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Festhalten am Aentrumskurs t 3n unverbrüchlicher Treue hinter dem Reichskanzler.

Don unserm besonderen parlamentarischen Mitarbeiter.

„Kampf der Regierung Brüning", — „S'urz des Kanzlers", so hallt es täglich wider in der deutschnationalen und nationalsozialistischen Presse. Das war die grundsätzliche Losung des deutich- nationalen Parteitages in Stettin. Von einer fachlichen Kritik von einer verantwortungsbewuß­ten Opposiiionsstellung dieser Kreise ist nichts zu erkennen Dafür ist ihnen jedes Mittel persön­licher Intrigen und persönlicher Angriffe gerade recht um den Sturz der Regierung Brün'ng zu erreichen.

Mit einem Aufwand an Artikeln und Reden wird dieser Kampf gegen den verantwortlichen Leiter der deutschen Politik gerichtet, der für bes­sere und nationale Aufgaben in der furchtbaren Notzeit unseres Volkes angebracht wären Herr Hugenberg, der in der Deutichnationalen Partei eine despotische Gewaltherrschaft aufgerichtet hck, der sich eine Presse schuf, die nur ihm zu Gefal­len schreiben dars der sich Unterführer auswädlt-, die nur seine Worte nachsprechen, er glaubt daß jetzt die Stunde gekommen sei, in der man ihm die Reickssührung einfach zu überlassen habe.

Mit begreiflicher großer Erregung verfolgte schon in diesen Tagen die Zentrumswählerschaft das schrankenlose und bedenkenlose Drauflosstür­men des deutschnationalen Diktators. Nicht mit Unrecht sagte' man sich, daß Herr Hugenberg von ter großen Furcht befallen ist, daß es dem Zen­trumskanzler auch weiterhin gelingen wird, sein Sanierungs- und Aufbauwerk erfolgreich durchzu­führen, dem deutschen Volke die innere und äu­ßere Freiheit zu bringen Herr Hugenberg glaubt wohl, so schnell wie möglich die Früchte dieser wahrhaft nationalen Politik unseres Kanzlers «m- ten zu müssen, indem er so schnell wie möglich die Führung dieser Politik übernimmt.

Ein wichtiges Faktum hat Herr Hugenberg vergessen Ohne das Zentrum wird Herr Hugen­berg niemals an verantwortlicher Stelle im deut­schen politischen Leben stehen können.

Die deutsche Zentrumspartei hat in jeder schick­salsschweren Stunde in der, wie so oft in der

deutschen Nachkriegszeit, der Herr Reichspräsident an ihre Verantwortung, an ihr Gewissen, an ihren Opfersinn appellierte, ihren besten Mann frei­gegeben. um das bitterschwere Verantwortung mit sich bringende Amt des Reichskanzlers zu überneh­men. Sie hat auch das Verlangen des Herrn Reichspräsidenten gebilligt daß der Reichkanzler eine Regierung bilde, welche volle Freiheit des Handelns haben müsse, welche nicht gebunden sei an die Parteien. Und in den ganzen Monaten der Kanzlerschaft Dr. Brünings hat die Zentrums­partei sich einig und geschlossen hinter ihn gestellt, chm die Unterstützung gewährt, welche er zur Führung seines schweren Amtes benötigte, zur Leistung jener sachlichen Aufbauarbeit, welche nicht mit Personenfragen verbunden sein kann und darf Das war eigentlich für das Zentrum selbst­verständlich. Niemals in der Geschichte der Par­tei wurde vom Zentrum etwa Opposition um der Opposition willen getrieben, niemals wurden von ihm seine Minister und verantwortlichen Führer im freien Handeln beschränkt. Das Zentrum ar­beitete mit, übte sachliche Kritik, wo sie ange­bracht erschien, blieb stets bemüht, in verständnis­voller Zusammenarbeit nicht nur mit der Regie­rung, sondern auch mit den anderen Parteien Fehler zu korrigieren und Besserungen anzubrin- gm. In der Innen- wie in der Außenpolitik kannte und kennt das Zentrum nur die eine große Losung: das Vaterland über die Partei, des Bal­kes Rettung über Parteien- und Sonderwünsche.

