Ar. 265
Beilage zur Fuldaer Zsikuug
15. Aovember
So ruhig geh ich meinen JJ’aö....
So ruhig geh ich meinen Pfad,
So still ist mir zumut, Es dünkt mich jeder Weg gerad Und jedes Wetter gut.
Dahin mein Weg mich führen mag, Der Himmel ist mein Dach, Die Sonne kommt mir jeden Tag, Die Sterne halten Wach'.
Und komm ich spät und komm ich früh Ans ZiÄ, das mir gestellt — Verlieren kann ich mich ja nie O Gott, aus Deiner Welt.
Eichendorff.
Soldaten 1
Line zeitgemäße Besinnung zu Karl v. Llausewih 100. Todestag.
Der Geist des Friedens wird überall in der Welt gepredigt. Selbst die Sieger möchten 1914—1918 ungeschehen machen, nachdem auch sie den Irrsinn des Krieges zu spüren bekommen. Wir hätten so wahrhaftig keinen Grund, am 16. November den größten „Lehrer des Krieges" zu uns reden zu lassen, den gei- sttgen Vater des älteren Mollke und dann Schliessens, wäre er das gewesen, für was das 19. Jahrhundert und noch heute viele ihn haben wollen: Prophet des ..Krieges als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln".
Gewiß, Clausewitz war der unerbittlichste Feind Nci- zwleons. Er war die Seele von der den Freiheitskrieg einleitenden Konvention zu Tauroggen: er war der Ve-
General Carl von Llausewih, fcer bedeutende Militärtheoretiker und Stratege der preußischen Armee, starb vor 100 Jahren, am 16 Noo 1831, öljährig in Breslau. Aus dem Generalstab hervorgegangen, wo er unter Scharnhorst, später unter Eneisenau arbeitete, bekleidete er die Stelle des Generalstabschefs in verschiedenen Armeekorps und leitete später die allgemeine Kriegsschule. Seine militä ischen Schriften gehören zu den bedeutendsten strategischen Werken des 19. Jahrhunderts.
gründer der Landwehr. Aber schon daß er dieses Wort erfand für die „Nationalmiliz" Scharnhorsts, daß er die Offiziere dieser Landwehr von den Wehrmännern selber gewählt wissen wollte, daß er sogar soweit ging, „esprit de corps" (beim Heere!) mit „Jnnungsgeist" zu verdeutschen, das beweist schon rein äußerlich, wie wenig „Militarist" dieser Verfasser des berühmten Buches „Dom Kriege" war. Nicht um des Krieges willen sondern deshalb rief er — und keiner so wie er — zum Kamps gegen den Korsen auf, weil er sah, wie unter dem Joch des Siegers die Herrschaft der Feigen, der moralischen Gemeinheit triumphierte: der Bauch. Feierlich sagt er sich in seiner „Bekenntnisschrist" 1812 los „von der sündhaften Vergessenheit aller Pflichten für das allgemeine Beste; von der schamlosen Ausopferung . . . aller persönlichen und Menschenwürde". Denn zu genau sah er, daß die „Nationalverderbtheit" wie Geschwüre äußere Zeichen einer tiefen Krankheit sind, von der das Ganze nur allzuleicht untergraben, vergiftet und aufgelöst werden firnn" •'*>—> T>fe sitzen
den Krankheit wollte er Arzt sein. Nicht Militärs, d- h- Kriegskünstler, wollte er ausbilden, sondern Soldaten das hieß für chn: Charaktere. Es kann heute für uns
nichts Vorbildlicheres geben, als der aus diesem Glauben wachsende Mut der Hingabe, wie ihn Clausewitz in seinem eigenen Leben — ohne je zu verdienten Ehren zu kommen — hinreißend bewiesen hat. „Wie ein unerbittlicher Prophet, ein finsterer Sohn des Fatums, mit dem man nicht dingen und handeln kann um den Preis" — so wie er es hier von Gneisenau verlangt, so redet er uns noch heute wieder ins Gewissen: „Der Entschluß soll aus der Notwendigkeit der Rettung hervorgehen, nicht aus der Leichtigkeit derselben."
