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Ar. 270
um W0MMM
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Die Totenmaske.
D ewiges Gesicht, das sich enthüllt,
Das Gott gebildet hinter allem Loben, Nicht mehr mit Welt und Diesseits angefüllt, Nun es sich eigener Wahrheit ganz ergeben.
Des Lebens und des Werdens Fieberglut, Die dich vollendeten, sie sind verglommen, So tauchst du, reines Bild, aus dunkler Flut, Und alle Schleier sind von dir genommen.
Dein kleines Lächeln, dein verzagtes Leid Versanken. Nun du zu dir selbst genesen. Steigst groß empor du, aller Zeit befreit. Als das, was du für dich und Gott gewesen.
Martha Groß«.
Geldscheine.
Don I. Endringer.
Zitternd reibt das Mütterchen seinen Schein zwischen den Fingern, glättet ihn und reicht ihn bchutsam Wer den Ladentisch hinüber. „Zehn Mark," murmelt es dabei und sieht die Kassiererin in Erwartung des Wechselgeldes aufmerksam an. Nicht alle Tage hat es ja mit Geldscheinen zu tun!
Ohne sich die Mühe zu nehmen, den Schein auseinanderzufalten, wirst der Bonvivant im Restaurant dem Kellner die Zahlung hin. Nachlässig, fast ohne hinzu- fchen, streicht er das Silber, das er zurück erhält, in die hohle Hand.
Mst einer Gest«, die völlig maschinenhast geworden ist, läßt der Bankkaffierer Schein auf Schein zählend auf die Schaüerbank fallen, so schnell, daß der Abheber ihm kaum folgen kann und die ihm ausgezahlte Summe zunächst einmal auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Hat dieser Mann mit der geübten Hand überhaupt noch ein Bewußtsein von den Werten, die er aus den Tisch fallen läßt? '
So verschieden ist die Behandlung, die das Geld erfährt.
Geld — gibt es etwas Unpersönlicheres, etwas Schematischeres? Ein Schein gleicht haargenau dem andern. Die gleichen Buchstaben drauf, die gleichen Köpfe, die gleichen Facsimile-Unterfchriften. Und nur die rote Nummer in der linken oberen Ecke ist verschieden. Aber wer kümmert sich um die rote Nummer? Bei Tausendmarkscheinen schreibt man sie sich vielleicht manchmal aus. Aber bei den Zehnern, Zwanzigern, Fünfzigern — lohnt es die Mühe?
Hast du schon jemals Schicksal auf den Geldscheinen geschen? Klebte an einem Schein, den du in Händen hieltest, schon jemals Blut? Hast du schon je die Empfindung gehabt: dieser Schein und kein anderer ist durch meiner Hände Arbeit verdient, an diesem haftet mein schweiß?
Nein, die Scheine kommen und gehen. Ungerührt lauschst du den einen gegen den andern aus. Es ist, al- ob ein heiliges Gesetz einem jeden verbiete, einem Geldschein seine Unpersönlichkeit zu rauben, ihn zum Spiegel der menschlichen Schicksale zu machen, die doch mit einem jeden verknüpft sind.
Diele Jahrzehnte ist es her, ich war noch em Kind. Da standen eines Tages meine Eltern traurig da und sahen uns so seltsam an. Und dann sagte Mutter leise: „Wo nehmen wir wenigstens Brot für die Kleinen her?" Und Vater fatiete die Hände und sah uns auch so feit- m an. „Ich suche noch einmal", sagte er dann. Und anbte sich ab.
Nach einigen Minuten ertönte ein Schrei. Und dann kam Vater zurück. In seiner Hand hielt er eine ge- strickte grüne Börse mit vielen Maschen und Abteilungen, die in der Mitte durch einen Ring, der sich hin u. her schieben ließ, abwechselnd zu öffnen und zu schließen waren. Ein Keines Labyrinth, in dem sich wohl ein Geldschein unbemerkt irgendwo verstecken konnte. Es war aber kein Geldschein, es war ein rotes Goldstück, das sich diesen Zufluchtsort ausgesucht hatte, um in größter Not wieder zum Vorschein zu kommen. Vater und Mutter lachten und weinten abwechselnd vor Freude. Und dann zog Vater sein Taschenmesser hervor und ritzte da-
mit in kleiner Schrift auf die Rückseite des goldenen Zehnmarkstückes ein: „Hilfe in der Not."
