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Anzeiger für die Stadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

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leitung 3153 Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. :::

Mittwoch, 16. September 1931.

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WO. 58.

Nach dem österreichischen Putsch.

Das klägliche Fiasko der österreichischen Rechts-Radikalen.

Die Putschisten sind sich in allen Ländern gleich: sie überschauen ihre Kraft und die Grenzen ihrer Macht! Und daran gehen sie auch zugrunde.

So ist es auch seht in Oesterreich gewesen. Dem Heimwehrführer Dr. P fr im er ging die „Re­volutionierung" nicht schnell genug. Er verlangte eine „Aktion", und als die vernünftigen Kreise widerrieten, da mischte er sich selbständig und ging auf eigene Faust los. Und wiederum ist es ein bezeichnendes Charakteristikum für derartige Putsch­versuche, daß sie im denkbar ungünstigsten Au- genblick unternommen werden.

Oesterreich ringt zur Stunde auf Leben und Tod in Genf um seine Existenz, um seine nationale, wie seine wirtschaftliche. In einem sol­chen Augenblick dem Gegner derartige Trümpfe in die Hand zu spielen, die ihm erlauben, die B e- bingungen noch schärfer, noch demüti- g end er zu gestalten, das ist ein in die Tat „ver­brecherischer Wahnsinn", und diese Cha- xakeristik hat ja der Bundesführer der österreichi­schen Selbstschutzverbände, Fürst Starmhemberg, selbst der Aktion Pfrimers gegeben.

Auch die Tiroler und die niederösterreichischen Keimwehren, ebenso die sonst sehr aktiven Kärnt­ner Heimwehren haben sich an dem Unternehmen überhaupt nicht beteiligt, sondern sich sofort der Regierung zur Verfügung gestellt.

Wenn die Triebfeder dieses vierundzwanzig- stünüigen Ausstandes wirklich eine Abwehr gegen die französischen Bedingungen für die österrei­chische Kredithilfe gewesen sein sollte, so haben

die Urheber genau das Gegenteil er­reicht. Denn die Kosten dieses Wahnsinns wird nun das österreichische Volk in seiner Gesamtheit zu tragen haben.

Dieser österr-ichische Vorgang kann als eine Warnung und als eine Lehre gegen­über gewissen, auch in Deutschland tätigen, soge­nannten „aktivistischen" Kreisen sein, die gleich­falls der Meinung sind, man brauche nur an ir­gendeiner Stelle Unruhe anzuzetteln, um das ganze Volk mitzureißen Die Dinge haben sich völ­lig gewandelt. Die Bevölkerung in den von dem österreichischen Putsch betroffenen Gebieten hat gezeigt, daß sie mit Aufruhrunternehmungen nichts zu tun haben will, daß sie vielmehr in ruhiger, geordneter Arbeit der Not Herr werden möchte. Auch das deutsche Volk in seiner erdrük- kenven Mehrheit ist durchaus nicht putschistisch gesinnt, und es ist viel zu einsichtig, als daß es glauben könnte, durch eine solche Maßnahme könnte sein Los gebessert werden.

Bei allem Schmerzlichen und Niederdrückenden, was wir auch in Deutschland erleben mußten, be­steht doch darüber keine Meinungsverschiedenheit, daß die Ueberwindung der Not und damit der Weg zur Freiheit nicht durch Unternehmungen erlangt werden kann, die Land und Volk nur noch tiefer ins Elend stürzen würden, sondern daß nur Selbstzucht» Disziplin und Verantwortungsgefühl gegenüber dem Ganzen zum Ziele führen.

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Die Proklamation Dr. Pfrimers an das österreichische Volk.

Der Ausstand der österreichischen Heimwehr unter Führung Dr. Pfrimers sst innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen. Zusammenstöße ereigneten sich nur in den steierischen Städten.

T Vernichtend ist das Urteil, das die „Köl­nische Volkszeitung" über das Pfrimer-Unterneh- ttten fällt. Sie schreibt u. a.:

In einer der letzten Meldungen aus Wien heißt es bezeichnend: „Die MitgliÄer des Heimat­schutzes haben die G a st h ö f e, die sie besetzt hat­ten, geräumt und sich zerstreut." Wenn gewisse Cherusker ausziehen, um das Volk zu befreien, wählen sie anscheinend Gasthöfe mit Vorliebe zum Stabsquartier. Einmal ist's der Bürger­bräukeller in München, wo man die deutsche Befreiung bei einer guten Maß Bier und verkrämpften Späßen verkündet, oder es sind Gasthöfe in der Steiermark. So könnte man sa­gen, diese Revoluzzer hätten eigentlich etwas Bierehrliches und Heiteres an sich;, aber diese großen Kinder sind ge f ä h r l i ch, weil sie eine wirkliche Revolution von der entgegengesetz­ten Seite in Bewegung bringen können. Insofern

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Fürst Starhemberg, her frühere Innenminister, der verhaftet tu ,

sind sie in der Tat Revolutionäre, Helden und „Befreier". Sie befreien; aber nur andere von der Verantwortung losgeschlagen zu haben.

