NUS
8. November
Beilage zur Fuldaer Aeituug
Nr. 259
November.
Sieh, das ist des Novembers tiefster Sinn:
Bleib stark!
Wenn aller Flitter von dir fällt
und du gleich einem Baum stehst kahl und bloß, und Winde durchs Geäst der Seele sausen: Bleib stark!
Ein zarter Schein,
der mit des Nebels grauer Fahne ringt,
im fernen Westen, wenn die Sonn« sinkt,
kommt dir zu Hilf':
verheißungsvoll am blassen Firmament bricht es hindurch: Advent! . . .!
5. Endringer.
Das lehre Blatt.
Bon Luise Winkelmann.
Draußen heult der Herbststurm durch Feld und Flur.
„Liebe Frau", sagt der Arzt, „es steht schlimm. Ihr Sohn könnte vielleicht noch genesen, wenn er den Willen dazu hätte. Aber den hat er nicht; im Gegenteil, er scheint sich einzubilden, daß er unnütz sei und sterben müsse, unb will nun auch sterben. „Wie lange ist er denn nun arbeitslos?"
„Seit Beendigung der Lehrzeit. Zwei Jahre."
„Schlimm, schlimm, für die jungen Leute von heutzutage. Die Tatenlosigkeit muß sie ja zerbrechen. Seelisch und auch körperlich Reden Sie ihm die Todesgedanken aus; das ist alles, was ich hier noch verschreiben kann."
Aus dem Fenster ihres kleinen Siedlerhauses schaut die Witwe Melschers dem davoneilenden Arzt nach. Gegen die Scheiben prasseln die Regenschauer, und durch die kahl werdenden Bäume heult der Wind. Ihre rotgeweinten Augen beginnen sich mit frischen Tränen zu füllen. In übermächtig werdendem Gefühl des Berlafsenseins und Kummers gcht sie hinüber in di« kleine Stallung, wo ihr Vater, alt und gebrochen, die Hühner füttert.
„Vater!" Sie faßt ihn an den Schultern, rüttelt ihn, als müsse er chr helfen. „Der Junge stirbt! Vater!!" schreit sie ihn an.
Der Alte steht still, nickt bedächtig, ohne di« Arbeit zu unterbrechen. Er weiß keine Antwort, seine Augen blinzeln in die Ferne — ein Zeichen angestrengten Nachdenkens —, dann murmelt er vor sich hin, undeutlich und leise, nach Greisenart. Er lebt sein eigenes Leben, still für sich, seit Jahren schon.
Gehetzt eilt die Frau hinüber in das kleine niedrige Zimmer, wo der Kranke, gebrochen in der Blüte seiner neunzehn Jahre, das Gesicht dem Fenster zugewandt, bleich und still im Bett liegt. Sie nimmt eine Arbeit zur Hand und setzt sich.
Nach einer Weile hört sie chn sprechen. Sie lauscht: „Noch sechzchn, — fünfzehn — vierzehn —" Er zählt.
Sie tritt ans Bett. „Vierzehn . . ." zählt er. und ein wenig später: „Dreizehn . . .", dann „Kvöls . . ." Bor dem Fenster stcht ein Apfelbaum, in allen seinen Teilen deutlich erkennbar aus dem grauweißen Hintergrund der Wand des Nachbarhauses. Der Sturm hat ihn entlaubt:, kahl strecken sich die Aeste und Zweige aus.
„Zwölf . . ." zählt der Kranke und nach einer Weile „Elf - - -"
„E r n st!"
Er wendet sich nicht um, und sie beugt sich Wer ihn: „Laß das doch, mein Junge!"
„Zehn . . ." flüstert er eigensinnig. „Heute fallen sie gut. Vorgestern saß er noch ganz voll: da waren es so viele, daß ich sie kaum zählen konnte. Jetzt fallen die letzten."
„So laß sie doch fallen! Es sind morsche, unnütze Blätter, die eben fallen müssen, weil es Herbst ist. Denke nicht daran!"
