Ar.
Beilage zur Fuldaer Zeitung
▼ NILS
September
17. Sonntag nach Pfingsten.
Eingangslied: Df. IIS, 137 und 124.
Gerecht bist du, o Herr, und recht ist dein Gericht; tu deinem Knecht nach deiner Barmherzigkeit. (Pf. ebd. l.j Selig, die makellos bleiben auf ihren Wegen, die wandeln im Gesetze des Herrn.
Epistel: Lph. 4, 1-6.
Brüder! Als Gefangener des Herrn bitte ich euch, wandelt würdig der Berufung, die euch zuteil geworden, in aller Demut und Sanftmut. Seid geduldig und ertraget einarstier in Liebe; seid eifrig bestrebt, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens: ein Leib, e i n Geist, wie ihr ja auch in eurer Berufung zu einer Hoffnung berufen seid; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Baier aller, der da ist über allen und durch alle und in uns ollen. Er sei gepriesen in alle Ewigkeit. Amen.
Evangelium: Matth. 22, 34—46.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Das größte Gebot.
Betrachtung zum Soankagsevangelium.
Es ist nicht das einzige Mal, daß der Heiland von den Gesetzeslehrern nach dem größten Gebot gefragt wurde. Und jedesmal gab er die gleiche Antwort und nannte die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe, von denen eins dem andern gleich ist an Bedeutung für uns.
Ich sah einmal die Bücherei eines Theologen, eines Eottesgelehrten. Da standen wohl tausend Bände in hohen Gestellen an den Wänden. Es konnte einem schon ein wenig ängstlich werden ob all der Bücher, und ich hatte so etwas wie Mitleid mit dem Besitzer, daß er sein Leben lang nun zwischen diesen Büchern leben, in ihnen studieren und forschen muß.
Du und ich, wir beide haben das viel einfacher. Uns hat der Heiland einen einzigen Satz gegeben als Richtschnur, und der heißt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Darin ist auch das Gebot der Gottesliebe eingeschlossen, und weil wir Menschen nun einmal am Sichtbaren hängen, ist uns das Gebot der Nächstenliebe wohl gediegener
Wenn nun dieses Gebot nach dem Sinne des Heilandes gehalten würde? Dann würde niemand mehr unrecht tun, denn jedes Unrecht ist eine Lieblosigkeit gegen den Nächsten. Wir brauchten keine Gerichte mehr, denn alle Streitigkeiten hörten auf. Die Geschäfte brauchten nur noch die Hälft« Schreiberei und Buchführung, weil jeder Mensch ehrlich wäre gegen den Mitmenschen. Es gäbe keine Notleidenden mehr, denn der Besitzende könnte gar keine hungernden und frierenden Mitbürger sehen, ohne ihnen zu helfen. Es gäbe wähl auch nicht mehr so viel Banken, denn die Menschen würden sich dann wohl nicht mehr allzuviel aus Bankguthaben machen. Es gäbe keinen Krieg mehr, und all die großen Reden über Abrüstung brauchten gar nicht erst gehalten zu werden. Ich könnte wohl noch eine ganze Weile weiter aufzählen und würde doch nicht fertig.
„Ach", sagst du, „das ist auch gut, denn was du da bringst, das find doch alles Phantastereien, das gibt es ja gar nicht."
Hast recht, das gibt es leider nicht. Aber deswegen sind das doch keine Phantastereien. Wenn du nur einmal ernsthaft nachdenkst, wirst du schon merken, daß all diese Dinge kommen müßten, wenn wir das Gebot der Nächstenliebe nicht bloß kennten, sondern auch hielten, und nicht bloß halb
sondern ganz. Es ist gar keine Uebertreibung, sondern nackte Wahrheit; aller Jammer und alle Not der Gegenwart kommen nur aus dem Mangel an Nächstenliebe — ich will gar nicht reden von der Million Verhungernder in China und von dem vernichteten Weizen in Amerika. Emil Fiedler sagt da ein sehr bitteres, weil wahres Wort: „Wenn überall da, wo Menschen leiden, kämpfen, ums tägliche Brot ringen, matt und mutlos werden und sinken, wenn überall dort das Kreuz Christi aufleuchtete, sie würden ebenso gern und noch lieber nach dem Kreuze greifen als nach dem Sowjetstern."
