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NILS

Nr. 235

Beilage zur Fuldaer Zeitung

11. Oktober

Oktober-Abend.

Don Franz Cingia-Schramberg.

Ein zarter Schattenschleier hüllt Den schmalen Feldweg leise ein Des Tages Wirken ist erfüllt Und friedlich will die Erde fein.

Und singend streift der kühle Wind Durch eine frühe Dunkelheit.

Und alle kleinen Dinge sind Wie ausgelöscht aus Raum und Zeit.

Die Lichter grüßen aus dem Tal Wie Freunde, liebreich und beglückt. Der Sterne wundergroße Zahl Hat schon den Himmel schön geschmückt.

Verlassene Sommerhäuser.

Don A. 3. Kuprin.

Lange noch werd« ich jener geheimnisvollen Nacht ge» denken, da der Sommer in Herbst sich wmideltel

Wir hatten uns am äußersten Rand des Abhangs über dem Meer gelagert. Da brach jene Stille an, je­ner sonderbare, plötzliche Augenblick der Stille, der zu­weilen sogar mitten im Trubel der Stadt und ihres un­unterbrochenen Getöses wahrnehmbar wird. Die zit­ternden Töne der Mandoline verklangen, Gespräche ver­stummten, und ein goldenes Mädchenlachen brach jäh ab.

Jemand sagte nachdenklich und voll Wehmut:

Dies wird die letzte Nacht des Sommers fein.'

3ch weiß noch: ich schaute damals gen Süden. Dort ballten sich vyn der Erde bis zu halber Himmelshöhe träge schwere Wolken, durchglüht von Abendröte. Unter ihnen aber dehnten sich sanfte, erschöpfte Felder und schwarze Hügel. Und vereinzelte Bäume standen da, wie traurige dunkle Gespenster.

Und mir schien, daß dort, auf dem Felde, hinter den Hügeln und Bäumen, etwas läge, etwas Großes, Unsichtbares, Grausames und Heiteres zugleich: auf dem Bauch und den Ellenbogen läge und den dichten, krausen Bart in beide Handflächen gestützt hielte An­scheinend lächelte es lautlos und mit boshafter Freude ei­nem Dorübergehenden zu und blinzeüe verschmitzt mit den Augen.

Dann auf einmal wurde es sehr kalt. Wind er­hob sich, von Osten her. Wir gingen von bannen.

In der Frühe aber sprang vom Meere aus jäh ein Sturm auf, ein ganz schwarzer mit weißen Schaumzot­teln. Angstvoll wälzen sich die Wogen zum Ufer, ent­setzt bogen sich die Bäume, chre welken kraftvollen Arme alle in dieselbe Richtung streckend, und unser Haus bebte unter dem Anprall des Windes.

Was geschah denn da auf dem Meere? Dort raffelten Tausende beladener Wagen einher, brauste ein Wald, splitterten Felsen. Jemand riß hartnäckig immer von neuem riesenhafte Seidenfetzen in Stücke . . .

So begann der Herbst.

Nun fahre ich aus dem Rade durch einen schmalen, gewundenen Pfad des Parks. Unter den Reifen knirscht der Kies. Meine linke Wange fft der Sonne zugewendet und hat es warm, die rechte friert. Zu Seiten des schma­len Weges wächst dichtes Gebüsch. Himmel schimmert zerrissen hindurch, erscheint greifbar nah und unwahr- scheinlich blau. Alles ist geräumig geworden, so kahl, unordentlich und ungemütlich, wie ein Gemach, aus dem man die Möbel entfernte. Mit silbernem Laut rascheln die braunen, geschrumpften Blätter.

Leise Bitterkeit erfüllte meine Seele, müde, süße Sehnsucht, von welcher, wie nach Weingenuß, das Herz sich zusammenkrampst.

Verlassene, entleerte Sommerhäuser . . .

