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4. November

Beilage zur Fuldaer Zeitung

rA#ILS

Der falsche Freund.

O sei mein Freund!" so schallt'» vom Heuchelmunde, Dem falschen, der mit heimlichem Behagen Den Vorteil überzählt von solchem Bunde;

vu traust ihm, und schon hast du eingeschlagen.

Ein edler Tor! Naht einst die Wetterstunde, So siehst den Schurken du mit bleichem Zagen In seines Ichs bequeme Hütte springen, Hinausgesperrt magst mit dem Sturm du ringen.

Nikolaus Lenau.

Jugend von henke.

Es gibt auch heute noch junge Mädchenvon ge­stern". Sie gehen mit langen Zöpfen, sanften Schrit­ten und hellblauen Augen durch die Welt, von einer Lehrerin begleitet.

Und dann solche junge Mädchen, die wohl kein zu­künftiges Zeitalter mehr hervorbringen wird. Man möchte sie mit Spatzen vergleichen: frech, doch nicht ohne Charme.

Mir gefallen diesenigen, deren zielsicherer Blick durch da» Heute hindurch in die Zukunft geht. Aus ihrem Gesicht leuchtet die Ahnung, daß sie wundervolle Kinder haben werden.

Und die Jungens? Das sind jene Hungernden, Dur­stenden, verwirrt in leidenschaftlichen Gegenwartsfragen.

Diele von ihnen aber tasten sich mit einer aus dem Herzen kommenden Sicherheit ins Neue. Ihr junges Suchen gibt ihnen einen rührenden Ausdruck, den sie bewußt hart zu machen versuchen.

*

Manchmal sehe ich Alte von gestern, die wirkliche Junge von Heute sind. Sie tragen das Stigma von gestern und heute. Harte Sehnsucht, hartes, unerbitt­liches Drängen zieht sie.

9^-1 I «

Jugend von heute? Es gärt: sie hat Krise. Hier geht der Weg zur Jugend von morgen.

M. von B. in derBrücke".

Stubent fein, wenn . . ."

Drei Wochen sind es nun her, daß ich das Arbeits­amt der Asta, des Allgemeinen Studentenausschusses, aufsuche, dreimal wöchentlich, am Montag Mittwoch und Frettag. Punkt 9 Uhr gehe ich nun schon jedesmal von meiner Wohnung beim Max-Monument weg, um 20 Minuten nach 9 etwa in der Universität zu sein. Da stehen dann schon etwa zehn Mann am schwarzen Brett des Arbeitsamtes. Sie verdoppeln sich in der nächsten halben Stunde, Studenten, Studentinnen, Alt- Akademiker, die schon promoviert haben. Alles wartet, bi» das Fräulein vom Amt kommt und die neuen An­gebote anschlägt so 25 Minuten vor 10, das ist vor Schalteröffnung. Man drängt und schiebt sich, um schnell zu erspähen, was es heute gibt. Die Stellen für Nach­hilfe im Unterricht sind die gesuchtesten, alle Vertretun­gen usw., Vertreibungen und Vertriebe sind meist un- dankbar wie das Nichts. Schnell hat man überflogen und sich die Nummer gemerkt, die einem brauchbar schien, und schon geht es im Eillempo zum Schalter, wo schon einige stehen.

Da ist ein Tag, wo alle drei Angebote beginnen: Gesucht eine Studentin also auch hier die Konkur- renttn. Das andere Mal ist ein immatrikulierter Alt­philologe, Neuphilologe, Jurist angefordert, und da schei­den gleich eine große Zahl aus. Für den Vertrieb eines Artikels für Automobilisten werden eilig sechs Herren gesucht... dasEilt!" gibt den Anstoß, den Versuch zu machen. Nachmittags fünf Uhr Vorstellung. Nach einer zum Nachdenken und Sinnen zwingenden Warte-Viertel- stunde, die man aber zur Vervollständigung seiner Kurz­schrift-Beherrschung benutzt, wird man vorgelasien. Cs folgt eine kurze, sehr sympathische und ermuttgende Er­klärung des Wertes und der Psychologie des Vertriebes. Nach einigen Bedenken hat man einige Exemplare er- standen. Los geht es! Seelische Hemmungen sind noch da, ball» hat man die ersten angesprochen und es ge­lernt, mit freundlicher Miene vomNichts los gewor­den sein" zum nächsten zu gehen und hier vomKom­men Sie in vier Wochen einmal wieder" mit fteund- licher Miene zum nächsten zu gehen.Den Artikel ge­ben Sie nur bald wieder auf, da werden Sie bestimmt nichts los!" Man geht zum nächsten bis man müde und hoffnungslos geworden ist. Drei Tage sind her­um. Dom Morgen bis zum Abend war man auf den Beinen. Neunzig Pfennige! sind verdient. Morgen suche ich etwas anders.

