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umwoSiw

AHLS

29. Aovember

Verlage zur Fuldaer Zeitung

Ar. 276

Soweit er den auf seinem eigenen Kahn nicht so komfortabel wie mög-

ge- ge- be-

Sie mir

deckte.

Das Blut war aus seinen Lippen entwichen, waren aschgrau. Seine Augen funkelten, daß es

„Das ... ist also der setzt.

Sowrendo machte eine mahnte, und fuhr fort:

„Ich weiß nicht, ob es

verschmerzen in den Gelenken n Gliedern haben sich Togal-Tabletten hervorragend bewährt. Zahl­reiche Dankschreiben über Togal bei veralteten Leiden, bet denen kein anderes Mittel half! Ein Versuch überzeugt! Fragen Sie Ihren Arzt. In allen Apotheken M 1.40. 12,6O/o Lith., 0,46% Chin., 74,3% Acid. acet salic.

Bereits mehr als ein halbes Jahr wohnten wir in der ausgezeichneten Pension. Sowrendo, das stellte sich bald heraus, war ein merkwürdiger Mensch, und erst allmäh­lich gewöhnte ich mich an seine Eigenheiten. Von sei­nem früheren Leben wußte ich so gut wie nichts, un6 noch niemals hatte er mir gegenüber von seinen El­tern gesprochen. Alle Versuche, etwas von seiner Ver­gangenheit zu erfahren, prallten an seinen hartnäckigen Stillschweigen ob, höchstens daß er mit einem Scherz das Gesprächsthema wechselte.

An dem Tage, an dem mir das Geheimnis offenbart werben sollte, saßen wir in bequemen Sesseln gemütlich in unfern Zimmern. Sowrendo las die Zeitung, ich rauchte eine Zigarette nach der andern. Als mir das Schweigen langweilig wurde, fragte ich nachlässig:,

„Nun, sicht viel Interessantes in der Zeitung?"

Meine ahnungslose Frage hatte eine unerwartete Wirkung aus Sowrendo. Er starrte mich an. Sein heimnisvoller Kopf schien mir noch schmaler als wohnlich durch die Leichenblasse, die sein Gesicht

um zu schlafen---Vergebens, er weih, die Müdig­

keit wird aus ihm getrieften werden, grell wird er zu neuem Tun gchetzt werden, denn die Stadt hat nicht Zeit für den Abend, nicht Zeit für den Advent —--

Da klingt es von weither. Durch die Dämmerung kommen Klänge, Glockenklänge, und schweben sänftigend durch das Zwielicht hin. Hefter den Häusern schweben sie, über den Straßen, hoch in der stillen Lust, als gingen sie einen weiten Weg, aus dem Geheimnis kommend und das Geheimnis suchend.

Und die Menschen halten still und horchen. Ihre Häupter heben sich nach dem matten Himmel hin, und eine geheime Sehnsucht kommt sie an, mttzuwandeln jene hohen füllen Wege, jem über dem Lärm der Straße, fern von Häusern, fern von Streit und Kampf ukid Un­lieben. Und sie suchen in ihrer Brust nach jener Zeit, da sie solche Wege wandelten, nach dem süßen Kinder­land, als die Glocken noch ihre Stimm« für sie hatten und sprachen, und als der Friede Gottes mit ihnen war. „Friede, Friede!" so seufzt es in ihnen.

Seife schwanken die Zweige eines Baumes, der ver­loren, vergessen in einem Straßenwinkel steht, hin und her — wie im Takte zu den Glockenklängen, und das Herz der Menschen pocht leidvoll, kummervoll, mit. Wandeln die Klänge zum Paradiese? O nehmt, o nehmt mich mit!

Da flammt es in den Straßen auf. Hell erstrahlen die Bogenlampen. Elettrische Bahnen fahren laut und schnell vorüber. Autos fliegen dahin.