Ihre Fenster sind von außen unregelmäßig mit Bret­tern verschlagen. Unordnung umgibt sie jene Unord­nung, die Feriengäste zu hinterlassen pflegen. In gro­ßen Büscheln leuchten Astern und Georginen auf ent­

blößten Beeten. Ich atme ihren würzig-schwermütigen Duft ein.

Abends kommen fremde, zurückgelassene Hunde aus unsere Veranda zu Gast. Lautlos und ohne Scheu schmieg- gen sie sich an und blicken bescheiden mit ihren flehen­den, erschreckten Augen zu uns aus. Sie werden den Winter über da bleiben. Ich schaudere, wenn ich mir die harten Nächte ausmale, in welchen sie unter den vom Schnee verwehten Balkonen vor Kälte und Grauen zit­tern werden. Das Meer wird in diesen Nächten brüllen, die Bäume im Winde stöhnen, und kein einziges Feuer ringsum brennen. Arme Freunde, was werdet ihr füh­len, wem euer Leid in solchen Nächten klagen?

An den Feiertagen besuchen uns schon nicht mehr die elegant gekleideten Liebespärchen, welche stets umschlun­gen und ein wenig unsicher dahinschreiten, weil sie vor lauter Liebe nicht aus den Weg achten, sondern in den Hnnmel oder einander in die Augen schauen. Dafür tauchen jetzt düstere Leute mit seitlich geknotetem Hals- tuch und schweifendem Blick auf. Sie wandern Über die oben Stätten am Meer unb im Park.

Der Kies rauscht unter den Gummireifen meines Rades.

Hier ist die Stelle, wo in den ersten Iulitagen ein Fliederzweig unerwartet mein Gesicht streifte. Und hier, gerade hier begegnete mir ein Mädchen, ein fremdes Mädchen. Nie mehr habe ich sie hernach getroffen. Eine Fülle blauen Lichtes entströmte ihren Augen, in denen alles sich spiegelte: Lebensfreude, jugendliche Entzückung, leuchtendes Glück. Ich lächelte, und sie erwiderte mein Lächeln so strahlend . . . Und ging vorüber. Ich sah ihr nach. Nein, sie ging nicht, sie tanzte! Ein sonnen- berauschter Schmetterling, kaum mit den Füßen den Boden streifend, so tanzte sie dahin!

Es drängte mich niederzusinken, und die Spuren welche ihre weißen Schuhe hinterlaffen hatte, zu suchen.

Und sieh da ist auch die morsche, alte Gartenbank mit den vielen eingeritzten Geheimzeichen: O Liebste!

Sei gegrüßt, mein Herbst! Nun erfüllt nicht ein­mal Bitterkeit meine Seele. Segnen will ich den Flie- derbusch und das Mädchen, das Meer, den kalten Him­mel und die letzten traurigen Georginen auf den Beeten.

(Deutsch von Irmela Linberg.)

Der faule Hans.

Skizze von Otto Anthes.

Am Ufer des Großen Plöner Sees in Holstein liegt eine einsame Bauernstelle. Groß ist sie nicht, und der Bauer hat nie mehr als ein Pferd darauf halten können. Einmal aber war das Pferd von so besonderer Art. daß es sich lohnt, seine Geschichte zu erzählen.

