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Donnerstag, 3. Dezember 1931
Nr. 279
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jcrichmu lechsmai wöchentlich Wachenbeilagen: „Die Welt im Bild' und .Buchenblätter' Notationsdruck und Ilerlag der Fuldaer Ülctiendruckerei in rtulöa Fernrufe: Schrift- - leitung 3153 Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::
Groener.
Es ist kein Zweifel, daß die Betrauung des Generals Groener mit dem Innenministerium nicht überall im Volk Behagen ausgelöst hat. Zwei Ministerien von solcher Wich izkeit schienen für einen einzigen Mann zu viel zu werden, woraus naturgemäß die Gefahr entstehen konnte, der Reichswehrminister könne sich am Platz der Republik notgedrungen nur um diejenigen Dinge kümmern, die irgendwie polizeilicher Natur sind, die kulturellen Aufgaben des Innenministeriums aber in den Hintergrund schieben. Es ist sehr erfreulich, daß Groener sich kürzlich in seiner vielbeachteten Rundfunkrede gegen diese Auffassungen gewehrt und ausgesprochen hat, er habe den brennenden Wunsch, auch auf die geist igen und moralischen Kräfte des deutschen Volkes einzuwirken. Das hört man gern, und wir wünschen dem Doppelminister, gerade weil er Soldat ist, auch in diesen geistigen Bezirken einen vollen Arbeits- erfotg.
Die Rundfunkrede Groeners hat überhaupt einen guten Eindruck gemacht. Man hat ironisch gesagt, es sei allerhand, daß ein gegenwärtiger Reichsminister öffentlich den Ausdruck Deutsche Republik in den Mund nehme, wie Groener es getan hat. Aber die so denken und sprechen, hätten wohl selbst Anlaß, ihre republikanische Gesinnung auf ihre Hieb- und Stichfestigkeit nachzuprüfen. Mit schnoddrigen Unterstellungen der genannten Art tut man dem deutschen Volksstaat weder nach innen noch nach außen einen Dienst, und es muß der Wahrheit zu Ehren festgestellt werden, daß gerade General Groeners ganze Entwicklung eine Verdächtigung seiner republikanischen Treue nicht zuläßt. Groener war einer der ersten, die sich dem Volksstaat zur Verfügung stellten, einer der ersten, die den Tatsachen ins Auge sahen und begriffen, daß das Volk höher zu stellen sei, als dynastische Rücksichten. Groener hatte den Mut, dem Kaiser zu sagen, was ihm kein anderer zu sagen wagte, und sich entschlossen mit denen zu verbinden, die in der Stunde des Zusammenbruchs die Massen hinter sich hatten. Damit hat er damals das S ch l i m m st e verhüten helfen, und das wollen wir ihm nicht vergessen.
Aber natürlich kann auch der General Groener nicht aus seiner Haut heraus, und er ist nun einmal Militär. Ob er etwa in der Abrüstungsfrage die gleichen Auffassungen hat, wie sie alle hegen, die auch Politik aus dem Glauben heraus zu treiben wünschen, mag zweifelhaft sein. Doch soll man nicht unzufrieden sein, wenn ein demokratisch gesinnter General nicht gerade mit beiden Füßen auf dem Boden unbedingter, wir betonen: unbedingter Friedensgesinnung steht. Solange es noch gar manche berufene Sprecher von R e - ligionsgemeinschaften gibt, die in dieser Frage die Forderung Gottes, Friede auf Erden, nicht begreifen, solange soll man nicht über Soldaten, die guten Willens sind, den Stab brechen.