Doch wie spät ist es denn schon? Gleich ist es sieben, sagt meine Taschenuhr. Und rote ich mit dem Blick auf die Uhr überlege, ob ich mich auf dem Wege zur Mensa

noch beim Herrn Dr. Mittler zwecks Vormerkung für Nachhilfe-Unterricht melden kann, da fällt mir ein, daß ich morgen ja nicht mehr auf die Uhr schauen kann. Für ein kurzfristiges Darlehn ist sie von morgen ab das Faust­pfand bei der Darlehnskasse der Deutschen Studenten­schaft. Ade.

Gebt uns Raum!

Die Völker Europas waren einmal alle wachsende Völker. Sie konnten die Frage des Lebensraumes für neue, nachdrängende Kräfte leicht durch Kolonisation oder durch Industriealisierung des Mutterlandes lösen. Der Weltkrieg mit seinen ungeheuren Umschichtungen auf wirtschaftlichem uni» politischem Gebiet hat alte Formen gesprengt, hat zugleich das Selbstgefühl der früher Be­herrschten oder Beeinflußten zerstört. Neue Industrien sind in den ehemalig aufnahmefähigen Gebieten ent­standen. Die alten Industrieländer, die zudem ihren Pro­duktionsapparat zu weit ausgedehnt haben, finden nicht den Absatz, den sie brauchen, um die Arbeitermassen zu beschäftigen. Die Sage wird noch dadurch erschwert, daß die Völker sich politisch nicht einigen können und Frank­reich seine politische Vormachtstellung rücksichtslos aus­nutzt und eine Entwirrung der Krise erschwert. Die Jugend aller Kulturvölker leidet unter diesen Verhältnis­sen besonders. Gerade die deutsche Jugend steht vor der Tatsache, daß für sie anscheinend kein Lebensraum mehr da ist Sie steht vor verschlossenen Toren, sehnt sich nach Betätigungsmöglichkeiten und findet sie nicht. Diele können unter diesen Umständen verlottern; ihr einziges Interesse ist vielleicht noch der Sport und sie verlassen sich darauf, daß sie von Staat und Gemeinde unterhalten werden. Diejenigen, die an verantwortlicher Stelle stehen, dürfen dieser Entwicklung nicht untätig zusehen. Die Jugend braucht Raum. Kann man ihn ihr nicht geben, dann wird sie, wenn sie noch Kraft in sich fühlt, aufbegehren und sich Lebensmöglichkeiten mit Gewalt erzwingen, oder wenn sie schwach ist, wird sie verlottern. Die Frage des Lebensraumes steht also für die deutsche Ju­gend noch offen und verlangt Entscheidungen, die weit­blickend getrosten werden müssen, wenn für uns das Ge­fühl der Zugehörigkeit zum Volke nicht untergehen soll in Hoffnungslosigkeit. Die jungen Glieder müssen gesuchte und geschätzt Kräfte für den Aufbau des Vaterlandes be­deuten können. Es ist klar, daß zunächst der Bau des Staates, in dem wir leben, dem wir durch Geburt und Blut uns verpflichtet fühlen, gehalten werden muß gegen innere und äußere Stürme. Doch diesem ersten Schritt haben jetzt entscheidende weitere Schritte zu folgen: Le- bensraum den Heranwachsenden Geschlechtern, den nach Tätigkeit drängenden jugendfrischen Kräften zu geben. Darum versuchen wir in dieser Wende des Geschehens, den zur Entscheidung berufenen Führern unser Wollen klar und deutlich zu machen, damit ihr politisches und wirtschaftliches Wirken das eine weitgespannte Ziel mit allen Kräften verfolgt: Raum für die nach Betätigung drängenden frischen Kräfte unseres Volkes.

