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Mnüe

Aus einen Herbsttag mutzt Du warten.

Von 3. Endringer.

vott gab dir nicht zu schauen, wi« Zelle sich an Zelle fügt zu wohlgereifter Frucht.

Du mußt dem heiligen Geheimnis trauer Gott wechte dich nicht ein in die Gesetze seiner Zucht.

Gott will dir nicht bezeugen, wie mählich deinem Lebensdrang sich abringt seines Wesens reifes Bild. Du mußt dich seiner Stummheit beugen, dir jederzeit genugzutun ist er nicht gewillt.

Auf einen Herbsttag mußt du warten: Goldglänzend tropft die Frucht vom Zweig, und silbern schweben Brücken weit und breit. Nun wandelt Gott durch seinen Garten---

Er schaut dich an, und tief erbebend hältst du dich für ihn bereit.

Aehrenlesen.

Von Hans Wirtz.

Mit langen Schritten, langsam und müde, tasten zwei Frauen und ihre Kinder den gelblichen Acker ob. Zuweilen sieht man ihre Köpfe mit den mageren Ge­sichtern; öfter aber nur die langen Rücken, die über den Boden gebückt sind: sie sammeln die zerstreuten Aehren! Letztes Recht des hungernden Menschen an die nährende

Erde. So alt wie Korn und Weizen, Mais und Gerste alt sind.

Das ist kein Bettel und kein Diebstahl: die Körner, die aus Gottes Erntehand zu Boden rieseln, gehören jedem, der sie sammelt. Das haben die Alten heilig ge­halten. Schon damals: als die tapfere Ruth auf den großen Weizenäckern des reichen Booz die Aehren sam­melte und die greise Schwiegermutter Noemi damit er­nährte. Die Schrift lobt sie dafür; und Jahwe hielt sie würdig: des Königs David Ahne zu werden!

Achrenfammeln ist Armenrecht ... Und keiner soll sie daran hindern.

Es hat eine Zeit gegeben wir haben sie alle mit­erlebt da glaubte man auch deses Recht beseitigen zu können. Das war damals: als die 10 Gebote von staatswegen säkularisiert waren und die Bergpredigt auf Befehl der Generäle keine Geltung mehr haben durfte. Da waren die Kornstoppelfelder von Hunden und Flinten bewacht! Als ob man Aehren läse aus Uebermut oder Habgier .... Und nicht aus Hunger und Armut--Das war dieselbe Zeit: als man mehr

Menschen mähte als Gerste- oder Hwferhalme.

Jeder Mensch sollte einen Ferientag lang Aehren lesen! Mit Bedacht und Fleiß! Damit er erfahre: wie kostbar eine Aehre ist, daß man sich nach jeder ein­zelnen bückt; wie gleich doch alle Menschen sind, da sie alle davon essen müssen; (warum also erhebt sich der eine selbstgefällig über den anderen?); wie groß Gott ist in den Wundern seiner Achrenfelder ....

Nun sind auch die Frauen mit den Kindern heim­gegangen. Müde und froh über die vollen Schürzen.

Eine Schafherde weidet lautlos über die grauen Stoppeln. Und von weitem kommt ein Bauer mit Pferd und Pflug----

Knotenpunkt des Welthandels war. Die Rekonstruk­tion selber stammt von dem verstorbenen Sinologen A. Conrady.

Tritt nur in eines der Kaufmannsgehöfte hier! Schon über der Tür vielleicht begrüßt dich ein schöngeschnitztes Architrao, und im Empfangszimmer flickest du zierlich gedrehtes und reichverziertes Gebälk (beides hellenistische Arbeit), das hier noch das primi­tive Flechtmuster mancher Tongefäße, dort Lotuswset- ten oder selbst eine ganze Figurenreche aus dem bud- dhfftischen Pantheon zeigt, denn der Buddhismus ist stark hierzulande. Der Lehmboden ist mit feinen Rohr- matten und buntgewirkten Teppichen warm belegt, und wenn draußen hn Hof vielleicht noch der fuß- und hen­kellose Wasserkrug steht, so prangen hier auf der Kre­denz vornehme Schalen mit persischen Löwenköpfen neben dem kostbaren Glasgeschirr, das nur das ferne Syrien oder Aegypten bereitet. Buntfarbige Glasper­len zwischen Goldkugeln und allerlei Gestein funkeln auch im Halsschmuck über dem schweren Seidengewand der Hausfrau, und die Hand des Hausherrn, der dir den Willkomm entbietet, trägt einen Siegelring mit römischer Gemme, dem Bilde des Merkurius.

