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AHLS

27. September

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Ar. 223

Dies ist der Herbst ...

Dies ist der Herbst

Der bricht dir noch das Herz!

Flieg fort, flieg fort!

Was ward die Welt so welk!

Auf müd gespannten Fäden spielt

Der Wind sein Lied.

Dies ist der Herbst

Der bricht dir noch das Herz!

Friedrich Nietzsche.

Ernte in Rußland.

Don Gustav Flechsig, Dortmund.

Jul Truba, der Dauer, stand zwischen seinen Ma­schinen und starrte ins Erntetreiben.

Er winkte seine Befehle. Denen in seiner Nähe ge­boten seine Augen, die Entfernteren beherrschte er durch Anzeichen, und jene außer Sicht folgten feinem gellenden Pfiff.

Es war nichts Sonderliches in seinem Verhalten. Man kannte ihn so von jeher. Jul Truba wußte das. Er fühlte, daß man ihm vertraute, ob er auch noch so hart und verschlossen war. Er mußte doch tragen, was stetig wachsend sich auf sein Leben wälzte. Wer wußte um Jul Trubas Furcht vor dem.Tage, da sein Herren­tum vor aller Welt in Nacktheit dastehen würde.

Der Bauer stand bei seinen Maschinen und wünschte wie sein Land zerschnitten zu werden. Die Motoren ratterten, alles reihte sich aneinander wie gedrillt. Das war so selbstverständlich, rote Jul Trubas Schweigen. Durch sein hartes Gesicht harkte ein bitteres Grimmen. Er wußte, nur ein Wunder könnte alles zum Guten wenden. Woher aber sollte ihm diese Gnade kommen, ihm, der sich selbst schuldig bekannte, daß der Wunder immer weniger wurden. Inmitten des Erntens empfand er die Lächerlichkeit feines Herrentums; denn er sah: nicht seinen Winken gehorchten die wenigen Menschen rings sie mußten, weil ihr Herr mußte wie seine Maschinen wollten.

Auch die Maschinen mußten. Das füllte den Bauer mit hassender Freude. Die Maschinen mußten, weil sie sich bezahlt zu machen hatten. Sie mußten die ganze Arbeit in einem Tag leisten: das Mähen, Binden, Schleppen, Nachrechen und Dreschen. Es wurde ihnen nichts geschenkt. Morgen würden sie beim Nachbarn schuften. Das sollten sie. Jul Truba stieß einen gellen­den Pfiff aus die Männer hinter dem Mäher hatten sich zu eilen. Der Drescher klapperte leer. Die Leute hetzten, die Schneideisen fraßen sich schneller in das Halmenmeer. Die Menschenarme brauchten nur dem eisernen Greifer die Mahd zuzuwersen, aber sie blieben zurück. Das Ungetüm raste. Es wühlte, es warf und wirbelte ohne Wahl, was die schnappenden Gelenke zu packen bekamen. Es waren wüste, wirre Bündel wild zerbrochener Halme, die auf dem laufenden Band fort­gezerrt wurden, lieber die unregelmäßig gerupften Stoppeln kratzten die Nachrechmaschinen. Hinter ihnen kreischte der vierscharige Sturzpflug und schleuderte dünne Schollen, wo eben noch Aehren gewurzelt hatten. Ueber das viergeteilte, abgezirkelte Feld kroch unendliche Raubgier und Unnatur. Vielleicht schufteten darum die Menschen so lautlos. Es konnte aber auch die Haft der Maschinen sein, die sie stillwürgte. Sie wußten nur dies: es mußte so sein, weil jede Minute Geld verschlingt.

In Jul Truba gärte es. Er empfand heute mehr denn je, daß er seinem Eigenen Vergewaltigung ge­schehen lasse, er mußte wie eine Säule Kästchen und hätte unter seine Leute springen mögen:

Hört, laßt uns wieder Bauern fein! Wir wollen selbst die Garben binden, wir wollen sie aneinanderftel- len und einfahren, wie es früher war. Wir wollen unsere Aecker nicht mehr würgen, wir wollen ihnen dienen; es ist unser Blut, das da gepeitscht wird!"

