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Anzeiger für die Stadl Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk

Nr. 222

Lricheini sechsmal wöchentlich Wochenbellagen: „Die Welt tm Bild' und ..Buchenblätter' Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei tn Fulda. fternrute: üchrift- ~ leituna 3153 Fuldaer Actiendruckerei 31-51 und 3152. n:

Samstag, 26. September 1931.

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Wfl. 58.

Mmnaiii ihi iwn

Denkt an den Kohlrüben-Mnter 1917/18!

Deutschland hat ihn überstanden. — Ein Volt, das der Vernunft treu bleibt und die Abenteuerer in Schach hält, wird auch den kommenden Votwinter überstehen. — Helft mit am Liebeswerk!

Wenn man sich ernsthaft überlegt, woher es wohl kommen mag, daß die beiden bolschewistischen Parteien in Deutirtstanö, der Kommunismus und der Nationalsozialismus, immer noch neue An­hänger finden, so ergibt sich kein anderer Grund, als daß viele Leute, die nicht politisch denken kön­nen, einfach auf die Karte der Verzweiflung setzen und glauben, Hitler und Thälmann würden bald oder doch wenigstens in absehbarer Zeit, eben auf Grund ihres Massenanhanges, einen Staats­streich wagen, und dann sich eben zeigen, ob durch eine radikale Umkehr der Ordnung die Dinge im Lande gebessert werden könnten.

Die extremen Führer rechnen gern mit die­ser primitiven Psychologie und kündigen daher fortgesetzt ihre baldige Machtergrei­fung an In Wirklichkeit denken sie nicht dar­an, einen ernsthaften Schlag zu riskieren, weil sie genau wissen, daß er mißlingen müßte. Der preußischen Innenminister Severing hat diese Ver­hältnisse in der Jahresversammlung der Ober­präsidenten und Regierungspräsidenten behandelt und nochmals dis völlige Aussichtslosigkeit eines Putschversuches und die Lächerlichkeit der ewigen Putschgerüchte festgestellt. Weder Hitler noch Thälmann täuschen sich über die fest in der Hand des Staats befindlichen Machtmittel. Sie lchüren rein aus parteipolitischen Ueberlegungen heraus die Unzufriedenheit und freuen sich über jeden Zusammenstoß aber sie selbst halten sich mit ihren Unterführern, wenn es ernst wird hinter den Ku­lissen. So wird es auch in Zukunft sein. Auch in

C. N. B. Berlin, 25. Sept. (Eig. Meld.) Zu den in der Presse umlaufenden Gerüchten, das Reichskabinett habe in seiner gestrigen Sitzung die Frage der Erhöhung der Umsatzsteuer erörtert, er- sahren wir von zuständiger Stelle, daß im Reichs­kabinett von einer Erhöhung der Umsatzsteuer nichts bekannt ist.

*

Das Reichskabinett hat eine

Verständigung über die Entschuldung der Gemeinden

erzielt. Der hierfür gefundenen Lösung kommt in­sofern auch eine gewisse grundsätzliche Be­deutung zu, als die Entschuldungsaktion nicht von den Ländern, sondern

vom Reich durchgeführl

werden wird. Der Kanzler hatte auch eine Unter­redung mit dem Präsidenten des Verbandes der preußischen Landgemeinden, dem Abgeordneten Dr. Gereke, um ihn über die Beschlüsse des Reichs­kabinetts zu informieren.