Und jetzt noch ein Blick in die A r b e i t s st u b e des Beamten dort gegenüber! Nicht daß sie etwa unbchaglich wäre keineswegs; aber anstatt der zier­lichen Schnitzereien gewahrst du Aktengestelle die Wände entlang, gefüllt mit Faszikeln, von denen die hölzernen Etiketten niederhangen. Und doch ist hier nicht trockene Aktenluft, hier weht ein edlerer, höherer Geist: hier herrschen die Musen! Zwar die alten klas­sischen Werke suchst du vergeblich, die hat der Bewoh­ner im Kopf; aber da liegt jene köstlicheGeschichte der kämpfenden Staaten", der chinesische Macchiavell, und hier liegt sogar die Geschichte der jüngstvergangenen Dynastie, die gerade eben erst herausgekommen sein kann! Fürwahr, du siehst, was Osten und Westen ge­schaffen und gebucht, die Produkte der ganzen bekannten Welt sind in dem einsamen Grenze kastell zusammengeflossen, um eine merkwürdige urzeit­lich-moderne, eine barbarisch-chinesisch-internationale Mischkultur hervorzubringen.

Das machen die Straßen, an denen Lou-lan als Sperrfort liegt. Denn hier kreuzen sich, von den Was­serstraßen ganz abgesehen, die Wege mit der gro­ßen und uralten W e l t st r a ß e, die gen Westen durch das Tarimbecken nach den Pamirpässen und von da nach dem Westen Asiens bis zum Mittelmeer, und östlich ins eigentliche China zieht.

Und so sehen wir einen vielseitigen und für die Zeit und die Umstände sehr lebendigen Verkehr auf ihnen einherziehen. Da kommen besonders an Markttagen in Trupps oder einzeln auf der östlichen Straße die Bau­ern der Umgegend einher. Dahinter wird ein Zug neu ausgehobener Rekruten geführt, dann kommt lachend und schwatzend eine ganze Gesellschaft, und zuletzt kommt endlich noch ein Nachzügler wie langsam er schleicht! Aber freilich, er ist schuldenhalber aufs Amt zitiert, und die Strafen sind nicht gelinde. Ob es nicht besser wäre, man machte sich einfach bei Nacht und Nebel davon, wie letzthin der Nachbar?

Ihnen allen vorüber jagt ein Postreiter dem Osten zu mit eingeschriebenen Briefen hn Lederbeutel, und gleich darauf rollt der Wagen eines höheren Beamten mit Vorreitern und Gefolge vorbei: Herr Ma, der Oberinspektor, der auf eine Dienstreise geht. Kaum sind sie im wirbelnden Staub der Feme ver­schwunden, so erhebt sich eine neue nud dichtere Staub­wolke dort. Verworrenes Geschrei und Hufgetrappel was mag das bedeuten? Ein Ueberfall räuberischer Nomaden etwa, wie neulich, wo sie die ersten Häuser des Ortes ganz ausgeftohlen haben? Doch nein, da bim­meln friedliche Kamelglocken, und jetzt löst sich auch schon die Spitze des Zuges aus den grauen Schwaden, ein Regierungsfähnlein weht »ortan: Glückauf! D i e Seidenkarawanne aus Dun -hwang ist es, die lang erwartete, denn wir brauchen Seide, daß un­ser Getreide bzahlt werden kann. Und siehe da, sie hat gleich Esel mitgebracht, die zur Ergänzung des arg dezimierten Bestandes angeschafft werden sollen kräf­tige Tiere, auch ein paar vorwitzige Füllen darunter, die ihre luftigen Bocksprünge machen. Aber die Kamele schreiten bedächtig; sie sind auch schwer beladen! Das müffen ja Tausende von Rollen fein!

