Nr. 27L
Beilage zur Fuldaer Zeitung
26. November
Adventsbegiun.
Von Franz Sing la»Schramberg.
Ein zarter Klang entschwebt Der Himmelsferne facht, Der hold dein Herz belebt Und voll Verlangen macht.
Im Wtnterwalde stehn Die Tannen wie im Traum. Und leise Lüfte wehn Schon festlich durch den Raum
Und alle« lauscht hinein In diese stille Zeit. Ersehnt den Wunüerschein Der Rocht der Herrlichkeit.
Tauet Himmel den Gerechten..!
Don Pater Eusebius.
In meinem Neinen stillen Heimatdörflein. das da irgendwo zwischen Wiesen und Feldern liegt, gibt es außer der Pfarrkirche auch eine Adventskapelle, dis fast das ganze Jahr über geschloffen ist. Wenn aber die Adventszeit herannaht, dann pilgert die ganze Gemeinde in feierlicher Prozession zur alten Kapelle, um sie mit Tannenreis festlich zu schmücken, denn jeden Tag, wenn der Morgen im Osten ganz schwach herausüSmmert, versammelt man sich dann zur Roratemesse oder zum Rorateamt, die ganze Gemeinde, Jung und Alt, Männer, Frauen und Kinder. „Wecke aus, o Herr, unsere Herzen, daß wir deinem Eingeborenen die Wege bereiten, und laß uns durch seine Ankunft die Gnad« erlangen, daß wir dir mit reinem Gemüte dienen"! So betet dann die Gemeiiröe mit dem Priester am Altäre und die Herzen werden umpfangen von dem Advents- und Weihnachtsfrieden, den die alte Kapelle atmet. Die Wachsstöcke flackern leise rm Windzug, die klein« Orgel singt ihr Lied und das Gebet des Priesters bricht sich an den altersgrauen Wänden.
Frieden liegt in den Zügen der Menschen, wenn sie das Gotteshaus verlassen, um zu ihrer täglichen Arbeit heimzukehren. Adventsfrieden, was bedeutet das? Die Adventszeit ist die Vorbereitungszeit aus den Erlöser, eine Zett der Einkehr und der Buße zugleich. Sie ist getragen von dem Gedanken, das Jesuskind, dos uns an Weihnachten geschenkt wird, geistig in unser Herz aufnehmen zu dürfen. In ein freudiges und friedliches Herz zugleich Beschäftigen wir uns einmal kurz mit diesen Gedanken. Verlangt der Advent in dieser chaoti- scheu, wirtschaftlich so ungemein schweren Zeit, di« aus uns allen mehr oder minder lastet, nicht ein« völlige Umkehr von so vielem, was wir seicher taten? Ist eine Ge- missenserforschung wirklich nicht notwendig, um dem Adventsfrieden und der Weihnachtsfreude den Weg zu
Me machen Sie das,
Von Luise Sch
Anläßlich einer Ferienreise kam ich jüngst in eine nitteldeutsche Stadt, wo zwei meiner Schulfreundinnen wohnen, die beide einen Beamten geheiratet haben fsih also ungefähr in den gleichen Lebensverhältnissen unter den gleichen finanziellen Bedingungen befinden. Beide sind ungefähr acht Jahre verheiratet und in beiden Familien befinden sich zwei Kinder. Da ich meine Freundinnen mehrere Jahr« nicht mehr gesehen hatte und da man in Briesen doch nie so genau die wirklichen Lebensumstände erkennen kann, war ich natürlich gespannt, wie es in den beiden Familien oussehen würde.
Zuerst besuchte ich Moria, eine arme Waise, die vor ihrer Verheiratung nicht viel besessen hatte, dann aber durch eine kleine Erbschaft in die Lage versetzt wurde, sich die notwendigste Ausstattung für die Wohnung zu kaufen. Ich fand einen Haushalt adrett und sauber behaglich und gemütlich eingerichtet, sah nette Möbel und freundliche Gardinen an den Fenstern, bewunderte eine schmucke Küche und hatte bei meinem mehrtägigen Aufenthalt das Gefühl, daß hier eine Familie lebt, der es bei aller Bescheidenheit der Ansprüche recht gut geht. Meine Freundin erzählte mir sogar mit einem gewissen Stolz, daß ihr Mann für sich und für jedes der beiden Kinder ein Sparkassenbuch angelegt hat.