Bei diesem Marsch, der in einem Meer von Lächerlichkeit geendet hat, war wieder einmal be­zeichnend der knabenhafte Eifer, mit dem ein „Führer" dem anderen hatte zuoorkom- men wollen. Pfrimer befürchtete, bei der Be­freiung Oesterreichs fünf Minuten zu spät zu kommen, und schlug dann ein paar Tage zu früh los. Es ging ihm wie Herrn Hitler, der seinerzeit emphatisch rief: „Entweder wir haben morgen eine nationale Regierung, oder man fin­det mich tot!" 3 wo. Hitler ist pumperlgesund, und auch Herr Pfrimer atmet mit rosigen Bäck­lein. in den Bergen Steiermarks oder demnächst im Grazer Landeskeller bei steierischem Land­wein oder Terlauer und saurer Leber oder Schweins-Karree. „Der Knecht singt gern ein Frei­heitslied des Abends in der Schenke. Das stärket die Verdauung sehr und würzet die Getränke." Dies iff s: Diese Leute ver­wechseln ihren Aerger über hohe Steuern oder über ihre absolute Bedeutungslosig­keit mit den tausend Entbehrungen, denen jetzt das Volk in seinen breiten Schich­ten unterworfen ist. Die Vorstellungen, die bei ihnen fortdauernd durch Paraden mit viel Fahnen, viel Heilgeschrei, vorgestreckten Bäuchen, ver­krampft geschmissenen Beinen, plujtrigen Backen und kindlich-trutzig rechts gedrehten Augen erweckt werden, steigern sie in den Glauben hinein, sie brauchten morgen nur auf einen Knopf zu drük- ken, um übermorgen Mussolini in den Schatten gestellt zu haben. Dieses Völkchen, das beim Frühschöppeln in nationaler Polstik macht und Teutschland erneuert, ist von einer Ah­nungslosigkeit, die man rührend fin­den könnte, wenn sie nicht so namenlos verheerend in dem Augenblick wirken würde, in dem sie sich tatsächlich entlädt. „Den Teufel spürt das Völk­chen nie, selbst wenn er sie beim Kra­gen h ä t t e.“_____________________

• Austausch italienisch - russischer Rüstunzs- auflaben. Aus Anregung der italienischen Regie­rung hat die Sowjetunion mit Italien eine Ab­machung getroffen zum gegenseitigen Aus­tausch für die internationale Abrü­stungskonferenz bestimmter Angaben über

den Stand der Rüstungen beider Länder. Der Austausch erfolgt in den nächsten Tagen.

* Der Inspektor der russischen Luftflotte töd­lich verunglückt. Die Telegraphen- Agentur der Sowjetunion meldet: Bei der Erfüllung ihrer Dienstpflichten sind der Inspektor der Kriegsluft- streitkräste der Sowjetunion Meschraup und sein '-hisse Pissarenko ums Leben gekommen.

aufgrund eines Antrags ihrer Budgetkommission beschlossen, das Arbeitsprogramm des Völkerbun­des für das nächste Jahr zur Erzielung von Ersparnissen zu prüfen und gegebe­nenfalls auf das unumgänglich notwendige ein­zuschränken. An die einzelnen Ausschüsse wurde der Bescheid weitergeleitet, sich aller Beschlüsse z> enthalten, die neue Ausgaben nach sich ziehen.

Dr. Pfrimer, der Führer der steirischen heimwehr.

Vom Völkerbund.

Neuwahl der nichtständigen Ratsmitglieder in Genf.

Die Völkerbundsversammlung hat die Wahl der nicht ständigen Ratsmitglieder vorgenommen. Nachdem Guatemala dieser Tage die Nieder­legung seines Ratsmandats zurückgenommen hatte, waren nur die drei turnusmäßig ausschei­denden Länder Spanien, Persien und Venezuela zu ersetzen. Spanien, das vor drei Jahren für wiederwählbar erklärt worden war, erhielt heute 43 von 48 abgegebenen Stimmen. Ferner wur­den gewählt China mit sämtlichen 48 und Pa­nama mit 45 Stimmen.