Trotzdem können wir mit unseren Bedenken gegen eine weitere Kundgebung Groeners nicht mrückhalten. Er hat in einem Artikel der Deut- chen Allgemeinen Zeitung, eines Blattes also, dem nan nicht unbedingt den Geist des Verständigungs willens wird zusprechen können, einen Gesetzentwurf oder vielmehr eine Notverordnung verlangt, die neue Bestimmungen gegen die sogenannten Staatsverleumder bringt. Unter Staatsverleumdern versteht Groener diejenigen Deutschen, die bisher oder in Zukunft mitdemLan- desverratsparagraphen in Konflikt kommen. Aber wenn man an das letzte Urteil dieser Art denkt, dann muß man gegen die Notwendigkeit und die Nützlichkeit verschärfter Strafbestimmungen sehr ernste Zweifel anmelden. Es ist nicht zu verkennen, daß die Verurteilung der beiden Angeklagten von der „Weltbühne" weder im deutschen Volk noch im Auslande begriffen wird. Die G ünde sind hier wie dort juristisch wie logisch die gleichen, denn was in der „Weltbühne" gestanden hat, das war vorher im Reichstage, also öffentlich gesagt worden. Es wird als eine Unmündigkeitserklärung unserer Presse ausgefaßt, wenn sie nicht dieselben Dinge sollen schreiben dürfen, die im Parlament erörtert werden und im Reichshaushalt nachzulesen sind.
Im Ausland dentt man ebenso. Im englischen Unterhause ist bereits eine entsprechende Anfrage eingebracht worden, und man kann in ausländischen Blättern lesen, daß das in Frage stehende Reichsgerichtsurteil die deutsche Situation vor der Abrüstungskonferenz psychologisch verschlechtere. Gerade weil Groener die feste Ueberzeugung hat, daß in Deutschland nichts geschieht, was in militärischer Hinsicht das Licht zu scheuen habe, deshalb sollte er sich mit seinem ganzen Einfluß dagegen wenden, daß ein solcher Verdacht aufkommt. Unser moralisches und juristisches Recht auf der Abrüstungskonferenz beruht auf der Tatfache, daß wir abgerüstet haben und gar nicht aufrüsten können. Dazu muß bei un eren Verhandlungspartnern die Ueberzeugung treten, daß wir auch nicht aufrüsten wollen. Wenn wir nun neue Verordnungen gegen angebliche Landesverräter erlassen, dann kann das leicht so gedeutet werden, als hätten wir doch etwas zu verbergen, und daß man vor solchen Deutungen nicht zurückfchrecken wird, ist nach der ganzen Haltung Frankreichs doch wohl nicht zweifelhaft. Selbstverständlich darf der Staat sich nicht von seinen eigenen Angehörigen verdächtigen lassen oder gar verleumden. Aber die Gefahr, daß Deutschland etwas versäumen könnte, bestehl ja nicht. Wie wenig sie besteht, beweist ja gerade das erwähnte letzte Urteil des Reichsgerichts.
Wir hoffen daher, daß die Regierung sich die sicher wohlgemeinten Pläne des Wehrministers nicht zu eigen macht, sondern statt dessen lieber dem Innenminister hilft, damit er, wie er in seiner Rundfunkrede gesagt hat, die Verzweiflnng§= stimmungbekämpfen und die Gegensätze mildern kann. ।
Hm die Einkommen- und Preis-Senkung.
vdz. Berlin, 2. Dezember. (Eig. Meld.) Als einer der wesentlichsten Teile der vom Reichskabinett in absehbarer Zeit zu erlassenden umfangreichen Notverordnung wird in maßgebenden Kreisen das Kapitel über die Lohn- und Gehaltssenkung sowie die im Zusammenhang hiermit als Ausgleich vorzuschreibende Preissenkung betrachtet. In gewerkschaftlichen Kreisen wird dem Nachrichtenbüro des VDZ. erklärt, es bestehe die Möglichkeit, daß die Notverordnung alle geltenden Tarifverträge zu einem noch zu bestimmenden Termin a u f h e b e n und vorschreiben werde, daß dann neue, kurzbefristete Tarifverträge mit geringeren Gehalts- und Lohnsätzen abzuschließen sind. Zu dem gleichen Termin würde den Kartellen usw. aufgegeben werden, die Preise zu senken, widrigenfalls die Kartell« usw. als a u f g e l ö st zu betrachten seien.