Mit den meisten der anderen Fragen ist das Kabinett noch nicht fertig geworden. So muß z. B. auch das Projekt der Kleinsiedlung noch weiter be­raten werden. Ebenso ist die umstrittenste der zur Verhandlung stehenden Fragen, die

Senkung der Hauszinssteuer,

noch nicht erledigt. Auch die Senkung und H e r ab- fetzung der großen Pensionen scheint jetzt doch wieder stärkeren verfassungsrechtlichen Bedenken zu begegnen, sodaß noch keineswegs fest- steht, ob das Kabinett sie beschließen wird. Schließ­lich scheinen sich die Nachrichten zu bestätigen, daß eine Zusammenlegung von Krisen- und Wohl- fahrtsfürsorge im Augenblick noch nicht zu erwar­ten sind- Der Schwerpunkt der Arbeitslosenver­sicherung liegt zur Zeit in der Reichsanstalt der Arbeitslosenversicherung, in der Verhandlungen darüber stattfinden, welche Maßnahmen einem zu erwartenden Defizit entgegengestellt werden kön­nen. In unterrichteten Kreisen rechnet man nun damit, daß die Beratung des Herbstprogrammes doch noch mehrere Tage in Anspruch nehmen wird, sodaß es kaum vor Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche fertig werden würde.

ENB. Berlin, 25. Sept. ((Eig. Meld.) Reichs­minister Dr. C u r t i u s hat sich um 11 Uhr in die Reichskanzlei begeben, um sich, wie angekündigt, mit Dr. Brüning auszusprechen. Irgendwelche für die Oeffentlichkeit bestimmte Ergebnisse werden von dieser Unterredung jedoch nicht erwartet, vielmehr rechnet man damit, daß eine Entscheidung erst nach der Kabinettssitzung am Dienstag fallen wird, Im Augenblick konzentriert sich das außenpolitimie Interesse auf den bevorstehenden französischen Be­such, für den die Vorbereitungen nun in vollem Gange sind. Sie dürften sich auch bereits auf die Bildung' der deutsch-französischen Wirtschäfts kommission erstrecken, die an sich ministeriellen Charakter haben, aber durch die Zuziehung führender Wirtschaftler ergänzt werden wird. In unterrichteten Kreisen glaubt man, daß dieser Ausschuß, der d a s s i ch t» bare Ergebnis des Berliner Besuch es bilden wird, sich für die praktische Arbeit auch noch in Unterkommissionen zergliedern dürfte. In ihnen werden Spezialsachverständige die Ein­zelfragen der verschiedenen Gebiete behandeln, so die industriellen, die finanziellen und die Bank-

diesem Winter, selbst wenn die allgemeine Krise sich noch verschärfen sollte. Es ist daher dankens­wert, daß Severing auch einen übertriebenen Pes­simismus hinsichtlich des kommenden Winters, der sich ja leider schon jetzt einzuführen scheint, ab­lehnt. Ein Volk von 60 Millionen, so sagte der Minister, kann nicht zugrunde gehen, kann nich verhungern. Freilich stellen die Verhältnisse an den Staat ganz besondere Anforderungen. Das Volk muß, so sagte Severing weiter, in Ordnung verwaltet und regiert werden. Der Staat hat die Mittel, diese Ordnung zu gewährleisten, aber frei­lich kann ihm seine Arbeit erleichtert werden, wenn jeder einzelne Staatsbürger von dem festen Wil­len durchdrungen ist, das Chaos auch von sich aus abwehren zu helfen. Darum ist die Winterhilfe eine Organisation, an der sich jeder ohne Ausnahme beteiligen muß. Je mehr es gelingt, die Not in Einzelfällen zu lindem, desto dauerhafter bleibt das Fundament der Ordnung und der bürgerlichen Sicherheit. Der Staat kann auf diesem Gebiet nicht alles allein tun. Aber wenn wir ihm helfen, jeder nach seinen Kräften, dann kann er uns garantieren, daß wir auch über diesen Winter hinrvegkommen. Er wird nicht so schlimm werden wie der Kohlrübenwinter 1917/18. Jeder einzelne kann helfen, und wer nichts geben kann, weil er selbst nichts hat, der kann wenig- stens in seinem Kreise dazu beitragen, daß die Verzweiflung nicht die Ueberhand gewinnt. Auch am Ende dieses Winters wird ein Frühling stehen.