Wenige Tage darauf kam ich zu meiner anderen Freundin, Gretel, Tochter eines Apothekers der es solange ihre Eltern lebten recht gut ging Kaum hatte ich
bereiten? Nimm dir einmal ein paar Minuten Zeit, christliche Frau, um nachzudenken, öffne so ganz im Geheimen dein stilles Herzenskiimmerlein und laß den wahren, tiefen Geist des Advents einströmen. Dann werden dir die Augen aufgehen und du wirst erkennen, daß auch in deinem Leben nicht so alles den Frieden in sich trägt, den der Advent von uns verlangt. Du brauchst nur in deiner Nachbarschaft Umschau zu halten. Gibt es da niemanden, mit dem bu in Unfrieden lebst, mit dem du dich um nichtiger Dinge willm verzankt hast? Ist in deiner Verwandtschaft alles in Ordnung? Und verläuft der Lebenskreis deiner Familie, deines Mannes und Deiner Kinder so. wie es der Friedensge- danke der Adventszeit von euch verlangt? „Tauet Himmel den Gerechten" haben mir in der Kirche gesungen, aber wir werden den Heiland and Welteriöfer nach der Vorbereitungszeit des Adventes nur erkennen, wenn wir selbst gerecht unseres Weges wandeln.
Einkehr und Umkehr sei unsere Adventsmahmmg! Die lauten Stimmen der Welt, die Tag um Tag auf uns einstürmen, di eost so himmelweit von dem wahren Frieden und der Freude in Gott entfernt sind, müssen einmal schweigen. Jetzt hat der Adoentsgeist das Wort, der uns Hilst zum großen Aufräumen in uns selbst. Wir haben in diesem Jahre das Jubiläum der heiligen Elisabeth überall in Deutschland festlich begangen, jener großen Wohltäterin des deutschen Volke«, die sich im Kreise der Armen und Notleidenden heimisch fühlte, deren ganze« Sinnen und Trachten auf die Werke der Barm- herzigkett. aber auch auf den Frieden unter den Men- schen eingestellt war. Sassen mir das Vorbild der Heiligen von der Wartburg hineinfließen in unsere Advents» betrachtung, erinnern mir uns, daß die Zett in der die hl. Clifabech lebte, der heutigen garnlcht so unähnlich war. heute rote damals, ein zerrissenes, zermürbtes, körperlich und seelisch verarmte« Volk, das der Einkehr und Umkehr dringend bedurfte.
Die Mwentszett muß eine hehre Zett der Läuterung für uns alle sein. Alle Schlacken sollen au« der Seele oerschwinden. damit wir reinen Herzens das göttliche Kind empfangen können, wenn es in die arme Krippe von Bethlehem herniedersteigt. Unfriede, Haß und Feindschaft darf da feine Stätte haben und da« große Gebot von der Liebe zum Nächsten muß gerade in diesem Jahre in seinem schönsten, höchsten Sinne Erfüllung erfahren. Man braucht e« wohl kaum zu erläutern, was darunter zu verstehen ist, wo die Not überall so fürchterlich an die Türen der Häuser klopft. Auch diese Ueberlegung und ihre Umwandlung in die praktische Tat gefrört in den Kreis unserer Adoentsbettachtimgen. Und wenn wir aus all dem di« Nutzanwendung gezogen haben, wenn Friede, Freude und Eintracht In unser Herz eingekehrt ist, dann werben auch die Worte der Schrift besondere Bedeutung für uns haben, in denen es heißt: „Freue dich aus ganzem Herzen du Tochter Sion, suble, du Tochter Jerusalem: Siehe dein König kommt zu dir, heilig und als Retter."
