Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Nicht streiten» sondern helfen!

Reichspräsident, Reichsregierung und Liga der freien Wohlfahrts­pflege rufen das ganze Volk zur Winterhilfe auf.

Der Reichspräsident, die ReichsreMrung und die Wohlsahrtsverbände erlassen folgenden Aufruf zur Winterhilfe:

Die Rot ist da. Eie ist in allen Berufen und Ständen. Sie ist auch im Hause des Fleißigen und Sparsamen, wenn er keine Arbeit findet. Und Millionen in Dents^'aad, die arbeiten möchten, finden keine Arbeit. Der Zusammenbruch droht heute nicht mehr einzeln, sondern dem ganzen Volke.

Der Streit um die Schuld an der Rot hilft uns nicht weiter. Er macht keinen Hungrigen satt. Wir wollen nicht streiten, wir wollen helfen!

Die Liebe zum Nächsten and die Sorge um die Zukunft unseres Volkes und damit auch um die eigene Zukunft müssen zusammenwirken, das letzte, was jeder hergeben kann, herauszu- holeu, und es einzusetzen im Kampfe gegen die Not.

Seid, Lebensmittel, Kleider, Wäsche, Holz und Kohlen - alles kann helfen, Not zu lindern, wenn es im rechten Sinne und am rechten Ort gegeben wird.

Keiner darf sagen: Ich kann nicht geben, mir geht es selber schlecht genug. Wenn du nicht mit- helfen willst, der Not zu wehren, wird es dir bald noch schlechter r ' Etwas zu geben hat jeder. Wer sonst gar nichts hat, hat noch seine Zeit und seine Hände, um mitzuhelfen, daß von dem, was andere geben können, nichts umkommt und alles an Ort und Stelle gebracht wird.

An allen Orten im deutschen Vaterland, in allen Bezirken, Provinzen und Ländern werden Sam- melstellen eingerichtet. Dorthin gebt euere Gaben, dort meldet euch dem Helserdienst. Spende ist über­all möglich. Auch dafür ist gesorgt, daß jeder für die Kreise eintreten kann, deren Not ihm beson­ders am Herzen liegt. Nur gebt auch wirklich! G eb t, so viel ih r e ntb e hr en kö nnt. Führt mit uns den Kampf gegen die Not!

Wir wollen helfen!

Deutsche Liga der freien Wohlfahrtspflege: Zentralausschuß für die innere Mission der deut­schen evangelischen Kirche. Deutscher katholischer Karitasverband. Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Jugend. Deutsches Rotes Kreuz. Christliche A:?

Die außerordentliche wirtschaftliche Notlage, die gegenwärtig die ganze Welt heimsucht, hak unser Vaterland besonders hart getroffen. Wir werden diese Nöte überwinden, wenn das Volk in Hilfsbereltschaft und Lpfersinn zusammensteht. Reichspräsident und Reichsregie­rung richten daher an alle, die helfen können, die dringende Bitte, dem Aufruf zur Winterhilfe be­reitwillig Folge zu leisten. Es geschieht dies auch in der Hoffnung, daß deutsche Liebestä- tigketl zur inneren Versöhnung unseres Volkes beitragen möchte. Die Hilfe soll die große Not lindern, aber sie soll auch neues menschliches Vertrauen schaffen unter den deut­schen Volksgenossen selbst und für das deutsche Volk in der Welt.

Der Reichspräsident: von Hindenburg. Für die Reichsregierung: Dr. Brüning, Reichskanzler.

Gegen die Miesmacherei.

Reichsarbeiksminister Dr. Skegerwald bei den Handwerkern. „Das deutsche Volk steM eine Schicksalsgemeinschafk dar und ist auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen."

Auf dem Rheinischen Handmerkertag, der in Neuenahr unter dem Vorsitz des Vizepräsi­denten des Reichstags, Thomas Esser, versammelt war hielt Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald eine längere Rode über die gegenwärtige wirt schäft s- und sozialpolitische Lage, in der er u. a. ausführte: Gegenwärtig stehen wir seit 17 Jahren vor einem unbefreiten Europa. Alle Konferenzen und Verträge im letz­ten Jahrzehnt haben nicht die Grundlage für ein befriedetes Europa zu schaffen vermocht. Ich glaube überhaupt nicht daran, daß die europäi­schen Staaten die industrielle und handelspoli­tische Vormachtstellung, die sie in den letzten Jahrzehnten vor Ausbruch des Krieges besaßen, je wieder erlangen werden. Das hat natur­gemäß für Deutschland weitgreifende Folgen.

