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Ar. 247

Beilage zur Fuldaer Zeitung

25. Oktober

Die Augen -es unbekannten Soldaten.

151 Roman von Paul Edmund von tzahn.

Covvrigbt bi) Knorr und Lirtb, G. m. b. München.

Polkin blättert um und murmelte:Das nenne ich eine Ordnungskonferenz! So sollen sie nur gegen uns beraten!"

3m September verzeichneten die Berichte mit steigen­der Nervosität ein vollkommenes Aussetzen der Tätigkeit Marias. Da man jetzt in Europa die bolschewistische Gefahr erkannte, hätte gerade jetzt eine Agenttn wie Ma­ria äußerst tätig sein müssen. Das Vordringen der Weißen Armee zwang jedoch Polkin und seine Agenten, ihr Opfer kurze Zeit weniger scharf zu bedrängen. Es wurde gemeldet, daß Maria bis Mitte Oktober jegliche Zusammenkunft mit bolschewistischen Agenten ablehnte und erst auf die wiederholten Drohungen hin, daß sonst ihre Mutter sofort erschossen werde, erschien.

Anfang November war Bergmann auf längere Wo­chen zu seinen Verwandten verreist, und Marias Allein­sein gatt als chr Urlaub. Ende November meldete der Wiener Agent, daß Bergmann noch nicht zurückgekehrt sei. Der Berichterstatter wies nachdrücklich darauf hin, daß der lange Aufenchalt in Wien, der Einfluß der west­europäischen Kullur stark auf Maria zu wirken beginne. Sie besuche viel Ausstellungen, höre Vorlesungen und viel Musik. Er glaube Anzeigen zu sehen, daß sie sogar jede politische Tätigkeit aufzugeben suche. Der Bericht­erstatter hielt es für gefährlich, der gewesenen Komman­dantin wichtigere Missionen in Zukunft anzuvertrauen. Die Drohungen schienen nicht mehr so stark auf sie zu wirken.

Mit dem Datum des 26. November stand darunter eine mit starkem Rotstift geschriebene Anmerkung:Letz­ter Auftrag erteilt! Termin bis 1. Januar."

Polkin blickte auf. Sein verzerrter Mund flüsterte: Da hast du die Kultur!"

Dann fiel sein Blick auf den Kalender feines Schreib- ttsches und seine Stirn furchte sich. 15. Dezember! Erregt sprang er auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

Da klopfte es. Langsam und ängstlich schob sich Tejrik in das Zimmer. Furchtsam zusammengedrückt blieb er an der Türe stehen.

Erstaunt fuhr chn Polkin an:Wie kommst du hierher, habe ich dich gerufen?" Und mit plötzlicher Unruhe in der Stimme fuhr er fort:Was ist in Rezna?"

Tejirk duckte sich, als er warte er einen Hieb.Ich habe immer gesagt, man soll dies alte Kerl, den Mer­kuri, beiseite bringen. Jetzt ist er weg!"

Polkin fuhr auf.Was heißt: er ist weg? Du ver­soffener Hund hast doch sowieso in Rezna nicht mehr viel zu tun, kannst du da auf einen alten Trottel nicht mehr achtgeben?" Wütend sprang er gegen den Tartaren vor.

Der stammelte:Als die Weißen immer roetter vor­rückten, mußten jetzt Gefangene Schützengräben aus­heben. Dabei ist alter Kerl in Büsche gesprungen und weg. Niemand hätte gedacht, daß er so laufen kann. Ich unschuldig, Herr Kommissar, Gefangenenaufsehrer schuldig!"

Polkin stieß nach ihm mit dem Fuße.Den Gefan­genenaufseher an die Mauer, dich lasse ich hängen, du räudiger Hund!" Plötzlich besann er sich.Paß auf, Tejrik, ich gebe dir eine Möglichkeit. Wenn du den Alten festnimmst, bevor er sich mit der Kommandantin in Verbindung gesetzt hat, bleibst du am Leben und kriegst eine Belohnung. Sonst." Seine vor Wut zitternde Hand fuhr mit bezeichnender Gebärde über den Hals.