Probleme, die Verkehrsfragen ufw. Der Sinn des Besuches ist eben, daß die deutsch-französische An­näherung jetzt von der wirtschaftlichen Seite her gefördert werden soll. Da­gegen werden die politischen Fragen, für die nach allgemeiner Ansicht schon rein stimmungs- mäßig im Augenblick keine Lösungs­möglichkeiten zu sehen sind, in den Berliner Unterredungen zurück­tret e n.

Die DVP. dementiert.

CNB Berlin, 25. Sept. (Eig. Meldg.). Zu der verschiedentlich in der Presse aufgestellten Be­hauptung, Abg. D i n g e l d e y habe den Wunsch, in das R e ich s ka b i n ett einzutreten, wird von maßgebender volksparteilicher Seite mit­geteilt. daß diese Nachrichten nicht den Tatsachen entsprechen.

Wachsende Radikalisierung.

Die Links-Opposition der SPD. — Erklärungen gegen den Parteivorstand. — Gründung einer neuen Partei.

Die linke Oppositionsgruppe der SPD. Seyde- w'.tz-Rofenfeld hat eine bisher von acht sozial­demokratischen Reichstags abgeord- n e t e n unterzeichnete Erklärung abgegeben, in der gesagt wird, daß die Behauptungen, mit denen der Parteiausschuß dem Beschluß gegen sonderagita­torische Bestrebungen der Opposition begründet, in keiner Weise zutreffen. Richt um die Partei zu spalten, seien die „roten Bücher" und „Die Fackel" ins Leben gerufen, sondern mit dem Recht der Meinungsfreiheit. Wenn schon die Gründung und die Mitarbeit an einer kritischen Wochenschrift genüge, mit dem Ausschluß bedroht zu werden, so deute das auf den Beginn eines Gesinnungs­terrors und einer Meinungsdiktatur hin, dem ent­gegenzutreten parteigenössische Pflicht sei. An alte, die mit uns einig sind, so heißt es in der Er- klärung weiter, daß die Zeit gekommen ist, die Erundlagen für die Verwirklichung des Sozialis­mus zu legen und daß demgemäß die Politik der Partei orientiert sein must, richten wir die Mahnung, sich ohne Furcht zu ihrer Ueberzrugung zu bekennen und uns bei dem schweren Werk zu helfen, das wir unternommen haben in dem ein­zigen Gedanken, den Weg zu ebnen für die Be­freiung der unterdrückten und ausgebeuteten Klasse des Proletariats.

Wie „Berlin am Morgen" dazu erfährt, hat die Oppositionsgruppe in einer Reichskonferenz beschlossen, nicht vor den Parteiausschuß-Beschlüs­sen zu kapitulieren. Der von einigen Mitgliedern der Oppositionsgruppe gemachte Vorschlags An­schluß an die Kommunistische Partei zu suchen, wurde von der Mehrheit abgelehnt und be­schlossen, eine neue Partei unter dem Namen „So­zialistische Arbeiterpartei" zu bilden.

Neue Arbeitsgemeinschaft der Mitte?

Zwischen den Parteien der Mitte und der ge­mäßigten Rechten hat, der „Voss. Ztg." zufolge, in der letzten Zest eine Fühlungnahme über die Frage stattgefunden, ob nicht entsprechend früheren Vorgängen eine Art parlamentarischer „Arbeitsgemeinschaft", wie 1922 während der Reichstagsberatungen, eingerichtet werden könne. Wie das Blatt berichtet, war dabei an eine lose Fühlungnahme gedacht, die dahin führen sollte, daß die Parteien, die das Kabinett Brüning stützen, nicht getrennt von einander parlamentarische Aktionen unternehmen, sondern

sich von Fall zu Fall verständigen und eventuell bei bestimmten parlamentarischen Ereig­nissen gemeinsam vorgehen. Von einem Fusions- versuch der Parteien, von der Staatspartei bis zu den Konservativen, soll keine Rede sein. An eine Parteiverschmelzung oder ähnliche Maßnah­men in diesem Zusammenhang sei überhaupt nicht gedacht worden.