,La magst du wohl recht haben, wenn man so in die Welt schaut und die Zeitungen liest, da merkt man wirklich wenig von Nächstenliebe, und es ist gut, wenn es denen oben einmal gesagt wird."
Hast recht. Freund, und bist doch auf dem Holzwege. Denn die Nächstenliebe fängt an bei dir und bei mir. Wenn du einen Gaul im Stalle hast und neben dir einen arbeitslosen Nachbar, dann pflüge seinen Acker mit und rede nichts vom Bezahlen; so hast du den rechten Anfang gemacht.
Gottlosen-Propaganda.
Aus den Arbeitsplätzen, auf den Büros, an den Straßenecken, auf den Sammelplätzen der Erwerbslosen, in den Mietskasernen der Großstädte sowie in den Gossen der Kleinstädte tritt die Propaganda der deutschen Gottlosen immer kräftiger, dreister, raffinierter auf. Geschickt ge-
Znlernalionaler Kongretz der
Von der Verbandszentrale in Köln war den Holländern, die zum ersten Kongreß in Köln so zahlreich erschienen waren, versprochen worden, daß trotz de» schwierigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland doch eine beschränkte Anzahl Delegierter vom Verband der katholischen Arbeitervereine am 4. und 5. September nach Utrecht kommen würde. Auch der Diözesanpräses der kath. Arbeiter- und Männervereine der Diözese Fulda war zur Teilnahme eingeladen worden. In nachstehenden Zeilen schildert er seine Eindrücke.
Die Eröffnung des 2. Internationalen Arbeiterkongresses war auf Freitag, den 5. September, nachmittags 4 Uhr, festgesetzt. Da man, um rechtzeitig anzukommen, schon um 9 Uhr in Köln abfahren mußte, zog ich es vor, am Tage vorher schon bis Kevelaer zu fahren an der Bahnlinie Köln—Krefeld—Utrecht. Kevelaer, ein Städtchen von 9000 Einwohnern, ist der bekannteste Wallfahrtsort des Rheinlandes, das sog. ,Lourdes der kleinen Leute", die sich eine Reife noch Südfrankreich nicht erlauben können und doch zu Maria, der „Trösterin der Betrübten" an ihrem Gnadenorte beten wollen. Daher die ununterbrochenen Wallfahrten im ganzen Sommer und Herbst aus Rheinland, Westfalen, Holland und Belgien nach Kevelaer. Gerade waren die Wallfahrer von Alsdorf (bei Aachen) und Umgegend da. Jeden Abend ist Prozession mit Lampions durch die Stadt und auf dem Platz um die Gnadenkapelle, die zwilchen der großen Basilika und der Kerzenkapelle liegt. Wenn auch die holländische sozialistische Zeitung „Het Volk" am 1. September vielleicht mit Recht von den Kevelaer Wallfahrten schrieb, daß daran „viel verbessert werden kann", so ist es doch jedenfalls ein Zeichen gläubigen Sinnes, wenn alljährlich Hunderttausende von nah und fern zur „Mutter von Kevelaer" pilgern, um durch Gesang und Gebet ihre Hilfe zu erflehen.
schriebene Flugzettel und Dorfzeitungen gehen von Hand zu Hand und spritzen das Gift aus. Wer mitten im Volke steht, spürt von Woche zu Woche mehr die Wirkung dieser unheimlichen Arbeit gegen den Glauben. Unsere Leute stehen vielfach hilflos den Angriffen der Freidenker gegenüber. Es ist nicht immer böser Wille, wenn sie schweigen, sie möchten gerne den Schwätzern den Mund stopfen, aber sie können nicht. Sie wissen nichts zu erwidern. Vor einigen Wochen fiel mir das vom Verlage des Iohannesbundes in Leutesdorf a. Rh., herausgegebene Buch „In unbekanntem Land — Auf der Suche nach verlorenen Brüdern" 240 S. 2 Rm. in die Hände. Ich habe es in einem Zuge gelesen und zum Schluß sagte ich mir voller Freude: „Da haben wir das Buch, das uns die schärfsten Waffen gegen die ungläubigen Hetzer von heute in die Hand gibt." Keine wesentliche Glaubensschwierigkeit ist umgangen. Jeder findet eine klare und befriedigende Antwort auf das, was ihn drückt, womit er gegen die freidenkerischen Schwätzer nicht fertig werden konnte. Wenn doch das Buch von allen gelesen würde, die im Schützengraben des Weltanschauungskampfes liegen! Wenn man es doch allen schwankenden und unruhigen Glaubensbrüdern in die Hand drücken würde! Wieviel Segen könnte von diesem Buche ausgehen. Es müßt« in jeder Borromäusbibliothek stehen, damit es auch an die herankäme, die wirklich keine 2 Mark zum Ankauf des Buches erübrigen können. Wir müßten uns viel mehr der Verbreitung dieses Buches annehmen.