Tejrik winsette:Ich werde laufen, ich werde ihn fangen, Herr Kommissar. Alte wird zu Weißen gelau­fen fein, Tejrik ihm immer nachlaufen!"

Polkin warf sich in feinen Schreibtifchsessel. Seine geballte Faust schmetterte auf den Akt nieder.' Dann stutzte er. Langsam wandte er sich dem Tartaren zu und sagte:Du brauchst nicht zu laufen, Tejrik, ich habe es mir überlegt. Scher dich jetzt und warte auf meine weiteren Befehle."

Ländlicher Herbst.

Sonntagsruhe, Dorsessttlle, Kind und Knecht und Magd sind aus, Unterm Herde nur die Grille Musizieret durch das Haus.

Tür und Fenster blieben offen. Denn es schweigen Lust und Wind, Ja, uns schweigen Wunsch und Hoffen, Weil wir ganz im Glücke sind.

Felder rings ein Gottessegen Hügel auf- und niederwärts, Und auf stillen Gnadenwegen Stieg auch uns er in das Herz.

Theodor Fo n t a n e.

Ein Kapitel Zoologie.

Vie Jtafur als Ausdruckskünstlerin. Ein Tier, das im wahrsten workfinn in die Fabel hineingehörl.

Mehr oder weniger sind alle Tiere Typen, d. h. Aus­druck gewisser, aufeinander abgestimmter Wesensmerk­male und Eigenschaften. So ist es ja auch zu erklären, daß fo viele Tiere für uns geradezu symbolhafte Bedeu­tung gewonnen haben, und darauf beruht die Möglich­keit der Fabel, die die Tiere anstelle menschlicher Ty­pen handelnd auftteten läßt. E i n Tier aber hat bis­her in die Fabel noch kaum Eingang gesunden, obwohl es ein wahres Wunder von Ausdrucksfülle und -fähig- keit ist. Das Chamälean mit seiner Fähigkeit zum Farbemvechfel ist uns allen bekannt, und oft genug haben wir vielleicht Veranlassung, irgendeinen unserer Zeitgenossen, der sich durch gar zu große Wandlungs­fähigkeit hervortut, mit dem Tierchen zu vergleichen. Aber erst wenn man die andern, weniger bekannten Kuriositäten, die es in und an seinem Körper vereinigt, mit ins Auge faßt, wird man den einzigartigenCha­rakter" des Tieres erfassen. Die alten Fabeldichter, Aesop, Phädrus usw. haben das Chamäleon sicherlich auch gekannt, da es ja in den Mittelmeerländern oor- kommt, und es ist eigentlich verwunderlich, daß es nicht schon im Altertum zu denFabeltieren" gehörte; viel­leicht ist dies daraus zu erklären, daß die subtropische Abart der Mittelmeerländer chre Eigenschaften nicht fo entwickelt hat wie die tropische, auch an Größe längst nicht an denErdlöwen" der Tropen dies ist die wortgetreue Uebersetzung des griechischen WortesCha­mäleon" heranreicht.

