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nun zu lohnen,

— Eure Treue

in der -and die Schaufel hält.

Der

alle werden geschaufelt ins Grab,

Wir

Han.

solchen Be­

das Sommerlaub so traurig in den Grund,

o.

ich weiter abgestimmt.

Ein Vortanz müht Ihr mit mir Der Ablaß Euch nit hilft darvon, Das zwiefach Kreutz und dreyfach

Warum, warum? Um so quälender scl, von „diesem Gewissesten in unserm

Wir olle gehn am Mann vorbei. Wir alle schrein den schrecklichen Schrei,

An dem schönen Grabmal von Bartholome, das die die Stadt Paris für alle Verstorbenen auf dem „Pere

Kron".

wird dies Rät- Leben als dem

Am AUerheMgentag

Dis ihr still durch Leid geschritten, euer Leben war ein Bitten für die Well!--

Heilige Dulder, gottgesandt, deren Sendung wir in Blintcheit nicht erfaßten, nicht erkannt!

Der Tod gehl durch die Welt

Vie slaudeu wir früher und wie stehen wir heule zum Msel des Todes?

Vei den Mndergräbern.

Und mir war, als hört ich leises Weinen Wie von Kindern, die voll Heimweh sind —, lieber blühensmüde Blumen tastete der Wind, Und mir wollten diese Reihen endlos scheine.

Hin und wieder schrie ein Kreuz, ein Stein, Einen Namen in die Kirchhofsstille: „Vater, es gescheh' dein Wille!"

Und die Blumen zitterten in stummer Pein. —

Ob in heller Nächte feierlichem Schweigen Mütter nicht zu diesen Hügeln gehn. In Erbarmen bei den Kleinen stehn Und sich über chre kalten Bettchen neigen?

Karoline Hauch-Hochgründler.

Gewissesten zu wissen", aber nie zu wissen um Wann, Wo, Wie!

Was haben die Menschen nicht versucht, um es zu er­zwingen! Selbst ein Engel wird in Jean Pauls Er­zählung von dem „Tode des Engels" Mensch, um das Geheimnis dieses Geheimnisses zu erspüren: „Ich will einmal sterben wie ein Mensch, damit ich seinen letzten Sinn erforsche." Jean Paul hat dies Experiment tat­sächlich an sich selber gemacht. Am Silvesterabend 1790 schreibt er in sein Tagebuch: „Ich vergesse den 15. November nie. Ich empfand, daß es einen Tod gebe. An jenem Abend ging ich vor mein künftiges Sterbe­bett, sah mich mit der hängenden Totenhand, mit dem e'ngestürzten Krankengesicht, mit dem Marmorauge — ich hörte meine kämpfenden Phantasien in der letzten Nacht — du kommst ja, du letzte Traumnacht

Jean Paul ist vor diesem Geheimnis aber nicht zu- sammengebrochen. Er wußte, daß so wenig uns Men­schen bestimmt fft, die Schleier zu lüften, der Tod doch kein Ende sei. Das offenbarte ihm die Natur: Herbff

tragen wir zu euren Gräbern, schimmernde Märtyrerkronen!

H. Kaminski.

. benden. Die Allerseelenstimmung regt zu trachtungen besonders an.

Noch immer ist es Allerheiligen, denke und doch alles schon auf die lieben Toten denen wir noch helfen können.

Allerheiligen in Paris.

Don Margaret Hohmann.

Die Stadt hat heute kein fonntägliches Gepräge Kenn Sonntag früh merkt man in Paris nicht viel vom Ruhetag, der ihm folgen soll) aber ein — Feiertags­gesicht. Fast alle Läden sind geschlossen, die Museen sämllich und in den vielen Kirchen drängen sich die Andächtigen.

Eine der Kapelle jedes Gotteshauses ist schon heute mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, und es flimmern in ihre Düsternis unzählige dünne Gedächtniskerzen, wie sie an gewöhnlichen Tagen vor den Statuen der Heili­gen flackern.

