NILS
4. Oktober
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 229
i
Herbstliches Bauernhaus.
Bon Ludwig Ro h l i n g.
Offne Türe schaut auf Fluren nachmittäglich voll von Licht. Alter Dauer blickt im sturen Dösen wie verinnerlicht.
Und das harte Gehn der Uhren seine Stille unterbricht
Aus den herbsüich kahlen Matten letzte Garbe schon entschwand.
Dämmrig blüht aus tiefen Schatten blaugetünchte Küchenwand.
Auf des holznen Tisches Platten Brot und Milch bereitet stand.
Feuerherd strahlt dünne Wärme, stumm glimmt Holzes roter Schein. Aufgescheuchte Sperlingsschwärme wie verwehter Blätter Streun sall'n mit flatterndem Gelärme in die gelben Stoppeln ein.
Urahn schreckt vom Fall der reifen Eicheln wie aus Träumen mild. Müd von allzu vielem Schweifen schließt sein Aug sich schlafgestillt.
Durch bas Fenster fällt ein Streifen Sonne auf ein Heiligenbild.
Trat ein Engel nicht soeben aus dem dunklen Blau der Wand?
Wie die Bibel fiel das Leben still dem Alten aus der Hand. Silbern schweben Spinneweben friedlich Wer Abendland.
Das Beweismittel.
Bon Axel Rudolph.
In der Ljubljanka. Das Tribunal der G. P. U. steckt die Köpfe zusammen. Dieser Fall Dimitri Dobkin ist schwierig. Sechs Monate sitzt der Mann nun schon in Untersuchungshaft, dieser angebliche Dimitri Dobkin, den die Beamten der G. P. U. ohne genügenden Ausweis nahe der finnischen Grenze aufgegriffen haben. Stundenlange Kreuzverhöre, listige juristische Fallen haben nichts gefruchtet. Der Mann bleibt dabei, daß er der Kaufmann Dimitri Dobkin fei, seit Kriegsausbruch in Paris gelebt habe und nun in die Heimat zurückgekehrt sei. Etwas Gesetzwidriges ist ihm nicht nachzuweisen. Die Karthothek der Staatsverbrecher nennt ihn nicht, die schwarze Lifte auch nicht. Irgendeine Verbindung mit kontrarevolutionären Elementen ist auch nicht aufzu- fpuren, trotz eifrigster Nachforschung.
Aber die G. P. U. glaubt ihm nicht. Da sind zwei Photographien beim Erkennungsdienst, die dem Mann sehr, sehr ähnlich sehen. Die eine ist ein Bild des Kapitäns Selesnoi, der, wegen kontrarevolutionärer Umtriebe verfolgt, vor zwei Jahren ins Ausland flüchtete. Die andere — noch schlimmer — weist hin aus den zaristischen Rittmeister Verasejew, der unter Koltschak und Wrangel gegen die rote Armee gekämpft hat. Freilich: eine Photographie ist kein ausreichendes Beweismittel. Man kann ihn daraufhin nicht verurteilen. Tortur? Daumenschrauben? Dritter Grad? Befehl von oben: Der Mann muß im ordentlichen Gerichtsverfahren überführt ober verurteilt ober — freigesprochen werben.
Faul steht die Sache. Heute ist die entscheidende Sitzung in Sachen Dimitri Dobkin. Nachrichtendienst und Geheimdienst haben ihr Möglichstes getan. Drei wichtige Zeugen, mit denen der Verdächtige konfrontiert werden soll, sitzen seit Tagen ahnungslos und streng gesondert, im Gewahrsam. Versagen auch sie, so bleibt nichts übrig, als den Mann loszulassen und einzugestehen, daß man einen Mißgriff gemacht hat.
Dimitri Dobkin wirb hereingeführt. Ein aufrechter, kräftiger Mann im schlichten Arbeiterrock, unverkennbar russischer Typ Gelassen schweifen seine Blicke über den Raum, zu dem Bilde Lenins an der Wand über dem
Richtertisch. Ruhig läßt er sich seine Personalien vorlesen, verbessert mit leisem Lächeln die kleine Falle, die ihm der Richter dabei zu stellen versucht. Der Richter wechselt einige Flüsterworte mit dem Staatsanwall, wendet sich bann wieder an den Angeklagten: „Sie bleiben also bei Ihrer Behauptung, daß Sie Dimitri Dobkin sind?"