Seltsam ist zunächst das Augenlied des Chamäleon. Es ist nicht zweiteilig und klappt nicht von oben und von unten zu, sondern es ist rund und umschließt das Auge wie ein Gummireif; es kann sich zurückziehen, so daß das Auge offen ist, und es kann sich fo ausdehnen, daß in der Mitte nur ein ganz winziger Punkt offen bleibt. Das Auge ist' fo gewissermaßen abgeblendet, ohne daß doch die Sehmöglichkeit genommen ist. (Be­kanntlich ist der Licht ausstrahlende Augapfel für Tiere, die auf Beute ausgehen, verräterisch). Die Augen ha­ben noch eine andere Merkwürdigkeit: sie können sich unabhängig voneinander bewegen; das eine kann still- stehen, das andere kann aufgeregt zucken, es kann nach hinten, das andere nach vorn blicken. In feinem Maul Hai das Tier eine gefährliche, verborgene Waffe: die ungeheuer lange, wie ein Wurfspeer Vorwärtsschnellende Zunge mit ihrem knopfartigen klebrigen Ende, an dem die Opfer einfach hängen bleiben. Nimmt man bann den bekannten Farbwechsel hinzu, sowie den zackigen, fast höckrigen Rücken das Tier sitzt auf den Ast ge­duckt wie ein Auswuchs des Holzes, so hat man ei­nen Tiercharakter, wie er prägnanter eigentlich kaum denkbar ist; bas ganze Tier ist ein vollendeter Aus­druck der Falschheit und der Heimtücke!

Der Farbwechsel übrigens fft ganz unglaublich man­nigfach. , Es gibt keinen Farbton, den das Tier nicht hervorbringen könnte, vom Schwarz bis zum hellsten Weißgelb ist chm nichts unmöglich. Grün, Violett, Rot, Blau, und diese Farben in sämtlichen Schattierungen,

sind m seiner Farbwerkstatt vorhanden. Und nicht nur bas. Das Tier kann auch mchrere Farben an verschie­denen Stellen seines Körpers hervorbringen, es kann sichmustern", kann Streifen, Flecke und Punkte produ­zieren. Durch dieseMuster" besonders ist eine fo voll­kommene Anpassung an seine Umgebung möglich, daß man geradezu von einer Unsichtbarmachung sprechen kann.

Dieser Farbwechsel beruht auf besonderen Farbstoff­zellen, die sich in der Haut befinden. Sie sind mit win­zigen Pigment-, d. i. Farbstoffkörnchen jeder möglichen Farbe gefüllt, die vermöge einer besonderen Bewegungs- muskulatur in allen möglichen Mischungen und Dichten an die Oberfläche der Haut gebracht werden können und dort die Farbe erzeugen, eine wahre Wunderwerk­statt der Natur. Die Natur hat sich beim Chamäleon also nicht nur als Ausdruckskünstler, sondern auch als Techniker in erstaunlichster Weife betätigt. Was ist alle menschliche Technik gegen dieses wundersame Spiel in einem Tierleib! wobei es dahingestellt bleiben muß, durch welche Nervenreize das Tier befähigt wird, jeweilig den richtigen Bewegungsmechanismus der un­zähligen Pigmentkörperchen ins Werk zu fetzen; es müs­sen da physiologische Beziehungen mitspielen, von denen wir noch gar keine Ahnung haben.

Im folgenden aber fei versucht, bas Chamäleon zum ersten Male in die Welt der Fabel, in die es hin­eingehört, einzuführen. Man habe Nachsicht, wenn der erste Versuch nicht zu voller Zufriedenheit gelingt!

Der Fuchs und das Ehamäleon.

Man hatte dem Fuchs wieder einmal den Prozeß gemacht. Mit Mühe und Not hatten ihn seine Freunde

vor dem Tode durch den Strang retten können; beim er hatte sich wieder einmal schlau und hinterlistig an die Kinder Lampes, des Hafen, gemacht und sie, nachdem er chr Vertrauen gewonnen hatte umgebracht. Mit aller Cindringlichkeit hielten ihm die Richter feine Heimtücke vor Augen, fo daß er in sich ging und sich aufrichtig zer­knirscht auf den Weg machte, um in einem einsamen Walde Buße zu tun. Als er nun gesenkten Hauptes da- hinlchritt, fiel ihm plötzlich ein Zweig vor die Füße. Er blickte auf und sah ein Tier, das er noch nie erblickt hatte. Es war das Chamäleon.Wer bist du. und was machst du da?" fragte er. Kaum aber hatte er die Frage ausgesprochen, da war das Tier verschwunden. Kopfschüttelnd stand er da, da taumelte eine Libelle heran. Goldig glänzend wiegte sie sich in der Luft Plötzlich aber schoß ein Pfeil hervor, klammerte sich an den Libellenleib und zog das angstvoll flatternde Tier an sich. Und nun sah der Fuchs; da saß ja noch das Chamäleon, genau am selben Platz; es hatte völlig die Farbe des Laubes angenommen, unter dem es hockte. Es zog die Libelle an sich heran, schnappte zu und verschlang sie. Dann ging ein Schatten über seinen Leib, dieser wurde dunkel, und das Chamäleon kroch weiter, graubraun wie der Ast, auf dem es sich be­wegte.

