: „Dreißig sind es. Was sind denn dreißig? — Nächstens, wenn du Geburtstag hast, sollst du auch deine neunundzwanzig haben." — „Das laßt nur schön bleiben, Frau Meisterin", sagte der Tobias daraus, „da gebt mir die Lichter lieber so, daß ich abends, wenn ich nicht ein» schlaf, noch ein bissel im Aegyptischen Traumbuch her- umschmölern kann." „Hol dich der Geier mitsamt deinem Traumbuch!" schrie sie erzürnt und ließ den Kuchen samt den Lichtern und dem Gesellen im Stich
Noch einmal versuchte sie es mit dem Gemüt: Zu Allerseelen nahm sie den Gesellen mit an des verewigten Meisters Grab; sehen sollte er, wie gut es der Selige da habe, unter Blumen und schaukelnden Del- Internen. Und eine Welle schien ihr auch, als versinke er in Betrachtung. Da sie ihn aber fragte, was er zu
Die Jungfernfahrt
2] Roman von
„Es ist ja auch eine schöne Aufgabe, mit viel Verantwortung allerdings, nicht wahr? Die erste Reife — bie erste Reise als ausgesprochene Luxusfahrt aufgezogen, die Passagiere sollen sich wohlfühlen und vom Betrieb möglichst nichts merken — dazu gehört sicher Erfahrung von Jahren, und es ist bestimmt ein Vertrauensbeweis Ihrer Reederei, baß man Ihnen das Kommado gegeben hat."
Ser Kapitän markiert eine leichte Verbeugung.
®ut gemacht, Herr Althaus — es ist ja eine naheliegende und mühelose Höflichkeit für Sie als Luxus- kabinen-Passagier, mich für diesen Extrabesuch mit ein paar billigen Lieb enswiirdigkeiten einzuwickeln . . .
Trotzdem glaubte Sebram, von einem Mann in dieser Stellung eine gewisse Aufrichtigkeit erwarten zu dürfen — er nimmt also das Kompliment zu fünfzig Pro- zeM für bare Münze und hält „Fellnor" von diesem Augenblick an für einen ganz annehmbaren, wenn auch verteufelt gewitzten Burschen.
Hauptsache, der Mann war weniger als Aufpasser als zu seinem Privatvergnügen auf der „Christabelle" — vielleicht sollte ihm der Deckname nur ungehemmte Bewegungsfreiheit verschaffen; damit hatte Lebram seine Marschroute klar vor Augen.
Fellnor erhebt sich jetzt, geht ins Nebenzimmer und kommt mit einem Frackhemd und einer kleinen Kassette zurück.
Während er sich damit beschäftigt, Perlknöpfe in bie Manschetten zu befestigen, meint er in der liebenswürdig- bestimmten Art, die in seiner Natur zu liegen scheint:
„Stoßen Sie sich bitte nicht an diesen Vorbereitungen, Herr Kapitän — aber ich glaube, die Dinerzeit ist bald heran, und der Schiffsbetrieb geht doch genau nach der Uhr."
Lebram versteht den Wink natürlich, schnellt empor und verläßt das Zimmer — nicht ohne noch einmal die Bitte angebracht zu haben, Herr Fellnor möge jederzeit über ihn persönlich nerfügen,,« _ d t
der „Christabelle."
Alfred Karl.
Draußen auf dem Gang schärft er dem Kabinen-Ste- warb noch einmal eindringlichst aufmerksamste Bedienung ein.
Kapitel 2.
Al Fellnor hat die Stühle etwas schräg nebeneinander gestellt — man hat sich gegenseitig vor Augen, wenn man den Kopf etwas bewegt ...
Er sieht Reta Gareen in fast ausgestreckter Haltung, die Arme unter dem Kopf verschränkt, neben sich liegen- Das knappe Sportkleid spannt sich über ihrer Brust. Sie hat die Strümpfe heruntergerollt und setzt die schlanken Beine der Sonne aus . . . Lässig und gelöst dehnt sich ihr Körper int Stuhl — nur von ihren Lippen und aus ihren Augen zuckt bas sprühende Temperament.