Einer, der mitten im Trudel drinsteht.
katholischen Arbeitervereine.
Wer dort die frommen Beter, die umlagerten Beichtstühle, die Hunderte von kleinen und großen brennenden Kerzen und die Wappenschilder der Gemeinden, die alljährlich ihre Wallfahrt nach Kevelaer machen,' gesehen hat, ist ergriffen von der lebendigen Glaubenskraft des katholischen Volkes. Als am späten Abend die letzten Beter von der während der Prozession in elektrischem Lichte erstrahlenden Kapelle weggingen und die zahlreichen Dovotionalienläden geschlossen wurden, fing es wieder an zu regnen.
Am anderen Morgen war ich der letzte, weil zuletzt angekommen, der am Altäre in der Gnadenkapelle zelebrierte, wobei mir ein fremder Wallfahrer bereitwillig ministrierte. Dann zog ich gehobenen Herzens zur Bahn, wo ich im Kölner Zug noch andere fand, die auch nach Utrecht wollten. Um 2 Uhr kamen wir dort an, nachdem wir Zoll- und Paßkontrolle überstanden und unsere Uhren umgestellt hatten. In dem uns angegebenen Büro empfingen mir unsere Logiskarte — wir Deutsch« waren in einem Hause untergebracht — Abzeichen usw. Um 4 Uhr eröffnete unser Joos, der auch auf der Katholikenversammlung in Nürnberg den Vorsitz geführt hatte, den Kongreß. Der Katholischen Arbeiter-Intematio- nale gehören bis jetzt an: Belgien, Deutschland, Luxemburg, die Niederlande, O e st e r r e i ch, Polen, die Schweiz, Spanien und die Sudetenländer. Wegen der hohen Reisekosten hatten sich entschuldigt: Oesterreich und Spanien. Von Spanien war aber anwesend der Vertreter der Zeitung: El Debate. Die Verhandlungssprache war deutsch und holländisch mit entsprechender Uebersetzung.
Aus den Berichten über den Stand der Katholischen Arbeitervereinsbewegung in den verschiedenen Ländern ersah man, daß Belgien und die Niederlande vorbildlich arbel-
Die katholischen Holländer im Kampfe.
Wie Holländisch-Limburg sich der Freidenker erwehrte.
Am Samstag, 26. Juli 1931, sah man in frü- Hefter Morgenstunde eine ungewöhnliche • Bewegung in allen Städten und Dörfern ganz Hollän- dischLimburgs. Die Häuser waren mit gelb- weißen Fähnchen, den kirchlichen Farben, geziert. Die Besucher der Frühmessen trugen gelbweiße Schleifen, die zum Frühmarkt fahrenden Gemüseauios zeigten auf dem Radiator gelbweiße Flaggen. Motorradfahrer mit gelb-weißen Armbinden sausten über die Landstraße. Polizeikolonnen zu Fuß und zu Pferd zogen an den Toren der Bergwerke auf, und selbst die deutsche Grenzpolizei bei Kerkrade war mit einem Aufgebot erschienen, um die deutsche Grenze vor einem Hinüberfluten der Volksbewegung zu schützen. Was war denn los? Die holländischen Freidenker, organisiert unter dem Namen „De Da g e r aa d" („Die Morgenröte"), hatten einen Propagandatag für das „finstere" Limburg angekündigt.
