uldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 274
Tucheim lechsmyl wöchentlich Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter' Rotationsdruck und Berlag der Fuldaer Actiendruckerei in fiulba Fernrufe: Schrift* :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. "
Freitag, 27. November 1931.
Monatlich 1 80 einjchlietzl Postgebühr (48 Pjg > ohne ZutteUg Anzeigen-Preife: Kleinzeile (6ol.) lokal 0.15 RM„ auswärts 0.20 RM Reklamezeilelokal 0.60 RM„ auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt Postscheck! Frankl a Pt 40-51
labtg. 58.
Sängt Leulschlandr Geschichte 1918 an?
Das große Elend, sowie der kulturelle Tiefstand unseres Volkes sind nur auf die seit 1918 betriebenen Politik zurückzuführen.
Aus der Rede des nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Wigand im Evangelischen Gemeindehaus in Fulda.
Menschen, die mit Bewußtsein das Jahr 1918 mit erlebt haben, können doch wohl auch durch einen Nationalsozialisten nicht dazu gebracht werden, anzunehmen, vor 1918 habe es keine deutsche Politik gegeben, oder gar nur eine solche, bei der altes Glanz und kulturellen Hochstand atmete. Warum soll das Elend nach nationalsozialistischer Lehre erst 1918 anfangen? Jahrzehntelang hat in Deutschland eine kaiserliche Regierung nach nationalen, ja teilweise nach n a t i o n a l i st isch e n Gedankengängen uneingeschränkt geherrscht. Und in dem Kernland Deutschlands, in Preußen, haben die extremsten konservativ-junkerlichen Grundsätze dem ganzen Staat in der Sache und in den Personen das Gepräge gegeben. Ohne daß wir Vorwürfe erheben wollen, steht doch fest, daß die Außenpolitik dieser kaiserlichen Aera in dem furchtbaren und für Deutschland so verhängnisvoll endenden Weltkrieg ausmün- bete, nach dem Urteil aller maßgebenden Beurteiler ein jämmerlicher Zusammenbruch der europäischen Politik bis 1914 und in erster Linie eine Katastrophe für die deutschen Staatsmänner. Und innenpolitisch hat die deutsche Politik, die bis zum Jahre 1918 geführt worden ist, mit der Revolution geendet. Ein logisches Ende für die kurzsichtige Politik des D r e i k l a s s e n- Staates, für die man in Preußen, und zwar in erster Linie in den Kreisen, die heute die „nationale Front" bilden, ebenso hitzig und engstirnig kämpfte, wie man in Rußland für den ab- solutisti sch en Zarismus gekämpft hat,bis dort der Bolschewismus, das extreme Gegenteil dieses Zarismus, die Macht lOO prozentig in die Hand nahm.
Die nationalsozialistischen Wanderredner haben — das begreift man —, allen Anlaß, es so erscheinen zu lassen, als ob 1918 d i e Weltgeschichte angefangen hätte. In der Tat begann doch damals nur die schwere Arbeit verantwortungsbewußter Parteien, das große w üst e Trümmerfeld au f zuräume n, das )ie von rechts her bestimmte Politik der letzten Jahrzehnte hinterlassen hatte. Nur Leute mit ganz iurzem Gedächtnis Kinnen die These billigen, daß däs große Elend, in dem wir heute noch seufzen müssen, von den Rettungsversuchen herrühre, die seit 18 je nach den Aussichten und nachher age unermüdlich immer wieder unternommen n .den sind. Für die Zeit, die vor 1918 war, und die man im „nationalen" Lager heute so gern mit dunkelsten Schleiern verhüllen möchte, ist eine Erinnerung kennzeichnend, die anläßlich des kürzlich erfolgten Todes des früheren preußischen Ministers des Innern, von L o e - belk, aufgefrischt wird.