Das deutsche Volk muß sich allmählich wieder klar dahin entscheiden: Welches ist der bessere gesellschaftliche Zustand? Wenn der einzelne weitgehend für sich selbst zu sorgen hat, und dort, wo er allein sich nicht ausreichend hel- sen kann, zur organisierten, disziplinierten berufsgenossenschaftlichen Selbsthilfe schreitet und nur in Ausnahmefälleu an den Staat herantritt oder aber, ob die umgekehrte Rei­

henfolge zum Regulator des gesellschaftlichen Leben- werden soll.

Die Stuf gaben, vor die sich die nächste Zeit die Reichsregierung gestellt sieht, sind so gigan­tisch, wie sie noch keiner Regierung auf eine kurze Zeit zusammengedrängt entgegenge­treten sind. Was wir zunächst nicht dürfen, ist, daß wir uns weiterhin in Illusionen be­wegen. Wir haben in den letzten Jahren eine Scheinblüte für Wirklichkeit gehalten. Es ist eine Illusion, zu glauben, daß Deutschland, das größte Ausfuhrland Europas, wieder zu einer starken Wirtschaft zurückkehren könne. Deutschland hat in den letzten 30 Jahren, also vor, während und nach dem Krieg, sich so viel in außen- und innenpoli- tischen Illusionen bewegt, daß die Zeit der Illu­sionen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein für allemal vorbei sein muß.

Wir stehen während des Hoover-Freijahres vor der endgültigen Regelung der Repara­tiv n s f r a g e, die mit der Abrüstungs» frage und der Weltkrise untrennbar ver. bunben ist. Politische Tribute an das Ausland ohne Gegenleistungen sind ein weltwirt­schaftlich zersetzendes Element, das sich um so stärker auswirkt, je größer diese Tri- bute sind. In diese Dinge muß im Verlaufe des

kommenden Jahres nachdrücklichst Ordnung zu bringen versucht werden.

Dir stehen vor bet Aufgabe, in kurzer Zeit sechs bis acht Milliarden Mark kurzfristige Auslandsschulden der Privatwirtschaft und ein bis eineinhalb Milliarden Mark kurz­fristige Schulden der Gemeinden in lang­fristige nmznwandeln.

Wir müssen schließlich nachdrücklichst Vorkeh­rungen treffen für die ausreichende Versorgung der Arbeitslosen im kommenden Winter. Dafür müssen eine Reihe psychologischer und materieller Voraussetzungen geschaffen werden. (Kürzung der überspitzten Pensionen der öffentlichen und der Privatwirtschaft Beteiligung der Riesengehälter in der Privatwirtschaft. Arbeitslosenbeschaffungs­programm aus öffentlichen Mitteln ufro.) Da­neben stehen wir vor der R e uj u n b i e r u n 9 des Vertrauens in der öffentlichen und P r i v a t w i r t > cha f t und vor der Auf­lockerung unserer erstarrten Wirtschaft überhaupt. Wir stehen vor der Frage, wollen wir den ge­genwärtigen Preisstand ftabilifieren ober wollen wir im ganzen zu einer tieferen Preislage kom­men. Rings um Deutschland herum (Belgien, Frankreich, Italien, Oesterreich, ber Tschechofflo- wakei unb Polen ufro.) liegt ber Preisstanb sehr viel tiefer als bei uns. Und auch von England ist zu befürchten, baß es bort gesamtwirtschaftlich nach ein bis zwei Jahren wesentlich anders aus- fieht als heute. Je klarer wir biefen Dingen ins Auge sehen, befto kürzer bte beutfche Krise, je zag­hafter unb unentschlossener wir den Schleier von den weltwirtschaftlichen Realitäten aufziehen um so länger zieht sich die beutübe Krise hin.

