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NILS

Nr. 223

Beilage zur Fuldaer Zeitung

27. September.

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IS. Sonntag nach Pfingsten.

Eingangslied: Ekkli. 36, 18.

Gib Frieden, Herr, denen, die auf -ich har­ren, daß deine Propheten sich als wahr erweisen. Erhöre die Bitten deines Knechtes und deines Vol­kes Israel. (Pf. 121, 1.) Ich freue mich, daß man mir sagte: Wir gehen zum Hause des Herrn.

Epistel: 1. kor. 1, 4—8.

Brüder! Ich danke meinem Gott allzeit um euretwillen für die Gnade Gottes, die euch zu­teil ward in Christus Jesus. Durch ihn seid ihr in allem reich geworden, in aller Lehre und in al­ler Erkenntnis, und auch das Bekenntnis Christi ist in euch befestigt worden. So mangelt es euch an keiner Gnade. Und nun erwartet ihr die Of­fenbarung unseres Herrn Jesus Christus, der euch festigen wird bis ans Ende, damit ihr ohne Ta­del dasteht am Tage der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.

Evangelium: Matth. 9, 1—S.

„Steh' auf, nimm dein Bet und geh'!"

Gichtbrüchige.

Betrachtung zum Sonntagsevangelium.

Es wird auch dir eigenartig vorkommen, daß der Heiland zu dem Gichtbrüchigen, den sie da herbeibringen und für den sie Heilung des Leibes erwarten, zuerst von seinen Sünden spricht. Er verzeiht sie ihm, weil er den großen Glauben sah. Und merkwürdig, die Pharisäer, die Nörgler, die jede Tat nach dem Gesetzesbuch­staben und nicht nach dem Geist beurteilen, sie sind auch hier wieder klüger als Gott selbst: „Er lästert Gott", sagen sie bei sich selbst. Daß der Heiland immer wieder die Geduld aufbringt, sich mit ihnen und ihren Gedanken abzugeben, wun­dert uns fast schon. Aber er beweist ihnen schnell, daß er das Recht der Sündenvergebung hat, in­dem er den Kranken auch von der Gicht heilt.

Eine gesunde Seele ist oft die Vorbedingung für einen gesunden Leib. Ist es nicht heutzutage oft so, daß wir gar nicht wissen, ob bei einem Menschen der Leib oder die Seele krank ist. Da läßt einer seinem Zorn freien Lauf, schimpft auf seine Mitmenschen und die Schlechtigkeit der Welt, läßt seine Laune an den Menschen seiner Umgebung aus und wenn man ihn einige Zeit später in ruhiger Stunde zur Rede stellt, dann sucht er sich, wenn er nicht zu denen gehört, die in jedem Wort, das man ihnen erwidert, einen neuen Angriff sehen, damit zu entschuldigen, daß er „nervös" sei. Bei dem Heiland, der doch unser Vorbild ist, sehen wir nichts von Nervosität. Gut, du wendest vielleicht ein: er sei niemals krank gewesen. Aber betrachte den leidenden, den zerschundenen Heiland: du siehst kein Anzeichen dieser Schwächen.

Es ist nicht meine Aufgabe, dich anzugreifen. Ich will nicht jeden einzelnen Fall mit gleichem Urteil abwägen. Sicherlich gibt es Menschen, die durch jahrelange Unterernährung und Not körper­lich geschwächt sind, aber eines ist gewiß, daß es auch ebenso viele oder mehr Menschen gibt, deren Überreiztheit nichts anders als Lieblosigkeit ist. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Wir brauchen nicht immer gleich beim Körper um Entschuldigung zu suchen, wir dürfen einmal auf die Beweg­gründe schauen.

Mangelnde Liebe, das ist eigentlich die einzige große Sünde: mangelnde Liebe zu Gott und mangelnde Liebe zu den Mitmenschen. Gott ist die Liebe, heißt es einmal in der Schrift. Alles Tun Gottes ist schaffende, gebende Liebe. Und

Bilanz einer holländischen Reise

Von Dr. Ernst Waldner.

