Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt
Nr. 229
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Sonntag, 4. Oktober 1931.
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3a6rg. 58.
Gemeinsame Melk statt Kamps.
Me Frage „Wirtschaft und Staat" wird angesichts des bevorstehenden Winters mit seinen großen Gefahren in der gesamten Oeffentlichkeit, ganz besonders aber in den Organisationen der schaffenden Kräfte unseres Volkes, erörtert. Wir glauben gerne, daß alle aufrichtig bemüht find, Vorschläge zu machen, die nach ihrer Ansicht die Uellerwindung der Not ermöglichen tonnen. Aber es sind im Grunde genommen doch nur Erklärungen und Verheißungen. Jeder schaut heute wieder auf den andern, jeder schlägt Maßnahmen vor, die ihn selbst verschonen, die andern aber belasten sollen.
Während in der ganzen Weltwirtschaft ein Wanken und Brechen festzustellen ist, führt man bei uns einen Kampf aller gegen -alle, des einen gegen die übrigen Berufsschichten. Man sucht nach den Schuldigen, stellt Erhebungen über die Ursachen an, anstatt sich darüber in erster Linie klar zu werden, welche ruinösen Wirkungen eine weitere Verschlechterung der Situation und ein immer noch möglicher Zusammenbruch haben würden. Wohl spricht man hie und da von einer inneren wirtschaftlichen Verständigung. Dock) übersieht man, daß heute keine Traumbilder Lösungen schaffen, sondern das zielbewußte Handeln, die klare Entscheidung.
Wirtschaftsverbände sowohl wie Arbeitnehmerorganisationen haben bei der Aufstellung ihrer Forderungen in großem Umfange dem Staate, den staatlichen Belastungen oder Zwangseingrisfen die Schuld in die Schuhe geschoben, Anklagen erhoben. Sie haben auch Rechtfertigungen versucht für die von ihnen selb st begangenen Fehler. Was sie aber nicht zu schäften vermochten, das war die K l a r h e i t. An den Dingen herum zu reden, hat doch keinerlei Zweck. Und Beschuldigungen bleiben immer unfruckstbar, weil sie nur noch die Gegensätze verschärfen. Wir haben uns doch nicht heute über die Frage zu unterhalten, wer an der Verschärfung der Wirtschaftskrise die größere Schuld hat, haben auch nicht zu untersuchen, wer bei den augenblicklichen Auseinandersetzungen Recht zu haben behauptet oder scheint. Das alles ist für die Zukunft ohne jede Bedeutung. Denn für die Wirtschaft und ihre Zukunft — und hier sind Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gemeint — entscheidet der Erfolg.
Es wäre daher nur zu wünschen, daß alle berufenen Organisationen weniger sich an den Staat anklammern von ihm allein alle Maßnahmen fordern, sondern selbst erst richtig reorganisieren, selbst begangene Feh -
Die Bürgersteuer für 1931.
Nachdem der Reichsrat eine Verordnung des Reichsfinanzministers, welche den Verteilungsschlüssel für die Einkommen- und Körperfchaftssteuer endgültig festsetzt, angenommen hatte, gelangten auch die Durchführungsbestimmungen der Bürgersteuer zur Annahme. Gegenüber den bisherigen Bestimmungen treten einige wichtige Aende- rungen ein.
Es hat sich als mißlich herausgestellt, daß auch die allerklein st en Einkommen zur Bürgersteuer herangezogen werden, so die Einkommen der Empfänger von Arbeitslosen-, Krisen-, Wohlfahrtsunterstützung und Sozialrente bis 900 Mark. Die neuen Bestimmungen sehen deshalb eine allaemeine Freigrenze von 500.— Mark jährlich vor.