Nur deshalb denn sind unsere Väter aus dem Elend ihrer Zeit wieder ausgestiegen, nicht well sie sich von Clausewitz zu Milttaristen hatten machen lassen, sondern weil sie sich von ihm sagen ließen, was er uns heute von neuem wieder als Mittel auch zu unserer Rettung verkündet: „Die Zell ist euer; was sie sein wird, wird sie durch euch sein. Euren Kindern, Kindeskindern wollt ihr die Sorge überlassen, das Vaterland wieder emporzuheben aus diesem Abgrund, in dem so vieler Stoff 3u großen Dingen ohne Zweck vermodert. — Warum tut ihr's nicht selbst!"
Dr. Hans Gotthard.
Der Evangelist des modernen Machlslaales
Zu Georg Wilhelm Friedrich Hegels 100. Todestag am 14. November.
„Gelogen, gestohlen und spioniert wird überall in der Diplomatie". Damit entschuldigte Mr. Ponsonby, der ehemalige englische Unterstaatssekretär im Auswärtigen Arni, die revolutionierende Geheimarbeit der Russen. Sellen ist das Prinzip des modernen staatlichen. Zusammenlebens derart offen bekannt worden. Wir möchten darüber schaudern. Und doch, man ist gewohnt, diesen Grundsatz als selbstverständlich in der Form hinzunehmen: Prioatmoral und Staatsmoral seien in unserem Zeitalter höchster politischer Machtentfaltung schlechterdings unvereinbar. Es ist doch so: Was wir als „wahrhaft ungeheuerliche Verlogenheit" (Troeltsch) am Versailler Diktat verurteilen, bejahen wir bei Friedrich dem Großen oder Bismarck — als „echt" Deutsche auf das Treitschke-Wort getauft, das Wesen des Staates fei „Macht, wiederum Macht und abermals Macht". Selbst unser eigenes Schicksal hat vielen von uns noch nicht die Augen zu öffnen vermocht für bas was er um dies „klassische" Evangelium des modernen Machtstaats ist, das vor hundert Jahren der „preußische Staatsphilo- soph" an der Berliner Universität verkündete.
Gewiß, die Hezelsche Lehre hätte nicht diese wett- ersassende Wirkung haben können ohne ganz reale Ursachen: Hegel erlebte in der französischen Revolution wie wn Zusammenbruch des alten Deutschen Reiches die politische Unmöglichkeit des neuzeitlichen Persönlichkeitskultes. In „Theseus-Napoleon sah er den erfolggekrönten Vorkämpfer eines ichverneinenden nationalen Staatsbewußtseins. Ganz im Bann des weltbezwingenden Korsen, lernte er von „diesem großen Staats- rechtlehrer in Paris", wie man die in Anarchie sich zerfleischenden Einzelmenschen zu einem Staat zufammen- zwingt, der machtgebietend andere Völker zu erobern vermag, um aus diesem Wege die eigenen Untertanen I Zu ihrem Ziel: persönliche Wohlfahrt zu bringen Hegel weiß sehr wohl — auch aus eigener politischer Betäti- I gung z. B. im württembergischen Verfassungskampf — |
daß der Staat „kein Kunstwerk" ist. Er steht in de: Well, somit in der Sphäre der Willkür, des Zufalls und des Irrtums . . . Wer der häßlichste Mensch, bet Verbrecher, ein Kranker und Krüppel, ist immer noch ein lebender Mensch: das Leben besteht trotz des Mangels, und darum ist es hier zu tun". Mag — so denkt Hegel mit Macchiaoelli, im staatlichen Leben nicht alles einwandfrei zugehen: „die Verständigen werden Romu- lus jede Ruchlosigkeit der Handlung vergeben um der Zwecke willen, die er verfolgte, und des Erfolges, den sie hatten". Nur drückt Hegel das ganz anders aus, eben so, daß er auch die in fernen Bann zu ziehen vermochte, die sich dessen gar nicht bewußt wurden: „(Eine große Gestatt, die da einherschreitet, zertritt manche unschuldige Blume, muß auf ihrem Weg manches zertrümmern"; doch „das Recht des Weltgeistes geht über alle besonderen Berechtigungen".