Wogegen ich mich stets gewehrt habe und weiter wehren werde ist, daß man Lohn- und Ge­haltskürzungen für sich allein sehen wollte als das gegenwärtig einzig mögliche Mittel zur Entlastung und Wiederbelebung der Mrt- schaft und weiterhin, daß wenn seither an einer Stelle lohnpolitisch nachgegeben wurde, man glaubte, diese Lohnsenkung schematisch für alle Stellen in der deutschen Wirtschaft fordern und durchsetzen zu müssen.

Auch in der Frage ber Hauszins st euer itnb ber Wohnungszwangswirtschaft muß in den nächsten Wochen Klarheit geschaffen werben. Die Wohnungszwangswirtschaft läßt sich sehr rasch beseitigen, wenn für bte Inhaber ber Kleinwohnungen und für bie Kinderreichen ein ge­nereller unb sozialer Mieterschutz geschaffen wirb. Die Zinsfrage stellt in Deutschland ein großes Chaos bar. Dieser Zustand kann nicht wehr länger aufrechterhalten werden. 10, 12 unb mehr Prozent Zinsen kann keine Wirtschaft au* längere Sicht gesehen, herauswirffchaften. Wenn bie kurzfristigen in langfristige Schulden umge- wanbelt werden, kommt man ohnehin der Zins- fenkung näher. Daneben sind meines Erachtens auck organisatorische Maßnahmen größeren Stils zur Senkung ber Zinsen unerläßlich. Auch der sehr stark aufgeblähte Verwaltungs­apparat in der öffentlichen und in ber Privat­wirtschaft läßt sich nicht mehr aufrechterhalten. Gegenüber biefen deutschen Lebensfragen haben partei. unb interessenpolitische Wünsche zurückzu­treten. Schließlich müssen der beutschen Wirt­schaft ausreichenbe Zahlungsumlauf­mittel unter allen Umftänben gesichert werben.

Die deutsche Sozialversicherung

ist in den letzten Jahren schon sehr viel stärker an bie gegenwärtige Leistungsfähigkeit der Arbeitge­ber angeglichen worben, als allgemein angenommen wird. An ber Arbeitslosenversicherung sind schon Kürzungen in sehr großem Ausmaße erfolgt. Auch die Krankenversicherung hat im Jahre 1931 etwa nur noch Zwedrittel ber Einnahmen und Aus­gaben im Vergleich zu 1929. Auf dem Gebiete der Invaliden- und Unfallversicherung werden noch größere Reformen unvermeidbar sein. Dabei brau­chen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer gar nicht zu erhitzen, den über zwei große Fragen besteht.

soweit ick sehe zwischen ihnen weitgehende Mei- nungsübereinftimmung, einmal, baß wesentliche Beitragserhöhungen zur gesetzlichen Sozialversiche. rung in absehbarer Zeit nicht möglich sind. Ein­schließlich der Krisensteuer werben ohnehin gegen­wärtig schon runb 22 Proz. bes Grunblohnes an Beiträgen zur Sozialversicherung aufgebracht. Auch wesentliche Beitragskürzungen sind, solange die ge- genroärtige, gewaltige Arbeitslosigkeit andauert, nicht möglich. Die Einnahmen der Sonalversiche- rung gehen ohnehin durch Arbeitslosigkeit und verringerte Löhne katastrophal zurück. Was aber unter allen Umständen erforderlich ist, ist eine stärkere organisatorische Zusammen- -assung, Vereinfachung unb Verbilligung ber gesamten Sozialversicherung. Demnächst wird bas Reichsarbeitsministerium ent- sprechenbe Vorschläge ben gesetzgebenden Körper- schäften unterbreiten

Wir stehen ohne Zweifel vor ungeheuren Auf­gaben. Trotzdem muß der weitverbrei­teten Miesmacherei nachdrück­lichst entgegengetreten werden. Da­mit erzielt man das Entgegengesetzte dessen, was man will. Deutschland hat nicht bloß Mankos gegenüber ben anderen Ländern, es hat in vielen Aragen auch ein Plus. Denn sich in ben bevorstehenden Notjahren der Ge­danke durchsetzt, daß das deutsche Volk trotz starker Abweichung in Einzelfragen eine Schicksalsgemeinschaft darstellt und auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist. dann werden wir bestimmt auch die nächsten Jahre überstehen und in dieser Notzeit neue feste Fundamente gewinnen für die deutsche Zukunft.