Hastiger wird der Schritt der Menschen. Sie scheu seitwärts in die leuchtenden Spiegelscheiben der Schau­fenster hinein. Sie zählen sich die Besorgungen her, di« si« noch zu machen haben .

Hoch, in dem matten grauen Himmel, schwebt ein letzter Glockenschlag langsam über die Stadt.

Bahnen. Verschiedene unter ihnen, namentlich hn Koh­lenbezirk Newcastle, wiesen tatsächlich eine Spurweite ron 4 Fuß 8% Zoll aus. Deren Erbauer hatten sich also nicht darum gekümmert, ob das englische Durch- schnütsfuhrwerk die Schienen benutzen konnte oder nicht. Warum wählten sie dann dies« Spurweite, die später von fast allen Bahnen auf der Erd« übernommen werden sollt«? 1 _

Nun wurde in neuester Zeit auf die bekannte Tat­sache hingewiesen, daß sich in der Nähe des Hadrians- walles, des englischen Gegenstücks zum Limes, die Radspuren römischer Karren erhalten hatten. Man wußte, und der Augenschein bestätigte es, daß diese Kar­ren eine Spurweite von rund einem römischen Passus (Schritt) befassen. Diesem entsprechen nach unserer Rechnung 1,477 Meter.

Der Gedanke, diese römische Karrenspurweite mit derjenigen moderner Eisenbahnen in irgend welchen Zu­sammenhang zu bringen, erschien nun mehr als kühn, bis zu dem Augenblick, da eimvandsrei festgestellt wer­den konnte, daß die Spuren römffcher Fuhrwerke auch im Bezirk Neweastle erhalten blieben. Ja noch mehr: Verschiedene, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach di« ersten Kohlenbahnen, deren Geleise aus Bohlenstrerfen be­standen, waren auf den Wegen angelegt worden, die zwölf Jahrhunderte früher die letzten römischen Karren befahren hatten.

Aus diesen Taffachen heraus hat sich in jüngster Zeit die durchaus nicht so abwegige Ansicht entwickelt, daß die moderne Eisenbahn letzten Endes ihre Spurweite den Römern verdankt. Der Unterschied von 45 Milli­metern Mischen der römischen Karrenspurweite und der Weite unserer modernen Geleise wäre durch Ungenauig- keit beim Legen der ersten Grubengeleise zu erklären.

Die Verfechter dieser Theorie werden deren Richtig­keit niemals einwandfrei beweisen können. Ihre Ansicht erscheint aber gerechtfertigter als jede andere, die bis­her geäußert wurde. Freilich wär« es dann kein an­genehmes Erbe, das die Römer dem modernen V«r-

Anler dem Sternenhimmel.

Von Stefan M u s i u s.

Das Sternenlicht in unfern Nächten kommt von weither;

nur zagend tastet es ins Land und fürchtet, daß es seinen Ursprung ganz verliere.

O meine Seele, scheues Kind,

o Halle dich am schmalen Lichtband fest, das dir der Vater, da er segnend dich entließ, zart in die Hand gedrückt.

Auch du nennst Heimat eine ferne lichte Welt, dem Auge wie ein Stern so weitentlegen.

Das schmale Lichtband halte fest!

Gebrochener Strahl, von Finsternis durchschnitten, führt nimmermchr zur Heimat dich zurück.

Glocken im Advenk.

. Von I. 6 n b r i n g e r.

Grau hängt die erste Dämmerung an den Häusern. Das letzt« Tageslicht fängt sich matt in der Wolkendecke des Himmels. Von den Straßen her steigt das Dunkel tastend hoch. Und die Menschen gehen mit versonnenen Gesichtern. Es ist bi« Stunde zwischen Hell und Dunkel, zwischen Tag und Abend — jene Stunde, da sich das Geheimnisvolle zart hervorwagt und einen kurzen Au­genblick die Menschenherzen umfängt, ehe es von dem grellen Licht der Straßenlampen hinweggeschreckt wird. Leiser werden die Tritte, leiser laufen die Räder, müb« wird der Tag und möchte in den stillen Abend sinken.