Der Gesellenverein im Vogelsberg.

Aus dem Vogelsberg wird demBlatt der Jugend" berichtet:

Cs gibt immer noch Leute, die behaupten, der kath. Gesellenverein sei eine veraltete Einrichtung, nicht mehr zeitgemäß, ungeeignet vor allem für unsere Landjugend. Daß solche Behauptung unrichtig stt, zeigt das starke Anwachsen der Gesellenvereine in den letzten Jahren gerade in unserer Diözese; ein Anwachsen, das nicht künstlich gemacht und von oben her diktiert wird, son­dern aus dem Wollen der Jugend herauskommt. Ein Beweis hierfür ist auch das Erstarken der Kolpings- idee im Vogelsberg.

Cs war im Sommer 1926, als in Kleinlüder der erste Gesellenverein im Vogelsberg ins Leben ge­rufen wurde. Er faßte gleich festen Fuß, aber er stand allein auf weiter Flur. Es fehlte ihm die Stütze treuer Nachbarvereine. Im Januar 1930 entstand endlich in Hainzell ein Bruderverein. Und schon im Frühjahr 1931 konnte das Kolpingsbanner in zwei weiteren Dör­fern des Vogelsberges gehißt werden: Sch l e tz e n h a n - f e n und Blankenau. Um intensivere Vereinsarbeit zu leisten, vor allem um den Brudergeist, den Fami­liensinn immer mehr vertiefen ju können, war es jetzt eine Notwendigkeit, die vier bestehenden Vereine zu einer Arbeisgemeinschaft, zu einem Bezirk zusammenzufassen. Eine Gelegenheit hierzu ergab sich anläßlich des fünften Stiftungsfestes des Gesellenvereins Kleinlüder. Am Samstag, den 24. Oktober, scharten sich in Kleinlüder die Vostandsmitglieder mit ihren Präsides um den Diö­zesansenior Ksiensik aus Fulda zu einer sehr frucht­baren Arbeitsgemeinschaft. In sehr klaren, ernsten Worten sprach der Diözesansenior von den Führereigen­schaften und -pflichten. Der Bezirk Vogelsberg wurde

Zigeuner im Dorf.

Aus Schüleraustähen einer Dorfgrundschule.

Unser Dörflein liegt nahe der preußischen Grenze. Kaum zehn Minuten westwärts des Dorfes ist der Herr- schastsbereßh unserer Polizei zu Ende. Das weiß natür­lich auch das Zigeunervolk. Werden sie von unserem Gendarm roeggebrängt, so spannen sie ihre Pferde an und fahren 15 Minuten weiter, um dann drüben im Wie­sengrund von S. wieder abzuspannen. Unser Polizei­mann kann von der Grenze aus noch ein wenig winken, aber seine Arbeit ist getan, das thüringische Gebiet ist zigeunerfrei.

Doch auf wie lange? Manchmal sind die Zigeuner schon am nächsten Tag wieder da. Da kommt eben der fteundliche Herr mit dem Schupohelm von drüben und kommandiert einfach:Marsch, angespannt! Weg aus meinem Bezirk! Macht euch hinüber"! Und fünfzehn Minuten später spannen die Zigeuner wieder bei uns ab und schaffen ihre Pferde in Mannels. Natürlich halten sie prompt an der gleichen windgeschützten Stelle am nördlichen Dorfausgang, just da, wo das beschriftete Brett der Ortspolizei am Apfelbaum hängt:Das Lagern von Zigeunern ober ähnlichen Herumziehern ist an dieser Stelle verboten!" Das kann man natürlich noch ganz gut lesen, aber ein Zigeunerbursch meinte neulich, es wäre gerade noch zum Unterlegen unter das rechte Wa­genrad recht. Nur auf den energischen Protest seiner Mutter hinZigeunermütter führen eine deutliche und herrschgewohnte Sprache ließ er es hängen.