Aber horch! Kommandorufe und kriege­rische Musik von dort drüben, von der Straße nach Karafchar und Turfan her! Und da quillt auch schon

Rotte um Rotte, Beritt um Beritt aus dem Nordtor hervor, Pikeniere und Bogenschützen und Kavallerie; nun kommt auch eine Abteilung Streitwagen angerasselt eine schwerfällige Waffe, die drüben in der Heimat schon seit einem halben Jahrtausend veraltet HL aber hier in dem offenen Terrain tut sie noch ihre Dienste.

Das scheint doch eine recht ernsthafte Meldung ge­wesen zu sein, die der Bote von Turfan gebracht hat! Aber die Mannschaften machen keinen Üblen Eindruck. Gut uniformiert, mit Lederkoller und Lederhaube nur die Offiziere im Kelzrock und pelzverbrämtem Winterhelm mit Hellebarde und Schild, Hornbogen und Pfeilen, den ftischgefüllten Proviantbeutel umge­hängt, an dem noch die Kontrollmarke baumelt es war ja keine Zeit, sie abzumachen so marschieren sie mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel von Trommeln und Pfeifen dem Norden zu.

Dem Norden zu ja, ist denn nicht gerade auch eine Proviantkolonne von dort unterwegs hierher? Wenn man aufgefangen und abgeschnitten hätte! Das wäre wahrhaftig ein böser Schlag! Jeden Augenblick muß man zu Verteidigung ober Angriff gerüstet sein. Gleich züngelnden Flämmchen leckt es bald hier, ball» dort an dem Grenzhang herauf; heute hat man es mit Räuberbanden zu tun, und morgen heißt es, die ein­gebrochenen Barbaren in ihre Berge verfolgen; jetzt laberte im Turfan hoch empor, man sendet Truppen und liefert ein blutiges Treffen; eine schlimme Botschaft folgt der andern, und wie man sich auch zu vermehrter Energie vermahnt, um die Feindegleich Unkraut aus­zurotten", und wie man sich durch Neuaushebungen verstärken möge umsonst; immer unheilverkündender und immer aufs neue ertönt dasEulengeschrei", im­merschwächer, immer hoffnungsloser klingt das alte Marschlied, mit dem müde Soldner dem Feinde entgegenziehen:

Bitter fürwahr ist der Grenzleute Los!

Dreimal in einem Jahre ziehn sie zu Felde;

Drei Sohne rücken nach Dun-Hwang aus, Zwei Sohne ziehn nach dem Westen der Päffe. Fünf Söhne gingen zum Kampf in die Ferne, Und die fünf Gattinnen härmen sich ab."

Echt oder unecht?

Von HUdegard P i e l e r t.

Feindlich maßen sich die Blicke der beiden Frauen. Feindlich, denn sie waren Freundinnen gewesen. Freundinnen bis zu jener Stunde, da der Friedensrich­ter aus der Tür seines Arbeitszimmers in das Warte­zimmer trat. Die dunklen Möbel aber standen ernst und groß an den schmucklosen Wänden. Frau Greta Münz und Frau Alice Sundhauf erhoben sich.

Der Friedensrichter reichte beiden die Hand und be­gann mit angenehmer und sachlicher Stimme:Die Ur­sache ihres Kommens kenne ich. Sie ist auf einen Bril­lantring zurückzuführen. Velleicht darf ich Frau Münz bitten, mir noch einmal kurz den Verlauf der Ange­legenheit zu berichten."

Greta Münz, eine sympathische Dame in den mitt­leren Jahren, ergriff das Wort mit bewegter Stimme: Seit fünf Jahren bin ich verheiratet. Mein Mann bekleidet eine leitend- w der Industrie. Unser