Er sieht sie an, aus großen, glänzenden Augen: „Wenn das letzte fällt, sterbe ich . . ."
„E r n st!" Sie beschwört ihn. Seit zwei Tagen nun schon hält dieser wahnsinnige Gedanke den Geist des Kranken umkrallt. Mit Gewalt bezwingt sie das aussteigende Grauen und redet ihm zll, beruhigend, kreundlich schimpfend: „Welch ein Unsinn, Junge! Was hat der Baum mit deiner Krankheit zu schaffen? Wie kannst du dir solche Gedanken in den Kopf holen? Wo ist da der Sinn? Warte, ich mache jetzt die Vorhänge zu; dafür zünden wir das Licht an, ja?
„Nein. . ." flüstert der Kranke mit ruhigem Eigensinn. „Ich glaube, ehe die Nacht kommt, fällt das letzte Blatt. Und ich will fehen, wie es fällt."
„Aber nein!" wehrt die Mutter, und blickt evfchrok- ken in die abwesenden Augen des fihranten, „die Gardinen müssen wir jetzt vorziehen und Licht machen. Denk nicht mchr an die Blätter da draußen; versuch ein wenig zu schlafen! Ich gehe nur rasch in i>ie Küche und mache Abendbrot für Großvater; ich bin gleich wieder zurück."
Sie zieht die Vorhänge zu, macht Licht, und geht leife hinaus. In der Küche läßt sie den Kopf auf den Tisch fallen und weint. Nach einer Weile kommt der alte Mann herein, sieht sie, räuspert sich unbeholfen und blickt scheu in die Richtung des Krankenzimmers.
Als er seiner Gewohnheit gemäß beim warmen Herd sitzt und mit der Rastlosigkeit, die Greisen eigen sein kann, Gartengerät ausbessert, beginnen sie sich zu unterhalten Von der fixen Idee des Kranken, den fallenden Blättern, dem Geheiß des Arztes. Langsam läßt der Alte die Arbeit sinken; aufmerksam hört er zu. Seit gestern — er weiß selber nicht, wie ihm der Gedanke gekommen ist — erwägt er einen Plan. Er spricht nicht barüber; es ist ihm nicht gegeben, Worte zu machen. Nur an dem Händedruck, mit welchem er Gute- nacht sagt, merkt die Tochter, wie er mit ihr um den Enkel leidet.
Der Kranke schläft; wenigstens scheint es der Zu- rückgekchrien so. Sie dämpft das Licht und nimmt behutsam ihren Platz im Sessel ein. Draußen klatscht der Regen, saust der Wind. Es ist die vierte Nacht, die sie durchwachen wird. Mitleidig umfängt sie der Halbschlummer.
Draußen im Stall steht der alte Mann. Vorsichtig daß niemand ihn hört, zieht er eine Leiter aus der Ecke und schleppt sie zur Tür, die zum Garten führt. Hui! macht der Wind, als er sie öffnet und in die Finsternis hinaustritt. Regen schlägt ihm scharf ins Gesicht; mühsam tappt er vorwärts. Hier ist der Baum! Er setzt die Leiter ab, stellt sie hin, steigt bedächtig. Sprosie um Spross«, hinaus. Zu sehen ist nichts; also tasten! Wenn nur der Sturm nicht so rasen würde und der Regen ihn nicht so durchkälten! Er tastet. Sollte es möglich sein, daß schon alle Zweige ... bis auf das letzte Blatt. . .? Unmöglich, das kann nicht, darf nicht sein; irgend wo muß doch noch . . . Endlich; an einem Zweige finden seine Hände ein Blatt. Vorsichtig zieht er aus der Rocktasche ein Stück dünnen Draht hervor, wickelt chn, mühsam im Dunkeln suchend, um den welken Stengel und dann um den Zweig. Der Sturm heult, er pfeist ihm durch die Kleidung, weht ihn fast um. Die Finger sind steif vor Näss« und Kälte. Zitternd fahren sie ein letztes Mal über Blatt und Draht; ja, es wird halten . . Langsam und steifbeinig steigt er hinab, schüttelt sich, nimmt die Leiter und schlürft durch das Dunkel zurück. Im Haus umfängt chn Wärme; er zieht die nassen Äleiber aus und legt sich frierend zu Bett.