Die katholische Bevölkerung erhob sich wie ein Mann dagegen
und organisierte einen Abwehrdienst durch Autokolonnen, während der Polizei die schwierige Aufgabe zufiel, inmitten einer empörten Bevölkerung den Freidenkern „die verfasfungsmäßige Freiheit" zu garantieren.
Das Preffeauto, das um 6 llhr früh vom Mft- telpunkt des Kohlenbezirkes H e e r l e n hinauf nach Si11ard fährt, um auf der mutmaßlichen Einfallstraße der Freidenker die Ereignisse zu beobachten, bewegt sich durch eine Via triumphalis von gelb-weißen Flaggen. Der Anblick erinnert an die alljährliche Feier der Flamen an der Mr, bei der man überall die Fähnchen mit dem flämischen Löwen sieht. Autos, Radler, Milchkarren, selbst die Pflüge auf dem Felde zeigen heute morgen das gelb-weiße Protesffähnchen^ Aut Lastwagen sieht man farbige Plakate angebracht: „Wir verteidigen unseren heiligsten Besitz"; „Limburg für Christus". Gerade kommt ein Rad
fahrerverein von Brunssum uns entgegen: Alle Räder tragen gelb-weiße Flaggen.
Der Führer der katholischen Abwehraktion ist nach Amsterdam vorgereift und begleitet unerkannt die im Nachtschnellzug nach Süden fahrenden „Da- geraders". Mit demselben Zuge fährt nach Limburg Jo s Mineur, das wortgewaltige Mitglied der Vereinigung katholischer Straßenprediger. Ein Teil der Freidenker hat es vorgezogen, mit Autobussen die Grenze von Brabant zu überschreiten. In allen Dörfern lauert aber hier schon der katholische Nachrichtendienst. Eines der Autos, das mit „Morgenröte" beladen war, wird am Wallübergang um 3 Uhr morgens von einem Auto der Katholiken entdeckt. Schon ist ihm ein Ehrengeleite gesichert, das sich durch Zugang stets neuer Autos mit gelb-weißen Fähnchen vergrößert. In Tegelen wird der Freidenkerbus angehalten und von den Massen zur Rückkehr nach Venlo genötigt. Von hier müssen die Da- geraders die Eisenbahn nach dem Süden benützen. Ein zweites Auto mit Freidenkern wird im selben Orte kurze Zeit später von Autokolonnen der Abwehraktion eingeschlossen. Die Insassen werden von der Polizei zur Station geleitet, sitzen einige Stunden verschüchtert am Bahnhof und suchen dann mit dem Mittagszug in Richtung Nimwegen das Weite.
Bald wird offensichtlich, daß H e e r l e n als Aufmarschort der Freidenker vorgesehen ist. Am Bahnhof in Heerlen kommen 40 Mann an und werden von der Polizei zum Heim des (roten) Niederländischen Bergarbeiterbundes" geleitet. Inzwischen sind von Norden weitere Autostreifen des katholischen Abwehrdienstes angekommen und fahren in Paradelinie am Gewerkschaftshaufe vorbei, während die Menge laut das limburgifchfe Volkslied: „Limbura, mijn Daderland" singt. Dazwischen ertönten Rufe: „Weg mit De Dageraad, Limburg für Christus!"