Schon Tage lang vorher waren die Blumenläden überfüllt. Die hall>en Fußsteige standen voller Chry­santhemen, der Blume des Herbstes, die den letzten lebenden Schmuck der vielen wartenden Gräber bilden soll. Es ist an Frost noch nicht zu denken, so bleiben Blumen aus Glas, Perlen, Porzellan und Papier, wie der Franzose sie als Winterschmuck seiner Gräber llebt, von den Käufern unberücksichtigt.

Am Allerheiligennachmittag nun sieht man von den Haltestellen der Metro, der Trammway, der Autobusse und zu Fuß Scharen von Leuten zu den Friedhöfen eilen. Alle tragen in Seidenpapier gewickelt oder frei, allen zur Schau, was sie ihren Toten als Liebesgabe bringen wollen.

Alle diese Menschen gehen zielbewußt. Sie haben ihr Grab, sie suchen ihren Stein, ihre Kapelle. Ich allein schlendere unschlüssig zwischen den Hunderten, die hier schlafen und weiß nicht, wem ich mein bescheidenes Sträußchen geben soll. Es fällt schwer, ein vergessenes Grab zu finden.--Doch endlich habe ich eins.

Ich schiebe meine Blumen durch ein verrostetes Git­ter. Sie liegen nun auf einem verfallenen Hügel. Dabei denke ich an ein Grab, das fern in meiner Heimat heute auf meinen Besuch wartet. Aus dem Grabe, vor dem ich stehe, wächst ein grüner Buchsbaum und eine altersgrüne Männerbüste hat sich mit ihrem Sockel schräg in« Erdreich gesenkt. Der Name aus der Säule ist von Zeit und Alter ausgelöscht und so kann ich noch besser beten für dieses namenlose Grab und an einen grünen und gepflegten Hügel in der Heimat denken.

Die frischen Blumen nehmen sich aus diesem von mir gewähltem Grabe seltsam fremd aus und die Vorüber­gehenden betrachten mich verwundert, was ich am alten Hügel zu schmücken habe . . .

Es gibt unter den Toten Einsame wie unter den ße-

schreiten. Ich tue es, denn zu meinem Erstaunen habe ich aus der ihn umspannenden Empore Zuschauer ge- sehen ... Ich suche nach dem Eingang zu einer ge­ahnten Wendeltreppe, finde sie und erwirke mir durch Zahlen eines Franken den Aufftieg. Ich sehe herab aus die in Lichtfülle feierlich sich bewegenden goldbrokaten Gestalten und die vielen anderen in den weißen son­derbar gefalteten Chorhemden. Ich sehe die mit Edel­steinen übersäte Monstranz, die ich vor einigen Tagen in der Schatzkammer nah bewundern durfte.

Von den neun Priestern im Goldbrokat steigt nun der mittelste die Stufen des Altares an. Ein Glockenzeichen Die Gläubigen beugen ehrfürchtig die Kniee. Der bi­schöfliche Hirt segnet die Gemeinde von Rotte Dame, die Gläubigen aller Nationen und die vielen Fremden, die sich stumm und staunend vor einem unbekannten Ge- beimms verneigen.

Die feierliche Andacht ist zu Ende. Es wird die Mttra gebracht, und der ehrwürdige Hirte schreitet hinter seinen acht Domherrn zur Sakristei .... Dann löschen viele Lichter ... es ist fast wie am Gründonnerstag, dem einen Karfreitag folgt.

lieber die weißmarmorne Mittelplastik des Hoch- altares, eine schmerzhafte Gottesmutter, wird ein schwa- zes Fahnentuch mit silbernem Kreuz gezogen. Die Orgel setzt eine Octao tiefer ein und die Totenvesper beginnt.

Der Kardinal und viele Priester wohnen ihr eine Weile bei, und eine riesige Menschenmenge schickt bis zum Schluß der Andacht, wo alles sich löst, ihre Gebete zur Höhe, auf daß sie die Gewölbe einer der wunder­samsten Kirchen der Welt durchbrächen und am Throne des Höchsten sich einigten zu einer einzigen alles um­fassenden Bitte: „Herr, gib den armen Seelen ewige Ruhe und das Licht leuchte chnen — Ainsi soit-il (Amen).