O Wunder, dachte der Fuchs, dieses Tier ist noch falscher und heimtückischer als ich! Wenn ihm nicht der Prozeß gemacht wird, wozu soll ich dann Buße tun?

Und er kehrte um und wurde schlimmer als zuvor. Denn wo gäbe es einen Uebettäter, der feine bösen Taten nicht damit entschuldigte, daß andere noch schlech­ter wären als er selbst?! GH.

Erlebnis in der fremden Stabt

Eine Skizze von Erich Kunter.

Als ich noch Diplomingenieur im Dienst einer Ber- liner Firma war, wurde ich oft mit Aufgaben betraut, )U deren Ausführung ich weite Reifen unternehmen mußte. Aus der Rückkehr von einer dieser Reisen hatte ich in Stuttgart zwei Stunden Aufenthalt. Die An­strengung monatelanger, harter Arbeit, ich hatte ben Bau eines Kraftwerkes im Zabergäu leiten müssen lag mir in den Gliedern, und ich spürte jetzt schon in allen Nerven die Erschlaffung und Müdigkeit, die mich jedesmal nach Bewältigung einer Aufgabe befiel. Ver­drossen suchte ich den Wirtfchaftssaal des Bahnhofs auf um in einer verborgenen Ecke ein wenig zu schlum­mern.

Ich ttete also ein und sehe durch den langgestreckten, übersichtlichen Saal bis in die hinterste Ecke. Ein Gewimmel von Menschen. Wohin ich blicke, fft nir­gends mehr ein Plätzchen frei. Schon will ich mich wieder entfernen, da drehe ich mich fast unwillkürlich um. Ich stehe wie unter einem Zwang, der mich nötigt, gleichsam automatisch in eine Seitengasse der Tischrei. hen einzubiegen. Geradewegs gehe ich auf einen Tisch in der äußersten, vom Licht nur wenig erhellten Ecke des Saales zu. Ein einzelner Herr sitzt an dem Tisch, vor dem ich Halt mache. Ich ziehe den Hut und mur­mele^ die übliche Redensart der Höflichkeit:Gestatten

Mein Blick streift ihn und fällt auf fein Gesicht. In biefem Augenblick erschrecke ich hefttg, obwohl ich bei mir höchlichst verwundert nach einem Grund für mein Erschrecken suche. Das Merkwürdigste aber ist, daß auch mein Gegenüber maßlos erschrocken über meinen Anblick zu fein scheint. In seinem unschönen, blassen, aber doch interessanten Gesicht zuckt es vor Erregung. Verstört und außer sich steht er auf, und, nicht im­stande sich zu fassen, eilt er ohne Gruß davon. Dem ihm entgegentretenden Kellner zahlt er zerstreut und mit zitternder Hand die Zeche. Ich kann mir den Vorfall nicht erklären und bin fo verblüfft, daß ich keine Worte finde, um den von mir Aufgescheuchten am

Fortgehen zu hindern. Bestimmt hatte ich den Mann nie vorher gesehen; er konnte mich also höchstens mit einer mißliebigen Person verwechselt haben. Vielleicht war er im Halbschlaf versunken gewesen und träumte gerade von jener ihm verhaßten Persönlichkeit, bann mar es ja sehr verständlich, daß ihm mein plötzliches Erscheinen einen solchen Schrecken einjagte!