Es wird nicht mehr vorhanden sein, dies goldene kleine Stück. Es wird im Lande unchergewandert sein, niemand ist vielleicht der feinen Inschrift aus der Rückseite gewahr geworden, und dann ist es eingeschmolzen worden zu einem großen Barren.
Die Erinnerung an dieses Ereignis wurde in mir wach, als ich neulich di« Geldscheine, die mir die flinke Hand eines Bankkassierer aufgezählt hatte, zu Hause durchsah.
Ein Zwanzigmarkschein war's. Er sah aus wie die übrigen. Aber an der Rückseite, am unteren Rande stand eine feine rote Schrift. Mit roter Tinte geschrieben. So fein, daß ich eine Lupe zu Hilfe nehmen mußte, um sie zu entziffern.
Als ich di« Schrift aber las, entfiel mir der Schein. „Um diesen Schein habe ich meine Unschuld verkauft", so stand da zu lesen.
Und plötzlich sehe ich ein junges Mädchen — tränen- überströmt — mit gelöstem Haar — über den Tisch gebeugt, an den winzigen Buchstaben malen. Nichtwieder- gutzumachendes fft geschehen, Unwiederbringliches ist verloren. „Um diesen Schein . .
Der dunllen, verführenden Nacht folgte der klare belichtende Tag, dem schuldvollen Rausch das reuige Erwachen. Vielleicht aud) der drängenden Not das Bewußtsein, daß es Werte gibt, die höher stehen als jeder
Preis, der dafür geboten wird. Und die Reue malte das Bekenntnis auf den braunen Schein.
Er soll nicht weiter wandern in eine Welt, die keine Augen für geheime Schriftzeichen hat. Er soll sühnen, soll sich opfern und soll Gn-d" für eine
schuldbeladene Seele. In dieser Absicht lass« ich ihn in einen Opferkasten fallen.
„Um diesen Schein . . ." Wenn wir alle unsere Schuld auf die Scheine schrieben! Wenn wir sie sprechen ließen von dem, was uns bedrängt und bedrückt und reut, wenn wir sie mit unfern Schicksalen zeichneten! Wird das große Schuldbuch der Ewigkeit nicht vielleicht mchr gezeichnete Scheine enthalten, als uns lieb ist?
Aber was sind das für Ideen! Geld muß unpersönlich fein; dem Geld darf man nicht ansehen, was alles mit ihm und durch es geschieht. Geld muß sauber und neutral fein. Geld muß jeder gern in die Hände nehmen. Daher ziehen die Notenbanken schmutzige Scheine ja auch ein. Sie ziehen auch Scheine mit Inschriften ein, wenn ihnen solche einmal vorkommen.
Und so bin ich überzeugt, daß der Schein mit der winzigen roten Schrift über den Opferkasten hinweg schon längst bei der Notenbank gelandet ist und in der Papiergeldmühle zu Staub zerrieben worden ist.
Db auch das Menschenkind, das ihn beschrieben hat, bereits in der Tretmühle des Lebens zerrieben worden ist?
Elefanten belieben zu scherzen. Liebkosungen und Schlüsselbeinbruch. — Freundschaft zwischen Dickhäutern und Rotkehlchen. — Warum Oliver das polizeiliche Notizbuch fratz.
Von Harris
Ein Elefant im Loniwner Zoo meinte es ohne jeden Zweifel recht gut mit feinem Wörter, als er kürzlich den Mann mit feinem Rüffel umfing und liebevoll an sich preßte. Das sollte sicher der Dank für einen besonderen Leckerbissen fein, ben der Wärter ihm eben zugesteckt hatte. Machten es nicht viele Menschenpärchen, wenn sie einmal allein vor seinem Gehege standen, ebenso? Rur daß sie statt des Rüssels die Vorderbeine nahmen.