Das Recht des Weltgeistes! Hier haben wir Grundlage, Anfang und Ende der Hegelfchen Staatslehre. Der Staat ist nicht nur bester Bürge und Hüter des Lebens, er ist der „Weltgeist" selber: „Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist". Denn nur im Staat wird das Chaos der gegeneinander kämpfenden Jchs gebändigt, ohne daß dem Ich etwas genommen, im Gegenteil so, daß ihm noch etwas zugegeben wird. Indem sich nämlich der Bürger dem Staatsganien unterwirft, gehorcht er feiner eigenen Vernunft. Alle Teile des Staates sind gliedhaft einander zugeordnet und bauen so mit ihren Funktionen eine geordnete Einheit auf, die Vollendungsform des Menschen, das Voll-Jch Staat ist Zwang weil Freiheit nicht Willkür ist, sondern vernünfttges Ja-sagen zur Vernunft: „Nur der Wille, der dem Gesetze gehorcht, ist frei, denn er gehorcht sich selbst . . Indem sich der Wille den Gesetzen unterwirft, verschwindet der Gegensatz von Freiheit und Notwendigkeit." So ist der Staat „die Welt, die der Geist sich gemacht Hot", erhaben über der „unterstaatlichen
reinen Interessengesellschaft, in der jeder sich selbst Zweck ist, den andern aber nur als Mittel zu seinem Eigennützen gebraucht". Dem entgegen „eint der Staat bas Besondere mit dem Allgemeinen, den Einzelnen mit der Gemeinschaft, die Privatinteressen mit den Gesellschaftszwecken". Deshalb ist er „das an und für sich Vernünftige", ,chie Verwirklichung der Freiheit", „die Wirklichkeit der sittlichen Idee", Sittlichkeit im Vollsinn"; er ist „der göttliche Wille, als gegenwärtiger, sich zu wirklicher Gestalt und Organisation entfaltende Geist", ein „Irdisch-Göttliches": Der Staat ist „der wirkliche Gott".
Ist das der Fall, dann hat dieser Staat „keine höhere Pflicht, als sich selbst zu erhalten, sich durchzusetzen im Innern wie nach außen. Aber was folgt daraus? Das was wir heute als eine große Gefahr, als ein Unheil erkennen: Jni Innern kann er keine Presse dulden, die anders will als er. Nur solche Religion kann er anerkennen, die ihm gleichgerichtet ist; der Staat geht eben über alles. Er ist ja das „Vernünftige", die Religion aber nur „Vorstellung"; deshalb steht der Staat als der „Wissende" über dem bloßep „Glauben"; darum ist der Staat auch allein der Hüter der Wissens<baft, und zwar so, daß er sie vor Irrwegen — und bas sind alle außer dem seinen — bewahrt. Die Kirche, die bas nicht anerkennen will, kann der selbstbewußte Staat nicht dulden. So scheint ihm mit dem Katholizismus .keine vernünftige Verfassung möglich", well er eben die „vernünftige Staatsverfafsung nicht anerkennt. Aber auch jener Protestanttsmus hat in diesem Staat keinen Platz, der. mehr als innere Gesinnung, nicht unterschreiben kann, der Mensch habe „allen Wert und alle geistige Wirklichkeit allein durch den Staat". Das Christentum kommt im übrigen auch deshalb nicht als Staatsreligion in Betracht, weil es — hier hören wir schon Nietzsche als Nachfolger Hegels — im Gegensatz zu dem staats- und weltfrohen Griechentum zu sehr die Tugend der „Abhängigkeit" pflegt, wonach „der Hund der beste Christ" ist; „auch Erlösungsgefühle hat der Hund, wenn feinem Hunger durch einen Knochen Befriedigung wird". M't einer solchen Religion kann sich der Machtstaat doch nicht nach außen durchsetzen. Dazu aber wird er dauernd gezwungen. „Als einzelnes Individuum ist er ausschließlich gegen andere eben solche Individuen". Im Verhältnis der Staaten zueinander gibt es jedoch keinen „Prätor" als höchste Instanz über den „vollkommen selbständigen Totalitäten" der souveränen Staaten; hier steht Selbständigkeit gegen Selbständigkeit, ganz abgesehen davon, daß im Dauerfrieden „ein Versumpfen der Menschen" einträte.