Warum aber war i ch so heftig erschrocken und vor allem: wieso war ich mit einer so nachtwandlerischen Sicherheit schnurstracks auf seinen versteckt liegenden Tffch zugeschritten?

Ich dachte noch viel über die sonderbare Begegnung noch; im Laufe der Zeit jedoch schwanden sie und der geheimnisvolle Fremde aus meinem Gedächtnis.

*

Nach drei, vier Jahren wurde ich von meiner Firma wieder mal in jene Gegend geschickt. Von der Haupt­strecke aus mußte ich noch mit einer Nebenbahn nach dem im Neckartal liegenden Ort fahren, in dem ich für einige Monate arbeiten sollte. Unterwegs kam ich an einem größeren Ort vorbei, der idyllisch am Neckar liegt, und dessen Ansicht sofort einen ganz eigentümli­chen Reiz auf mich ausübte. Nun habe ich ja von je­her eine Schwäche für die Besichtigung altertümlicher Städte gehabt. Doch wäre diese romantische Neigung gerade jetzt kein hinreichender Grund gewesen, die Fahrt zu unterbrechen. Tatsache ist indessen, daß ich es tat, und einfach ausstieg, als ob es garnicht anders fein könne. Und ohne auch nur zu fragen, ob am gleichen Abend mich noch ein Zug nach meiner Zielstation brin­gen könne, begab ich mich durchs Stadttor ins Innere des Ortes.

Alsbald verlor ich mich in einem Gewirr von Gas­sen und Gäßchen. Es dunkelte bereits. Abendglocken läuteten, Gänse schnatterten in der Nähe, Fuhrleute knallten mit der Peitsche, Wagen holperten über das säilechte Pflaster. Die alten Fachwerkbauten schienen sich mir freundlich zuzuneigen; ich stand verzaubert sttll wie in einem Märchen. Traumhaft, unwirklich er­

schien mir das ganze Idyll; ein nie gekanntes, überaus wunderliches Gefühl beschlich mich.

Ich war nie in meinem Leben in diesem Städtchen gewesen, und doch kam mir jede Straße, jedes Hau» bekannt vor. Der schwere Dust sommerlicher Wiesen und Felder drang in die stillen Winkel und Höfe ein und brachte mich in eine angenehme, poetische Stim­mung. Wie im Traum schritt ich weiter.

Und wieder wurde daraus, wie schon einmal, un­vermittelt eine Art Schlaswandel; wieder kam es mir plötzlich vor, als ob ich unter einem inneren Zwang einen oorgeichriebenen Weg gehen müsse. Gleichsam von einem anderen Willen geleitet, bog ich in die Sei­tengasse ein, die sichBrändle-Weg" nannte.

Vor einem kleinen, alten Häuschen blieb ich stehen. Mein erster Blick fiel auf eine Tafel über einem nied­rigen Eingang, auf der zu lesen stand:

Dem Andenken des Heimatdichters Eugen Brändle gewidmet.

Er wurde in diesem Haufe am 7. Juni 1853 geboren

und starb auch dahier am 10. März 1902.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Brändle? So hatte doch mein Studiengenosse auf der Technischen Hochschule geheißen! Ein bescheidener, snmpathffcher Mensch war er gewesen, der leider in den Jünglingsjahren von der Lungengrippe dahin ge­rafft wurde. Sentimental wie ein Backfisch, hatte mir der gute Junge oft von feinem Heimatdörschen vorgefchwärmt und von feinem ehrfürchtig geliebten Vater, der als Heimatdichter weit über die Grenzen des Schwabenlandes hinaus geschätzt fei. Er war da­mals fo beredt und anschaulich in seinen Schilderungen gewesen, daß sich alle Einzelheiten des Stadtbildes in mein Unterbewußtsein eingeprägt und wohl bewahrt hatten. Kein Wunder also, daß ich mich in der frem­den Stadt von vornherein so heimisch und vertraut fühlte!