Eigentlich sind uns die Zigeuner schon halbwegs Be­kannte. Wenn sich aber in der letzten Schulpause herum- Ipricht. daß das braune Volk wieder da ist, so rennen die Auben samt den Mädchen doch wieder nach Unterrichts- schluß zum Zigeunerlager und bann stehen sie herum, die

mit Riemen umschlungenen Bücher unter dem Arm, der­weil die Mütter zu Hause schimpfen, weil die Suppe kalt wird. Aber dafür wird alles um so gründlicher beguckt. Wilhelm mit der spitzen Nase steht vorne dran. Und am anderen Tag gibt es in der Schule viel zu erzählen und da die Zeit knapp ist und die Kinder wissen, daß ein geschriebener Bericht ins feine Heft kommen kann, so flat­tern auch Aufsätze an. Wilhelm mag beginnen:

Es waren Zigeuner ba. Zwei Wagen haben bei Arnreichs gehalten. Da hoben die Zigeuner Holz geholt und haben ein Feuer angemacht. Ein großer Junge wollte nicht bei. Da hat ihn ein kleiner Junge geholt. Und da nmßte er Holz suchen helfen. Dann haben sie Essen gekocht. Später sind sie fortgefahren. Ein Wagen ist nach Setzelbach gefahren."

Natürlich interessiert die Kinder sehr, was der Zigeu­ner in seinem Topf zusammenkocht. Das Kochen besor­gen nämlich die Männer. Aber die meisten Kinder wagen sich nicht so nahe heran. Nur Willi, der unten am Dorf- ausgang wohnt, also der Nachbar der Zigeuner ist. wagt in den Topf zu gucken. Er unterhält sich dabei sogar mit dem Zigeunerpapa.Igelbraten" nennt Willi das Gericht. Ich glaube, in den Kochbüchern steht auch kein anderer Name dafür.

Sie Zigeuner haben Igel gekocht. Da nahmen sie einen Topf und taten Speck hinein und stellten ihn auf das Feuer. Dann taten sie den Igel in kleinen Stücken hinein. Wie das Essen fertig war, da sagte der Zigeu- ner, ich sollte einmal den Mund aufmachen, ich hätte etwas im Mund. Da machte ich den Mund auf. Da wollte mir der Zigeuner ein Stück Igelfleisch in den Mund werfen. Da hat er aber nicht getroffen. Er sagte: Gut geworfen, schlecht getroffen". Dann sagte er:Du mags bas wohl nicht! Ihr eßt doch auch das Fleisch von dreckigen Säuen." Da kam ein kleiner Junge und war barfuß. Der ging bei den Topf und hat sich ein Stück

gegründet; zum Bezirkspräses Kuratus P r e i s-Hainzell, zum Bezirkssenior Wilhelm A p p e l-BIankenau gewählt. Der folgende Tag, 25. Oktober, brachte dann die äußere Kundgebung und zeigte, daß der Bezirk nicht nur auf dem Papier steht, sondern auch Geben in sich schließt. An dem Festgottesdienst nahmen die einzelnen Vereine mit ihren Bannern teil. Hochw. Herr Diözesanpräses Becker- Fulda hielt die Festpredigt. Mit begeisternden Worten legte er die Ziele des kath. Gesellenvereins dar, sein Dienst an der Jugend gerade in der heutigen Zeit. Hoffentlich haben sich diese Worte auch manche zu Her­zen genommen, die bisher dem Verein noch fernstehen. Am Nachmittag fand unter der stärksten Beteiligung der Vereine Kleinlüder. Hainzell, Schletzenhausen, Blanke­nau, Großenlüder und Müs sowie der Gemeinde Klein­lüder eine Nachmittagsandacht statt, in der auch um die Seligsprechung Kolpings gebetet wurde; anschließend eine öffentliche Kundgebung vor der Kirche in Klein­lüder. Der Diözesansenior sprach, von fünf Kolpings- bannem umrahmt, über Familie. Demokratie und Dol- kerfriede zu den Kolpingsföhnen und den Dorfbewohnern Dann ordneten sich die Kolpingssöhne zu dem Festzuge, voran die schneidige Musikkapelle des Musikvereins Hainzell, dahinter ca. 150 Kolpingssöhne mit ihren Ban­nern. Noch nie hat der Vogelsberg eine solche begeisterte Kundgebung der Jugend gesehen. In der anschließen, den Festversammlung in dem Dereinslokal des Klein- lübemer Vereins, das die Gäste kaum fassen konnte, be­grüßte der Vereinspräses, Kaplan Dr. Peter -Blan­kenau, die erschienen Vereine und Gäste und gab die Gründung des Bezirks Vogelsberg bekannt, die in den Reihen der Kolpingssöhne Helle Begeisterung und Freude hervorrief. Der Bezirkspräses, Kuratus Preis- Hainzell, stellte sich hierauf den Vereinen vor, berichtete kurz über die Entstehung des Bezirks, legte die Ziele des Bezirk» bar und mahnte zu treuer Zusammenarbeit. Auch der Bezirkssenior Appel-Blankenau richtete begei­sternde Worte an die Kolpingssöhne, dankte für das Vertrauen, bas ihm durch diese Wahl entgegengebracht worden war, und versprach nach Kräften zu arbeiten, um dieses Vertrauen auch zu rechtfertigen. Im weiteren Verlaufe der Festversamnllung, die durch feine Musik- Dofträge des Musikvereins Hainzell, der Geigen- und Mandolinenabteilung Kleinlüder, durch Gesänge der Kolpingssöhne verschönt wurde, sprach der Diözesanprä- ses nochmals in schönen, oft mit trefflichem Humor durchflochtenen Worten über die Ziele des Kolpingsver- eins. Im Verlaufe der Versammlung machte der Be­zirkspräses bekannt, daß in Hainzell em Fachkursus für