Der Morgen zieht herauf. Der Kranke liegt wach und starrt aus di« geschlossenen Vorhänge. Aengsllich späht di« Mutter; aber unerbittlich rot« gestern und vorgestern befehlen die Augen des Sohnes. So gehorcht sie zögernd und macht den Ausblick in den Garten frei. Kalt und frostig zeichnen sich Baum und Zweige auf der grauweißen Mauer ab. Sie schaudert und mag nicht Hinsehen.
„Das letzte", flüstert da der Kranke. Und wirklich, ein Wunder fast: allen Stürmen, allen Regenschauern
zum Trotz sitzt noch ein letztes Blatt am Baume fest! Der junge Mensch sieht es, ein Zucken fliegt über sein Gesicht; aber gleich darauf murmelt er matt: „Also noch nicht . . . Und doch hat der Wind so geheult; er hat gar nicht Nachlassen wollen, die ganze Nacht. Aber heute wirb es fallen, dies ist der letzte Tag . . "
„Ernst, mein guter Junge, bleib doch bei mir, bei deiner Mutter! Was soll ich machen ohne dich?"
Aber der Kranke, losgelöst von der Umgebung, durch die Macht der krankhaften Idee schon halb hinübergedämmert, liegt still und antwortete kein Wort mchr.
Mittags kommt der Arzt; er stellt keine Veränderung fest und zuckt die Achseln. Die Mutter zicht ihn noch in die Küche, wo der Alte zusammengekauert am Herde sitzt. Er hantiert nicht im Stall, und dos ist ein schiech- tes Zeichen. Der Arzt sieht ihn an und schickt ihn zu Bett. Das Frösteln unterdrückend, eigensinnig, weigert er sich. Er sei nicht krank . . .
Am Nachmittag — draußen beginnt die frühe Dämmerung — sitzt die Mutter am Bett und redet leise, eindringlich aus ihr Kind ein, das zum Fenster hinaus- ftarrt, wo noch immer — Gott fei es gedankt — am Apfelzweig ein letztes verlorenes Blättchen sitzt. Der Kranke antwortet nicht; das alles ist wi« ein Krampf, der ihm Körper und Seel lähmt. Unb wieder kommt die Nacht und der Sturm.
Am andern Morgen immer noch das Wunder. Durch
die Vorhänge, unter heimlichen Aengften von der Mutter beiseite gezogen, schaut der Baum ins Zimmer, an schwanken Zweige das letzte Blatt. Warum fällt es nicht? Kann es, soll es nicht fallen? Der Kranke sieht hin, lange und mit großen, staunenden Blicken. Plötzlich stchen in den starrenden Augen zwei große schwere Tränen.
„Ich soll doch wohl nicht sterben, Mutter." Und ganz scheu fragt er: „Vielleicht war es Sünde, Mutter . . .* Den Kops auf den Arm der Mutter gelegt, gibt er sich selbst dem Leben wieder.
Der Arzt kommt, und als er den Kranken sieht, nickt er znftieden und sagt leise zur Mutter: „Ich glaube fast, Werstanden!"
Dann gcht er hinüber ins Zimmer des Großvaters. Ohne lange Untersuchung weiß er, daß es den Alten böse gepackt hat. Lungenentzündung! Di« geröteten, aftersmatten Augen glänzen verräterisch; heftiges, zu heftiges Fieber durchrüttelt den Greisenkörper. Hier fordert der rauhe Spätherbst sein Opfer.