Für den Wärter freilich war die Umarmung mehr ehrenvoll als angenehm. Denn sie trug ihm ein gebrochenes Schlüsselbein und ein paar gequetschte Rippen ein. Aber deshalb ist er seinem Pflegebefohlenen noch längst nicht gram.
Eine merkwürdige Geschichte, die lebhaft an die von Androkles und seinem Löwen erinnert, ist die vom Zir- kuselesanten und dessen Freund. Sie trug sich vor einigen Jahren in Indien zu. In einer der dortigen Großstädte gab ein Wanderzirkus eine Vorstellung. Ein Elefant hatte eine Nummer hiervon allein zu bestreiten. Gravitätisch betrat er den Ring und machte, „um sich den Herrschaften zu zeigen", erst einmal die Runde. Dabei schien er sich für die Zuschauer ebenso zu interessieren wie diese für chn. Plötzlich blieb er aber stehen, was nicht zum Programm gehörte, starrte mit allen Anzeichen freudigen und etwas ungläubigen Erstaunens einen Inder an, der auf einem billigen Platz für drei Anna saß. Dann trat er vorsichtig zwischen ine ersten Stuhlreihen, streckte seinen Rüssel aus, packte den Mann und setzte chn bchutsam auf einen leeren Sitz für eine Rupie, den besten Platz, den es im Zirkus gab. Anscheinend hoch befriedigt vollendete der Dickhäuter seinen Rundgang und bestritt seine Programmnummer.
Natürlich hatte der merkwürdige Vorgang helle Aufregung hervorgerufen. Der Inder wurde mit Fragen bestürmt. Schließlich erfuhr man, daß auch er den Elefant wieder erkannte, dem er früher während dessen Dienstzeit als Arbeitselefant auf einer Pflanzung öfters kleine Leckerbissen zusteckte. Allem Anschein nach hatte das Tier begriffen, daß es ein Vorzug sein mußte, in der ersten Stuhlreihe des Zirkuffes zu fitzen. So hatte er feinem allen Bekannten den Dank für genoffene Wohltaten abftatien wollen.
Khartoum, der größte Elefant der letzten Zeit, der kürzlich im Alter von nur 29 Jahren im Newyorker Zoo
Brockett.
einging, war im Gegensatz zu seinem indischen Vetter ein ausgesprochener Menschenhasser. Als Dreijährigen hatten chn Amerikaner im Sudan gefangen. Er konnte also noch nicht viel Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben. Und doch enttäuschte er durch seine Haltung alle Hoffnungen. Er wollte in seinem Gehege nichts von den Menschen wissen, und kein Wärter durfte sich ju ihm wagen. Er verbrachte die Jahre seiner Gefangenschaft bannt, daß er allen Besuchern die breite Kehrseite zeigte und sich nicht von der Stelle rührte. So war es auch kein Wunder, wenn er an Herzverfettung starb.
Doch auch Khartoum war nicht ohne alle Freunde. Er bewirtete in seinem Elefantenhaus ständig ein paar Rotkehlchen, die sich unter dem Doch ihre Nester gebaut hatten. Seine einzige Freude auf dieser jammervollen Welt schien es zu fein, die zerbrechlichen Nesterchen mit seiner Rässelspitze zu betasten. Er beschädigte sie aber niemals, und die Rotkehlchen bezeugten nicht die geringste Angst vor dem riesigen Dickhäuter.