Und doch war diese Fügung ober Führung geradezu unfaßbar: Nie hatte ich auch nur eine Sekunde lang an den Heimatort meines Freundes gedacht. Ja selbst den Flamen hatte ich so völlig vergessen, daß er mir nicht einmal beim Aussteigen aus dem Zug wieder einfiel! Und jetzt stand ich vor feinem elterlichen Haus!

Cs trieb mich in das Haus hinein. Was aber sollte ich den Bewohnern sagen? Von den Nachkommen des ruhmreichen Dichters lebte vermutlich niemand mehr hier.

Ich stieg die schmale Treppe hinauf und wollte oben an die Tür pochen, hielt aber den schon gekrümmten Finger zurück. Stimmen, eine männliche und eine weibliche, drangen an mein Ohr. Die weibliche wei­nend, angsterfüllt; die männliche drängend, heiser, voll unterdrückter Leidenschast.Ich tu es nicht; ich tu es nicht!" hörte ich nur immer wieder bas Weib schluchzen.Alles, nur das nicht!"

Eine dunkle Ahnung benahm mir den Atem. In furchtbarer Erregung kaum wußte ich, was ich tat drückte ich die Türklinke nieder.

Das verzerrte Gesicht des Mannes tauchte wie eine Vision vor mir auf. Dieses entsetzte Ertapptfein, die­sen Ausdruck der Angst wie vor einer Geistererfchei- nung hatte ich bisher nur einmal kennen gelernt: da­mals in der Bahnhofswirtschaft!

Der Schlag meines Herzens schien auszufetzen. Starr standen drei Menschen in dem kleinen Raum. Es war die zweite Begegnung mit jenem Fremden.

Als sich der Mann von seinem Schrecken erholt hatte, stürzte er hinaus und suchte das Weite, vom bösen Gewissen gehetzt. Offenbar sah er in mir das verkörperte Verhängnis. Drei Tage später wurde er im Frankfurter Hauptbahnhof verhaftet. Er war ein langgesuchter schwerer Junge, der sich in den letz­ten Jahren auf Heiratsschwindel verlegt hatte. So war er auch an Fräulein Brändle, die Schwester mei­nes verstorbenen Freundes, geraten, die er dazu be­wegen wollte, bas Sparkassenbuch ihrer Mutter zu entwenden unb mit ihm nach Südamerika zu gehen.

nach jeder Mäfäzeir Magenbeschwerden

Nur echt mit dem Bilde des Erfinders

Als der Tartare sich mit tiefen Bücklingen hinausge­drückt hatte, frömmelte Palkins Hand immer schnellere Wirbel auf dem Aktendeckel. Mit häßlichem Lachen mur­melte er: . . . Und wenn bu's erfährst, mein Kätzchen wenn schon! Ich hab ja noch eine andere, vielleicht noch bessere Fessel für dich! Du kommst mir nicht aus!"

Eine halbe Stunde später meldete sich der Kommissar Polkin, der Referent für die bolschewistische Auslands­propaganda beim Vorsitzenden des Exkutivkomitees und fetzte diesem auseinander, daß seine für den Januar vor­gesehene Reise nach Mitteleuropa aus dringenden dienst­lichen Gründen, die mit Agentenmeldungen belegt waren, schon jetzt anzutreten sei. Am nächsten Tage wurde dem Kommissar Polkin ein entsprechender diplomatischer Rei­sepaß ausgehändigt, nach welchem dieser Kommissar zu wichtigen Handelskonferenzen nach Europa reifte.