Herr Hugenberg und sein Anhang müssen es sich deshalb ein- für allemal gesagt fein lassen: die Zentrumspartei, die gesamte Zentrumswähler­schaft hält unbedingt an dem Zentrumskurs fest, stellt stch in unverbrüchlicher Treue heute und im­mer hinter den Kanzler. Aus unseren Reihen wird Herr Hugenberg keine Hilfstruppen werben können In seinem persönlichen Kampfe gegen den Reichskanzler.

Und wenn die Deutschnationalen mit den Na­tionalsozialisten den törichten Glauben haben soll­ten, es werde das Zentrum tatenlos zusehen, wie Herr Hugenberg oder Adolf Hitler das deutsche Volk ins neue Elend hineinzu-

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Das Präsidium de, deutschnationalen Parteitags bei der Kundgebung im Stettiner Konzerthaus.

In der Mitte Geheimrat Hugenberg.

Die Redner der Tagung waren meist ostelbische Großgrundbesitzer, Graf zu Eulenberg-Gallingen, Frau von Klitzing, Herr von Rohr, Herr von Zitze­witz, ferner der westdeutsche Großindustrielle Dr. Fritz Thyssen und der Führer des „gelbe n" Landarbeiter-Pundes Wolff.

Merkwürdigerweise proklamierte dieser Par­teitag aufs neue enge Bundesgenossenschaft mit der nationalsozialistischen Arbeiter partei, die im Lande draußen die Arbeiter durch weitgehende Versprechungen von ganz anderer Art, als sie in'. Jnteressenkreis ostelbischer Großgrundbesitzer lie­gen, zu gewinnen versucht. Man denke nur an bas billige Schweinefleisch, das sich schlecht züsammenreimt mit den hauptsächlich von der deutschnationalen Landwirtschaft im Osten geforderten hohen Fleischzöllen und Einfuhrverboten. Besonders begrüßt wurde auf dem Parteitag in Stettin Prinz Oskar von Preußen. An den E x - K a i f e r Wilhelm H. noch Doorn wurde ein überaus herzliches Tele­gramm gesandt.

*

In Hugenbergs Rede findet sich folgender klas­sischer Satz: „Mit bitterem Ernst füge ich warnend

und drohend hinzu: Diesen sogenannten Natio- nalbolschewismus würde im äußersten Nor­falle wohl jedermann unter uns sowohl dem marxi­stischen Bolschewismus wie der Fremdherrschaft v o r z i e h e n. Wenn schon einmal gestorben werden soll, so ist es immerhin besser, ehrenvoll als schimpflich zu sterben."

Ob es wohl so besonders ehrenvoll ist von Leuten abgemurkst zu werden, die man für seine besten Freunde gehalten hat? Da muß man sich doch sagen: was war ich ein Esel!

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Dte „Germania" erklärt u. a. zu der Stettiner Tagung: „Glauben denn diese Kreise etwa, daß in Deutschland auf die Dauer eine Politik ge­macht werden kann, die g r u n d s ä tz l i ch g e g e n die deutsche Arbeiterschaft gemacht ist, ohne daß wirin kurzer Zeitvorrevo- lutionären Erschütterungen stehen? Oder glauben sie, daß das A und O der Politik darin besteht, allein nurdem Großgrund­besitz zu helfen?"