Aus solchen verderblichen Gedanken entwickelten sich nicht nur die Anschauungen eines Moltke, Treitschke ober Nietzsche, sondern im 20. Jahrhundert auch der Falchs- mus wie — mit umgekehrtem Vorzeichen — der Bolschewismus. Lenin könnte ebenso gut gesagt haben, was das faschistische Programm 1921 an Hegelfchen Gedanken also formulierte: „Die Nation ist . . . die höchste Zusammenfassung aller geistigen und körperlichen Kräfte der Rasse. Ausdruck der Nation ist der Staat. Er ist souverän und darf nicht von der Kirche behindert werden". „Alles im Staat, nichts gegen den Staat, nichts außer dem Staat", ein Wort Mussolinis, das fein Bruder Arnaldo dchin erläuterte es fei absurd über die Grenzen der Staatsmacht überhaupt nur zu diskutieren; das Individuum müsse sich als Atom fühlen, das „seine Unsterblichkeit durch die Nation" erhalte. So haben auch die eigentlichen Väter des Bolschewismus, Lassalle wie Engels, deutlich
warum siehen wir zu Brüning 7
Nicht ««Nationale Opposition**« sondern Zusammenfattung aller aufbauwilligen Kräfte zur Rettung des Vaterlandes!
Geber dieses Thema spricht in unserer großen Kundgebung, lenst^g. den 17. Novbr.« abends 8.15 Uhr der Führer der Zentrums-Jugend, Reichstagsabgeordneier Dr. Krone-Berlin im großen Stadtsaal. ....
- ____________________________ Windthorstbund Ful^a.
Solveigs Lied.
Novelle von E. A Stein.
Dorothee war der Verzweiflung nahe. Schon zwei ^age lang war sie treppauf, treppab gelaufen, auf der eudje nach einem möblierten Zimmer. Immer um- fonft. Obwohl es möblierte Zimmer im Ueberstuß gab. „öte sind Musikftudentin? Ach, dann spielen Sie wohl viel Klavier?" — „Klavier und Geige," erwiderte sie darauf wahrheitsgetreu. Aber dann Happten die Tü- ren vor ihr auch schon zu. „Bedaure, das stört zu sehr."
«o auch dieses Mal. Gerade wollte die Tür wieder vor ihr Zuschlägen, da trat jedoch ein Herr aus dem Innern der Wohnung, offenbar im Begriff, sie zu verlaßen. .Larauf deutete jedenfalls der Hut, den er auf bem Kopf trug, und die Handschuhe, die er eben über- streifte. Weiter konnte Dorothee in dem Zwielicht der Diele nichts von ihm erkennen.
Die Zimmervermieterin, die ihre Absage schon auf her Zunge hatte, schien nun unschlüssig zu werden. Sie wandte sich halb verlegen an den Herrn: „f)err Doktor, hier ist eine junge Barne, die das zweite Zimmer mieten möchte." Zögernd setzte sie hinzu: „Aber sie ist Musik- studentin. Und Sie brauchen wohl Ruhe zum Schreiben. Das würde wohl stören." Fragend sah sie zu dem Herrn auf, der nun mit dem Rücken nach der Eingangstür stand.
Der besann sich einen Augenblick. „Sie haben das Zimmer aber schon eine ganze Weile keerstehen, Frau Kranzler," sagte er schließlich. „Sie würden es wohl gern vermieten."
..Das schon. Aber wenn ich dadurch etwa Sie ver» fieren würde, wäre mir ja auch nicht geholfen."
Der Herr machte ein« abwehrende Handbewegung. „Vermieten Sie es schon. Schließlich müssen sich zwei Künste ja vertragen."
Er warf einen kurzen Blick auf das draußen stehende Mädchen, lüftete den Hut und ging davon.