Jul Truba aber stand und schwing. Er ließ di« Ma­schinen metzeln; denn er durfte ihnen nicht Einhalt ge­bieten. Da waren andere, die mitzubestimmen hatten. Seine Augen begannen unbewußt die prallen Säcke an den Füllern der Dreschmaschine zu zählen. Es zwang ihn, den wachsenden Wert zu schätzen. Angst schnürte den Herrn vom Gutackerhof, der Ertrag könne nicht für alle reichen. Sie würden morgen scholl kommen mit chren Forderungen, sie würden sehr bald anrasen, er wußte, wie scharf sie achthatten auf ihn. Es fröstelte den Bauern trotz des hohen Sonnenstandes. Ward der

dunstgehüllte Sonnenball überhaupt noch Sommersonne und der rauchverhangene Himmel der Erntehimmel? Was war mit der Natur geschehen, daß sie dahinsiechte, wie ein krüppeliger Greis?

Jul Truba sperrte sich in Zorn und Abwehr. Don der teerstinkenden Straße gellte vieltöniges Autohupen herüber. Die Straße verlief schnurgerade und baumlos. Zu ihren Seiten gähnten bauchige Rohre, blähten sich endlose Kabelleitungen. In das Gewirr der Telegraphen­drähte verirrte sich dann und wann ein einsamer Spatz.

Jul Truba schluckte schon an den Staubwirbeln und dem Auspuffgestank, der sich über ihn und seine Leute wälzen würden. Er sah di« Männer wie Teufel um­herspringen. Es war alles tot in ihm, bis auf die Angst, die ihn immer wieder zum Zählen zwang. Neben den Säcken türmte sich das gepreßte Stroh. Die Ma- fchinenfäuste hatten es zu großen Würfeln geballt und mit Eisendraht umklammert. Für das Stroh zahlten sie ihm nichs. Er mußte noch dankbar dafür fein, wenn sie' ihn mit Abfuhrkosten verschonten; denn Jul Truba befaß kein« Scheuer, in die man Stroh stapelt, nur Wirtschaftsräume für feine Maschinen. Die verlangte es nicht zu fressen, die brüllten nicht nach Weidegras. Die Maschinen sparten Geld und gaben Kraft. Dafür wollten sie nur ab und zu nachgesehen und geölt wer­den. Im sonstigen verursachten sie keine Nöte.

War das nicht genau so, wie er es sich errechnet hatte? Ja. Die Maschinen hielten, was man sich von ihnen versprach, sie schafften alles allein. Auf dem Gutshof dienten nur noch zwei alte Männer aus Vaters Zeiten und ein Hund, der demnächst erschossen werden sollte, weil er ein verrücktes Gebühren an sich hatte. Die Knechte und Mägde waren mit dem Vieh in die Stadt abgewandert. Jul Truba mißte beides nicht. Das Lieferauto brachte jeden Tag Milch, Brot und But­ter. Alles hatte sich umgestellt. Jeder versuchte seine Methode. Jul Truba hätte ebensogut eine Schweine­farm führen können, wenn er das bei der Zentrale an- gemelbet hätte, aber es war eine Herrennatur in ihm, das ihn an die Scholle band. Dann war noch jemand da, der ihn dazu bestimmt hatte, das war fein Weib. Der Bauer mochte sich jetzt nicht ihrer erinnern; er fraß feinen Stolz, daß sie wie fein Besitztum in den Tod krankte. Manchmal keimte in ihm der Verdacht, sie fei fein böser Schatten, und doch wußte er genau, daß er es eben nicht verstand, aus seinem Boden das Letzte herauszuholen. Dazu war er nicht brutal genug. Sie hatten es ihm vorkalkuliert, diese Schinder und Besser­wisser aus der Stadt, und es ärgerte ihn, daß jene tatsächliche Erfolge hatten. Es vertiefte seinen Haß, daß deren Mustersarmen wie Pilze aus dem Boden schossen und wie ekliges Spinnenzeug ein Stück Landes nach dem anderen abschnürten. Um if)n, den Bauern Jul Truba, kümmerte sich niemand, der hatte zuzusehen, wie sich alles für ihn fügte.