Die europäischen Regierungen glaubten noch immer an die Wahrheit unb Aufrichtigkeit bolschewistischer Handelsaufträge, visierten auch diesen Paß, und der Kommissar Polkin konnte einige Tage später in Beglei­tung eines tatarischen Dieners nach Wien abreifen. Da er mit Rücksicht auf die langgezogenen Fronten in Ruß­land einen beträchtlichen Umweg machen mußte, traf er erst am Weihnachtstage in Wien ein.

18.

Am 23. Dezember 1919 lag nasser, schmutziger Schnee über Wien. An den erleuchteten Schaufenstern der inne­ren Stadt vorbei drängten sich paketbeladene Menschen, die sich in ben verschiedensten Sprachen Europas über die freudige Tatsache ihrer billigen Weihnachtseinkäufe Unterbetten. Italienische Reparationsoffiziere ließen eine dicke Wolke undefinierbarer Wohlgerüche hinter sich; starke Damen unverkennbar polnischen Ursprungs be­anspruchten die Breite des Gehsteiges für ihre erklären­den Handbewegungen, und verschiedenraffige sonstige Jn- flationsspekulanten trachteten einen Teil ihres Tagesge­winnes bei Weihnachtseinkäufen zu verausgaben. Aerm- lich und an die Wand gedrückt schlichen durch diese bunt- gemischte Menge verhärmte Gestatten.

Maria und Bergmann schritten an der Oper vorbei über den Mozartplotz. Sie kamen vomSacher", wo sie

nach Bergmanns Rückkehr aus Deutschland zu Abend ge­gessen hatten.

Bergmann warf feine Zigarette im spitzen Bogen auf ben kotigen Fahrweg, blieb stehen und streckte die Arme mit den geballten Fäusten von sich.Wahrhaftig, Ma­ria, ich habe das jetzt auch ähnlich in deutschen Städten gesehen, ich kann nicht mehr. Alles, was man tut, ist zwecklos. Die einen find in allerengfte Partei- intereffen verrannt, die anderen schießen blindwütig um sich und die dritten, die sind viel zu hungrig, um überhaupt zu hören und zu sehen!" Er führte einen sau­senden Lufthieb:Und unsere ganze antibolschewistische Geschichte? Was ist es denn? Schießich ist es nichts anderes als ein internationales Nachrichtenbüro, und manchmal habe ich geradezu ein ekliges Gefühl. Zu­schlägen darf man nicht, unb zum Spitzel tauge ich nicht!"

Maria blickte ihn an, wie er breit unb stark mitten auf dieser Straße stand. Mit ihrem Aeußeren hatten sich in der durch den Aufenthalt in europäischen Ländern bedingten, eleganteren weiblichen Kleidung auch ihre Hal­tung unb ihr Benehmen verändert. Unwillllkürlich unb unbewußt hatte sich bie Frau in chr bem sie umgeben­den Rahmen angepaßt. Bergmann aber war derselbe geblieben, wie er da vor ihr stand; derselbe, wie er vor ihr im Keller der Tscheka und auf bem Steppenhügel währenb ihrer Flucht gestanden war. Nur ein leiser Zug verschlossener Verbitterung war in seinem Gesicht neu, und die Augen lachten nicht mehr so unbekümmert und offen wie damals.

Maria schüttelte den Kops.Nein, Sie paffen nicht in die Politik, sie hat Sie jogar schon ein wenig ange­kratzt. Aber", sie sah sich um,. . . wir stehen hier auf der Straße im häßlichen Wetter unb die Menschen werden noch denken, daß wir uns streiten!" Sie kochte ein wenig und schritt mit einem Blick auf ihn weiter.

Bergmann versenkte die Hände in die Taschen feines Wintermantels und sah ihr nach. Dann war er mit einem langen Schritt bei ihr, faßte sie leicht am Ellbogen und sagte erstaunt:Donnerwetter, ja Sie sind ja ganz damenhaft geworden, Maria! Da sind wir durch die halbe Well zusammen gegondelt unb waren inmer