Hans das besagte Roß war nämlich eben so arbeitsscheu wie listig, wenn es darauf ausging, sich sei­nen Verpflichtungen zu entziehen. Man hält dort im Sommer auch die Pferde, solange sie nicht vor Pflug und Wagen gebraucht werden, im Freien, und die Koppel, die Hans mit dem Rindvieh teilte, stieß unmittelbar an den See. Er hielt sich nun sowieso stets abseits von den Kühen, und wenn er witterte, daß ihm irgendeine besondere Leistung zuge­dacht war, etwa eine Fahrt nach Plön oder noch weiter, dann spielte er sich unauffällig ans Ufer hinunter, watete ein wenig im flachen Wasser, ging tiefer und tiefer hinein, und plötzlich schwamm er davon. Schwamm mit starken Stößen feiner langen Beine, bis er die kleine Insel erreicht hatte, die ein Stück in den See hinein der Bauernstelle gegenüber lag. Dort stand er im dichten Schiff, das die Infel umsäumte, und äugsss ver­schmitzt aus den langen Blättern hervor, ober er erging sich auf dem kleinen Grasfleck, der hinter den Ulmen lag: war jedenfalls so selig faul, wie es ihm auf der zuge­wiesenen Koppel nie gelingen wollte. Wenn man ihn drüben vermißte, dann mußte jedesmal jemand im Kahn nach der Insel kommen, den Flüchtling hinten am > Fahrzeug anbinden und ihn so zwingen, zu Heimat unb Arbeit zurück zu schwimmen. Was ben Schlingel aber 1

nicht abhielt, bei der nächsten Gelegenheit das Abenteuer zu wiederholen. Denn sein Gedächtnis war stark für angenehme Dinge, während es die schmerzlichen mit Leichtigkeit auszuschalten verstand. Bis die Wirk­lichkeit ihn aus seinen Phantasien zurückholte.

Nun kam einst ein neuer Knecht auf den Hof. Hans dachte: Neue Besen kehren gut. Deshalb gewärtigte er außerordentliche Anforderungen an seine Arbeitskraft und ergriff gleich am ersten Morgen die gewohnte Flucht. Als der Knecht chn anzujpannen kam und ihn auf der Koppel nicht fand, lief er zum Bauern und meldete erschrocken: Bur, bat Pird is weg.' Worauf der Bauer, halb ärgerlich, halb belustigt ausrief:Is de ful Aas all wedder utnecht!" Er gab dem Knecht kurz Erklärung samt dem Auftrag, ben Ausreißer zu Schiff wiederzuholen. Der Knecht fuhr also hinüber. Hans sah ihn durch das Schilf und verzog sich tiefer in bas Innere der Insel. Den Knecht kostete es einige Mühe, burdj den dichten Schilfkrcni hindurch an Land zu kommen, und nachdem er dann noch eine Weile hatte suchen müssen, stand er plötzlich vor der kleinen Wiese unb erblickte ben Gaul, wie er im Grase auf dem Rücken lag und, sämtliche vier Beine in der Lust, sich mit unsäglichem Wohlbehagen hin und her wälzte. Dem Burschen war solch ein Pferd noch nie vorgekommen: dazu kam die seltsam lauschige Abgeschie­denheit des Ortes, da die Bäum« den Grasplatz so dicht umstanden, daß man außerhalb der Welt zu sein glaubte; hoch in den Wipfeln flöteten und trillerten leise wie ver­träumt die Singvögel, aus dem Wasser ringsum klangen allerlei fremdartig gurrende unb gackernde Stimmen kurz, es war wie im Märchen. Und ohne daß er wußte, wie ihm geschah, lag mit einem Male der Knecht neben dem Pferde auch auf dem Rücken. Der Gaul warf sich herum, lag ganz still und sah seinen Verfolger, der plötz­lich sein Gesell geworden war, nah in die Augen. Der Knecht nickte ihm zu, legte ben Arm um seinen Kopf und krauelte ihn hinter den Ohren. Nie hatte er darauf ge­achtet, wie stark und würzig das Gras duftete, nie die viel­farbigen Blumen so nah vor dem Gesicht gesehen. Dazu zauberte die Sonne durch die Bäume hindurch ihre Lichtkünste, und ganz leise orgelte der Wind in den Wipfeln Er wußte später nicht, wie lange das gewährt hatte, auch nicht, ob er nun wirklich eingeschlafen ober nur nahe daran gewesen war. Jedenfalls vernahm er plötzlich die Stimme des Bauern, der aus vollem Halse

nach Hans unb Jochem schrie Da sprang er auf, ergriff den Gaul, der ihm willig folgte, und ruderte schlechten Gewissens und doch seltsam fröhlich im Herzen dem Ausschalten entgegen, bas er wortlos über sich ergehen ließ.