, Es erschien auch nötig, die Vermögen in gewissem Umfange zur Bürgersteuer heranzuziehen, und zwar namentlich mit Rücksicht auf die landwirtschaftlichen Tagelöhner und die gewerblichen Angestellten. Deshalb die neue Vorschrift, daß auch bei einem Einkommen unter 500 Mark diejenigen Personen wenigstens zur halben Bürger- fteuer herangezogen werden, deren landwirtschaftliches Grund- oder Betriebsvermögen den Wert von 5000 übersteigt.
Bei der Festsetzung der Fälligkeitstermine widersprach das Bestreben der Gemeinden, die Steuerbeträge möglichst bald hereinzubekom- m-n'r-^en gleichzeitigen Wunsch, die Beträge auch möglichst restlos in voller Höhe vereinnahmen zu können. Nun hat man die Zahlungstermine genau festgeleqt, die sich bis in den Sommer des nächsten Jahres hinein erstrecken. Für die Lohnsteuerpflichtigen geben die Steuertermine über die Monate Januar bis Juni 1932, und zwar für Monatslohnempfänger werden 6, für die Wochenlohnempfänger 12 Tage festgesetzt. Für die Veranlagten wurden die Zahlungstermine zusammengelegt auf die Monate Januar, Februar und März.
Neu ist schließlich, daß die Bürqersteuer grundsätzlich in vollem Umfange von den Gemeinden verwaltet wird, so daß künftig nur eine Kasse, nämlich die der Gemeinde, empfangsberechtigt ist. Schließlich sollen Großstädte für die Ab- führuna des einzelnen Arbeitgebers jeweils nur eine Kasse als empfangsberechtigt bezeichnen dürfen. ________________
• Gegen Diäkenzahlung während der parla- menlslofen Zeil. Eine Versammlung des Ortsvereins Nürnberg der Deutschen Staatspartei beschäftigte sich mit den Diäten der Reichstagsund Landtagsabgeordneten. Cs winde darauf hingewiesen, daß der Reichstag jetzt fünf Monate vertagt gewesen fei, jeder Abgeordnete aber pro Monat 600 Mark Diäten, also insgesamt 3000 Mark bezogen habe, was für 577 Reichstagsabgeordnete eine Gesamtausgabe für das Reich von 1 731 000 Mark ausmache. — Folgende Entschließung gelangte einstimmig zur Annahme: „In einer Zeit, in der durch Notverordnungen auf das Tieffte in das Wirtschaftsleben ehrgegriffen und Löhne und Gehälter gesenkt
ler eingestehen und bessern. Dann wird es auch zu der schon viel zu viel besprochenen, aber noch zu keiner praktischen Lösung gebrachten Arbeitsgemeinschaft ober besser gesagt Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Gewerkschaften kommen, durch die bann bestehende Gegensätze überbrückt und die allgemeine Besserung, selbstverständlich in engstem Zusammenwirken mit dem Starte, herbeigesührt werden kann. Aber es ist höchste Zeit!
Die neue Notverordnung.
Keine Auflockerung des Tarifwesens. — Verösfenl- lichung erst Mittwoch früh.
C.N B. Berlin, 3. Okt. (Gig. Meld.) Die Beratungen des Reichskabinetts über die Notverordnung gehen heute mittag weiter. Wie in politischen Kreisen verlautet, ist es möglich, daß der Kanzler dem Reichspräsidenten noch heute über die Pläne der Reichsregierung Vortrag hält. Mit der Veröffentlichung rechnet man jetzt aber erst mitMi11woch früh. Eine Auflockerung des Tarifwesens ist in der Notverordnung nicht enthalten. Wenn diese Tatsache gestern von führender Gewerkschaftsseite als das Ergebnis des Eingreifens der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei bezeichnet wunde, so wird von unterrichteter Seite darauf hingewiesen, daß der Reichskanzler von Anfang an beabsichtigte, diese wesentliche Frage zunächst einmal mit den beiden beteiligten Faktoren den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden zu besprechen. Diese Absicht ist gestern auch ausdrücklich bekannt gegeben worden.