lühren beabsichtigten, dann werden wir sie kraftvoll genug des Besseren belehren. Wir werden sie zu keiner Stunde im Unklaren dar­über lassen, daß das Zentrum iedem Versuch das Kabinett Brüning zu stürzen, sich in geschlossener Front gegenüberstellt, daß es niemals daran den­ken wird, etwa mit den Deutschnationalen eine neue Regierung zu bilden, nachdem diese vielleicht dieses Kabinett gestürzt hätten. Und noch eines sei den Herren auf der Rechten mit der notwen­digen Deutlichkeit heute schon getagt, damit sie sich auch hier keinen falschen Illusionen hingeben: Sollten jemals die Deutschnationalen die Herr­schaft in Deutschland antreten, um das Chaos, ei­nen Trümmerhaufen zu bereiten, dann würde das Zentrum nicht wieder bereit fein, ein solches Erbe anzutreten und das von den Deutschnationa- len geflissentlich sabotierte Rettungswerk von neuem beginnen. Nein, die Deutschnationalen und wer sich zu ihnen zählt, sie allein müßten dann die volle Verantwortung bis zum letzten Rest übernehmen, vom deutschen Volke sich zur ver­dienten Rechenschaft und Verurteilung aufrufen lassen. Wir vom Zentrum werden dann den Deutschnationalen und ihren Bundesgenossen, werden vor allem Herrn Hugenberg nichts, aber auch gar nichts ersparen.

Wir bedauern es tief, daß es zu solchen Aus­einandersetzungen kommen mußte. Es ist aber wahrhaftig nickt unsere Schuld. Denn wer war war denn bis heute Mahner und Rufer im Streite der Parteien? Wer rief zur Sammlung aller positiven Kräfte im deutschen Volke auf? War es nicht das Zentrum, das schwere Nacken­schläge hinnehmen mußte, weil es nicht verstan­den worden ist, als sein verdienstvoller Führer vor Jahresfrist schon offen und ehrlich vor die Rechte hintrat und sie zur verantwortungsbewuß­ten Mitarbeit, zum Dienst am Volke ermahnte. Wir wollten nach rechts wie nach links die Auf­baufront in dem nationalen Schicksalsringen ver­stärken, nickt um der Partei, nicht um des Par­laments. auch nickt so lehr um des Kabinetts wil­len, wie eben wegen des Volkes Rettung und der Schaffung einer wirklichen und dauernden Freiheit.

Wir greifen den uns von Herzen hingewor­fenen Fehde-Handlchuh auf. Wir werden zu kämp­fen wissen, allerdings mit anderen Methoden wie Hugenberg. Oberfohren und Doehring. Dafür ist uns die Zeit zu ernst Aber, was sich in Stettin schon offen zeigte, das politische Gaukelspiel, die Sabotagepolitik, die auf dieser Rechten betrieben wird, über die werden wir zum deutschen Volke sprechen, werden dieser von verhängnisvollen Folgen begleiteten Katastrophenpolitik die auf­richtige und wahrhafte Politik der Sachlichkeit, der Volksrettung, des nationalen Freiheitsstre­bens gegenüberstellen. Was Herr Hugenberg in Stettin seinen leichtgläubigen Parteigängern vor­erzählte, hat unser Reichskanzler schon längst in die Tat umgesetzt. Er verschaffte uns wieder Weltgeltung und Achtung im Rate der Völker, er schlug eine Bresche in die Reparationspolitik und er wird die Revisionspolitik mit der ihm eige­nen Klugheit und Weitsichtigkeit zu dem Ziele führen, bas bas ganze deutsche Volk ersehnt.

In den Sturm der Politik, In den Krisen der Wirtschaft, der Kultur, in den Tagen, in denen leider die Phrase, die Demonstration, die maß­lose Agitation, die Straßen zu beherrschen schei­nen, brauchen wir eine feste und starke Führung, brauchen ganze Perfönlickkeiten. Das deutsche Volk hat sie und wird nicht von ihnen lassen, wird sich vielmehr in echter Vaterlandsliebe noch enger um seinen Kanzler scharen, der ihm Ruhe und Ordnung. Rettung und Freiheit nicht ver­spricht, sondern durch fein zielfestes Wollen, mit eiserner Energie, mit unverdrossenem Mute, durch vollendete Taten schafft.