Darum hatte er den Kampf mit diesem Gesindel ausgenommen, darum hatte er Maschinen angeschafft, das war der zwingende Grund zu seiner Umstellung. All« hatten sich auf seine Seite geschlagen, hatten ihre Vermögenskraft geplündert und zusammengetan, um wenigstens zu bleiben, und nun standen alle mit ihm gleich sie ernteten wie er. Noch vor Abend würde es sich zeigen, wieviel von den Säcken dort ihm verbleiben durften. Jul Truba war mit den Jahren bescheiden geworden. Nur zum Leben und zur Saat wünschte er, daß ihm von seinen Feldern verbliebe. Aber sie würden ihm das Fell über den Kopf ziehen, die Herren von der Ertragsschätzungskommission. Sie mürben ihm die Notierungen der Getreidebörsen vor die Nase halten, wenn er sich starrig zeigte sie würden hohnlächelnd in seiner Frucht wühlen und ihm die mageren, schmut­zigen Körner Hinhalten sie würden ihm bedeuten, daß das Zeug da kaum des Mitnehmens wert sei.

Jul Truba winkte längst keine Befehle mehr. Er grübelte nur, wie es kommen würde. Er kämpfte gegen den Zorn an, der ihn zu zerfressen drohte. Noch hielt er sich, noch war es mit seiner Wirtschaft nicht so weit wie mit anderen, noch hatte er die Ernte nicht ver­pfändet, ehe die Saat aufgegangen war. Aber um was stand es eigentlich besser mit ihm? Er arbeitete für andere, er war Knecht anderer und wenn er nachließ, wenn er nicht genug herausholte, bann war alles Schuf­ten umsonst. Sie würden es ihm schon zeigen, ob er fleißig gewesen war das Jahr über. Sie hatten tausend Paragraphen für sich; mit dem Gesetz würden sie ihn vom Hof jagen. Das verfluchte Geld hetzte ihm eine Meute Würger auf den Hals. Jul Truba starrte in die weite Fläche feines Feldes, aber fein Land fühlte

Dle Augen des unbekannten Soldaten.

nl Roman von Baul Edmund von Huhn.

Eovvrigbt bv Knorr und

Bergmann ließ sich in die Kiffen zurücksinken. Ein etwas verächtlicher Zug lag jetzt um seine Mundwinkel. Dann verfügen Sie doch mal!" Ein verstohlener Blick streifte Marias Gesicht, in dem bittere Enttäuschung mit trotziger Gereiztheit kämpfte. Plötzlich öffnete Bergmann die Augen und fragte laut:Warum haben Sie mir eigentlich dieses Bäumchen da geschickt, um das der Alte, der es brachte, und der Stabsarzt so eine Angst zu haben schienen?"

Maria antwortete nicht.

Wieder richtete sich der Verwundete auf, ein Erstaunen flog wie ein erstes Erkennen über seine Züge, ganz offen lachte er sie an und streckte ihr die Hand hin.Jetzt erin­nere ich mich, Sie sprachen doch im Keller etwas von Kameradschaft und Kameraden! Also war der Brief, den ich für eine Provokation hielt, doch wahr und Sie spielten nur Komödie! Ich danke Ihnen und bitte Sie, mir zu verzeihen." Eifrig fuhr er fort:Ich verstehe jetzt darum gaben Sie mir die Hand, bevor der Schuß fiel. Einen ganz Gesunden konnten Sie wohl nicht aus dem Keller herausbringen? Na ein bißchen schmerzhaft, aber gut gemacht!"

Maria erstarrte. Eine jähe Freude brach in ihr auf; dieser Mensch glaubte also, daß sie keine heimtückische Mörderin sei. Er, der standhaft und aufrecht geblieben war, streckte ihr kameradschaftlich die Hand hin, ohne in ihr gleichzeitig, wie alle die anderen vor ihm, die Frau zu sehen! Sie schwankte; die ehrliche Offenheit im Blicke Bergmanns nach all dem tiefen Erleben der heutigen Nacht weckte ein fremdes Schamgefühl in ihr. Durfte sie den Glauben täuschen, den sie solange gesucht?