Katholische Welt.

--- Kardinal Ragonesi gestorben. Aus Rom wird ge­meldet: Im Alter von 81 Jahren starb Kardinal Franz Ragonesi, der einige Jahre apostolischer Nuntius in Ma­drid war. Er war im Jahre 1921 zum Kardinal ernannt worden.

Wissenschaft und Forschung.

--- Pater Victor Eathrein 5. 3. gestorben. Am 10. September 193.1 verschied zu Aachen der weithin bekannte ehemalige Professor der Moralphilosophie am St. Igna­tius-Kolleg zu Valkenburg, Pater Victor Eathrein. Ge­boren am 8. Mai 1845 zu Brig, trat er am 12. Oktober 1863 zu Gorheim (Hohenzollern) in die Gesellschaft Jesu ein. Nach philosophischen und theologischen Studien in Holland und England empfing er zu Liverpool am 31. August 1877 die heilige Priesterweihe. Drei Jahre war er als Schriftsteller für die Stimmen aus Maria-Laach (später Stimmen der Zeit) tätig. Dann bekleidete er, von 1882 bis 1900, die Professur für Ethik am Ordensschola- stikat, nacheinander zu Blyenbeek, Exaeten und Valken­burg. Außerdem entfaltete er eine umfassende und er­folgreiche schriftstellerische Tätigkeit, die dem katholischen und deutschen Namen weit über die engeren Grenzen hinaus zur Ehre gereichte. Er berücksichtigte dabei außer seinem Fachgebiete auch allgemeinere apostolische und aszetische Fragen, so daß er durch seine stets gründlichen, lichtvollen Darlegungen für viele ein zuverlässiger Führer geworden ist. Besonders die Ordensgenossen des Verstor­benen werden die Bescheidenheit und immer opferbereite Güte des vorbildlichen Ordensmannes in treuestem An­denken bewahren. R. i. p.

Wie wird das Wetter?

Der Luftdruck über dem europäischen Festland ist wieder beträchtlich angestiegen und hat zur Biwung ei­nes kräftigen Hochdruckgebietes geführt, dessen Kern zur Zeit über dem englischen Kanal liegt. Da das Hoch­druckgebiet sich noch weiter nach Osten ausdehnt und da­durch auch unser Gebiet in verstärktem Matze unter den Einfluß des hohen Lustdrucks gelangt, ist für die nächste Zeit mit Fortdauer des meist heiteren und trockenen Wetters zu rechnen. Die Tem­peraturen gehen nachts infolge der Ausstrahlung etwas weiter zurück.

Witterungsaussichten für Mittwoch: Fortdauer der meist heiteren und trockenen Witterung.

Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer,

Brunnenschrifton durchaaawnhe|mstraase 55.

Erhw"n Xraw«»«—AP°*heken' Drogerien usw.

bel Gicht, Rheumatismus-J^J^““ ’ Arterien-' Blasen-, Verkalkung, Frauen!

Das kalke Rest.

Roman von Lija Barthel-Winkler.

37] ---------

Der Märzwind brauste Hanns Herbert kühlend um die Stirn. Den Hut in der Hand, schritt er hinaus in den Park. Nur vorübergehen wollte er heute einmal an dem Haus, hinter dessen Fenstern sie lag.

Er trocknete die Tränen mit seinem Tuch.

Eine ungeheure Welle brauste durch ihn hin. Seine Hedwig — Mutter — ein Sohn!

Das Geschenk ihrer Liebe aus ihrem und seinem Blut.

Was war alles Hadern und Rechten neben diesem Wunder? Was war aller Erwerb, aller Besitz, alles Eigentum, aller Ruhm und alle Menschenehre gegen dies eine Lebendige: Ein Kind!