Es ist nun bald ein Jahr her, daß ich Holland zum ersten Male sah. Aber dieses merkwürdige Land läßt einen innerlich nicht mehr los. Es zwingt immer wie­der zur Auseinandersetzung.

Was wußte ich, als ich an einem nebligen Novem­bertage die holländische Grenze überschritt, von diesem Lande, von diesem Volke? Ein paar fast lächerlich harmlose Schulerinnerungen begleiteten mich. Ich war wirklich auf keine' Ueberraschungen gefaßt.

Aber schon als wir durch die Straßen der ersten grö­ßeren Stadt, Arnhem, fuhren, stutzte ich. Diese Häuser haben ja ein ganz anderes Gesicht als die Häuser un­serer deutschen Städte. Das sind ja keine Miets­kasernen, keine Massenquartiere wie bei uns da­heim. Hier scheint jedes Haus mit seinen spiegelblanken Fenstern und dunkelgrünen Fensterläden, mit seinen schneeweißen Gardinen und blitzenden Türbeschlägen zu sagen: Ich bin ein Heim. Ich bin kein Massenquartier, ich umhege nur eine Familie, und für diese Familie bin ich die feste Burg. So ist es in der Tat. Nirgends in Europa ist das Prinzip des Einfamilien­hauses so früh und so konsequent durchgeführt wor­den, wie hier in Holland. Auch die Reihenhäuser in den Großstädten sind zwei-, selten dreigeschossig gehalten und sind in einzelne Quartiere mit besonderem Haus- eingang aufgeteilt. Wir sahen auch einen in etwa zwei Jahrzehnten von einer Kleinstadt zur Großstadt auf­geschossenen Industrieort, Eindhoven, den Sitz der be­kannten Philippswerke, mit vorwiegender Arbeiter- beoölkerung. Aber dieser Ort bietet nicht jenes trostlose Bild einer Industriestadt in un­serem Sinne. Er macht eher den Eindruck einer gemütlichen • Landstadt. Freundliche Häuschen, allein­stehend ober in Reihen zusammengefügt, blank, behag­lich, mit kleinen Vorgärtchen. Die praktischen Holländer haben das Wunder fertig gebracht, jeder Arbeiter­familie ein Haus hinzu stellen, das allmäh­lich ihr Eigentum wird.

Braucht man es noch besonders zu sagen, daß sich bei solcher, das Individuelle ganz stark betonenden Wohnart viel leichter eine wirkliche Heimkultur entwickeln kann als in unseren Mietskasernen? Ich war in vielen Familien zu Gast bei Menschen aus allen Ständen. Aber immer spürte ich: Hier st e h t die Familie noch im Zentrum des Daseins.

die Sünde ist Abkehr von Gott und seinen Weg­weisern, den Geboten, die uns den Frieden brin­gen sollen. Gott wollte einen Menschen, der aus freien Stücken zu ihm kommt. Die Atöglichkeit der Abkehr der Sünde mußte gegeben sein, sonst wäre der Mensch dem Tiere gleich, das muß. Ei­gentlich sollte der Mensch aus innerstem Antrieb den Frieden Gottts, das Reich der Gnade suchen, aber die Menschen lieben oft die Hast mehr als die Ruhe. Da müssen die Sorgen des Geschäfts Mann und Frau bis in den späten Wend hin­ein verfolgen; da müssen Bauersleute den Hader über die niedrigen Preise, an denen sie durch ihr

Gerede doch nichts ändern, mit ins Bett nehmen; da kriegen junge Leute den Gedanken an die Woh­nungseinrichtung gar nicht aus dem Kopf; und io geht es fort. Als ob es bloß um all diesen Klein­kram ginge! Suchet zuerst das Reich Gottes und seins Gerechtigkeit und alles andere wird euch dazu gegeben werden. Aber die Menschen verges­sen den Geist, den Sinn des Lebens und die klei­nen Dinge des Alltags beginnen ihr Leben und ihre Gesundheit zu verschlingen, weil sie nicht mehr Gott zugekehrt sind. Und was ihnen als Krankheit und Gebrechlichkeit erscheint, ist oft wei­ter nichts als ein verkehrt angelegtes Leben . . .