Wenn Elefanten öffentliche Straßen benutzen, so ist das in unseren Zeiten steigenden Verkehrs immer eine kitzlige Sache, besonders bei Nacht. Da die Dickhäuter keinen natürlichen Rückstrahler haben, gerieten in Indien oft genug Radfahrer und Kraftwagen mit den massiven Kehrseiten stiedlich heimtrottender Elefanten in unangenehm« Berührung. Um dies in Zukunft zu vermeiden, schrieb das englische Gouvernement auf Zeylon vor etwa drei Jahren vor, sämtliche Elefanten müßten nach Einbruch der Dunkelheit auf öffentlichen Straßen mit einer Laterne am Schwanz versehen werden.
Leider hat diese weffe Verfügung in Brasilien keine Geltung, sonst wäre nicht vor einiger Zeit in einer dortigen Großstadt ein Zusammenstoß zwischen einer Straßenbahn und einem weiblichen Zirkuselefanten vorgekommen. Die Straßenbahn rannte in der Dunkelheit und auf abschüssiger Straße von hinten in die dicke Same hinein, die eben in Begleitung ihres Ehemanns durch die Stadt geführt wurde. Das Weibchen quikte vor Schreck, stolperte ein paar Schritt und legte sich dann stöhnend auf die Seite.
Damit war das schönste Verkehrshindernis geschaffen. Denn das Weibchen war entweder tot oder zum mindesten bewußtlos, und das Männchen ließ niemand an
Das Ereignis von Brosnaroa.
Von Kurt Müno.
Um die niedrige Parkmauer, die an der Landstraße entlang lief und sich kurz vor dem beginnenden Hochwald in die Nacht hinein verlor, bog in scharfer Karriere eine kleine Eskorte; voran etwa zwanzig Rester, gefolgt von einem Schlitten, der von einem Dutzend berittener Fackelträger eskortiert war. Den Beschluß machte eine Eskadron Leibgardisten, bärtige Kerle mit Hünen- gestalten, hochaufgeschlagenen Mantelkragen und Bären- mützm, die Gewehre quer über den Rücken. Der Zug bog, ohne seine Schnelligkeit im geringsten zu mäßigen, in das breite Hoftor em und hielt in plötzlicher Wendung vor dem breiten Pottal, zu dem eine große Freitreppe emporführte. Die Türen wurden ausgerissen, Adjutanten sprangen heraus und auf den Schlitten zu, Glieder erstarrten in der Dezemberkälle zu strammer Haltung, Mel- düngen wurden erstattet und der rote Schein der Fackeln huschte über die weiße Schloßfront und fiel auf di« wette Schneedecke zurück. Ein kleiner, untersetzter Mann in stanzösischer Offiziersuniform stieg, etwas unbeholfen und schwerfällig, aus dem Schlitten, nahm die Meldungen der Offiziere ohne große Aufmerksamkeit entgegen, schritt die Freitreppe empor: Napoleon, Kaiser tum Frankreich, betrat auf seinem Vormarsch nach Moskau das Herrenschloß von Brosnawa, um dort öie Nacht zu verbringen.
Es war ein geräumiger Saal mit Fenstern, die nach dem Park hinausgingen, die man ihm vorbereitet hatte. Ein Kamin verbreitete Wärme und Freundlichkeit. An den Wänden brannten deren zitterndes Licht
auf goldumrahmte Porträts fiel, würdige und schöne Damen in festlicher Hoftracht, ernste Kavaliere in polnischen ober russischen Uniformen. Des Kaisers Stimmung war die beste. Sein Blick fiel auf die Gemälde. Er grüßte leise hinauf zu diesen Damen und Herren vergangener Jahrhunderte. „Bonsoir, mesbames, meffiers. Ich habe heute die Ehre —!" Dann warf er seine Reitpeitsche in einen der Brokatsessel des Zimmers, ging pfeifend durch den Raum. Ein Adjutant sprang herzu, um ihm beim ablepen behilflich zu fein.
„Alles in Ordnung?" fragte der Korse.
„Alles!"
„Die Bewohner?"
„Verschwunden."
„Umgebung abgesucht?"
„In drei Mellen Umkreis kein Mensch."
„Die Posten?"
„Auf ihrem Platz."