Noch immer streckte Bergmann ihr die Hand hin. Ein leises Befremden verdüsterte die lachende Offenheit seiner Züge.

Da griff Maria im unbewußten Bestreben, dieses erste ihr entgegengebrachte Vertrauen besitzen zu dürfen,

Sirtb. G. m. b. b» München.

nach der ihr gebotenen Hand und drückte sie stumm und fest.

Beide wollten sie gleichzeitig etwas sagen, beide fanden sie das rechte Wort nicht, und befreiten sich in einem so herzlichen und frohen Lachen, wie es diese Krankenstube von Rezna wohl lange nicht gehört, und wie es Maria seit ihrer Kindheit nicht mehr gefunden hatte.

Mit nochmaligem freundschaftlichen Drucke lösten sich ihre Hände und Maria trat näher an bas Bett heran, um sich auf den Sessel, der dort für Besucher stand, nie­derzulassen. Jetzt erst fühlte sie die unangenehme Feuch­tigkeit des ausgetauten Schnees an ihrer Kleidung und begann die Lederjacke aufzuknöpfen, nachdem sie ihre Kappe achtlos abgelegt hatte. Sie fühlte, daß sie diesem Menschen gegenüber offen und einfach fein durfte. Lang­sam rang sich ihr der Wille durch, ihm mutig die Wahr­heit einzugestehen.

Unterdesien sprach Bergmann. In der Freude, einen Menschen vor sich zu haben, mit dem er sich aussprechen durfte, dankte er nochmals für den kleinen Weihnachts­baum, der ihm die Erinnerung an die Heimat, die Vor­stellung von warmem, freundlichem Gedenken vermittelt hatte.

Maria konnte und wollte ihn nicht unterbrechen. In rein körperlichem Behagen streckte sich ihr müder, durch­frorener Körper der wohligen Wärme entgegen.

Mit halbgeschlossenen Augen hörte sie auf die Erzäh­lung des Verwundeten und wie ein Echo seiner Worte stieg vor ihr die Vorstellung der unbegrenzten Liebe auf, die ihr heute der alte Diener und die Mutter, jedes in seiner Art, erwiesen. Also gab es auch für sie noch eine liebeumhegte Rast! Sie verschob die Erklärung ihrer wirklichen Stellung und der Errettung Bergmanns, allzu rauh hätte dies Bekenntnis in die weiche, erholende Stimmung gegriffen, die sie umfing! Maria war müde

nicht mit, fein Eigen stand gegen ihn. Die frisch aufge­brochene Erde war ohne Ruch unter dem beizenden Schmierölgestank.

Drüben ging die Arbeit dem Ende zu. Der Mäher wütete im letzten Strich. Hinter ihm taumelten die ob- gelösten Männer an. Der Bauer sah das nicht. Er war wie betäubt, er meinte, daß alles um ihn kreise, so wirr war ihm. Vor ihm kauerte der alte Heinrich. Er wartete darauf, daß der Herr Halt geböte, er wollte dem Bauern sagen, daß sie schon da wären mit ihrem Lastwagen. Sie hatten ihren Kasten hart herangesteuert, fast in das Feld hinein, und begannen von dem Stroh aufzuladen. Sie fliegen auf den Säcken herum, griffen hinein, prüften die Korner. Sie taten, als ab niemand fönst da wäre. Der alte Heinrich wagte es noch nicht, seinen Herrn anzurufen. Wollte er nicht sehen? Einer klebte große, kreisrunde Marken auf die Säcke.

Jul Truba!"

Der Bauer schrak zusammen. Er sah seine Leute da- stehen, sie hatten sich um ihn geschart, er horte das Ge­triebe leer laufen und riß den Arm hoch. Die Männer an der Maschine warfen augenblicklich den Hebel herum. Die Molare pulsten aus.

Die Ernte war getan.

Der Taler im Mondschein.

kleine Geschichte von Heinz S t e g u ro e i t.