Was nicht sterben soll, laß ungesprochen.

Jedes Wort erstirbt im Munde schon".

So Nagt Johannes R. Becher in seinem „Sterbe- lieb" und hört als Leitmotiv unseres Lebens:

„Immer stirbst du, wo du gchst und stehst,

Ob du schlafen gehst, stehst auf am Morgen, Bis dein letzter Atem ist verweht

Und du ganz zu Ende bist gestorben."

„Euer ganzes Leben ist der Tod. Geborenwerden ist anfangen zu stexben. Leben aber ist Sterben, indem man lebt", ruft einer aus dem „Totenheer" des Barock­dichters Mofcherosch uns zu, wie nach ihm Novalis: .Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes . . . willen. Keiner kann deshalb davon ausgenommen fein. Selbst der Papst muß sich im „To­tentanz von Basel" spotten lassen:

Komm, heiliger Vater, «erber Mann,

Allerseelenkag.

Einmal im Jahre schlägt das Herz rascher, die Pulse sie fliegen unberuhigender, tiefes Leid wühlt in des Seeles Tiefen und zarte Erinnerungsbilder der lieben Verstorbenen burchzittern die Seele.

Ein grauer Spätherbsttag! Leise Winde säuseln und spielen mit den letzten salben Blättern — die spärlichen Ueberreste einer vergangenen Schönheit. Sachte sinkt

Lachaise" hat errichten lassen, häufen sich die Blumen- fpenben. Hierher kommen alle, die ihre Lieben bewei­nen und nicht um einen letzten Ruheplatz wissen. Die, während sie hier stehen, an das mörderische Meer oder den schrecklichsten aller Kriege denken.

Die edlen Formen der Riesenplastik und die sym- basische Bedeutung einzelner Figuren beschäftigen meine Gedanken noch, als ich planlos weiter schlendere Ich finde Chopins Grab und sehe um den Stein, der sein Marmormedaillon schmückt, Blumen, nichts als Blumen. Der große Komponist muß viele Freunde in der Weltstadt haben, er, der auch nie recht wußte, wo sein Vaterland sei.

Am ®rabe des Lyrikers Alfred de Nufset lese ich Verse. Seine letzte Bitte an die Freunde enthalten sie, chm eine Weide zu pflanzen über seiner Ruhestatt, weil es sich gut in ihrem Schatten schlafen ließe. Man hat den Wunsch des Frühverstorbenen erfüllt, es flüstert eine Weide über seinem Grabe und höhere Bäume über­dachen dieses Feld aus kleinen steinernen Kapellen, das so garnicht einem Friedhof gleicht, wie unser deutsches, Gemüt sich chn denkt . . .

Ich bin vom Wandern auf dem steinernen Felde, vom Finden vieler Namen und Erinnern an ebensooiele Schicksale, müde geworden, auch fällt es mir noch eben zur rechten Zeit ein, daß man in Rotte Dame vielleicht eine feierliche Vesper halten könnte . . . Aus dem Wege dahin überall dasselbe Bild, Blumen tragende Menschen mit ernsten Gesichtern . . .

Ich hatte mich nicht getäuscht. Der wunderbare Raum von Rotte Dame ist hell erleuchtet. Die Orgel spielt und Männerstimmen fingen. Der Chor beson­ders strahll im Lichte unzähliger Glühlampen. Man ist schon bei der Segensandacht, der, wie ich nachher las, ein Rosenkranz voranging.

Trotz der Andacht darf man heute den Chor unv

Chor -er Toten.

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere Als chr auf der Erde, als ihr an dem Meere! Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, Ihr schwinget die Sichel und schneidet die Saaten, Und was wir vollendet und was wir begonnen, Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen, Und all unser Lieben und Hassen und Hadern, Das Hopft noch dort oben in sterblichen Adern, llnb was wir an gültigen Sätzen gefunden. Dran bleibt aller irdischer Wandel gebunden, Und unsere Töne, GebiDe, Gedichte Erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte, Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele — Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!