* Hindenburgs Dank an Bayern für die ihm zu Teil geworbenen Aufmerksamkeiken. Die bayeri­sche amtliche Presse teilt mit: Der Herr Reichsprä­sident bringt in einem Brief an Ministerpräsibent Dr. Held seinen Dank zum Ausdruck für alle Auf­merksamkeiten, bie ihm währenb seines Aufenthal­tes in Bayern zu Teil würben und schreibt u. aft „Sowohl in München als auch in Dietramszell und bei meinen zahlreichen Fahrten durch bas chöne Bayernlanb bin ich von allen Schichten der Bevölkerung so herzlich unb freund­lich begrüßt worben, baß ich nicht jebem einzelnen ianken kann, unb Sie bitten muß, meinen Dank öffentlich bekannt zu geben. Alle die mir zu Teil gewordenen Zeichen freundschaftlicher Gesinnung gaben meinem alten Herzen wohlge - tan, unb alles zusammen hat bazu beigetragen, baß ich mich in meinen bayerischen Ferien wohl gefühlt unb gut erholt habe.

♦ (Eine (Erklärung der „Liga für Menschen­rechte". Zu dem in bem Prozeß ber „Deutschen

Friebensgesellsckaft" gegen oerschiebene Redakteure erwähnten Brief des Herrn Hans Schwann an den ußenminister Benesch aus dem Jahre 1925 teilt bie „Deutsche Liga für Menschenrechte" mit baß es sich bei biefem Brief um einen Prioaibries des Herrn Hans Schwann handelt, mit dem die Liga für Menschenrechte nicht das Geringste zu tun bat Die „Deutsche Liga für Menschenrechte" legt Wert darauf, festzustellen, daß Herr Hans Schwann seit Jahren nicht mehr ihr Mitglied ist und fein eigenmächtiges, schad!- penöes Vorgehen von dem Vorstand seinerzeit nacb Kenntnisnahme auf das schärfste mißbilligt wurde

Robert Vofch 10 Iahre.

Am 23. September vollendet ber ©rünber und Hauptinbaber ber Robert Bosch A.-G. in Stuttgart, Dr. ing. Robert Bosch, fein 70. Lebensjahr. Seit brei Jahrzehnten sind die Bosch­werke, die Robert Bosch aus kleinen Anfängen zu einem führend--" W-rZ ber beutsckm 'n”to~’o*il= inbuftrie entwickelt hat, mit bem beutschen Kraft­fahrzeugbau verbunden. Um bie Iahrhundett- wende erschienen die ersten Bosch-Magnet- zünbungen: sie brachten eine Umwälzuna her­vor. Ohne biete Erfinbung wäre bie Entwicklung unserer heutigen Automobil-. Flugzeug- und Bootsmotore nicht möglich gewesen Rafck verbrei­teten sie sich über bie ganze Welt. — Bafb erfor= berte ber Kraftfahrzeugbau immer weitere miditige Zubehörteile, Zündkerzen, Lichtmasckinen. Anlasser Scheinwerfer. Sinnalinstrumente, Scheibenwischer Winker, Oelapparate unb viele andere Sckö"f"ngen ber Elektrotechnik sind zu unentbehrlichen Einrich tungen des modernen Kraftfahrzeuges geworden die äußerst erafte Herstellung berfeUxm ist un renn­bar mit dem Namen Bosch verknüpft, jedem Deut­schen und darüber hinaus in allen autofabrenben Ländern ber Welt ist bie Marke Bosch ein Sym - bol beutscher Qualitätsarbeit gewor­den. — Robert Bosch, ber bereits vor 25 Jahren mit ber Einführung des Achtstundentages praktische Sozialpolitik trieb, mit unermüdlicher Tat kraft deutsche Arbeit im In- und Ausland zur Geltung brachte, durch eine vorbildliche Erportor- ganüation seinen Fabrikaten den Weltmarkt ge­wann, steht seinem Unternehmen noch heute als Aufsichtsratsvorsitzender vor. In den Vorstand des Reichsverbandes ber Automobilinbustrie trat Dr Bosch balb nach ber Grünbung bes Verbandes ein

Verleihung des Adlerschildes an Dr. Vofch.