Renaissance deskalholizlsmus inFrankreich

Zur Frage, ob die katholische Wiedergeburt der Elite zur Rechristianisierung des Landes füh­ren wird, schreibt Albert Studer (Versailles) in der bekannten Wochenschrift „Das Neue Reich" (Tyrolia, Wien) u. a.:

Die Wiedergeburt des Katholizismus in Frank­reich, besonders unter der geistigen Elite dieses Landes, ist nicht allein eine Tatsache, sondern kün­det sich mehr und mehr als tief und echt dem Be­obachter an. Eine katholische Elite verbreitet seit vierzig Jahren in Wort und Schrift die religiöse Erneuerung. Literarische Namen wie Huysmans, Francois Copps«, Francois Veuillot, Paul Bourget, Brünettere, Paul Claudel, Char­les Pöguy, George Dumesnil, 9tene Bazin, L. Bertrand, Adolph Rette, Francis James und von den jüngsten Jean Maxence und vor allem der frühreife, verstorbene Jacques River« usw. haben schon längst nicht mehr nur nationalen, sondern zum großen Teil auch internationalen Klang. Das bewußt katholische Buch ist in Frankreich schon längst keine Seltenheit mehr. Die größten, nicht- katholischen Verlage pflegen mit Sorgfalt die Ver. breitung der katholischen Idee; denn dies macht sich vom rein kaufmännischen Standpunkt aus be- zahlt, was am besten die Resonanz beweist, die solche Schriften int Publikum finden. Von den katholischen Revuen, besonders für die junge Ge­neration, müßten eine ganze Menge Titel ange­führt werden, um nur einigermaßen einen lieber- blick zu bekommen. Viele und weit verbreitete Revuen die sich alle auf einer gewissen wissen­schaftlichen Stufe halten, bepeifen aber wiederum, daß die schreibende Elite auch eine lesende Elite gefunden. Bücher über Heiligengestalten und Vor­läufer der Katholischen Aktion erfahren Massen­auflagen, die fast unglaubliche Arbeitskraft eines Georges Goyau verdient gerade m diesem Zusam­menhang besondere Erwähnung.

Diese geistigen Erneuerer des zeitgenössischen Frankreich verstanden es insbesondere, auf die junge Generation einzuwirken. Nicht al­lein bedeuten die fünf katholischen Universitäten mit ihrem ganz hervorragenden Professorenstab einen geistigen Sauerteig für die Zukunft, sondern auch in den größeren, nicht spezifisch katholischen höheren Schulen gewinnt der Katholizismus mehr und mehr an Einfluß und Sympathie. Wir er­wähnen nur noch auf sozialem Gebiete die äu­ßerst fruchtbare Tätigkeit der Semaines so­ciales, die auch von Rom aus immer größere Beachtung finden und bahnbrechend wirken auf vielen Gebieten. Außerdem die Actionpopu- laire, sowie die ausgesprochen sozialen Kurse verschiedener Universitäten. Die Union in­ternationale b’(Hubes sociales, die vor einigen Jahren den äußerst zeitgemäßen Code sociale herausbrachte, findet von franzöfifcher Seite stärkste Unterstützung. Die Equipe sociales von Robert Carric usw. wirken religiös erneu­ernd auf die Führerschicht im sozialen Leben.