Konrad Ferd. Meyer.

und Winter sind nur um eines neuen Frühlings willen. So ist es: Wie in uns die Vergangenheit weiterlebt, jo blüht aus dem Tod unserer Gegenwart eine neue Zukunft. „. . . Dies ist ein Ding, das keiner voll aus- sinnt? I Und viel zu grauenvoll, als daß man klage ... I Daß ich auch vor hundert Jahren war, / Und meine Ahnen, die im Totenhemd, Mit mir verwandt sind rote

könnte es reden, bas wirbelnde Blatt. Ach, alles, —was sich Loben nennt, es ist ein Uebergangsstadium 3um stillen Sterben.

So Himmel- und sternenweit der Flug des Menschen­lebens geht, — doch am Wege schlunrmert still all das Erdenleid, ruht so beschausich und gleißend das so gierig erstrebte irdische Glück. Leise--nur--

leise--echot es in der ersterbenden Natur; schenkt

einen Tag den lieben Verstorbenen, die ja so sanft und

Der Tod geht durch die Welt. Wir spüren ihn Heuer nicht erst im Fall der Blätter. Alles scheint zum Tode verurteilt, unsere Wirtschaft, unser Reich, unser Kultur. Ueberafl hören wir die Klage der Psalmen: „Die Tage der Menschen sind wie das Gras; wie die Blume des Feldes, also blühet er dahin; denn fährt der Wind über sie, so hält sie es nicht aus, und wo sie gestanden, er­kennt man nicht mehr." Wir verzweifeln mit Otto zur Linde:

„Es stoht ein Mann am Rand der Welt,

mein eignes Haar. / So eins mit mir, als wie mein eignes Haar. Noch nicht ganz bringt Hugo von Hof- mannsthal hier bis zum Ende vor, dessen Trost Detlev v. ßiliencron so beglückend erlebte. Mag der Allerseelen- tag auch regenschwer und sturmbewegt sein, „verwittert Kreuz und Stein, die Kränze alt, / Die Namen überwachsen kaum zu lesen, . . . / Wie fturmesnot die Särge schlummerten. / Auf allen Gräbern taute still: Genesen". Er empfand mit Schiller die Lösung des Todes-Rätsels: „Nichts fft verloren und verschwunden, i Was die geheimnisvollen Stunden / In den dunkel schaffenden Schoß aufnehmen — / Die Zeit ist eine blühende Flur, / Ein großes Lebendiges ist die Natur, / Und alles ist Frucht, und alles ist Samen".

Das Wunder fft nicht der Tod, sondern die Auferste­hung. An der Auferstehung ober teilzunehmen hat uns Gott gegeben durch seinen Tod. Drum sinat bas schönste deutsche Lied vom „Schnitter, der heißt Tod" zum Schluß doch jubelnd:

„Trutz Tod, komm her, mich fürcht dich nit, Trutz, komme und tu dein Schnitt!

Wann Sichel mich letzet, so werd ich versetzet Im himmlischen Garten. Drauf will ich warten: Freu dich, schön's Blümelein!"

Und wie stehst Du, Leser, zu diesem Räffel? Heute wo der Tod durch die Welt geht? Durch unsere Wirt­schaft, durch unser Reich, durch unsere Kultur? Spürst Du aus diesen Toten auch das neue Leben? Und wie willst du es fördern? Wo siehst Du neue Keime sprießen? Wie willst Du ihnen wachsen Helsen? So daß Du sagen kannst: Freu Dich, schön'- Blümelein? Gehe in Dich, Leser!

Es schneidet uns allen die Herzwurzel ab, Wir alle, wir alle Kommen zu Falle, Der stolzeste Lauf

Steht nie mehr auf,

Wir alle liegen auf der Schaufel."