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Nach ihrer Fertigstellung will der Reichskanzler den Versuch machen, die Gegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, an deren äußerster Zuspitzung die Katastrophenpolitiker und Katastrophenwirtschaftler arbeiten, zu entgiften und zu überbrücken. Das Ziel ist eine Arbe i t s- gemeinfchaft, die die Lohn- und Tarifftrei- tigfeiten durch direkte Vereinbarungen ohne Eingreifen der staatlichen Instanzen regelt. Man kann nur wünschen, daß diese Aktion der Reichsregierung, die den wirklichen Bedürfnissen der Wirtschaft mehr entspricht als die Durchsetzung einsei- tiger Jnteressentenforderungen, zu einem Erfolg führt. Nur wenn im Innern wie nach außen eine Atmosphäre der Beruhigung und des Vertrauens geschaffen wird, kann die Krise allmählich überwunden werden.
werden müssen, in der eine fortwährende Senkung der Gehälter der Beamten, auch der unteren und mittleren, ftattfinöet, ist es unerträglich, daß Mitglieder des Reichstags und der einzelnen Landtage leibst während monatelanger Vertagung der Parlamente Diäten erhalten. Die Ver- sammlung erwartet von der Parteileitung in Berlin, daß sie ungesäumt diesem Zustande e i n Ende macht und darauf bringt, daß Diciten- zahlungen und die Zahlungen für Stellvertretung aufhören, trenn die Parlamente auf längere Zeit vertagt werden. — Diese Entschließung hat auch unsere volle Zustimmung.
Zum Reichstags-Zusammentritt
VDZ. Berlin, 3. Okt. (Eig. Meld.). Die Reichstagsfraktionen werden sich zum größten Teil erst unmittelbar vor dem Wiederbeginn der Plenarverhandlungen versammeln. Nur das Zentrum hat seine Fraktionssitzung bereits für den 8. Oktober eingeladen. Am 12. Oktober werden vormittags der christlich-soziale Volksdienst, nachmittags die Deutschnationalen Fraktivnssitzunaen abhalten. Unmittelbar vor Beginn der Vollsitzung am 13. Oktober versammeln sich ferner das Landvolk und die Wirtschaftspartei. Die übrigen Fraktionssitzungen stehen noch nicht fest.
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VDZ. Berlin, 3. Okt. (Eig. Meld.). Der G e - setzentwurf über den gewerblichen Rechtsschutz wird, wie das Nachrichtenbüro des V. D. Z. hört, Mitte Oktober im Reichsrat zur Ausschußberatung kommen. Die zweite Ausschußberatung der Reichsdienststrafordnung wird ebenfalls Ende Oktober stattfinden. Es ist damit zu rechnen, daß die beiden umfangreichen Gesetzgebungswerke in der Vollsitzung am 22. Oktober auf die Tagesordnung des Reichsrates kommen werden.