„Es ist keine Behauptung. Ich heiße wirklich so." „Nun, wir werden Ihnen gleich beweisen, daß dies nicht Ihr wirklicher Name ist. Den Zeugen Nr. 1, Genosse Wachthabender!"
Ein bärtiger Mann wird vorgeführt und blickt sich scheu und nervös um. Der Richter blättert in den Papieren.
„Du bist Genosse Gregor Semenowitsch Solkow, eingeschriebenes Mitglied der bolschewistischen Partei fett 1924. Arbeiter im Staatlichen Kraftwerk von Pawlowski Posad, früher Matrose auf dem „Burlak". Stimmt das? Gut, dann siehe dir mal diesen Mann ba an. Kennst du ihn?"
Der Bärtige sieht den ruhig Dastehenden aufmerksam und gründlich an, schüttelt dann den Kopf.
„Ich kenne ihn nicht, Genosse Vorsitzender."
„Wieso kennst du den Kapitän Selesnoi nicht, mit dem du zwei Jahre lang auf dem „Burlak" gefahren bist?" fragte der Richter scharf, aber der Bärttge schüttelte wieder den Kopf.
„Winowat. Das ist nicht der Kapitän Selesnoi!"
Mißmutig zuckte der Richter die Achseln. „Gut. Du kannst nach Hause gehen, Genosse. — Zeuge Nr. 2!"
Eine alte Frau steht vor dem Richtertisch, ärmlich gekleidet, das Gesicht von kummervollen Falten durchzogen. Eine der vielen einst wohlhabenden Bürgerfrauen. Der Angeklagte hot sich auf das Geheiß des Richters so stellen müssen, daß er der Zeugin den Rücken zukehrt.
„Sie sind Elena Iwanowna Veresajew, die Mutter des früheren Rittmeisters Pawel Veresajew", stellt der Richter fest. „Welche Nachrichten haben Sie von Ihrem Sohn?"
„Gar keine. Mein Sohn muß tot fein, denn ich habe feit fünf Jahren nichts mehr von ihm gehört."
„Er war also nicht kürzlich bei Ihnen?"
„Leider nein."
„Nun, so werden Sie sich freuen, Ihren Sohn begrüßen zu können. — Angeklagter, drehen Sie sich um!"
Der feine,'
Erzählung von
Sistorius lebte schon vierzig Jahre in einem Raume, dessen erblindete Fenster in den Hof und in einen wildwachsenden Garten sahen. Sistorius ging an die Siebzig und saß noch Nacht um Nacht hinter seiner großen Schusterkugel und schnitt Leder, nähte und flickte Schuhe, hämmerte und klopfte und war seines Daseins froh. Wenn er ein paar Schuhe brachte, bann mußte er schon gegen Abend kommen, tagsüber blieb die grüne Tür mit dem schönen, sternartigen Messingschloß verriegelt. Keinem Klopfen, keinem Rütteln öffnete sie sich; wenn Sisto- rius schlief, bann schlief er eben, unb feine Macht ber Erbe hatte ein Recht, biefen Schlaf zu stören. Sistorius liebte es überhaupt nicht, daß man ihn besuchte, er ging lieber — immer im Schutz der Dämmerung — zu seiner Kundschaft, hielt den großen, grauen Schuhsack auf seinem krummen Rücken, holte unb lieferte seine Arbeit. Und wenn Sistorius es schon nicht liebte, daß man ihn besuchte, so konnte er Frauen garnicht leiden. „Diese langhaarigen Geschöpfe" pflegte er zu sagen und zog seinen Mund, in dem stets ein „Priem" steckte, verächtlich herunter. Kam aber eins der „langhaarigen Geschöpfe" über den Hof unb klopfte, bann machte Sistorius einen Fensterflügel auf, schob seine Brille an die Stirn und sagte: „Stell'n Sie nur die Schuhe daher!" Er legte seinen Zeigefinger nachdenklich an die Nase, dann meinte er: „Sind übermorgen fertig", sprachs und schlug den Fensterflügel zu.
