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Anzeiger für die Stadl Julda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

Nr. 219

tirtoetnt lechsmal wöchentlich. Wochenbetten:Die Weit tm Bild' undBuchenblätter'. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in tfulbo. Fernrufe: Schrist- z: leitunq 3153. Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. w

Mittwoch, 23. September 1931.

Monatlich 1.80 etnichljeßl Pofigebüdr <4» Pig ohne,>fufieUg Anzeigen-Preife: Kleinzeile ((£ol.) lokal 0.15 RM. auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswäris 0.80 RM Bei BOederboliinaen Rabatt Boltlcheckt« Frankt a M 4'151

3ahrg. 58.

Reichs-Kanzler und Reichslags-Wsidenl.

Am 13. Oktober tritt der Reichstag zusammen. Man erwartet eine längere Tagung.

VDZ. Berlin, 22. Sept. (Eig. Meld.) Reichs­kanzler Dr. Brüning hatte am Dienstag vormittag eine Aussprache mit dem Reichstags-Präsidenten Löbe über die parlamentarische Lage. Das Ergeb­nis war, wie das Nachrichtenbüro des VDZ. er­sähet, daß der Reichstag zu dem von ihm selbst be­stimmten Termin, nämlich am 13. Oktober, Zusam­mentritt, um zunächst eine Erklärung der Reichs re gierung ntgegenzunehmen. Mit der Beratung diser Regierungserklärung werden sämtliche Anträge und Interpella­tionen verbunden werden, die von den Parteien zur Politik der Reichsregierung eingebracht worden sind oder noch eingebracht werden. Man darf also mit einer umfangreichen außen- und innenpolitischen Debatte rechnen. Au­ßerdem müssen vor Weihnachten noch einige dring­liche Vorlagen erledigt werden. Die weitere Ent­wicklung hängt von der Stellungnahme der Par­teien ab; sie war daher nicht Gegenstand der Be­sprechung zwischen dem Reichskanzler und dem Reichsta'gspräsidenten. In parlamentarischen Kreisen rechnet man jedoch damit, daß die Kerbst- tagung des Reichstages mehrere Wochen in Anspruch nimmt und daß dann über Weihnachten eine Pause eintritt, während der die Parlaments- Ausschüsse ihre Arbeiten fördern können.

Im neuen Jahr wird der Reichstag dann sich mit dem Haushaltsplan 19 31-32 zu beschäftigen haben. Im Reichsfinanzministerium ist der Plan erwogen worden, das Haushaltsjahr des Reiches dem Hooverplan anzupassen, den Etat 1931 also bis Ende Juni 1932 zu verlängern. Das Reichskabinett hat sich jedoch, wie das Nach­richtenbüro des VDZ. weiter hört, mit diesem Plan noch nicht beschäftigt. Er ist auch noch nicht aktuell, da die weitere Entwicklung der deutschen Finanzen und des Reparationsproblems in biefem Augenblick noch nicht zu übersehen ist. Eine Klä­rung dürfte jedoch noch vor Ablauf dieses Jahres durch internationale Verhandungen Herbeigeführt werden. Eine solche Klärung ist spätestens vor dem Ablauf des sogenannten Still­halteabkommens notwendig.

Die Verkleinerung des Slaaksrakes.

VDZ. Berlin, 22. Sept. (Eig. Meld.) Der an» gekündigte Entwurf über die Veränderung der Zu­sammensetzung des preußischen Staatsrates liegt nunmehr vor. Er bringt eine Aenderunq des Art. 32 der preußischen Verfassung. Es soll, wie be­reits in Aussicht gestellt war, in Zukunft auf 750 000 Einwohner (bisher 500000) einer Provinz e i n Vertreter für den Staatsrat entfallen. Eine weitere Aenderung soll dahin vorgenommen werden, daß eine Provinz mindestens zwei (bisher 3) Vertreter im Staatsrat haben soll. Das Gesetz soll am 1 Januar 1932 in Kraft treten. Nach sei­nem Inkrafttreten sollen alsbald die Zahlen für die Staatsratsoertreter neu festgesetzt wer­den und Neuwahlen stattfinden. Die Neuregelung bedeutet eine Herabsetzung der Zahl der Mitglieder des zur Zeit 81 Mitglieder zählenden Staatsrates.