„Gut —"
Der Kaiser setzte sich, nahm ein paar Bissen von dem ihm dargereichten Essen, schob den Teller schnell bei- seste, stürzte ein Glas Rotwein hinunter, schlug eine Karte auf. Das flüssige Stearin der Kerzen tropfte darauf.
„Eapttaine Guizot!" Der Angeredete sprang hervor.
„Sind die Ordonnanzen unterrichtet, wo mich Mel- bungen erreichen?"
„Vollkommen, Sire!"
Der Kaiser vertiefte sich in das Studium der Karte. Seine Zähne gruben sich in die Unterlippe, wie dies bei starkem Nachdenken immer geschah. Eigentlich war er zufrieden. Endlich einmal zufrieden. Gegen Abend hatte ihn die Nachttcht erreicht, daß seine Vorhut sich in den weichenden Feind eingebiffen hatte, ihn nicht mehr von sich ließ. Er würde die Entscheidung erzwingen, wenn auch die russischen Generäle auswichen. Tag um Tag, Woche um Woche.
Napoleon stand auf und ging zum Fenster. Vollmond lag über dem Park von Brosnawa.. Der Schnee blendete. Dick lag feine Last auf ben Fichten. Dahinter lag der Wall», der Urwald. Ein Tier beulte, langgezogen, heiser, es mochte ein Wolf fein. Und hinter diesem Wald schlugen sich seine Braven, seine Tapferen, öie er liebte, die Alten von den Pyramiden und von Auer- ftäbt. Und die anderen, die er mst sich gerissen hatte wie ein Komet einen Weltkörper, der in seine Nähe kommt. Er riß bas Fenster auf, breitete die Arme aus, sog die Nachtluft tief ein. Die Lichter flackerten. Im Kamin flammte es rötlich auf. Er war der Kaiser!
Er wartete auf Nachricht. Vor Mitternacht konnte sie nicht da fein. Bis dahin wollte er ruhen. Die Winterlust sitzt einem in den Gliedern, meinte er, macht müde. Man löschte die Lichter, zog sich respektvoll zurück. Napoleon streckte sich auf dem Ruhebett aus. Von draußen drang monoton der Schritt des patroullieren- ben Wachtpostens herein.
Er schloß die Augen. Aber er konnte nicht einschla- fen. Die Schritte des Wachtpostens, bas heisere Geheul der Wölfe aus dem Wald, bas leise Prasseln und Knacken im Kamin störten chn. Hob er ein wenig die Augenlider, sah er den rötlich leuchtenden Schein des verglimmenden Feuers auf ben Goldrahmen der Gemälde an der Wand. Cr suchte mit seinem Willen den ersehnten Schlaf her- belzuholm, doch die oftmals angewandte Uebung versagte heute. Die Anspannung der letzten Wochen lag ihm in den Gliedern. Vor seinen geschlossenen Augen sah er das ungeheure russische Reich, hungrig nach Menschen, vor sich Weite, hinter sich Weite, links und rechts Weste, Ebene, Wälder. Ihn fröftelte ein wenig. Mit seinem linken Arm schlug er die Pelzdecke dichter um sich. Was waren das für Gedanken! Vielleicht schon heute umzingelten seine Braven den russischen Bären!
Wie er sich in feiner nervösen Unruhe auf seinem Sager umherwarf, öffnete er unbewußt ein wenig seine Augenlider und erspähte im Bruchteil einer Sekunde etwas, bas ihn erstarren ließ. Ein Gesicht war am Kamin, umspielt von der letzten Glut des Feuers, die Augen starr auf ihn gerichtet. Der Kaffer riß, unfähig sich zu rühren, vor starrem Staunen die Augen auf. Es war keine Täuschung, der Kopf war da, ein Mann war da, unbeweglich, an den Kamin gelehnt. .
„Guten Abend, Sire," sagte der Fremde, der, sowest die Beleuchtung es zu bemerken zuließ, die Tracht eines russischen Edelmannes trug.