Das reaktionäre Dreiklassenwahlrecht in Preußen war längst nicht nur den Sozialdemokraten ein Dorn im Äuge; auch das Zentrum und der Freisinn hatten lange vor dem Kriege eine gerechtere Gestaltung des preußischen Wahlrechts verlangt. Man hätte deshalb das Dreiklassenwahlrecht sogleich zu Beginn des Weltkrieges abfrhaf« fen sollen. Schließlich hatte dann die sog. Osterbotschaft des preußischen Königs aus dem Jahre 1917 auf Veranlassung des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten von Bethmann-Hollweg erklärt, daß „nach d e n g e- waltigen Leistungen des ganzen Volkes in diesem furchtbarenKriege für das Klassenwahlrecht in Preußen kein Raum mehr sei." In bieter Osterbotschaft hieß es weiter, daß „der Gesetzentwurf ferner die unmittelbare und geheime Wahl der Abgeordneten vorzusehen habe." Diese Zusage der preußischen Krone wurde bei den demokratischen Parteien und dem Zentrum als die Ankündigung des gleichen Wahlrechts verstanden.
Der preußische Minister des Innern von Loe- bell (der eigentliche sogenannte „Wahlminister") durchkreuzte nun die dahingehenden Pläne des Ministerpräsidenten von Bethmann-Hollweg, indem er es unternahm, hinter dessen und des Staatsministeriums Rücken, durch einen Vertrauensmann die Mehrheitsparteien des Preußischen Landtags (Konservative, Freikonservative und Nationalliberale) auf ein Pluralwahlrecht festzulegen (vgl. von Bethmann-Hollweg, Betrachtungen zum Weltkrieg, Band II S. 194). Dem Herrn von Bethmann-Hollweg aber erschien, wie er offen heraus dem Kaiser erklärte, eine Wahloorlage als unmöglich, in der ein mit dem „Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückter armer Arbeiter neben einem bemittelten Drückeberger desselben Dorfes mit ungleichem Stimmrecht zur Wahlurne zu gehen hätte" (von Bethmann-Hollweg a. a. O. S. 185). Tatsächlich zwang damals Herr von Bethmann-Hollweg durch einen Beschluß des Staatsministeriums den Herrn von Loebell dazu, den Parteiführern der Mehrheitsparteien die Mitteilung zur Kenntnis .zu bringen, daß das Staatsministerium sich (trotz der von Herrn von Loebell unternommenen eigenmächtigen Aktion auf Einführung des Pluralwahlrechts!) „die volle Freiheit feiner Entschließungen wahre" (von Bethmann-Hollweg a. a. O. S. 195).
Am 11. Juli 1917 setzte dann Herr von Bethmann-Hollweg beim Kaiser die Ankündigung des gleichen Wahlrechts durch, und veröffentlichte eine entsprechende Kabinettsorder, die u. a. den Rücktritt des Ministers von Loebell zur Folge hatte. Aber schon zwei Tage später (am 13. Juli) reichte der Reichskanzler von Bethmann ebenfalls fein Entlassungsgesuch ein. Daß das Verhalten des
was hak Assessor Lest angestel«? Höchst bedenkliche Akten der nationalsozialistischen Partei in Heffen sind dem Oberreichsanwalt in die Hande gefallen. — Bolschewistische Rezepte sollten bei einer Machtergreifung durch die natiooalsozia- Wische Partei in Anwendung gebracht werden. — Erklärungen der heffischeu Regierung und der nationalfozialistische« Reichsleitung
Zahlreiche Blätter veröffentlichen heute morgen Mitteilungen über einen Fund der Polizei, der dem Oberreichsanwalt als Material über illegale Bestrebungen in der Nationalsozialistischen Partei überreicht worden ist. In einem Augenblick, in dem ziemlich deutlich wird, daß trotz viel Gerede und Geschreibsel di- N a t io n a l s o - zi allsten mit ihrem Wahlerfolg im Freistaat Hessen nichts anzufangen wis- s e n und hilflos der politischen Lage gegenüber stehen, haben diese Funde natürlich erhöhte Bedeutung. Ihre Echtheit scheint unbezweifelbar zu sein. Es liegt folgendes Telegramm vor:
wtb. Darmstadl, 26. Nov. (Eig. Meld.) Amtlich wird mitgeteilt: Die gestern nachmittag bei verschiedenen führenden Persönlichkei- t e n der nationalsozialistischen Par- t e i, Gau Hessen, durchgeführten Haussuchungen, die sich auf die Nachprüfung der in dem Besitz des Oberreichsanwalts gelangten Notverordnungen der illegalen nationalsozialistischen Regierung und andere Schriftstücke erstrecken, haben in vollem Umfange zum Erfolg geführt. Die Echtheit der Dokumente steht nunmehr ebenso außer allem Zweifel wie die Tatsache ihrer A bfassung durch Gericht s a s s e s s o r Dr. Best und Komplizen.