Al Fellnor fühlt ein leises Prickeln seines Blutes in den Fingerspitzen und zündet sich mit Bewegungen, die absichtlich recht langfam und abgezirkelt sind, eine Zigarette an.
Sie wendet sich ihm zu und läßt ihn nicht aus den Augen. Da ist mehr als ein: Frage, die er in diesen Augen lesen kann: Wer bist du? Was bist du? Von wo kommst du? Wohin gehst du, wenn du „Christabelle" wieder verläßt?
Ich glaube, meine Blicke fragen jetzt genau so, denkt er, wir wissen ja auch nichts voneinander oder wenigstens nicht viel. Eins, ja, eins wissen wir wohl schon...
Natürlich fragt sie nichts und wartet darauf, baß er ihr etwas erzählt.
Er muß ihr durch ein paar nähere Angaben Vertrauen beweisen, bevor er ihr Vertrauen verlangt.
Er berichtet ihr also, daß er aus Köln stamme und auch jetzt dorther komme. Von Beruf sei er Ingenieur.
Reta Gareen urteilt nicht ganz unzutreffend, daß Ingenieure selten in Luxuskabinen zu reifen pflegen und gibt chm das auch durch eine verstärkte Frage ihrer Augen zu verstehen.
„Reisen Sie aus beruflichen Gründen?" fragte sie bann. ■ • ■ • . >• - \ : - ,, ' '
„Wer nein, gnädiges Fräulein — ich habe die Kabine für die ganze Rundreise belegt und will dann wieder nach Deutschland zurück. — Sie doch auch, nicht wahr? Dann können wir ja von Genua aus, wo bie Reise enden soll, noch gemeinsam mtt der Bahn nach Deutschland fahren. Sie müssen nach Berlin, ich nach Köln — also haben wir den gleichen Weg bis Frankfurt."
„Denken Sie immer so weit voraus . . .?"
,,O, ich vergesse die nächsten Wochen auf der „Chri- ftabeUe" nicht — hoffentlich bringen sie uns beiden recht viel. Ich zumal befinde mich im Augenblick in einer Urlaubsstimmung, die ein Rekord an Unbeschwertheit ist. Vorläufig habe ich noch zettlich nicht begrenzten Urlaub vom Berufsalltag. Mein letzter Wirkungskreis sagte mir nicht mehr zu, und ich werde mir nach dieser Reise einen neuen suchen. — Aber ich lasse mir Zeit, kleine Aufgaben kommen nicht für mich in Frage . . ."
Das letztere glaube ich dir, bentte Reta Gareen — aber was du mir sonst erzählst, mein Lieber, das kommt mir doch etwas spanisch vor. Ein einfacher Ingenieur, der keinen Wirkungskreis, zu deutsch also keine Stellung hat, fährt nicht als Luxuskabinen-Passagier auf der „Christabelle". Den besucht der Kapitän nicht persönlich in der Kabine, und den hofiert er auch nicht so beflissen an der Tafel.
Don dem Kapitänsbesuch kurz nach der Abfahrt weiß sie durch die Stewardeß, die es ihr brühwarm von dem fünfzig Lire-Stewarb überbrachte — und natürlich stolperte sie darüber, daß Lebram ihr als Dame nicht die gleiche Höflichkett erwies, obwohl sie auch eine Luxus- täb ine hat ...