Nun geschah es aber an einem grauen Winterabend, daß Sistorius hinter seiner großen Glaskugel saß und just von trüben Gedanken heimgesucht wurde. Er mußte
Acht Augenpaare bohrten sich gespannt in die Gesichtszüge der alten Frau, beobachteten lauernd jede Miene Dimitri Dobkins. Aber kein Zug veränderte sich, als die Augen der Frau und des Angeklagten sekundenlang ineinanderliegen. Gleichmütig wendet sich die alte Frau wieder dem Richtertisch zu: „Das ist nicht mein Sohn!"
Der Richter streicht sich nervös den Spitzbart. Aber der Staatsanwalt hat ein Siegerleuchten in den Augen, die allzu starre Ruhe, mit der die alte Frau ihre Aussagen macht, läßt den gewiegten Menschenkenner aus- merken. „Zeuge Nr. 3", verlangt er rasch.
Wieder öffnet sich die Tür. Ein zwölfjähriges Mä- delchen steht in einem abgetragenen Kapuzenmäntelchen furchtsam auf der Schwelle. „Anuschka, mein Enkelkind!" schreit die alte Frau erschrocken auf. Die Kinderaugen verlieren den ängstlichen Ausdruck, als sie die Großmutter gewahren. Dann aber haften diese Kinderaugen an dem Manne, der vor dem Richtertisch steht, und dann — fliegt bas Kinb plötzlich auf Öen Angeklagten zu unb wirft ihm die dünnen Aermchen um den Hals.
„Vater!! Du bist zurückgekommen!"
Ganz starr steht Dimitri Dobkin in der Umarmung seines Kindes, während die alte Frau aufschluchzend zusammenbricht. Selbst in den Gesichtern der Männer, die hier tausendmal über Leben und Tod entschieden haben, zuckt es. „War das nötig, Genosse?" flüstert mit erstickter Stimme eine junge Beisitzerin dem Staatsanwalt zu. Ein Zischen antwortet ihr. „Disziplin, Genossin! Es war nötig."
Dimitri Dobkin aber hebt das Kind behutsam empor, schaut ihm in die Augen mit einem langen, innigen Blick, küßt das sich anschmiegende Köpfchen. Dann löst er langsam die Aermchen von seinem Hals und läßt das Kind zur Erde gleiten.
„Geh schön, Andrufchka, mein Siebes. Großmutter wird dich nach Hause bringen. Vielleicht komme ich bald nach, mein Töchterchen."
Schweigend verharrt der Richtertisch, während der Angeklagte dem weinenden Mütterchen und dem Kinde nachsieht, bis sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat. Dann richtet er sich hoch auf und seine Stimme klingt wie Stahl:
„Pawel Veresajew, Rittmeister im 9. Dragoner-Regiment Ihrer Majestät der von Euch ermordeten Zarinl" jelle Schuh.
Hans Bücker.
immerfort daran denken, daß nun doch wohl seines Lebens Tage gezählt seien. Schon vor zwanzig Jahren hatte er sich seinen Kirchhossplatz gesichert. Weiter war es auch beruhigend, daß seine irdischen Dinge geregelt und, daß er mit dem lieben Gott alles in bester Ordnung hatte. Aber es war doch ein unbehagliches Gefühl, so denken zu müssen: „Bald, bald schlägt dein letztes Stündlein!" Da wurde ungestüm und heftig an die Scheiben gepocht. Sistorius sah auf, noch einmal wurde heftig geklopft. Sistorius ging zum Fenster, öffnete den Flügel, schob seine Brille in die Hohe und sah, daß ein junges Mädchen im fahlen Dämmern des Winterabends einen feinen, hellen Schuh hochhob und in der anderen Hand einen Absatz hielt und bittend sagte: „Meister, machen Sie mir doch den Schuh zurecht."