Die Turmuhren der Stadt Triest schlagen drei, als die Sirene der „Christabelle" zum letztenmal ihr helles Signal über den Hafen ruft.

Der „blaue Peter" geht nieder, aufbrodelnde, weiße Schaumwirbel am Heck verraten die einsetzend« Arbeit der Schrauben, vorn Land aus zieht man die Brücke zurück, auf dem Schiff wird die Pforte geschlossen.

Vorn auf dem Bootsdeck, auf der Kommandobrücke, stehen die Offiziere vollzählig um den Kapitän Lebram, der persönlich die Ausfahrt leitet. Ein Stockwerk tiefer, auf dem Gartendeck — eine der Sensationen der „Chri­stabelle", die an Luxus alles schlägt, was moderner Schiffsbau vorher geleistet hat — drängen sich die hun­dert Passagiere an Backbord zusammen: Photoapparate fangen den Abschiedsgruß des Hafens ein, weiße Taschen­tücher winken zum Kai hinüber, wo eine wild gestikulie­rende Menge von Gaffern immer noch so lungenkräftig durcheinanderbrüllt, daß die Bordkapelle kaum dagegen ankommt.

Ein Matrose bringt ein Funktelegramm auf die Kom­mandobrücke. Der Kapttän wirft einen Blick darauf, stopft es dann in die Seitentasche feines blauen Jacketts _ plötzlich ist er der einzige auf der Brücke, dessen Ge­sicht nichts von der Hochstimmung der Abfahrtsstunde 3e'9gr wendet sich an Oelsmann, den ersten Offizier:

„Rufen Sie bitte den Zahlmeister an — er soll mir $e "Passagierliste heraufschicken!"

Die Liste wird gebracht. ,

Lebram übergibt das Kommando dem Navlgations- offizier und tritt mit Oelsmann hinter das Kartenhaus zurück. Dann zeigt er ihm den Wisch.

Der Funkspruch kommt aus Köln, aus der Zentrale des Allhauskonzerns, der neben der Reederei noch eine groß« Anzahl anderer Betriebe umspannt.

• Ein Direktor, guter Freund Lebrams, ist der Ab­sender. Der Inhalt:

„Althaus nimmt unter Decknamen an der Jungfern­fahrt teil. Deckname war nicht mehr festzustellen."

Sie Hörnet und unsere Sohnspnrweile.

Warum gerade 1,4S2 Meter?- ModernerVerkehr auf antiker Grundlage

Don Klaus Hardenberg.

Als im vorigen Herbst die Eisenbahn ihre hundert­jährige Jubelfeier begehen konnte, wurde unter anderen rote schon so oft vorher, die Frage aufgeworfen: Wie ■ tarnen wir nur zu der anscheinend unbegründeten Spur» welle von 1,432 Meter?

Die Antwort darauf hieß: Die heute in den meisten Ländern übliche sogenannte Regelspur ist ohne rechte liefterlegung, mehr zufällig entstanden. Es war bekannt, daß verschiedene englische Grubenbahnen eine von den äußeren Schienenrändern aus gemessene Spurweite von fünf Fuß (1,524 Meter) aufwiesen. Dieses Maß war gewählt worden, well es dem Radabstand der damals in England gebräuchlichen Fuhrwerke entsprach, die ebenfalls di« Schienen benutzen sollten. Stephenson, der Vater der Eisenbahn, wählte bei seinen ersten Versuchen mit Lokomotiven die gleiche Spurweite, nur wurde diese nicht mehr von den äußeren, sondern von den inneren Schie­nenrändern aus berechnet. So ergab sich eine Spur­weite von 1,372 Meter. Angeblich fühlte sich Stephen­son später beim Bau der Lokomotiven m seiner Fabrik zu Newcastle durch die geringe Spurweite beengt, wes­halb er sie um 2H Zoll auf 4 Fuß 8% Zoll gleich 1,432 Meter erhöht haben soll.