Sie hat überhaupt recht offene Augen und Ohren, das kleine Fräulein Gareen, und hat den leisen Unterschied wohl gemerkt, mit dem der Kapitän bei Tisch sie selbst und Fellnor behandelt. Gewiß war er auch zu ihr Genllernan m jedem Wort und jeder Bewegung, und sie kann sich über Lebram nicht beklagen — aber sie läßt sich nicht ausreden, daß er Fellnor gegenüber ein anderes Benehmen an den Tag legt, eigentlich nicht das des Kapitäns zum, wenn auch bevorzugten Passagier, sondern . . . nein, sie findet keine andere Definition: eher als der Untergebene zum Vorgesetzten . . .
all dem sage, da meinte er: ,cha, — freuen tu ich mich halt, daß nicht ich da lieg'!" Sie bezwang sich, stieß chn in die Seite u. sagte: „Bist ja auch nicht tot, du Lackel, — kannst dich noch bei Lebzeiten weich genug betten. Du!" Deutlich genug roar’s; aber was hatte er geantwortet, der Dämlack? — „Ha", hat er gesagt, ,Ha wollt' ich die Frau Meisterin längst einmal gebeten haben, daß sie mir den Strohsack in meiner Kammer wollt' neu ausfüllen lassen!"
Soll man nicht aus der Haut fahren Wer fo einen Stock von einem Mannsbild? Ja, wenn er nicht gar ein so netter Kerl gewesen wär', der Tobias! Wer nun roar’s vorbei mit der Lammsgeduld, das schwor die Meisterin sich hellig zu, als sie an diesem Abend ihre einsame Kammer aufsuchte. Farbe sollte er bekennen, der dreifach verlötete Dummrian, der---1
Den Wend vor Nikolaus stand die Meisterin in der Backstube und sah zu, wie Tobias mit kundiger Hand Klasmänner formte, auch Tiere dazu, von denen man nicht sagen konnte, ob es Hafen waren oder des Nikolaus sprichwörtliches Eselein. — „Du, . Tobias", meinte sie nach einer Weile, „ein fleißiger Mensch bist du schon, und Nikolaus soll's dir gedenken. Weißt du, was: Mach's einmal wie die arttgen Kinder: Setz' zur Nacht deine Schuhe vor die Kammertür; mag sein, der heilige Mann legt dir eine Bescherung hinein!" — „Frau", sagt der Tobias darauf, „ist schon recht, das mit dem Schuh, — aber da sprecht zuvor ein Wörtlein mit dem heiligen Klas, daß es nicht wieder so ein süßes, Geleck und Geschleck ist, wie zum Tobiastag. Ihr wißt schon!" — Und das versprach sie ihm auch.
Arn Abend tut der Tobias, wie die kleinen Kinder tun, die noch auf den heiligen Mann lauern: Stellt beide Schuhe vor die Stubentür und brummt vor fich hin: „Söll mich wundern, was sie wieder ausgeheckt hat, die Meffterin. Am End' gar tut sie einen Taler hinein — oder zwei, — wär' schon recht, — bar’ Geld lacht!" — Und legt sich in die Falle, schmökert noch eine Weile im Traumbuch, schläft aber dann ein und träumt nicht das kleinste bißchen, aller ägyptischen Weisheit zum Trotz!
Punkt vier kräht der Wecker. Ho—hopp, springt der lange Tobias aus der krachenden Lade heraus, steckt die Kerze an, schon sprüht ihm das eiskalle Wasser über Kopf und Brust, dann fährt er in die Hosen — ha, da fällt ihm der Nikolaus ein! Und reißt — eins — zwei — die Tür auf!
Ja, die Tür steht auf, — und der Mund steht ihm auch auf, sperrangelweit! Die Schuh' sind da, blitzblank gewichst, — und da steht mit dem linken Bein im linken Schuh, mit dem rechten im rechten: D i e Meisterin! Ein Licht hat sie in der Hand, das bescheint ihr Gesicht, daß es glänzt, wie der Mond. Und mit allen zweiunddreißig Zähnen lacht sie ihn an. Er aber steht, als hält' ihn der Schlag gerührt, den Mund noch offen, wie ein Fisch, der auf Land geriet, und stiert die Frau an. Da aber lacht sie, daß es schallt, und — „Gelt", ruft sie, — „gelt, das hälfst halt nimmer erraten; was sich der Nikolaus da ausgedacht hat. Dir zum Präsent und ewigen Angedenken?! — Ja, da faß' nur zu, von Fleisch und Bein bin ich schon, und so, wie ich dasteh’, hat der heilige Mann mich dir beschert, Tobias — lieber Tobias!"