Gegen hab 11 Uhr werden die Freidenker von verstärkter Polizei zum Bahnhof geleitet, um
gruppenweis vor den einzelnen Bergwerken die mitgebrachten Propagandabündel und Flugblätter an den Mann zu bringen. Auf dem Wege zum Bahnhof bittet man ihnen schon Flugblätter ab und zerreißt sie jubelnd in Fetzen. Vor den Minen Oranje-Nassau I und HI, Emma, Hendrik, Wilhelmina sieht man überall dasselbe Bild: große Menschenmassen, Polizei zu Fuß und zu Pferd. An Oranje-Nassau kommt eine Autokolonne vorgefahren, gruppiert sich halb zur Rechten, halb zur Linken der Freidenker und stoppt plötzlich. Die Polizei gibt Befehl zur Weitefahrt, aber schon sind sämtliche Autolenker verschwunden. Langsam sucht die Polizei die Menge zu zerstreuen. Die „Dageraaders" werden zu ihrer eigenen Sicherheit in die Lokerstraat geführt. Plötzlich steht zu ihren Häuptenauf dem Dach eines Cafes der katholische Straßenprediger und spricht über Freidenkertum, bis ein Schutzmann erscheint und ihn friedlich hinuntergeleitet. Die Freidenker kehren zum Eingang des Bergwerkes zurück und beginnen Flugblätter zu verteilen. Schon find katholische Flugblattverteiler mitten unter ihnen. Die Polizei schützt neutral beide Aktionen, während die Menge immer wieder das lirnburgische Volkslied und den katholischen Trutzgesang: „2km U, o Koning der Euwen" (Dir, o König der Ewigkeiten) singt. Um 10 Uhr werden die Dageraders von der Volizei nach Heerlen zurückgeleitet. Aehnlich geht es an den anderen Gruben zu. Mit Hurra werden die Flugblätter zerrissen. Vor der Grube Emma spricht Jos Mineur am Fenster eines gegenüberliegenden Hauses eine halbe Stunde zur Menge. In Kerkrade müssen die Freidenker i-ngesichts der gewaltigen Menschenansammlung, di« schreit und pfeift, schnell wieder in die Tram steigen, die sie eben verlassen haben. In Heerlen spitzen sich die Dinge langsam zu. Mit den zurückkehrenden Freidenkern kommen auch große katholische Autokolonnen in die Stadt. Vor dem roten Gewerkschaftshaus staut sich eine ungeheure Menschenmenge. Schon fliegen rohe Eier gegen das Haus. Die Lage droht im letzten Augenblick kritisch zu werden. Aber es gelingt der Polizei und der Führung der Abwehraktion, di« Leut« zu beruhigen. Der Advokat, den sich die Freidenker für kritische Fälle mit. gebracht haben, verlangt laut nach polizeilichem
ten. Wie der anwesende belgische Minister Hy- mann erklärte, haben die belgischen Sozialisten selbst eingestanden, daß die katholischen Arbeitervereine, die ehemals Lehrlinge der Sozialisten waren, jetzt deren Meister geworden sind.
Es ist hier nicht der Ort, um über den Inhalt der einzelnen Vorträge ausführlich zu herichten. Selbstverständlich nahm die neue päpstliche Enzyklika „Quadragesimo Anno" den ersten Platz in den Referaten ein, die sich mit der (Erneuerung der Gesellschaftsordnung und mit der Ueberroinbung der Weltwirtschaftskrise befaßten. Weil die ganze Welt sich in einer schweren Krise befindet, wird das Weltrundschreiben des Hl. Vaters auch überall verstanden, und es ist nur zu bedauern, daß erst die Not die Menschen zur Einsicht bringt, wie recht Leo XIII. mit seiner Arbeiter-Enzyklika Rerum novarum 'hatte. Das letzte Referat des Generalsekretärs H. I. S ch m i tt* Berlin, der auch schon in Fulda einen Kursus abgehalten hat, zeigte die internationale Bewegung der Gottlosen in schreckenden Zahlen. In lautloser Stille und Mfmerksamkeit hörten alle den Bericht über die Ursachen der Gottlosenbewegung. Die vom Redner vorgeschlagene Resolution wurde als Grundlage für die Arbeit gegen die Gottlosenbewegung einstimmig angenommen
Der Sonntag sollte uns Ausländern die niederländisch« katholische Arbeiter- bewegung in anschaulichster Form zeigen. An den Kirchentüren waren Plakate angebracht: Ka- tholische Arbeiter! Sonntag, 6. September 1931. Großer Demonstrationskongreh in Utrecht . . . Der katholische Arbeiterverband ruft euch alle!" Und was sahen mir am Sonntag? Um 11 Uhr war außerhalt Utrecht auf einer riesigen Wiese Feld messe, die der Erzbischof von Utrecht las. Große Bühne, schön hergerichteter Altar, Lautsprecher usw. Und Tausende von Arbeitern aus den Niederlanden waren da; es regnete, aber alle folgten in Andacht ber hl. Mess«, auch wenn sie keinen Schirm hatten. Ich habe mich erbaut an der Frömmigkeit dieser Männer unb Jünglinge. Als nach ber hl. Messe ein Teil ber Besucher in die Stabt zurückkehrte, kamen erst bi« enblofen Reihen ber mit ber Eisenbahn angekommenen (Vereine, um der Kundgebung um VA Uhr beizuwohnen. Um 2 Uhr setzte sich bann der Feft- zug in Bewegung. Ich stand am Eingang ber Stabt und staunte drei Stunden lang.