Eine Woche darauf, als der Junge zum ersten Male wieder im Lehnstuhl sitzt, tragen die Leute den Alten hinaus auf den kleinen Friedhof. Niemanb weiß, wo und wie er sich so rasch den Tod geholt hat. Aber es ist auch keiner verwundert. Die alten Leute ... Es ist eben November hn Land.
Das zweite Gesicht.
Don Berend de Dries.
Sie saßen auf dem Achterdeck des Bäderdampfers unter dem ausgespannten Sonnensegel, der ernste Kapitän Haagestraat, der ironische Marinemaler Ulrichsen und der neugierige Schriftsteller Tammo Hayenga.
Es war auf Borkum-Reede an einem schönen Norb- feeabenb. Noch stand, ein weißes, blendendes Feuer, die Sonne am Westhimmel. Klar und scharf umrissen lag Borkum-Ostland mit Hooge Hörn vor der Kimm, leuchtend rot lugte das Ziegeldach eines Bauerhofes zwischen den weißen Dünenhängen des Ostlands auf. Selbst Juist und der Memmert, die Nachbarinseln, traten deutlich erkennbar in das Gesichtsfeld. Graugrün, und fernhin dunkelblau ansteigend, lag das Wattenmeer nun gegen Abend spiegelblank da; der Wind hatte sich gelegt; keine Sandbank war zu sehen, es war eine Stunde vor Hochwasser.
Die drei Männer saßen rauchend und plaudernd um einen der auf dem Achtereck sestgefchrobenen Tische. Der Maler hatte gerade von seinen Erlebnissen mit Fischerleuten feiner Heimatinsel, mit denen er öfters auf Schell- sischfang gewesen war, erzählt. Nun rückte sich Kapitän Hero Hoogestraat auf seinem Deckstuhl zurecht, so daß ein letzter Sonnenstrahl, der sich zwischen den weißgestrichenen Stützen des Schutzsegels hervorstahl, sein verwittertes, von einem dichten, grauen Bart umrahmtes Gesicht rosig färbte. Er klopfte die silberbeschlagene Shag- pfeife aus und legte sie sorgsam in die schwarze Lederhülse, die er dann mit einem kleinen Knall schloß und in die Tasche seiner weißen Tropenjacke versenkt«.
„Das Meer", Hub er an, „erzieht sich die Menschen, die es befahren unb ihr Brot auf ihm suchen. Das ist in unserer Zeit ber Turbinendampfer und Kreiselkompasse nicht mehr so augenfällig. Aber ftüher, zur Zeit der Segelschiffahrt, war das anders.
Es war auf einer Reife von Hamburg nach Norfolk, Virginia. Bis zu den Bermudas war alles glatt verlaufen. Nur der Schiffsjunge, wegen irgend eines Versehens auf der Flucht vor dem ihm nachfetzenden Steuermann, hatte sich ein Bein gebrochen und lag stöhnend in der Koje. Dieser Junge stammte aus der gleichen Gegend wi« der Zimmermann. Der Zimmermann be- vaterte ihn sozusagen und konnte trotz seines ruhigen Wesens sackgrob werden wie nur je ein Münsterländer, wenn einer der Matrosen dem Jungen ans Zeug wollt«.
Gegen die Gewall, die damals dem Steuermann eines Segelschiffs zukam, konnte er damit natürlich nicht aufkommen. Dagegen war er machtlos, und es wäre auch wider die Schiffsordnung gewesen.
Ich will nichts gegen den Steuermann sagen. Man wird an Bord nicht mit Glacehandschuhen angefaßt. Ich selber war während meiner Steuermannszeit mehr als einmal gezwungen, in fremden Häfen die Leute halb zu Schanden zu schlagen, um die völlig betrunkene Band« ins Boot und an Bord zu kriegen."
Hero Hoogestraat schwieg einen Augenblick. Er blickte unter dem Sonnensegel hinweg nach Westen. Es schien, als betrachte er voller Interesse den Sonnenuntergang. Ader er bemerkte nichts von der Schönheit dieses Nordseeabends.
