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NILS

Beilage zur Fuldaer Zeitung

IS. Oktober

Em Pionier des Deukfchkums in Kanada.

Zum Tode des tz. tz. poker Kierdorf 0. M. I.

Aus Kanada traf die in der Fuldaer Zeitung schon kurz gewürdigte traurige Kunde ein, daß der bekannte Pionier des katholischen Deutschtums in Kanada, Pater Christian Kierdorf aus der Genossenschaft der Ob­laten von der Unbefleckten Empfängnis (Hünfeld) am 27. August in Winnipeg nach kurzer Krankheit verstor­ben ist. Unter jenen Männern, die in der Nachkriegs­zeit um die wirtschaftliche, kulturelle und religiöse He­bung unserer Volksgenossen im Auslande sich Verdienste erworben haben, muß P. Kierdorf an erster Stelle ge­nannt werden. Bekanntlich ist in der Nachkriegs­zeit gerade Kanada das gesuchte Ziel deutscher Auswanderer beider Konfessionen ge­ben. Man darf lagen, daß wohl in keinem anderen Einwanderungslande in Uebersee der Aufnahmeapparat für die aus Deutschland kommenden Siedler so logisch durchgedacht war und dementsprechend mit so guten Er­folgen gearbeitet hat wie gerade in Kanada. Es han- delte sich darum, den in großem Umfange zur Ver­fügung stehenden Ebenen von Westkanada mit ihrem fruchtbaren Ackerboden wertvolles Siedlermaterial zuzu­führen. Kanada, das sich nur langsam von der Kriegs­psychose gegen Deutschland erholte, hat gleichwohl die unschätzbaren Vorzüge deutscher Landwirte früh er­kannt, und bald schwanden dann auch die Ausnahme­bestimmungen gegen den deutschen Einwanderer.

P. Kierdorf, der gleich nach dem Kriege durch längere Studien an der Zentrale des Volksvereins zu München- Gladbach sich für Volkstumsarbeiten in Kanada vorge­schult hatte, war berufen, fast von Anfang an der re­

lativ starken Einwanderungsbewegung für Westkanada seine nach vielen Richtungen hin außerordentlich be­deutsamen Vorzüge und Kräfte zu widmen. Nach eini­gen Jahren persönlicher seelsorglicher Tätig­keit in deutschen Bauernkolonien von Sas­katchewan konnte er in Verhandlungen mit den großen Landeigentümern des kanadischen Westens, den reichen Eisenbahngesellschaften und andererseits den^kanadischen Behörden praktische Methoden vorbereiten, die die Aufnahme europäischer deutscher Siedler mit einem Mindestmaß von Risiko für den Einwanderer wie für das Aufnahmeland garantieren konnten. Der tiefreligiöse Oblatenpater hatte im Bolksverein deutsch­kanadischer Katholiken, dem er als Einwan­derungssekretär und Geschäftsführer angehörte, die Mög­lichkeit, auf der einen Seite in zahllosen Vorträgen und Konferenzen, die ihn von Ort zu Ort, von Siedlung zu Siedlung führten, die einzelnen Farmerfamilien zur Annahme deutscher katholischer Landwirte als farm- helps, als Pächter oder als Landkäufer zu bewegen, auf der anderen Seite standen ihm in feinen Ordens­mitbrüdern sowie in den Benediktinern und Weltprie­stern Westkanadas hilfsbereite Mitarbeiter zur Ver­fügung. Er wußte das Interesse der Eisenbahngesell­schaften an der Einwanderung mit den Forderungen eines katholischen Einwandererschutzes und den Idealen echter katholischer auslandsdeutscher Aufbauarbeit in Einklang zu bringen.

Mit dem St. Raphaelsverein in Deutschland schuf er ein System der Zusammenarbeit, das in den verflos-

21. Sonntag nach Pfingsten.

Lingangslied: Esth. 13, 9 und 1011.

An deinem Willen, o Herr, ist alles gelegen, und keiner ist, der deinem Willen widerstehen kann; denn du hast alles gemacht, den Himmel und die Erde, und alles, was des Himmels Boll umschließt, du bist der Herr des Weltenglls (Ps. 118, 1). Selig, die makellos bleiben auf ihren Wegen, die wandeln im Gesetze des Herrn.

Epistel: Eph. 6. 1017.