Schreiner vom Altmitglied Schreinermeister Michel» Hainzell abgehalten werden soll; ebenso sei ein Kursus für Maurer in Vorbereitung. Gegen 5.30 Uhr fand die Tagung ihren Abschluß:Das war ein schönes Fest, etwas anderes, als wenn ein Klub, ein weltlicher Ver­ein ein Fest feiert, das war schöner als ein Tanzabend und dergl.", war das Urteil so vieler Teilnehmer. Möge diese Begeisterung wachbleiben in den Herzen der Jugend am Vogelsberg, möge sie fruchtbringender werden zum Wohle eines jeden einzelnen, der Familie und unseres gesamten deutschen Volkes.

Ein Mädchen denkt nach!

Jetzt bin also auch ich arbeitslos! Das ist doch ein eigenes Gefühl. So, als wenn einem der Boden unter den Füßen fortgezogen wird. Ein paar Mark Unter» stiitzung winken nach vielen Fragen und Feststellungen seitens des Arbeitsamtes, und bann wartet man, was weiter wirb. Ob man mal wieder eingestellt wirb? Ob man irgendwo etwas anderes finden kann? Zuletzt kann mans auch gewöhnt werden, das Arbeitslos-sein und das Immer-wieder-warten. Nimmt es eben rote ein notwendiges Uebel, wird gleichgültig und stumpf, trotzdem man innen hungert nach regelmäßiger Beschäf­tigung. Wie hemmend, lähmend dies alles wirkt, wie hoffnungslos es macht, das haben viele von uns, auch von uns Mädchen schon erfahren.

Und doch, in einer Art haben wir Mädchen es leich­ter als die Jungen, als die Männer und Familien- väter. Wir sind dann nicht so ganz arbeitslos, wenn wir unsere Kräfte nicht brach liegen lassen, sondern Um­schau halten, wo etwas fehlt. Zuhause und auch bei anderen Menschen werden wir immer etwas zu tun fin­den, wenn wir nur wollen. Wenn wir auch die ein­fachsten häuslichen Verrichtungen mit Liebe tun, wenn wir uns mühen, unseren Worten einen frohen Klang zu geben, wenn wir die Not, die Sorgen gemeinsam tragen. Schwerer ifts ja, wenn nicht nur wir selber, sondern auch der Vater ober die Geschwister arbeits­los sind. Aber auch bann müssen uns die Not und die Liebe erfinderisch machen, und wir müssen Augen und Ohren offen halten, ob wir nicht irgendwo neue Anfänge sehen und hören. Man sagt ja, Selbst­hilfe ist die beste. Und das ist richtig: Wenn wir die Hoffnungslosigkeit in uns Herr werden lassen, ist alles verloren. Auf unsere innere Haltung kommt es an. Wenn es auch schwer ist, immer vorwärts zu denken, wir müssen es tun. Gertrud.

Auf zur polikischen Schulungslagung in Fulda! vom 16, bis 21. November 1931.