Wäre nur zu sagen Wann, Wo und Wie. „Der Tod kann Rappen und Schimmel reiten, / Der Tod kann lächelnd im Tanze schreiten; / Er trommelt laut, er trommelt sein: / Gestorben, gestorben, gestorben muh sein . . ." flogt der „Flandrische Totentanz". Und sagt uns doch ebensowenig wie Börries v. Münchhausen über unser Wann, Wo, Wie: „Wenn zwei Eheleute zum Sternhimmel ftarrn, / Oder ein Bruder hält seiner Schwester das Garn, / Oder ein Freund schenkt bedacht­sam dem Freunde ein — / Schwebt ein dunkler Falter über den zwein: / Einer von uns muß hinter dem Sarge gehn? / Dran im Sttaßenroinde die Schlei­fen wehn? / Einer von uns muh streun mit kalter Hand / Erde hernieder vorn bretternen Grabesrand; / Einer von uns muß gehn nach Haus allein . . ."

Allein? Einer bleibt bei uns, verläßt uns nicht: der Tod. Wie auf der ergreifenden Zeichnung Augustin Heumanns dem Wanderer durch die frühlingssonnige Landschaft, so geht auch uns der Sensenmann immer zu Sette — in gleichem Schritt und Tritt:

„Was du sprichst — kaum ausgesprochen Schwebt es fort, ein geisterhafter Ton.

Radio

Prüf- und Reparaturwerkstatt hat nur

Tel. 2412. Funkhaus Leibold Mittelstr. 42

Allerheiligen-Allerseelen!

253 Beilage zur Fuldaer Zeitung *• November

Die Augen des unbekannten Soldaten.

Roman non Paul Edmund von Hahn.

Covvrigbt bti Knorr und Sirtb, G. m- b. S. München.

Und immer dabei dieser schreckliche, peinigende Ge­danke: Vielleicht war jener unbekannte Soldat, den sie getötet, gerade der Vater jenes Kindes? Der einzelne wuchs und wurde für sie zum Sinnbilde dieses ganzen fast zu Tode gehetzten Volkes, wie einst seine Augen ihr zum Symbole der gläubigen, standhaften Idee wurden.

Müde sanken ihre Hände vom ttänenüberströmten Gesichte, sie nickte ihrem Spiegelbilds bitter zu. „Berg­mann hat unrecht. Eine Dame bin ich nicht geworden, — aber eine Frau!"

Heftig unterdrückte sie ein nervöses Lachen, das in ihr aufftieg, und murmelte zusammensinkend nut zuckenden Sippen: „llnb eine Frau darf ich nicht sein! Denn bie Liebe, die Bergmann von mir begehrt, und die ich nun verschenken möchte, um allen Haß auszulöschen, auch diese Liebe muß ich weiter versagen wie bisher, denn es wäre der schlimmste Verrat! Es wäre der Verrat des Körpers und der Seele!“

Das große fremde Haus, dessen viele Zimmer wie kleine, photographische Kammern jeden Tag winzige Aus- schnitte des allgemeinen großen Wellgeschehens in Leid und Freud ihrer Inwohner in sich aufnahmen, dies große, ftemde Haus umgab mit nächtlicher Stille in die­ser Stunde Marias Kämpfen und ihre Not, wie der -fürchterliche Kampf der zerrütteten Menschhett als riesiges Räderwerk Marias vertanes Leben gleich einem Der» fchliffenen Rädchen immer wieder in sich aufnahm, an- ttieb und durch dasselbe andere ähnliche Räder treiben ließ.

Ein Gefühl unendlicher Vereinsamung überkam Ma­ria; wieder zuckte ihre Hand nach dem Hörer, sie wollte Menschen hören, Leben spüren. Die Todesstille des Ho­tels, in dessen Mauern doch so viele Menschen schliefen, dachten, weinten oder lachten, liebten und haßten, dies Gefühl des Derlaffenseins in der sie umgebenden Allge- meinhett, drängte ihr ganzes Gefühl nur auf die eine Empfindung hin: Geben und Empfangen, fein wie die anderen .geliebt fein und von Liebe sprechen dürfen, statt -u lügen!