„Sie müffen den Steuermann Janssen doch gekannt haben?" wandte sich der Kapitän an Tammo Hayenga.
Hayenga nickte bejahend. Er wußte nur zu gut, wen ber Kapitän meinte. Unb Hoogestraat spann sein Garn weiter. .
„Nun, der Steuermann und ber Schiffszimmermann aus dem Münsterland gerieten des Jungen wegen aneinander. Ader es kam nie zu Tätlichkeiten. Eines Nachts, auf jener Reife nach Norfolk, kam ich, von Unruhe getrieben, während der Hundewache an Deck. Das Barometer war gefallen. Wir näherten uns Kap Hatteras — auch solch ein böser Wetterwinkel auf dieser schönen Erd«. Steuermann Janssen ging auf der Poop hin und her. Am Ruder stand der Zimmermann. Als ich mit dem Steuermann die Wetterlage und die Position des Schiffes besprach, bemerkte ich, daß sich zwischen den beiden Menschen hier achtern eine Art lautloser Kampf, ich will nicht sagen Haß, abspielte. War die Atmosphäre ringsum mit Unwetter geladen, so war es in den Herzen dieser beiden Männer nicht minder unruhevoll. Wahrscheinlich hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Es war, wie gesagt, ein lautloser Kampf, zäh und verbissen von beiden Seiten geführt. Ich tat, als ob ich davon nichts bemerkte. Unter irgend einem Vorwand schickte ich den Steuermann nach unten unb übernahm selbst die Wache.
Das Schiff machte wenig Fahri. Ich prüfte das Log. Wir liefen keine sechs Meilen. Der Zimmermann stand stumm am Rad und steuerte den befohlenen Kurs. Der
CREME
Die Augen des unbekannten Soldaten.
I6j (Schluß). Roman von Paul Edmund von Hahn.
Eovvrigbt bv Knorr und
Zusammengeknüllt fiel der Brief auf den Teppich, wo noch die Fetzen des tragischen Berichtes vom gestrigen Abend lagen.
Das Telephon schrillte in Marias aufgewühlte Gedanken hinein. Automatisch hob sie den Hörer. Wie aus weiter Ferne vernahm sie di« heitere, zärlliche Stimme Bergmanns, der ihr lustige Vorwürfe wegen ihrer Langschläferei machte und bann, als er Marias einsilbige, traurige Antworten hörte, meinte, daß sie wieder vom Schmerz über die gestrige Nachricht befangen fei, unb sie behutsam zu trösten versuchte. Er erzählte chr, daß er sie im Frühstücksraume erwarte unb fügte in knabenhafter Geheimnistuerei hinzu, daß er eine kleine Ueberrafdjung vorbereitet habe.
Maria war so verstört, daß sie ganz instinktiv den Freund zu sich bitten, ihm alles sagen und seinen Beistand anrufen wollte. So sicher und geborgen hatte sie sich gestern bei ihm gefühlt; fo klar und zukunftsfroh lag der Weg vor ihr. Hastig jagten sich ihre Gedanken, während er weiter sprach unb meinte, daß ihr Versturn- men bas erste Anzeichen der Wiederkehr jener frohen und glücklichen Stimmung sei, die sie gestern abend umfangen.