Der Fund besteht aus Gesetzentwürfen und Richtlinien, die für den Fall der Uebernahme der Macht im Staate durch die Nationalsozialisten ausgearbeitet worden sind. Deren Verfasser sind die nationalsozialistischen Führer in Hessen und zum Teil nationalsozialistischen Abgeordneten im hessischen Landtag: Hauptmann a. D. Wassung, Gerichtsassessor Dr. Best, der Gaufachberater für Landwirtschaft Dr. Wagner, der Wirtschaftsreferent Dr. Schäfer, außerdem Kapi- tänteutnant a. D. von Davidsohn und der Pri'vatsekretär des Gauleiters von Hessen (Statt in oga. Dr, Schäfer hat von der Nationalsozialistischen Partei in diesen Tagen den Abschied erhalten. Er scheint das Material übergeben zu haben. Festgetegt wurden die Richtlinien in einer geheimen Besprechung, die Mitte September auf dem Boxheimer Hof (des Abg. Dr. Wagner) bei Lampertheim stattgefunden hat. Das dem Oberreichsanwalt vorliegende Original ist, wie eine genaue Schristprüsung ergab, von Gerichtsassessor
Herrn von Loebell einer der inneren Gründe zum Rücktritt des Herrn von Bethmann mit war, kann für denjenigen, welcher die Geschichte der damaligen Zeit kennt, nicht zweifelhaft sein.
Wie aber die schweren Fehler ausgesehen haben, die von einem Bethmann-Hollweg, Helsferich, Michaelis und auch von der OHL., durch ihre Einmischung in die politische Leitung des Reiches begangen worden sind und wie hier manches Elend unserer Tage begründet ist, davon kündet bereits die Geschichte und kein Parteiredner kann deren Fesfftellungen im Ernst und vor denkenden Zuhöhrern umbiegen oder vergessen machen.
Mohrenwäsche und anderes.
All unser Unglück beruht auf der Tatsache, daß mir im Weltkrige unterlegen sind. Warum und inwiefern wir unterlagen, ist bekannt. Diejenigen, die sich mit Vorliebe als Sieger bezeichnen, verdanken es der Hilfe anderer, daß sie uns in die Knie zwingen konnten. Da wir aber unterlagen, diktierten uns die anderen die Friedensbedingungen, und der eigentliche Treiber war der damalige französische Ministerpräsident Clemenceau, der die Paragraphen des Versailler Vertrages gar nicht scharf und grausam genug fassen konnte. Es ist längst erwiesen, daß die Vertreter Amerikas und Englands diesem Franzosen teils sich aufs energischste widersetzten, teils nur widerwillig seinen Forderungen nachgegeben haben.
Clemenceau und seine Alliierten haben die Durchsetzung dieses sogenannten Friedensoertrages nur dadurch möglich machen können, daß sie Deutschland die alleinige Schuld an dem Ausbruch des Weltkrieges zuschoben. Im Artikel 231 des Vertrages steht es zu lesen, und auf diese Behauptung taut sich das ganze Gerüst der Reparationsforderungen auf. Daß Deutschland gezwungen wurde, durch seine Unterschrift auch unter diesen Artikel ein moralisches Schuldbekenntnis abzulegen, wie es noch nie einem Volke zugemutet worden ist, ist bann später mit ein Grund für die innenpolitische Zerklüftung unseres Landes geworden. Zwar haben wir den Friedensvertrag nur unter feierlicher Verwahrung gegen diesen Artikel unterzeichnet, und fast alle Regierungen der Republik haben gegen ihn protestiert Aber zeitweilig ist aus dem Volke und aus den Parteien heraus ein unmittelbarer Kampf gegen die Kriegsschuldlüge gefordert worden, und da man hinsichtlich der Taktik, die da einzuschlagen wäre, sehr verschiedener Meinung sein konnte, so hat nicht zuletzt diese Frage die Gemüter in Deutschland oft genug aufgewühlt und die Gegensätze zwischen den republikanischen und
Dr. Best niedergeschrieben worden. Das Material deutet auf Hochverrats-Versuch. Es empfiehlt die Anwendung des Standrechts. Jeder S. A.- Mann soll standrechtliche Befugnisse erhalten.