Aus dem Windthorstbund Fulda wird uns geschrieben:

Unser Aufruf zur Teilnahme an einer politischen Schulungstagung ist nicht vergeblich gewesen. Die An­meldungen laufen überraschend zahlreich ein. Wir bitten diejenigen, die Interesse an der Tagung haben, sich mög­lichst bald anzumelden. Vielleicht können auch ältere Freunde einem Erwerbslosen die Teilnahme finan­ziell ermöglichen. Wir müssen leider einen Unkostenbei­trag erheben, da mir bei unseren Unternehmungen nicht auf die Unterstützung kapitalkräftiger Kreise rechnen kön­nen. Das schadet nichts, da wir bann auch in jeber Hin­sicht unabhängig bleiben. Durch den Unkostenbeitrag von 2 Mk., ben biejenigen leisten, die sich selbst verpflegen, werden wir aber in die Sage versetzt, in Ausnahmefällen interessierten Erwerbslosen von auswärts, die sich nirgends die 5 Mk. für Verpflegung und Quar­tier besorgen können, kostenlose Unterkunft und Ver­pflegung zu gewähren. Sie mögen sich ohne Scheu an uns wenden.

Die Tagung beginnt Montag, abend» 8 Uhr mtt einem Begrüßungsabend in derHarmonie"' zu dem alle Fuldaer Freunde herzlich eingeladen sind.

Jeder Tag tft folgendermaßen eingeteilt:

8 Uhr lfl. Messe ht der Kapelle des Josephs-Heims.

%9 Uhr Kaffeetrinken.

K10 Uhr Referat und Aussprache.

1 Uhr Mittagessen.

3 Uhr Referat und Aussprache.

7 Uhr Abendessen.

8 Uhr Abendveranstaltung.

Dienstag, ben 17. November, wird der Kursus von dem Führer des Reichsverbanbes ber deutschen Windt- horstbünde, Reichstagsabgeordneten Dr. Kron e-Berlin

geleitet, lieber bie Veranstaltung am Dienstag abend wird Näheres noch bekannt gegeben.

Mittwoch, ben 18. November (Buß- und Bettag) neh­men wir vormittags an der Lanbesausschuß-Sitzung ber kurhessischen Zentrumspartei teil, auf der Dr. Krone ebenfalls sprechen wirb. Nachmittags spricht Gene­ralsekretär F ü f e r vom kurhessischen Bauernverein über Agrarpolitik und Dr. Sauer über bie Frage ber Sieb« lung.

Abends Gedenkstunde für die Helden, die ihr Leben für die H e i tn a t opferten.

Donnerstag, den 19. November, spricht vormittag» Prof. Dr. Dessauer über das Thema:I m Kampf mit der Wirtschaftskrise". Arn Nachmittag re- feriert Arbeitersekretär Geltings über Sozialpolitik, über ben Kampf zwischen Kapital unb Ar­beit.

Abenbs Bannerroeihe des Winbihorftbunbes Fulba.

Jreitag, ben 20. November, spricht vormittags Reichs- tagsabgeordneter Hofmann-Ludwigshafen über bas Thema:Deutsche Iugenb unb der Solls» staat"; am Nachmittag Dr. Krame r-Fulda über Grundsätzliches zur Kommunalpolitik", Der Tag wird mtt einem .Lustigen Abend" abgeschlossen.

Samstag, ben 21. November, vormittags Schlutzkund- gebung in ber Harmonie. Der Gauführer bes Windthorst- bunbes für den Gau Fulda wird gewählt. Beschlußfas­sung über bie Auswirkung, die die Tagung im Alltag haben soll. Ansprache von Reichstagsabg. Hofmann- Lubwigshafen.

Anmeldungen bitte sofort an Dr. Sauer, Fulda, Redaktion der Fuldaer Zeitung. Das Tagungsbüro wird in berHarmonie" eingerichtet. Dorthin mögen sich alle Ankommenden zwecks Quartiereinteilung usw. roenben. Die auswärtigen Gäste werden gebeten, sich rechtzeitig Montag nachmittag einzufinden.

Fleisch geholt. Der Alte hat es nicht gesehen. Da ging ber kleine Junge fort. Ich bin ihm nach. Da hat er sich hinter die Hecke gestellt unb hat das Fleisch gegessen. Es war aber nicht ganz gar, benn er konnte es nicht richtig beißen. Da bin ich wieder bei ben Alten gegangen. Da fragte er mich, ob ich ein Stück Fleisch weg getan hätte. Ich sagte, ein kleiner Junge hätte es verzehrt. Da ist er hin unb hat ihn in ben Wagen gesteckt."