verehrte Nachbarin?
oll- Nürnberg.
die wenigen Worte der Begrüßung hinter mir, da über- ftel mich ein Schwall von Klagen über die teuere Zeit über bas knappe Gehalt, die ungeheueren Kosten, die die Kinder verursachen, die teuren Mieten usw. Zum Be- grüßungskaffee, der im Speisezimmer stattfand, das übrigens einen sehr unordentlichen, schmutzigen Eindruck machte, hatte meine Freundin beim Konditor eine Tort« bestellt, die vorzüglich schmeckte und in kurzer Zeit von uns, d. h. meiner Freundin, den Kindern und mir restlos aufgegessen war. Selbstverständlich kam hn Laufe des Nachmittags auch die Rede auf unsere Freundin Maria, der es nach Gretels Auffassung besonder« gut gche. „Ich möchte nur wissen, wie es Maria macht, daß sie jrustommt?" bemerkte Gretel am Schlüsse des Gespräches, bei dem wir auch einen gemeinsamen Spaziergang für die nächsten Tage verabredeten.
Ein schöner Herbstnachmittag führte uns hinaus In den Wald. Die Kinder sprangen voraus und wir unterhielten uns über die Haushaltsführung. So ganz beiläufig erzählte Maria, daß sie ihrem Buben aus Vaters altem Anzug einen neuen gemacht habe, daß ferner die abgelegten Kleider der Mutter für das Töchterchen zu neuen Sachen derarbeitet werden. Sie erzählte weiter von der Aufftellung ihres Küchenzettels für die ganze Woche Im voraus, wobei sich viele Ersparungen ermöglichen lassen, besonders dann, wenn die Reste geschickt verwendet werden. Auch eine Flickfrau, die Gretel alle
Monat zweimal haben mußte, fannte Maria nicht, sie setzt alle zerriffenen Sachen selbst instand, wozu sie vor allem die schönen Sommertage benutzte, allerdings nicht zu Hause, sondern draußen im Wald, wo bald ein schönes Plätzchen gefunden ist, während die Kinder nach Herzenslust herumspielen können. Maria berichtete weiter von der sorgfältigen Führung ihres Haushaltungsbuches sie erzählte von der Einteilung des Gehaltes chres Mannes am Monatsersten und betonte, daß eine reibungslose Haushaltsführung ganz wesentlich von der Ordnung in allen großen und kleinen Dingen abhängig sei. Rein Wunder, daß an diesem Nachmittag Gretel ein wenig oerftimmt nach Hause ging, denn im Verlauf des Gespräches hatte sie erkannt, daß in ihrem Haushalt manches mit den Grundsätzen der Ordnung und Sparsamkeit nicht In Uebereinstimmung zu bringen war Es muß ja nicht die Torte vom Konditor sein, wenn man Säfte zum Kaffee hat. der hausgebackene Kuchen tut die gleichen Dienste.
Die Buben brauchen nicht Immer neue Anzüge, aus Vaters Hosen läßt sich mancherlei machen. Zerriffene Wäsche wirft man nicht in den Lumpensack, sauber geflickt tut sie noch viele Jahre Dienst«. Wer Ueberreste vom Mittagessen wegwirst, versündigt sich an der Güte Gottes, die sie uns beschert hat. Es sind mitunter nur Kleinigkeiten, di« aber doch ms Gewicht fallen, wenn sie sich häufen.
Tatsächlich liegen die Dinge ja nun so, daß nicht jede Hausstau mit gleichem Geschick ihre Arbeit verrichtet. Alle« will gelernt sein, auch das Ordnung halten und da« Sparen. Es schadet aber nichts, wenn man von Zett zu Zeit sich einmal mit einer Freundin bespricht, "»nn man Gedanken und Erfahrungen austauscht, denn die Frage: „Wie machen Sie das, verehrte Nachbarin?" hat fast immer für den eigenen Haushalt Nutzen gebracht. Man lernt nie aus, auch im Haushalt nicht.
können wir uns eine Gans leisten?