Der sozialdemokratische Parteiausschutz.

VDZ. Berlin ,22. Sept. (Eig. Meld.) Der sozial­demokratische Parteiausschuß ist heute in Berlin zur Besprechung der politischen Lage zusammenge­treten. $

Die Tagung des W irtschastsausschusses in Gens.

wtb. Genf, 22. Sept. (Eig. Meldg.). Im Wirtschaftsausschuß der Völkerbundsversammlung legte beute der französische Handelsminister seinen Bericht über das Wirtschaftswerk des Völkerbun­des vor, in dem u. a. die Beschlüsse des Europa-

Ausschusses gebilligt werden. Für Deutschland ist der Hinweis auf die in Europa oder in anderen Erdteilen von öffentlichen und privaten Körperschaften vorzu­nehmenden Arbeiten von besonders gro­ßem Wert. Der von Frankreich empfohlene Plan der I n d u st r i e k a r t e l l e ist den Kritiken ent­sprechend eingeschränkt worden.

Deutschland und Arankreich.

Der neue französische Botschafter überreicht sein Deklaubigungsschveibe».

wtb. Berlin, 22. Sept. (Eig. Meld.) $>er Herr Reichspräsident empfing heute den neuernannten französischen Botschafter, Herrn Francois Poncet zur Entgegennahme seines Beglaubigungsschrei­bens. Der Botschafter wurde nach dem üblichen ZeremonieK durch den Chef des Protokolls, Graf Tattenbach, abgeholt und im Wagen des Reichs­präsidenten zum Präsidentenpalais geleitet. Im Vorhof des Reichspräsidentenhauses erwies eine Ehrenwache dem Botschafter die militärischen E h r e n b e z e u g u n g en. An dem Empfang nahm außer den Herren der Umgebung des Reichspräsi­denten Staatssekretär Dr. von Bülow in Vertre­tung des zur Zeit in Genf weilenden Reichsmim- sters des Auswärtigen teil.

Der Botschafter hielt folgende Ansprache: Herr Reichspräsident! Ich habe die Ehre, Eurer Excellenz das Schreiben zu überreichen .durch das ich als außerordentlicher und bevollmächtigter Bot­schafter der französischen Republik bei Ihnen be­glaubigt wurde. Die hohe Mission, mit der ich be­traut und deren voller Bedeutung ich mir bewußt bin, ist mir unter Verhältnissen übertragen wor­den, die zu mancher Besorgnis Anlaß geben.

Die gesamte Welt leidet unter einer Wirtschafts­und Finanzkrise, die sich seit Monaten fortsetzt, niemand schont und unter den Völkern ein Ge­fühl der Unruhe verbreitet. Diese Lage er­fordert von allen Staaten insbesondere von Frankreich und Deutschland daß sie ihre Angstrengungen auf eine zielbewußte Zusammenarbeit richten. Dies ist die Ueberzeu- gung der französischen Republik. Sie hat sie in Genf ausgesprochen, sie hat sie den deutschen Mi­nistern gegenüber gelegentlich ihres Besuches in Paris zum Ausdruck gebracht, sie wird sich zu die­ser Ueberzeügung demnächst in Berlin erneut bekennen, wenn der Ministerpräsident und der Minister des Auswärtigen der französischen Republik der liebenswürdigen Einladung, die an sie ergangen ist, Folge leisten. Die französische Regierung wünscht mit allen ihr zur Beifügung stehenden Kräften den Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern das Höchstmaß an Festig­keit und Sicherheit zu geben. Dem Beispiel mei­nes hervorragenden Vorgängers folgend, werde ich mein Möglichstest un, um diese Absichten mei­ner Regierung zu fördern. Um meine Aufgabe entsprechend erfüllen zu können, wäre es für mich wertvoll, Ihre Unterstützung, Herr Reichspräsident, zu finden, der Sie, von der Achtung aller um­geben, so würdevoll die Geschicke des deutschen Volkes lenken".