60 000 „Arbeitsleute", Männer und Jünglinge
und etliche Frauen unb Jungfrauen waren zum Festzug gemeldet unb sie waren da mit Fahnen, Wimpeln und 60 Musikkapellen. Das waren keine alten ausgemergelten Männer, sondern kernhafte Gestalten in Jugendfrische und Mannes- krast. Und die katholische Arbeiterjugend an der Spitze des Zuges — mindestens 5 000 — machte einen imponierenden Eindruck. Die jugendlichen Typographen trugen allein 100 Wimpel. Als der Festzug, der an dem Palais des Hochwürdigsten Herrn Erzbischofs vorbeizog, der mit den geistlichen und weltlichen Verbandsvorständen auf einer Tribüne Platz genommen hatte, gegen 6 Uhr fein Ende erreichte, war es Zeit zu den Zügen. Tausende waren vom frühen Morgen auf den Beinen ohne Ruhepause, so daß wir Deutsche die einmütige Ueberzeugung aussprachen: solch eine Anstrengung könnten wir unseren Mitgliedern in Deutschland kaum zumuten. Kein Wunder, daß am Montag alle Zeitungen der Niederlande mit größter Hochachtung über diese Kundgebung des katholischen Arbeiterverbandes berichteten. Was die Niederlande ge,zeigt haben, muß auch in Deutschland möglich fein. Darum auf zur Arbeit mit Mut und Gottvertrauen für christliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung! R.
Schutz und erhält ihn anstandslos für den Weg bis zum Bahnhof. Eink keiner Trupp von Dragera. ders, der sich verspätet hat, wird gegen 6 Uhr von der Menge unter Vorantragung der päpstlichen und holländischen Flagge zum roten Gewerkschaftshaus gebracht. Auf einmal bahnt sich ein roter Amsterdamer Touren-Autodus den Weg durch die Menge. In ihn steigt ein Teil der aus dem Norden gekommenen Freidenker und fährt unter dem Schutze von Motorradstreifen der Polizei ab. Ein tausendstimmiges Hurra und das limburgisch« „Boe-Boe" grüßt die Abreisenden. Eine Viertelstunde lang sperrt die Polizei den Autoverkehr, um ein weiteres Ehrengeleite für die Geflüchteten zu verhindern. Bald aber ist durch telephonische Benachrichtigung die Reiseroute des roten Omnibus festqestellt. Und nach einer Viertelstunde geht die wilde Jagd hinter dem Wagen los. In Roermond wird das rote Auto erreicht. Eine gewaltige Menschenmenge staut sich auch hier in den gelb-weiß geschmückten Straßen. .Leider läßt sich ein Zuschauer zu einem Steinwurf verleiten, der eine Scheibe des Autobus zertrümmert. Die katholisch« Abwehraktion, die sich iriedlicher Mittel bedienen sollte und wollte, hat mit der katholischen Preffe diese Ent- gleifimg scharf verurteilt und bedauert. In Weert wurde dann das Freidenkerauto vom Abwehrkomitee über die brabantsiche Grenze geleitet. Der Rest der Freidenker war mit ber Bahn schon auf dem Wege nach Neuholland.
Am selben Abenb aber fand in Maastrich, wo sich kein Dageraber hatte blicken lassen, eine gewaltig« Bitt Prozession statt zum Protest gegen die Freidenkerporpaganda. 9cie feit dem Weltkrieg hatte eine Prozession in Maastricht solche Teilnehmer zu verzeichnen. Nach 2lbschluß ber Kundgebung zogen katholische Jugendgruppen jubelnd durch die gelb-weiß geschmückte Stadt und fangen die Papsthymne: „Ik den een Kind der Kerke".
Wo in Deutschland wäre heute noch ein solch geschlossener Abwehrkampf gegen Feinde der katholischen Kirche möglich wie im holländischen Minengebiet, dem katholischen Limburg?