Don Liselotte H e n n o ch. -
Wenngleich di« Anschaffung einer Sans im Augenblick ein Loch in die Wirtfchaftskafse reißt, kann man den wohlschmeckenden Bratvogel auf so mannigfache Art und Weffe zubereiten und demzufolge verwenden, daß di« Hausstau dabei auf ihre Kosten kommen wirb.
ffiän|e6raten auf fjausmauasart
Natürlich wird es am Sonntag Gänsebraten geben Um ihn recht wohlschmeckend und ausgiebig zu erhalten, bereite man die Sans am Abend vor und laste sie über Nacht, nachdem sie mit Salz innen und außen eingerieben wurde, in einem irdenen Gefäß stehen. Bevor man sie am Sonntag in di« Bratpfanne legt, wird sie gefüllt und zwar mtt Aepfeln, Zwiebeln und rohen Kartoffeln. Der Bauch wird zugenäht . In die Pfanne kommt so viel Wasser, daß die Sans hold bedeckt ist. Die Pfanne wird gut zug«deckt und die Sans brät, Ms sie halb weich tft Dann nehme man den Deckel von der Pfanne, brate di« Sans unter häufigem Begießen und steche dabei oft in die Brust und in die Keulen, damit das Fett abläuft. Ist sie braun und knusprig, wird sie herausgenommen, das Fett wird abgefchöpft und in einen Napf gegeben. Immer ist die Sauce noch fettreich genug, um sehr wohlschmeckend zu sein. Die muh ge- sondert gereicht werden.
Abgehäulele Gans.
Don älteren Fettgänsen kann man reines und ausgiebiges Gänseschmalz erhalten, ohne den Geschmack der Gans zu beeinträchtigen. Zu diesem Zweck wird die Haut von der Brust bis unter die Flügel abgefchnitten und zur Bereitung von Schmalz und Grieben verwendet. Aus dem Gänfehals spannt man eine künstliche Haut über die Brust und brät die Sans nach Vorschrift
Geschmortes Gänsefleisch.
Die abgchäutete Gans schmeckt jedoch auch im geschmorten Zustand ausgezeichnet. Vielen Hausstauen wird das Gericht unbekannt sein. Der gehäutete Braten kommt in reichlich Bratfett, wird geschmort, indem dem Schmalz einige zerschnittene Zwiebeln zugesetzt werden. Gekochter Reis als Beigabe schmeckt dazu sehr gut
Geschmorter Gänsemagen.
Ein gutes Abendbeigericht ist geschmorter Sänse- magen. Er wird vorbereitet, in Würfel oder in Streifen geschnitten und weich geschmort. Als Zusatz ein halbes Zähnchen Knoblauch und einige Tropfen Zitronensaft. Mit Reis und einer weißen Tunke gereicht, genügt er als Mahlzeit für drei Personen.
Gänseklein
stellt, mit weißer Tunke und Reisrand gereicht, eine Mahlzeit dar.
Gänseschmalz
wird aus der Haut von Fettgänsen gebraten. Die Haut wird zuerst einen Tag und eine Nacht in Wasser gelegt, am anderen Tage herausgenommen und in kleine Würfel geschnitten. Dann kommen sie mit etwas Salz auf das Feuer. Sie braten aus, bis die Reste, die Stieben, helLraun sind. Das Fett wird nun durch ein Sieb gegossen, stehen gelassen, bann herausgenommen, ohne daß der Satz mitkommt und mit Aepfeln und Zwiebeln noch einmal ausgekocht. Man kann es zur Hälfte mit
Schweineschmalz vermischen und Hal einen ausreichenden und nahrhaften Brotaufstrich, der wett billiger ist, als Butter.
Gefüllter Gänsehals.
Der Hals wird sorgfältig innen und außen gereinigt und mit folgender Füllung bereitet Ein halbes Pfund Schabefleisch, zwei geweichte und ausgedrückte Semmeln« eine gehackte Zwiebel. Salz und Pfeffer kommen innig vermischt in den Hals, der zugenäht und in der Brühe vom Sänfeflein gekocht wird. Er ergibt einen vortrsff« lichen Brotbelag.