Maria rang um Worte. Doch als sie zu sprechen ansetzte, machte sie die fürchterliche Erkenntnis stumm, daß ihre Spitzeltät gkeit für Moskau — wenn auch Bergmann sie ihr verziehen hätte — nie dem Offizier, an dessen Seite und durch dessen Perirauensseligkeit monatelang der schamloseste Verrat geübt worden war, vergeben werden konnte. Kein Richter, kein Ehrengericht und keiner seiner Vorgestetzten würde an seine Unschull» Bergmanns glauben! Und sollten die wenigen, die ihn näher kannten, auch davon überzeugt sein, so traf ihn auch von jener Seite der erdrückende Vorwurf, auf unerlaubt leichtsinnige Weise sie, die ehemalige bolschewistische Kommissarin, vor dem aufglimmenden Verdacht der Weißen durch eine falsche Versicherung seinerseits ge-
Sittb. G.m.v.H.München.
deckt zu haben unb ihr in seinem unbegrenzten Vertrauen Geheimnisse preisgegeben zu haben, um die nur er wissen durfte. So konnte sich also Bergmann nicht offenbaren; sie durste nicht Schutz bei ihm suchen. Und jener letzte Auftrag? Maria zuckte zusammen.
Die fröhlichen, liebevollen Worte Bergmanns unterbrach jetzt ihre müde Stimme: ,Zch danke sehr, sehr — es ist so lieb, so gut!" Das Du wollte ihr nicht mehr über die Sippen. „Aber ich kann noch nicht, ich fühle mich sehr schlecht —" und auf Bergmanns besorgte Fragen: „ . . . vielleicht später, vielleicht am Nachmittag!" Es gelang ihr dann doch, Bergmanns Besorgnisse zu zerstreuen und ihn zu überreden, einen Spaziergang zu machen. Spät am Nachmittag sollte er dann Maria ab holen.
Als sie den Hörer auf der Gabel knacken hört«, halle Maria bas Gefühl von etwas unendlich Schmerzhaftem. In diesem Augenblick erfaßte sie, daß der kurze Aufschwung ihres Hoffens, diese eine glückselige Nacht, ein Vorwärisftürmen mit geschlossenen Augen gewesen war, und nun öffnete sich vor ihr wieder der Abgrund.
Die roten Blumen Palkins taten ihren Augen weh. Hastig sprang sie auf, läutete und gab dem herbeieilenden Zimmermädchen den Auttrag, die Blumen wegzuräumen. Verwundert befolgte das Mädchen den Befehl und nahm die wertvollen Blüten mit sich hinaus.
Mit starren Fingern offnes« Maria, nachdem sie wieder die Türe verichloffen hatte, ihr ledernes Reise-Ne- ceffaire. Nachdem sie eine Reihe von Fläschchen unb Instrumenten herausgezogen halle, öffnete sie mit einem kleinen Schlüssel bas gut verborgene Schnappschloß einer geschickt angebrachten Geheimtasche unb entnahm ihr ein ähnliches Batisttuch, wie sie es seinerzeit auf dem Dampfer vor dem Bosporus erhalten. Sie breitete es vor sich auf dem Schreibtisch aus und starrte lange mit in di« Hände gestütztem Haupte darauf nieder.
Kurz und bündig befahl ihr der letzte Auftrag Palkins, Bergmann selbst zum Instrument des bolschewistischen Nachrichtendienstes zu machen. Polkin gab ihr auch gleich eine Waffe in die Hand; er wies sie an, Bergmann, falls sie mit anderen Mitteln den Zweck nicht erreiche, darüber aufzuklären, daß von bolschewistischer Seite im Falle seiner Weigerung der Verrat der ihm anvertrauten Dokumente durch Maria als feine — von den Bolschewiken bezahlte — Arbeit feinen Vorgesetzten angezeigt werden würde. Die Belege waren so erdrückend, daß auch der sachlichste und wohlgesinnteste Vorgesetzte an einer Schuld Bergmanns nicht hätte zweifeln können. —
Maria hatte auf diesen letzten Auftrag dem Wiener Agenten geantwortet, daß sie ihn nicht ausführen könne; sie hatte listig zu erklären versucht, daß sogar der Der- such, Bergmann einen solchen Vorschlag zu machen, mit großer Gefahr verbunden wäre, da dieser Mann unter keinen Umständen käuflich sei. Sie hatte daraus verwiesen, daß ja auch bisher sie selbst alles erledigt hatte, was in dieser Hinsicht zu erlangen sei und was Polkin verlangt habe. Der Agent bestand im Auftrage Palkins auf der Ausführung des Verlangens. Er sagte es Maria ins Gesicht, daß es ihnen um die Person Bergmanns zu tun sei. Sie, Maria, führe ja doch nur das zwangsweise aus, was ihr jeweils aufgetragen würde, durch Bergmanns Hände aber gingen unzählige Verfügungen und Geheimdokumente, von denen die Bolschewiken keine Ahnung hatten unb deren Verrat sie also Maria nicht ausdrücklich auftragen konnten. Aus freien Stücken aber verriet Maria nichts! Das wußte der Agent und bas wußte auch Polkin!