Einvernehmen war immer gut bis auf den Tag, an dem ich mir vor Ersparnissen meines Wirtschaftsgeldes einen Brillantring ohne Wissen meines Mannes kaufte. Ich wollte ihn damit überraschen und ahnte nicht, daß ich damit auf Widerstand stoßen würde. Mein Mann stellt keine besonderen Ansprüche an das Leben. Als ich ihm nun im Ueberschwang meiner Gefühle den schönen Ring zeigte, fragte er nur mit enttäuschtem Gesicht: Ist er echt?" Ich aber bediente mich aus Angst, daß er mich nach dem Preise des Ringes frage, einer Not­lüge.Nein", sagte ich,er war auch nicht teuer; aber er ist eine besonders gut gelungene Imitation. Einen richtigen Brillantrng konnte ich auch nicht kaufen." Und dabei dachte ich an den zusammengepreßten Hundert­markschein. Mein Mann war an das Fenster getreten, um sich den Ring genauer zu betrachten. Dabei gerie­ten wir in einen kurzen Wortwechsel, in dessen Verlauf er mit den Worten:Wenn der Ring unecht ist, brauchst du ihn nicht zu tragen", meinen Ring in hohem Bo­gen aus dem Fenster auf die Straße warf, wo er in der Dunkelheit verkam.

Damit wäre die Geschichte des Ringes eigentlid) zu Ende gewesen, wenn der Ring tatsächlich unecht gewesen wäre. So aber faßte ich den Entschluß, dem Fundbüro

2000 Jahre altes Leben erwacht!

Sven Hedins Entdeckung der alten chinefifchen Militär- und Handelsftation Lou-lan. Ausgrabungen in der wüste. Der ferne Osten reichte schon im Altertum dem Westen die f)and. Rom durch die chinesische Seide ruiniert! Ein Tag in einer altchinesifche« «Hansa-stadk.

Wie unvollständig und bruchstückartig ist doch unsere Kenntnis von der sogenanntenantiken Welt"! Schon der Begriff, den wir mit dieser Bezeichnung verbinden, ist viel zu eng. Rom und Griechenland und allenfalls noch ein paar Randvoller wie die Aegypter, Phönizier, Babylonier darüber hinaus reichen die Grenzen die­serantiken Welt" nicht. Wunderbar haben die alten Griechen in ihrem Nationialismus verstanden, sich ge­gen die übrigen Völker, dieBarbaren", abzugrenzen und sich selber alsbie Wett", die einzig maßgebliche und inbetrachtkommende Wett hinzustellen. Nun soll der gewaltige Einfluß der Griechen auf die Völker je­ner Zeit keineswegs bestritten oder verkleinert werden, aber die Gerechtigkeit und der Tatfachensinn verlangen, daß dann andererseits auch der Einfluß der sonstigen antiken Volker auf bie Griechen nicht außer acht gelassen werde. Die Erde war im Altertum keineswegs so klein, wie wir es anzunehmen gewöhnt sind, das Mittelmeer war durchaus nicht bas Zentrum ber Wett. Ein großer Kulturkreis vor allem, ber viel älter ist als der grie­chische, kommt uns jetzt erst langsam in seiner ganzen Bedeutung für bas Altertum zu Bewußtsein, ber chine­sische nämlich, und wir lernen jetzt erst bie Fäden ken­nen, bie sich damals von ber griechisch-römischen Welt bis nach Indien und China hinzogen. Man braucht nur auf die eine Tatsache hinzuweisen: daß der wirt­schaftliche Niedergang Roms mit auch auf den ungeheuren Bedarf an chinesi­scher Seide zurückzuführen war.

Ganz neues Licht wird auf diesen Teil der Alters- tumsforschung durch eine Entdeckung geworfen, die Sven Hedin bei seinen Wanderungen durch Ostturkfftan gemacht hat, die Entdeckung einer uralten chinesischen Militärstation, die Lou-lan geheißen hat, die heute durch den Sand der Wüste verschüttet ist, früher aber, als ber Tarim-Fluß noch einen anderen Lauf hatte, blü­hendes Leben in sich barg. Dftturfiftan ist ja das Ge­biet zwischen China und Persien, es liegt da, wo die beiden alten Kulturkreise, der römisch-griechische und der chinesische, sich berühren mußten, es war das wichtigste Durchgangsaebiet für den Handel jener Zeit, es war

daher auch der Zankapfel zwffchen den Nationen, schon seit den Zeiten Alexanders des Großen, dessen östlichste Vorposten dort standen Und Lou-lan wiederum war das Tor dieses Landes nach dem Osten zu, der schmale Paß zwischen Wüsten und Gebirgen kein Wunder, daß es der umftrittenfte Punkt war, um den viel Blut geflossen fft.