Da, da endlich fielen dem Tobias die Schuppen von den Augen. — „Heilig’s Gewitter!" hat er gesagt, „die — die — die Meisterin! — Und — ja — ist's denn auch richtig, mein soll sie gehören, ganz und wahrhaftig mein? — Ja, du dumm's Weibsstück du, — warum hast denn nicht längst was verlauten lassen, du? Na och her, daß ich mir mein Klasgeschenk mal von allen Seiten anseh' und auch mal ein Busserl anbringen kann!"
Lang, lang haben sie bann gar nichts gesagt, bis zum Schluß die Fran Meffterin die Augen wieder aufgetan hat und hat gemeint: „Du", hat sie gefügt,, „und nun ist's halt doch wieder so ein süßes Gelecks und Geschlecks, — he?"
Der erste Eindruck ist der beste Schöne weiße, mit Chlorodont-Zahnpaste behandelte Zähne verleihen jedem Gesicht einen eigenen Reiz. Tube 50 Pf. Hilten Sie sich vor minderwertigen, billigen Nachahmungen, denn für das Wertvollste was Sie besitzen, die Zähne, ist das Beste gerade gut genug.
Etwas stimmt also mit Fellnor nicht, und würde ihr das die Ueberlegung nicht sagen, so verriete es ihr einfach der Instinkt ...
Reta Gareen liebt es gar nicht, wenn man vor ihr Versteck spielt und eine Maske trägt
Läge jetzt statt Fellnor vielleicht Herr Jannulatos neben ihr im Stuhl, der immer mittels einer angebrochenen Schachtel für feine Zigarettenfabrik Reklame machte, und sie hätte das Gefühl: er lügt dir etwas vor — so würde sie ausstehen und Herrn Jannulatos sitzen oder vielmehr liegen lassen — für die ganze Reise übrigens und mit dem abschließenden Urteil: da stimmt etwas nicht — und das paßt mir nicht.
Es ist aber nicht Jannulatos, sondern Al Fellnor . . , „Und Sie, gnädiges Fräulein? Sie reifen nur zu Ihrem Vergnügen?" fragt Fellnor jetzt. „Nicht wahr, Sie find sicher in der glücklichen Lage, zu Ihrem Herrn Vater sagen zu können: ich wünsche jetzt vier Wochen Luxuskabine — und prompt ist ihm Ihr Wunsch Befehl!"
„Das stimmt nicht ganz, verehrter Herr Fellnor. An meinen Vater könnte ich mich leider nicht mehr wenden, sondern nur an meinen Vormund — und der hätte mir wohl energisch abgewinkt."
„Nein . . . Was . . . Sie sagen . . ."verwundert sich Al Fellnor, und sein Staunen ist jetzt tatsächlich stärker als sein Mitgefühl.
„Ja, aber wie haben Sie das bann gemacht . . , entschuldigen Sie bitte diese unvermittelte Frage, indiskret will ich natürlich nicht fein . . . Aber die Luxus- tab ine wird einem doch auf der Christabelle weiß Gott nicht geschenkt, und Ihr Herr Vormund, sagen Sie . ,« also nein, das verstehe ich nicht!"
„Aber wieso denn nicht?"
Ein lächelnder Blick trifft chn: Zerbrich dir ruhig deinen Kopf, soll das heißen.
Er begnügt sich damit, mtt etwas übertriebener Bewegung die Achseln zu zucken, damit sie reden muß.
„Nein, ich fahre hier ganz auf eigene Faust, Ver- ehrtester und habe meinen Vormund eigentlich gar nicht gefragt. Der ist froh, wenn ich ihn, möglichst wenig behellige. Er Derroaltet mein Vermögen und gibt-mir mo-