Die Zänkereien und Unterhandlungen, in denen Maria immer wieder nach neuen Ausflüchten suchte, waren durch Bergmanns Abroelenheit selbsttätig unterbrochen worden. In diesen Wochen war Maria nun — von allen den ihr widerwärtigen unb quälenden Obliegenheiten befreit — so neue unb persönliche Wege ber Erkenntnis in der sie umgebenden alten Kultur gewandelt daß auch dieser Auftrag vergessen schien. Dies Ansinnen war für sie derart numöglich zu erfüllen, daß sie sich kindlich, gleichsam mit geschlossenen Augen, immer wieder an die vag« Hoffnung klammerte: es könne nicht
Wahrhett werden, es könne das Schicksal sie nicht vor die furchtbare Wahl stellen, die Mutter »der den Freund zu vernichten.
Dann, gestern, als der Brief der Schwester aus dem Lazarett mit der traurigen Nachricht vom Tode ber Mutter kam, ber ja gleichzeitig die Erlösung von dem grauenhaften Zwangsmittel Polkins bedeutet«, da schien für Maria all das Schreckliche enbgültig begraben zu fein. Nun stand es wieder vor ihr in neuer Gestalt und aus den Zeilen dieses letzten Auftrages grinste Polkin, der all diese Fesseln und Fallstricke für sie erklügelt hatte, sie mit satanischer Bosheit an. Maria starrte mit leeren Augen über den Schreibtisch hinweg und ein Gedanke nur hämmerte in ihr: Warum habe ich die Zeit nicht mehr genützt! Nun ist sie abgelaufen, nun ist die kurze, Helle Zeit vorbei!
Das Telefon meldete sich. Maria wußte, daß es Polkin war. Mit unnatürlicher Ruhe nahm sie den Hörer. Sie fühlte jede Schwingung in dieser kalten, spöttischen Stimme, in der ein verhaltenes, höhnisches Lachen zitterte.
Das Gespräch war sehr kurz. Polkin fragte, ob Maria sich entschlossen hätte. Maria fragte dagegen, welche Bedingungen Polkin stelle, wenn sie weder den Auftrag ausführe, der unausführbar sei, und wenn trotzdem die angedrohte Kompromittierung Bergmanns nicht ftattfänbe.
Ein kurzes Schweigen. Dann kam zögernd Polkins Stimm«: „. . . wenn Sie mit mir nach Rußland zurückkehren und bei mir bleiben!"
Kühl und sachlich entgegnete Maria: „Sie haben mich schon einmal fibchterlich betrogen. Welche Garantien können Sie mir bieten, daß Sie dann nicht doch gegen meinen Freund vorgehen?"
Wieder schien Polkin zu überlegen. Ein kurzes, triumphierendes Lachen, bann antwortete er: „Bewirken Sie vor Ihrer Abreise, daß er sich gänzlich von den Geschäften zurückzieht, dann ist er für uns uninteressant." Dann fügte er lachend hinzu: „Gestraft ist er genug, wenn er Sie verliert!"
Ein zitterndes, erwartungsschwangeres Schweigen. Maria preßte den Hörer in ihrer Hand, daß die Haut sich zum Zerreißen spannte. Ihr« Stimme aber ktanA