Brüder! Werdet stark im Herrn und in der Kraft seiner Stärke. Legt an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr standhalten könnt gegen die Nachstellungen des Teufels; denn wir haben nicht nur wider Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern auch wider die Fürsten und Mächte, wider die Be­herrscher der Finsternis hier auf Erden, wider die Geister der Bosheit in den Lüften. Darum er­greift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tage widerstehen und in allem unerschütter- lrch standhalten könnt. Stehet also fest, die Len­den umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Bor allem greift den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle Brandpfeile des Bösen auslöschen könnt. Nehmt den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes: das Wort Gottes.

Evangelium: Matth. 18, 2325.

Bom unbarmherzigen Knecht.

Vom Verzeihen.

Befragung zum Sonnkagsevangelium.

Daß der eine Knecht im heutigen Evangelium ein Mensch mit einem steinernen Herzen war, bar« übe sind wir uns einig. Und gar mancher, der das Gleichnis heute von der Kanzel hört, mag sich denken:Wie ein Mensch nur so sein kann, man sollte es nicht glauben."

Aber wir wollen heute einmal um uns schauen, ins Dorf, in die Stadt. Wie ists, wie leben da die Menschen miteinander, die doch alle Christen sind?"

Gewiß, sie' leben ganz gut. Zwar haben ein­zelne Streit sind vielleicht seit langem verfeindet. Aber die meisten, die kommen doch gut mitein­ander aus, wie man so sagt.

Aber das meine ich nicht, das Miteinanderaus­kommen, dies nüchterne Nebeneinanderherleben. Ich meine: wo sind sich die Menschen wirklich von Herzen einig, wo leben sie in brüderlicher Ein­tracht und Liebe? So, wie es doch eigentlich un­ter Christen sein sollte?

Das findet man freilich selten, fast überall ist dies und jenes dazwischen gekommen, vielleicht schon vor langer Zeit. Und wenn man den Din­gen auf den Grund geht, was ists, was so oft zwischen Nachbarn und Dorfgenossen trennend steht? Durchweg sinds Kleinigkeiten, und gar oft lächerliche Kleinigkeiten. Da soll je­mand etwas gesagt haben, dort ist einmal in der Erregung ein hartes Wort gefallen, da hat der Streit zwischen Kindern auf die Eltern übergegrif­fen und dort sind es die Hühner gewesen, die über den Gartenzaun geflogen sind. Wenn man so manchmal die Gründe hört, die hinter kleineren Zwistigkeiten und großem Streit stehen, dann weiß man gar manchmal nicht, ob man lachen oder weinen soll, daß die Menschen sich wegen der­lei Nichtigkeiten das Leben trüben und verbittern, zumal heute, wo es doch wahrscheinlich um andere Dinge geht.

Zweierlei ists. was dergleichen Giftsaat auf­wuchern läßt: man ist zustolz", begangenes Un­recht einzugestehen und da ein gutes Wort ,zu sa­gen, wo vorher ein böses gefallen ist; dann aber feie Gewohnhe't, da auf sein Recht zu pochen, wo es nur verzeihen gilt.

Wir alle müssen großherziger werden im Ver­zeihen. Ganz abgesehen davon daß dann sehr schnell die meisten Gerichte überflüssig würden das kleinliche Uebelnehmen und das Pochen auf fein Reckt ist etwas, das sich mit dem Geiste des Christentums durchaus nickt verträgt. Man ist kein Trottel, wenn man die Hand zum Frieden bietet, statt zum Gerichte zu laufen oder einen

Streit zu entfachen. Wer sich bei Gott im Rechte weiß, der braucht kein Gericht und kein Gesetz­buch, und wer verzeiht, ist stets im Recht bei Gott.

Das Gleichnis von heute erzählt uns ja auch, was mit dem unbarmherzigen Knecht geschah. Und jedem von uns wird so geschehen wie ihm, wenn wir nicht verzeihen lernen. In der Bitte des Va­terunser:Vergib uns unsere Schuld . . ." spre­chen wir uns jeden Tag selber unser Urteil, wenn wir nicht verzeihen. Wir erlangen bei Gott nicht mehr Berzeihung, als wir unseren Brüdern ge­währen.

Wir haben so viel äußere Not um uns in die­sen Tagen. Aber wir müssen erst die innere Not bezwingen, ehe wir die äußere überwinden. Und daß wir brüderlich voneinander denken und jederzeit um Verzeihung bereit sind, das ist viel­leicht der erste Schritt dazu.