Kennzeichnend sind u. a. folgende Richtlinien:
1. Eine Notverordnung zur Sicherung der Ernährung der Bevölkerung, die hie Ablieferung aller L ebensrnittel an die nationalsozialistischen Behörden (S.A., Landeswehren o. ä.), bei Nichtablieferung Freiheits-. oder Todesstrafe, Kollektivspeisung, Lebensmittelausgabe gegen Karten Vorsicht,
2. Eine Notverordnung zur Sicherung des gegenwärtigen Eigentumsstandes, die anordnet: „Es gibt bis zu anderweitiger Regelung kein Privateigentum mehr."
Die Richtlinien für die Nortverordnung lauten: Die Führung der . . . (S. A. Landeswehren o. ä.) ist gezwungen. zur Rettung des Lebens der Bevölkerung Über alle vorhandenen Vorräte an verbrauchbaren lebensnotwendigen Gegenständen, d. h. praktisch über den gesamten Ertrag des Volksvermögens und damit des Vermögens jedes einzelnen Volksgenossen zu verfügen. Es gibt bis zu anberroeitiger Regelung kein Prioateinkom- men mehr. Dafür wird der gegenwärtige Vermögensstand durch Sicherung des Eigentumsstandes und Feststellung der berechtigten Ansprüche sichergestellt.
Miete soll nicht mehr gezahlt, Schulden sollen gestundet werden, jeder Deutsche, Mann und Frau, sollen vom 16. Lebensjahr zu Dienstleistungen nach Anordnung der Behörde verpflichtet sein und nur in diesem Fall von den beschlagnahmten Lebensmitteln erhalten.
ErMrang der Nattonalsozialistischen Parteileit mig $1 den Haussuchungen in Darmstadt.
C. N. B. München, 26. Nov. (Eiig Meld.) Die Pressestelle der Reichsparteileitung der N. S. D. A. P. erklärt zu der Angelegenheit der gestern im „Braunen Haus" in Darmstadt vorgenommenen Haussuchung, es handele sich, wenn Wirklich belastendes Material gefunden worden sei, um Fäl- schungen, jedenfalls um Dinge, mit denen die Partei nichts zu tun habe, von denen sie keine Kenntnis gehabt habe, die sie aber auch für ausgeschlossen halle. Eine eingehendere Stellungnahme der Parteileitung sei erst möglich, wenn ihr selbst die bis jetzt noch fehlenden Uw- terlagen vorliegen. Am Schluß der Erklärung wird betont, daß jedes Parteimitglied, das sich mit illegalen Dingen beschäftige, aus der Partei ausgeschlossen werde.
den nationalsozialistischen Gruppen bedauerlich verschärft.
Unterdessen haben die Länder, mit denen wir damals hn Kriege lagen, die These von der deutschen Alleinschuld am Kriege längst fallen lassen. Die Veröffentlichungen des deutschen Auswärtigen Amtes, wie auch anderer Außenministerien haben wissenschaftlich erwiesen, daß es falsch ist, Deutschland moralisch für den Kriegsausbruch verantwortlich zu machen. Lloyd George hat schon, als er noch Ministerpräsident war, den berühmt gewordenen Ausspruch getan, die Staatsmänner aller beteiligten Nationen seien in den Weltkrieg hinein- geschlittert. Im ungünstigsten Falle sprechen die alliierten Länder nicht mehr von der Schuld am Kriege.