Erlöst, im Herzen dankbar gegen den fremben Mann, 'aß Dorothee bald darauf der Wirtin in dem großen Wohnzimmer gegenüber. „Also. Fräulein Bruhn," er- klarte Frau Kranzler ihr, „Herr Dr. Berger ist Schrist- steller. Sie müssen ein bißchen darauf Rücksicht nehmen." Und nun folgten Verhaltungsmaßregeln über Verhaltungsmaßregeln, die Dorothee getreulich zu be
folgen versprach. Denn das Zimmer, das sie erhalten sollte, war freundlich und gefällig möbliert, hatte einen schönen Blick auf einen gegenüberliegenden Park und hatte, was für Dorothee das Wichtigste war, ein wirklich gutes Instrument. „Aus besseren Tagen herübergerettet," hatte Frau Kranzler ihr erklärt und ihr dabei ihre ganze Lebensgeschichte erzählt: wie sie von der Frau eines reichen Fabrikanten durch Krieg und Inflation zu einer fast mittellosen Witwe geworden sei, die darauf angewiesen sei, einige Zimmer ihrer großen Wohnung zu vermieten.
„Besonders abends schreibt er viel. Abends müssen Sie möglichst wenig und nur ganz leise spielen. Ist ja unverständig von dem Mann, die Nacht zum Tage zu machen — manchmal geht er erst frühmorgens zu Bett — und das Licht, das entsetzlich viele elektrische Licht, das er baucht---" Frau Kranzler rang die Hände.
„Sie sollten meine Lichtrechnungen sehen!"
Die ersten Tage wagte Dorothee kaum die Tasten zu berühren. Und wenn, bann überlegte sie lange, was sie wohl spielen sollte. Und beim Spielen zitterten ihr die Finger — schlimmer, als wenn sie ihrem Professor vorzuspielen hatte. Sie hatte ihren Zimmernachbarn nun schon mehrmals gesehen. Sie wußte, daß er ernste Züge und seltsam zwingende Augen hatte, die wie klare, ruhige dunkle Punkte in seinem Gesicht standen. Seine Bewegungen waren etwas eckig und schwerfällig, und er hatte eine Art, beim Gehen die rechte Schulter vorzuschieben, als stoße er immerwährend eine Last vor sich her. Sie stellt« sich Schriftsteller eigentlich anders vor, genialer, gelöster, lockerer. Aber sie sühlle, daß in bem Manne geistige Kraft steckte.
Um so stärker war in ihr das Gefühl ihrer Unzulänglichkeit und das Bewußtsein, in ihm einen Kritiker zu haben, der nicht nur ihr technisches Können, sondern mehr noch, die Tiefe und (Eigenart ihres seelischen Empfindens aus ihrem Spiel herauslesen würde. Und das hemmte sie.
Gesprochen hatte sie ihn bisher nur einmal. Eines Morgens war es gewesen, da hatte die Sonne so raun- berbar hell in ihr Zimmer hineingeschienen, und da war sie im Schlafanzug an das Fenster gegangen, hatte es weit geöffnet, und hatte sich hinausgelehnt, um die frische Mogenlust, die aus dem Park herwehte, einzuatmen. Erschrocken war sie bann bei einer Wendung nach links zusammengefahren. Denn im benachbarten Fenster lehnte ihr Zimmernachbar. Müde und über
nächtig sah er aus. Wahrscheinlich hatte er wieder die ganze Nacht gearbeitet.
Ihre Blicke trafen sich. „Guten Morgen," nickte er lächelnd zu ihr hinüber. „(Ein wunderbarer Tag heute." „Ja, wunderbar."
„Und diese Aussicht auf den Park ist kösllich."
„Ja, köstlich."
„Sie spielen ja so wenig, Fräulein Bruhn."
„Ich wage noch nich. so recht," lächelle sie.
„Warum denn nicht?"
„Ich habe Furcht, Sie zu stören. Frau Kranzler hat mir so angesagt--—"
„Ach, Unsinn, lassen Sie sich nur nicht so einängstigen. Ich hätte mich schon manches Mal über ein Violinkon- konzert oder sonst etwas Schönes gefreut. Das bringt zuweilen in Stimmung "
„Glauben Sie aber, baß ich immer bie richtige Stimmung treffen werde? Sie machen vielleicht gerade ein Gedicht und ich müßte die Monscheinfonate dazu spielen — in Wirklichkeit aber spiele ich den Hexentanz von Pa- ganini."
®r lacht« laut auf. „Malen Sie mir nicht Teufel und Hexen an die Wand!", drohte er. „Ich verlasse mich auf den Parallelismus der Seelen und Ihren künstlerischen Instinkt!"