Da schrillte das Telephon. Erschreckt zuckte Maria zurück. Wer konnte chr Sehnen erraten haben? Wer gab ihr Antwort aus der feindlichen Einsamkeit rings­um? Ein leises, zitterndes Hoffen stieg in ihr auf, daß sie Bergmanns Stimme hören würde. Sie griff nach dem Hörer. Enttäuscht vernahm sie die Meldung des Portiers, daß soeben ein dringender Expreßbrief ange­kommen sei. Maria lieh sich den Bries sogleich auf das Zimmer bringen.

Einige Minuten später hielt sie den einfachen, einem Dienstkuvert ähnlichen Umschlag in der Hand. Die russischen Marken zeigten Aufdruck und Stempel der antibolschewistischen Postverwaltung im Süden Ruß- lanbs. Aus dem Umschläge fiel ein mit Frauenhand­schrift bedeckter Bogen, der oben den Aufdruck des Ro­ten Kreuzes trug. Mit dem Vorgefühl einer traurigen Nachricht riß Maria den Brief in das Licht ihrer kleinen Lampe und begann zu lesen.

Siebes Fräulein Rukow!

Ich hoffe, daß Sie dieser Brief durch Vermittlung unseres Stabes erreicht. Vor einigen Tagen wurde hier im Lazarett ein völlig entkräfteter alter Mann ein­geliefert, den Patrouillen an der Front aufgegriffen haben und dessen Zustand leider hossnungslos ist. Schon während feines anfänglichen Fiebers phanta­sierte er viel und sprach immer von Ihnen. Es scheint, daß chn nur der Wunsch, eine chm obliegende Pflicht unbedingt zu erfüllen, aufrecht erhält. Seit etwa zwei Stunden ist er nun bei Bewußtsein, doch lassen die schwindenden Kräfte des abgezehrten Körpers kein Aufkommen mehr hoffen. Er hat mich nun bitten lassen, diesen Bries an Sie zu schreiben, und ich will die Mitteilungen, welche ich Ihnen leider in seinem Auftrage machen muß, kurz wiederholen, da sein Diktat allzu verworren ist. Wollen Sie bitte das Traurige, das ich Ihnen mitteilen muß, mit Fassung tragen. Es ist die Zeit so schmerzerfüllt, daß man kaum Worte des Trostes finden tarnt, — so unendlich ist das Seid, I das unserem ganzen Volk beschieden ist. Da glaube ich |

auch Ihnen nur sagen zu dürfen: nehmen Sie das Ihrige mit dem Bewußtsein hin, daß wir alle mit daran tragen, daß wir alle mit zusammengebissenen Zähnen und erhobenem Blicke Gerechtigkett und Sühne für unsere Toten ersehnen und erkämpfen!"

Maria konnte nicht weiter lesen. Das Blatt sank aus ihrer Hand auf den Boden. Sie bedeckte ihr Ant­litz, — das schrieb eine Schwester. Nicht nur ihrem Berufe nach! Eine Schwester im Sinne der Blut- und Volksgemeinschaft; eine Frau, die ihren Platz standhaft im Sturme des Selbes einnahm und ihre Arme aus­streckte, — um aufzurichten. Und sie — Maria, was konnte sie denn noch so treffen? Sie fühlte es, bevor sie noch das entglittene Blatt wieder in den zitternden Fingern hielt: Bie Mutter! Da schrie es ihr schon aus den Zellen entgegen:

„. . . Gleich nach Ihrer Abfahrt ist Ihre Mutter wieder in die unteren Keller der Tscheka eingeliefert worden, während Merkuri zu Zwangsarbeit verwendet wurde." Das einfache Papier klaffte in breitem Riß auseinander, so strafften es Marias haltende Hände: „..Hin und wieder konnte Merkuri die alle Frausehen, wenn er zu Slufräumungsarbeiten in den Keller kam. Man hat sie gezwungen, irgendwelche Quittungen zu unterschreiben. Sie sollen wissen, daß Ihre Mutter nie irgend etwas bekommen hat. Die fürchterlichste Qual hat ihr und dem Alten der Kommissar Palkin bereitet, indem er Ihrer Mutter immer wieder er­zählte, daß alles, was mit ihr geschähe, mit Ihrem, der Tochter, Einverständnis erfolge. Merkuri läßt Ihnen nun jagen, daß weder er noch die alte Frau daran glaubten.