Der religiösen Erneuerung Frankreichs aber nur Utilitäts- oder bloß ästhetische Gründe zuerken­nen, heißt das Wiederaufblühen der christlichen Philosophie, insbesondere des Thomismus, vollständig verkennen. Hier han­delt es sich beileibe nicht um eine bloße Mode ober oberflächliche Strömung, sondern um eine tief­gehende geistige Umwälzung. Namen, wie jene des Konvertiten Jacques Marita», oder des R. P. Sertillanges O. P., Bernadot, P. Doncoeur S. I., Garigou-Lagrange O. P., Et Lajeunie O. P. usw. bedeuten an sich schon ein tiefschürfendes Pro­gramm. Und daß es sich hier wiederum nicht um bloße Spekulationswissenschaften handelt, bewei­sen die praktischen religiösen Betätigungen dieser Elite und der von ihr geführten jungen und äl­teren Generation. Häufiger Kommunionempfang, Wirksatnkeit in den Vinzenzkonferenzen usw. re­den wirksam von einem nach Entfaltung drängen­den tiesreligiöfen Leben. Kann das katholische Frankreich sodann nicht mit Recht stolz sein auf Wissenschafter wie de Broglie, Pinard be la Boul­lay, Mainage, Grandmaison, Lebreton, Vappa- rent, Branlay, Termier, Rousselot, Duthoit, Four- nier, Le Für, Renard, Aves be la Stiere usw.?

Wie kommt es, daß Frankreich dennoch von einer Freimaurerclique regiert, daß Gesetzgebung und Regierungen inspiriert sind von zu tiefst «christlichen Ideen; Sozialismus und Kommunis­mus, ganz zu schweigen vom Radikalismus, wer­ter in der Masse große Eroberungen machen? Msgr. Baudrillard. Erzbischof und Rektor der kath. Universität in Paris, antwortete in feiner Rebe vom 15. Sept. 1930 in Genf auf bie Kritik ungefähr folgenbes: Eine Nation, die durch eins so furchtbare Revolution ging wie die Unsere, bie so viele und so verhängnisvolle Experimente der Dechristianisierung erlebte, wirb nicht von heute auf morgen dem Glauben wieder gewonnen. Es sind weiter Kräfte am Werk in Frankreich, mit denen zu rechnen ist und bie wir nicht unter­schätzen dürfen: denn sie verfügen heute noch über bie Mittel und sind am Ruber. Allein, verkennen wir boch nicht die Umwandlung, die diese kacho- lische Renaissance auch im öffentlichen Leben in der Masse schon erzielt. War es nicht ein bedeut­sames Zeichen, daß der protestantische Staatsprä­sident Doumergue an der Seite des Kardinals Dubois und des päpstlichen Legaten bei den Iecnm« d'Arce-Feierlichkeiten in Orleans in die Kathedrale kam und äußerst anerkennende Worte fand für bie Bedeutung des Katholizismus? Ist die Teilnahme der Regierung jedes Jahr an den Ieanne d'Arc-Feiern nicht ein gutes Zeichen? War das Leben und Sterben* eines Marschalls Foch nicht beispielgebend ohne gleichen im positiv katholischen Sinne? Zeigte sich das gute Einver­nehmen zwischen Kirche und Regierung nicht auch am internationalen Eucharistischen Kongreß in Karthago und den Jahrhundertfeiern in Algier?

Hier ist sie noch nicht unterwühlt und von zentrifugalen Kräften zerrissen. Das eigene Heim bildet den festen Rahmen für ein gesundes Familienleben. Das Haus ist hier, wie in England, die schützende Burg. An ihren Mauern bricht sich die Unrast des Lebens, zerschellen die dämonischen Mächte der Welt. Der ganze Lebens­stil ist auf dieses Zuhausesein eingestellt. Das Restau­rant, das Cafe, der Stammtisch spielt in diesem Land eine ganz untergeordnete Rolle. Das Heim hält eben die Familie zusammen. Deshalb pflegte man es auch mit sichtlicher Liebe. Wir sahen auch bei einfachsten Menschen wertvolle alte Möbelstücke, gute Bilder, schöne Zinn- und Messinggeräte. Es herrscht überall pein­lichste Sauberkeit. Das, was uns die Interieurs in der holländischen Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts so anziehend macht, jenes Blanke, Anheimelnde, Ber­gende, noch im kleinsten Detail liebevoll Behandelte, das spürten wir auch heute noch in den holländischen Häusern und Stuben.