Zwei blasse Freunde, denen es nur am Hosenboden glänzend ging, denn ihre Bratenröcke waren aus Hun­gertuch gewebt, gingen zur nächtlichen Stunde durch die Straßen ihrer Stadt und sprachen von den Dingen des Geistes und der Schönheit, während ein Magenknurren die Verzückung ihrer Worte unterstrich. Und als sie so wandelten, die Hände aus dem Rücken, die schweren Schädel vornübergeneigt, hielt der Kleinere plötzlich den Größeren an, zeigt« mit dem dürren Zeigefinger zur Erde und sprach mit sichtbarer Erregung:Schau, da liegt ein Taler!"

Indessen bückte sich der Größere schon, der Kleiner, stieß chn beiseite, dann knufften sie sich, stellten sich

Beine, bis «in spatzenhafles Geschimpfe im Gange war. Der Kleinere:Ich habe den Taler zuerst gesehen."

Der Größere:Ich wollte ihn zuerst auftjeben.* Schließlich nahm er doch das Recht des Stärkeren für sich in Anspruch, bohrte dem Schwächeren die Faust ins Gesicht, sodaß dieser wimmernd davonlief. Der Sieger knurrte noch einmal hinter dem Besiegten her, kniete dann nieder, das blitzende Geldstück vom Asphalt zu pflücken.

Aber so gierig Daumen und Zeigefinger über den kalten Boden gerafft hallen, so flink schauderte die Hand wieder zurück: Der blitzende Taler war lediglich ein runder Farbenklecks, der vom nächtlichen Mond­schein täuschend versilbert wurde.

Der Sieger stemmte sich wieder hoch, seine Beine zitterten in den Gelenken; er lüftete den Hut, daß der Nachlwind seine pochenden Schläfen kühle, damit auch der verwirrte Kopf seine Gedanken wieder ordne. Und der Sieger klagte sich an, während tiefe Scham fein Gesicht erhitzte:War dieser Klecks es wert, den. Freund zu kränken? Wäre das ein echter Taler wert gewesen?"

Er fröstelte im Rücken, wischte sich an den Augen und erkannte, daß Geld und Dreck vor den Schwingun­gen der Seele doch eigentlich von gleichem Werte sind.

Da setzte er den Hut wieder auf, lief und rannte, um den betrübten Freund wieder zu versöhnen. Und traf ihn, als jener in feiner Mansarde nachdenklich auf dem Bettrand hockte. Der Größere sagte:Verzeih mir, Freund! Ich habe mich besonnen! Nimm den Taler! Er gehört dir!"

Damit sprang eine klingende Silbermünze über den Tisch, ein runder, echter Taler, der das letzte Vermögen des Stärkeren war.

Der Schwächere nickte:Dank, Bruder! Doch weil ich einsehe, daß ich kaum der Bessere war, wollen wir den Fund zu gleichen Hälften teilen!"

Am Morgen kauften sie einen Laib Brot, eine Kante Speck und einen Krug voll Bier. Beide wurden demütig vor ihrer Läuterung und fättigten sich.

3m Membahnzug auf dem Balkan Von Belgrad nach SeraZewo.

Don Karl Lütge.

Mil der Feuerwehr, dergeheimen, starken Wehr­macht" Deutschlands, begann das Gespräch. Trotz fa­taler Dunkelheit und lastender balkanischer Nacht, zwängte sich das Gespräch durch , die vielen Stunden Kleinbahnfahrt. Der Ableilgenosse war ein Jugoslawe aus dem einstigen ungarischen Gebietsteil, drüben von der Donau. Er ries temperamentvoll:

Ihr habl's keine Ahnung, wie ich und viele andere da herunten Euch verteidigen! Ich sag' den Leuten, da schaul's die Deutschen an, wie da alles am Schnürte gehl, obwohl der Krieg nicht glücklich für sie ausgegan­gen ist. Macht nix! Die haben nicht verloren, und wenn die wieder von vorn anfangen, da könnt Ihr was erleben!"

Der Deutschenfreund hat alle Zeitungen gelesen, alles für Deutschland Günstige im Gedächtnis behalten. Er kürzte und würzte die ITftünbige Kleinbahnfahrl mit seiner vielfach kuriosen, aber im ganzen interessanten Beurteilung Deutschlands.