Die zersplitterten Stimmen entfielen auf Un­garn, Mexiko und Portugal (je 2) und Belgien und Bulgarien (je 1 Stimme).

Die Völkerbundsoersammlung hat außerdem

teere Kaffen als Rüstungs-Grenze.

Zum Flottenabkommen der Seemächte.

Die von dem Marineamt in W a f h i n g t o veröffentlichte Statistik hat die überraschende Tat fache ergeben, daß keine der Mächte, die dae Londoner Flottenabkommen unterzeichnet haben, bisher annähernd in dem Betrage ge­baut haben, wie ihnen nach dem Londoner Abkommen für die Jahre 1930=31 ge stattet ist Die Vereinigten Staaten sind mit 100 240 Tonnen, Großbritanien mit 57176 Tonnen im Rückstand. Italien und Frankreich haben bis jetzt von dem ihnen zugebilligten Tonnageverbrauch noch gar keinen Gebrauch gemacht.

Die leeren Kassen sind eine Grenze, an der sich der schönste Rüstungswille die bestentwickeltsten Hörner einrennt.

•

Die Newyorker Sonntagsblätter bringen den Appell des Senators B o r a h an die fünf Seemächte, im Interesse des Welssriedens und der wirsschaftlichen Erholung eine fünfjährige Pause im Kriegsschissbau eintreten zu lassen, in großer Aufmachung auf der ersten Seite. Borah bezeichnet in seinem Appell die gegenwärtigen Flottenausgaben der Vereinigten Staaten, Eng­lands, Frankreichs, Italiens und Japans als „reine Tollheit". Die Schwierigkeiten, die heute unmittelbar zu befürchten feien, seien nicht solche zwischen den verschiedenen Regierungen, sondern zwischen den Regierungen und den steuerlich üb er haftet en Völkern.

* Aufsehenerregender Sprengstoff-Diebstahl. Aus dem von den beiden Zementwerken Fortuna und Westfalen bei Geseke benutzten Pulverhaus wurden durch Einbruch 70 Kilogr. Spreng- st o f f und mehr als 4 0 0 Sprengkapseln gestohlen. Von den Tätern fehlt zur Stunde jede Spur.

* Beginn der Herbstsession des Schweizer Par­laments. Aus Bern wird gemeldet: Die auf zwei Wochen berechnete ordentliche Herbstsession der beiden eidgenössischen Kammern, des Rational- rates und des Ständerats, wurde am Montag­abend eröffnet.

* Annahme des englischen Spargesetzes in zwei­ter Lesung. Aus London wird gemeldet: Das nationale Spargesetz wurde vom Unterhaus in der zweiten Lesung mit 310 gegen 253 Stimmen angenommen.

Eine Spur der Attentäter?

Das scheußliche Verbrechen in Angar«.

mb. Budapest, 15. September. (Eig. Meld.) „Mar Rap" zufolge wurde der an der Unglucks- ftelle von Bia Torbagy gefundene und von den Attentätern geschriebene Brief mit bei der Buda­pester Polizei vorliegenden Handschriften von be­kannten kommunistischen Agitatoren verglichen. Da­bei 'soll festgestellt worden sein, daß die Schrift von einem der Polizei gut bekannten kommunisti­schen Agitator stammt. Der Name dieser Person, gegen ine vor Monaten ein Strafverfahren ein­geleitet war und die vor ihrer Verhaftung nach dem Auslände flüchtete, wird im Interesse der Erhebungen streng geheim gehalten. Auch soll die Polizei tn Erfahrung gebracht haben, daß die betreffende Person seit der Flucht mit Hilfe eines gefälschten Passes des öfteren nach Ungarn ge­

kommen war. Man vermutet, daß die Attentäter, die, wie bereits festgestellt wurde, in einem Auto am Tatort eingetroffen waren, sofort nach dem Attentat ans tschechoslowakisches Gebiet flüchteten. Die Budapester Oberstadthauptmannschaft habe über diese Annahme der tschechoslowakischen Be­hörde berichtet.

50 000 Pertzgö als Belohnung für die Ergreifung der Täter.

Die Direktion der ungarischen Staatsbahnen hat aus die Ergreifung der Täter des Bia Torba- gyer Cisenbahnattentats eine Belohnung von 50 000 Pengö ausgesetzt.

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Blick auf den Essenbahnvia­dukt bei Biatorbagy, von dem die Waggons infolge der Gleissprengung hinunterstürz­ten.