Man fühlt sich auch bei ganz stemden Leuten sofort wohl und daheim. Es liegt in der ganzen Lebensart des holländischen Menschen etwas Breites, Behagliches, Solikes. Man spürt die Freude am Dasein. Das Leben ist hier noch nicht so nivelliert und ausgehöhlt, es ist noch rund und füllig. Es ist eine Freude, in einem bolländischen Haus zu Gast zu sein. Die Gastfreunb- lchaft wird hier noch als eine schöne Kunst und eine Ehrlstenpflicht gepflegt. Nicht nur der einzelne Hol länder, sondern auch das ganze Land hat Gastfreund- schaft in größtem Ausmaß geübt, als der deutsche und französische Kulturkampf Priester und Ordensleute ver­trieb, und als nach dem Weltkrieg die Kinder vieler Län­der Hunger litten. Eine ganze Kette von Klöstern av den Grenzen legt noch heute Zeugnis ab von dieser Gastfreundschaft, und es hat einen tiefen Sinn wenn das Volk sagt, daß Holland um dieser edlen Tat willen von den Schrecken des Weltkrieges verschont blieb.

Aber sind nicht diese Holländer trotz allem sehr nüch­terne, steife, kühle, rein realistisch denkende Menschen? Es mag sein, daß in den vorwiegend kalvinistischen Landschaften dieser Typus zu finden ist. Ich habe nur das katholische Holland kennen gelernt. Wo­hin ich auch kam, ob zu einer Gruppe junger Studen­ten ober Kaufleute, ob in einen Kreis von Akademikern ober Jnbustriellen, ob in ein Kloster ober in ein Pri­vathaus, immer schlug mir eine Welle aufrichtiger Herz­lichkeit entgegen. Eine Fülle von Zügen feinsten Her­zenstaktes und aufmerksamster Fürsorge um den Gast konnte ich in den wenigen lagen beobachten. Wahr­

haftig, die holländische Gaststeundschaft ist, wie ein moderner Schriftsteller neulich schrieb, an Enthusiasmus schlechthin unüberbietbar.

Es ist überhaupt, als hätte der Holländer sein natür­liches Wesen besser bewahrt. Die Menschen kamen mir dort alle, ob es nun der einfache Mann auf der Straße ober der Intellektuelle war, viel schlichter, treuherziger, harmloser, mit einem Wort menschlicher vor. Jene un­sichtbare Mauer, bie bei uns so oft die einzelnen sozialen Gruppen gesellschaftlich voneinander trennt, konnte ich in Holland nirgends finden. Kenner des Landes be­stätigten mir diese Beobachtung und machten mich auf eine an sich unscheinbare, aber in diesem Zusammen­hang sehr charakteristische Tatsache aufmerksam. Es ist nämlich die Zahl der Automobilbesitzer int Verhältnis zu der wirtschaftlichen Wohlhabenheit der Holländer auffällig gering. Auch die gut situier­ten Leute begnügen sich mit dem „Auto des kleinen Mannes", mit dem Fahrrad. Auch der Bürgermeister und der Fabrikdirektor geniert sich nicht, genau wie der Arbeiter und Angestellte per Rad ins Büro zu fahren.

In Holland erst wurde mir klar, warum der für menschliche und kulturelle Qualitäten eines Volkstums so ungewöhnlich scharfsichtige Rembranbtdeutsche sich in feinen letzten Lebensjahren so stark zu diesem Lande hin­gezogen fühlte und dort auch den Weg zur katholischen Kirche fand. Und der bereits zitierte Schriftsteller Georg Herrmann nennt Holland eine „Oase des Menschen­tums in der seelischen Wüste des heutigen Europa".

Das waren bie beiden ersten großen Erlebnisse: das holländische Heim und der holländische Mensch.