Ihr braucht's nur zuzugreifen Alles ist vergessen vom Weltkrieg her, und was aus dem ^ßelttrieg nicht vergessen ist, das ist die Noblesse der Deutschen, wie sie mit der Bevölkerung umgegangen sind; selbst gegen die Bundesenosien, die Bulgaren und Ungarn, sind sie da­mals aufgetreten---"

Der Zug stampfte durch die Nacht. Das Ableillicht brannte trüb. Die Kleinbahnlinie führte von Belgrad südwestwärts in bosnische Bergland, nach Serajewo, siebzehn Stunden weit. Die Wagen der 1. und 2. Klasse sind bequem, ziemlich sauber, aber die Polsterbänke zu kurz, als daß man sich ausstrecken könnte. Für einen ist ein Schlafplatz da, wenn er die Sitze zusammenschiebt, bann liegt er in der Längsrichtung der Wagen.

Wir zogen es vor, zu schwatzen. Im Schlaf erlebt man das Reifen und die Eigenart und Abenteuer des fremden Landes nicht. War nicht das winzige Abteil

und ließ das erste Mal feit langer Zeil eine wohltuende, gedankenlose Ruhe diese Müdigkeit stillen.

Plötzlich fuhr sie auf. Ihr geübtes, wachsames Ohr Halle ein leises Geräusch aufgefangen, das vom Gang zu kommen schien. Unwillkürlich nahm Maria eine stei­fere, aufmerksamere Haltung ein. Ihre Hand hob sich, um dem fröhlichen Geplauder Bergmanns Einhalt zu tun.

Da klopfte es kurz, und ohne eine Antwort abzuwar- ten schob sich der schlitzäugige Talarenkopf Tejriks, der wie nicht selten in der Uniform des Frauenbataillons steckte, in das Zimmer. Ein listiger Blick streifte Maria und den verwundeten Offizier, bann meldete Tejrik in dienstlicher Haltung:Kommissar Polkin läßt Komman­dantin sofort zu sich bitten. Ist sehr Wichtiges zu be­sprechen. Wartet Kommissar in Amlsgebäude."

Maria durchzuckte es. Sie sah wieder die verdächtigen Spuren int Schnee vor sich, fühlte wieder die unsichtbare Beobachtung und Verfolgung, der sie bei ihrem nächtlichen Gange ausgesetzt war, eine fast freudige Entschlossen­heit kam über sie. Es war gut so, nun kam die Entschei­dung und sie wollte der Gefahr, dem fast unabwendbaren Urteile, mutiger entgegentreten als hier diesem unzeitge­mäß vertrauensvollen Menschen! Dieses Vertrauen und der kameradschaftliche Händedruck sollten sie geleiten, wenn es nun zur Abrechnung kam. Ihre einzige hilf­reiche Tal, die Errettung dieses Menschen, war der Ein­satz, den sie behaupten wollte auch wenn der Preis dafür hoch fein sollte!

Hoch aufgerichtet und mit ihrer gewöhnlichen Befehls- stimme bedeutete sie dem Talaren:Ich komme."

Dann wandle sie sich noch einmal dem Bette zu; wieder trafen sich beider Hände in kameradschaftlichem Einverständnis, und Bergmann konnte es sich nicht ver­sagen, dabei ein wenig verschwörermäßig zu blinzeln. Der Talare konnte es ja nicht sehen, da er noch immer wartend hinter Maria an der Türe stand.

Einen letzten Blick warf Maria in das kleine, warme Zimmer, dann wandle sie sich mit schroffem Rucke ab, stülpte die nasse Kappe über, knöpfte die Lederjacke wie­der zu und ging dem Tataren voran durch die hallenden Korridore, in welchen bas jammernde Stöhnen fchlecht-

und bas trübe Licht, ber erregt mit uns schwatzenden Reisegenosse Erleben?

Der Mann gegenüber sprach unentwegt. Er halle offensichtlich bas Bedürfnis, mich, ben Fremden, wäh­rend der siebzehn Stunden Fahrt zu unterhalten und mir Artigkeiten zu sagen. Erft als er erneut auf die deutsche Feuerwehr als wichtigen Bestandteil der deut­schen Landesverteidigung zu sprechen kam und ich unge­hemmt darüber zu lachen begann, verstummte er. Wir gingen schlafen. Zusammengerollt lagen wir einander gegenüber auf den Polslerbänken.