Gänseleber.
als Delikatesse bekanM, schmeckt kalt bester und tft dann auch bekömmlicher. Mit einer Scheibe Kalbsleber zu» sammengebraten. ist sie ausreichend und als Belag willkommen. — So viele Mahlzeiten von einer Sans. 06 sie die Wirtschaftskaste bann noch belastet?
Ehrenrettung der Hausfrau.
Don Emmy Firns.
Die berufstätige Frau der Neuzeit pflegt etwas geringschätzig auf alle Nur-Hausfrauen herabzublicken, well sie scheinbar ein weniger pflichttreues und angespanntes Leben führen, und well sie für ihre steiwillige Arbeit keinen festen Lohn in Gestatt von Honorar oder Gehalt zu erhalten pflegen. Doch gerade Frauen sollten sich hüten, verächtlich von den heutigen Hausfrauen zu denken. Ihnen tft Wohl und Wehe der ganzen Familie anvertraut. Gesundheit und Finanzen der An- gehörigen stehen und fallen mit der Tüchtigkeit der Hausfrau. Vielseitiger ist kein Abeitsseld als jenes einer gut organisierenden, praktisch denkenden Gattin und Mutter. Jeder andere Beruf hat feine Freistunden, feine Ferien, feine mehr ober weniger schematische Einteilung. Man arbeitet für dl« eigene Person und in die eigene Tasche! Wie anders dagegen die Hausfraul Ihre Ueberftunben werden nicht bezahlt, ihre Freizeit gehört dem Mann, ihre Ferien opfert sie den Kindern. Jeder Tag, jede Jahreszeit stellt neue und wechselnd« Anforderungen. Eine tüchtig« Hausstau muß alle Berufe in einer Person vereinigen: Köchin, Wäscherin, Büglerin, Näherin, Krankenpflegerin, Kindergärtnerin und Buchhalterin soll st« sein; denn kein Hausstand kann sich mehr den Luxus fremder Hilfskräfte erlauben. Ueberdies arbeitet hie Frau des Hauses nicht für sich selber, sondern für Mann und Kinder: Opferwilligkeit und Selbstlosigkeit wird von ihr auf allen Wegen verlangt.
Was wäre das berufstätige Haustöchterlein ohne der Mutter Fürsorge und Pflege? Wohin käme das „starke" Geschlecht ohne Hilfe, Rat, Zuspruch und Mühewaltung des schwachen? Wie sehen die meisten Junggesellen aus, wenn keine Frauenhand für sie näht, flickt, bügelt und kocht?
Seien wir tn Zukunft gerecht gegen unser« Hausfrauen, die tatsächlich jetzt ebenfalls ihr gerütteltes Maß Sorge und Verantwortung zu tragen haben, — genau wie die Männer!
Und seien wir aufrichtig gegen uns selbst: Im Untergründe unserer berufstätigen, vielbeschäftigten Frauen- seelen liegt ja doch, — trotz Selbständigkett und Sc- Haltsansprüchen. — als höchstes Ideal der eine Wunsch begraben,--selbst einmal Hausfrau zu werden, —
Dielgeplagt, aber unentbehrlich!!
„Die rechte Arznei."
Von Dina Ern st berge r.