Bis in das 2. Jahrhundert nach Christus reichen die Urkunden, die man in der Rinenstcckt gefunden hat, zu­rück. Lou-Lan stand damals unter chinesischer Ober­herrschaft. Aber schon drangen die Hunnen nach Osten vor, und um das Jahr 176 schrieb ber Hunnen­herrscher an ben Kaffer von China folgenden triumphie­renden Brief:Durch den Segen des Himmels, durch die Kriegstüchtigkeit meiner Offiziere und Mannschaften und die Kraft meiner vortrefflichen Pferde hat mein Häuptling die Wedschi (Bewohner jenes Gebietes) ver­nichtet, dort alles enthauptet und niedergemacht. Sou- Ian und 26 anliegende Reiche sind niebergemorfen wor­den; alle diese sind demnach zu Hunnen gemacht, und alle Völker, die Bogen spannen, sind nunmehr zu einer einzigen Familie vereint." Das Hunnenreich stand da­mals auf ber Höhe seinerMacht und umfaßte den größ­ten Teil Zentralasiens. In ben folgenden Jahrhun­derten aber drangen die Chinesen wieder vor, die Hun­nen wichen zurück und ergossen sich nach Europa, dort die Völkerwanderung hervorrufend. Seit dem 4. Jahr­hundert stand Lou-lan wieder unter chinesischer Herr­schaft, und damals hat es wohl feine höchste Blüte er­reicht. Es war eine starke, mit vielen Bastionen ver­sehene Militärstation, an deren Spitze ein General stand. Mit Hilfe der fast vierhundert Schrfften und Aufzeichnungen, bie man in Lou-lan gefunden hat, hat der Sinologe Albert Herrmann, dem wir die Zusam- menfaffung und Deutung all der dortigen Funde ver­danken, in seinem bei 21. F. Brockhaus in Leipzig er* erschienen WerkLou-lan" eine Rekonstruk­tion des Lebens und Treibens in der al­ten chinesischen Garnisonstadt bargeboten, bie ein klares Bild von jener alten Zeit zu geben ver­mag unb uns an eine Stelle führt, bie ehemals ein

Die Augen des unbekannten Soldaten.

10J Roman von Paul Edmund von Hahn.

Covvrigbt bv Knorr unb Sirtb, S.m-d.S,München.

Der Instinkt der Kämpferin, der Jägerin, regte sich in Maria. Hastig suchend, lief sie einige Schritte zurück, die Spur lief weiter in die kleine Straße hinein, immer an ber Mauer entlang. Hin unb wieder zeigten bie noch schwach sichtbaren Fußabbrücke, daß jener Mensch hart an einer Hauswanb stehengeblieben war. An einer Stelle war sogar in Schutterhöhe ein Stück bes Schnee­belages auf einem Fensterbrett weggescheuert, als hätte sich einer, ber nicht gesehen werden wollte, auf heim­licher Verfolgung beobachtend in ben Schatten des vor­springenden Daches gepreßt. Hart daneben lief die Rückspur deutlicher unb mehr in der Mitte des Geh­steiges. Offensichtlich hatte ein Beobachter vorsichtig und gedeckt den Weg verfolgt, der zum Haufe bes verstorbe­nen Obersten führte, unb war vor Entdeckung sicher und eilig nachher zurückgegangen. Lange konnte es nicht her fein, denn wenn auch die Spuren an den Häusern ent­lang von vorspringenden Dächern geschützt waren, bie Rückspur hätte bas Schneegestöber rasch verweht!

Maria hatte bas prickelnde, aufregende Gefühl einer nahen Gefahr, bas alle anderen Vorstellungsbilder ver­drängte. Verfolgte man sie? Wen sollte ein schlei­chender Mensch zu dieser Nachtstunde und in diesem Gäßchen sonst verfolgen? Allen Zivilpersonen war das Betreten der Straßen zur Nachtzeit strenge verboten und bie Bevölkerung hütete sich wohl, biefes Gebot zu über­treten. Wer also verfolgte sie?