Das dritte Erlebnis war gewiflermaßen die meta­physische Fundierung dieser beiden Grundtatsachen. Denn in einem Volke, in dem die natürlichen Seinsfunba- mente noch nicht zerstört sind, ist auch das Glaubens­leben gesund, kraftvoll und natürlich. Ich will die schon oft geschilderten erstaunlichen Lei st ungen des holländischen Katholizismus hier nicht wie­derholen. Ich möchte nur sagen, daß es wahrhaft be­glückend ist, Religion und öffentliches Leben in einem so harmonischen Verhältnis zu sehen. An hundert klei­nen Zügen des Alltags kann man feststellen, wie stark der politische, kulturelle und soziale Einfluß dieser Mi­norität von zweieinhalb Millionen im öffentlichen Leben Hollands sich auswirkt. Auf dem Familientisch liegt überall die katholische Radiozeitung mit ihren 110 000 Abonnenten. Fast in jedem größeren Hotel fand ich eins der breigroßen katholischen

Man wirb sagen, i>as alles koste ja ber Regie­rung eigentlich nur einige schöne Worte und Ge­sten. Gewiß, wer aber bag Sektierische vieler Kreise kennt, weiß, baß bies schon viel bebeutet.

Schließlich dürfen wir aber als stärksten Ein­fluß auf bie Masse unb die Regierung selbst, bie Wirksamkeit ber Feber ation natio­nale c a t h o l i q u e" nicht vergessen, bie in Rie. senversammlungen von 20, 30, 50, ja 100 OOO Männern für bie religiösen Freiheiten eintritt unb eine nach Millionen zählende feste Organisa­tion ber fran,Mischen Katholiken ist unter der ziel, bewußten Führung bes Generals be Castelnau. Seit wenigen Jahren erst besteht bisse Organisa- tion, ihr Einfluß aber wächst von Jahr zu Jahr. Nicht unerwähnt in biesem Zusammenhang bars bas katholische G e w e rk s cha f t s we s e n bleiben. Zirnhelb unb Tessier gaben sowohl der katholischen Angestellten- als auch ber Arbeiterbe- wsgung mit einem bewährten Mitarbeitetitab eine sehr erfreuliche Entwicklung, bis von Monat zu Monat an Einfluß gewinnt. Die ka­tholischen Iugenverbänbe, beren neueste Gründung, bie „Jeunesse Ouvriere Chretienne" (Iocisten) gerade unter ber Arbeiterjugenb gerade­zu überraschend arbeitet, sorgen für die Berbsitung des Katholizismus in der Masis. Die mutige Pa- ftoration in den roten Pariser Vororten hat eben­falls schon große Erfolge erzielt. So dringt die religiöse Erneuerung Frankreichs auch durch ins Volk unb treibt hoffnungsvolle Früchts für bie Zu­kunft Die Massen wieder für Christus gewinnen, ist ber Wcchlruf der sozial-katholischen Apostel. Wenn, wie wir gesehen, bie geistige Elite bes Laubes mit dem guten Beispiel vonangeht, kann der Erfolg in ber Masse auf bie Dauer nicht aus* bleiben

Hlttamontcmismus ?

Me ist bie katholische Kirche in Deutschland organisiert?

Den beutschen Katholiken wirb bis in bie jüngste Zeit hinein von gewissen Kreisen immer wiebec der Vorwurf des Ultramontanismus gemacht. Man behauptet, sie seien einer Macht verpflichtet, deren Ziele und Bestrebungen dem deutschen Wesen geradezu entgegenstrebten. So zu sprechen, zeugt von einem Nichtverstehenwollen und einer Gehäs­sigkeit, bie niemals dazu beitragen werben, ben tiefen konfessionellen Riß, ber burch unser Vater­land geht, zu überbrücken. Zwar steht an ber Spitze ber katholischen Kirche ber Papst in Rom und von ihm geht alle Gewalt aus, bie- in ber Kirche wirksam ist. Aber ber kirchliche Zentralis­mus ober bester gesagt Universalismus geht nicht so weit, baß er bie Eigenart jebes Volkes auslöscht. Wie er sich im Leben bes beutschen Volkes aus­löscht. Wie er sich im Leben bes deutschen Volkes auswirkt, bas zeigt in großen Zsigen eine sehr bau» tensroerte Schrift bes bekannten Volkstumsforschers P. D. Theodor Grentrup SVD. (Kranichverlag, Berlin-Zehlendorf 1931, —.80). Sie ist für Ka­tholiken wie Andersgläubige gleich anziehend ge­schrieben unb wirkt durch ihre ruhige Sachlichkeit, die das Wesentliche scharf unb beutlich herausarbei- tet, recht glücklich. Sie zeichnet allerbings nur große Umrisse. Wer sich über bie Organisation der Kirche des Näheren unterrichten will, insbesonbere wie sich diele außerhalb ber kirchlichen Hierarchie im kulturellen unb sozialen Leben auswirkt, ber muß schon bas vor kurzem in 17. Auflage erschie- neue „Kirchliche Hanbbuch für das katholisch« Deutschlanb" (Gilbeverlag, Köln) heranziehen. Aber als geistige Einführung, bie ben Zahlen unb Statistiken bes Kirchlichen Hanbbuchs Leben unb Wirkung verleiht, ist Grentrups Schrift außeror­dentlich zu begrüßen.