Im Gegensatz dazu berichtet das „Berliner Tageblatt" von Bestrebungen, die Parteien von der Staatspartei bis zu den Konservativen als neues Parteigebilde unter dem Namen „Reichs bürger-Partei" zufammenzufassen.

* völkerbundspersonal gegen Gehaltskürzungen. Aus Genf wird gemeldet: Die Frage einer Kürzung der Ge­hälter der Völkerbundsbeamten und Angestellten ist praktisch in negativem Sinne entschieden worden. Eine Betriebsversammlung des Personals hat mit 214 gegen 202 beschlossen, sich nicht freiwillig zu einer Gehaltskürzung anzubieten. Es ist bekannt geworden, daß Sir Eric Drumond gegen die Gehaltskürzun­gen ist. Die zögernde Haltung der obersten Leitung des Völkerbundssekretariates war, wie verlautet, auf die oben erwähnte Ablehnung des übrigen Personals nicht ohne Einfluß. '___________________

WMamowitz-Möttendorf t«

wtb. Berlin, 23. Sept. (Eig. Meldg). Der Nestor der klassischen Philologie, der wirkliche Geheime Regierungsrat Exz. Prof. Dr. Ulrich von Willamowitz-Möllendorf ist heute im 83. Lebensjahr in feiner Villa in Char- lottenburg sanft entschlafen.

Ulrich von Dilamowih-Möllendorff.

MM -

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Prof, von Wilamowitz-Möllendorf, einer der bekanntesten Vertreter der deutschen Wissenschaft, war Mitglied der preußischen Akademie der Wis­senschaften, des Vorstandes des Archäologischen In­stitutes und der meisten deutschen und außerdeut­schen Akademien, außerdem Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Kl. von 1870/71 und erhielt ferner das E. K. am weiß-schwarzen Bande, den Pour le Merite für Kunst und Wissenschaft, den bayerischen Maximilianorden und viele weitere Ehrenzeichen. Daneben erfreute er sich auch, was wohl w i cht i - ge r ist, in weiten Kreisen der Gebildeten Deutsch­lands als feinsinniger Künder klassischer Bil­dung großer menschlicher Hochachtung und Ver­ehrung.

* Ausbildung chinesischer Offiziere im österrei­chischen Bundesheere. Aus Wien wird gemledet: Wie die Blätter erfahren, bat die chinesische Re­gierung an das Bundesministerium für Heerwesen das Ersuchen gerichtet vier Offizieren ihrer Ar­mee die Ausbildung in den Schulen des österrei­chischen Bundesheeres zu gestatten Dem Ersuchen wurde entsprochen, und so werden anfangs Oktober ein Major und drei Leutnants der chinesischen Armee beim österreichischen Bundesheer einrücken.

AommumMcher Terror.

AusfchreituÄgen linksradikaler Terrorgruppen in Düsseldorf. — Drei Schwerverletzte.

Am Donnerstagabend fand hier eine national­sozialistische Versammlung statt, in der der frühere thüringische Minister Dr. Frick sprach. Bereits vor Beginn der Versammlung bildeten sich in ver­schiedenen Straßen in der Nähe des Versamm­lungslokals größere Ansammlungen von Kom­munisten. Es kam zu Reibereien zwischen poli­tischen Gegnern, die aber von der Polizei im Keime erst-ckt wurden.