„Wer sind Sie!" stieß der Kaiser hervor, der jetzt erst aufjufpringen vermochte. Die Pelzdecken glitten von ihm, und er saß im Nachtgewand auf dem Ruhebett.
„Ich habe die Ehre, Sie in meinem Schloß begrüßen ZU dürfen, Sire," sagte der Edelmann und machte eine leichte Verbeugung. „Ich habe wohl nicht nötig, hinzu- zufügen, daß ich diese Ehre gern missen möchte."
seine gefällte bessere Hülste herankommen. Auch den Bemühungen der Feuerwehr leistete es wütenden Widerstand. Man war schon verzweifelt und wußte nicht, wie man das Hindernis aus dem Wege räumen sollte, das nur schon über eine Stunde den Verkehr vollkommen lahm legte, als das Weibchen plötzlich wieder zum Leben erwachte, auff prang und nach freudiger Begrüßung durch ben Gatten bem Wörter ruhig folgte. Allgemein wurde behauptet, die Elefantendame habe die Ohnmacht nur gut gespielt, um sich an den Menschen für den empfindlichen Stoß in die Kehrseite zu röchen.
Auch Oliver, der Elefant eines englischen Wanderzirkus, scheint vom modernen Verkehr nicht restlos entzückt zu sein. Sonst hätte er sich nicht vor wenigen Tagen in Richmond einen kleinen Streich geleistet. Er trottete im Verlauf eines Propaganda Marsches mit anderen „Nummern" des Zirkuffes hinter seinem Wätter her durch die Stadt. An einer Straßenkreuzung wurde der Zug, mit Oliver an der Spitze, durch einen Verkehrsschutzmann aufgehalten, weil einigen Kraftwagen das Vorfahrrecht zuftand. Oliver aber schien die Verkehrsvorschriften nicht zu kennen, denn er kümmerte sich nicht um die erhobene Schutzmannshand, sondern trottete weiter, der Wörter mit chm. Beide blieben erst mitten auf der Kreuzung stehen, nachdem sie den Verkehrsposten schon beinahe umgerannt hatten. Der zog nun die Stirn in amtliche Falten und sein großes Notizbuch aus der Tasche, wollte zu schreiben beginnen: „Name?"
Entweder verstand nun Oliver die Sache falsch uni» hielt das Nottzbuch für einen Leckerbissen, oder er wollt« sich röchen. Auf jeden Fall streckte er den Rüssel vor, nahm dem verdutzten Schutzmann das Notizbuch mitsamt dem Bleistift und einigen Strafmandaten, di« der Polizist nach seinem Dienst verteilen sollle, aus der Hand und verschluckte alles auf einmal.
Dann ging er ruhig weiter, und der Schutzmann konnte nichts Besseres tun, als herzhaft in das Gelächter aller Zuschauer einzustimmen. Wie sollt« er auch den Elefanten ohne Notizbuch auffchreiben?
Das Wunder.
Skizze von I. Harlacher-Augsdurg.
Es ist schon jetzt eine ziemliche Zeit her, seit der Pa« dffchah Jbrabum nicht mehr in Schluzfftan residiert. Seine Herrlichkeit war seinerzeit etwas in die Breit« geraten, weil sie meistens im Sitzen regierte und zu großen Appetit hatte. Daß übrigens ein riesiger Schmerbauch etwas Abscheuliches fei, der Gedanke kam ihm gar nicht, denn von morgens bis abends priesen ihn seine Wesire und Paschas und überhaupt alle Schlu- zfftaner als den Herrlichsten von allen, als die duf- tendste Blume, als die fchlankefte Gazelle im Garten Allahs. Sie wußten wohl warum! Seinen Kopf konnte man nämlich in Schluzfftan rasch herunter haben, und fünfzig auf die Sohlen bekam man noch viel leichter.
Aber trotz alledem! Der Padischah von Schluzfftan! wurde urplötzlich über Nacht klapperdürr. Und das bloß wegen eines hergelaufenen, windigen Engländers. Es klingt dies zwar unbegreiflich, aber es war eben ein Wunder.