KMMche ländliche Vildvugsarbeik.

Bon der Tagung der Arbeiksgemeinschask kathol. Heimvolksschulen und der kalh. bäuerlichen Bolts Hochschulen in Paderborn (5. bis 8. Oktober 1931).

Die Not unserer Tage ist für viele Einrichtun­gen eine Stunde der Entscheidung. Sie darf nicht nur Gegenstand der Klage, sondern muß zugleich Anstoß für die gesunden und starken Kräfte un­seres Volkes lein. Die Not zerschlägt alle un­echten Strömungen und sammelt die Menschen auf dem Boden der Wirklichkeit.

Auch in der Volksbildung kann man nicht in Romantik oder Utopie leben, sich auch nickt mehr mit der Uebermittlung von reinem Wissensstoff begnügen, weil dies meist Zeitvergeudung ist. Scheinwerte fallen ab. Nur die Volksbildung kann sich behaupten, die den Menschen mit seinem Leben verwurzelt. Wenn der zu bildende Mensch nicht in feinem Lebensbereich angesprochen wird, besucht er die Bildungsstät­ten nicht mehr und die Räume bleiben leer.

Die diesjährige Tagung der katholischen Heim- volkshochsckulen war um diese Wirklichkeits­nähe bemüht. Dies zeigte sich schon in der rein äußeren Zusammensetzung. Die Teilnehmer ka­men nicht nur aus der engeren Heimvolkshoch­schulbewegung, auch die Vertreter der katholischen Organisationen waren gekommen. Nachdem mir im Zug der Zeit fleißigorganisiert" haben, se­hen wir heute die Notwendigkeit der Zusammen­arbeit ein. Organisationen sind nur Gerüste, auf den Inhalt kommt es an. Dieser Inhalt ist uns in unterer Weltanschauung gegeben und Ausgabe der Volksbildung ist es. sie in den Alltag zu tra­gen. Dies« Arbeit ist nicht allein von den Hei­men zu leisten. Auch das Hinaustragen in der Kursarbeit genügt nicht. Die Welle von oben muß von unten Gegenbewegung finden. Noch immer ver­kennt eine große Zahl der berufenen Führer, ins­besondere Geistliche und Lehrer, die Aufgabe der

Stunde. Ohne die Verwurzelung tn der Tiefe ver­puffen die Organisationen ihre Anstöße ins Leere. Auch di« Heimvolkshochschulen bedürfen eines tra­genden Mutterbodens. Ob die Bildungsaufgabe in der Breite erkannt und aufgegriffen wird, da­von wind letzthin ihr Schicksal abhängen. 3m Be­kenntnis zum schöpferischen Geist als eigentlichem Gestalter müssen wir uns wiederfinden, wenn un­ser Leben nicht stumpfer Ablauf sein soll. Dies be­währt sich in der Meisterung unserer Alltagsauf­gaben.

Das Mühen um solche Wirklichkeitsnähe zeigte sich bei der diesjährigen Tagung deutlich in der Zusammensetzung der Teilnehmer am dritten Tag, als die besonderen Fragen der bäuerlichen Bil­dungsarbeit besprochen wurden. Mit den Volks­bildnern fanden sich Leute der praktischen Arbeit zusammen; da saß in der Reihe der Leiter der Reickssiedlungsgesellschaft, Berufsberater eines Arbeitsamtes da faßen Landwirte, Gemeindevor­steher. da waren Geistliche und Lehrer aus der praktischen Dorfarbeit. Und hier in dieser Zu­sammensetzung wurde eine merkwürdige Erschei­nung immer wieder betont: mit materiellen Mit­teln allein ist keine Arbeit, etwa die Siedlung, zu bewältigen, wir müssen Menschen haben, die vom Geist geformt sind, die Verantwortung in sich tra­gen. Wir kommen nicht mehr mit dem durch die Fürsorge betreuten Menschen weiter.

Dir brauchenganze Kerle".

mutige Männer, tüchtige Frauen, die gleichzeitig wirtschaftlich und mensch­lich geschult sind.