Maria sprang in entschlossenem Satze über den Schneewall unb blickte sich um. Der treibende Schnee verhinderte jede Sicht. Hin und wieder nur wirbelte ein heftiger Gegenstoß des sich an den Mauern fangen­den Windes den treibenden, weißen Vorhang in die Hohe unb zeigte Maria bas öbe, gleichmäßig weiße Straßen- bilb. Grau und verschwommen starrten vereinzelte Vaumstämme zwischen halbmannshohen Stumpen ber währenb ber Kämpfe gefällten Alleebäume. Maria wandte sich die Straße hinunter und kämpfte sich von

einem dieser roeifjüberftiebten, zersplitterten Baum­stämme zum andern durch. Grell und mißtönig summte der Sturm in den Telephondrähten über ihr. Er warf ihr spitze Eisnabeln ins Gesicht; verklebte die Augen und ließ sie den keuchenden Oberkörper weit oorgebeugt den sausenden Stoßen entgegenwerfen.

Maria mußte daran denken, daß sie diesen Weg durch die Sttaße schon einmal erkämpft hatte; aber damals mit ber Waffe in der Hand beim Sturme auf der Barrikade. Sie blieb stehen unb wandte sich um. Ja, mit ber Waffe in ber Hand! llnb inmitten einer fanatisch schreienden Menge. Im Rausche des Sieges. . . . Ja, mit ber Waffe in ber Hanb!

Unwillkürlich griff Maria in bie Tasche. Ihre frost- starren Finger im schneeverkrusteten Wollhandschuh spürten nicht die gewohnte, Sicherheit gebende Glätte des Revolverschastes. Eckig und spitzig bohrte sich Holz in die zugreifenden Finger. Maria lachte sich selbst­verhöhnend in den keuchenden Wind: Statt ihres ziel­sicheren Revolvers trug sie den holzgeschnitzten Engel Merkuris in der Tasche, während ihre Waffe auf dem Teppich des Arbeitszimmers liegengeblieben war. So weit hatte es bas jagende Erleben dieses Tages und dieser Nacht gebracht, daß die Kommandantin Rukow in ihrer Revolvertasche einen hölzernen Engel durch die Gefahren einer stürmischen Nacht spazierenführte!

Das ungewohnte Gefühl, ohne Waffe zu sein, brachte es mit sich, daß Maria sich unsicher zu fühlen begann. Wieder dachte sie an bie Spur im Schnee. Wo war dieser Mensch, der sie offenbar bei ihrem Gang zur Mut­ter beobachtet hatte? Folgte ihr jetzt auch jemand? Sie bohrte ben Blick in bie treibenden weißen Schatten. Das Zwielicht des Schnees gaukelte ben winbentzündeten Augen huschende, sich bewegende Umrisse menschlicher Gestalten vor. Hinter jedem SBaumftumpf schien ein hockender Beobachter zu warten.

Maria ging immer schneller. Zuletzt sprang sie in

jagenden Sätzen vorwärts. Wenn der keuchende Atem ihr auszugehen drohte, wandte sie sich jäh, um einen unvorsichtigen Beobachter überraschen zu können. Sie wußte, baß bie Tscheka ihre eigenen Beamten überwachen ließ; sie wußte auch, baß hin und wieder jemand spurlos verschwand, wenn ein leiser Argwohn, ein manchmal ganz unbegründeter Verdacht auf ihn gefallen mar.

Endlich öffnete sich links vor ihr eine geschütztere Seitenstraße. Mit wütenden Sprüngen setzte Maria durch ben hohen Schnee. Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie sich gejagt, sie, bie immer nur Jagenbe ge­wesen! Ermattet lehnte sie an der schützenden Mauer unb sah um sich. Hart vor ihr jagte in ftürmenbem Drängen der Wind bie weißen Schneemassen zu nebligen Ballen. Hier, im spitzwinkligen Zusammenlauf ber Straßen, war Stille. Abgetriebene Flocken senkten sich kreisenb in zitterndem Falle und türmten in ber Stra­ßenmitte einen gleichmäßig gewölbten kleinen Hügel, dessen Ränder zu den beiden Gehsteigen ab fielen.