Diese Erklärung hat von Anfang an nicht genügt. Als Stephenfons Sohn Robert vor der Schienen-Kom- miffion erschien und angeben sollt«, warum fein Vater die Spurweite von 4 Fuß 8Vi Zoll gewählt hatte, er­widerte er: „Das war eben di« Spurweite der Gru­benbahnen um Newcastle herum." Dies« Erklärung wurde damals als ungenügend zurückgewiesen: „Es liegt kein offensichtlicher Grund vor, warum die Spur­weite so unbedeutender kleiner Privatkohlenlinien irgend welchen Einfluß auf eine wichtige öffentliche Eisenbahn haben sollte." Die Kommission hielt di« Angelegenhell hiermit für erledigt.

Wie nun neuere Forschungen ergeben, hatten die von der Kommiffion über die Achsel angesehenen „un­bedeutenden kleinen Prwatkohlenlinien" doch wesentlichen Einfluß auf die Wahl der Spurweite der englischen

Oelsmann lächelte in sich hinein.

Kapitän zu kennen glaubte, schätzte er ihn so ein, daß die seemännischen Fähigkeiten bei ihm weitaus an erster Stelle stehen. Aus verzwicktem Kram — wie etwa dem schwierigen Umgang mit verwöhnten Luxusreisenden — machte er nicht allzuviel. Aber er war ein vernünftiger Mann und ließ sich von seinem ersten Offizier, in des­sen Ressort auch das Vergnügungsprogramm auf dem Schiff und der gefellfchaftliche Verkehr mit den Passa­

gieren fielen, berellwilligst Tips geben.

„Nein, Kapitän — wir brauchen uns nicht bluffen lassen, und können ihn trotzdem richtig bedienen. Krie­gen mir ihn heraus, so nennen wir ihn ruhig Schultze oder wie er auf der „Christabelle" zu heißen wünscht, und behandeln ihn als Allhaus und Besitzer des Ka­stens — dann weiß er, daß er nicht mit dummen Jungen zu tun hat."

„Schön — wer ist es also? Sie haben auch noch nicht alle Passagiere begrüßt, nicht wahr? — gehen wir mal di« List« durch . . ."

Sie entfalteten hinter einem Boot in Lee, gegen die knatternde Brise geschützt, die Liste.

„Althaus ist anfangs der Dreißiger, Oelsmann, das wäre immerhin ein Anhaltspunkt — außerdem fährt er wohl allein; er ist Junggeselle. Sehen wir also zu: Herr Joses Grenzdörffer, Wien . . ."

„Kenne ich schon: well über vierzig!"

,^Herr Leonidas Jannulatos, Saloniki — Herr Jack Walker, Newport — Professor Helg Eiderblom, Upsala . . . alles eigenüich zu weit her — ja . . . es wäre aber schon Schluß, die anderen sind durchweg Ehepaar«, Fa- milien und einzelreisend« Samen."

Oelsmann weist auf eine klein«, gesonderte Rubrik der Gifte.

„Sie haben die beiden Luxuskabinen vergessen, Ka­pitän. Die eine hat Fräulein ©areen aus Berlin — wissen Sie noch, das schmissige, blonde Mädel, das ge­stern schon tarn und gleich bas ganze Schiff sehen wollte — ein Lächeln hellt die beiden, braunen Gesichter der Offiziere auf — „aber hier. Kapitän, bitte, die zweite: Herr Al Fellnor aus Köln. Aus Köln, was mir immer­hin beachllich scheinen will — warum soll Herr Althaus

K

zweite", unterbrach ich ent- Gebärde, die zu Geduld

lich fahren wollen?! Ich denke, mir hätten die Fährte.." „Hm . .-. die andern kommen wohl ja auch kaum in Frage — könnte das Alter stimmen?"

„Gesehen habe ich diesen angeblichen Herrn Fellnor noch nicht — heute mittag war er noch nicht auf dem

Schrecken einslößte.