In politischen Kreisen wird dem Nachrichtenbüro des VDZ. dazu erklärt, daß das Reichskabinett sich mit diesen Dingen noch nicht beschäftigt habe und daß bis zu der Verhandlung der Angelegenheit im Kabinett niemand in der Lage sei, Auchentisches hierüber zu sagen. Bisher hätten lediglich Ressorts- und Chefbesprechungen stattgefunden. Im Reichsarbeitsministerium hält man die befristet durchzuführende Aufhebung aller Tarifverträge für kaum vermutbar. Man meint in politischen Kreisen, daß die Reichsregierung eher die etwa zum 1. Januar zu erwartende Kürzung der Beamtengehälter um durchschnittlich 10 P r o z e n t als einen Auftakt betrachten werde für analoge Einkommenssenkung in der Privatwirtschaft. Dagegen hält man ein scharfes Vorgehen gegen Preisbindungen in der Reichsnotverordnung für wahrscheinlich. Ueber die vom Reichstagsausschuß verlangte Fleischverbilligung zugunsten der Erwerbslosen stehen die Referentenbesprechungen vor dem Abschluß. Die Reichsanstall für Arbeitsvermfttlung und Arbeitslosenversicherung kündigt eine Herausgabe der Darstellung über den bisherigen Verlauf des freiwilligen Arbeitsdienstes an.
Hitler und Hugenberg.
Die hessischen Enthüllungen sind dem deutsch- nationalen Führer Hugenberg sehr auf die Nerven gefallen. Man kann das begreifen, denn der alte Geheimrat ist trotz des jugendlichen Hasses, mit dem er das Zentrum und die Sozialdemokratie verfolgt, letzten Endes Wirtschaftler und Großkapital! ft und hat keine Lust, sich wegen der Landsknechtsträume wild gewordener S. A.-Leute eine neue Weltanschauung zu suchen. Was Dr. Best notverordnen wollte, kann niemand, der von wirtschftlichen Zusammenhängen auch nur eine Ahnung hat, imponieren. Nun haben es aber die Gebieter des Münchener Braunen Hauses bisher versäumt, ernsthaft von diesen Verkündigungen abzurücken, und das macht Hugenberg unruhig. So gern er sich der Nationalsozialisten bedienen würde, um doch noch sein Ziel , die Okkupierung der Wilhelmstraße, zu erreichen, so wenig kann er sich dazu hergeben, sich von feinen Freunden in der Wirtschaft als einen Blödling ansehen zu lassen Er rückt also von Hitler ob, wenn auch nur in der vorsichtigen Form, daß er ihm eine besser« Führerauslese anempfiehlt Freilich kann sein Pressechef es sich nicht versagen, gleichzeitig im „Tag" auf „die vielen Entgleisungen rednerischer und journalistischer Art" hinzuweisen, „die sich gerade in letzter Zeit Unterführer der Nationalsozialisten, insbesondere gegen Deutschnational«, ihren Führer sowie auch gegen den Stahlhelm, geleistet haben" Hitler antwortet mit der bekannten Drohung, daß demnächst, wenn die sogenannte nationale Regierung komme, d i e Deutschnationalen nicht dabei sein würden. Sie säßen jetzt noch an vielen Stellen im Lande mit dem Zentrum zusammen, während er es a b l s h n e, mit dieser Partei zwecks Eintritt in die Regierung zu verhandeln. Letzteres ist eine Frage, die im Augenblick nicht akut ist.
Heute liegt uns daran, festzustellen, daß di« Würzburger Front schon nach wenigen Wochen mitten auseinanderklafft. Hugenberg, der sich in politischen Dingen Unfehlbarkeit beimißt. muß erkennen, daß er einen g e w a l t i- gen Fehler beging, als er sich mit Hitler verbündete. Wer bürgerlich denken will kann nicht mit Nationalsozialisten paktieren. Hugenberg hat die Dinge etwas zu leicht genommen. Er glaubte, mit seiner berühmten Geschicklichkeit und Wendigkeit die Hitlerbewegung für seine Ziele einspannen zu können. Darin hat er sich getäuscht. Hugenberg will innerpolitischen Umbau, Hitler will Umsturz. Das sind zwei Begriffe, die sich nicht miteinander vertragen.