Reichspräsident von Hindenburg erwiderte mit folgenden Worten:

Herr Botschafter! Ich habe die Ehre, aus den Hän­den Eurer Excellenz das Schreiben entgegenzunehmen, durch das Sie als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der französischen Republik bei mir beglau­bigt werden. Sie treten Ihr hohes und verantwortungs­volles Amt in einer besonders schweren Zeit an. Die

Die Stimmung in London.

Rückkehr Hendersons in die Regierung?

wtb. London, 22. Sept. (Eig. Meld.) Reuter uie!bet: Trotz der schlechten Nachrichten über den Stand des Pfundes im Auslande war die Stim­mung durchaus zuversichtlich; die Zeitungen weisen darauf hin, daß gewisse Verluste unver­meidbar und zu erwarten seien, bevor es gelinge, das Pfund zu einem neuen Kurse zu stabilisieren. Die gestern vom Parlament ergriffenen Maßnah­men trugen dazu bei, die bereits vorhandene zuver­sichtliche Stimmung noch günstiger zu gestalten. Es werden sogar Stimmen laut, die von einer Rück­kehr Hendersons, des Chefs der Opposi­tion in die Regierung sprechen. Durch dieses Er­eignis würde die Regierungsopposition nur noch aus einigen Unverbesserlichen bestehen. Die Tat­sache daß gestern Henderson eine lange Unterre­dung mit Macdonald hatte, führte zu zahlreichen Vermutungen. *

wtb. Baris, 22. Sept. (Eig. Meld.) Die franzö­sische Presse beschäftigt sich stark mit den Londoner Ereignissen.

DerExselsior" sagt, der Goldfrankenwert der französischen Waren für die englischen Käufer wirke drückend und deshalb werde unsere Ausfuhr weiter nachlassen. Andererseits werden sich Handel und Industrie Frankreichs gegen die Konkurrenz billiger englischer Waren wehren müssen. Doch sei man in gut unterrichteten Krei­sen Frankreichs der Ansicht, daß England in moralischer Hinsicht einen Stoß empfan­gen habe, daß es sich aber davon ohne allzulange Störung für die englische Gesamtheit wieder erho­len werde.

Iournee industrielle" schreibt, eine Zeit künstlichen Auf bl ühens des englij.chen

Außenhandels stehe bevor. Die englische Re­gierung wolle dadurch Zeit gewinnen, um nach ernsteren Heilmitteln für die Krise zu suchen. Frankreichs Interesse seien eng mit den englischen verbunden. Frankreich müsse alles tun, um den Absturz der englischen Währung zu bekämpfen. ,

DerOuotidien" befürchtet, daß Frankreich ernst betroffen werden könnte, wenn es sich nicht gemeinsam mit den Vereinigten Staaten um die Nettung des Pfundes bemühe.

Panil'Stimmung an der Riviera

CNB. Baris, 22. Sept. (Eig. Meldg.). Die englische Währungskrise hat unter den zahlreichen dauernd oder vorübergehend in Paris weilenden Engländern geradezu panikartig gewirkt. Sn Öen großen Hotels gab es eine wahre britische Aus­wanderung. Viele Engländer zogen es vor, schleu­nigst die Heimreise anzutreten. Die Züge nach Calais waren infolgedessen überfüllt. Noch alarmierender wirkte die Krise an der Riviera. Die Banken wurden dort gestern nachmittag von Hunderten von englischen Reisenden belagert. Die Riviera-Banken zahlten für das englische Pfund nur 85 Franken, wechselten auch nur 10 Pfund auf einmal um. Nur die großen Hotels zahlten ihren Kunden entgegenkommenderweise 90 Fran­ken für das Pfund. Bemerkenswert ist, daß an her Riviera schon während der letzten drei Tage das Pfund u n t e r dem offiziellen Währungskurse gehandelt wurde. *