Als fei eine Eisrinde von seinem Herzen abgeschmol- zen, so flutete sein Blut wieder stark und hoffnungsfreu­dig. Seine Schritte waren beschwingt. Er ging gereckt, hochaufgerichtet.

Der Märzwind krachte droben in den Wipfeln des Parks, Schneereste glitschten unter seinen Füßen. Und unermüdlich gingen auch seine Gedanken den hundertmal durchwanderten Weg — Hedwig — die Mutter — Hilde.

Er erschrak: Hilde! . . .

Was hatte er getan? War es nicht ein bitteres Un­recht gegen die tapfere Dulderin, die da oben unter frem­dem Dach, in fremdem Bett lag — ausgestoßen aus dem Hort der Liebe — unter fremden Menschen? Und er — er hatte sie ausgestoßen, er hatte sie den Aermsten zu- gefellt . . .

Aber war Hedwig nicht selber von ihm gegangen?

Fast schmerzhaft hob sich nun Schleier um Schleier: eh sie gegangen war, hab ich sie hundertmal verstoßen! Denn ich fragte ja nicht — ich, der sie liebte, forschte nicht in ihr!

Und er, der sie liebte, hatte der Mutter sagen kön­nen: „Hedwig irrt sich, wenn sie glaubt — ich ließe ihr das Kind!" Wie roh, wie unglaublich roh war er gewesen: er hatte Hedwig ihr Kind nehmen wollen . . .

Er bog um die Ecke. Da hinten lag das Haus. Dun­

kel; nur hinter einzelnen Fenstern Licht — wohl bei Schwerkranken. Wo ruhte ihr müder, zermarterter Leib? Wo atmete — sein Sohn?

Er starrte und starrte hinüber nach dem Heim, ver- loren, versunken in seine Gedanken.

Ein Schutzmann ging vorüber und betrachtete ihn mißtrauisch — da erst fand er sich wieder.

In ihm bäumte sich etwas auf.

Sein Kind — da hinter den Mauern — wie das Kind eines Bettlers. Und er, der Vater, wohnte in rei- chen, prunkhasten Räumen.

Hedwig hatte alles geopfert, Besitz und Bequemlich­keit — arm und bloß lag sie da oben. Tat sie das nur aus niedrigem Eigensinn? — Nein — nein! Man opferte nicht Reichtum, Geborgenheit und Liebe, fein eigenes Ich und fein Kind nur für einen läppischen Trotz, — nein, eine solche Seelenstärke wuchs nur aus einer ehrlichen Ueberzeugung.

Er sah das armselige Lager ... die nüchtern geweiß­ten Wände... den kühlen Arzt ... die fremden Pflege- rinnen . . .

Unb er sah feine Mutter.

Stolz faß sie wie eine unnahbare Königin in ihrem Besitz, eine dunkle, starre Herrscherin auf unsichtbarem Thron.

„Es gibt ja kluge Gesetze . ..“

Ah! Wo war ihre Güte, von der er so oft zu Hed­wig gesprochen? Wo ihr Erbarmen, ifjre Milde, ihr Verzeihen?

Ich muß es ihr sagen! durchblitzte es ihn. Sie soll es wissen. Mein Kind — ihr Enkel — es muß sie er­schüttern!

In ausheulendem Sturmstoß stürzte er davon. Der Park war menschenleer. Er lief. Vielleicht war sie noch wach!

„Nun aber schnell, Hanns Herbert! Zieh dich um!" rief die Mutter ihm aufgeregt zu.

„Umziehen?"

Verstört fuhr er sich über die Stirn.

„Ja doch!! Wo hast du nur so lange gesteckt? — Hast du denn vergeßen, daß du dich mit Hilde zum Theater verabredet hast?"

Verständnislos sah er sie an. Er kam aus einer andern Welt - , ■<

,Ia, das hatte ich vergessen!"

„Sie hat auf dich gewartet und war wirklich böse! Sie ist mit den Karten allein vorauf; du sollst ihr fol­gen."

Er schüttelte den Kopf.

„Ich bleibe hier."

„Was? — Das geht doch nicht! Du kannst doch Hilde nicht allein lassen!"

Kühl schnippte er ein Stäubchen vom Aermel.