Schon öfter hatte ich von ben Jgelgerichten ber Zi­geuner gehört, aber ber Sache keinen rechten Glauben ge­schenkt. Jetzt bin ich Willi fast böse, baß er bie Kost­probe nicht genossen hat. Vielleicht sinb die Zigeuner bes­sere Feinschmecker als wir. Von ben Vorarbeiten der Jgelbereitung hat uns Wilhelm unterrichtet.

,Lch wollte bei Arnreichs gehen. Da bin ich ben Mühlberg hergegangen. Auf einmal sah ich unten auf ber Wiese viele Zigeuner stehen. Sie ftanben runb herum. Da bachte ich, was ist benn ba unten los? Da war ich balb bei Arnreichs. Ich bin reingelaufen und habe ge­sagt:Die Zigeuner sind ja schon wieder da". Dann bin ich mal bei die Zigeuner gegangen. Da hatten sie Stachel­igel unb hatten ein scharfes Messer unb kratzten bie Sta­cheln ab. Wenn ein Igel rein war, haben sie einen Stock gesucht unb haben ihn bem Igel ins Maul ge­steckt. Dann haben sie erst ein Feuer angemacht. Da haben sie die Stacheligel ins Feuer gehalten. Da wurden sie ganz dick unb runb. Da hat ein Junge ein Messer genommen und wollte einen abkratzen. Da hat er sich in ben Finger geschnitten. Unb ba hat er ben Igel in bie Hecke geworfen. Aber ein alter Zigeuner hat ihn wieder geholt unb hat bem Jungen eine Ohrfeig« gegeben."

Die Erziehungskünste ber Zigeuner scheinen nach den Zuchtmaßnahmen die üblichen ber Menschen zu sein. Es braucht uns barum nicht zu wundern, daß auch Zigeuner- mütter bei ihren Kindern halten. Rosa hat bas deobach- tet;

Auguste unb ich waren bei den Zigeunern. Da hatte ein Junge einen Hunb. Der ist bem kleinen Jungen fort­gesprungen. Auf einmal kam sein Vater unb hat ihn mit der Peitsche geschlagen. Da hat er gemeint und hat Mama" gerufen. Da Ist bie Frau rausgekommen unb ist mit bem Jungen in ben Wagen gegangen".

Eine anbere Rosa kommt auch mit ihrer Freunbin, um nach ben Zigeunern zu schauen . Aber es sind etwas empfindliche Mädchen. Sie gucken aus ziemlicher Ent­fernung unb bie an ber Hecke zum Trocknen aufgehängte Wäsche scheint ihnen nicht weißgrundig genug. Die Mäd­chen rümpfen ihre kleinen Näschen und plaudern allerlei Befürchtungen:

Es waren Zigeuner ba. Sie hielten in ber Gasse bei Mannels. Als Mittag würbe, finb wir hingegangen. Meine Schwester und ich. Auf einmal tarnen Auguste unb Rosa unb Elisabeth Als sie da waren, sagte Rosa: Die Zigeuner haben Läuse unb Flöhe". Da sinb wir wieder heimgegangen".

Man sagt dem Zigeunervolk so manches nach und bas stimmt nicht So habe ich noch keinen Fall von Die­berei in unserem Dorf aus letzter Zeit gehört. Sie halten scheinbar auf gute Nachbarschaft. Dafür ist man­cher Pferdehanbel mit ihnen abgeschlossen worben. Sie verstehen sich gut aufs Kurieren unb manches Pferd, das dem Schinderanger nahe mar, ist von ihnen wieder auf die Deine gebracht worden. Und wie es auch sonst bei Handelsgeschäften oft geht, so ist auch von ihnen man­cher Kauf in ber Wirtschaft abgeschlossen worben. Da» merkt man nachher auch an den Zigeunerburschen. Fritz scheint diese Zusammenhänge aber nicht zu durchschauen, wenn er berichtet:

(Schluß folgt)

verantwortlich fürDas Blatt ber Jugend": Dr. oec, pubL Joseph Sauer-Fulda.