Nach diesem verantwortlichen Menschen als Ge­stalter riefen die Referate, nach ihm riefen die Ausführungen von Anton Heinen. Aus der Entscheidungsmüdigkeit und Mutlosigkeit des heutigen Menschen müssen wir heraus. Die Bildungsarbeit muß den Menschen zur verant­wortlichen Entsckeidung in seinem Lebensraum führen, ob als Siedler im Osten oder als Bauer auf dem heimischen Hof. In der Lösung der Aus­gabe wird auch das Minderwertigkeitsgefühl über­wunden das viel« Menschen läbmt und im Indi- vididualismus gefangen hält. Wo wir keine Auf­gaben zu stellen vermögen, wird auch die Erwerbs­losenbetreuung leer bleiben. An den Aufgaben wächst der Mensch. Jetzt, da die Staatsmittel be­schränkt. wo keine fertig gebauten Sied­ln n g s h ö f e mehr geliefert werden können (wie die Konfektionsware im Fenster, die wir nur zu kaufen brauchen), jetzt, wo es gilt, die Sied­lung mit einem Schuppen anzufan - gen. brauchen wir tatbereite Menschen, die in har­ter Mühsal ihre Zukunft aufbauen wollen.

Wir brauchen sie aber nicht nur in der Sied­lung, wir brauchen sie allerorts: Menschen, die sich einzusetzen vermögen. Solch mutiger Gesinnung will die Volksbildung dienen, indem sie im Mann den Mann, in der Frau die Frau zur Meisterung ihres Aufgabenbereichs zu erziehen sucht. W. K.

Der Bolschewismus.

Von Prof. Th. Brauer.

Das Rätsel, welches Rußland der Welt im Bolschewismus aufgibt, reizt die Menschheit, je länger desto mehr, nicht bloß deswegen, weil es die Bolschewisten verstehen, in einer ungewöhnlich le­bendigen und psychologisch geschickten Art von Propaganda die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vielmehr in erster Linie deswegen, weil die verzweifelte Lage der Wirtschaft und Gesell­schaft in den abendländischen Staaten die M«n- chen noch Möglichkeit Ausschau halten läßt, aus dem Dunkel dieser Tage wieder ans Licht zu kom­men. Die ungewöhnliche Dauer der Krise beginnt auch diejenigen nervös zu machen, die sonst gegen die Kurzatmigkeit von allerhand Weltverbesse­rungsplänen sich abwenden, und deren Einsicht groß genug ist, um zu wissen, daß nach dem entsetzli­chen Durcheinanderwürfeln aller Berhältnisse im Weltkriege und seit demselben nur in einer langen kebergangsperiode der Zugang zu einer neuen Ordnung gefunden werden kann. Heute, wo es bereits so weit ist daß in Deutschland Millionen von Menscken solchen Deklamatoren nachlaufen, die nur große Versprechungen für die Zukunft ma­

chen, ohne bisher den germsten Beweis für ihre praktische Bewährung geliefert zu haben, muß der Bolschewismus mit seinen ungewöhnlichen Ta­ten erst recht den Geist gefangen nehmen. Daß es sich bei der stärksten Inanspruchnahme der Ar­beitskraft im heutiaen Rußland wesentlich um eine Investitionskonjunktur handelt, und daß infolgedessen Rußland nach Ablauf biefer Inve­stitionskonjunktur mit denselben Schwie­rigkeiten zu rechnen haben wird, die sich aus der Entwicklung einer mechanisierten Wirt­schaft für uns ergeben haben, das leuchtet nur den wenigsten ein. Man ist fasziniert durch die ungeheure Geschäftigkeit und Betriebsamkeit, die man von Rußland herüber hallen hört und ver­schließt allen zweifelnden Erwägungen das Ohr.

Etwas anderes kommt hinzu, um diese Stim­mung nicht bloß in kleinen Arbeiterkreisen hoch­kommen zu lassen, sondern selbst bis in solche Kreise hinein, die gern die Führung für sich in Anspruch nehmen In diesem weiteren Moment liegt eigentlich dieses russische Geheimnis zutiefst drin Der russische Bolschewismus zieht mit einer