Die Gesetzesvorlage über Aufhebung des Goldstandards wurde im Unterhaus in dritter Lesung angenommen. -

große Gefahr, welche die außerordentliche Wirtschafts­krise für die ganze Welt bedeutet, ist auch nach meiner Ueberzeugung nur durch Zusammenwirken aller Völker zu bannen. Bei solcher gemeinsamen Abwehr von Not und Zusammenbruch hat das Schicksal Deutschland und Frankreich eine beson­dere Aufgabe zugewiesen. Sie wird nur dann er­folgreich zum Heile Europas und der gesamten Welt ge­löst werden können, wenn die beiden Völker an sie mit dem Willen zur Verständigung im Geiste aufrichtiger Zusammenarbeit Herangehen.

Die Absichten der französischen Regierung, ein sol­ches gedeihliches Zusammenwirken auf der Grundlage vertrauensvoller Beziehungen herbeizuführen, begegnet sich durchaus mit unseren aufrichtigen Wünschen, deren Erfüllung auch der bevorstehende Besuch der führen­den Staatsmänner Frankreichs in Berlin fördern möge. Ich begrüße es lebhaft daß Sie, Herr Botschafter, dem Beispiel Ihres Herrn Vorgängers folgend, es als Ihre vornehmste Aufgabe betrachten, mit allen Ihren reichen Kräften nachdrücklich dabei mitzuwirken, um zur Wohlfahrt unserer Länder, zur Befriedung des erschütterten Europas und damit zum Heilder Menschheit das von uns allen Erstrebte zu erreichen. Eure Exzellenz dürfen Überzeugt fein, daß die deutsche Regierung und ich selbst alles tun werde, um Sie bei diesen Bemühungen zu unterstützen. Ich heiße Sie Herr Botschafter, im Namen des deutschen Reiches herzlich willkommen."

Hieran schloß sich eine Unterhaltung, in deren Verlauf der Botschafter dem Reichspräsidenten die Mitglieder der Botschaft vorstellte. Beim Verlas­

sen des Hauses erwies die Ehrenwache dem Bot­schafter erneut militärische Ehrenbezeugungen, der unter gleichem Zeremoniell wie bei der Hinfahrt nach der Botschaft zurückgeleitet wurde.

Rußland und die Abrüstung.

wtb Moskau, 22. Sept. ((Eig. Meldg.). In einem Telegramm Litwinoffs an den Völkerbund dankt der Äußenkommiffar für die Mitteilung von dem Beschluß des dritten Ausschusses, die Sow­jet-Union zur Beteiligung mit be­ratender Stimme für d i e Klärung der Frage einer zeitweisen Einstel­lung der Rüstungen einzuladen. Die Kürze der Frist gestattet es der Sowjetregierung auf keinen Fall, Vertreter nach Genf zu schicken, doch ist sie bereit, jeden Vorschlag auf dem Gebiet der Rüstttngseinschränkung zu unter st ätzen.

*

wtb. Paris, 22. Sept. (Eig. Meldg.). D>e Anregung des Generals de Marinis int Genfer Abrüstungsausschuß, ein st ungss ei erfahr vorzuschlagen, wird auf französischer SeUe ziemlich kühl und sogar ablehnend ausge­nommen.

Japan und China.

Stimmen aus aller Wett.