.„Fchlt dir etwas?" fragte ich endlich, und ich glaube, der Klang meiner Stimme verriet meine Angst. Doch meine Worte machten aus Sowrendo wieder einen halb­wegs normalen Menschen.

„5a", sagte er, „etwas besonders Interessantes, höre nur zu." .

Langsam entfaltete er die Zeitung und las mir die folgende Anzeige vor:

„Verloren

heute mittag gegen ein Uhr ein Brillant-Ohrring mit einem Anhänger, bestehend aus einem goldenen Türm-

„Was sagen Sie dazu, Oelsmann?"

Lebrams stark« Brauen ziehen sich über den festen Seemannsaugen zusammen . . .

Der Offizier zuckt diplomatisch die Achseln. Offenbar bringt die Nachricht den Kapttän in Harnisch — aber man fährt auf dem neuen Schiff zum erstenmal zusam­men, kennt sich noch zu wenig und muß vorsichtig sein.

„Die amerikanischen Methoden des neuen Mannes — kommen Sie, Oelsmann, etwas Bewegung, damit wir den Aerger leichter hinunterschlucken."

Die Anordnung der Boote auf dem obersten Deck ist so getroffen, daß in der Mitte ein Tennisplatz für die Passagier« freibleibt.

Die beiden Offiziere durchmesfen ihn mehrmals nut dem breitbeinig, wiegenden Gang der Seeleute, der schlanke, drahtig« Oelsmann links neben dem gedrunge­nen, derber wirkenden Kapitän, den er um einen guten Kopf überragt.

Lebram macht feiner offenbar hochgradigen Verstim­mung jetzt ungeschminkt Lust.

„Sagen Sie mir, was will der Mann hier auf der „Ch'ristabelle"? Und wozu dieses Verfteckspiel? Ich fahr« seit zehn Jahren für die Linie — ist das ein Miß­trauensvotum gegen mich oder nur ein Spleen? Der Teufel soll übrigens wissen, welchem von den hundert Leuten auf dem Kahn Herr Althaus zu stecken beliebt!"

„Kennen Sie ihn denn nicht, Kapttän?"

„Woher -ollte ich — ach fo, Sie kommen ja von einer anderen Linie, wissen noch nicht Bescheid. Althaus fft seinem Vater erst kürzlich in der Leitung des Konzerns gefolgt. War vorher lange in Amerika, da haben sie auch Interessen, nee, kenne ihn leider nicht, und mein Vergnügen, feine Bekanntschaft unter solchen Umständen machen zu müssen, läßt sich ertragen. Ich hafte mir di« Passagierliste kommen lasten, ausfindig machen wollen mir ihn natürlich — aber am besten stellen wir uns dumm und ignorieren ihn, selbst wenn wir ihn kennen. Das Telegramm ist ein Zufall, eine Gefälligkeit aus Köln — davon hat er ja keine Ahnung."

kehrswefen hinterlassen haften, denn die hemige Spur­weite hat sich schon längst als zu gering erwiesen. Der Lokomotivftauer stößt immer wieder auf Schwierigkeiten, roenn er neue Bauteile, die mit den Errungenschaften der Technik Schritt halten sollen, im schmalen ihm zu Ver- ügung stehenden Raum unterbringen will. Mancher Eisenbahnfachmann hat davon geträumt, die Spurweite bedeutend zu vergrößern. Doch die Regelspur bürgerte ich derartig ein, daß heute an eine Aenderung nicht mehr zu denken ist.

ein Zufall war, daß sie die­sen Öhrring" nicht mitnaftmen. Wurden sie vielleicht überrascht und genötigt, zu fliehen? Das habe ich nte erfahren. Aber als ich den Ring vom Ohr meiner Mut- ter lüfte, habe ich geschworen, sie zu rächen. Ich war zwar noch ein Kind, aber auch ein Kind kann manchmal durch ein aufwühlendes Erlebnis plötzlich zum Manne reifen. Und ich versichere dir, daß ich ein Mann war.