grandiosen Rücksichtslosigkeit die Bi- lanz aus der Entwicklung der letzten Jahrhun­derte. Der bolschewistisch« Mensch will ohne alle Verhüllung und Selbstillusion der neuzeitliche sä­kularisierte Mensch schlechthin. Dies ist das Haupt­ergebnis einer umfassenden und ebenso gewissen­haften wie eindringlichen Studie die Waldemar Gurian in feinem bei Herder, Freiburg, erschie­nenen Buche über den Bolschewismus oorlegt *). Man hat nach Durchsicht dieses Buches ein" be­tretende? Gefühl, denn immer bedeutet es eine Be­freiung für den sinnenden und nackdenkenden Menschen, wenn ihm eine rätselhafte Erscheinung klar wird; erst recht natürlich eine Erscheinung von den Ausmaßen und der Bedeutung des rus­sischen Bolschewismus. Befreit ist man tn der Hauptfach« deswegen, weil man sich gemäß der ge­wonnenen Erkenntnis richtig einstellen zu können hofft.

Wenn also bisher auch in unseren Kreisen viel- fad> die Auffassung bestand, daß im wesentlichen in dem russischen Experiment der Versuch zu er­blicken fei. d i e Entwicklung, di« das Abend- land in der kapitalistischen Wirtschaft durchmachte, in fieberhafter Auspeitschung aller Kräfte so nasch wie möglich nachzuholen, wenn nicht gar z u ü b e r- bieten, so war das an sich zwar richtig, aber doch nur eine Teilwahrheit Zweifellos geht das ganze Bemühen der Bolschewisten auf das Ziel hin, Rußland an die Seite der höchst entwickelten Industriestaaten zu bringen. Allein es geht diesen Weg, der über Berge von Leichen und Hekatomben von Opfern an wertvollstem Volksgut führt, doch nur in der Absicht, ein Ziel zu verwirklichen, das als Endziel der Entwicklung überhaupt angesehen wird:

die sozialistische Gesellschaft

im Sinne non Marx. Gurian hat mit einer au­ßergewöhnlichen Kunst der Darstellung, die dabei zu keinen irgendwieraffinierten" Mitteln zu greifen braucht, den Nachweis geliefert, daß der Bolschewismus absoluter Sozialismus ist bezw. fein will. (Sergi, zu diesem Begriff des absolu­ten Sozialismus meine SchriftDer moderne deutsche Sozialismus" **). Das Absolute, woraus dieser Sozialismus sich einstellt, ist die sozialistische klassenlose Gesellschaft. Sie ist das einzig Absolute, daher das einzige Wertungsprinzip überhaupt.

Infolgedessen muß der Bolschewismus zwangs­läufig alle anderen Derlerangordnungen, ins­besondere diejenigen, die auf einen lebendigen Gott als höchstes Merkprinzip Hinweisen, zertrümmern.

Der bolschewistische Sozialismus ist also natur­gemäß gottlos, wie bekanntlich auch Marr und Engels in ihrer Frühzeit nur einen atheisti­schen Sozialismus gelten lasten wollten. In einer grenzenlos brutalen Weise, mit der kaltblütigen Erbitterung des rationalistischen Fa­natikers machen die bolschewistischen Führer prak­tisch Ernst mit dem, was der Marxismus, teil­weise ebenso fruchtbar ernst, teilweise jedoch mehr vfelerilch als Inhalt des Lebens einer zukünf­tigen Menschheit hinstellte und erstrebte. Diese von Gurian immer wieder unterstrichene und nach allen Richtungen hin vertiefte Ueberlegung ist na­mentlich für die Menschen einer christlichen Arbeiterbewegung von grundlegender Be­deutung. Hier wird in einer schmerzenden Erell- farbigfeit deutlich, was es heißt, wenn man lagt, daß der Sozialismus Religion sei oder fein wolle.

Der Bolschewismus ist Religion Religion des von allen übersinnlichen Ueberlegunqen, Strebungen und Wertungen restlos entblößten Menschen.

Man muß bei Gurian, der ein ganz ungewöhn­liches Geschick analysierender Darstellung hat, im einzelnen nachlesen, wie sich hier die Versündigung desbürgerlichen" Menschen an ihm selber und der von ihm geprägten Menschheit rächt An die­ser Stelle muß dieser Hinweis genügen.

*) Der Bolschewismus. Einführung in Geschichte und Lehre. 350 S. 6.20 Mk.; geheftet und beschnitten 6.80 Mk.; in Leinwand 8 Mk.