Es dauerte wohl vierzehn Tage, bis Hans mal wieder Gelegenheit fand, seinen innersten Gelüsten zu folgen. Als sein Verschwinden festgestellt wurde, sagte der Bauer mit einem mißtrauischen Blick auf den Knecht: Lat man! Ick führ sülwen röroroer." Nahm auch die Peiffche mit, weil er dem hartnäckigen Drückeberger ein­mal eine richtige Lehre zu geben gedachte. Unterwegs aber kamen ihm andere Gedanken über den Zorn. Das Finanzamt lag ihm schwer tm Magen mit seinen hane­büchenen Forderungen, die Getreidepreise drohten noch weiter herunter zu gehen, die Kartoffeln waren kaum mehr zu verkaufen, für die Schweine kriegte man so gut wie gar nichts, und überhaupt war das ganze Leben eine einzige Plackerei ohne Freude. Dabei kam ihm fein Hans wieder in den Sinn.Eigentlich", dachte er, ein ganz schlauen Kirl. Hei matt btt, wat ick ook maken bäb, wann ick künnt." Und so kam er wesentlich versöhnlicher gestimmt auf der Insel an. Der Gaul stand auf dem Grasplatz mit bem Kops in ben Bäumen unb tat, als ob er von nichts wüßte. Als der Bauer mit der Peiffche knallte, drehte er den Kopf ein wenig nach der Seite und schielte nach rückwärts, rührte sich aber nicht. Der Bauer trat heran und tätschelte ihn aufs Hinterteil. Jo, Hans," sagte er,dat is scha so mit ganz scheun hier Awwer bat Helpt doch nich." Der Gaul wedelte ihm mit dem Schwanz übers Gesicht.Jo. Hans", sagte der Bauer,bat feggft Du so. Awwer wat feggt bat Finanzamt?" Der Gaul schüttelte sich in den FlankenIo," sagte der Bauer,ick schüttel mi ook. Awwer ick schüttel en nicht af." Da drehte sich Hans, als ob er verstanden hätte, um unb schickte sich an, nach dem Kahn zu gehen. Der Bauer schritt neben ihm her und sagte fast zärtlich:Töw man en beeten! Dat möt jo ook eemol wedder beter wer'n, bat Minsch un Vieh sin Porffchon Faulheit trägen beiht, wat he brukt."

Aber Hans ist nicht durchaus fürs Warten. Wenn er kann, kneift er immer wieder aus nach feiner seligen Insel. Und weder Bauer noch Knecht sind ihm noch gram darum Sie lächeln bloß ein bißchen wehmütig und holen ihn wieder.

Aus der Geschichte des Goldes.

Historische Tatsachen und was sie lehren.

Von Otto Wiedemann.

Unsere Geldwirtschaft ist kompliziert. So kompli­ziert, daß darüber die einfachen Grundbegriffe verloren zu gehen drohen. Einer der größten Irrtümer, der sich seit Herausbildung der mobenen Geldwirtschaft vor 400 wahren immer wieder in dieser oder jener Form als ver­hängnisvoll erwiesen hat, ist die Annahme, daß das Gold ein Wert an sich, in Höhe des fogenannten Gold­punktes, sei, während es in Wirklichkeit heutzutage nur noch als Wertmaßstab von Bedeutung ist. In dieser Annahme speichern Newyork und Paris Goldmengen auf, sieht ein jeder sein Kapital als gesichert an, wenn er es unter derGoldklausel" vergeben hat. Und doch sollte das Schicksal, das ein anderes Edelmetall, das Sil­ber, in jüngster Zeit erfahren hat, lehren, daß es falsch ist, irgendeinem Metall einen absoluten Wert beizumes­sen.