Der Reichspräsident hat bem Industries len Dr. ing e. h. Robert Bosch in Stuttgart an­läßlich seines 70. Geburtstages ben Ablerfchild bes Reiches, ber bie Inschrift trägt: „Robert Bosch, bem Mann rastloser Arbeit unb tätigen Erfindungsgeistes, verliehen" unb btefe Auszeich­nung mit einem herzlich gehaltenen Handschreiben begleitet.

♦ Der Abgeordnete Hetz hat sich, wie mitgeteilt, in einem Berliner Krankenhaus einer schweren Operation unterziehen müssen. Die Aerzte mußten ihm das rechte Bein oberhalb des Knies amputieren. Sein Befinden ist aber, an ber schweren Operation gemessen, durchaus günstig. Die Zentrumspartei im Reich und vor allem in Preußen, deren Vorsitzender Abg. Heß ist, sendet ihm an sein Krankenlager aufrichtige Grüße und hofft, daß es ihm möglich wird, bald wieder seine politische Tätigkeit voll aufnehmen zu können. Am Montagabend hat der Bischof von Berlin, Dr. Schreiber, dem Zentrumsführer einen Be- such am Krankenlager abgestattet. Im Übrigen kam Dr. Heß Besuche nicht empfangen.

Deuksch-schweizeclsche kontroverse geschlossen.

Im Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes wurde am Dienstag die deutsch-schweizerische Con- troverse über die Handelsbeziehungen der beiden Länder beendet durch eine kurze Erklärung des chweizerischen Delegierten. Stucky hielt dem Argu­ment des deutschen Vertreters, Deutschland sei we­gen seiner Reparationszahlung zur Forcierung seines Erportes gezwungen, entgegen, daß ins­besondere die Haupt - Gläubiger - Länder Deutich- lands moralisch verpflichtet seien, deutsche Waren abzunehmen. Tatsächlich aber sei das Gegen­teil ber Fall. Während die Schweiz pro Kopf 5er Bevölkerung Deutschlands jährlich für 161 Mark Waren abnehme, kaufe Frankreich nur ür 28 Mark. Ferner sei unbestritten, daß gerade )ie Haupt - Gläubiger-Länder Deutschlands durch eine verstärkte Produktion gegen die Aufnahme Deutscher Waren sich sträubten. Die Ausführun­gen des Vertreters der Schweiz hinterließen all­gemein ben Eindruck, baß bie Auseinandersetzung Der beiben Staaten vor bem Forum bes Völker- junbes viel dazu beigetragen hätten, bas Terrain ür bie zu erwartenden praktischen Handlungen zu klären

Das kalte Rest.

Roman von Lija Barthel-Winkler.

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„Laß bas! Geh!"

Heiser, von unterdrückten Tränen halb erwürgt, stieß es Hedwig hervor und klammerte sich an den Fenster­riegel.

Hanns Herbert schrak todwund auf, wartete einen tiefen Atemzug lang und ging zur Tür.

Die Klinke in der Hand, blieb er noch einmal stehen.

„Du willst die Stimme meines Herzens nicht mehr hören, weil ich dein Herz zertrat. Ich muß es ertragen, Hedwig. Aber ich will es dir nur kurz sagen: ich fahre in vier Tagen als Teilhaber und Leiter der Heimstätten- gesellschaft nach dem Harz und beginne dort mit der erste großen Probesiedlung, bis sie fertig unter Dach und Fach steht. Ich werde also über ein Jahr ferne von hier sein. Hedwig, ich kam. dich zu bitten: willst du mit mir gehen? — Ich wag es jetzt nicht mehr. So will ich nur das eine noch hinzufügen: Ich hab dort ein Landhäuschen gemietet und eingerichtet, für dich und mich — und unser Kind. Die Türen werden immer offen sein für dich. Tag und Nacht. Komm — komm, wann du willst!"

Er lauschte, lauschte mit jagendem Herzen.

Nichts — totes Schweigen . . .