Sistorius nahm den zierlichen, hellen Mädchenschuh in seine Hand — das waren ja neumodische Dinger, die er nicht leiden konnte — legte seine Finger an die Nase und sagte: „Wird nicht gemacht!" Sprach's und wollte den Fensterflügel schließen. Doch das Mädchen streckte seinen Arm aus und sagte: „Aber Meister, ich muß den Schuh heute noch haben." „Ei der Daus," brummte Sistorius, „muß, muß, kein Mensch muß müssen." — „Meister, haben Sie doch ein Herz, ich muß den Schuh heute abend noch haben", und der helle Mädchenschuh stand wieder auf der inneren Fensterbank. „Ein Herz — aber selbstverständlich hat Sistorius ein Herz, hm, ja, kommen Sie in einer Stunde wieder, dann ist der Schuh fertig!" „Ich warte, Meister, denn ich habe den Schuh
ausgezogen und stehe hier auf einem Sein", lachte froh der Mädchenmund.
„So, so, mag sie stehen bleiben!"
Sistorius schloß das Fenster, neumodische Jugend, dachte er, braucht man denn wirklich am Abend noch solche Schuhe?
Sistorius ging an seine Arbeit: er hielt behutsam den feinen Schuh in seiner Arbeitshand; einmal sah er auf, es hatte zu schneien begonnen. Strichweise gingen dicht die weißen Flocken nieder, und in dem Schneetreiben stand das wartende Mädchen.
Was hatte es gesagt: „Haben Sie doch ein Herz?" — So, wenn man ein Herz hatte, bann mußte man wohl das Mädchen hereinbitten, draußen das Schneewetter, und auf einem Sein stehen. — Sistorius schüttelte den Kopf, mochte das „langhaarige Geschöpf" ruhig draußen stehen; wenn man solche Schuhe noch am Abend gebraucht, dann kann man auch im Schnee warten. Sistorius nähte, leimte und klopfte; doch irgendeine Stimme in seinem Herzen wollte nicht schweigen: Hast du es nicht gehört, was das Mädchen sagte: „Haben Sie doch ein Herz", und es fiel Sistorius ein, daß er schon von Erkältungen, die auf die Lunge geschlagen waren, und vom plötzlichen Sterben junger Menschen gehört hatte. Verflixt! Sistorius stand auf, mit plötzlichem Entschluß schob er den Riegel von seiner Tür, sah in das Schneewetter hinein und sagte barsch: „Kommen Sie herein!"
Das junge Mädchen tastete sich an der Mauer entlang. Nun stand es in Sistorius' Werkstatt, Schnee im Haar, Schnee auf dem Mantel.
Sistorius wischte mit seiner blauen Schusterschürze einen Stuhl ab: „Da kann Sie sich dahersetzen." — Das junge Mädchen sah sich um, der weite Raum lag im hal- ben Dämmern; nur, wo die qualmende Petroleumlampe brannte, lag ein Heller Lichtkreis, und in ihm blitzten Hämmer, Messer, Nägel. Pechdraht hing über dem niederen Tisch. Sistorius kümmerte sich nicht um den Gast, er taute seinen „Priem", spuckte in die Stube und bastelte an dem Hellen Schuh. Das Mädchen begann ein wenig zaghaft, aber dann doch mit Mut: „Sehen Sie, Mei- fter, ich wohne hier auf der Wilmergasse, ich bin Studentin, Neuphilologin, und habe in meinem Leben noch keinen Sali mitgemacht. Nun bin ich heute geloben, und das Unglück passiert, daß ich stolpere unb mir mein Ab- satz abbricht. Ich stand ratlos, da sagte meine Wirtin: „Gehen Sie nur hier um die Ecke zum Meister Sistorius, der ist ein Nachtarbeiter, der wird den Schaden kurieren. Da kam ich!" Sistorius brummte: „So, so, noch keinen Ball mitgemacht", und er wußte selbst nicht, wie es kam, feine eigene Jünglingszeit sah ihn an, unb da war einmal eine Kirmes gewesen, ja, damals war Sistorius noch ein lebensfroher Bursche gewesen unb da hatte er einen Tanz mitgemacht, der hatte vom Abend bis zum anderen Mittag gedauert. So sagte Sistorius: „Früher habe ich auch mal einen Tanz mitgemacht, damals, ja damals", er schwieg, in Erinnerungen versunken. „Ja, was war denn damals?" fragte bas junge Mädchen und ehrliche Teilnahme lebte in feiner Stimme. Sistorius bückte sich tiefer hinter feine Glaskugel: „Was damals war? Na, es ließ mir keine Ruhe, baß bie Kathrin nur zwei Tänze mit mir gemacht hatte, und es gab eine Rauferei unb, na, bann hab ich eben einen Denkzettel fürs ganze Leben gekriegt---. Es ist schon richtiger, man geht
nicht bei Tage unter Menschen, man weiß nie, was einem zustoßen kann. Erst wenn es Abend wirb, bann, ja dann —."