Im Allertum war es anders. Damals war das Gold wirklich ein Wert. In Babylon und Ninive wurde das Gold schon im zweiten und dritten Jahrtausend vor Christus zu Zwecken des Geldverkehrs gebraucht. Zum Teil wurde es in ben angrenzenden Ländern, besonders in Persien und Kolchis, gefunden (daher der Zug der Argonauten nach Kolchis zum Erwerbe desGoldenen Vlieses"), größtenteils aber kam es aus Aegypten.

Aegypten besaß in dem Goldlande Nubien die damalige Goldkammer der Welt, und seine derzeitige große Bedeu­tung beruhte nicht zum mindesten auf dem reichen nubi- schen Goldvorkommen. Unter Ramses II., also um 1300 vor Christus, lieferten die nubischen Bergwerke jährlich für zwei Milliarden Gold. Seit dem Jahre 2000 kannte man in Aegypten auch bereits die Prägung des Goldes. Während bis dahin unbearbeitete Goldstücke und -klumpen nach Gewicht getauscht wurden, wurden nun bestimmte Einheitsgewichte aus Gold hergestellt, also Münzen.

Aber diese im Altertum vorhandenen Goldmengen waren klein im Verhältnis zu dem ausgedehnten Ge­brauch, der damals von bem Golde gemacht wurde. Man muß bedenken, daß das Altertum all unsere Errungen­schaften in der Behandlung und Verwertung der unedlen Metalle nicht kannte. Für viele Zwecke, die heutzutage mit unedlen Metallen erreicht werden, wurde damals Gold verwandt, das allein als unverwüstlich und wider­standsfähig gegen zerfetzende Einflüsse bekannt war. Das Gold wurde damals nicht nur zu Schmuckgegenständen, sondern auch zu Geräten aller Art, ja, sogar zu Beu« zwecken, benutzt. Ungeheure Mengen Gold wurden beim Bau der königlichen Paläste verbraucht. Und man

^Tableffei

Nur echt mit dem Bildedes Erfinders

Die Augen des unbekannken Soldaten*

131 Roman von Paul Edmund von Hahn.

Lovvrigbt bv Rnotr und Sirtb, S.mb.S. München.

Schon begannen die Strahlen der blaffen Sonne schräger zu fallen, als die Hügelkette nahe vor ihnen tag. 3m schritt erklommen die ermatteten Pferbe die geringe Steigung. Oben verhielt der Kuffcher mit plötzlichem Rucke feine Troika. Bergmann und Maria, die im ein­tönigen Dahingleiten leicht geschlummert hatten, schauten auf. Vor ihnen ging in sachtem Absteigen welliges Ge­lände wieder in Steppe über, die ein schon schwärzlich schimmernder Flußlauf am rechten Horizonte begrenzte, wo sich an ihn wie ein niederer Schatten mit flachge- kuppelten Spitzen em Städtchen lehnte.

Der Kuffcher wandte sich zu Maria und sagte, indem er einen Soldatenfluch halb unterdrückte:Das war heute morgen noch in unserer Hanb, da sollten angeblich die letzten Vorposten stehen." Dann deutete er mit dem Stiele seiner kurzen Peiffche links in die Ebene hinab. Aber jetzt weiß der Teufel!"

Dort, wohin der Kuffcher gezeigt, hielt auf einem kleinen Hügel ein einzelner Reiter unb lugte scharf ge­gen bas Stäbichen aus.

Bergmann sprang aus bem Schlitten, vor bem einiges Gebüsch Deckung gegen ben einzelnen Reiter bot. In ihm regte sich jungenhafte Neugierde, ihn fesselte das militärische Bild, das sich vor ihnen aufzurollen begann. Maria war sich eher der Gefahr bewußt, die für sie ein Hineingeraten zwischen die streitenden Parteien, sowohl von weißer, wie von roter Seite, drohte. Der Kutscher konnte ihr auf alle Fragen nur antworten, baß eine Um­gehung biefesKriegsschauplatzes" nun nicht mehr mög­lich sei. So trat auch sie neben Bergmann und ließ sich bald durch seine, die militärischen Vorgänge leidenschaft­lich begleitenden Erklärungen gefangen nehmen.