wtb. Eonbori, 22. Sept. (Eig. Meld.) Daily Mail meldet aus Tokio, daß man gestern die ersten japanischen Verstärkungen für die Mandschurei und Korea abgesandt habe. Dieses eigenmächtige Vor­gehen des Militärs widerspreche der Politik des japanischen Kabinetts und die Be­ziehungen zwischen diesen und dem Grneralstab seien äußerst gespannt. Der Seneralstab sei nicht dem Kabinett, sondern dem Monarchen direkt ver­antwortlich. Wie die Times berichtet, hat der japa­nische Oberbefehlshaber in Mukden, General Honjo, eine Proklamation erlassen, in der er sagt, die Be­setzung richte sich nicht gegen d ie chine­sische Bevölkerung, sondern gegen die ehr­geizigen Militaristen, die Japan planmäßig verletzt hätten. Reuter meldet aus Tokio, daß japanische Truppen Kirin, die Hauptstadt der Kirin-Pro- vinz besetzt haben. Die Verwaltung der südmand- schurischen Eisenbahn wird vorläufig die Kontrolle der Eisenbahn Tfchantschun-Kirin übernehmen. Ein wett verbreitetes Gerücht, 40 japanische Einwohner feien in Kirin von chinesischen Truppen niederge­metzelt worden, hat sich als unrichtig erwiesen. Wie Reuter aus Washington berichtet, ist das Staats­departement der Vereinigten Staaten nicht der Meinung, daß die japanisch-chinesische Lage gegen«

Die Rolle des Völkerbundes.

wärtig Anlaß dazu gibt, auf den Kelloggpakt hinzuweifen.

Die chinesische Regierung hat eine zweite Note an Japan gesandt, in der sie die sofortige Räumung der besetzten Bezirke der Mandschurei und die Wiederherstellung des status quo ver­langt. China behält sich das Recht vor, später entsprechende Schritte" zu unternehmen. Im Hin- blick auf die letzten Ereignisse hat die Regierung den nächsten Mittwoch zu einem Tag natio­naler Trauer erfiärt.

«

Aufgrund einer Note des Führers der chinesi­schen Delegation hat der Generalsekretär des Völkerbundes den Rat zur Behandlung des chinesisch-japanischen Konfliktes einberufen.

*

wtb. Tokio, 22. Sept. (Eig. Meldg.). Der javanische Kriegsminister hat Anweisung erteilt, daß die Verwaltung aller von den japani­schen Truppen besetzten Städte in Zusammenarbeit mit den Chinesen durchgeführt werden soll und nicht durch die japanischen militärischen Stel­len allein.

Das Zentrum antwortet Hugenberg.

Eine Wertung der Stettiner Reden des deutschnationaten Partei­führers. tzugenberg wollte auf Hindenburg Eindruck machen.

In dem führenden Organ des westdeutschen Zentrums, derKölnischen Volkszeitung", heißt es:

Auf dem Deutschnationalen Parteitag in Stettin hat Hugenberg zwei Reden gehalten, die in der Klangfarbe sehr verschieden, im Ziel aber einheitlich waren. Am Samstag sprach der Par­teiführer über die Außenpolitik, aber nicht im Sinne seiner kleinen und großen Agitatoren, die lärmend durch die Gassen ziehen und siegreich Frankreich schlagen wollen, sondern gemä­ßigt, beinahe staatsmännisch und fast die Grenze der Erfüllungspolitik streifend.Wir ru­fen nicht nach Revanche, sagt« Hugenberg. lieber« Haupt fiel gegen Frankreich kein böses Wort. In sanften, von dieser Seiten ungewohnten Tönen versuchte Hugenberg auseinanderzusetzen, daß die Welt an dem Wohlergehen Deutschlands interes­siert ist. Der deutschnationale Parteiführer stellte zwar die nationale Wirtschaft in den Vordergrund, aber er schob sie dann immer wieder in den Rah­men der Weltwirtschaft hinein und verlor sich auf diese Weise in beinahe internationalen Gedanken­gängen. Hätte mit dieser Rede der Parteitag sei­nen Abschluß gesunden, man wäre fast geneigt, von einer Wendung in der deutschnationalen Po­litik zu sprechen.