Das junge Mädchen legte seine Hand auf Sistorius' Schulter: „Aber, Meister, der Tag ist schön, besonders die frühe Morgenstunde; dann liegt das Morgenlicht auf ben frühen Dächern und vergoldet Giebel und Gesimse." Sistorius sah scheu beiseite, so, wie dieses Mädchen sprach, hatte lange kein Mensch mehr zu ihm gesprochen. — „Na, der Schuh ist fertig!" sagte er hastig. Das junge Mädchen bückte sich, streifte leicht den Hellen Schuh über den Fuß, fragte nach seiner Schuldigkeit, zahlte, dankte und stand in der Tür.
Sistorius schob seine Brille in die Höhe, legte nachdenklich ben Finger an die Nase: „Also guten Tag unb kommen's doch mal an einem Wend eben herein unb sagen mir, wie's war."
Das Mädchen versprach es und lachte hell und silbern
Die Augen des unbekannten Soldaten.
12]
Roman von Paul Edmund von Hahn.
Eovbrigbt bij Knorr und Sirtb, <S. m. b. S. Münckerr.
Maria blieb stehen.
Er achtete nicht darauf, ließ sich auf feinen Sessel nieder und begann, während feine Hand mit dem langen Papiermesser spielte: „Also, um es kurz zu sagen: die beigebrachten Beweise und schließlich Ihr eben abgelegtes Bekenntnis erweisen es klar, daß Ihre letzten Taten unserem System widersprechen. Es ist verboten, religiöse Gebräuche auszuüben; es ist auch verboten, Gefangene aus den Gewölben der Tscheka in Extrazimmer des Lazarettes zu bringen und ebenso mit ihnen freundschaftlich zu verkehren — nennen wir es so."
Maria unterließ jede Entgegnung. Sie erwartete gespannt das Ende der Rede.
Polkin fuhr fort: Da mir nun aber jegliches unerwünschte Aufsehen vermeiden wollen und Sie sich als „Kommandantin Marusia" eines ziemlich weitgehenden Rufes erfreuen, so . . ." Polkin ließ die federnde Klinge auf der Tischplatte springen — „so haben wir uns entschlossen, jene Elemente zu vernichten, die fähig waren, uns einer so wertvollen Mitarbeiterin zu berauben."
Fragend starrte Maria auf Polkin nieder. Sie war bereit gewesen, das Schicksal zu erleiden, das sie selbst so vielen Gefangenen der Tescheka bereitet hatte. Hier ahnte sie eine neue, ausgeklügelte Teufelei, deren Tragweite sie noch nicht begriff.
Polkin verzog die schmalen Lippen und ließ bedächtig seine Worte wirken. Endlich sagte er leichthin: ,Zhre Mutter wurde verhaftet und wird soeben verhört. Zur Erledigung jenes Herrn Bergmann werden wir uns ein wenig Zeit lassen!"
Scheinbar lässig spielte seine Hand noch immer mit dem Papiermesser, während er — seines Erfolges sicher — blinzelnd zu Maria aufschaute.
Die Gequälte sprang auf. Mit eisernem Griff packte sie den Kommissar und hob den Schwächling aus dem Sessel empor. Das Papiermesser fiel klirrend zu Boden, die dürren Glieder Polkins schlotterten, so schüttelte ihn Maria, während sie ihn anschrie: Mich könnt ihr nehmen und erschießen! Aber meine Mutter laßt in Ruh; sie hat nichts mit Politik zu tun und ihr habt ihr alles genommen, was sie besaß!"