* Eine Entschließung des Preußischen Städtetags. Die Vorstände des Deutschen und des Preußischen Städtetages berieten am Freitag nachmittag in München wichtige Fragen der Kommunal- politik. Dabei wurde einstimmig nachstehende Entschließung als Beschluß des Preußischen Städtetags angenommen: Der Preußische Städtetag legt nachdrücklichst Verwahrung ein gegen die schweren Eingriffe in die Selbstverwaltung, die in den letzten Notverordnungen und noch verschärft in den dazu erlassenen Ausführungsvorschriften enthalten sind. Hinsichtlich der Verfassungswidrigkeit der ge- ttoffenen Anordnungen deckt sich die Auffassung des Städtetags mit der Entschließung des Preußischen Staatsrats. Der Städtetag legt schon heute ausdrücklich Rechtsverwahrung gegen die Rechtsfolgen ein,, die den Verwaltungsorganen der Städte aus der Durchführung der Verordnung erwachsen können. Der Städtetag erfemtt nach wie vor die Notwendigkeit äußerster Sparsamkeit cm, wobei selbstverständlich an den Gehältern der leitenden Beamten in allen öffentlichen Körperschaften in einheitlicher Regelung nicht vorbeigegangen werden darf. Der Zusammenbruch der Gemeindefinanzen muß verhindert und die Zahlung der Wohlfahrts
unterstützungen sichergestellt werden. Der Städtetag wendet sich aber auf das entschiedenste dagegen, daß über die von ihm selbst seit langem mit größtem Nachdruck betriebenen Sparmaßnahmen und über die durch die Notzeit bedingten Notwendigkeiten hinaus die gesetzlichen kommunalen Vertretungskörperschaften durch ausdrückliche Bestimmung der Ausführungsanweisung ausgeschaltet sind und in die Verfassung und Verwaltung der deutschen Gemeinden in einet Weise eingegriffen wird, die jede wirkliche Selbstverantwortung ausschließt. Gerade in den jetzigen Notzeiten ist eine ungefährdete rechtlich und finanziell gesichette Selbstverwaltung unerläßlich. Der Städtetag verlangt deshalb, daß diejenigen Bestimmungen, die den Grundgedanken der Selbstverwaltung und den Grundsätzen der Verfassung widersprechen, beseitigt und ausreichende finanzielle Grundlagen für die Erfüllung der lebenswichtigen Aufgaben der Städte geschaffen werden. — Bekanntlich ist in den Städtetagen der Einfluß der Oberbürgermeister ebenso wie im preußischen Staatsrat sehr erheblich.
* Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Breslau. Aus Breslau wird gemeldet: Der vom nuttelschlesischen Bezirksvorstand abgesetzte Breslauer Ortsvorstand der bärtigen S. P. D. hatte eine Funktionärversammlung gls außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Diese Versammlung sollte ursprünglich int Schießwerder Saal abgehalten werden, mußte aber nach dem Bergkeller verlegt werden, da der Bezirksvorstand den Schießwerder Saal durch seine Maßnahmen für die Opposition gesperrt hatte. Zu der Versammlung waren etwa 3000 Personen erschienen. Als Hauptredner trat der Führer der Opposition im Reich, Reichstagsabgeordneter Seyde- witz, auf, der zu größerer Aktivität innerhalb der Arbeiterschaft und zur Gründung der neuen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands aufforderte. Ferner sprachen der bisherige Vorsitzende des Breslauer Ortsvereins, Rechtsanwalt D r. Eckstein und der Reichstagsabgeordnete Ziegler, die sich gleichfalls für
die Gründung der neuen Partei einsetzten, um nttt der Zusammenarbeit mit dem Bürgertum endgültig zu brechen. Nach den Ausführungen der drei Redner wurde eine Resolution angenommen, die besagt, daß die neue Pattei in Breslau mit 3000 Mitgliedern begründet fei. Gegen diese Entschließung stimmten nur vier Versammlungsteilnehmer.
* Ludendorffs „Dotkswarte" verkoken. Die Nummer 40 der Wochenschrift „Ludendorffs Volkswarte" vom 4. Oktober wurde polizeilich be- fchlagnahmt und eingezogen, da die Ausführungen des Artikels „Erlösung von I e s u C h r i st o" die religiösen Gefühle eines großen Teils der Be- rölkeruna gröblich verletzten und daher geeignet feien, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gesährden. ____________________
Aus dem Fernen Osten.
Japanische Truppen nach Nilschwang entsandt.
wtb. Tokio, 3. Okt. (Eig. Meldg.) Nach der Smdt Nil sch wang, die von Banditen in Brand gesteckt worden ist, wurde eine Abteilung japanischer Truppen und Polizei entsandt, um die japanischen Einwohner der Stadt in Sicherheit zu Bringen. Ein japanisches Flugzeug wurde beschossen und mußte bet Haitscheng notland en.
Alle drei mandschurischen Provinzen im Aufstand.