Eine iakkische Maßnahme.
Aus München wird dem Lpd. gemeldet: Die Pressestelle der Reichsleitung der NSDAP teilt mit:
„Der Untersuchungsausschuß und Schlichtungsausschuß der Reichsleitung der NSDAP, hat angeordnet, daß die Parteigenossen Dr. B e st. v. Davidson (der Mann ist als arischer Vorkämpfer um seinen Namen nicht zu beneiden), Stavinoga (auch er hätte einen arischen klingenden Namen zweifellos verdient) und Wassung bis zum Abschluß der Untersuchung durch den Oberreichsanrvalt von
jeder parteiamtlichen Tätigkeit zu entbinden sind. Seine weitere Stellungnahme in dieser Angelegenheit behält sich der Ünterfir chungs- und Schlichtungsausschuß der Reichsleitung bis nach der Entscheidung des Oberreichsanwaltes vor."
Aettesten-Rat einberufen.
Der A e l t e st e n r a t des Reichstag ist nunmehr für Freitag, den 4. d. Mts., nachmittags 5 Uhr, einberufen worden.
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Durch Notverordnung ist die Reichsregierung ermächtigt worden, die Einqanaszölle abweichend vorläufige Anwendung zweiseitiger Wirtschaftsabkommen mit ausländischen Staaten zu verordnen.
Die sozialdemokratische Reichs- t a g s f r a k t i o n, die am Dienstag in mehrstündiger Sitzung zusammen mit dem Parteiausschuß Fragen der Parteiorganisation und der Parteitaktik behandelte, gibt über diese Beratungen einen längeren Bericht aus. der mit der Feststellung schließt, daß Reichstagsfraktion und Parteiausfch: ß der Partei- und Fraktionsleitung Handlungsfreiheit erteilen mit der Maßgabe, daß die Fraktion nach Bekanntwerden der neuen Notverordnung zu erneuter Stellungnahme zusammentritt.
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion beschäftigte sich auch ausführlich mit der bevorstehenden Notverordnung. Der .Bossisckien Zeitung" ju folge wurde scharfe Kritik daran geübt, daß eine Lohnsenkung geplant werde, ohne daß ein Ausgleich durch eine Preissenkung gesichert wäre. Die, Absicht, einen besonderen Reichskommissar für Preissenkung zu ernennen und ihn mit gewissen Vollmachten auszustatten, könne als eine solche Sicherung nicht gelten.
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CNB. München, 2. Dez. (Eig. Meld.) Reichskanzler Dr. B r ü n i n a bat beute dem Wirt- schastsbeirat der bayerischen Volkspartei mitgeteilt, daß er augenblicklich in Berlin unab- k ö m m l i ch s e i. Er könnte daher am kommenden Sonntag in der Vollversammlung des Wirtschaftsbeirates der Bayerischen Volkspartei nicht sprechen. Die Vereinbarung eines späteren Termins hat sich der Reichskanzler vorbehalten. Die Vollversammlung des Wirtschaftsbeirates wurde abgesagt. *
V. D. Z. Berlin, 2. Dez. (Eig. Meld.) Wie das Nachrichtenbüro des V. D. Z. meldet, werden die Unterhändler der sozialdemokratischen Reichstags- fraftion am Donnerstag wiederum den Reichskanzler Dr. Brüning aufsuchen, um sich beim Reichskanzler über den Inhalt der bevorstehenden Notverordnung der Reichsregierung informieren zu lassen.
höchN'Nenfl»«en 12000 NM.!