Sie ließ Polkin plötzlich los, daß er zurücktaumelte, und fügte leiser hinzu: „Einen Kriegsgefangenen zu quälen habt ihr auch kein Recht! Er will in feine Heimat. Laßt ihn gehen!"
Polkin lachte wollüstig. „Na, endlich zeigt die Katze doch noch ihre Krallen! Das hat lange gedauert!" Er rückte sich den zerdrückten Kragen zurecht und fügte spöttisch hinzu: „So komme ich doch noch zu einer stürmischen Umarmung. Allerdings war sie ein wenig zu heftig! Sehr temperamentvoll, mein Fräulein!" Er hob die Stimme: „Ich könnte ja meine Leute rufen, die hinter der Türe warten, aber wir haben Besseres vor, weit Besseres!"
Dann trat er vor, kalte Entschlossenheit war jetzt in seiner Miene zu lesen. . Ich habe Ihnen folgendes Ultimatum zu stellen: Zufällig haben wir in Erfahrung gebracht, daß der Vater des verwundeten Kriegsgefangenen in feiner Heimat eine bedeutende Stellung einnahm, dieser Bergmann dürfte daher bei den „Weißen" gut aufgenommen werden. Seine vorzüglichen Kenntnisse des Russischen werden ihm dabei zustatten kommen. Da er ein einfältiger Mensch zu fein scheint, und wir aus dem selbstverständlich belauschten Gespräch mit Ihnen wissen, daß er Sie für eine heimliche Gesinnungsgenossin hält und für seine Retterin", er stockte und betrachtete Maria hämisch, „so werden Sie ihn weiter — retten. Und zwar wird dieses folgendermaßen vor sich gehen: Bis zu seiner Wiederherstellung werden Sie ihn jeden Tag besuchen und sich mit ihm," Polkin hüstelte, „noch näher anfreunden. Dann wird Ihnen und ihm eine derartige Fluchtmöglichkeit geboten werden, daß er daran glaubt und es bezeugen kann, daß Sie, Maria, mit wichtigem Material, ihn gleichzeitig rettend, zu den Weißen übergehen. Dort haben Sie das Ihnen mitgegebene Material — es wird gut vorbereitet fein — der gegnerischen Nachrichtenabteilung in die Hände zu spielen. Nachher trachten Sie, mit Ihrem —," Polkin hüstelte wieder, „Freund in dessen Heimat zu gelangen, wo Ihnen weitere Aufgaben gestellt.werden. Sollten Sie nicht darauf eingehen oder eine der Ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen — ich
spreche nicht von Verrat! —, so würde Ihre Mutter sterben. Bleibt eine Nachricht von Ihnen über den Ihnen gestellten Termin aus, so —," Polkin trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte, „so erhält Ihre Mutter für jeden Tag zehn Rutenhiebe!" Prüfend, mit grinsender Genugtuung, blickte Polkin Maria an.
Sie stand erstarrt. Eine wütende Verneinung drückten ihre Mienen aus.
Polkin kam ihr zuvor: „Ich glaube, ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, daß im Falle ihrer Ablehnung noch heute morgen sowohl Ihre Muter wie der Kriegsgefangene erschossen werden." Er machte eine spöttische Verbeugung. „Da ich auf fein unbedingtes Vertrauen von Ihrer Seite rechnen darf, so werde ich Ihnen Gelegenheit geben, der Exekution auf gesichertem Beobach- tungsftanöe beizuwohnen."
Maria schwankte. Alle Ueberlegung verließ sie. Mit wütendem Satze sprang sie Polkin an, ihre Hand umklammerte seine Kehle und drückte zu. Sie sah nur ein giftiges Reptil vor sich, das sie zertreten mußte. Ein röchelnder Schrei entrang sich Polkin, die Tür wurde aufgerissen und Tejrik mit zwei anderen Tataren stürmte herein. Sie warfen sich von rückwärts auf Maria, rissen ihre Hand von dem schon bläulich angeschwollenen Halse ihres Herrn und schnürten ihr die Arme im Rücken zusammen.