Unabhängig von dieser Versammlung fanden in verschiedenen Düsseldorfer Stadtteilen schwere politische Ausschreitungen ft a tt. U. a. wurden zwei Mitglieder des Stahlhelms auf der Kölnerstraße von politischen Gegnern überfallen und durch Messerstiche und Schläge schwer verletzt, so daß sie in die städtischen Krankenanstalten ein- geliefert werden mußten. In der Ellerstraße wur­den auf dem Heimweg begriffene Jungstahlhelmer von einer Gruppe Kommunisten angegriffen. Der Autosattler Joseph Schramm erhielt einen Sch u ß durch den linken Oberarm, während durch einen zweiten Schuß der Jungstahlhelmmaß Kurt Schulz am Kopfe schwer verletzt wurde. Während Schramms Verletzungen leichter Natur sind, besteht bei Schulz Lebensgefahr.

Die Ausschreitungen sind nach Ermittlungen von linksradikalen Terrorgruppen be­gangen worden. Zwei solcher Gruppen sind in letzter Zeit dingfest gemacht worden. Die Ermitt­lungen nach den Tätern wurden sofort aufgenom­men. Für die Ergreifung der Täter des Ueberfalls auf Schramm und Schul; hat der Regierungs­präsident eine Belohnung von 500 Mk. ausgesetzt.

Keine Erhöhung der Umsatzsteuer.

Der bevorstehende französische Besuch. — Den Schwerpunkt bilden die Wirtschaftsfragen.

Mensch oder Maschine!

Von Abgeordneten Andre, Stuttgart.

Ghandi der indische Nationalheld, sprach auf einer Versammlung der englischen Arbeiterpartei aus, daß er Indien von den Maschinen abbringen wolle. Indien hätte viele Millionen die die Ar­beit mit den Händen erledigen könnten, und es märe Selbstmord der Inder, diese Arbeiten durch ein paar tausend Arbeiter und Maschinen machen zu lassen.

Deutschland ist nicht Indien und trotzdem ver­dienen die Ausführungen Ghandis auch bei uns im Rahmen des Möglichen Beachtung.

In Berlin besah ich jüngst eine Ausstellung von Büromaschinen, die von den meisten Industriestaa­ten der Welt, vor allem von Amerika. England und Deutschland stark beschickt war. Die ganze Ausstellung stand, wann auch ungeschrieben, un­ter dem Motto: Ersparnis der menschlichen Ar- beitskraft. Demgegenüber vergleiche man die Ein­stellung des westen Inders Ghandi. Er denkt daran, wie die Beschäftigungsmöglichkeiten des in. difchen Volkes sicher gestellt werden können. Wir in Deutschland und in anderen Industrieländern kennen selbst im Zeitalter der größten Arbeitslo­sigkeit nur das eine Prinzip, wie und wo können weitere Arbeitskräfte eingefpart werden. Das Wort Rationalisierung und Technisierung der Wirtschaft aber führt alle Völker mehr und mehr einer furchtbaren Katastrophe entgegen.

Für den Winter rechnet man in Europa und Amerika mit einer Arbeitslosigkeit von mindestens 30 Millionen Menschen! Die am meisten sich fort» schriftlich gebärdenden Völker und Nationen erle­ben die größten Wirtschaftskrisen und kein Menich vermag zu sagen, ob sich nicht hieraus schwerste politische Krifenzustände für dieselben Staaten er­geben. Was wir auf wirtschaftspolitischem Gebiet vor uns sehen, das ist der Turmbau zu Babel. Die Menschen verstehen einander nicht mehr und die führenden Staatsmänner reden aneinander vorbei,. Trotzdem die heutigen Verhältnisse — ne. ben der Rationalisierung — weitgehend Folgeer­scheinungen des Weltkrieges darstellen, sehen viele Menschen nur noch in einem neuen großen Krieg die Lösung aus dem Wirrwar unserer Zeit. Das aber wäre der endgültige Untergang Europas I

Was ist zu tun? Sicher ist, daß eine Bebe- bung der Weltwirtschaftskrise nur durch verstand, nisoolle internationale Zusammenarbeit in di« Wege geleitet werden kann. Trotzdem ergeben sich im eigenen Lande verschiedene Möglichkeiten, um die Arbeitslosigkeit wenigstens zum Teil abzu- stopfen.