Blätter, von denen z. B. „De Maasbode" eine Auflage von weit über 100 000 hat. Dazu kommen noch eine ganze Reihe mittlerer und kleinerer Lokalzeitungen. Das erstaunlichste aber ist, daß diese Zeitungen stets eine Menge von Inseraten haben. Denn erst darin zeigt sich, wie hoch ein Blatt auch als wirtschaftlicher Faktor eingeschätzt wird. Der holländische Katholik ist nicht nur stolz auf seine Presse, sondern er unterstützt sie auch durch häufiges Inserieren. Er ist auch stolz auf seine katholische Staatspartei, dis über 30 Ver­treter im Parlament zählt. Der holländische Katholi­zismus ist sich seiner Bedeutung bewußt und von einer erquickenden Aktivität. Er verfügt über eine eigene Universität. Er scheut sich nicht, den großen religiösen Persönlichkeiten Denkmäler auf den öffentlichen Plätzen der Städte zu setzen. Er wartet nicht ängstlich ab, was andere tun, um dann schließlich auch nachzuhinken, son­dern er handelt durchaus selbständig. Als jüngst die Arbeitslosigkeit auch in Holland einsetzte, da waren es die Katholiken, die zuerst mit praktischen Maßnahmen auf den Plan traten.

Doch hat diese großzügige und aufs Praktische ge­richtete Art den holländischen Katholizismus keineswegs reizlos und nüchtern gemacht. Im Gegenteil, ein Schim­mer von religiöser Poesie ist über die katholischen Land­schaften gebreitet. Ich war gerade in ersten Dezember­tagen dort und sah St. Nikolaus im festlichen Bischofs­mantel, mit Mitra und Stab auf einem Schimmel durch die Straßen der Städte und Dörfer reiten. Eine Musik­kapelle zog vor ihm her und spielte alt#, schöne Volks­weisen. Wie reich ist dieses Land an herrlichen alten und neuen Kirchen. In den Prioathäusern fiel mir auf, daß auch die Wohnräume mit religiösen Bildern ge­schmückt waren. Fast in allen Wohnungen, in die ich tarn, brannten in den Wendstunden vor dem Bilde des heiligen Herzens oder Unserer Sieben Frau Kerzen oder rote Ampeln. Und von allen Türmen fingen die Glocken­spiele Stunde um Stunde ihre silbernen Melodien.

Das Gefühl der Ueberlegenheit, mit dem ich dieses kleine und von sich wenig hermachends Land betrat, hatte sich schnell in aufrichtige Bewunderung verwan­delt. Und als ich durch das winterliche. Deutschland wieder heimfuhr, war ich sehr nachdenklich und be« scheiden geworden. Jedenfalls verstehe ich jetzt, warum der so ungeheuer kritische Rembrandtdeutsche in seinem bekannten Buche einer „Verholländerung Preußens" das Wort redet, und warum er den Wunsch ausspricht, daß bie Deutschen „physisch wie geistig mehr zu Holland- gängern werben sollten".