Nur in Frankreich lagen die Dinge bis heute anders. Man könnte Dutzende von Stellen aus offiziellen und offiziösen Regierungskundgebungen anführen, die bis in die neuste Zeit Deutschland die alleinige Schuld am Ausbruch des Weltkrieges zuschieben. Von Poincare bis Maginot haben französische Minister immer wieder die Gelegenheiten herbeigezerrt, um Deutschland diesen furchtbaren Vorwurf zu machen, in Noten und Reden, in Verhandlungen und Briefen. Nu« auf einmal melden sich zwei französische Professoren im „Temps" zum Wort, um in einer sechs Spalten langen Darstellung nachzuweisen, daß die Alliierten niemals daran gedacht hätten, Deutschland die moralische Schuld am Kriege aufzubürden. Es handele sich im Artikel 231 des Versailler Vertrages lediglich um die gewissermaßen zivilrechtliche Fesfftellung, daß Deutschland, weil es zuerst den Krieg erklärte, für die aus dieser Tatsache entstandenen Schäden haftbar zu machen sei. Mit einer moralischen Bewertung der durch Deutschland erfolgten Kriegserklärung hätten diese Feststellungen nichts zu tun. Nun hätte eben Deutschland, da es den Beginn des Krieges veranlaßt habe, auch für die Folgen und für den Schaden aufzukommen. Der Gedanke, daß in dem Artikel 231 Deutschland eine moralische Verurteilung ausgesprochen wurde, sei erst durch die deutsche Friedensdelegation in die Diskussion hineingetragen worden.
Wir wollen den beiden französischen Gelehrten, die plötzlich mit dieser These herausrücken, durch- aus den ehrlichen Glauben zubilligen und mit höchster Befriedigung feststellen, daß es also jetzt auch Frankreich zugibt, daß Deutschland am Ausbruch des Krieges moralisch nicht schuldig ist und daß die kaiserliche Regierung ihn nicht vorbereitet ober böswillig betrieben hat. Dieses Eingeständnis der Franzosen ist umso wertvoller, als cs im „Temvs" abgelegt wird, dem Blatt, das bisher im Sinne der französischen Regierungen eine ganz andere Haltung eingenommen hat. Ja,
Wittmaack Präsident.
VDZ. Berlin, 26. Nov. (Eig. Meld.). Die sozialdemokratische Fraktion des Preußischen Landtages hat in ihrer heutigen Sitzung den Abg. W i 11 m a a ck zum Präsidenten des Landtages als Nachfolger des oerftor enen Präsidenten Bartels nominiert. Der Abgeordnete Wittmaack ist Stadtrat in Magdeburg un'b im Wahlkreis Magdeburg für die SPD. gewühlt. Er steht im 54. Lebensjahr und gehört dem preußischen Parlament seit 1919 an. In einer Erklärung, die dem Nachrichtenbüro des V. D. Z. aus sozialdemokratischen Kreisen übermittelt wird, heißt es, daß Leinert selbst gebeten habe, von seiner Nominierung A b • stand zu nehmen, damit nicht um einer Person a Ifra g e willen die Preußen-Koalition gefährdet werde. Die Fraktion habe einmütig dem Abgeordneten Seinert ihr Vertrauen ausgesprochen.
*
Der Landtag nahm am Mittwoch mit 184 Stimmen der Rechtsparteien und des Zentrums den auf einen Urantrag der Deutschen Fraktion zurückgehenden Antrag seines Hauptaus- | d) u f f e s an, die Reichsregierung zu ersuchen, daß die Revil-au Vo"N""l"ne *~if dem Ziele der völligen Einstellung jeglicher Tributzahlungen ungesäumt in Angriff genommen werde. Von den Linksparteien wurden 92 Enthaltungskarten abgegeben. Das Haus wandte sich der Beratung des deuffchnationalen Mißtrauensantrages gegen den Kultusminister Grimme zu. Abg. Oelze (Dn.) behauptete der Kulturpolitik des Ministers fehle jedes nationale Erziehungsziel. Abg. Lauscher (Zentrum) erklärte, daß feine Fraktion mit einer ganzen Reihe von Bestimmungen der preußischen Notverordnung unzufrieden fei, sie habe aber volles Verständnis für d i e außerordentliche Zwangslage, in der sich die Staatsregierung befinde. Den Mißtrauensantrag gegen den Kultusminister lehne das Zentrum ab. Die Kommunisten ließen erklären, daß sie dem deutfchnationalen Mißtrauens» antrag zu stimmen würden, ohne sich der Begründung des Antrags anzuschließen. Auch die Deutsche Fraktion erklärte sich für Unterstützung des Mißtrauensantrages. Der Redner der Staatspartei bekämpfte den deuffchnationalen Mißtrauensantrag und insbesondere seine Begründung. Auch die Sozialdemokraten verteidigten die Haltung des Ministers Grimme. Die Abstimmung über den Mißtrauensantrag wurde auf Freitag vertagt. Das Haus begann dann noch die Beratung der neuen Geschäftsordnung.