Am 22. April dieses Jahres ist Ihre Mutter an Entkräftung gestorben. Leute aus der Wachmann­schaft waren so von dem stillen Leiden der alten Frau gerührt, daß sie gegen das 53erbot des Kommissars den allen Merkuri zu ihr ließen. So hatte sie in ihrer Sterbestunde den ergebenen Diener um sich, und dieser läßt Ihnen nun folgendes als Nachricht davon sagen: „Geh, Merkuri," sagte sie, „und trachte meiner Tochter zu sagen, daß ich in diesem Kerker nie aufgehört habe sie zu lieben. Ich weiß, daß sie sicherlich alles tat, um mich zu beschützen und um mir zu helfen. Unser Leben ist alt und vergangen. Es ist gut, daß sie fort­gegangen ist, dorthin, wo noch Menschen für Menschen

leben und Häuser gebaut werden, um darin glücklich zu sein! Hier ist der Tod, der Haß, und alle Mauern sind Kerkern des Körpers, wie alle Worte hier Fesseln des Geistes geworden sind!" Dann wurde sie so schwach, daß Merkuri ihre Worte, die er, wie er an­gibt, in täglicher Wiederholung auswendig lernte, nicht mehr verstand. Ganz zuletzt hat sie dann noch hör­bar geflüstert: „. . . und sage ihr, daß sie, wenn ihr draußen im Leben die hellen Glocken der Siebe und der Freude läuten — daß sie dann ein ganz klein wenig an die kleinen, armen Kinderglocken denken soll, mit denen sie ihr altes Vaterhaus zum letzten Weih­nachtsfeste riefen. Diese Glocken soffen sie begleiten in ihrem zukünftigen Seb en!" Dann starb Ihre Mut­ter, und leider hatte sie nichts mehr, was Ihnen als Andenken übersandt werden konnte. Es hat nicht ver­hindert werden können, daß sie an der Seite aller anderen Opfer in einem Massengrabe bestattet wurde.“

Ein jäher Schrei durchriß die nächtliche Stille. Die ehemalige Kommandantin Rukow wandte sich auf dem rot- und schwarzgemusterten Teppich ihres Hotelzimmers vor Schmerz, wie ein verwundetes Tier griff Maria an spitze Ecken und Kaitten, riß sich die Haut an vorstehen­den Metallteilen wund. — Alles Schöne und Siebe die­ser letzten Mutterworte versank in ihr vor der letzten furchtbaren Nachricht Immer wieder zuckten die Worte aus ihren blutigen Sippen: „Im Massengrab«! . . . An der Seite der anderen Opfer!" Das waren ja die von ihr Gerichteten! — Die Unbekannten, deren Grab keine Tafel, kein Gedenkspruch und kein Zeichen schmückte. Das waren die toten Leiber, denen die furchtbare Gemein­samkeit des Leidens als einziges Grabmal die Verbin­dung über den Tod hinaus mit ihren gemordeten Brü» dern bot. — Das Massengrab!

Maria schrie noch einmal grell auf! Besinnungslos schlug sie den überhitzten Kopf gegen den Spiegel, der ihr neues kulttviertes Bild höhnisch zu verzerren schien.

Es klopfte an ihrer Tür. Erst vorsichtig, dann immer eindringlicher. Die Stimme eines Hotelbediensteten fragte erregt, ob ihr etwas zugestoßen sei.

Dieser Ton aus der Wirklichkeit brachte Maria zur Besinnung. Da waren ja Menschen um sie. Hier waren immerhin noch Menschen, die fragten, wenn einer in ihrer Mitte leidzerrissen aufschrie; die ihn nicht gerade dann zu Tode peinigten. Hier war ja nicht mehr das