Aber diesem außenpolitischen Ausflug ließ der deutschnationale Parteiführer am Sonntag eine zweite Rede folgen, in der sich der ganze Hugen­berg alter Prägung unverhüllt offenbarte. Seine Ausführungen waren eine einzige Kampf­ansage an dasZentrum und d ie Re­gierung Brüning. Er behauptete, wir hät­ten eine Diktatur des Zentrums, die die nationale Opposition, die eigentliche Mehrheit des Volkes, niederhalte. Die ganze Not unserer Tage ist nach Hugenberg eine Frucht der Politik des Reichs­kabinetts, das auf alle weisen Ratschläge der Deutschnationalen nicht gehört habe. Herr Hugen- berg ist nach feinen Beteuerungen immer zur Mitarbeit bereit gewesen. Freilich will er gnä- digst aufgefordert sein und selbstverständlich feine Bedingungen stellen. Man kennt sie zur Genüge. Man weiß auch, daß es auf dieser Basis keine Zusammenarbeit mit der Partei Hugenbergs gibt. Indes ist es nicht unsere Absicht, uns hier mit dieser Häufung von Ueberheblichkeiten, Entstellun­gen und Verlästerungen politischer Gegner zu be­schäftigen. Dafür ist der Inhalt dieser langen Rede zu dürftig und zu wenig neu, trotzdem sie von fcinen Getreuen als ein großes Programm plaka­

tiert wird Was uns hier interessiert, ist der aus­fallende Unterschied, der zwischen den außenpoli­tischen sanften Flötentönen des Samstags und den innenpolitischen Blechtrompetenstößen des Sonntags besteht

Dieses Spiel mit verschiedenen Methoden ist nach Hugenbergs Meinung höchst planvoll und ohne Zweifel das Glied einer bestimmten Kette. Am Samstag hat Hugenberg feine außenpoli­tische Visitenkarte abgegeben. Er hat nicht nur dem Auslande, sondern auch den Zweiflern im Inlande zeigen wollen, daß seine Ziele gar nicht fo aggresiv seien wie seine eigenen Anhänger bis­her behauptet haben. Hier hat sich dem staunen­den Auslande und dem verwunderten Inlands der Verständigungspolitiker Hugenberg vorgestellt. Aber wohlgemerkt: Alle diese schönen Ziele, die Hugenberg am Samstag verkündete, sind nur er­reichbar, wenn die Sonntagstiraden in die Wirk­lichkeit umgesetzt werden, wenn innenpolitisch end­lich der Kurs Hugenberg gesteuert wird, wenn Brüning verichwindet und damit die marxistisch« Herrschaft durch die nationale Regierung von Hugenbergs Gnaden abgelöst wird. Daß wir tue schönen außenpolitischen Ziele Hugenbergs noch nicht erreicht haben, liegt eben nur an dem Um­stand, daß wir feinen am Sonntag vorgezeichne­ten innenpolitischen Wegen nicht folgen. In Stettin bat der deutschnationale Parteiführer die neue Taktik enthüllt. Er ruft laut in die Welt, daß er gar nicht so schlimm fei, wie seine Gegner ihn machen, daß er der reinste Friedens­engel sei und daß zum Glück des deutschen Vol­kes nichts weiter notwendig wäre, als Brüning möglichst rasch zu beseitigen.

Seine Presse hat dieser Taktik in der letzten Zeit vorgearbeitet, zunächst durch einen vielfach persönlich gegen Brüning zugespitzten Feldzug. Sein Leiborgan,Der lag", hat vor einigen Ta­gen eine Klatschgeschichte über die Entstehung des gegenwärtigen Kabinetts erzählt, wonach die Re­gierung Brüning eigentlich einer kleinen Berliner Gesellschaft ihr Dasein verdanke. Der Vorsitzende dieser Gesellschaft. ein früherer beutfdmationaler Reichstagabgeordneter, hat inzwischen feftgeftellt, daß Brüning niemals dieser Gesellschaft an gehört und nie ihre Abende besucht hat. Dann wurde das Feuer auf breitere Front verlegt und auf die politischen und wirtschaftlichen Ziele des Kabinetts gerichtet. Die alte Redensart vom marxistischen Einfluß spiest dabei eine große Rolle. Die wirt­schaftliche Not wurde trefflich ausgenutzt unter