VDZ. Berlin, 2. Dez. (Eig. Meldg.). Im Haushaltsausschuß des Reichstags wurde am Mittwoch die Beratung des Pensionskürzungsgesetzes beim 8 19 fortgesetzt, der die Pensionen über 12000 Rm. betrifft. Es kam hierbei zu einer ausgedehnten Aussprache über die Frage der Höchstpensionen. Der Regierungsvorschlag sieht nun vor, daß bei Pensionen über 12 000 Rm. jährlich der Mehrbetrag um 10 bis 50 Prozent gekürzt werden soll wenn der betreffende weniger als 5 Jahre der betreffenden Besoldungsgruppe berechnet wird Von den Sozialdemokraten liegt der Antrag vor, Pensionen über 12 000 Rm. überhaupt nicht zu zahlen
Ministerialdirektor Weber vom Reichsftnanz- ministerium wandte sich gegen die Festsetzung einet starren Grenze von 12 000 Mk. Dagegen sprächen staats- und beamtenpolitische Gründe Bei einer Pensions-Höchstgrenz« von 12 000 Mk. würde es sehr schwer sein, für die leitenden, insbeton- dere die politischen Stellen, erste Kräfte zu erhalten, weil ihnen auch heute noch die Möglichkeit gegeben sei in der freien Wirtschaft oder in freien Berufen ganz andere Gehälter zu verdienen und so für ihr Alter bester vorzusorgen. Im übrigen sei der Personenkreis, der vom § 19 betroffen werde stark zufammenaefchmolzen
Abg. E r s i n g (Zenir.) appellierte an _ den demokratischen Antrag auf Festsetzung einer Höchst- pensivn von 12 000 Mk.
Abg Crising (Zentr.) appellierte an den Ausschuß alles zu versuchen um eine Lösung zu finden, auf die sich alle Parteien einigen könnten. Es sei dringend notwendig, endlich einmal die Frage der Höchstpension zu bereinigen, mit der feit Jahren im parteipolitischen Leben ein« wilde Agitation getrieben werde. Wenn sich di« Parteien im Ausschuß nicht einigten, dann bestehe keine Aussicht, eine qualifizierte Mehrheit im Plenum zu finden.
Unter Ablehnung des kommunistischen Antrages, der die Höchstpension auf 5 000 Alk fest setzen foNte, nahm der Ausschuß den sozialdemokratischen Antrag an, wonach der 12 000 Blk. übersteigende Betrag der Pension nicht zur Auszahlung gelangen soll.
♦ Der Herr Reichspräsident empfing den deutschen Gesandten in Lima, Roland.
England und Zrankreich.
Das Pariser „Journal" der der „Excelsior" berichten übereinstimmend, daß die englische Regierung auf der kommenden Konferenz die völlige Streichung der Reparationen und der interalliierten Schulden verlangen werde.
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Nach englischen Blättermeldungen hat der französische Finanzminister Flandin auf seinem Londoner Besuch besonderes Interesse für die Stabilisierung des englischen Pfundes gezeigt Er soll die Bereitwilligkeit Frankreichs angedeutet haben, England mit einer Anleihe unter die Arme zu greifen. Ein solches Abkommen habe auf englischer Seite keine Gegenliebe gefunden-
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wtb London, 2. Dez. (Eig. Meld.) Der ehemalige stellvertretende Delegierte in der Repara- tions-Kommistion Sir William Goodchild schreib! der „Times", daß private Darlehen an Deutschland überhaupt die Voraussetzung für Reparationszahlungen bildeten und daß somit der Gedanke, die Handels- und die Reparationsschulden Deutschlands auf gleichem Fuße zu behandeln, absurd fei. *
Die Pariser Blätter widmen der Londoner Reise des Finanzministers Flandin breitesten Raum. Das bisherige Schweigen ist durch die Erklärungen gebrochen worden, die Flandin nach seiner Rückkehr der Presse abgegeben hat uni) aus denen deutlich hervorgeht, daß in den verschiedenen. im Vordergrund des Interesses stehenden Fragen zwischen Frankreich und England sehr ernste Meinungsverschiedenheiten bestehen. Flandin selbst gab zu. mit Außenminister Simon und Schatzkanzler Chamberlain, sowohl üebr Reparationen, wie auch über interalliierte Schulden und kurzfristige Kredite gesprochen zu haben Wenn auch diese Besprechungen rein privaten Charakter getragen hätten, so habe er bei dieser Gelegenheit doch den Eindruck gewonnen. als ob der Standpunkt der englischen Regierung wesentlich von demjenigen Frankreichs abweich« und die kommende Regierungskonferenz noch manche harte Nuß zu knacken habe.