Trotz aller Not unserer Zeit gibt es immer noch Personenkreise, die Geld für Neuanschaffun­gen aller Art wie für Reparaturarbeiten zur Ver- fügung haben. Die Bestellungen werden aber nicht gemacht, weil man eben auch sparen, sich noch jeder Seite einschränken will. Das Sparen oder vom Sparenreden gehört ja zum guten Ton un­terer Tage. Und doch ist solche Sparsamkeit am falschen Platze. Wer die Mittel für Neuanschaf­fungen hat, der mache solche in der heutigen Zeit. Das ist Dienst am eigenen Volke.

Das gleiche gilt aber auch für die öffentlichen Bauten dort, wo die Mittel vorhanden sind ober aufgebracht werden können. Die Abdrosselung al­ler Bauvorhaben sofern es sich um notwendige Bauten handelt, und deren Zurückstellung auf eine spätere Zeit, muß sich für Staat und Volk ver­hängnisvoll auswirken. Gewiß finö feit dem Kriegsende manche Bauten erstellt worden, di« nicht oder nicht in dem vorgenommenen Ausmaß unbedingt notwendig waren. Das andere Extrem aber, das in der heutigen Zeit verkündet wird und das eben in der Abdrosselung aller Bauvor­haben besteht, ist ebenso verfehlt. Wer soll denn noch Steuern bezahlen können? Woher soll die Kaufkraft der breiten Bolksmassen kommen? Mit dem immer größer werdenden Arbeitslosenheer läßt sich kein Wirtschaftsaufbau betätigen.

Auch die Behörden haben den strikten Auftrag, zu rationalisieren. Personal abmbauen. Die „Ma­schine" 'oll auch hier immer mehr Eingang Hu­ben. Ist das in einer Zeit so großer Arbeitslo- siakeit notwendig? Ist das weise? Damit soll kein Wort gegen vernünftiges Sparen im Behör­denbetrieb gefegt fein. Schließlich lassen sich aber auch die öffentlichen Lasten verringern, ohne daß überall die Maschine an die Stelle durch die be- f<f*3ffignnaslos werdenden Menschen tritt.

Seit Jahren kam eine Geistesrichtung in Deutsch- land hoch, deren haupflächlicher Kampfruf sich in dem Sähe ausk"-ückt- Wir haben nichts und ver­dienen n-chts rffo testen die anderen auch nichts haben. Diese Einstellung auf ein ganzes Volk übertragen, ist volkswirtschaftlich gefehen, falsch. Das Ziel muß doch fein, zu erreichen, daß die­jenigen Kreise die „nichts haben", wieder zu ei­nem Verdienst, zu einer geordneten Eristenz kom­men. Betriebe die in den letzten Jahren noch an­ständige Dividenden bewhlen konnten, wurden deswegen angegriffen. Damit hak man der deut­schen Kapitalflucht die Wege geebnet. Denn wenn die in den einzelnen Betrieben angelegten Kapi­talien sich nicht noch mehr ober nur noch ganz unzulänglich verzinsen wandert eben das Kapital weitgehend ab Diese Tatsache wird jeder ver­nünftig denkende Deutsche bedauern, aber es war und ist ein Fehler wenn jeder sich noch gut ren­tierende Betrieb um dieser Tatsache willen ange­griffen wurde und noch wird.

Weite Volkskreise haben das richtige Denken auf volkswirtschaftlichem Gebiet verlernt. Hmzu kam. daß Milliarden eigenes und fremdes Geld für Zwecke der Rationalisierung und des 'Aus­baues der Betriebe ausgegeben und festgesetzt wor­den sind. Anstatt weniger zu rationalisieren» hätten biete Gelder als Löhne, Gehälter und Di­videnden bezahlt werden müssen Damit wäre bi« Kauf- unb Konsumkraft ber breiten Volksschich­ten erhalten geblieben. Statt dessen hat man nur