Die erste Helle schreckte uns wieder auf. Unermüdlich ratterte und pfiff der Zug, prustend und schnaubend rote ein Schnellzug. Und es war nur eine Kleinbahn, mit 76 Zentimeter Spur! Eine Kleinbahn, kleiner als die Schmalspurbahnen in Deutschland, z. B. die Brocken­bahn im Harz mit einem Meter Spurweite.

Wir frühstückten aus dem zerschlissenen Koffer des Reisegefährten. Er halle Kognak und Mineralwasser, Ziegenkäse und Salamiwursl, Weißbrot und Obst. Er nicht ftüher, als bis wir ausgiebig zugegriffen hat­ten, urtb er beteuerte, daß die deutsche Schokolade, di« wir zum Nachtffch spendeten, ihm am besten bei diesem Mahl mundete.

Der Zug fuhr lange Strecken ohne Hall. Vor jeder Station und jedem Signal pfiff er wie närrisch. Von Uzice an zwängte er sich in geschäftiger, eilfertiger Fahrt durch eine stellenweise abenteuerlich großartige Klamm. Für eine Straße ist hier nie Raum genug ge­wesen; dieses Bähnlern erzwang sich den Weg durch die Enge des Schluchlbereiches mit Hilfe vieler Tunnel und Brucken.

Von Uzice bis Birsta fuhr ber Zug nun unausgesetzt burch berartige Schaulandschaft, und zwar ohne Halt in etwa 50 Minuten für ein Bähnlein wie dieses eine fabelhafte Leistung! An den darauf folgenden Slatio- behandeller Kranker zu hören war, in die noch immer stürmende Winlernacht hinaus, die sich schon einem düster erwachenden Morgen zuneigte.

13.

Jede Einzelheit dieses Amtszimmers im Zwielichte des kommenden Morgens grub sich unauslöschlich in Ma­rias Gedächtnis. Dicke, graue Rauchschwaden hingen über den unordentlich verschobenen Möbeln. Der breite Tep­pich, der aus irgendeinem reichen Bürgerhause stammen mochte, war beschmutzt und lehmig, kleine Wasserlachen standen an der Türe, wo von außen kommenden Ordon­nanzen ihre unabgewischlen Stiefel auflauen ließen. Auf dem Schreibtische glänzte zwischen achtlos hingeworfenen Aktenstücken eine Flasche hochgradigen Schnapses neben einem Wasserglase. Ueber dieses alles, im Lichte der raurfjumflorten Armleuchter, blickte der kahle Kopf Le­nins aus goldenem Rahmen, als mustere er mit dem ihm eigenen zwinkernden Blick die zerstörende Ordnung, die er und seine Jünger dem hungernden Volke des zersetzten Reiches gegeben hallen.

Während Maria noch an der Türe stand und die­ses Bild das erstemal bewußt auf sich wirken ließ, halte sie den Eindruck, daß jenes Gemälde des bolschewistischen Diktators ein heidnisches Götzenbild sei, vor welchem bluttriefende Priester ben schwelenden Rauch ihrer Opfer aufsteigen ließen. Eine ferne Erinnerung aus bem Un­terrichte eines ber einst so verlachten Professoren stieg in ihr auf: Moloch! Und sie Halle sie nicht auch ge­opfert? War sie nicht auch, umnebelt vom wahnsinnigen Fanatismus ber Zerstörung, in ben betäubenden Strudel dieses Todeswirbels gezogen worden, um nun selbst ver­schlungen zu werden?

Die Figur Polkins ging unter in dieser Vorstellung. Er saß zusammengekrümml hinter seinem Schreibtisch wie eine lauernde Spinne, in deren Netz das zitternde Beben der Fangfäden den Anprall eines umgarnten Op­fers ankündigle.

Mil dem gespannten Ausdruck ber blinzelnden Augen, mit dem hämischen Triumphlächeln um den verkniffenen Mund sah er seinem Herrn und Meister erschreckend ähn­lich und Maria war es, als ob sie nicht vor dem kleinen