Schicksal.

Von T. R u y g r o k.

Ein Zufall hat mich mit dem, den ich heute meinen Freund nenne, dem ehemaligen Studenten eowrenbo Wohun, gebürtig in Britffch-Jndien, in nähere Berüh­rung gebracht. Dor vielen Jahren suchten mir beide nach einer guten Pension, und unsere Wahl fiel aus das­selbe Haus Ich hatte bereits einmal oberflächlich Sornren- dos Bekanntschaft gemacht, so daß wir uns nicht als vollkommen« Fremde gegenüber standen. Deshalb be­schlossen wir, darum zu losen, wer von uns beiden sich nach einer anderen Wohnung umsehen sollte. Wir such­ten ein benachbartes Cafe auf und ließen uns ein Spiel Karten geben.

Wer die höchste Karte zog, sollte die bewußten Zim­mer mieten. Ich nahm zuerst eine Karte: es war Herz neun. Sowrendo zog: Karo neun. Ich sah damals schon das rätfechaste Lächeln um seinen Mund, das ich später so oft sehen sollte, doch ich schenkte chrn keine Aufmerksamkeit. Wir losten noch einmal, und es wie­derholte sich dasselbe Spiel. Sowrendo zog jetzt zuerst: Pik Dam«. Darauf ich: Kreuz Dame. Das Lächeln um Somrenbos Mund wurde schärfer.

„Alle guten Dinge sind drei", sagte ich, von neuem eine Karte nehmend. Es war Herz As. Sowrendo ließ bevor er feine Karte zog, das Spiel durch mich mischen, und erst dann folgte er, mit abgewendetem Kopf, mei­nem Beispiel. Es mar auch für mich verblüffend, als er mich dann Karo As schen ließ.

„Sie schen", sagte Sowrendo, „das Schicksal roill es nicht anders. Wenn Sie einverstanden sind, mieten wir die Zimmer zusammen."

Ich hatte nichts dagegen, zumal mir die Verbilligung bes Wohnens sehr angenehm war, und stimmte rasch zu.

*

Schiff anwesend."

„Darm soll ihn uns der Dberftemarb mal zeigen — der muß ihn ja in Empfang genommen haben. Gehen mir mal hinunter aufs Gartendeck.

Dieses Gartendeck ersetzt den auf früheren Schiffen üblichen Wintergatten, — ist vielmehr eine Hebersteige- rung dieses Wintergartens und selbst Garten in seiner ganzen Ausdehnung. Tiefe, schwere Kästen mit üppig blühenden Blumen stehen — angeordnet wie auf Bal­kons — .auf der Reling. Auf der anderen Seite der Promenade, die um die Räume im Mittel-Ausbau lauft, verkleiden Palmen und grüne Rankengewächse aller Art fast vollständig die Wände.

Bei schwerer See kann die Promenade durch jenseits der Reling versenkbare Glaskästen völlig geschlossen wer­den. Für die Passagiere der „Christabelle" gibt es also einen Tageslichtgarten selbst bei schwerem Sturm und Regenböen. ' _,

Noch immer preßt sich der größte Teil der Schlffs- gesellschast an die Reling — die Glaswände sind bei dem strahlenden Wetter versenkt.

Das amphitheatralisch an grünen Hügeln hinaufklet- ternbe Triest schiebt sich schon zu einem Bilde zusammen, bas sich übersichtlich dem Aüge barbietet. Die kahle Berg­kette bes Tschttschenbobens erschließt sich bereits nach Sü­den zu einem »lick. In voller Fahrt steuert die „Chn- stabelle" an der Küste Istriens entlang in den Triester Golf hinaus. , „

Der Kapitän hat den Obersteward rufen lasten: er möge chrn diskret Herrn Fellnor aus Köln zeigen.