„Times" meldet ans Tokio: Alse drei Provinzen der Mandschurei befinden sich jetzt int Aufstand gegen Tschangsuehliangs Regierung. In Tsitsikar haben die Notablen nach dem Vorbild von. Kirin eine provisorische Regierung für Heilung- kiang gebildet. In Chardin hat der vormalige Bürgermeister einen Ausschuß zur Erhaltung des Friedens gebildet, der die Stadtverwattung übernommen hat.
Vas die Woche brachte.
Das deutsch-französische Wirtschaftskomitee. - Organisation und Aufgabenkreis. — Nur eine Etappe. — Ausweg aus der Krise. Die ungeklärte Abrüstungsfrage. —- Das Winkerprogramm. — JloU
Verordnungen und Parteien
Das deutsch-französische Wirtschafts-Komitee beginnt sich zu organisieren. Auch seine Zusammensetzung kann für den Gang der Beratungen wie für die zu erwartenden Beschlußfasfungen von ausschlaggebender Bedeutung werden. Eine Reihe von Namen, sowohl auf deutscher wie auf französischer Seite, werden genannt. Da aber die Regierungen selbst noch nicht zu der Personenfrage Stellung genommen haben, scheint es sich wohl mehr um Wünsche als um fertige Tatsachen zu handeln.
Mit großen Erwartungen sehen wir der Tätigkeit dieses anläßlich des Besuches der französischen Staatsmänner in Berlin beschlossenen Wirkschaftskomitees entgegen. Wir hegen ebensowenig einen übertriebenen Optimismus, wie wir auch jedwedem Pessimismus abhold sind. Es mußte ein Anfang gemacht werden, und so, wie sich die Gesamtverhältnisse heute darstellen, mußte dieser Anfang von der wirtschaftlichen Seite Herkommen. Man hat an dem Berliner Ergebnis Kritik geübt. Wenn dabei davon gesprochen wurde, daß keineswegs eine Befriedigung am Platze wäre, so müssen wir doch darauf verweisen, daß mehr kaum aus den freundschaftlichen Unterhaltungen herauskom- men konnte.
Auch halten wir die jetzt getroffene vorbereitende Lösung mit dem Wirtschaftskomitee gerade deshalb für besonders wettvoll, weil in ihm nicht allein Regierungsvertreter entscheiden werden, sondern auch die Vertreter der maßgebenden Organisationen der schäftenden Kräfte des Volkes einen gewichtigen Einfluß auszuüben in der Sage sind. Daß man es ferner vermied, feste Richtlinien ober sogar ein bestimmtes Arbeitsprogramm für das Komitee aufzustellen, muß uns wiederum beweisen, daß man die Verhältnisse selbst sprechen lassen will, daß man durch die Aussprache mit den Praktikern der Wirtschaft, der Finanz und des sozialen Lebens jene Wege am schnellsten zu finden erhofft, die eine Ueberroinbung der Schwierigkeiten ermöglichen, wie die Schaffung eine Basis, auf der cs zur ehrlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern kommen muß.
Natürlich darf uns das alles nicht darüber Hinwegtäuschen, daß wir erst an dem Anfang stehen. Ein ganz großer Fortschritt in der nun einmal unerläßlichen Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, sei es auf wirtschaftlichem ober politischem Gebiete, läßt sich nicht mit einem Schlage erreichen. Dafür waren die Spannungen zu groß, die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in den einzelnen Ländern zu verschieden.