Aus dem sichtverdeckenden Städtchen entwickelten sich dunkle Kavalleriekolonnen, schwenkten int Trabe bem Ausläufer der Hügelkette zu, am Flußtaufe entlang, und bauten sich in schmalem, aufblitzendem Streifen neben­einander auf. Wie Türen in ber Angel schwenkten die Eskadronen. Die harte Kruste des seichten Schnees stiebte

in Brocken, lieber immer neuen Reiterreihen standen Standarten der alten russischen Armee in den matten Farben zerschlissener Stoffe. Helle Fanfaren warfen stampfende Reihen schnaubender Pferbe ins Feld.

Bergmann zählte erregt bie Kader der weißen Ka­vallerie. Staunend wandte er sich an Maria:Das gibt es doch nicht mehr im zwanzigsten Jahrhundert, die bauen ja zwei Kavalleriedioisionen in Seftionsfolonne auf! Und ba hinten geht wahrhaftig noch eine Bri­gade in Reserve." Erregt stampfte er ben Schnee.

Eine helle Trompete, und die blitzenden Farbenkleckse der Regimentsmusiken massierten sich.

Drüben aber, wo der einzelne Reiter auf dem Hügel gehalten, schob sich ein Wald starrender Piken und Can« Zen, an denen hin unb wieder ein Stück roten Tuches hing, ben Bergsattel hinunter. In ber Mulde zwischen ben Hügeleinschnitten knatterte es von trabenben Hufen. Weiter links ging eine enggedrängte, schwarzbraune Masse ineinandergewachsener Menschen- und Pferdeleiber vor, sich anreihend an die Flanke der rotbewimpelten Lanzenreihen. Ganz in ber Mitte, am Abhange des Hü­gels, leuchtete es rot auf. Unter breitem, roten Banner standen festgeschlossene Schwadronen in seltsamen Kappen mit einem spitzen Einhorn.

Maria flüsterte Bergmann zu:Die Husaren des Teufels die rote Kerntruppe. Das Korps Bud- jenny!"

Wie sich die Masse der Retter unten an Schritte näher- schob, konnte man in ber klaren Luft die Teufelsfratze mit ben zwei kleinen Hörnern an ben Helmen erkennen. Immer neue Regimenter fluteten in die Ebene. Hinten auf dem Berge, von dem die Reiterarmee ber Bolschewi­ken herab kam, erdröhnte Musik. Aufpeitschend flogen die Klänge der Internationale über die Steppe.

Bergmanns Blick hing gebannt an den starren Kolon­nen ber weißen Regimenter am Flusse, vor beren Front ber leichte Wind die goldenen Embleme zerfetzter Stan­darten enthüllte. Die bunte Vielheit der farbigen Mützen

zeigte es: Da waren alte Regimenter zu Schwadronen zusammengeschmolzen!

Ein Ruck durchlief die Masse. Als drüben wett am Hange die Internationale einsetzte, klaffte in den Reihen der alen Regimenter ein Spalt auf, klar die Divi­sionen scheidend. Ein großes Bonner über einer Gruppe einzelner Retter schwebte in die Lücke. Ein jähes Blitzen durchfuhr die erstarrten Reihen. Dann wieder ein Schlag, tausend und aber tausend Köpfe entblößten sich unb gleichzeitig erklangen mächtige, langgezogene Akkorde eines Chorals.

Unwillkürlich stramm stehend, griff Bergmann an feine Mütze. Er sagte das Kommando nach, bas jene letzten Reste einer alten Armee den sinnverwirrenden Klängen der Internationale entgegenwarfen:Mützen ab Zum Gebet!" Immer noch ungläubig blickte sich Berg­mann um: wo war benn die Artillerie?

Maria schüttelte den Kopf.Die Kanonen können nicht mit, hier ifts wie im Dreißigjährigen Krieg!"