Engländer schnüffeln bekanntlich überall in der Welt herum, und so geriet einer auch nach Schluzfftan. Er machte natürlich Jbrabum dem Herrlichen feine Aufwartung. Der Herrscher, gut aufgelegt, zeigte dem Fremdling fein Arsenal mit den Holzkanonen, seine Schatzkammer mit Kisten voll echter Edelsteine aus Glas und noch echterer goldener Säbel aus Messing, und dann fragte er den Engländer, ob sein armseliger König daheim auch nur einen Turban voll solcher Schätze hab« wie er.
Selbstverständlich verneinte der Engländer und lacht« dabei heimlich recht stech. Auch nahm er es sich reichlich zur Notiz, daß Jbrabum der Herrliche nur ein unwissender Hottentotte war, und bemaß danach seine Geschenke. Er wählte für den Herrscher aller Schluzrstaner aus den eigenen Beständen einige recht entbehrliche Sachen aus, so z. B. eine echt silberne Schnupftabakdose, an der bloß das Silber zum größeren Teile fehlte, ein Glas schlecht gewordener Tinte mit der Bezeichnung „Wunderbalsam" und — und weil er sich nicht mehr damit schleppen wollte — eine abgetragene Uniform mit frisch geputzten, goldig glänzenden Knöpfen. Ibrahim
„Sie sind der Besitzer des Schlosses?" fragte der Kaiser, der die Selbstbeherrschung noch nicht ganz zurückge- wonnen hatte, in einem nicht gerade freundlichen Tone.
,Ja, Sire!"
„Wie kommen Sie hierher?"
„Durch die Tapetentür, die Ihre geschäftigen Adjutanten zu übersehen geruhten. Sie müssen entschuldigen, daß ich gar so wenig Umstände bei Ihrem Empfang machte. Meine Mittel ließen es nicht zu. Früher pflegte ich Wölfe und Räuber mit der Pistole zu verjagen."
Napoleon wollte aufspringen.
„Keinen Laut, Sire, wenn Ihnen Ihr wertvolles Leben lieb fft. Meine Pistole ist auf Sie gerichtet. C'est la guerre. Ich habe zuerst die Absicht gehabt. Sie nie- derzuschiehen. Denn ich hasse Sie, well Sie mein Vaterland verwüsten. Aber ich weiß jetzt, daß Sie in Ihre Idee so verrannt sind, daß es meiner Kugel nicht mehr bedarf. Ihr Sturz wirb Ihr Werk mit sich reißen. Da» braucht Europa. Darum mögen Sie weiterrasen!"
„Legen Sie die Pistole beiseite, ich werde Lärm machen!"
„Sie verzeihen, wenn ich auf die eigene Sicherheit bedacht bin. Hören Sie die Wölfe draußen heulen?" Er machte eine Pause, in die das langgezogene, melancholische Geheul der Bestien drang. Der Kaiser zittert« vor Nervosität und Kälte. Der Lauf der Pfftole seiner Gegners glänzte im Widerschein des verglimmenden Kaminfeuers.
„Hören Sie," sagte der Russe, „das sind unser« Freunde und Bundesgenossen. Die und der Schnee. Haben Sie nicht Furcht, unter sein Leichentuch zu kommen?" Napoleon sah das höhnische Lächeln des anderen.
„Zum Teufel," sagte er, „ich weiß nicht, warum ich mich eigentlich mit Ihnen unterhall«. Was wollen Sie von mir?" Und, wie um Gleichmut vorzutäuschen, hielt er seine Hand vor den gähnenden Mund.
„Nun eigentlich nichts mehr", sagte der unheimliche Russe, „ich wollte den großmächtigen Empereur einmal von Auge zu Auge sehen, vor dem Europa zittert und der nachts doch auch wie alle Menschen ein Schlafgewand anhat und manchmal vor Kälte zittert. Gar nichts mehr von der bunten Uniform. — Sire, grüßen Sie die weiten