es ist hervorzvheben, daß der eine der beiden Professoren bislang als der Sprecher des offiziellen Frankreichs in dieser Frage gegolten bat. Wenn er mit seinen Kollegen jetzt erklärt, Deutschland übersetze den Artikel 231 falsch, indem es eine mo. ralische Beschuldigung herauslese, wo nur von privatrechtlichen Folgerungen die Rede sei, so muß man aber fragen, weshalb die Franzosen e r st j e tz t zu dieser doch sehr naheliegenden Einsicht- kommen. Aus diesen Uebersetzungsfehler hätten sie doch bereits Erzberger und den Grafen Rantzau aufmerksam machen müssen. Dann hätte allerdings die Reparationsabwicklung wahrscheinlich einen ganz anderen Verlaus genommen. Statt dessen haben die Alliierten im Juni 1919, kurz vor der Unterzeichnung des Vertrages, Deutschland ein Ultimatum gestellt, in dem sie uns die moralische Schuld am Kriege in stärksten und beleidigendsten Ausdruücken vorwarfen. Sie haben sich also damals die Auffassung der Deutschen Friedensdelegation durchaus rind in vollstem Umfange zu eigen gemacht, und es wirkt recht sonderbar, daß sie heute, zwölf Jahre nach diesen Ereignissen, sich plötzlich so drehen, als läge nur ein ganz unberechtigtes Mißverständnis der Deuffchen vor. Sie werden es uns nicht verdenken können, wenn wir nach einer Erklärung für diesen sonderbaren Umschwung in der französischen Haltung suchen.
Und da ist nun folgendes zu lagen. Daß man gerade in diesem Augenblick, wo die Debatten über das Reparationsproblem mit viel größerem Ernst als jemals vorher beginnen, Deutschland eine Ehrenerklärung abgeben will, gibt tief zu denken. Frankreich hat sich, wie schon angedeutet wurde, mit seiner immer wieder vorgebrachten Behauptung, Deuffchland sei der Alleinschuldige, in der Welt Uo. liert, und da dies des Fall ist, erkennen die Franzosen die Gefahr, daß das Reparationsproblem von diesem Punkte her gelöst werden könnte. Das würde die restlose Erschütterung des gesamten Versailler Vertrages bedeuten, denn es ist hüben und drüben hundertmal ausgesprochen worden, daß die Deutschland auferlegten Tribute jeder Art nur aus dem Artikel 231 heraus zu begründen und zu rechtfertigen wären. Frankreich denkt aber natürlich nicht daran, nun weitgehende Folgerungen im Sinne solcher moralischen Logik zu ziehen. Darum versucht es jetzt durch die beiden Professoren, die offensichtlich im Sinne und wahrscheinlich im Auftrage der Regierung auftreten, zwar sich auf den durch die geschichtliche Forschung erarbeiteten Standpunkt der übrigen Länder zu stellen, andererseits aber auch an feinen Reparationsforderungen festzuhalten. Man hat in den letzten Tagen aus England und aus anderen Staaten gewichtige Presiestimmen vernommen, die rund heraus erklärten, die Reparationszahlungen seien zu Ende, Deutschland werde nicht mehr dazu gebracht wer. den können, sie wieder aufzunehmen. Man weiß auch, daß es sich hier nicht nur um die Auffassungen unverantwortlicher Journalisten handelt, sondern maßgebliche Staatsmänner in Amerika, England, in Italien der gleichen Auffassung sind, von Deutschland gar nicht zu reden. Es liegt ihm nichts daran, ob Deutschland moralisch schuldig ist ober nicht, wenn es nur weiter zahlt Daher verzichtet man aus den ursprünglichen Sinn des Artikels 231 und versucht, ihn in