Nun hatten links die roten Reihen den Grund er­reicht.

Bergmann nickte.Aha, die Weißen wollen die Ro­ten in die Ebene lassen!"

In bem Augenblick jauchzten am Flusse Fanfaren auf, erregend in steter Wiederkehr. Langsam rückten die dunklen Reitergeschwader der alten Regimenter über die weiße Schneesteppe vor. In abgehackten Akkorden trieb ber alte Reitermarsch im Winde.

Maria war nun auch mit ihrer ganzen Aufmerksam­keit bei den vorrückenden Schwadronen. Alle Erinne­rungen tauchten in ihr auf; oft hatte ihr ber Vater Gat­tung und Art ber russischen Uniformen erklärt. Einzelne Farben bort unten traten schärfer hervor. Sie streckte die Hand aus: ,/Da in der Mitte die. weißen Mutzen und daneben die blauen, bas ist die Kürassier­brigade. Unb weiter rechts, die gelben Husaren und ne­ben ihnen die lotentopfreiter." Sie wurde selbst erregt bei der Erklärung:Sehen Sie, was sich dort unten glitzernd vorschiebt, sind die Reitenden Grenadiere ber Leibgarde."

Wieder schmetterten Trompeten, fast gleichzeiffg auf beiden Seiten. Der Schnee spritzte auf: Trab!

Ganz ncche an den Hügel heran schob sich eine breite,

blau« unb gelbbemützte Lawine, gewann die Hohe und verharrte einen Augenblick.

Maria rief, ganz von bem erregenden Vorgang mit­gerissen:Die Ulanen haben die Hohe gewonnen die roten Reiter kommen ihnen ja gerade in ber Mulde zurecht!"

Wieder ein Blitzen über bas ganze Feld, ein jubeln­des, hetzendes Signal die eben noch deutlich sichtbare Mittelreihe der weihen Reiter verschwand in einer auf- fliehenden Schneewolke, aus welcher zuckender, weißer Stahl blitzte und vorgeneigte Lanzen starrten.

Bergmann war außer sich. Er hätte hinabspringen mögen in diesen kochenden Kessel, ber sich jetzt auftat. Er schrie:Die Roten haben zu spät eingesetzt ihre rechte Flanke hängt!"

Da brauste kurz vor ihnen unterhalb des Hügels ein Hurra auf. Die beiden Regimenter Ulanen nutzten bas leichte Gefälle gegen die rechte Flanke ber Husaren bes Teufels, bie sich in dem schwierigen Gelände nicht ent­wickeln konnten. Schon waren beide schneeübersprühten Linien hart aneinander, als ein hellroter Ballen jagender Reiter, ber in der Lücke zwischen ben beiden weißen Di­visionen hing, sich auseinander zog, das große, gelbe Banner vor sich, unb durch bie Lücke im jagenden Pralle gegen ben Feinb oorschoß.

Maria beutete hin, unwillkürlich umklammerte sie ben Arm Bergmanns.Die Befehlsstandarte! Der Kom- manbierenbe der Weißen übernimmt bie Front der Attacke. Mit ihm bie Leibffcherkessen bes Kaisers!"

Klirrend hallte ber Zusammenprall ber schneeumwall­ten Retterlawinen an ben Hügelhängen wider, und das Klirren flog weit ins Land hinein, als läuteten zersprun­gene Glockenstimmen Sturm und Kampf über bie schwei­gende Steppe.

Ueber dem rasenden Geklirre und Geschrei bes aus- einanberstiebenden Kampfes standen Maria und Berg­mann. Der Kutscher hatte die scheuenden Pferde abseits in Deckung geführt. Die beiden standen unbewußt noch immer Hand in Hanb und strahlten mit erregten Ge­sichtern die Siegesfreube wider, die nun im Klappern der Hufe, im Jauchzen der Fanfaren, im neuerlichen Vor­wärtsstürmen der alten Regimenter gegen bie seitlich