Wenn wir auf dem in Berlin von den Regierungschefs beider Länder gebilligten Wege eine allgemeine Verständigung mit der Zeit erhoffen, so denken wir doch für den Augenblick hauptsächlich, an eine Entspannung, sehen jetzt endlich eine Formprägung, welche die Verftändigungsarbeit zu fördern imstande ist. Damit sind aber die großen Schwierigkeiten, die auch jetzt noch zu überwinden sein werden, von uns nicht gering ein geschätzt. Wir wissen, daß es vieler Anstrengungen bedarf, um eine deutsch-französische Zusammenarbeit so zu ermöglichen, daß auch wirklich für beide Lander ein Erfolg winken kann. Wir werden unsere berechtigten Forderungen anmelden, werden weder wirtschaftliche noch politische Zuge- ftändnisse machen, wenn es sich um die Wahrung '
unserer nationalen Interessen handelt. Aber wir müssen die jetzt gebotene Gelegenheit auch ergreifen, müssen die uns gegebenen Chancen ausnutzen, dann wird Berlin die Etappe werden, die das Endziel der deutschen Außenpolitik näher rückt, das wir in der politischen und finanziellen Freiheit unseres Volkes allein erblicken.
Die wirtschaftliche deutsch - französische Zusammenarbeit wird auch sicherlich Gelegenheit dafür schaffen, jene großen europäischen Probleme mit in die Diskussion einzubeziehen, welche ebenfalls gelöst werden müssen, da sonst von einer wirklichen Gesundung der Wirtschaft, noch von einer Befriedung Europas jemals gesprochen werden könnte. Man hat in Berlin diese Fragen nur gestreift. In wieweit sich die Staatsmänner auch über die Vorbereitungen für solche Lösungen ausgesprochen haben, wissen wir nicht. Hier handelt es sich neben der Wirtschaftskrise und ihren eigentlichen Ursachen, neben der Währungskrise vor allem um die von Deutschland immer und immer wieder von den übrigen Mächten auf Grund der Bestimmungen des Versailler Vertrages geforderte Erfüllung der übernommenen Verpflichtungen in der Frage der Abrüstung.
Diese Frage beschäftigte auch jetzt wieder den Völkerbundsrat. Eine einzig große Enttäuschung. Der Rat war von der Vollversammlung beauftragt worden, den Mächten den vom Abrüstungsausschuß formulierten Entwurf einer Entschließung über den Rüstungsstillstand zu übermitteln.
Dieser Vorschlag eines Rüstungssiillstandes ging bekanntlich zurück auf den italienischen Außenminister Grandi. Wir hatten schon damals unsere berechtigten Bedenken, ob mit einem solchen Vorschlag überhaupt etwas Positives zu erreichen sein würde. Denn es mußte auffallen, daß der französische Außenminister Briand in Genf mit keiner Silbe auf Grandis Vorschlag einging. Daraus erkannte man bereits deutlich genug, daß die Franzosen ihren Widerstand fortsetzen würden. Und es ist ihnen in der Tat wiederum gelungen, den Vorschlag Grandis so zu verwässern, daß er eine praktische Bedeutung kaum mehr hat. Denn die ursprünglich geforderte Verpflichtung eines sofortigen Waffenstillstandes ist gänzlich unter den Tisch gefallen. Die Regierungen sollen sich jetzt noch lediglich verpflichten, ob sie bereit feien, sich während eines Jahres solcher Maßnahmen zu enthalten, welche auf eine Vermehrung ihrer Rüstungen hinauslaufen würden. Und selbst hier ist noch ein Kompromiß dergestalt abgeschlossen worden, daß die Fortführung der laufenden Rüstungsprogramme nicht von einer etwa übernommenen Verpflichtung betroffen wird, ferner daß auch Umgruppierungen und Ersatzmaßnahmen innerhalb des gegebenen Rahmens.statthaft bleiben.
Mit dem früheren Konventionsentwurf war schon so gut wie nichts anzufanoen, und ein Gleiches gilt jetzt von den Genfer Kompromissen. Das ist tief bedauerlich. In jedem Staate, auch in Frankreich, muß man sich doch langsam davon überzeugt haben, daß es eine schreiende Ungerechtigkeit darstellt, wenn man durch heute absolut nicht mehr gültige Verträge einzelne Staaten zur Abrüstung bis zur Wehrlosigkeit verpflichtet, während andere Staaten in einem sinnlosen Wettrüsten jene Millionen und Abermillionen Summen verschleudern, welche wir heute bitter not-