Damit endete das Gespräch, — das einzige, das sie bisher geführt hatten. Es schien Dorothee fast, als ginge itjr sonst Dr. Berger geflissentlich aus dem Weg. Was mochte er eigentlich schreiben? War er ein anerkannter Dichter? Oder rang er noch um das Emporkommen? War er vielleicht der Träger eines bekannten Pseudo- mjms? War er ein sogenannter großer Mann?
Er erhalte viel Post, war bas einzige, was Frau Kranzler über ihn zu berichten wußte. Und sende auch viel Post ab. Nach allen Gegenden der Erd«, bis nach Amerika und Indien. Vielleicht stehe er mit indischen Weisen in Verbindung. Besuch komme selten zu chm, Damen kämen überhaupt nicht.
Dorochees Gedanken und Träume spannen sich allmählich um den Mann, der neben ihr wohnte. Wenn sie an der mit einem Schrank verstellten Tür horchte, dann hörte sie zuweilen das Rascheln des Papiers, auf dem er schrieb, dann zog ein leichter, aromatischer Duft von Zigaretten in ihr Zimmer. Minunter schien es ihr Ptch, Äs spür« sie einen Duft wie von schwerem, süßen
Wein. Das schien ihr mit der herben Geistigkeit des Mannes nicht ganz vereinbar; dann aber dachte sie an Rembrandt und seine lebensfrohen Bilder, und es kam ihr wieder vor, als würde dieser Geistigkeit etwas fehlen, wenn sie nicht von dem Duft der Schönheiten dieses Lebens gesättigt wäre. Und mehr und mehr beschäftigte sie der Gedanke, wie Dr. Berger zu den Frauen stehe, ob auch sie im Bereiche seiner vielleicht hungrig um sich greifenden Lebenskraft ständen.
Wenn eine Frau sich mit einem Manne so beschäftigt, dann hat sie bereits einen geheimen Gleichklang gespürt, dann ist sie schon bereit, das Wagnis des Eroberns und Erobernlassens auf sich zu nehmen. Vielleicht wäre es zu dieser Bereitschaft nie gekommen, wenn nicht das Schicksal eingegriffen und Dorothee Höhen eröffnet hätte, nach denen sie nie gewagt hatte auszuschauen. Ihr großes Talent war bekannt geworden; sie galt als die Lieblingsschülerin ihres Professors; sie war dazu ausersehen, bei den Konzerten der Hochschule an hervorragender Stelle mitzuwirken, und ihr Auftreten war zu einer kleinen Sensation geworden. Immer wieder ertappte sie sich bei dem Gedanken, ob Dr. Berger wohl auch von den Zeitungsberichten über sie Notiz genommen hatte. Und wenn nicht, dann hatte Frau Kranzler, die nun stolz auf ihre junge Mieterin war, ihm das alles sicherlich mit dem Frühstück zusammen serviert. Hätte er nicht einmal «inen Schritt aus feinem Zimmer tun und sie beglückwünschen können? (Er hätte ihr eigentlich auch ein wenig dankbar dafür sein können, daß sie sich trotz mancher Unbequemlichkeiten gerade die Nachmittage, an denen er weist nicht zu Hause war, zum lieben aussuchte. Aber nichts, kein Wort, kein Ton drang aus dem Zimmer nebenan zu ihr hinüber; nicht einmal ein Ausdruck der Mißbilligung, den sie zuweilen auch schon verdient hätte, wenn sie einmal in ihrem Uebermut und ihrer Freude an ihren Erfolgen das Klavier mißhandelte und sogar ein paar Gassenhauer heruntertrommelte. Dicfe Gassenhauer waren für sie dasselbe wie für ihn die Zigaretten und der Wein. Mochte er ruhig spüren, daß auch sie bei aller Liebe zur Kunst auch das blühende, wenn auch zuweilen verdrehte Leben lieb hatte.
Eines Abends war es. Dorothee hatte in einem Konzert Triumph über Triumph errungen. Spät in der Nacht kam sie nach Hause. Der Tiumph war in einem Weinlokal gefeiert worden. Sie hatte das ganze Auto, ifl dem sie nach Hause kam, voller Blumen, und Frau