Sie gehen zu dreien langsam hinter der geschlossenen Reihe der Passagiere entlang. Der Obersteward bleibt stehen: Lebram und Oelsmann folgen unauffällig fernem

Neben einem herrlich schlanken Mädel in Borddreß - die steise Brise weht ungehindert durch ihr welliges, leuchtend blondes Haar — steht breit in den schultern

Die Jungfernfahrt der «Christabelle.-

jj Roman von Alfred Karl.

chen mit kleinen zylindrischen Unterlägen. Auf ei­ner kleinen Platte befindet sich ein Amerhyst. An der linken Innenseite der Säulen sind die Buchstaben S- W. eingraviert. Dem Finder wird der vollständige Wert vergütet werden. Zurückzubringen zu Herrn

G. Holberg, Hotel Viktoria, Zimmer 19."

Sowrendo hörte auf zu lesen, doch ich konnte mir die gespannte Erwartung, mit der er mich ansah, nicht erklären.

„Du kannst natürlich nicht wiffen", begann er dann, „warum mich diese Anzeige in so große Erregung ver­setzt hat. Aber jetzt muß ich dir eine Hefterraschung be­reiten." ,, .

Er ging in die Ecke des Zimmers, wo eine alte in­dische Stafette mit prachtvollem Schnitzwerk stand und Öffnete das Schloß. Einen Augenblick später kam Som- renöo zurück und legte auf den vor mir stehenden Tstch — den als verloren angegebenen Ohrring.

Ich konnte vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Wie war das nur möglich? Schon den ganzen Nach­mittag befanden wir uns in der Wohnung, und Som- renbo hatte das Haus nicht verlassen. Und jetzt lag der Ofjrring vor mir. der mittags um ein Uhr verloren wor­den war! _, ......

Ich nahm den geheimnisvollen Schmuck in die Hand und betrachtet« ihn von allen Seiten. Er stimmte bis in alle Einzelheiten mit hem beschriebenen überein, und als ich auch noch die Buchstaben S. W. entdeckte, war jeder Zweifel behoben. Ich blickte Sowrendo beinahe faffungslos an. Der aber lächelte nur und sagt«:

„Errätst du es nicht? Streng dich nur tüchtig an."

Ich schloß die Augen, um einige Minuten lang scharf nachzudenken. Dann sprang ich auf, schlug nochmals die Zeitung auf und begann nervös zu lachen.

.Ich hab's", rief ich triumphierend, „nach der An­zeige waren die Buchstaben S. W. an der linken Seite eingraviert, und hier befinden sie sich rechts. Dies ist also der rechte Ohrring!"

Bravo", erwiderte Sowrendo, „du hast die Auflö» sunq gefunden. Nur muß ich dir natürlich immer noch erfrören, wieso ich im Besitz dieses einen Ohrrings bin. Dazu muß ich wett ausholen."

*

„Ich verbrachte meine Kindheit an den Ufern des Ganges, inmitten unserer Buddha-Tempel und Heiligtü­mer, und lebte ein sorgloses und heiteres Leben bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr. Um diese Zeit tra­ten meine Eltern und ich eine Reife nach Soja an mo mein Vater Geschäfte abzuwickeln hatte. Auf dem Wege dahin ist bas Schreckliche passiert . . . Wir wurden von Räubern überfallen, und ich W mitansehen müssen, wie Vater und Mutter ermordet wurden. Ich schrie, ich weinte, ich flehte, ich schlug und biß, aber was konnte ich, ein Junge, gegen die beiden Mörder ausrichten! Ich wurde geschlagen, bis ich bewußtlos dalag.

Das Erwachen war entsetzlich, und die Stunden, bte ihm folgten, kann ich dir nicht beschreiben. Wie em I Wahnsinniger rannte ich umher und lief immer wieder nach dem Fleck zurück, wo die Leichen meiner armen El­tern, mit Blut und Schmutz bedeckt, lagen. Das ganze I Geld meines Vaters und alle Schmucksachen meiner Mutter waren gestohlen bis auf diesen Ohrring."