„Hilde ist alt genug. Sie wird sich auch allein unter­halten. Vielleicht hole ich sie nachher ab."

„Ich begreife dich nicht!"

Ihre Augen sahen ihn vorwurfsvoll an.

„Mutter!" Hanns Herbert fetzte sich neben sie und nahm ihre Hände. „Ich habe Ernstes, Wichtiges mit dir zu besprechen!"

Sie stutzte.

„So spät noch?"

„Hedwig hat ein Kind — einen Jungen. Gestern. Sie liegt int städtischen Entbindungsheim."

Das riß sie doch hoch. Abwehrend streckte sie die Hände von sich.

„Woher weißt du bas?"

„Ich — hab es wohl gefühlt. Ich mußte heut — nach ihr fragen. Es litt mich nicht mehr. In ihrer Wohnung erfuhr ich es."

„In ihrer Wohnung?"

Frau Elses Gesicht wurde graubleich Sie preßte die Hand aufs Herz. Unter den Wimpern suchten ihre Augen fein Gesicht Sie stöhnte. Aber was nie geschehen, ihr Sohn achtete dessen nicht. In sich versunken blieb er sitzen.

„Ich kann von den Gedanken an sie nicht frei wer­den!"

„Nach allem, was sie dir tat?"

Er sprang auf; seine Glieder strafften sich. Aus ihm wuchs ein Entschluß, ein Bekenntnis."

„Oder — was ich ihr tat, Mutter!"

Kerzengerade saß Frau Else in ihrem Stuhl. Flie­gende Röte färbte ihre Wangen.

„Was soll bas heißen?"

Seit Stunden suche unb taste, denke und grüble ich um diesen einen Punkt: was sie die Schuldige — oder trage ich die Schuld? — Ich weiß es nicht!"

„Darüber gibt es nicht den geringsten Zweifel!" sagte die Mutter hart. Der stählerne Klang ihrer Stimme dünkte ihm feindlich, unbarmherzig.

Erschrocken sah er sie an. Sie klammerte die Hände um die Lehne ihres Sessels; gerade nebeneinander stan­den ihre Füße auf dem Boden.

„Doch, Mutter — unb diese Zweifel peinigen mich. Damit komme ich zu dir — mit dir will ich sie suchen!"

„Es ist nicht recht, mein Sohn, daß du zu mir kommst. Solange ich denken kann, kamst du mit allem zu mir. Von Kind auf. Hast du je dieses Vertrauen be­reut?"

„Nein."

„Dann glaube mir auch diesmal: du hast recht ge­handelt — nur zu schwach. Längst schon müßte die Trennung zwischen dieser Frau und dir vollkommen sein. Mitleid mit Unwürdigen führt nur zur Selbstent­würdigung!"

„Halt, Mutter! Noch gestern hätte ich dir bedin- gungslos zugestimmt. Heute kann ich es nicht mehr."

„Und warum nicht?"

Er suchte überall einen Halt — am Tisch, an den Stühlen, an der Wand, am Ofen. Ueberall lehnte er sich an, tastete mit den Fingern, suchte . . . Das Wider­spiel seines Innern, das nirgends einen Halt, einen Ruhepunkt sand . . .

Wie blanke Waffen schwirrten ihre Einwürfe, ihre Sätze ihm entgegen. Die da saß und mit ihm sprach, war nicht nur Mutter — sie war Weib, das um seinen Besitz focht . . .

„Alles das ist mir nicht klar. Mir ist, als wäre ich mitten im vollen lauf aufgehalten worden. Ich kann nicht weiter. Ich bin mir selber feind. Ich entsetze mich vor mir."

„Bist du so wenig Mann, daß du dich von einem Weib hast hörig machen lassen?"

„Das ist das rechte Wort, Mutter: hörig. Aber nicht bei ihr! Nach mir greifen Hände, unerbittliche Hände, Hände, bie ich liebe unb verehre — du Mut­ter, bu hältst mich, du zwingst mich! Dein Blut will mich halten, wie man einen — einen Gefangenen hält!"

In den Augen der alten Frau flackerte es drohend auf.

(Fortsetzung folgt.)