Da beugte er wie ein Verurteilter den Kopf und drückte die Klinke nieder.

„Hanns Herbert!"

Wars ein Hauch . . . aus einer andern Welt ge­sandt? Unendlich leise wehte es zu ihm hinüber. Er stockte . . . wagte nicht zu glauben . . . hoffte doch wie­der mit zäher, inbrünstiger Sehnsucht.

„Und — deine Mutter?"

Er hob den Kopf. Er ballte beide Hände zu Fäusten auf ber gequälten Brust, um sich zu halten, um nicht laut hinauszuweinen . . sie sprach wieder mit ihm . . .

„Ich werde meinen Haushast van bem meiner Mut­ter trennen."

Und wieder dieses atemlos beklemmende Schweigen.

„Und . . . jene Frau?"

„Meine Verwandte — Hilde Heger."

Mit wogender Brust stand sie vor chm.

„Du liebst mich nicht mehr!"

Zitternd brach er vor ihre Füße, den Kopf demütig an ihren Knien.

,D Gott — wie ich dich liebe!"

Und wieder ber leise, kindersüße Laut . . .

Er fuhr auf, schlang den Arm um sie und zog sie zu bem Kisseni mit bem Köpfchen.

„Du — Du! Alles will ich dir weihen bis zum letzten Blutstropfen: alle Gebanken, all mein Fühlen, mein Lehen ist bein! Dies Wunder da — dies hilflose Wesen, hat mich endlich geweckt. . . nun weiß ich, was ich dir angetan habe! Ich will auf deine Seele lauschen mit immer offenen Ohren! Nur dies eine — sag es mir: Willst du bei mir bleiben? Willst du mir ver­geben?"

Sie lag an feinem Herzen. Seine Arme hlellen sie. Sie wehrte sich nicht mehr — mit geschlossenen Augen lag sie still, ganz still. Er beugte sich über ihren Mund. Ihre Lippen zuckten unter bem ersten Kuß.

Endlich lösten sie sich. Mit beiden Händen faßte er ihren Kopf, voller Zärtlichkeit, voller Dank, voller Jubel.

„In brei Tagen — liebste — geliebte Frau — Sag ja!“

Aber bie übermächtige Erschütterung schloß ihr den Mund. Da nickte sie nur.

Bei ben Göllern unb Großmüttern . . .

Hintropfte bie Zeit in leisem Ticken durch alle Ge­mächer. Don Viertelstunde zu Diettelstunde schlugen die Uhren . . . immer wieder . . . hoben aus zu vollem Pendelschlag und verhallten nachzitternd in dunklem . . . verhaltenem . . . mahnendem Klang . . .

Pong . . . Pong . . . Pong . . .

Durch bie acht Gemächer ihrer Wohnung schritt rast­los Frau Else Graetz, groß, starr, ohne Lächeln. Mager und bleich leuchtete das Greifengesicht unter weißgewor- denem Haar.

Zuweilen überfiel sie eine fieberhafte Lust zu schwatzen. Dann xies sie längstvergejsene Bekannte an,

■ die sich wunderten über die Ehre, unb lud sie zum Nach- I mittagstaffee.

Alle mußten es hären: die Geschichte des undank­baren Sohnes, der sie verlassen und diese Frau geheiratet habe . . . weit fortzog nach dem Harz ... und sie, die Mutter, die ihm alles gegeben, einsam wachte . . .

Dann nickten bie anderen Mütter mit wissenden Köpfen.

Was sie wieder allein, schritt sie abermals auf unb ab. groß, starr unb ohne Lächeln. Unb die Uhren mahn­ten dumpf durch die Stille unb klopften an ihr Herz..

Pong . . . Pong . . . Pong . . .

Ganz tief brinnen war eine Wunde, daran durste sie nicht rühren Eine Wunde, aus ber das Leben floß. Geheime Angst grub sich tiefer und tiefer, machte bie Einsame scheu gleich einem gehetzten Wild.

Seine Briefe öffnete sie nicht — warf sie in eine Schublade.