Alles, was ihr das Leben wert war, liegt vor ihr tn Trümmer und Scherben. — Der Mann war gestorben; die Tochter als unheilbar in einem Sanatorium, der Sohn, der einzige, der chr noch blieb, hat sich losgesagt von ihr um einer Fremden willen Er. an dem sie mit ganzer Seele hing, ist für sie verloren Sie grollt« mit sich, mit dem Schicksal, mtt Gott, mit allem, was ihr unter die Augen kommt. SterbenI — Nur sterben möchte sie. Nichts mehr sehen und hören von all dem Elend und all dem Leid, auch nichts mehr von dem Glück der anderen, die da in Freude und Vergnügen hinwandeln, während sie in Elend vergeht Sie möchte am liebsten feine Sonne mehr leuchten sehen; kein Lachen hören; nicht frohe Menschen um sich haben. So zieht sie sich ganz in ihren Schmerz zurück. Was kümmert einem das Leben, wenn man sterben möchte! — Den ganzen Tag liegt sie im Bett. Der Seelenzustand roirtt sich auch auf den Körper aus; sie fühlt sich sterbenselend. Seelisch und körperlich. Freunde kommen. Ob sie krank wär«? —
„3a!"
„Was ihr denn fehle?"
„Alles! Sie ist sterbenselend."
Man ruft den Arzt gegen Ihren Willen. Er kann nichts finden. Alle Organe sind gesund. Sie bildet sich's nur ein. Soll aufstehen; sich beschäftigen
„Sie sind ganz gesund, Frau Weber. Stehen sie auf. Ihnen fehlt bloß Zerstreuung. Arbeit gibt ihnen Ablenkung. Für ihre Krankheit kann der Arzt nicht helfen."
Sie schaut ihn mit bösen Augen an. „Braucht es nicht. Will Ruhe haben. Soll sich niemand um mich kümmern Ich will es nicht"
Der Arzt geht. Sie bleibt liegen. Nur zu den notwendigsten Arbeiten verläßt sie das Bett. Was küm
mert sie der Haushalt? — Was die Nachbarn, wenn sie sagen: „Die alte Weberin ist faul; mag nur nicht aufstehen, weil sie nichts arbetten will."--Gott im Himmel, nichts arbeiten will!--als hätte sie nicht ein
ganzes Leben lang gearbeitet und geschafft, wie ein Last, tier. Die Arbeit hat ihr den Rücken gebeugt und die Hände rissig und schwielig gemacht Nur durch die Ar- beit der Hände hat fie sich mit ihrem Mann das Häuschen und die Felder erarbeitet, und nun sagen di« Leut«: „Die Weberin ist faul!* — Sie lacht bitter auf; wühlt sich noch tiefer in die Kissen, kümmert sich noch weniger um Nachbarn und Haushalt. Einigemal kommen noch gutmütige Frauen; wollen Ordnung schaffen in dem vernachlässigten Haushalt. Bald bleiben sie weg; di« Weberin läßt es sich zu deutlich merken, wie unwillkommen sie ihr sind. Sie schimpft nur, statt zu denken: .Laßt mir meine Ruh. Mein Haushalt geht euch nichts an. Ist meine Sache, wenn ich krank bin und sterben möchte. Will das elende Leben nicht wetter mitmachen. Hab es ordentlich satt."
«
Es Ist Spätherbst. Kall weht der Sturm um das Hüttchen der armen Weberin. In allen Häusern hn Dorf wird der Kachelofen geschürt; man sitzt gesellig zusammen in der Stube und erzählt und arbeitet und ist zufrieden — Bei der Weberin brennt kein Feuer im Ofen; — still und kalt und düster verfließt ein Tag wie der andere. Sie liegt hn Bett und erwartet den Tod. Der kommt aber nicht, sie zu erlösen.
An einem düsteren Novemberabend klopft es an ihrem Fensterladen. Sie setzt sich im Bett auf, lauscht — es klopft stärker: „Weberin, macht auf!" Sie kennt die Stimme. Das ist der Gemeindediener Jakob. Was will der von chr? — Soll fie in Ruhe lassen. „Ich bin krank. Kann nicht aufmachen", ruft fie barsch zurück. . Da meint der Jakob, dann müsse man den Schlosserheiner rufen,
damit der die Haustür öffne. Wenn sie so krank ist, daß sie nicht aufftehen kann, dann müsse doch jemand nach ihr sehen. Das tät doch so nicht gut Und überhaupt wäre da roas Schriftliches von ihrem Heiner an die Gemeinde gekommen. Das müsse sie doch wissen.