Maria, die langsam zu sich kam und aufatmend den klebenden Schnee aus den Augen wischte, hatte beim An­blick dieser toten, steinumfaßten Insel inmitten des Sturmes das Gefühl, auf einem Friedhof zu fein. Und da vor ihr baute sich aus flockigem Schnee ein Totenhügel, würdig des Entwurfes eines großen Künst­lers. Maria lachte heiser vor sich hin. Der Tod be­herrschte so sehr diese Tage und alle Vorstellung, daß selbst das gewöhnlichste Naturereignis zur Friebhofsszene würbe! Schließlich war jetzt ganz Rußlanb ein Fried­hof! Sicherlich lag auch auf dieser Stelle einmal ein Sterbender! Wo starben die Menschen jetzt nicht? In Kellern, in Erdlöchern, hier aber sehr oft auf bem Pflaster! Wenn nicht von ber Kugel bes Bür­gerkrieges, so vom Hunger, von ber Entbehrung ober vom Leib bes vernichteten Lebens dahingerafft! Maria blickte um sich unb wollte sich orientieren, wo sie sei; bas heftige Schneetreiben unb ihre Verwirrung hatten sie recht weit von ihrem Wege abgeführt. Suchend blickte sie die Häuserzeile entlang. Da zuckte sie auf. Nun wußte sie es: Dort, wo sich jetzt ber weiße Hügel hob, hatte sie einst über einem Sterbenden gekniet. Wie kam es nur, daß sie den Platz nicht sofort erkannt hatte, wo sie doch so ost schon bei ihren nächtlichen Streifungen

und Spaziergängen immer wieder diesen Platz ausge­sucht und immer wieder selbstquälerisch unb suchenb sich bas Bilb jenes Oktobertages vergegenwärtigt hatte?

Wer trieb sie heute aus einem Schrecknis ins andere» als sollte sie in dieser einen Nacht bie Etappen ihres ganzen Weges schmerzlich fühlbar nochmals durchwan- beln und mit schrecklicher Deutlichkeit erkennen? Die zerstörte Kindheit bas mutwillig verlassene unb bank ihr verödete Vaterhaus; bas hastende Jagen ihres un­befriedigten Suchens, das als Folge der sie mit­reißenden Ereignisse ihren Weg bestimmt und sie immer wieder, wie es körperlich in dieser Sturmnacht geschah, von Grab zu Grab geführt.

Angespannt horchte Maria in die Nacht hinaus. Un­bewußt umklammerte die Hand in ber gewohnten Tasche das ungewohnte Zeichen eines kindlichen Glaubens, das eigentlich nur aus Versehen die Stelle bes Revolvers ein­nahm. Und doch fühlte Maria, daß dieser Ort, der sie bisher immer mit quälendem Grauen erfüllt hatte und den sie doch aufzusuchen pflegte, wenn das Rauschgift ihrem zerquällen, ermatteten Geist bie Vision der Augen jenes Sterbenden vorzauberte, heute fühlte Maria, daß dieser stille Platz inmitten des stürmischen Tobens ringsum ihr Ruhe bot. Es war ihr, als fei auch über ihr eigenes Erleben ein verdeckender Hügel gewachsen, seitdem ihr ein Lebender die Lehre des sterbenden un­bekannten Soldaten bewiesen hatte, daß Glaube unb Siebe, Heimat unb Pflichttreue auch vor bem zerstören­den Schrecken ber Todesangst standhielten.

Dieser Platz Her hatte für Maria allen Schrecken verloren, seitdem sie heute den Mut gefunden, sich selbst an die Seite eines Todgeweihten zu stellen, der standhaft blieb, seitdem sie sich selbst eingestanden hatte, daß sie Werkzeug gewesen war, unb seitdem sie die Kraft ge­funden hatte, über dem Verwundeten zu meinen, mit der Mutter zu fühlen und das Gedächtnis des Vaters zu ehren. Seitdem sie heute ein Leben dem Rachen der Tscheka entrissen hatte!

Maria fühlte, wie sie mitten In dieser sturmdurch- tobten Winternacht, in der sie von Gefahr umwittert war, zu lächeln begann. Sie wurde sich bewußt, daß ihre Hand noch immer den hölzernen Engel Merkuris um­klammerte. Sie zog ihn aus der Tasche, betrachtete den

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um

20.

Beilage zur Fuldaer Zeitung

NILS

September