Ueber die englffche Einstellung zu den verschiedenen Fragen berichtet der Londoner Sonderberichterstatter des ..Journal", fowie der außenpolitische Berschterstatter des „Excelsior" überein- stimmend, daß die e n g l i s ch « Regierung auf der kommenden Konferenz di« völlige Streft chung der Reparationen und der interalliierten Schulden verlangen werde. Man stehe englifcherseits auf dem Standpunkt, daß nur eine derartige Maßnahme geeignet fei. die Wiederbelebung des internationalen Marktes zu garantieren. Allerdinas. fo fügt der Sonderberichterstatter des „Journal" hinzu — und er scheint sich hierbei auf vertrauliche Mitteilungen Flandins zu stützen fei die Haltung Chamberlains selbst weniger unnachgiebig, als diejenige seiner Mimsterko'legen. Der „Ercellior" glaubt, daß die englische Regle- rung absichtlich einen sehr weiten Rahmen gezogen habe, um in den kommenden Beratungen größere Handlungsfreiheit zu haben.
Polnische Zustände.
Der Brester Prozeß.
wtb. Warschau, 2. Dez.. (Eig. Meld.) Gestern wurde in dem großen politischen Prozeß von Brest - Litowsk der ehemalige Präsident des obersten Gerichts, Moglnicki, als Zeuge vernommen. Er erklärte, daß in Polen die Verfassungs- brüche zur Gewohnheit geworden waren. Er zählte dann eine ganze Reih« solcher Ver- fassungsbrüche auf, toi« offene Wahlen, das Eröffnen und Schließen der Sejm-Tagungen, tue Dekrete für die Selbstverwaltungsfrage, das Ab- fchließen von Handelsverträgen ohne Parlament, di« Ernennung von Ministern, denen der seM das Mißtrauen ausgesprochen hat und sofort.
Der frühere Vizeminister, Präsident Thugutt, machte während seiner Aussagen die sensationelte Mitteilung, daß der Obmann des Regierungs- blockes und frühere Ministerpräsident Slavek Den Gedanken erwogen habe, in Polen die Monar- chie einzuführen, nicht deshalb, weil er Dreier Regierungsform besonders anhänge, sondern, welk er sie als Mittel ansehe, die Opposition nteber- zuringen.
Zaleski fährt nach London.
wtb. Warschau, 2. Dez. (Eig. Meld ). Außenminister Zaleski wird am 8. Dezember nach Lon- don fahren. Er wird vom Direktor seines Kabinetts, Szumlakowski, und vom Leiter der West- Abteilung im Außenministerium, Lipski, begleitet werden.
Der Kampf um das neue polnische Eherecht.
Der Kampf der katholischen Kirche in Polen gegen den neuen Ehegesetzentwurf der Regierung nimmt immer schärfere Formen an. Nach einer Meldung aus Pofen hat der Primas von Polen, Kardinal Dr. Hlond, angeordnet, daß der Hirtenbrief der katholischen Bischöfe in Polen, in dem gegen das neue Ehegesetz schärfste Verwahrung eingelegt und es als unchristlich verworfen wird, am nächsten Sonntag in allen katholischen Kirchen verlesen werden soll. Die Gläubigen feien über das Unglück zu belehren, das das Land durch das neue Ehegesetz bedrohe.
Hinrichtung in der polnischen Armee.
wtb. Pofen, 2. Dez. (Eig. Meld.) Der vom Posener Militär-Standgericht zum Tode verurteilte Bruno Klamke ist gestern abend in einem Fort durch Erschießen hingerichtet worden. Bereits in den Nachmittagsstunden war dem Verurteilten bekannt gegeben worden, daß der Staatspräsident von dem Recht der Begnadigung keinen Gebrauch gemacht habe. Klamke, Schütze in einem, polnischen Bataillon, war der Spionage schuldig.