Jetzt fährt die Weberin auf. Stülpt rasch den Rock über den Kopf und schiebt den Riegel der Haustür« zu- rück.
„Vom Heiner? Was ist's mH dem?" fragt fie hastig
Da geht der Jakob erst mit chr In die Stube und nimmt umständlich eine frische Prise aus seiner Schnupf- tabaksdose. Dann erzählt er, daß der Heiner gestorben ist und seine Frau mit einem andern durchbrannte. Wohin, das wisse kein Mensch. Nur die Kinder mit drei und vier Jahren hätte sie dagelassen. Der Gemeinde zur Last. Die sollen nun in ein Waisenhaus kommen, wenn sie die Großmutter nicht aufnehmen will. Das könne man aber der Weberin nicht zumuten, nachdem sie immer krank ist und den eigenen Haushalt nicht führen kann. Und zudem, der Hemer wäre ja noch — na. ja, ein lieber, richtiger Sohn wäre der Heiner nicht gewesen.
Die Web'erm saßt nach der Ofenstange, um sich zu hatten. — Der Heiner tot! — Ihr einziger Bub gestor- benl — Und er hatte sich mit der Mutter nicht versöhM! Ihre Glieder begannen zu zittern, sie ließ sich schwer auf die Ofenbank fallen und stöhnte laut auf.
lieber den Jakob kam das Mitleid. „Weberin, faßt euch. Er hat ausgelitten. Und die Kinder, die nimmt die Gemeinde über. Die kommen ins Waisenhaus."
Da reckt sich die zusammengesunkene Gestalt der alten grau. Sie hebt den Kops; das Auge bekommt Glanz.
„Die Kinder von mein Heiner brauch'n die Gemeind« net Die hab'n noch a Großmutter, die für sie sorgt. Die Kinner vom Heiner g'hörn mir!"
Der Jakob wehrt ab.
„Des is nix mehr für an alten, kranken Körper, des Kinneraufziehn. Ihr könnt euch selber net helfen."
Ihre Augen blitzen chn feindselig an. „Die Kinner von mein Heiner g'hörn mir," wiederholte fie nochmal scharf, „da hat die Gemeinde nix zu sag'n. So lang ich leb. sorg ich für fie."
„Ihr seid aber krank und habt selber nix!"
„Ob ich krank bin oder net, des geht die Gemeind« gar nix an. Und ob ich was hab oder net, wieder net Euch füllt die Weberin net zur Last und ihre EnkeMnner auch net. Die Kinner von mein Heiner g'hörn mir, ob's euch recht is ober net.* Sie zieht sich an und stapft mtt ihm zum Bürgermeister.--Im Dorf staunt man, —
seil Monaten ging di« Weberin nicht aus dem Hause, und da geht sie bei dem Hundewetter wie ein Gesundes durch das Dorf.
♦
Einige Wochen später durchhallt das Häuschen der Weberin frohes Kinderlachen. Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Knabe, tollen sich in der gemüttich durchwärmten Stube. Ordentlich festtäglich sieht das Stübchen aus. Alles tft blankgeputzt und In Ordnung In Küche und Stall hantiert die Großnuitter wie eine Junge, keine Arbeit ist ihr zu schwer; nichts zu viel. Die tiefen Falten des zersorgten Gesichtes verziehen sich lächelnd in tausend Fältchen, wenn das Jauchzen der Meinen in der Stube bis zu ihr tn die Küche bringt.
„Weberin, wo ist denn die Krankheit hingekommen? Wer hat dich so schnell g'sund g'macht?" ruft einmal der Jakob über die Straße herüber, als die Weberin ihren Stall für die (Seifen richtet.
Die nickt dem Jakob fteundlich zu.
„Die Kinner, Jakob, di« Kinner! — Wenn mir der lieber Herrgott nur noch a paar Iährle schenkt, — nur bis die Kinner größer sind. Des is mei einzige Sorg, Jakob, sonst hab ich keine. Etzt g'sällt mir erst mei Leb'n!"