**) Brauer Theodor: Der moderne deutsche Sozialis­mus. Verlag Herder u. Co., Freiburg im Breisgau. 408 S. 10 Mk., in Leinwand 11.60 Mk

fenen acht Jahren Tausende deutscher katholischer Land­wirte aus dem Reiche und aus verschiedenen auslands­deutschen Gebieten des Ostens Europas die Begründung einer neuen li^istenz im kanadischen Westen ermöglichte. Gewiß hat auch P. Kierdorf wie alle Siedlerpioniere mit Mißerfolgen gerechnet und die Schwierigkeiten der Unterbringung der zuströmenden Einwanderer, die sich vor zwei Jahren zeigten, haben dem unermüdlichen Ein­wandererfreund manch bittere Stunde gemacht. Kier­dorf selber war unschuldig an dem Zustrom, der zeit­weise infolge Fehldispositionen außenstehender Kreise der Vorbereitung in Kanada entbehrte. Trotzdem war der Unermüdliche Cinwanderungsapostel nicht kleinlich und half auch nach besten Kräften allen jenen, die nicht durch den St. Raphaelsverein, sondern durch andere minder gewissenhafte Faktoren ins Land ge­bracht und in sein Büro geführt wurden.

P. Kierdorf war im übrigen kein bloßer Büro- und Organisationsmensch. Im Gegenteil war das Leben und die Einzelarbeit in ihm eine stärkere Macht als die stille büromäßige Organisation. Bei seiner Stellung ge- genüber den Cisenbabngesellschaften und Schiffsgesell­schaften konnte er über den Telegraph und die Eisen­bahn jederzeit kostenlos verfügen, und so war der un­verwüstliche Arbeiter immer wieder auf der Bahn, um seinen armen Einwanderern zu helfen. Er fuhr nicht mit dem Schlafwagen, der ihm jederzeit angeboten war, sondern im einfachen Touristenwagen mit den Ein­wanderern und mit von der Kost, die sie sich auf Stationen oder auch im fahrenden Zuge bereiteten. Er teilte aus feinem Tabaksbeutel den deutsch-russischen oder deutschungarischen Einwanderern mit, was er bei sich hatte und bereitete sie in den tagelangen Fahrten von I Halifax und St. Iohnes nach Winnipeg und Regina auf ihre schwierige Arbeit vor. Tausend« von Telegrammen |

schrieb er aus, um die Ankunft seiner Einwanderer den Siedlerfamilien anzuzeigen und ihren Weg zu ebnen. Kein Wunder, daß sein Name bei den kanadischen Be­hörden wie bei den Einwanderern und den Gemeinden eine ganz unglaubliche Volkstümlichkeit erreichte.

Allzufrüh ist P. Kierdorf seinen wichtigen - Arbeiten entrissen worden. Er war 1877 in Dellbrück im Rheinland geboren, trat bei den Oblatenpatres ein und mußte schon als Student der Theologie infolge schweren Ohrenleidens manche Schwierigkeiten durch seine Energie überwinden. Seit 1910 war er als Redakteur der Zeit­schriftMaria Immaculata" und als packender Volksredner im Interesse der Heidenrnifsion seines' Or­dens tätig. Im Kriege war er Jahre hindurch ein un­ermüdlicher Seelsorger der Truppen an dem Drehpunkt deutscher Truppenoerschiebungen in Longuyon in Frank­reich. Nach seiner Auswanderung nach Kanada schien seine Gesundheit besser geworden zu sein, aber m ver­trauten Kreisen äußerte er mehr als einmal seine Be­fürchtungen über den geschwächten Organismus. Das letzte Opfer feine, Lebens war die tragische Entwicklung der Einwanderung, der er seine Lebenskraft gewidmet hatte. Die Preisstürze auf dem Weizenmarkte, die Miß- ernten des letzten Jahres und die Weltkrise führte eine fast gänzliche Sperre der deutschen Auswanderung nach Kanada herbei. P. Kierdorf war noch damit beschäftigt, ungelöste Aufgaben in den einzelnen Siedlungen in An­griff zu nehmen, als eine schwere Krankheit ihn im Hospital zu Winnipeg auf das Schmerzenslager warf, von dem er sich nicht mehr erhob Unter Teilnahme höchster Behörden und zahlreicher Freunde wurde er auf dem Friedhöfe von St. Charles in Manitoba bei Winnipeg zu Grabe getragen. Die deutschen Bauern von Kanada und seine Freunde in Europa werden ihn nicht vegessen. R. L p. D. M. Größer, P. S. M