Maria stieß mit den Füßen nach ihnen, versuchte zu beißen. Berzweisell schrie sie: „Ihr Tiere, ihr verfluchten Tiere!"
Polkin lehnte schweratmend an der Wand und betastete seinen blutunterlaufenen Hals. Dann brach er in wildes Gelächter aus: „So ist es recht, — nur Rekin, dieser Klügler, hat dich mit deinem neuen Freunde abfahren lassen wollen. Jetzt habe ich Grund, dich hier zu — behandeln!"
Er loste sich von der Wand und befahl: „Führt sie in den Keller und bindet sie an die Mauer. Dann führt die Mutter vor."
Von den drei Tataren gestoßen, fühlte sich Maria machtlos dem Schrecken entgegengetrieben, der ihrer wartete. Ein erfchütterndes Schluchzen stieg in ihr auf. Sie wandte sich an Polkin: „Nehmen Sie mich, erschießen Sie mich, tun Sie mit mir, was Sie wollen, aber lassen Sie diese beiden Menschen in Ruhe!"
Polkin schüttelte lächelnd den Kopf: „Nein, mein Kätzchen!" Dann fiel sein Blick fast furchtsam auf das vor ihm liegende Stenogramm seines Gesprächs mit dem
Zentralkomitee. Erzwungen fügte er hinzu: „Wenn Sie in meinen Vorschlag willigen, bleibt Ihre Mutter unversehrt als Geisel. — Und der junge Mann bleibt — Ihnen!"
Maria stöhnte. „Ich kann nicht verraten! Ich will nicht betrügen! Bisher glaubte ich noch, daß eine Idee alle diese Zerstörung trage, — bis heute war ich selbst hypnotisiert und berauscht, aber jetzt — den Glauben dieses Menschen betrügen — kann ich nicht!"
Polkin näherte sich der Gefesselten mit langsamen Schritten. Lüstern fuhr seine Zunge über die trockenen, geschwollenen Lippen, während feine Hand über die blutigen Male strich, die ihm Marias Hand zugefügt. Er flüsterte: „Also, also — liebst du chn? So ist das?"
Mit plötzlichem Stoße befreite sich Maria aus den Händen der sie haltenden Tataren, sprang vor, versetzte dem norgeneigten Kommissar einen Stoß mit der Schulter, der ihn niederwarf, und rief, über dem Liegenden stehend: „Ja, du kleiner, giftiger Zerstörer! Ich liebe! — Nicht den Menschen — sondern die Idee, die in ihm ist, und den Glauben, der dir fehlt!"
Keifend schrie Polkin: „Führt sie ab, bindet sie an, holt die (Befangenen, schnell!" Er schlug um sich, ström- pelte mit den Beinen, und schien völlig die Besinnung verloren zu haben.
Maria wurde in den Keller geführt und in Tejriks Versteck mit umgeschnallten Hörern so vor das Periskop gebunden, daß sie hineinschauen mußte — und wenn sie die Augen schloß, hören mußte, was im Dernehmungs- feiler vorging. Polkin stand hinter ihr.
Ms nun die vor Entsetzen ganz verstörte alte Frau von den rohen Tataren in den Bernehmungskeller gestoßen wurde, sank sie, In Ahnung dessen, was nun kommen sollte in die Knie und rief: „Maria!"
Da wandte sich die gewesene Kommandantin Maria Rukow zu Polkin um und sagte mit zitternder Stimme: „Ich bin bereit. Ich nehme Ihre Bedingungen an!"
Auf ein widerwillig von Polkin gegebenes Zeichen führten die Henker die alte Frau in ihre Zelle zurück. Maria aber wurde unter Bedeckung in ihr Zimmer geführt, das sie von nun ab nur unter strengster Bewachung verlassen durste.
?4.
Abseits der großen Landstraße, deren schmelzender Schnee von marschierenden Infanteriekolonnen und Hunderten von schwer bepackten Trainwagen zu schmutzt-