Allein! — Allein mit sich unb ber Ewigkeit.

Pong . . . Pong . . . Pong . . .

Tag um Tag . . Tag um Tag.

Irgendwo im Winkel lauerte bann ein Wort ihres Sohnes, ein sorgloses Lachen aus feiner Kinberzeit, eine Gebärbe, eine Erinnerung. Dann reckte sie sich noch hoher, noch härter.

Ihre Pflichten tat sie mit rauhem Eifer. Tat, was sie nie getan: arbeitete mit bem Mädchen wie eine Die­nerin, kochte, putzte, reinigte. Manchmal, wenn die Angst hochstieg, bereitete sie Kaffee unb setze sich mit Minna zusammen. Schwatzte mit irrem Lächeln über lächerliche Dinge, klatschte über Nachbarn, klagte über die schlechten Zeiten, über bie Preise unb belehrte bas Mäbchen mit wichtiger Miene über Vergangenes, Ge­genwärtiges unb Zukünftiges.

Besann sich roieber auf ihre Würbe als Wirtin des Hauses, Herrin ber Wohnung: war unnahbar, in sich verschlossen, böse.

Tiefer unb tiefer bohrte sich bie Angst in sie hinein. Sie lag tagelang unb wollte nicht aus dem Bett. Das Leben, der Alltag hockte vor ihr wie eine feindliche Leere, aus der wilde Bestien sprangen: ihre eigenen Gedanken.

So vergingen Wochen seit Hanns Herberts Abreise.

Der erste Mai nahte; sie wusch und badete zwei Tage halb kindisch an sich herum, als reinige sie sich nach ]

großer Schmutzarbeit: kämmte ihre vollen, weißen Haare und steckte sie sorgsam auf; sah ihre schwarzen Kleider nach, das Wollene und das Seidene, unb wählte bann das aus Seide.

Stand vor dem Spiegel, herrisch, damenhaft; unan­tastbar. Doll Stolz, Unnahbarkeit, Würde.

Begann den gewohnten Rundgang durch ihr Haus. Versteckte Anspielungen da, offene Fragen dort. Keinem gab sie Antwort. Nur Herrin, nichts sonst war sie.

Zuletzt kam sie zu Eugen Gutmann.

Er saß inmitten der Probeabzüge feines vierten Bu­ches „lieber die Kraft ber Lächerlichkeit" unb erhob sich höflich, als bie Haushälterin Frau Else Graetz herein- sührte.

„Setzen Sie sich, fetzen Sie sich!"

Er ließ noch die Augen über die Druckreihen laufen unb schob feinen Stuhl zurück. Da stutzte er zum ersten Mal.

Er sah bie weißen Haare . . .

Ungläubig glitten seine Augen über bas magere Gesicht, bie blaffen Hänbe, die hinfällige Gestalt . . . unb stutzte zum zweiten Mal.

„Wie geht es Ihnen?" fragte Frau Elfe Graetz. Blechern, leer, sinnlos leierte sie bie Worte ab.

Da hielt er mit seiner Verwunderung nicht mehr zurück.

„Was ist Ihnen? Sind Sie krank?"

Sie starrte an ihm vorüber in eine Ecke.

„Danke, gut."

„Dos glaube ich Ihnen nicht."

Nur schwer hoben sich die bläulichen Lider.

„Ich kann nicht klagen!"

Eugen Gutmann sah entsetzt in die irr flackern­den Augen.

„Um Gottes willen, Frau Graetz, was haben Sie denn? Die Einsamkeit tut Ihnen nicht gut! — Wenn Ihr Herr Sohn noch hier wäre . . ."

Er prallte zurück — Frau Else Graetz stieß einen tie­rischen Schrei aus.

Ihr Widerstand war zerbrochen an der einen, teil­nehmenden, freundlichen Frage. Da lag sie, ein jäm­merlicher, alter Mensch, im Sessel unb schluchzte in letz­ter Not.

(Fortjetzung folgt)